„Ardi“, „Lucy“ und „Angie“ – Wir bleiben, wer wir waren

Quelle: Rheinische Post vom 3.10.2009
Quelle: Rheinische Post vom 3.10.2009

In ihrer Ausgabe vom 3.10. 2009 rätselt die RHEINISCHE POST auf ihrem Titelblatt mit der „ganzen Welt“ über Urfrau Ardi. – Auf Seite A 8 teilt die RHEINISCHE POST dann mit, daß Ardi bereits aufrecht gehen konnte. – Nun gut, das abgebildete Skelett Ardis läßt den Schluß darauf ohne weiteres zu.

Sie ähnelt, wen wundert es, der weltbekannten „Lucy“.

Verblüfft hat mich dann doch der Hinweis des Autors Ludwig Juvanovic, daß Ardi bereits den Schädel auf der Wirbelsäule „balancierte“, während bei Affen das Rückgrat direkt am Hinterkopf  endet. –

Es fiel mir wie Schuppen von den Augen und ich hätte mir in das untere Ende meiner Wirbel-“säule“ beißen können: Verdammt nochmal! – Jedes Menschenaffenkind beherrscht das „Balacieren“ seines Schädels auf der Wirbelsäule, weil der Winkel, den seine Schädelbasis zur Wirbelsäule bildet, exakt dem des Menschen entspricht. – Das entscheidende anatomische Merkmal, das den „Menschen“ ausmacht und ihn von Schimpansen, Bonobos, Orang-Utans und Gorillas scheidet, sitzt uns buchstäblich im Nacken. – Die „kraniale Flexur“ war für mich jedoch so selbstverständlich, daß ich sie als kontituierendes Element für das Menschsein einfach übersehen hatte. Zwei andere anatomische Anomalien des menschlichen Körpers wären hinreichend gewesen, die Entwicklung des „aufrechten Gangs“ zu rechtfertigen, aber die „kraniale Flexur“ war die wohl notwendige Bedingung. Aber fangen wir mit der „Wirbelsäule“ an. Ich darf zitieren aus „Australoptithecus Superbus – Der Mensch im Licht nichtlinear-dynamischer Evolution“ (S. 63ff) denn Evolution ist alles andere als „das Überleben des Tüchtigsten“,  sie ist vielmehr:

Die Stunde der Krüppel.

Discovery treibt gemächlich den Fluß des Lebens hinab und begleitet den letzten gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse. Langsam wird die erste Gabelung sichtbar, ein Graben tut sich auf:

Bis vor etwa 5 Mio. Jahren war Afrika von der West- bis zur Ostküste von Wald bedeckt. Danach veränderte der Planet die Lebensbedingungen im östlichen Afrika. Die ostafrikanische Senke, das Rift-Valley, begann, nach und nach den Kontinent zu teilen . Das Rift-Valley ist der Grabenbruch, der vermutlich dereinst Afrika auseinanderreißen wird.  Während westlich des Rift-Valley keine wesentliche Veränderung eintrat, änderte sich östlich des Grabenbruchs das Klima. Die Wälder verschwanden allmählich und machten einer ausgedehnten Savanne Platz.

Westlich des Rift-Valley blieben unsere baumbewohnenden Verwandten vorherrschend. Für deren Verwandte im Osten Afrikas wurden die Lebensbedingungen naturgemäß immer problematischer. Mit dem langsamen Waldsterben schrumpfte auch der Lebensraum für Baumhangler. –

Wie aber konnten Lebewesen, die an ein Leben in den Bäumen gewohnt waren, in die Savanne vordringen und warum haben sie in diesem Zusammenhang den aufrechten Gang erworben?

An dieser Stelle müssen wir uns vor Augen halten, daß es eine Reihe von Affen gibt, die ebenfalls in der Savanne zuhause sind, beispielsweise der Pavian. Im Gegensatz zum Menschen läuft der Schimpanse grundsätzlich auf vier Beinen.

