Adieu homo sapiens

Wenn ich „Ardi“ mit „Angie“ vergleiche, kann ich mich eines kräftigen Lachens nicht erwehren.

„Ardi“, die sympathische Dame aus vergangener Zeit auf der einen Seite – auf der anderen Seite die typische Vertreterin des Australopithecus superbus Procrustes. – Fast bin ich geneigt, diese Namensgebung ad acta zu legen und die gegenwärtige Form des Menschen in Tyrannopithecus umzutaufen:

von Mensch zu Mensch

von Mensch zu Mensch

Nun aber Spaß beiseite: Die im ersten Teil angesprochene „kraniale Flexur“ hat mich nicht losgelassen. Also begab ich mich in die Düsseldorfer Universitätsbibiliothek und wollte die Tabelle sehen, die mir seit mehr als 30 Jahren im Kopf herumspukte. – Das ermöglicht uns, die anatomische „Nähe“ von „Ardi“ zum „modernen“ Menschen näher zu bestimmen ( Keine Ahnung, warum der rechte Rand der Tabelle in der Anzeige nicht in eine Spalte zu kriegen ist – Sorry!):

Beibehaltung der kranialen Flexur:                                           ja

Langer, schlanker Hals:                                                                  ja

Vorgerückte Position des Foramen Magnum:                      ja

Orbita unter der kranialen Kavität:                                           ja

Flachheit des Gesichtes:                                                              nein

Verzögerte Schließung der kranialen Nähte:                         ?

Beträchtliches Gehirnvolumen:                                               nein

Kleines Gesicht und großer Schädel:                                         ?

Rundköpfigkeit:                                                                                  ?

Kleine Zähne:                                                                                      ja

Später Durchbruch der bleibenden Zähne:                            ?

Fehlen des Augenbrauenwulstes:                                               ?

Fehlen der kranialen Leiste:                                                        ja

Dünne Schädelknochen:                                                                 ?

Kugelförmigkeit des Schädels:                                                 nein

Haarlosigkeit des Körpers:                                                        nein

Fehlen der Hautpigmente bei manchen Rassen:              nein

Dünne Nägel:                                                                                      ?

Fehlende Rotation der großen Zehe:                                    nein

Inkomplette Rotation des Daumens:                                    nein

Verlängerte Abhängigkeit der Jungen:                                  ?

Verlängerte Wachstumsperiode:                                             ?

(Tabelle nach Jonas & Jonas, Signale der Urzeit, 1977, S. 67)

Daß nur sechs der neotenen Merkmale, die den „Menschen“ vom „Affen“ unterscheiden, bei „Ardi“ ein eindeutiges „Ja“ tragen, liegt daran, daß das Gros der übrigen Abgrenzungskriterien erst später entstand:

Die Füße konnten erst in der Savanne die heutige Form der Laufsohle annehmen, nachdem sie von der „Last des Kletterns“ befreit waren. – Der menschliche Fuß näherte sich, wie die Neotenie nahelegt, sich wieder dem „klassischen“ Bild des unspezifizierten Sohlengängers an, wie man ihm u.a. beim Bären heute noch vorfindet. – Freilich wurde der menschliche Fuß zum Laufen auf nur zwei Beinen „perfektioniert“.

Die Hand, vom Zwang zum Hangeln befreit, konnte „frei“ zu der Greifhand mit opponierbarem Daumen mutieren, wie wir ihn heute noch haben.

Alle übrigen neotenen Merkmale des menschlichen Körpers kann die nichtlinear-thermodynamsiche Variante der Evolutionstheorie unschwer erklären. – Mit Ausnahme der Haut sind sie sind keine spezifische Anpassung an einen „bestimmten“ Lebensraum, sie sind einfach in dem Lebensraum, den „Ardi“, „Lucy“ und wir bevölkern, einfach „zugelassen“ – ohne jede Wertung.

Ich muß gegenüber meinem letzten Beitrag eine Korrektur einfügen, denn „Signale der Urzeit“ kann nicht vor 1977 zu mir gekommen sein. Der Irrtum im Datum liegt wohl darin begründet, daß das „Begleitbuch“ auf dem Gabentisch tatsächlich das „Mannheimer Forum 72“ war. – Man sehe es mir nach.

Immerhin verblüffte mich auch nach 32 statt nach 37 Jahren die Lektüre des Kapitels „Die Entwicklung des Neotenie-Konzepts“. – Die ersten Ansätze entstanden bereits sieben Jahre nach Darwins „Entstehung der Arten“. Karl Ernst von Baer hatte schon 1866 im Bulletin der St. Petersburger Akademie der Wissenschaften eine Abhandlung über „Padogenesis“ veröffentlicht. 1883 tauchte erstmals der Begriff „Neotenie“ auf; das Phänomen war bekannt, aber niemand wußte es recht zu deuten. Deshalb geisterten Begriffe wie „Protogenese“, „Fötalisation“ oder „Bradygenese“ durch die wissenschafliche Literatur, ohne jedoch bei denen, die es anging, nähere Beachtung zu finden. – Im Laufe des frühen 20. Jahrunderts ging es weiter mit „Neomorphose“ „Protrogenese“ oder „Paedomorphose“ ( Jonas & Jonas aaO, S. 65ff).

Das Phänomen der Erhaltung „verkrüppelter“ Strukturen bei lebenden Organismen paßte und paßt nicht in das Konzept der „klassischen“ Evolutionstheorie. Deswegen wurde und wird das „Neoteniekonzept“ in der darwinistischen, neodarwinistischen und vor allem in der sozialdarwinistischen Diskussion totgeschwiegen.

Dank „Ardi“ dürfte sich die „wissenschaftliche Omerta“ – das Gesetz des Totschweigens unliebsamer Erkenntnisse, auch im Biologieunterricht der Zukunft in Luft auflösen. – Ein Phänomen, das nicht einmalig in der Wissenschaftsgeschichte ist. Man denke nur an die Plattentektonik in der Geologie. Alfred Wegener wurde von der „Fachwelt“ verlacht, als er 1916 das Wandern der Kontinente postulierte. 60 Jahre später mußten die Geologen den Hut vor ihm ziehen.

Noch länger wird Ludwig Bolk (1866-1930) auf den Durchbruch seiner Erkenntnisse warten müssen. Die o.a Liste hatte Bolk erstellt. Hierzu bemerken Jonas & Jonas, daß die Beibehaltung der kranialen Flexur für Bolk von besonderem Interesse gewesen sei, eben weil sie sich bei den Föten aller Säuger und der meisten übrigen Wirbeltiere findet; mit Ausnahme des Menschen finde in den lezten Monaten der intrauterinen Entwicklung eine Rotation des Kopfes statt, wodurch die Richtung der Körperachse sich in der Richtung der Kopfachse fortsetze, wie beispielsweise beim Hund; beim Hund seien sowohl die Sehachse als auch die Körperachse horizontal. (Jonas & Jonas aaO, S. 67f)

„Der Säugling des Menschenaffen“, so schreiben Jonas & Jonas wörtlich, „muß seinen Kopf aufrecht halten wie der Mensch; daher findet man das Foramen Magnum beim neugeborenen Menschenaffen in zentraler Position. Die Rückwärtsbewegung des Foramens beginnt zur Zeit der Beendigung der Saugperiode, während der Mensch dieses infantile Merkmal beibehält.“ (Jonas & Jonas aaO, S. 69)

Daß ich „Signale der Urzeit“ bei Abfassung meines Manuskripts nicht zur Hand hatte, können Sie unschwer daran erkennen, daß ich es mir am unteren Ende der Wirbel“säule“ hätte einfacher machen können:

„“die pubische Flexur, in der die Sexualorgane und das Rektum eingeschlossen sind, ist beim Embryo nach vorne gerichtet. Bei allen anderen Säugern rotieren diese Strukturen, bis sie sich parallel zu der Wirbelsäule eingerichtet haben. Beim erwachsenen Menschen aber ist die embryonale Richtung beibehalten, wodurch die Vaginalöffnung nach vorn gerichtet ist. Die menschliche Eigenheit der ventralen Position beim Geschlechtsverkehr ist daher mit der neotenen Morphologie der Schamregion verbunden.“ (Jonas & Jonas aaO)

Diese Feststellung könnte schon fast wieder zum Schmunzeln anregen. Denn berücksichtigt man das Sexualverhalten der Bonobos, so ist es durchaus vorstellbar und macht es wahrscheinlich, daß das Sexualverhalten die Kompensation der Wirbelbogenverkrümmung am unteren Ende des Wirbelbogens nicht unerheblich beschleunigte. – Die Evolution geht manchmal seltsame Wege, aber kaum den des „Kampfes ums Dasein“. – Da lag Darwin voll daneben.

Und die Biologen, die seit Carl von Linné versuchen, den Ursprüngen des „Homo Sapiens Sapiens“ auf die Spur zu kommen, laufen in die Irre. „HSS“ gab und gibt es nicht. Die Gattung „Homo“ existiert nicht. Wir sitzen mit „Ardi“, „Lucy“ und „Angie“ in einem Boot. – Wir unterscheiden uns von „Ardi“ weniger als ein Labrador vom Dackel.

Wenn wir unserer „Gestalt“ schon einen eigenen Artbegriff zulegen wollen, dann kann er – angesichts der „Produktion“ von gut und gern(?) einer halben Milliarde menschlicher Leichen in den letzten 250 Jahren durch „militärische“ Gewalteinwirkung – sicherlich nicht HOMO SAPIENS SAPIENS lauten.

Wie eingangs erwähnt:

Fast bin ich geneigt, auch die Namensgebung „AUSTRALOPITHECUS SUPERBUS PROCRUSTES“ ad acta zu legen und die gegenwärtige Form des Menschen in Tyrannopithecus Caesar umzutaufen.

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