Die Anfänge der Menschheit – Hormonmangel als “Mördergen”

Die Anfänge der Menschheit – arte | programm.ARD.de.

Eine durchaus interessante Sendung, eigentlich auch ganz gut recherchiert. Leider sind die Schlußfolgerungen zum Teil so sehr an den Haaren herbeigezogen wie die eines Staatsanwalts im Schlußplädoyer:

“Es findet sich kein Neandertalergen” – Natürlich nicht, denn ein “Neandertalergen” existiert ebensowenig wie das von Thilo Sarrazin u.a. postulierte “Juden-Gen”.

Wir alle sind, so haben es – bislang zuletzt – auch die Genetiker des Max-Planck-Instituts für evolutinäre Anthropologie festgestellt, sind genetisch so eng miteinander verwandt, daß wir uns als “Brüder” bzw “Schwestern” ansehen müßten. Daß wir es nicht tun, liegt an uns und unserer Überbewertung der “Kultur” auf unsere Eigenheiten und unser Leben. – Auch der Neandertaler steht uns näher als viele von uns einräumen möchten:

“Diese Form des innerartlichen Tötens spielt sich sozusagen „im engsten
Familienkreis“ ab, wir kennen sie von Anbeginn der Geschichtsschreibung
und von nahezu allen „Naturvölkern“, die noch nicht gänzlich ausgerottet
wurden, kriegerische Auseinandersetzungen, Kopfjagd und Kannibalismus.
Selbstverständlich wird dieses Verhaltensmuster auch den Neandertalern
zugesprochen, denn nach klassischer Anschauung gilt er gegenüber
dem „modernen“ Menschen als „tumber Depp“. So schreibt Gerald
Traufetter in „Der SPIEGEL“:
Über eine Million Jahre, so läßt sich aus den kulturellen Überbleibseln
der Urmenschen schließen, klopfte er stumpfsinnig auf Steinen herum“
Weiter heißt es: „Der Bau von Speeren und Äxten erforderte besondere
intellektuelle Fähigkeiten, die sich gravierend vom stupiden Steineklopfen
der frühen Urmenschen unterschied.116
Daß ein solch „stupider Steineklopfer“ natürlich blindlings auf seine Mitmenschen eingedroschen haben muß, dürfte demnach klar sein. – Aber so
klar ist das nicht: – Da wir seit einigen Tausend Jahren eine gänzlich neue
Variante des Tötens pflegen, werden wir auf diese Frage noch zurückkommen, ihr aber begegnen wir erst auf den buchstäblich letzten Zentimetern unserer Reise. – Und am Ende werden Sie fragen, wer tatsächlich der stupide Steineklopfer ist.
Einige der Neandertalerskelette wiesen Spuren von tödlichen, aber auch
von verheilten Wunden auf, die auf Waffeneinwirkung zurückgeführt
werden können. Außerdem gibt es Indizien für Kannibalismus. Kannibalismus
und bewaffnete Auseinandersetzungen weisen aber nicht unbedingt
auf ein gegenüber dem zivilisierten Menschen erhöhtes Agressionspotential
oder gar Menschenverachtung hin. Selbst den Krieg, das Grundübel der
Menschheit, kann man mit Desmond Morris durchaus sportlich sehen:
Eine degenerierte Form des Sports, die besondere Erwähnung verdient,
ist das Kriegführen. In frühester Zeit, als die Waffen noch neu waren,
war eine blutige Sportart so gut wie die andere. Als die Jagd auf wirkliche
Nahrungsobjekte nicht mehr im Mittelpunkt stand, hatte man eine
reiche Auswahl an Ersatzobjekten. Jedes Jagdopfer war recht, wenn es
nur die nötige Erregung, den gewissen Kitzel mit sich brachte, und
warum sollte man die menschliche Beute ausschließen? Die frühen Kriege
waren keine totalen Kriege, sie waren streng regulierte und auf ein
Schlachtfeld begrenzte Angelegenheiten, etwa wie eine sportliche Ausein-
115 Wickler, aaO, S. 105ff
116 Der Spiegel, 21.10.02 S. 221
andersetzung heute. Die Krieger verwendeten dieselben Waffen, die ihnen
auch zur Jagd dienten, und im besonderen Fall des Kannibalenkrieges
erstreckt sich die Ähnlichkeit sogar noch bis zum Aufessen der
Beute“.117
Die Neandertaler lebten in den rauhen Gefilden der Eiszeit, also sollte
man erwarten, daß er gegenüber dem Leben seiner Gefährten eine ähnliche
Einstellung an den Tag legte wie die Inuit oder andere Völker, die mit
schwierigen Lebensbedingungen zu kämpfen haben. Immerhin deuten
Spuren an den Schneidezähnen einiger Neandertaler auf eine den heutigen
Inuit ähnliche Lebenweise hin: Sie nahmen ein größeres Stück Fleisch in
den Mund und trennten mit einem Schnitt unmittelbar vor den Zähnen den
gewünschten Bissen ab. Man sollte also erwarten, daß der angeblich
weitaus „primitivere“ Neandertaler sich seiner Kranken, seiner Pflegefälle
und auch seiner „überschüssigen“ Kinder in ähnlicher Weise entledigte.
