Schuldrecht für Ahnungslose

Wenn ich mich recht entsinne, war „Schuldrecht für Ahnungslos“ vor vielen Jahren der Titel eines Kommentars in der FAZ.

 

So merkwürdig es klingen mag, aber das „Schuldrecht“, vor allem dessen „Allgemeiner Teil“ ist bei fast 99% der deutschstämmigen und eingewanderten Bevölkerung schlichtweg unbekannt. Obwohl es keiner kennt, verhalten sich fast alle so, als würden Sie das auf dem ff beherrschen, was das Gesetz ihnen vorschreibt: Ohne plakatierten Hinweis an der Supermarktkasse begründen die Menschen Schuldvehältnisse, um sie sofort wieder durch Erfüllung zu beiseitigen. – Und das nicht nur in Deutschland: Sie können sich an jeden Punkt dieser Welt begeben, Sie können jeden „Kulturkreis“ des Planeten aufsuchen, Sie werden in Ihren „Rechtsbeziehungen“ immer wieder auf „Schuldrecht – Allgemeiner Teil“ stoßen.

Kann es sein, daß uns nicht das Gesetz vrschreibt, einmal abgeschlossene Verträge zu erfüllen? Nachfolgend ein Auszug aus „Australopithecus Superbus – Der Mensch im Licht nichtlinear-thermodynamischer Evolution“, erhätlich bei www.lulu.com/advocatusdeorum

 

Merkwürdigerweise finden wir das, was wir weiter oben als Team beschrieben haben, unter dem Begriff Gesellschaft im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) wieder; dort findet sich unter § 705 folgende Definition der Gesellschaft:

„Durch den Gesellschaftsvertrag verpflichten sich die Gesellschafter gegenseitig, die Erreichung eines gemeinsamen Zweckes in der durch den Vertrag bestimmten Weise zu fördern,…“

Lassen wir den Gesellschaftsvertrag als Rechtsinstitut einmal weg, so haben wir hier eine Beschreibung des Musters des ursprünglichen Jägertrupps. Demzufolge bestimmt das BGB, in § 726, daß die Gesellschaft endet, wenn der Zweck erreicht ist oder die Erreichung des Zwecks unmöglich geworden ist. – Und jetzt wird es interessant, denn in § 734 BGB regelt das Gesetz die Verteilung der „Beute“. Spontan würde man meinen, daß die Verteilung des Überschusses (Beute) einer Gesellschaft zu gleichen Teilen erfolgen würde. Das Gesetz sagt in § 734 BGB jedoch, daß der Überschuß den Gesellschaftern nach dem Verhältnis ihrer Anteile gebührt. Dem Gießkannenprinzip, das alle „gleich“ behandelt, folgt das Gesetz also nicht, vielmehr tariert es die Verteilung des Gewinns sehr fein aus.

Daß es sich bei der Gewinnverteilung im Rahmen der bürgerlich-rechtlichen Gesellschaft um ein aus unvordenklichen Zeiten stammendes Muster handelt, wird durch einen verblüffend ähnlichen Beuteverteilungsschlüssel der Pygmäen im südlichen Afrika belegt:

„Bei den Bayaka-Pygmäen gehört ein bei der Treibjagd erbeutetes Tier auf jeden Fall dem Besitzer des Netzes, in dem es sich gefangen hat. Der Töter bekommt Kopf und Hals. Das sind meist die älteren Männer, die mit ihren Speeren hinter dem Netz in Wartestellung hocken. Wer sonst beim Töten mitgeholfen hat, bekommt ein Stück Brust. Der Netzbesitzer, dem nach Traditionsrecht der ganze restliche Körper gehört, behält im allgemeinen einen Keule und alle Innereien einschließlich der Gedärme, bei den Pygmäen eine echte Delkatesse. Den Rest des Körpers teilt er dann nach eigenem Ermessen unter den an der Jagd beteiligten Leuten auf. Bei den Efe-Pygmäen im Ituri hat der Schütze auch Anrecht auf den Hauptteil der Beute, nämlich auf das Lendenstück mit den Hinterläufen. Der Organisator der Jagd erhält den Rücken, der Eigentümer des Hundes, der das Wild aufgestöbert hat, bekommt Kopf und Hals. Der Rest wird an die übrigen Jagdteilnehmer verteilt. Man sollte annehmen, daß es sich in den verschiedenen Gemeinschaften um festgelegte Regeln handelt, doch ganz ohne Streit geht eine solche Verteilung der Beute nie aus. Auch bei den Bayaka-Pygmäen war ich häufig Zeuge, wie es beim Verteilen zu wilden und lautstarken Streitereien kam. Man beschimpfte sich mit den übelsten Verbalinjurien, zumal es den Pygmäen an einem lockeren Mundwerk nicht fehlt. Man bedrohte sich auf Distanz mit den Fäusten und ging auch einmal aufeinander los, ohne daß es dabei aber zu wirklichen Handgreiflichkeiten kam. Man blieb meist in etwa 2 m Abstand voneinander stehen und drohte und schimpfte mit einer ausdrucksstarken Gesichtsmimik. Dabei wurde laut und für alle hörbar hoch und heilig verkündet, daß man niemals mit dem da auf die Jagd gehen werde. Doch am gleichen Abend noch, ins Wohnlager zurückgekehrt, saßen alle wieder friedlich am Feuer vor ihren Hütten, verspeisten den Gemüse-Eintopf mit dem wohlschmeckenden Flesich und stopften sich genüßlich schmatzend die Bäuche voll. Wer beim Verteilen der Gazelle im Wald zu kurz gekommen war oder gar nichts abbekommen hatte, konnte dann spätestens beim Abendessen seinen Anteil verzehren…“[1]

In dieser Schilderung können Sie nicht nur die Ähnlichkeit des Musters bei der „Beuteverteilung“ in einer reinen Jäger- und Sammlerkultur und bei der „zivilisierten“ Variante erkennen, Sie sehen auch den hohen Respekt, den das Eigentum des erfolgreichen Jägers genießt, was wiederum die Nahtstelle zu unseren felltragenden Vettern erahnen läßt. Die Ähnlichkeit eines von hochgebildeten Juristen ersonnenen Gesetzes[2] und naturverbundem Gerechtigkeitsempfinden zeigt überdies, wie nahe wir alle den Pygmäen sind, die als einer der ältesten lebenden Volksstämme gelten. Wir mit unserer „fortschrittlichen“ Zivilisation sind im sozialen Bereich keinen Schritt weiter! – Die Fülle von Gerichtsentscheidungen zu § 734 BGB belegt nämlich ebenfalls unsere Nähe zu den Pygmäen.

Die Parallele der Verhaltensweisen rechtfertigt den Schluß, daß es sich um ein Verhalten handelt, das einer biologischen Wurzel entpringt und damit in den Tiefen des menschlichen Gehirns verankert ist. Es ist damit der Natur des Menschen zuzurechnen. Der hier wie dort auftretende Streit belegt ebenfalls, daß hier nicht kaltes Kalkül und nüchterner Verstand am Werke sind, sondern emotionale Antriebsmuster.

Das „Austarieren“ der Anteile, das Gewichten von Geben und Nehmen hat innerhalb der menschlichen Gemeinschaften überall auf der Welt einen hohen Stellenwert. Eibl-Eibesfeld hat das anhand vieler Beispiele aus verschiedenen Kulturkreisen und im Rahmen von Untersuchungen mit Kindern nachweisen können.[3] Das Phänomen des Austauschs wird unter dem Begriff des reziproken Altruismus diskutiert. – Selbstverständlich passen die Ergebnisse der Humanethologie nicht in unsere vom Streit über die Richtigkeit miteinander wetteifernder Ideologien geprägte Zeit. Also schweigt man sie am liebsten tot und leugnet die Ergebnisse weg. Denn nur mit dem Homo oeconomicus, dem streng egoistisch und streng rational handelnden Menschen, lassen sich Ideologien von Kapitalismus bis Kommunismus rational begründen und verteidigen.

Und dennoch finden wir in unserer Zivilisation eine genaue Entsprechung für das Muster des reziproken Altruismus:

Sie gehen frühmorgens zum Büdchen. „Eine Bild-Zeitung, bitte.“ – „Siebzig Pfennig.“ – „Danke, Tschüs!“ – „Vielen Dank auch, schönen Tag!“ In diesem Augenblick haben Sie den ersten Vertrag des Tages schon hinter sich. Gegen Mitternacht verspüren Sie Hunger und bestellen eine Pizza. Wenn Sie den Pizzafahrer bezahlt haben, war das für diesen Tag der letzte Vertrag.

