Emden und der 90. Geburtstag

Mord an Lena: Emden feindet Unschuldigen an, der nur Pech hatte – Nachrichten Panorama – Weltgeschehen – WELT ONLINE.

30.03.2012 – E wäre der neunzigste Geburtstag meines Vaters, wenn der nicht seit fast 34 Jahren tot wäre.

Als das wohl schönste – und erschreckenste – „Geburtstagsgeschenk“ ist wohl die Nachricht, daß der „Tatverdächtige“ von Emden nicht mehr zum Kreis der Verdächtigen gehört. – Er kann es nicht gewesen sein, so die Staatsanwaltschaft. – Anhänger der Lynchjustiz sehen das freilich anders.

Der älteste Bruder meines Vaters leitete bis zu seinem Tod im Jahre 1963 eine Jugendstrafkammer in Krefeld. Er vertrat die Auffassung, daß ein Richter besonders sorgfältig arbeiten muß, weil er nicht nur über das Schicksal des Angeklagten, sondern über das Schicksal der damit verbundenen Familien entscheidet.l

Mein Vater war in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts für viele Jahre die „Rechtsantragsstelle“ des Düsseldorfer Verwaltungsgerichts. – Er teilte die Meinung seines älteren Bruders und „lebte“ sie, soweit er es in seinem Einflußbereich konnte. – Süffisant erzählte er von den Feldjägern, die einen Antragsteller auf Kriegsdienstverweigerung aus dem Gerichtsgebäude zerren wollten. – Er schickte sie in die Kantine, bis der Richter über den Antrag auf Erlaß einer einstweiligen Anordnung entschieden hatte. – Am Ende mußten die Feldjäger unverrichteter Dinge sich auf ihren Stützpunkt zurückziehen…

So ist die Freilassung eines „dringend Tatverdächtigen“, den man schon lynchen wollte, ein passendes Geschenk zum 90. Geburtstag:

Vor wenigen Tagen wurde ein 17-jähriger Mitmensch unter dem Verdacht vorläufig festgenommen, in Emden ein elfjähriges Mädchen sexuell angegriffen und anschließend ermordet zu haben.

Er hatte kein „Alibi“. – Ein „Alibi“ braucht im Regelfall kein Mensch; – es sei denn, man verdächtigt ihn einer Straftat. – Alibi (zusammengezogen aus lateinisch alius und ibi – „ein anderes hier“) – „ich war woanders“ – erleichtert der Polizei die Arbeit, einen Verdächtigen zu entlasten. – Aber der Mensch braucht auch als Verdächtiger kein Alibi. – Die Strafverfolgungsbehörden müssen nachweisen, daß der Täter zur Tatzeit am Tatort war. – Kein Alibi zu haben, ist noch lange kein Beweis, ja nicht einmal ein Indiz, daß der Verdächtige auch nur in der Nähe des Tatorts war.

Der Verdächtige hattte sich bei seinen Vernehmungen in Widersprüche verwickelt. – Herrgott noch mal an, was würden Sie denn tun, wenn Sie nach einem genauen Tagesablauf gefragt würden, den sie sich nicht genau gemerkt haben, weil Sie nie damit rechneten, daß Sie nach dem Verlauf jeder einzelnen Minute gefragt würden. – Was haben Sie am 23.3.12. zwischen 17.00 und 21.00 Uhr getan? – Präzise bitte!

Waren Sie dunkel gekleidet? – Warum gehen Sie so ähnlich wie der Mann, den ein Zeuge als „Ihren“ Gang identifiziert hat? – Was hatten Sie in dem Parkhaus zu suchen, in dem Sie nicht waren?

Dank der modernen forensischen Medizin gelingt auf naturwissenschaftlicher Basis nicht nur der „Schuldbeweis“, wesentlich häufiger wird heute die Unschuld Verdächtiger bewiesen. – Sie werden zum Teil nach Jahrzehnten in der Todeszelle entlastet und damit die Unfehlbarkeit der Justiz um Längen geschlagen. – So wohl auch in diesem Fall.

Justiz und Presse haben dafür gesorgt, daß ein zu Unrecht in Verdacht Geratener jetzt von der Justiz geschützt werden muß, weil „aliquid haerert“ – irgendwas bleibt hängen, auch wenn du unschuldig bist wie ein Lamm.

Die Justiz interessiert es weniger, aber die Presse sollte sich dessen gewahr werden, daß Unschuldsvermutung und rechtsstaatliche Verfahrensgarantien die einzige Möglichkeit sind, Lynchjustiz und Hexenverfolgung zu unterbinden. – Der Mensch neigt nun einmal – unausrottbar – dazu, einen „Beschuldigten“ für „schuldig“ zu halten. – Egal, wer, wann und wo den Verdacht äußert. Ein Fingerzeig und die Worte „der war’s“ reichten in der Vergangenheit aus, Hexen, „Nigger“, – aber auch sonst jeden X-Beliebigen auf’s Schafott zu bringen.

Einen Verdacht zu äußern, das ist einfach, die Folgen können verheerend sein. Einen Verdacht aus dem Weg zu räumen, ist ungleich schwieriger, die verheerenden Folgen bleiben.. – Das ist der ungeschriebene und innere Grund für die „rechtsstaatlichen Verfahrensgarantien“ und die von vielen so ungeliebte „Unschuldsvermutung“.

Lynchjustiz und Hexenjagd lassen sich unter den Oberbegriff „Mobbing“ einordnen. – Wie andere soziale Lebewesen neigt auch der Mensch dazu, Individuen, die sich durch Form oder Verhalten von der „Norm“ entfernen, zu mobben. – Das muß man wissen. – Zumindest dann, wenn man einem Beruf angehört, der sich mit normabweichenden Verhalten beschäftigt. Dazu gehören in erster Linie Polizei und Justiz, aber auch die Presse.

Nein,. Emden ist weder für die Strafverfolgung noch für die Presse eine Sternstunde. – Desaster ist der passendere Ausdruck.- Ein junger Mann und dessen Familie müssen das Fehlverhalten in der „Informationspolitik“ nun ausbaden.

Wie der „Zufall“ es so will, zeigt sich das ausgerechnet am 90. Geburtstag meines Vaters. – Herzlichen Glückwunsch!

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