Bezüglich der Einstellung zum fünften Gebot wissen die Skelette der bislang
gefundenen Neandertaler allerdings eine ganz andere Geschichte zu
erzählen:
Die Neandertaler müssen deutlicher als alle anderen Geschöpfe vor ihnen
empfunden haben, wie kostbar ein Leben ist, denn auf der fundamentalsten
Ebene sind Begräbnisriten gleichbedeutend mit dem Wunsch, das
Menschliche zu bewahren. Das Begraben besagt, daß irgendein wesentlicher
Teil des menschlichen Lebens – man mag es Geist oder Seele nennen
– nicht zerstört werden kann, sondern nach dem Tode irgendwo anders
in irgendeiner anderen Form weiterexistiert.
Dieser zunehmende Sinn für den Wert des Lebens spiegelt sich nicht nur
in den Begräbnisriten der Neandertaler, sondern auch in ihrer Fürsorge
für alte und behinderte Menschen. So war zum Beispiel der Mann von La
Chapelle-aux-Saints längst über die besten Mannesjahre hinaus, als er
starb. Sein Skelett läßt erkennen, daß er unter Arthritis litt und unmöglich
noch an Jagden teilnehmen konnte. Selbst das Essen muß ihm
schwergefallen sein, da er alle Zähne bis auf zwei verloren hatte. Hätte
er zu einer früheren Zeit gelebt, hätte man ihn wahrscheinlich ausgesetzt
und verhungern lassen, nachdem er für die Gruppe nicht mehr von Nutzen
war. Aber die Neandertaler ließen sich anscheinend nicht von einer
derart grausamen Logik leiten. Die Gefährten dieses Mannes versorgten
ihn selbstlos mit Essen, vielleicht kauten sie es ihm sogar vor.
Auch die Funde von Shanidar lassen vermuten, daß die Neandertaler für
Behinderte sorgten. Einige der dort gefundenen Knochen gehören einem
40jährigen Mann, der vermutlich durch Steinschlag getötet wurde. Die
Untersuchung seines Skeletts ergab, daß ihm vor dem tödlichen Unfall
nur ein Arm zur Verfügung gestanden hatte. Der rechte Arm und die
Schulter waren verkümmert – vermutlich ein angeborener Defekt. Trotz
dieser erheblichen Behinderung erreichte er ein für einen Neandertaler
hohes Alter. Seine Vorderzähne sind ungewöhnlich stark abgenutzt, was
darauf hindeutet, daß er einen großen Teil seiner Zeit damit verbrachte,
Tierhäute weichzukauen, damit sie als Kleidung verwendet werden konnten,
oder daß er seine Zähne anstelle des fehlenden Arms zum Festhalten
von Gegenständen benutzte. (…) Auch der ursprüngliche Neandertaler
aus Deutschland hat eine schwere Verletzung überlebt, sich allerdings
nicht gut von ihr erholt: Die Knochen seines linken Ellenbogens waren
so deformiert, daß er nicht imstande war, die Hand zum Mund zu heben;
ob Mensch oder Tier für diese Verletzung verantwortlich war, läßt sich
nicht feststellen.118
117 Desmond Morris, aaO, S. 309
118 George Constable, aaO,S. 101 ff
Alle Befunde und kritischen Deutungen zeigen, daß die Neandertaler intelligente, tüchtige, mitfühlende und mit Einschränkungen wohl auch spirituell denkende Menschen waren. Aber sind sie auch unsere
Vorfahren?119
Irgendwie scheint nach dem Bericht der stummen Zeugen unser Artgenosse
aus dem Neandertal sehr human gewesen zu sein. Unter dem Aspekt
unserer eigenen innerartlichen Tötungsgewohnheiten erscheint seine Form
der Fürsorge geradezu postmodern, denn das, was wir heute als „soziale
Sicherungssysteme“ bezeichnen, gibt es erst seit etwa 130 Jahren. Die in
Deutschland lang umstrittene Pflegeversicherung ist so jungen Datums,
daß sie ihresgleichen in der Welt suchen muß. – Die Umsetzung der Pflegeversicherung in soziale Wirklichkeit offenbart zudem, daß mitunter das
Geschäft, nicht aber die Fürsorge gegenüber dem Pflegebedürftigen im
Vordergrund steht. – Das Diskriminierungsverbot Behinderter ist ebenfalls
eine „Errungenschaft“, die erst vor wenigen Jahren Einzug in das
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gehalten hat. Die Lehre
vom „lebensunwerten“ Leben, die vor nicht allzu langer Zeit Tausende
von Todesdopfern forderte, feiert bei der Zulassung der aktiven „Sterbehilfe“
in den Niederlanden fröhliche Urständ!
Und Desmond Morris übersieht in seinem sportlichen Herangehen an den
Krieg, daß der Mensch das einzige Lebewesen auf der Erde ist, das Werkzeuge
herstellt, deren Verwendungszweck einzig und allein darin besteht,
möglichst vielen Artgenossen den Garaus zu machen. Ein Panzer taugt nur
zum Töten von Menschen, das gleiche gilt für Bomben und Granaten. Mit
einem Maschinengewehr kann man zur Not noch auf die Jagd gehen, aber
die Fleischbrocken, die dabei übrig bleiben, dürften einem doch gründlich
den Appetit verderben.
Und hier zeigt sich die volle Widersprüchlichkeit der Lehre vom tumben
Deppen in der Vorzeit: Wer zu dumm ist, eine Waffe zu erfinden, kann
auch kein Verlangen danach verspürt haben, eine solche zu gebrauchen.
Dann aber kann es mit der Intelligenz des modernen Menschen nicht weit
her sein, denn ein intelligentes Lebewesen vermeidet den Beschädigungskampf.
Wozu hätte der Neandertaler auch Krieg führen sollen? – Mammute,
Wollnashörner und andere Großtiere lieferten soviel Nahrung, daß eine
Horde die erjagten Fleischberge gar nicht aufessen konnte. Felle und gigantische Knochen für mobile Behausungen waren ebenfalls keine Mangelware.
Wie in der Natur üblich, bekamen auch Nahrungskonkurrenten
etwas ab, auch die menschlichen. Die Neanderaler, wie alle unsere Vorfahren,
standen allein schon wegen der Frauen mit den Reviernachbarn in
gutem Kontakt. Exogamie und Tausch gehören schließlich auch heute
noch zum Verhaltensrepertoire aller Menschen. Wie die Westeuropäer in
der Zeit zwischen dem zweiten Weltkrieg und dem Zerfall des Ostblocks
dürften die Neandertaler bei der Gestaltung ihrer Freizeit eher ans Kuscheln
denn ans Killen gedacht haben.
Außer der sportlichen Perspektive eines Desmond Morris gibt es eine
durchaus einleuchtende, aber friedliche Erklärung für eventuelle Verletzungen durch Artgenossen. Wir bezeichnen das heute als Arbeitsunfall.
Die Herren Neandertaler hatten alle nur einen Beruf, sie waren Jäger. Die
Jagd war aber damals nicht ungefährlicher als heute, nur die Jagdwerkzeuge
haben heute eine ähnliche Reichweite wie Kriegswaffen. Auch da trifft
so manche Kugel oder Granate die eigenen Leute. Im angelsächsischen
Sprachraum wird dies als „Death by friendly fire“ verharmlost: Tod durch
„freundliches“ Feuer. – Folglich kann ein Neandertaler Verletzungen
119 Schmitz/Thissen aaO S. 187
durch „Waffeneinwirkung“ davongetragen haben, ohne daß böse Absicht
im Spiel war.
Es sieht also ganz danach aus, als würde ein Neandertaler auf den Versuch
eines Missionars, ihm das fünfte Gebot zu erläutern, mit Kopfschütteln
reagieren: „Seid ihr nicht ganz dicht? Habt ihr keine Tötungshemmung? –
Ihr bringt Eure Nachbarn und Verwandten einfach so um? Dann habt Ihr
das fünfte Gebot wirklich bitter nötig!“ Und damit hat er vollkommen
recht, der Herr Neandertaler, denn einzig und allein der moderne Mensch
ist in der Lage, einen Freund zum Feind zu erklären und allein aus diesem
Grund zu töten.
Wir werden auf diese Einstellung des modernen Menschen zum Leben
seiner Mitmenschen im Zusammenhang mit seinem „Erfolg“ auf dieser
Erde noch zurückkommen müssen. Doch zuvor gilt es einen Beweis neu
zu würdigen, der bislang immer als Beleg für die überlegene Intelligenz
des modernen Menschen herhalten mußte. Es handelt sich dabei um den
„Fortschritt“ in der Herstellung von Feuersteinwerkzeugen. Dieser vermeintliche Fortschritt läßt nämlich Rückschlüsse auf die Abspaltung der
„modernen“ von der „klassischen“ Variante des Menschen zu:
Die Faustkeile der frühen Erectus – Kultur ließen sich mit etwa 25 Schlägen
in einem Arbeitsgang fertigen, bei den späteren waren schon zwei Arbeitsgänge mit insgesamt 65 Schlägen erforderlich. Für ein Messer des
Neandertalers bedurfte es drei Arbeitsgängen mit 111 Schlägen
(Moustérien-Technik); demgegenüber erfordert ein nach der Aurignacien-
Technik hergestelltes Messer des Crô – Magnon – Menschen 251 Schläge
in neun Arbeitsgängen.
Der Mensch ist ein Produkt der Evolution. Dem Prinzip des geringsten
Zwangs folgend betreibt auch er im Regelfall nicht mehr Aufwand, als er
muß. Unsere Freunde vom Erectus – Typ kamen mit ihren Werkzeugen
über Hunderttausende von Jahren gut zurecht. Warum also sollten sie ihre
Werkzeuge groß verfeinern? – Auch der Neandertaler wäre wahrscheinlich
mit den von ihren Vorfahren ererbten Technologien zufrieden gewesen,
wenn nicht die neuen Lebensbedingungen der Eiszeit sie gezwungen
hätten, ihre Werkzeuge den Verhältnissen anzupassen. Und, das ist meines
Erachtens die entscheidende Frage, warum bestand diese Anpassung gerade
in der Verfeinerung der Werkzeuge?
Auf der Insel Rügen gibt es Feuerstein in Hülle und Fülle. Jeder kann sie
in den Feuersteinfeldern aufsammeln und versuchen, sie als Rohstoff für
Werkzeuge auf den Markt zu bringen. Freilich interessiert sich niemand
mehr für Feuerstein als Rohstoff. Als der klassische Neandertaler der letzte
Schrei der Natur in Europa war, lagen die Dinge noch anders und die
Feuersteinfelder Rügens unter einer mächtigen Eisdecke verborgen. Merkwürdig, aber die Antwort auf die obige Frage scheint offen vor unseren
Augen zu liegen, freilich erst seit einer Zeit, da niemand mehr an Werkzeugen
aus Feuerstein interessiert war.
Als das Eis die Feuersteinfelder Rügens wieder freigab, war es für die
Feuersteintechnologie bereits zu spät geworden. In anderen Teilen der
Welt förderte man Knollen von besserer Qualität aus dem Boden, kurz
darauf fertigte man die ersten Werkzeuge aus Metall.
Um ein klares Bild zu erzielen, müssen wir uns in die früheste Steinzeit
versetzen:
Wenn Ihnen die Zivilisation einmal zu langweilig wird, fahren Sie nach
Rügen, holen Sie sich eine Feuersteinknolle und setzen Sie sich an den
Strand. Nehmen Sie ein Buch mit, in dem auch die „primitiven“ Werkzeuge
unserer Freunde der Erectus – Kultur abgebildet sind.
Sie sind nun ein intelligenter Mensch des ausgehenden 20. Jahrhunderts
und ihren Vorfahren weit überlegen. Erinnern Sie sich an die „stupide
Steineklopferei“?:
Über eine Million Jahre, so lässt sich aus den kulturellen Überbleibseln
der Urmenschen schließen, klopfte er stumpfsinnig auf Steinen herum“
Weiter heißt es: Der Bau von Speeren und Äxten erforderte besondere intellektuelle
Fähigkeiten, die sich gravierend vom stupiden Steineklopfen
der frühen Urmenschen unterschied.120
– Na dann frohes Schaffen! Aber seien Sie am Ende nicht enttäuscht. Sie
werden es nämlich nicht fertigbringen, innerhalb Ihres Urlaubs auch nur
ein halbwegs brauchbares Werkzeug, geschweige denn einen Faustkeil
herzustellen, der der „primitivsten“ Stufe auch nur annähernd ähnlich sieht
und dessen Funktionen erfüllen kann. Von wegen stupides Steineklopfen:
die Herstellung von Steinwerkzeugen hat wenig mit „Intelligenz“ zu tun,
mehr mit der Bildhauerei. Es erfordert Übung, Erfahrung und ein Gefühl
für das Instrument, das man handhabt. Vor allem aber braucht man eine
Vorstellung von dem, was am Ende herauskommen soll.
Bereits zu Beginn der Neandertaler-Ära hatte die Menschheit etwa drei bis
dreieinhalb Millionen Jahre gesammelt und gejagt, ohne daß sich an den
allgemeinen Lebensumständen etwas geändert hatte. Die ihnen zur Verfügung stehenden „primitiven“ Werkzeuge aus Stein dienten immer denselben Zwecken, nämlich dem Bearbeiten von Fleisch, Häuten und Knochen.
– Allenfalls noch der Herstellung von Holzgeräten, etwa dem Schlagen
und Zuspitzen hölzerner Speere. Diese allgemeinen Lebensumstände änderten sich weder nach dem Erscheinen der Neandertaler noch nach dem
ersten Auftreten des „modernen“ Menschen.
Der „Technologiesprung“ von 25 Schlägen in einem Arbeitsgang auf neun
Arbeitsgänge mit 251 Schlägen läßt sich mit höherer Intelligenz kaum erklären, denn am Ende dieser vielen Arbeit stehen zwar „Spezialwerkzeuge“,
die in ihrer Gesamtheit aber auch nicht mehr leisten als ein gut
durchdachter simpler Faustkeil. Jeder Betriebswirt würde sich ob des
Aufwands, den Neandertaler und erst Recht Crô-Magnon-Menschen bei
der Herstellung ihrer Steinklingen betrieben, die Haare raufen, denn die
Arbeitskosten für die Fertigung dieser filigranen Petrefakte sind unter
ökonomischen Aspekten immens hoch.
Die hohen Herstellungskosten könnten sich allerdings als notwendiges
Übel herausstellen, wenn man die Kosten des Ausgangsmaterials berücksichtigt.
Menschen haben zu allen Zeiten die verschiedensten Steinsorten als Werkzeuge verwendet. Eindeutiger Favorit war aber der Feuerstein wegen seiner besonderen Splittereigenschaften. Obsidian, schwarzes vulkanisches
Gesteinsglas, hat ähnliche Eigenschaften und wurde damit – zumindest in
Amerika – in bestimmten Gegenden der einzige echte „Konkurrenzwerkstoff“
zum Feuerstein. Aber nicht überall, wo die frühen Menschen siedelten,
gab es Feuerstein oder Obsidian, Feuersteinknollen finden sich in
Kreidefelsen, Obsidian in der Nähe von Vulkanen. Zur Beschaffung der
begehrten Rohstoffe für ihre Werkzeuge waren die Menschen der Steinzeit
also zumindest seit Erectus’ Zeiten auf den Handel angewiesen.
Wie hoch Feuerstein beim Übergang zur Kupferzeit an steinzeitlichen
Börsen gehandelt worden wäre, zeigt sich daran, daß unsere Crô-Magnon
– Vorfahren nicht mehr genug Feuersteinknollen an der Erdoberfläche aufsammeln konnten. Es hat sich für sie rentiert, Schächte in die Kreidefelsen
Englands und in entsprechende Gesteinschichten Bayerns abzuteufen und
tiefe Stollen zu graben, um den begehrten Rohstoff zu gewinnen.
120 Der Spiegel, 21.10.02 S. 221
Wäre die heutige Menschheit immer noch auf den Feuerstein angewiesen,
man würde ihn wohl mit Diamanten aufwiegen.
Wesentlich plausibler erscheint mir daher im Zusammenhang mit der Verfeinerung der Abschlagtechnik eine Rohstoffverknappung, die den
menschlichen Erfindungsgeist herausgefordert hatte. Der Mensch hatte
das Bücken gelernt, denn offenbar waren bereits die Neandertaler dazu
gezwungen, sich nach jedem Abschlag auch die Bruchstücke genau anzusehen, die ihre Vorfahren noch als Abfall betrachtet hatten. Das ist auch
nicht weiter verwunderlich, denn klimabedingt lag ein Teil der Rohstoffvorkommen über lange Zeiträume hinweg unter dem Inlandeis begraben.
Unsere Vorfahren vom Erectus – Typ lebten vergleichsweise im Paradies.
Sie konnten sich damit begnügen, aus einem Pfund Feuerstein nur 5 bis
20 cm Schnittkante herauszuholen. An dieser Stelle erinnere ich nochmals
daran, daß alle Steinwerkzeuge der Welt ausschließlich dem Zweck
dienten, Fleisch, Fell, Knochen und gelegentlich ein wenig Holz zu bearbeiten.
Der Neandertaler war bereits gezwungen, seinen Einfallsreichtum
darauf zu verwenden, aus einem Pfund Feuerstein 100 cm Schnittkante
herzustellen. Mehr, so wird man aus ökonomischen Gründen fordern
müssen, waren nicht erforderlich.
Ganz anders verhält es sich beim „Übergang“ zum rezenten Menschentyp:
Der „Technologiesprung“ vom Moustérienmesser des Neandertalers zur
Aurignacienklinge des Crô-Magnon ließ nicht nur den Arbeitsaufwand
zur Herstellung einer scharfen Klinge um mehr als 100 % ansteigen, die
Gesamtlänge der Arbeitskante, die aus einem Pfund Feuerstein herausgearbeitet
wurden, wuchs auf die Länge von 12 Metern.121 Ohne Veränderung
des ursprünglichen Werkzeugzwecks, nämlich der Bearbeitung von
Fleisch, Fellen, Knochen und ein wenig Holz erscheint ein solcher Arbeitsaufwand schon fast als übertriebener Luxus.
Also muß man doch die Frage stellen, warum der nach bisheriger Auffassung
intelligenteste aller Hominiden deratig unwirtschaftlich handelt.
Nach gängiger Lehrmeinung unterscheidet sich Crô-Magnon nicht mehr
vom gegenwärtigen Menschen. Dieser aber wird auch mit dem Beinamen
Homo oeconomicus belegt. Das ist der Mensch, der streng rational und
nur auf seinen Vorteil bedacht handelt. Das paßt alles nicht zusammen.
Und erneut sollte uns an dieser Stelle die „primitive Steineklopferei“ zu
denken geben.
Wir haben bislang nur die formale Zweckbestimmung der Steinwerkzeuge
betont, nämlich die Bearbeitung von Fellen, Fleisch, Knochen und Holz.
Dahinter steht aber ein anderer, übergeordneter Zweck: das Überleben;
und dazu reichten die „primitiven“ Werkzeuge allemal aus. Warum also
leisteten sich unsere Vorfahren den Luxus filigraner Werkzeuge, wo die
groben es doch auch taten? Immerhin bedeutet der hohe Arbeitsaufwand
einen offensichtlichen Verstoß gegen das Prinzip des geringsten Zwangs,
der auch das Evolutionsgeschehen beherrscht.
Die Menschen, die sich später anschickten, die Erde zu dominieren, hatten
wohl ursprünglich keine andere Wahl, als auch noch aus dem letzten
Splitter einer Feuersteinknolle etwas Brauchbares herauszuholen. – Dieser
Umstand deutet auf eine geradezu dramatische Verknappung des Rohstoffs
Feuerstein hin. Der Mensch war, wie wir gesehen haben, auch damals
schon auf den Handel angewiesen; der Rohstoffmangel basiert daher
vermutlich auf einem Handelshemmnis, das fast an ein Embargo oder
einen Boykott erinnert.” (Gerhard Altenhoff, Australopithecus Superbus – Der Mensch im Licht nichtlinear-dynamischer Evolution S. 154 ff)

Wenn man die “Erderwärmung”, die vor rund 96.000 Jahren den Meeresspiegel um wahrscheinlich rund 100 Meter ansteigen ließ, berücksichtigt, erscheint die “Sintflut” als rein optische Erscheinung, die eine kleine Population von Neandertalern auf einer entstehenden Insel im ostafrikanischen Raum gefangen setzte. Mit der Folge, daß die Werkzeugindutrie mit der Rohstoffverknappung fertig werden mußte.

Die genetischen Hinweise auf eine Isolation sind – offenbar unabhängig voneinander in Utah und Leipzig aufgetaucht:

Eine Forschungsgruppe um den Genetiker Lynn Jordy (University of
Utah) ist zu dem Schluß gekommen, der moderne Mensch sei aus einer
Population von allenfalls einigen zehntausend Individuen hervorgegangen,
die vor etwa 70 bis 80.000 Jahren die Erde bevölkerten. Die Eruption eines
Supervulkans soll nach dieser Ansicht die Weltbevölkerung dermaßen
dezimiert haben, daß eben nur diese relativ kleine Menschheit übrigblieb.
122
Das würde allerdings voraussetzen, daß es nur eine einzige Menschheit
gab und all die Neandertaler, die bis vor etwa 25.000 Jahren Zeitgenossen
des „modernen“ Menschen waren, nicht zur Menschheit gehörten. Angesichts ihrer Vermessenheit ist diese Ansicht zu verwerfen. Außerdem fehlt jeder Beleg für ein analoges Massensterben im Pflanzen- und übrigen
Tierreich aus jener Zeit. Dennoch dürfen wir die Grundlagen dieser These
nicht achtlos beiseite schieben. Diese besteht nun einmal in der Erkenntnis,
daß kaum mehr als 10.000 Menschen den Startpunkt für die Evolution
unserer selbst bildeten. Demnach ist zu fragen, wie es geschehen konnte,
daß einige Zehntausend Menschen sich von der übrigen Welt abspalteten
und zu dem wurden, was wir heute noch repräsentieren? – Die Menschen
standen, das dürfen Sie als sicher voraussetzten, seit Urzeiten in gegenseitigem Kontakt. Wodurch verlor diese Gruppe den Anschluß an die
übrige damals lebende Menschheit? – Die Antwort auf diese Frage lautet
sehr wahrscheinlich: Wasser.
Sie erinnern sich an Noah und seine Arche? – Bevor Gott die Erde flutete
und alles Leben im Wasser versank, hieß er Noah eine Arche bauen und
aus der Tierwelt der Umgebung je ein Paar an Bord nehmen. Dann läßt es
der Herr vierzig Tage und vierzig Nächte regnen. Dann ist sein Werk
122 Das Erwachen des Supervulkans ©NDR 2000, 5.12.2000
vollendet und seine ganze Schöpfung mit einem Schlag vernichtet. Nach
1. Mose 6 Vers 7 soll er gesagt haben: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis auf das Vieh
und bis auf das Gewürm und bis auf die Vögel unter dem Himmel, denn
es reut mich, daß ich sie gemacht habe.
Wie bei den Geschichten von Adam und Eva bzw. Kain und Abel fällt an
dieser Geschichte zunächst einmal das widersprüchliche Verhalten Gottes
auf. Hatte er noch bei der Schöpfung sein Werk für gut befunden, schienen
seine Geschöpfe am Ende vom Pfade der Tugend abgekommen zu
sein:
Vers 4: Es waren auch zu den Zeiten Tyrannen auf Erden, denn da die
Kinder Gottes zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen
Kinder gebaren, wurden daraus Gewaltige in der Welt und berühmte
Männer.
Vers 5: Da aber der Herr sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf
Erden und alles Dichten und Trachten nur böse war immerdar,
Vers 6: da reute es ihn, daß er die Menschen gemacht hatte auf Erden
und es bekümmerte ihn in seinem Herzen.
Seit der Geschichte von Kain und Abel wissen Sie, daß Mythen mitunter
traumhaft verzerrte Darstellungen realer Vorgänge enthalten können; und
einen Grund muß der Herr ja gehabt haben, seine Geschöpfe wieder zu
vernichten. Zweckfreies Verhalten kann sich der Mensch kaum vorstellen,
also muß es die Bosheit der Menschen gewesen sein.
Besonders stutzig macht hier die Verbindung des vollständigen Weltuntergangs mit der für eine bäuerliche Kultur gänzlich ungewöhnlichen Erwähnung des Schiffbaus.
Was passierte bei der Sintflut? 1. Mose 7 Vers 19: Und das Gewässer
nahm überhand und wuchs so sehr auf Erden, daß alle hohen Berge unter
dem ganzen Himmel bedeckt wurden.
Jeder, der schon einmal mit einem Schiff gefahren ist, kennt den Anblick
des von Horizont zu Horizont reichenden Wassers. Vor Erfindung der
Seefahrt war den Menschen dieser Anblick verwehrt, auch dem Neandertaler.
Seit dieser die Weltbühne betreten hatte, kam es wiederholt zu erheblichen
Klimaschwankungen. Der ständige Wechsel zwischen Kalt- und
Zwischeneiszeiten ließ den Spiegel der Weltmeere mehrfach stark ansteigen
und wieder absinken. Der „Tidenhub“ vom Höhepunkt der letzten
Vereisung vor 18.000 Jahren bis zum heutigen Normalnull des Wassers
beträgt satte 130 Meter!123
Zieht man also in Betracht, daß es gar nicht so lange her ist, daß Menschen
über die Beringstraße zu Fuß von Asien nach Amerika und von der
Themse an die Seine gelangen konnten, haben wir die „Wiege“ der heutigen
Menschheit vermutlich nicht in Ostafrika zu suchen, sondern vielmehr
vor der heutigen ostafrikanischen Küste, irgendwo auf dem Kontinentalschelf.
124 Die „Sintflut“ könnte man nämlich auch als Erinnerung an eine
kollektive optische Täuschung interpretieren.
123 Press/Sievers, Allgemeine Geologie, S. 346
124 Bei der Suche nach unserem „Kinderbettchen“ dürfte sich eine Computersimulation anbieten, die die Küstenlinie Afrikas nachzeichnet, wie sie vor etwa 70 – 80.000 Jahren aussah. Findet sich dort ein Hochplateau, das flächenmäßig zehn- bis zwanzigtausend Menschen unter Jäger- und Sammlerbedingungen ernähren
konnte, so könnte es sich lohnen, im Schlamm zu wühlen.
Die Befunde der Genetiker passen genau in das Zeitfenster, das sich vor
etwa 90.000 Jahren öffnete und von den Geologen Eem-Warmzeit genannt
wurde. Vor 70.000 Jahren wurde es dann wieder kälter. Die Weichsel-
oder Würm-Vereisung nahm ihren Anfang. Mit ihr fand die „Eiszeit“
vor etwa 10.300 Jahren ihr vorläufiges Ende.
Die Folgen einer fortschreitenden Erderwärmung werden heute unter dem
Begriff „Klimakatastrophe“ gehandelt. – Allein, einer solchen „Klimakatastrophe“ verdanken wir unsere Existenz:
Der ansteigende Meeresspiegel hat – zunächst unmerklich – den Lebensraum
unserer Vorfahren in ähnlicher Weise vom Rest der Welt isoliert wie
der Ärmelkanal England vom übrigen Europa. Ohne Seefahrt wüßte auch
heute kein Kontinentaleuropäer von der Existenz der Queen. Erst recht
würden die Iren sich für die einzigen Menschen auf dieser Welt halten,
denn sie hätten keinerlei Kontakt zum übrigen Europa.
Befand sich zwischen dem Ursprungsort der rezenten Menschenform und
dem Festland eine breite Senke, so wird es nicht lange gedauert haben, bis
„alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel bedeckt wurden.“ Allerdings
war dieser Weltuntergang nur virtueller Natur. Der Rückschluß auf
den Tod aller anderen Lebewesen ist damit natürlich vorgezeichnet. Und
einen Sinn und Zweck mußte das auch haben, denn, Sie haben es weiter
oben gesehen, auch der moderne Mensch hat Schwierigkeiten damit, sich
ein zweckfreies Verhalten der Natur vorzustellen.
Mit fortschreitendem Anstieg des Pegels riß also der Kontakt zur übrigen
Menschheit ab. Aus der Sicht des Neandertalers waren diese „Inselaffen“
bei der Fortpflanzung wieder einmal auf im weiteren Sinne inzestuöse Beziehungen angewiesen, denn der Genpool war durch die Insellage sehr beschränkt.
– Erneut begegnen wir dem Inzest als einer der treibenden Kräfte
der Evolution – So also sehen die Anfangsbedingungen für die Evolution
vom „klassischen“ zum „rezenten“ Menschen aus.
Der „moderne“ Mensch, man muß es leider feststellen, entwickelte hier
einige unangenehme Eigenschaften, denen wir heute noch begegnen können.
Vor allem kam ihm das abhanden, was wir heute als „soziales Gewissen“
bezeichnen würden. Zu den schwerwiegendsten Systemfehlern des
heutigen Menschen gehört seine ausgesprochene Neigung zum Plündern
und zum Ausrotten. Was passierte also auf dieser Insel? Lynn Jordy hat
die von ihm entwickelte Hypothese „Bottlenecktheory“ genannt. Bottleneck
ist das englische Wort für Flaschenhals, einen Flaschenhals, durch
den sich die Menschheit hindurchzwängte. Nennen wir Herrn Jordy zu
Ehren die Wiege des rezenten Menschentyps Bottleneck.
Wie überall auf der Welt teilten die Menschen auf Bottleneck ihren Lebensraum mit Freßfeinden und Nahrungskonkurrenten.
Die Insellage brachte es nun einmal mit sich, daß neue Herausforderungen
an unsere nunmehr unmittelbaren Vorfahren herantraten. Die Umwelt änderte sich dramatisch, weil auf Bottleneck auch Flora und Fauna sich der
Insellage anpaßten und entsprechenden Änderungen unterworfen waren.
Die Menschen auf Bottleneck bildeten, das braucht wohl nicht näher betont
zu werden, keine homogene Einheit, die Insel war selbstverständlich
in die Reviere der einzelnen Horden aufgeteilt. Dieses Muster findet man
auch heute noch vereinzelt auf Neuguinea und in Südamerika.
Die Umweltveränderungen brachten es mit sich, daß sich die Ernährungsgewohnheiten der Binnenländer von denen der Küstenbewohner zu unterscheiden begann. Demzufolge bildeten sich unterschiedliche Kulturtraditionen heraus. Dies hinterließ Spuren in den Köpfen der Menschen. Die Traditionen der einzelnen Horden drifteten auseinander und wurden am Ende fast nicht mehr kompatibel. All das gibt es heute noch, vor allem auf Neuguinea. Aber auch die sogenannte zivilisierte Menschheit ist heillos  zerstritten über den „richtigen“ Weg. Angefangen vom „rechten“ Glauben bis hin zum belanglosen Streit, ob McDonalds besser ist als Burger-King, wobei diese Meinungsverschiedenheit ausnahmsweise noch keine Todesopfer gefordert hat.
Bei der Erörterung der Evolution reziproken Verhaltens haben wir gesehen,
daß dieses langfristig erfolgreicher ist als der krasse Egoismus, hingegen
hat der Egoismus kurzfristig mehr Erfolg.
Bei allem Mangel, mit dem unsere Vorfahren auf Bottleneck zu kämpfen
hatten, eines eint sie: Alle Horden hatten zumindest ein Tauschmittel zur
Verfügung: Menschen, vor allem Frauen. Dem exogamen, stark sexualorientierten Lebewesen Mensch drängte sich diese Form von „Geld“ nahezu auf. Menschen sind soziale Lebewesen, die gewöhnlich in Verbänden leben, in denen sich die Individuen genau kennen. Ähnliche Verbände bilden
außer den Primaten Wölfe, Schafe, Elefanten und vor allem viele Vogelarten.
Es ist aber von keiner anderen sozial lebenden Spezies dieser
Erde bekannt, daß Männchen sich Frauen kaufen anstatt um ihre Gunst zu
buhlen. Die durch Schwangerschaft und Brutpflege verursachten „Behinderungen“,  die Menschenfrauen in die Rolle der Sammlerin gedrängt hatten, machte sie nahezu zum idealen Handelsobjekt.125
Die ursprünglichen Partnerbindungen haben sich jedoch bis heute erhalten
und füllen das ganze Universum der Liebesromane. Pubertät und romantische Liebe hatten von Beginn der Menschheit an dem Individuum die
Ablösung aus dem ursprünglichen Sozialverband erleichtert. Das ursprüngliche  Abschiedsritual der Hochzeit126 verkam zum Geschäftsabschluß. Das ist bis heute so geblieben. Es bedarf wohl keiner näheren Begründung, daß diejenigen Männer bei der Fortpflanzung „erfolgreicher“ waren, die sich Frauen kurzerhand kauften als die, die warten mußten, bis eine Frau sie auswählte. Darin liegt auch der Grund für die in vielen Teilen der Welt geltenden strengen und teils grotesken Regeln für die natürlichste Sache der Welt. Fast alles ist zu finden: von sexueller Freizügigkeit bei Südseevölkern bis zur Verhängung der Todesstrafe wegen Ehebruchs auch über vergewaltigte Frauen. Auch dem aufgeklärten westlichen Denken ist das natürliche Zusammengehörigkeitsgefühl von Sexualpartnern fremd. Da geistert immer noch das Schlagwort von der Familie als „Keimzelle“ des Staates durch die Publikationen. Aus jeder Keimzelle geht ein kompletter Organismus hervor, ein Phänomen, das bei Familien und Staaten nicht zu beobachten ist. Auch Artikel 6 des deutschen Grundgesetzes beinhaltet eine Systemwidrigkeit. Mitten in die garantierten Menschenrechte hat sich die Institutsgarantie für eine nach allem höchst fragwürdige Einrichtung eingeschmuggelt: „Ehe und Familie stehen unter
dem besonderen Schutz des Staates“. Die „Familie“ aber nur dann, wenn
die Eltern „ordnungsgemäß“ verheiratet sind…
Voraussetzung für diese Art von Geschäften ist freilich die Verkrüppelung
der sozialen Instinkte, die Organismen eines Sozialverbandes untereinander
eng verbinden. Wie wir oben gesehen haben, pflanzten sich die
Insulaner innerhalb eines beschränkten Genpools fort, so daß die verwandtschaftliche Nähe aller die Entstehung und Verbreitung von Verkrüppelungen
förderte. Neben dem Gesichtsschädel verkümmerten tief im
Schädelinneren die sozialen Instinkte. Das unsichtbare Band, das den Neandertaler mit seinen Gefährten und Frauen verband, zerriß allmählich.
Die Tötungshemmung fiel. (Gerhard Altenhoff, aaO, 161ff)

Ungefähr zeitgleich mit diesen Erwägungen, nämlich im Jahre 1999 stellte das MPI öffentlich die Frage, ob die moderene Menscheit durch ein Nadelöhr gekommen wäre.

Was ich damals nicht wußte, daß wir das “Bonobo – Gen” immer noch in uns tragen. Bonobos sind die Primaten mit der wohl höchsten sexuellen Aktivitäts- und Primiskuitätsrate. Der Bonobo ist immer noch in uns, Carl XVI. Gustav von Schweden scheint es zu beweisen.

Ferner hatte man sich vor 10 bis 11 Jahren noch wenig Gedanken um den Wert des Kuschelhormons Oxytocin gemacht. Oxytocin dürfte der Schlüssel zum Unterschied zwischen dem “modernen (mordenden) Menschen” und seinen “Vorfahren” sein. Wenn man sich so umschaut, scheint der “mordende Mensch” an extremer Unterversorgung von Oxytocin zu leiden.- Vielleicht gleicht man mal die Oxytocinspiegel von Schimpansen, Bonobos und Menschen miteinander ab. – Das Ergebnis könnte für den “Homo Sapiens Sapiens” so überraschend wie vernichtend sein.

Hormonmangel als “Mördergen” – Eigentlich ein ganz einfacher “Schachzug” der Evolution.  – Ob das aber so in ihrem Sinne ist, darf bezweifelt werden.

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