Des Todes Totenschein

Man redet nicht drüber: Aber in den letzten Tagen wurde ich von einer dunklen Vorahnung beunruhigt. Jeden Morgen war ich froh, wenn ich sah, daß meine nunmehr 16 Jahre alte Hündin „Madonna“ atmete. Ich war froh, die Stimme meiner Mutter am Telefon zu hören. Zu meinem weiteren „sozialen Umfeld“ gehören hoch betagte und todkranke Menschen.  – Ich hatte die Vorahnung auf sie bezogen. – Am 17. Juni kam Mariechen zur Welt. – Kind wohlauf, Mutter wohlauf. – Die Unruhe blieb. – Am 18. 6. erhielt ich die Nachricht, daß sich eine Frau aus dem engeren Bekanntenkreis meiner Eltern umgebracht hätte. – Mit ihr war ich vor Jahrzehnten im Düsseldorfer Rheinstation zum Schwimmen gegangen. – Sie war vor vielen Jahren eigentlich das erste Kind, das ich bewußt vom „Säugling“ an kannte.

– Ihr Vater hatte als  Standesbeamter meine 2. Frau mit ihrem 2. Mann verheitratet. – Ohne dieses Ereignis hätte ich sie nie kennengelernt, denn ohne Trauschein keine Scheidung.

Ich hatte an anderer Stelle schon darauf hingewiesen, daß der Tod einen Totenschein hat. – Er müßte im Archiv der Chefredaktion der „WELT“ ruhen. – Aber nicht nur da, er war auch auf meiner Festplatte, ich kam freilich nicht mehr dran, weil in einem vorsintlutlichen Format abgespeichert. – Dank „Open freely“ konnte er bis ins Detail rekonstruiert werden:

(Briefkopf)

7.4.2005

Welt am Sonntag
z.Hd. Herrn Christoph Keese
via Fax 030 25 91 77 81 1

Sehr geehrter Herr Keese,
Ich danke Ihnen für Ihren Beitrag in der WamS vom 3.4.2005 „Der Papst des Lebens“. Darin schreiben Sie:
> „Ich bin froh, seid Ihr es auch“ , ließ Wojtyla selbst verkünden. Für den naturwissenschaftlich geprägten Menschen klingen solche Sätze wie Euphemismen. Freundliche Umschreibungen eines septischen Schocks, einer Harnwegsinfektion, eines Kreislaufzusammenbruchs, eines ermattenden Atems. Aus Sicht der modernen Wissenschaft ist der Glaube an ein Leben nach dem Tod schlichter Selbstbetrug. Was ist aber, wenn dieser Sterbende in Rom es ernst meint? Glaubt er wirklich an eine Begegnung mit seinem Gott?<
Sie können davon ausgehen, daß der „Sterbende in Rom“ es ernst meinte. Ihre zweite Frage führt allerdings zu der Frage, wenn er erst nach seinem Tode bei seinem Gott ist, war dann zu seinen Lebzeiten „sein“ Gott nicht bei ihm?. – Gute Frage! – nächste Frage:
Wieso soll der Glaube an ein Leben nach dem Tod Selbstbetrug sein?
Dem Wort Glauben wird einerseits die Bedeutung Vertrauen, andererseits die Bedeutung Nichtwissen beigemessen. – Nichtwissen ist im Zivilprozeß ein pfiffiges Werkzeug, mit dem ich Tatsachen, die nicht Gegenstand meiner eigenen Handlung oder Wahrnehmung gewesen sind, qualifiziert bestreiten und damit den Gegner zum Beweis zwingen kann. (§ 138 Abs. 4 ZPO)
Mit Nichtwissen bestreite ich Ihre Behauptung, aus Sicht der modernen Wissenschaft sei der Glaube an ein Leben nach dem Tod schlichter Selbstbetrug. – So , und nun beweisen Sie mal schön. Und zwar so, daß ein Richter nach seiner freien Überzeugung Ihrer Darstellung folgt. Nach § 286 ZPO hat nämlich das Gericht nach seiner freien Überzeugung zu entscheiden, ob eine tatsächliche Behauptung für wahr oder für nicht wahr zu erachten sei.
Sie können Ihre Behauptung nicht beweisen. Auch diejenigen, die behaupten, es gebe ein Leben nach dem Tod, können ihre Behauptung nicht beweisen. Also muß man doch einmal die Frage stellen, ob die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, nicht vielleicht falsch gestellt ist.
Können Sie sich eine Situation vorstellen, in der einem der Tod abhanden kommt? – Nein? – Ich kann Ihnen sagen, dieser Moment hat etwas Unerträgliches, aber auch etwas Erleichterndes.
Der ganze Streit um ein Leben nach dem Tod setzt zwingend die Existenz des Todes voraus. Der Tod als Ende des Lebens.
Der Tod ist nicht das Ende des Lebens, er markiert nur die zeitliche Grenze eines nach individuellen Merkmalen zu bestimmenden Lebensprozesses. Die räumliche Grenze eines derart definierten Prozesses erleben Sie als „Gestalt“. Bei vielzelligen Lebewesen wird diese Gestalt durch eine Vielzahl von Individuen hervorgerufen, die ein bestimmtes Muster bilden. So ist der Mensch nicht aus Zellen zusammengesetzt, es sind vielmehr weit über 60 Billionen Zellen, die ihn gestalten. Und es nicht immer dieselben Zellen, es herrscht vielmehr ein ständiges Kommen und Gehen. Dieser Gestaltungsprozeß wäre ohne ständige Kommunikation, ohne Kooperation und ohne Harmonie ein Ding der Unmöglichkeit. Auch ein Papst repräsentiert einen derartigen Gestaltungsprozeß.
In meiner E-mail an den Papst vom 28.3.2005, den ich auch Ihrer Leserbriefredaktion übermittelt hatte, finden Sie folgende Worte:
>Fürst Rainier von Monaco liegt „im Sterben“, alle Welt macht sich gerade zum Fest der Wiederauferstehung Sorgen, auch der Papst könne in nächster Zukunft sterben.
„Wenn Du die Leute unter Kontrolle halten willst, mach’ ihnen Angst“. Ich halte dagegen: „Fürchtet Euch nicht!“ – Denn es geht nicht darum, den „Tod“ zu überwinden. Das ist nicht möglich und nicht nötig, denn man kann nichts überwinden, was nicht existiert. Es gibt den „Tod“ nicht, er existiert nur in unserem Bild, das wir uns von dieser Welt machen. Das, was wir als „Tod“ empfinden, ist lediglich die zeitliche Grenze eines nach individuellen Merkmalen bestimmbaren Lebensprozesses. Aber das ist nicht das Ende des Lebens. Schließlich bedeutet ein Urteil im Zivilprozeß nicht das Ende der Zivilprozeßordnung.<
Ich will nicht verhehlen, von den Ereignissen überrascht worden zu sein. Denn ich hätte mit allem gerechnet, aber nicht damit, daß der Papst den Fürsten Rainier in einer Art und Weise „überholt“, die ihn so  zeitig hat sterben lassen, daß pünktlich zu meinem Geburtstag die „größte Trauerfeier der Weltgeschichte“ stattfinden kann. Ich kann auch hierzu nur sagen: der Planet ist punktlich!