Wir sind unablässig damit beschäftigt, Verträge zu schließen und zu erfüllen. Das System des Gebens, damit der andere gibt, ist die Keimzelle dessen, das weltweit unter dem Begriff Zivilrecht bekannt ist. Es ist vollkommen gleichgültig, in welchen Winkel der Welt sie sich begeben. Überall, wo Sie auf Menschen treffen, können Sie deren reziproken Altruismus mit den dürren Worten der §§ 145 ff des § 305 BGB beschreiben: Die §§ 145 ff BGB beschreiben das Zustandekommen eines Vertrges durch die unmißvertändlich erklärte Willensübereinstimmung zweier oder mehrerer Menschen. § 305 BGB spiegelt das Bedürfnis des Menschen zu reziprokem Verhalten wider: „Zur Begründung eines Schuldverhältnisses sowie zur Änderung des Inhalts eines Schuldverhältnisses ist ein Vertrag zwischen den Parteien erforderlich, soweit nicht das Gesetz ein anderes vorschreibt.“

Sie werden unschwer feststellen, daß Vertrag etwas damit zu tun hat, daß man sich verträgt. Denn nur wer sich mit einem anderen verträgt, kann einen mit diesem übereinstimmenden Willen haben.

Allerdings wird die Unzahl von Verträgen, in die der Mensch in seinem Leben verwickelt wird, in der Regel nicht bemerkt. Daß es sich um „Schuldverhältnisse“ handelt, merkt der Mensch erst, wenn bei dessen Abwicklung etwas schiefläuft. – Bleiben wir bei unserem Beispiel: wenn Sie die Pizza in Empfang nehmen, dem Boten aber die Tür vor der Nase zuschlagen anstatt zu bezahlen, verletzen Sie die Regeln. Der Bote wird aber nicht zum Gesetzbuch greifen um festzustellen, gegen welche Regel Sie verstoßen haben, sondern sich spontan fürchterlich aufregen. Das wiederum zeigt, daß der gegenseitige Vertrag, wie ihn das BGB beschreibt, kein Konstrukt der Ratio des Menschen ist; seine Wurzeln reichen vielmehr tief in den animalischen Teil des menschlichen Gehirns hinein.

Damit kam allerdings nichts grundsätzlich Neues in die Welt, denn das Prinzip des gegenseitigen Vertrages ist den Juristen unter der Bezeichnung Synallagma geläufig, die biologische Entsprechung heißt Symbiose. Auch die Partner in einer Symbiose geben, weil und damit der Partner gibt.

Die Natur war in diesem Fall auch nicht auf irgendeine ominöse Mutation angewiesen, ein „Vertrags-Gen“ muß daher nicht postuliert werden. Die Wurzeln des reziproken Verhaltens haben ihre Wurzeln in der sozialen Bindungskraft des Gebens, des Geschenks.

Das „Geschenk“ zum Zwecke der sozialen Bindung ist nicht allein auf den Menschen und andere Primaten beschränkt, sie kommen auch bei anderen sozialen Tieren vor.

Nun könnte man freilich das Geben auch als die „voauseilende“ Duldung der Wegnahme durch den „Mächtigen“ interpretieren; Geben als Vermeidung der Aggression des Ranghöheren. Auch, so könnte man meinen, das Geben erspare dem „Herrn der Nahrung“ das lästige Betteln. Dagegen spricht jedoch die Tatsache, daß beim Schimpansen der „Herr der Nahrung“ sehr viel Geduld an den Tag legt. Gegen eine solche Interpretation spricht ferner der Umstand, daß sowohl beim Schimpansen als auch beim Menschen, selbst bei Kleinkindern, die Wegnahme von Dingen auf eine ausgeprägte Protesthaltung stößt. Zudem scheint es eine angeborene Wegnahmehemmung zu geben.[4]

Bezüglich des reziproken Altruismus können wir beim Menschen zumindest von einer Akzentverschiebung im Zuge der Evolution sprechen; denn keine andere Tierart hat diese Form der sozialen Umgangsform zu einem der wesentlichen und konstituierenden Grundmuster des Soziallebens erhoben.[5]

Damit wird auch verständlich, warum die Väter des Bürgerlichen Gesetzbuches gar nicht anders konnten, als die Regularien über den ggegnseitigen Vertrag so auszugestalten, wie wir sie im Gesetz vorfinden. Wir können mit dem BGB im wahrsten Sinne des Wortes in den Dschungel gehen, es erweist sich in seinen Grundzügen stets als anwendbar:

„…Die Klane Neuguineas sind in der Regel exogam, d.h. die Frauen, die man heitratet, müssen aus einem fremden Klan stammen. (…) In Abschnitten von mehreren Jahren bis zu einer Generation gerechnet, sollten die Beziehungen eines exogamen Klans zu allen anderen daher ausgewogen sein. Dieser Grundgedanke zieht sich wie ein roter Faden durch alle Handlungen und Einrichtungen, mit deren Hilfe zwei gesellschaftliche Gruppen miteinander in Verbindung treten. Keine Gabe ohne Gegengabe, diese Einsicht dominiert in Neuguinea selbst das private Verhalten einzelner.(…) Viel plastischer sichtbar als auf dem Papier werden diese gesellschaflichen Zusammenhänge in der gelebten Wirklichkeit bei der Übergabe des sogenannten Brautpreises, mit dem der Übergang einer Frau vom Geburtsklan zum Klan des Ehemanns bestätigt wird. Ähnliche Tauschzahlungen von Wertgegenständen, wie Steinäxten, Muschelgeld und Muschelschmuck u.ä.m., markieren oft auch andere wichtige Übergänge im Leben eines einzelnen oder der Gemeinschaft. Damit werden einerseits Abmachungen bestätigt oder gefestigt, andereseits Leistungen (auch zukünftige, wie das Gebären von Kindern) abgegolten. Die Frauen werden also nicht im europäischen Sinn als Individuen mit Sklavenstatus gekauft, sondern ihr Übergang vom eigenen Klan zum anderen wird durch eine Zahlung der Gruppe des Bräutigams an die Gruppe der Braut rechtlich bekräftigt[6]

Es ist vollkommen gleichgültig, in welchem Teil der Welt sich ein Mensch aufhält. Er wird zu jeder Zeit an jedem Ort in die vielfältigsten Tauschbeziehungen verwickelt werden. Der Hang zum Tauschen ist bereits bei Kleinkindern vorhanden, einige Sozialpsychologen scheinen ernsthaft mit der Frage befaßt zu sein, ob es sich bei diesem „Tauschzwang“ nicht um eine seelische Erkrankung handeln könnte.[7]


[1] Armin Heymer, Die Pygmäen, München 1995, S. 204f

[2] Die Vorarbeiten zum Bürgerlichen Gesetzbuch begannen kurz nach der Reichsgründung 1871, waren aber erst 1896 bgeschlossen. Das BGB faßt in seinem Kern die mitteleuropäischen Rechtstraditionen von Jahrtausenden zusammen.

[3] vlg. Eibl-Eibesfeld aaO 497 ff, er faßt seine Ergebnisse u.a. wie folgt zusammen: „…In allen von uns untersuchten Kulturen verfügen bereits Säuglinge im vorsprachlichen Alter über die Strategien des Anbietens, und sie erfreuen sich spielerischer Dialoge des Gebens und Nehmens, die bereits die Regeln der Reziprozität beachten. Aus dem reziproken Geschenkeaustausch entwicklte sich der Handel. Die ethologischen Erhebungen bestätigen die Annahme von Marcel Mauss, daß die soziale Funktion des Objekttransfers am Anfang der Entwicklung stand. Bindungen an Mitmenschen werden als Besitz geachtet und verteidigt. Soziale Bindungen sind jedoch stets partnerschaftlich wechselseitig.( S. 508)

[4] vgl. Eibl-Eibesfeldt aaO, S. 508

[5] vgl. auch Zimmer aaO S. 255 ff, Zimmer nennt das beschriebene Phänomen „Obligationsmuster“, dasd letzlich unser Gerechtigkeitsgefühl erzeugt.

[6] Christian Kaufmann in: Heinrich Harrer: Unter Papuas Frankfurt/Main 1978, S 198f.

vgl. auch Friedrich Klausberger, Ruoni Murlen – Recht ohne Gesetz, Göttingen 1989, S xy; Die Murle, ein Volkstamm im Südsudan beschreiben ihre Vorstellung vom Vertrag in verblüffend ähnlicher Weise wie das BGB.

[7] vgl. Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Die Biologie des menschlichen Verhaltens, München 1995, S. 506

 

 



 


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