Wenn wir in der Geschichte der Organismen blättern, stellen wir zudem fest, daß der Mensch nicht das erste Lebewesen ist, daß die zweibeinige (bipede) Lebensweise angenommen hat. Vögel laufen auf zwei Beinen, Känguruhs laufen bzw. hüpfen auf zwei Beinen, Hasen ebenso. Fledermäuse sind zwar nicht gut zu Fuß, aber ebenfalls Zweibeiner. Bei Dinosauriern, von denen unsere Vögel ja abstammen, war bipede Lebensweise ebenfalls gang und gäbe. Der bekannteste Vertreter ist Tyrannosaurus Rex, der Gigant mit dem Riesenschädel und der lächerlichen Ärmchen. – Eben die Arme des T. Rex geben uns einen Hinweis. Bei bipeden Dinosauriern waren die Vordergliedmaßen verkrüppelt. Aus diesen Verkrüppelungen gingen die Flügel der Vögel hervor und auch die Schwingen der  Flugsaurier, die denen der Fledermäuse verblüffend ähneln. Hasen haben verkürzte Vorderbeine, Känguruhs auch. Allen gemeinsam ist aber nach wie vor die Form der Wirbelsäule. Sie gleicht denen aller andern Landwirbeltiere:

Landwirbeltiere haben eine bogenförmige Wirbelsäule. – Der Begriff „Wirbelsäule“ trifft eigentlich nur auf den Menschen zu. Bei Landwirbeltieren von „Wirbelbogen“ oder „Wirbelbrücke“ zu sprechen, wäre zutreffender. (64) Nun haben wir aus dem Biologieunterricht behalten, daß der Mensch eine doppelt S-förmig gebogene Wirbelsäule hat, die die Belastungen durch den aufrechten Gang optimal abfedert. Die V- förmige Ausrichtung derOberschenkelknochen dient ebenfalls der optimalen Gewichtsverteilung.

Soweit die von Generation zu Generation kolportiere Legende von der perfekten Anpassung.

Wie sieht es in Wahrheit aus? – Immer mehr Menschen haben Probleme mit den Bandscheiben. Der Meniskus, ein Knorpelstück im Kniegelenk, das die Last des Körpers auf die geraden „Stempel“ der Unterschenkel verteilt, ist gegen Verschleiß sehr anfällig. Wahrscheinlich ist die hohe Anfälligkeit des menschlichen Skeletts gegen Abnutzungserscheinungen in früheren Zeiten nicht so sehr aufgefallen, weil die Menschen nicht so alt wurden wie heute.

Ich weiß nicht mehr, wo ich den Satz gelesen habe. Da es mir nicht liegt, mich mit fremden Federn zu schmücken, zitiere ich ihn trotzdem: „Wäre der liebe Gott allmächtig, hätte er dem Menschen statt der Wirbelsäule eine Spiralfeder eingebaut.“

Betrachten wir die menschliche Wirbelsäule ein wenig näher. Drehen wir sie einmal um 90 Grad in die Horizontale und vergleichen wir sie mit der Wirbelsäule aller anderen Landwirbeltiere.

Um 90° verdreht und auf die für Landwirbeltiere übliche Wirbelbrücke projiziert, vermittelt die menschliche Wirbelsäule im unteren Brust- undim Lendenbereich einen geradezu „eingefallenen“ und damit verkrümmten,  verkrüppelten Eindruck.

Stellen wir uns einen baumbewohnenden Affen vor, bei dem ein genetischer Defekt im Jugendalter dazu führt, daß seine Wirbelsäule sich zum Bauch hin verkrümmt. Welche Chance hätte er, sich erfolgreich fortzupflanzen? – Nach der klassischen Evolutionstheorie keine, denn die Mutation ist ja nachteilig.

Aus der Sicht einer als laminar begriffenen Evolution ist eine derartige Mutation nur vordergründig nachteilig. Die Vermehrungsmöglichkeiten derart verkrüppelter Lebewesen wird durch die selektive Impedanz, dieden Lebensraum und die ökologische Nische der Art definieren, stark eingeschränkt. Als Baumhangler im Wald werden die Träger dieser Anomalie erhebliche Probleme gehabt haben. Dennoch, unsere eigene Wirbelsäule ist der Beleg dafür, ist ein solcher genetischer „Defekt“ immer wieder aufgetreten.

Vor fünf Mio. Jahren erlebten unsere Vorfahren eine Art Klimakatastrophe. Der Lebensraum für waldbewohnende Baumhangler schrumpfte im Laufe der Zeit dramtisch.

Könnte sich der Nachteil einer verkrüppelten Wirbelsäule unter veränderten Lebensbedingungen in einen Vorteil verwandelt haben?

Das setzt voraus, daß die Fortpflanzungschancen eines derart benachteiligten Wesens nicht mehr annähernd Null waren.

(65) Nun vollzog sich der Übergang vom Regenwald zur Savannenlandschaft nicht ruckartig, sondern allmählich. Junge Bäume konnten mangels Wasser nicht mehr nachwachsen, die alten starben nach und nach ab. In den dadurch freiwerdenden Lebensraum sickerten zunächst Pflanzen ein, denen Pflanzenfresser folgten. Diese wiederum lockten nach und nachdie Fleischfresser an. – Die Natur folgte auch hier dem immer gleichbleibenden Muster der Besiedlung.

Unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, sind keine Nahrungsspezialisten, wir sind es auch nicht. Unsere gemeinsamen Vorfahren konnten es daher ebenfalls nicht gewesen sein. Aus diesem Grunde waren sie in der Lage, ihr Futter auch im offenen Gelände zu suchen. In den frühen Savannentagen, als es dort erst wenige andere Pflanzenfresser gab, war auch die Gefährdung durch die ihnen folgenden Raubtiere sehr gering.

Freilich steht dem Nahrungserwerb eines Waldbewohners in der Savanne ein nicht zu unterschätzender Widerstand entgegen. Dieser ist im Organismus selbst zu finden und heißt Angst. Angst ist eine körperliche Reaktion auf tatsächliche oder vermeintliche Gefahren. Sie setzt vor allem Adrenalin frei, das Hormon, das den Organismus auf die Reaktionen Kampf oder Flucht vorbereitet. Alle bekannten Wirbeltiere erleben ungewohnte Situationen als Bedrohung; das ist sinnvoll, weil Unbekanntes lebensgefährlich sein kann. Diese Schwelle galt es für unsere Vorfahren zu überwinden, wenn sie den Wald und damit ihre gewohnte Umgebung verlassen wollten. Nun gibt es innerhalb jeder Art Individuen, die ängstlicher sind als der Durchschnitt, aber auch Vertreter, die sich vom Durchschnitt durch mehr Mut unterscheiden. An diesem Ende des Spektrums sind diejenigen unserer Vorfahren zu finden, die sich als erste in das offene Gelände vorwagten. Sie stießen bei der Nahrungssuche zunächst einmal auf wenig Konkurrenz und ein niedriges Gefährdungspotential. Nach und nach, wohl über Generationen hinweg, zogen die ängstlicheren Vertreter der Art nach.

Wer aber gilt als der mutigste Artgenosse? – Wahrscheinlich der, der dieGefahrensituation als lustvoll erlebt. Das Lusterlebnis als Gegenspieler der Angst. In einem „intakten“ Ökosystem, in dem das Zusammenspiel von Fressen und Gefressenwerden eingependelt ist, bedeutet Lustgewinndurch Angst den frühen Tod. – Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin  um.

Nicht so unsere Vorfahren. Sie trafen bei ihren Ausflügen unter den freien Himmel nur wenig reale Gefahren für Leib und Leben an. Das muß so gewesen sein, denn die Lust an der Gefahr hat sich bis zum heutigen Tage in unserem Erbgut erhalten. Das können Sie beim Zappen durch die Sender leicht feststellen. Actionfilm hier, Kriegsfilm da, auf Kanaldrei und fünf je ein Western; nach dem nächsten Werbeblock folgt dann ein Horrorfilm.- Allen gemeinsam ist, daß sie Bedrohung und die Gefahr für Leib und Leben des Protagonisten zum Thema haben. Von der Odyssee bis zu den Romanen von John Grisham und Stephen King finden Sie über die Jahrtausende kontinuierlich die Schilderung von Gefahrensituationen in den Bestsellerlisten. Aber nicht nur Filmindustrie und Verla- (66)ge verdienen gut am Spaß mit dem Schrecken. Kein Jahrmarkt ohne Achterbahn, und die Geisterbahn darf auch nicht fehlen. Der zivilisierte Mensch gibt sehr viel Geld dafür aus, Angst lustvoll erleben zu dürfen.

Auch in der alltäglichen Realität ist Selbstgefährdung gang und gäbe. Expeditionen in unbekannte Gegenden, Bergsteigen und Skirennen, Fallschirmspringen und Bungeejumping. – Diese Aufzählung ist keineswegs vollständig, es sind nur Beispiele für all die Situationen, in denen sich Menschen bewußt einer Gefahr aussetzen. Ohne diese Neigung wäre die Menschheit allerdings keinen Schritt weiter als vor etwa 5 Mio. Jahren, denn das lustvolle Erleben der Gefahr ist ein konstituierendes Element dessen, das wir gemeinhin als Pioniergeist bezeichnen. Und es ist wieder einmal das biologische Erbe, das Geistesinhalten Gestalt verleiht.

Zum Leidwesen vieler gehört hierher aber auch das Rasen über Autobahn und Landstraße. Das lustvolle Erleben der Gefahr ist stärker als alle Vernunft. – Auch die härtesten Strafen werden das Phänomen nicht aus der Welt schaffen können, dafür ist es viel zu tief in uns verwurzelt.

Angst und Vorsicht sind auch Raubtieren nicht fremd, und solange diese in den Resten des Regenwalds genügend Nahrung fanden, werden sie esvermieden haben, ins offene Gelände überzuwechseln. Die selektive Impedanzf ür die Vermehrung der Gefährdungshungrigen war praktisch Null.

Der relativ geringe Kontrolldruck durch natürliche Feinde verringerte denWiderstand gegen die Vermehrung „erbkranken“ Nachwuchses. Die nachteiligen Wirkungen einer Wirbelsäulenverkrümmung waren durch die Lebensumstände neutralisiert.

Wenn Sie das nächste Mal einen Einkaufsbummel in einer Großstadt machen, achten Sie verstärkt auf die Hinterteile Ihrer Mitmenschen. Deren Form wird im wesentlichen von der Breite der Beckenknochen bestimmt. bewußt darauf achten, werden Sie erstaunt sein, wie groß die Variationsbreite des menschlichen Beckens ist. Bei Frauen ist das augenscheinlicher als bei Männern, aber auch bei diesen gibt es erhebliche Unterschiede.

Bei Ihrem nächsten Besuch im Freibad schauen Sie Ihren Mitmenschen einmal ungeniert auf die Beine. Sie werden sehen, daß X- bzw. O – Bein gar nicht einmal so selten sind. In beiden Fällen handelt es sich um Fehlstellungen der hinteren Extremitäten.

Wir sehen im Laufe unseres Lebens Tausende von Menschen, aber kaum Schimpansen. Die Breite der Beckenschaufeln dürfte beim Schimpansenin ähnlicher Weise variieren wie beim Menschen. Auch unter Schimpansen werden Fehlstellungen der Beine vorkommen. – Letzteres bedeutet infreier Wildbahn in der Regel den frühen Tod, denn jede Fehlstellung der Beine vermindert das Tempo beim Klettern und erhöht die Wahrscheinlichkeit, einem Freßfeind zum Opfer zu fallen.

Raubtiere hinterlassen allerdings kaum Belege für anatomische Anomalien. Dennoch wird es sie geben, aus welchem Grunde sollten Affen die Ausnahme bilden? – Die von menschlichen Züchtern gesteuerte Entwicklung des Wolfes zum Dackel basiert auf Verkrüppelungen des Beinskeletts; bei der „modernen“ Variante des deutschen Schäferhundes mit sei- (67) ner angeborenen Hüftdysplasie gilt die Fehlstellung der hinteren Extremitätenals der letzte Schrei.

Halten wir uns vor Augen, daß die sich öffnende Savanne für unsere  Vorfahren eine Art Reservat darstellte , in dem sie vor Nachstellungen relativsicher waren. Innerhalb des Reservats lebten sowohl Affen mit Rückgratverkrümmung als auch Affen, die ein breites Becken und einwärts gerichtete Oberschenkel hatten.

Innerhalb dieses Reservats ist eine Kreuzung zwischen den „Varianten “ nahezu unvermeidlich. Halten wir fest, daß es innerhalb der Variationsbreiteder Skelettbildung genügend Ansatzpunkte gab, den  „Mangel“ der verkrümmten Wirbelsäule zu kompensieren. Inzestuöse Beziehungen zwischen „Sonderlingen“ erhöhen zudem die Wahrscheinlichkeit der Merkmalskombination. Das reicht vollkommen aus, um eine Rückkoppelungsschleife in Gang zu setzen.

Minus mal minus ergibt plus, sagen die Mathematiker; in der Natur gilt dieser Satz mit der Einschränkung, daß die Randbedingungen es zulassen.

Die Randbedingungen waren zur damaligen Zeit allerding nicht so, daß die sich bildende Savanne genügt hätte, die junge Menschheit zu ernähren. Sie stellte überwiegend Gräser als Nahrungsmittel zur Verfügung, das haben Pollenanalysen ergeben. Früchte, deren Transport sich gelohnt hätte, hielt die Savanne also nicht bereit.

Dank langjähriger Beobachtung weiß man heute, daß selbst Schimpansen zur Fortbewegung gelegentlich nur die hinteren Extremitäten benutzen,vor allem dann, wenn sie begehrenswerte Früchte transportieren wollen.  Der Aktionsradius unseres Vorfahren war nicht auf die Savanne beschränkt. Seine Abenteuerlust ermöglichte ihm die Rückkehr in seine ursprüngliche Heimat, die Reste des Regenwaldes. Damit konnte er auch dessen Nahrungsquellen anzapfen; eine Gelegenheit, die die Natur nur sehr wenigen Lebewesen bietet.

Und dieses Dasein als „Grenzgänger“ könnte unseren Vorfahren den entscheidenden Überlebensvorteil gewährt haben. Die infolge der einander  kompensierenden Verkrüppelungen geschaffene Möglichkeit, mehr Nahrungsmittelzu transportieren als die Konkurrenten, gab der Rückkoppelungsschleife in Richtung des aufrechten Gangs weiteren Schwung.

Computeranimationen zeigen, daß aus heutiger Sicht der damalige aufrechteGang unserer Vorfahren ein wenig watschelhaft erscheint. Aber wir, ihre Nachkommen, sind der Beweis, daß sie sich äußerst erfolgreichdurchs Leben geschlagen haben.

Zwei einander kompensierende anatomische Anomalien sind für die Entwicklungdes aufrechten Gangs hinreichend. Die Rahmenbedingungen ließen es zu. – (Ende des Zitats)

Sie sehen, die „kraniale Flexur“, die fast rechtwinklige Verbindung zwischen Schädelbasis und Wir belsäule ist nicht erwähnt.

die kraniale Flexur

die kraniale Flexur

Warum aber ist sie für die Unterscheidung von Mensch und seinen Mitaffen von zentraler Bedeutung?

Erstens: Erst im Laufe der Kindheit eines Menschenaffen wandert die Verbindungsstelle zwischen Schädel und Wirbelsäule in Richtung Hinterkopf. – Stellen Sie sich einmal einen Affen vor, der wegen eines Leidens, das man „kraniale Flexur“ nennt, gezwungen ist, zeitlebens seinen Blick entweder zum Boden zu richten oder ständig mit einem „Hans-Guck-in-die Luft“- Hals durch die Weltgeschichte zu hangeln. – Große Chancen, das fortpflanzungsfähige Alter zu erreichen, hätte er jedenfalls nicht.

Zweitens: Wie bewerkstelligt es die Natur, das Hinterhauptsloch (die Nahtstelle zwischen Schädel und Wirbelbogen) an den Hinterkopf „wandern“ zu lassen? – Nun, ganz einfach: die Knochenmasse an der Schädelbasis nimmt zu. – Wenn sie es nicht tut, bleibt die „kraniale Flexur“ erhalten. Wenn diese aber erhalten bleibt, ist das ein weiteres gutes Indiz für die Schlüssigkeit des Neoteniekonzepts: Die Evolution hat an dieser Stelle „vergessen“, wie es weitergeht. Und es zeigt sich gerade hier, wie einmalig die „Erfindung“ des „aufrechten“ Gangs war:

Drittens: Die „kraniale Flexur“ ermöglicht auch bei „doppelt-S-förmig“ verbogenem Wirbelbogen, also nach Ausbildung der „Wirbelsäule“ einen nach vorn gerichteten Blick und eine ungestörte räumliche Wahrnehmung des Lebensraums. – Und das ist es, worauf es ankommt.

Deswegen ist das Vorhandensein der „kranialen Flexur“ das hauptsächliche Kriterium zur Entscheidung der Frage, ob ein Lebewesen „schon“ Mensch oder aber „noch“ Affe ist. – Ardi ist demnach eindeutig ein Mensch. – Was sie von „Lucy“, die vor rund 3,5 Mio Jahren lebte, und „Angie“, die heute versucht, die Domina der Welt zu spielen, genetisch unterscheidet, sind nur noch Nuancen.

„Ardi“ war wegen der kranialen Flexur eindeutig ein Mensch.

Aber ihre Anatomie sagt uns noch nichts über ihr Sozialverhalten. Dennoch gibt es Hinweise aus dem Sozialverhalten der Bonobos, die wir auch bei uns wiederfinden, seit Jahrtausenden freilich auf sogenannte „Rotlichtviertel“ beschränkt. Bonobos praktizieren Sex öffentlich. „Öffentlichen Sex“, den gibt es beim Menschen weltweit erst wieder seit der Erfindung des Internet. Das gibt durchaus Anlaß, einmal darüber nachzudenken, ob die kulturelle Sexualfeindlichkeit eine „natürliche“ Ursache haben kann:

Sexclub Neandertal

Bei Bonobofrauen sehr beliebt ist „Hoka-Hoka“ von Biologen auch G-G-Rubbing genannt:

Forscher beschreiben Sex zwischen Bonoboweibchen mit einem stimmigen, aber für unsere Zwecke doch zu sterilen Begriff: Genito-genitales Reiben. Denn der Ausdruck GG-Reiben (so wird er im Allgemeinen abgekürzt) wird kaum der Hingabe und Verzückung gerecht, mit denen zwei Weibchen diese Art Sex praktizieren. Wir wollen daher lieber das Wort der Mongandus benutzen, um diesen bemerkenswerten Akt zu kennzeichnen: Hoka-Hoka.

Hoka-Hoka sieht folgendermaßen aus: Das junge Weibchen sitzt da und beobachtet das ältere. Wenn das ältere Hoka-Hoka wünscht und gesehen hat, dass das jüngere auf eine Einladung wartet, legt es sich auf den Rücken und spreizt die Beine. Das jüngere springt dann auf, nähert sich, und beide umarmen sich. Gesicht an Gesicht, wie Menschen in der Missionarsstellung, haben die Weibchen schnellen, erregten Sex. Ihre Hüften bewegen sich rasch und im Gleichtakt, ihre sensitivsten Sexualorgane – die Klitoris – reiben sich aneinander. Die Klitoris der Bonoboweibchen ist groß, verglichen mit der der menschlichen Frau oder der Menschenaffenweibchen, und liegt, im Vergleich zu den Schimpansen, mehr zum Bauch hin. Kano ist davon überzeugt, dass sich Lokalisierung und Form der Bonobo-Klitoris entwickelt haben, um schönes Hoka-Hoka zu ermöglichen. Hoka-Hoka endet damit, dass beide Weibchen laut aufschreien, die Glieder fest ineinander verkrallt, die Muskeln kontrahiert. Dann ein stiller, intensiver Moment. Es sieht ganz nach Orgasmus aus. (Wrangham/Petersen „Bruder Affe“, 2001 S. 259)

Man findet diese Art des Verhaltens auch beim heutigen Menschen.   Man schweigt darüber, aber „Hoka-Hoka“ begeistert bei YouPorn.com sogar ein Millionenpublikum…

Wir heutigen Menschen sollten uns am Sozialverhalten unserer Vorfahren und unserer nächsten Verwandten im Tierreich ein Beispiel nehmen. „Make Love not War“ – ist keine Erfindung der „68er“ – es ist ein Gebot der Biologie. Man könnte auch sagen:

„Kuscheln statt Killen“

Und wenn Sie das nächste Mal in den Spiegel schauen, werden Sie ein weiteres Neotenes Merkmal erkennen, denn Ihre Gesichtsporportionen entsprechen dem eines Affensäuglings. – Wenn Sie so wollen, hat auch „‚Angie“ nichts anderes als eine verkrüppelte Schnauze, ob ihr das paßt oder nicht.

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One Response to „Ardi“, „Lucy“ und „Angie“ – Wir bleiben, wer wir waren

  1. […] ich „Ardi“ mit „Angie“ vergleiche, kann ich mich eines kräftigen Lachens nicht […]

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