Großer Engel mit kleinen Federn

Gerhard Altenhoff.

Es ist nicht ganz einfach, meinen Artikel  „Großer Engel mit kleinen Federn“ herauszufischen. Deswegen wiederhole ich ihn hier:

Großer Engel mit kleinen Federn
Was ist ein Engel?
Ein Engel ist ein Lebewesen, das plötzlich und unerwartet einem anderen Lebewesen eine Inspiration verleiht oder ihm eine gesuchte Information vermittelt.
Am 30.5.2012 begegnete ich -wieder einmal einem Engel. – Ein junger Eichelhäher war aus dem Nest gefallen und hatte den langen Fußweg auf die Terrasse meiner EX-Frau zurückgelegt. – Wir hatten ihn zunächst wegen der blauen Zeichnung des Gefieders für eine junge Elster gehalten. – Was damit anfangen – bei drei Hunden. – Also brachten wir das Jungtier ins Tierheim Neuss-Bettikum. – Es war keine Elster, Art und Herkunft blieben zunächst unbekannt. Mein Freund Dietmar hatte heute die Vermutung auf der Zunge: Eichelhäher. Ich versprach ihm, in „Grzimeks Tierleben“ nachzuschauen. – Bingo! – von der Färbung des kindlichen Gefieders und der Schnabelform her kann es sich eigentlich nur um einen Eichelhäher handeln. – Aber das ist nicht entscheidend. – Die Lektüre über das Verhalten der Eichelhäher in Grzimeks Tierleben, Band IX, S. 488 f. raubte mir den Atem. – Was ich zu lesen bekam wird in Kürze in meinem Blog erscheinen. – Ohne den „großen Engel mit den kleinen Federn“ hätte ich diese Literaturstelle wohl nie gefunden. – Danke!

Und hier ist das, was ich zu lesen bekam:

Grzimeks Tierleben Band 9 Seite 488

(…)

Kein geringerer als der berühmte Chirurg August Bier (1861—1949) hat in seinem Buch -Die Seele« fünf Seiten dem Eichelhäher gewidmet — und zwar unter der Kapitelüberschrift: »Die Nichtachtung des Wesentlichen, die Über­schätzung des Unwesentlichen ist ein sehr verbreiteter Irrtum der Seele.« Unsere wichtigsten Laubbäume (Rotbuche, Stiel- und Traubeneiche] verdan­ken ihre heutige Verbreitung zu einem überwiegenden Teil dem Häher, der sie und andere Laubhölzer mit schweren Samen kunstgerechter als der Forstmann pflanzt. »Nur oberflächliche Beobachter glauben«, wie August Bier schreibt, »der Häher steckte seine Eicheln, um sie im Winter zur Zeit der Not wiederzufinden. Andere reden diese verkehrte Ansicht nach. Bei mir ist der Häher-Unterbau der Eiche so musterhaft, daß der Vogel gar nicht viele wieder herausgeholt haben kann. Auch würde er die Früchte wohl nicht ein­zeln in den Boden setzen, sondern näher beieinander, wenn er sie wieder­finden wollte. Ein Naturtrieb veranlaßt ihn also zu diesem merkwürdigen Vorgehen, dessen Zielstrebigkeit und Zweckmäßigkeit wir ohne weiteres ein­sehen. Der Vogel sät die Eichen- und Buchenwälder, um ihre Frucht zu ver­zehren. Es ist also eine Wechselwirkung zwischen Pflanze und Tier vorhan­den, von der beide Nutzen ziehen. Die Pflanze wird weithin verbreitet; und das Tier lebt wieder, wenigstens eine geraume Zeit lang im fahre, von ihren Früchten.«

Die außerordentliche waldbauliche Bedeutung des Eichelhähers wird heute, ein Menschenalter später, immer noch nicht recht gewürdigt. Während man in der Sowjetunion den Eichelhäher als Forstnützling mit allen Mitteln hegt, wird er in Deutschland sinnlos und völlig »gesetzmäßig« verfolgt. Nur gut, daß sich der kluge Vogel nicht ausrotten läßt. Freilich holt er zuzeiten Eier und Nestlinge, verliert aber auch von seinem Nachwuchs so manches an die stärkeren Krähen, die der Mensch weitgehend von ihren natürlichen Fein­den, dem Habicht, dem Wanderfalken und dem Uhu, befreit hat. Im Nymphenburger Park von München brüten seit mindestens hundert Jahren ein bis zwei Paare Eichelhäher. Trotzdem halten sich dort die Singvögel in ziem­lich reicher Zahl. Im allgemeinen sind Eichelhäher Stand- oder höchstens Strichvögel, also verhältnismäßig seßhaft. In jahrelangen Abständen ziehen sie aber zu Tausenden, die von weither aus dem Osten kommen müssen, durch Mitteleuropa.

Hier zeigt sich wieder einmal, wie in der Natur alles mit allem auf subtile Weise verbunden ist. Der einzelne Eichelhäher wird kaum wissen, daß er mit seinem Verhalten dem Wald dient. Der Wald wird nciht wissen, daß der Eichelhäher seinem Ausbreitungspotential „dient“. – Wobei der Begriff „dienen“ schon wieder den Blick auf die Tatsachen verstellt. – In der Natur gibt es weder „Zwecke“ noch „Diener-“ noch „Herr“-schaft.

Das Verhalten von Organismen kann entweder Sinn machen, ohne Sinn sein oder gänzlich sinnwidrig sein. Die erstgenannten Alternativen werden sich über die Generationen hinweg fortpflanzen, weil sie Rückkoppelungsschleifen aufrechterhalten. Biologisch sinnwidrige Verhaltensmuster verschwinden mit der Zeit.

Das Verhalten der Eichelhäher macht biologisch Sinn. – Auf N-24 wird die Serie „Die Erde nach dem Menschen“ seit geraumer Zeit immer und immer wieder durchgenudelt. – Nun stellen Sie sich einmal Ihren Garten nach dem Menschen vor: Ein eichelhäher nach dem anderen pflanzt Bäume in Ihrem Garten. -In geologischen Zeiträumen gemessen wird der Wald mit zunehmender Geschwindigkeit Ihren Garten hinwegfegen. – Und wenn Sie, der Sie nicht mehr da sein werden, den Ruf des Uhu in Ihrem Garten hören, ist die Welt wieder im gewohnten Chaos.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: