Auslaufmodell Nationalstaat

Europa-Debatte: Es geht nicht mehr um Krieg und Frieden | Politik | ZEIT ONLINE.

Weder Merkel noch Papandreou, weder Obama noch Sarkozy merken es: Die Zeit des „Nationalstaats“ läuft ab. Wie das Weltall mit zunehmender Geschwindigkeit.

Weil die Modeerscheinung „Nationalstaat“ im Vergleich zur Evolution gerade einmal einen Wimpernschlag existiert, wird sie sich in einem Wimpenrschlag der Evolution auch „erledigen“ lassen:

„Bis zum Mittelalter hatten sich Feudalregime und Stadtstaaten entwickelt, die von kleinen Fürsten oder Plutokraten regiert wurden. Ihre charakteristische Aus­stattung zur Kriegführung bestand aus Burgen und Ritterrüstungen. Sie wurde durch die Einführung des Schießpulvers überholt, denn nun konnte man Burgen und Stadtmauern zum Einsturz bringen; außerdem wurden Rüstungen sehr kost­spielig. Der Wettstreit um maritime Großreiche, ausgetragen mit kanonenbe­stückten Segelschiffen, beschleunigte die Entwicklung des modernen National­staates, der politische Macht konzentrierte und die Kräfte großer Länder für die heilige Sache einer neuen Religion mobilisierte: den Nationalismus. Die mo­derne Wissenschaft gedieh als Dienerin des Nationalstaates, obgleich sie immer wieder die Internationalität von Wissen beteuerte.
Die Niederlande, Frankreich und England waren Pioniere des modernen Nationalstaates. Aufstände in den amerikanischen Kolonien schufen eine Kette neuer Nationalstaaten. Italien, Deutschland und Japan stießen erst verhältnis­mäßig spät in den Kreis dieser Nationen vor. Zwischen den Verfassungen gab es zwar erhebliche Unterschiede – sie reichten von der absoluten Monarchie und Diktatur bis zur echten Demokratie -, doch mindestens ebenso auffällig waren die Ähnlichkeiten, insbesondere die Tatsache, daß Steuern in erster Linie zur Ver­teidigung eingetrieben wurden. Wissenschaftler und Ingenieure erfanden im raschen Tempo neue Waffen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hält der techno­logische Rüstungswettlauf ohne Unterbrechung an. Eine Serie blutiger Kriege führte hochexplosive Sprengstoffe, Maschinengewehre, U-Boote, Flugzeuge, Kampfpanzer und Atomwaffen ein.
Mit dem 20. Jahrhundert war der Nationalstaat zur Norm geworden, und der Zusammenbruch der europäischen Imperien in Asien und Afrika nach 1945 ließ eine Unzahl neuer Nationalstaaten entstehen. Manchmal hatten ihre von den Kolonialherren geerbten Grenzen nur wenig mit ethnischen Grenzen zu tun. So zum Beispiel wurde das Volk der Ashanti in Westafrika zwischen dem franzö­sischsprechenden Togo und der Elfenbeinküste aufgeteilt und durch englischsprechende Ashanti in Ghana getrennt Doch all diese neuen Nationalstaaten besitzen ihre Flaggen und Nationalhymnen, ihre Fußballmannschaften, ihre Oberbefehlshaber und ihre augenblicklichen Feinde.
Die Regierungen und Nationalstaaten finden neben der Kriegführung noch eine Menge anderer Beschäftigungsmöglichkeiten. Sie überwachen Erziehung, Industrie und Landwirtschaft und übernehmen die Verantwortung für das Wirt­schaftsmanagement. Die Regierungen führen Programme für die Kranken, die Armen und die Alten durch. Unterstützung für arme Länder kommt hinzu, und das Volk erwartet von der Zentralregierung Richtlinien und finanzielle Hilfe auf immer weiteren Gebieten. Aber selbst wohlmeinende Wohlfahrtsstaaten bleiben im Prinzip kriegerisch. In der Führungsriege stellen die Militärdiktatoren die mei­sten Mitglieder.
Das Staatenspiel läuft weiter wie seit fünftausend Jahren. Im mächtigsten Nationalstaat der Welt überbieten Republikaner und Demokraten sich gegensei­tig in ihren Beteuerungen entschiedenen Widerstandes gegen den Feind von außen. Ihre Gegenspieler nutzen die amerikanische Bedrohung zur Stabilisie­rung eines Regimes der Unterdrückung. Alle Beteiligten an diesem Spiel – Politi­ker, Generäle, Bürokraten, Verteidigungsexperten – benötigen jeweils die andere Seite. Rüstungskontrolle mag noch angehen, aber langfristige Abrüstung nie­mals. Von all den geopolitischen, revolutionären und religiösen Auseinanderset­zungen, die zwischen 1945 und 1985 in etwa hundertfünfzig Kriegen zwanzig Mil­lionen Menschenleben kosteten, wies zumindest eine die klassischen Merkmale eines typischen Kampfes der Kriegerkönige auf: der Falkland-Krieg zwischen Großbritannien und Argentinien von 1982.
Nach einem kurzen Jahrhundert der Nationalstaaten ist das Spiel beinahe vor­bei. Die Atomwaffen ließen den uralten Staatsvertrag zerbrechen. Keine noch so hohen Steuern, keine noch so großen Kompetenzen der Führer einer Nation kön­nen die Zivilbevölkerung gegen einen Regen von Raketen mit Wasserstoffbom­ben an ihrer Spitze verteidigen. Eine gewisse Einsicht in diesen gebrochenen Pakt mag Präsident Reagan veranlaßt haben, so großes Gewicht auf die Strategie Defense Initiative (SDI) zu legen. Wenn das stimmt, beweist er weniger Sensibili­tät für die Hardware-Probleme und die aussichtslose Lage der Software im Kon­zept eines Kriegs der Sterne als für die zunehmenden Ängste der Bevölkerung.
Genau wie das Schießpulver die Feudalregime aus der Mode kommen ließ, bedeuten nukleare Sprengköpfe das Ende unseres heutigen Gesellschafts­systems. Diese mächtigen Waffen sind besonders geeignet, gegen Städte einge­setzt zu werden und die politische wie auch die ökonomische Struktur eines Nationalstaates, zusammen mit einem großen Teil der Bevölkerung, zu zerschla­gen. Was auch immer einen weltweiten Atomkrieg überleben mag, eine poli­tische Verfassung wird es nicht sein. Tatsächlich sind die Verfassungen parlamen-
tarischer Demokratien schon dadurch kompromittiert, daß schnelle Raketen die Gesetzgeber im Falle eines nuklearen Schlagabtausches jeglicher Kontrolle über Kriegserklärungen berauben.
Aus unserer langen Rückschau geht hervor, daß allein schon die Existenz von Nationalstaaten die Hauptursache für die Gefahren in unserer Welt ist Sie funk­tionierten zufriedenstellend in der Ära des Schießpulvers und waren verheerend, aber noch erträglich während der Weltkriege, die mit hochexplosiven Sprengstof­fen geführt wurden. Auf die eine oder andere Weise werden sie bald zu bestehen aufhören, genau wie die Gottkönige Ägyptens und die eisenstarrenden Ritter des europäischen Mittelalters. Entweder vernichtet sich das System der Nationalstaa­ten in einem nuklearen Krieg selbst, oder es gelingt den Bürgern gerade noch rechtzeitig zu begreifen, warum ihnen solche Gefahren drohen. Dann werden sie ihre Nationalstaaten entmachten.“  (Nigel Calder, Der Zukunft eine Chance – die biotechnische Herausforderung, Frankfurt/M – Berlin 1989, S. 140f)

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