Ihr Kommentar, in dem Sie die „Wissenschaften“ bemühen, war für mich Veranlassung, näher zu begründen, woher der „Tod“ kommt. Ich brauchte freilich nicht lange zu suchen, denn der „Tod“ wird da „erzeugt“, wo auch ein „großer Staatsmann“ erzeugt wird:
Vor mehr als 50 Jahren berichtete Adolf Portmann in seinem Werk „Das Tier als soziales Wesen“ über folgende Begebenheit, zu der anzumerken ist, daß Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen „Führern“ weder beabsichtigt noch zufällig sind:
„Während der Brunft (Dezember 1952) mußte der sechsjährige α-Schaufler (Albino) abgetan werden, da er einen Spießer und eine Kuh tödlich geforkelt hatte. Das α-Männchen wurde deshalb in Sichtweite der anderen Tiere abgeschossen. Durch den Abschuß entstand im Rudel eine merkliche Entspannung, und bald wurde die α-Stellung vom vierjährigen β-Bock, der regelmäßig mit dem α-Bock gekämpft hatte, eingenommen. Am toten Tier trennte man den Kopf ab, um ihn später im Fell zu präparieren. Das Stück wurde einige Tage für das Rudel unsichtbar in einem benachbarten Schopf aufbewahrt. Nun brachte man den Kopf außerhalb am Gitter des Geheges in der Höhe eines zur Kampfstellung geneigten Kopfes an. Die Geweihzacken wurden zu diesem Zweck in die Maschen des Gitters festgeklemmt. Sobald das Rudel den Kopf wieder erblickte, flüchtete es, soweit das Gehege gestattete. Bald darauf näherte es sich aber vorsichtig dieser Stelle, wobei der neue Leithirsch der Herde voranging. Er patrouillierte in einer Distanz von zwei Metern vor dem Kopf hin und her, indem er ihn seitlich anäugte. Schließlich wendete er sich ihm frontal zu und versuchte mit ihm zu kämpfen. Als aber kein Gegenstoß erfolgte, verzichtete er sehr bald auf diesen „Kampf“, versuchte es noch ein zweites Mal und nahm dann schließlich nie mehr eine Kampfstellung ein. Auch die übrigen Männchen und weiblichen Glieder der Herde wurden nun vom neuen α-Hirsch an den Kopf herangelassen. Sie näherten sich furchtsam, auf eine Distanz von höchstens 50 Zentimeter.
Nun wurden vor dem aufgehängten Kopf, innerhalb des Geheges, in verschiedenen Distanzen Roßkastanien, ihr Lieblingsfutter, ausgelegt. Bis auf eine Entfernung von ein bis zwei Metern wagten sich nun sämtliche Tiere heran, um Kastanien aufzunehmen. Näher wagte sich einzig der neue α-Hirsch. Es konnte also in diesem Fall beobachtet werden, daß vom α-Tier-Symbol (Kopfgeweih) immer noch eine autoritative, Distanz gebietende Wirkung ausging.
Der Kopf wurde dann einige Stunden entfernt und am selben Tag wieder aufgehängt. Das Verhalten des Rudels war ungefähr dasselbe, nur daß diesmal der junge Leitbock es wagte, die Geweihenden seines ehemaligen Rivalen zu beschnuppern.“
Eine Ähnlichkeit mit einem einbalsamierten Papst ist ebenfalls nicht beabsichtigt, aber auch nicht eben zufällig; weil der „Tod“ im limbischen System steckt.
Als „beherrschende Lebensform“ und „rational“ denkender Mensch werden Sie einwenden, so einfach könne es nicht sein, weil sich der Mensch dank seines Denkvermögens von den Tieren erheblich unterscheide.
Ich halte dagegen: „So einfach ist das!“  – Ein von Konrad Lorenz begründeter Zweig der Verhaltenswissenschaften nennt sich „Humanethologie“, die Lehre vom menschlichen Verhalten. Lorenz war auch Mitbegründer der „vergleichenden Verhaltensforschung“. Aber weder Konrad Lorenz noch seine Jünger haben jemals „Organethologie“ betrieben. Sie haben sich lediglich mit dem geäußerten Verhalten der Gesamtorganismen beschäftigt. Demgegenüber beschäftigt sich die „vergleichende Anatomie“ mit den Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Gestaltgebung der verschiedenen Organe. Vergleicht man jedoch das Verhalten der Organe miteinander, so kommt man ohne Schwierigkeiten zu der Feststellung, daß sich das Herz eines Damhirsches dem eines Menschen ähnlich verhält. Dasselbe gilt für Magen, Leber, Darm, Lunge, Niere etc. etc. bis hin zu den Muskeln, Bindegeweben und Knochen. Auch das Gehirn eines Damhirsches verhält sich ähnlich wie ein menschliches Gehirn. Es hat eine kleinere Großhirnrinde, aber es hat ein limbisches System und einen Mandelkern; es verfügt also über die Strukturen, in denen Gefühle „gemacht“ werden. Nennen Sie mir einen Grund, warum sich das limbische System des Menschen grundsätzlich anders verhalten sollte als das des Damwildes, und Sie können meine folgende Bemerkung aus dem Protokoll streichen:
Die Wahrnehmung des Todes hängt von unserer persönlichen Beziehung zu dem Organismus ab, der „stirbt“.  – Ich habe einmal mit einer Vegetarierin an einem Tisch gesessen, die genüßlich ihren Salat und ihre Kartoffeln verspeiste. Ich habe sie einfach gefragt: „Weißt Du eigentlich, daß die Kartoffel erst dann stirbt, wenn Du sie kochst?“ – Ich hoffe, daß die Dame zwischenzeitlich nicht vollständig verhungert ist. – „Tod“ ist der vollständige Abbruch der Kommunikation mit einem Lebensprozeß, der seine zeitliche Grenze erreicht hat. Als soziales Wesen ist der Mensch auf ständige Kommunikation mit seinen Sozialpartnern angewiesen. „Äußert“ sich eines dieser Wesen nicht mehr, so löst dies einen ganzen Strauß von Emotionen aus, für die man so recht keine Erklärung findet.  Fragen Sie einmal die Leute, deren Angehörige als „vermißt“ gelten. Sie haben ähnliche Empfindungen, die zum Teil noch quälender sind als das Wissen um deren „sicheren“ Tod.
Wir haben, im Gegensatz zu anderen Lebewesen, mit dem „Tod“ ein ganz spezifisches Problem, das Sprachproblem: Für unser Sprachbewußtsein ist das Phänomen, daß jemand, mit dem wir uns gerade noch unterhalten haben, plötzlich nicht mehr antwortet und nie wieder antworten wird, nicht zu „fassen“ und daher un-„begreiflich“.
Auch wenn wir es nicht begreifen können: der „Tod“ existiert nur in unserer Einbildung. Der Tod ist nicht das Ende des Lebens.
Obwohl der Tod nicht existiert, wird es ihn für unser subjektives Welterleben immer geben, denn obwohl die Erde um die Sonne kreist, wird bei Capri die rote Sonne im Meer versinken. Auch der Sonnenuntergang an den Cliffs of Moher wird für jeden, der ihn erlebt, wegen der zauberhaften Stimmung unvergessen bleiben. Und die Eindrücke einer Fahrt durch die Dolomiten bei Vollmond und leichter Bewölkung bleiben auch dann atemberaubend, wenn der Mond sich um die Erde dreht und  in Wahrheit nicht „hoch am Himmel“ steht. Das limbische System kennt die „objektive Wahrheit“ nicht, es wird sie auch nie kennenlernen, aber es wird auch in alle Zukunft unser Welterleben gestalten.
Aus dem oben Gesagten heraus erklärt sich auch unschwer die Existenz von „Führerbildchen“, Leninstatuen und anderen „Insignien“ der Macht bis hin zur Ehrfurcht gegenüber dem Kreuz.
Kein Geringerer als Friedrich Schiller hat dieses Phänomen zum „Geßlerhut“ verarbeitet. Nur ist der Geßlerhut heute im wesentlichen von „Nationalsymbolen“ verdrängt worden.   Allerdings sind manche Geßlerhüte heute mobiler als zu Schillers Zeiten, sie tragen Brioni-Anzüge oder schicken „Amerikas Söhne“ zum Sterben in den Irak. Aber sie sind und bleiben Geßlerhüte, denn auch Schröder und Bush sind nichts anderes als multipel verkrüppelte Schmalnasenaffen, denen Mutter Natur die Schnauze plattgedrückt hat. Auch Bush und Schröder gehören zu der Gattung, die ich zwar nicht „entdeckt“, wohl aber „entlarvt“ habe: Australopithecus Superbus Procrustes (der überhebliche Südaffe, der sich mit Gewalt alles passend macht). Wenn Sie sich bei diesem Gedanken unwohl fühlen, sollten Sie ernsthaft den Gang zum nächsten Tierarzt in Betracht ziehen!
Anatole France hat einmal gesagt: „Es liegt in der Natur des Menschen, vernünftig zu denken und unvernünftig zu handeln.“ Gottfried Wilhelm Leibniz bemerkte, es sei richtig, daß der Mensch einen Verstand habe; Tiere hätten keinen Verstand, sie bräuchten ihn aber auch nicht, weil Gott ihn für sie hätte. – Kollege Leibniz war im Hinblick auf den menschlichen Verstand wohl ein wenig allzu optimistisch. Man braucht nur die letzten 250 Jahre der Menschheitsgeschichte zu betrachten und das explosionsartige „Wachstum“ in der Leichenproduktion. Man braucht nur die Bilder, die uns aus Rom und Monaco erreichen, zu betrachten und mit den oben erwähnten Damhirschen in Beziehung zu setzen. – Offensichtlich ist der Mensch unter diesem Aspekt ein Wesen, das, wenn es ihn je hatte, den Verstand verloren hat.
Für Ihre freundliche Kenntnisnahme und Bemühungen danke ich im voraus.
 
Mit freundlichen Grüßen

Gerhard Altenhoff

– So ging der Schnitter über den Jordan„.

Karol Woitily starb so pünktlich, daß er an meinem 51. Geburtstag beederdigt wurde. – Eigentlich war für diesen Tag die Hochzeit von Charles und Camilla vorgesehen..

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: