Der moderne Mensch bedrohte Neandertaler – Vom „Inselaffen“ zum „Präsidenten“

Das größte Übel: Der moderne Mensch bedrohte Neandertaler – Anthropologie – FOCUS Online – Nachrichten.

Der Weg, auf dem der „moderne Mensch“ den Neandertaler überholt hat, war mir klar, als die Ergebnisse der Genetik und der experimentellen Archäologie erstmals übereinstimmten. – Die „Sintflut“ war eine Art „optischer Täuschung“, die auf einem Anstieg des Meeresspiegels beruhte und eine Population von 10.000 bis 20.000 Neandertalern auf einer Insel isolierte. Wie in der Arche Noah „überlebten“ nur die Tiere, die der Mensch in seiner isolierten Umgebung vorfand. – Die größte Unstimmigkeit derbiblischen Geschichte besteht nämlich im Fehlen der Pflanzen auf der Arche Noah. – Wie dem auch sei, wasw jetzt in der Presse Schlagzeielen macht, hatte ich bereits vor rund 10 Jahren detailliert dargelegt

„(…)Freilich lassen sich für die von mir hier aufgestellte These kaum direkte Beweise finden:

An den Wänden der Höhlen von Shanidar, Mugharet es-Skhul, Mugharet et-Tabun oder anderen gibt es außer den „Lichtwesen“, die der Fackelschein spontan an die Höhlenwand zaubert, – nichts.

Der Neandertaler hat zwar Anhaltspunkte für Zeremonien hinterlassen, darunter sind allerdings keine, die man als Beschwichtigungsritual gegen- über den Geistern und Göttern deuten könnte.

Allerdings auch nichts, was darauf hindeuten könnte, daß die Neandertaler Ahnen, Geister oder Götter angerufen hätten, den nächsten Jagdzug erfolgreich sein zu lassen. Ihre Kultstätten geben uns keinen Hinweis auf derartige Zauberrituale.

Erst bei Crô-Magnon waren sie gang und gäbe und sind noch heute welt- weit verbreitet. Selbst das Christentum kennt diesen Zauber: Beim Va- terunser kommt erst einmal das Signal der Bereitschaft zur Unterwerfung:

„Dein Reich komme, Dein Wille geschehe…auch auf Erden.“ – Ein deut- licher Hinweis, daß der Mensch die Unterwerfung unter die Herrschaft Gottes erst in einer ungewissen Zukunft in Aussicht stellt. Und dann kommt der Forderungskatalog:

„Unser täglich Brot gib uns heute! Und vergib uns unsere Schuld!“

Darauf folgt die Stelle des Vaterunser, an der der Mensch seine Nähe zu

Kain nicht mehr leugnen kann:

„Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!°“ – Die wahren Absichten werden verschleiert. – Der „gottesfürchtige“ Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hat es nach dem 11. September 2001 auf den Punkt gebracht, als er sinngemäß verlautbarte: „Gott mag vergeben, wir nicht.“

Es wird auch gerne übersehen, daß erst nach der Ankündigung der Vergebung die schärfste Forderung folgt: „Und führe uns nicht in Versuchung!“: Es ist das Abschieben der Eigenverantwortung auf eine hö- here Instanz, der man auf der einen Seite vertraut, auf der anderen Seite aber zutraut, Dinge anzuordnen oder zumindest zuzulassen, die man aus eigenem Antrieb wohl nicht tun würde. – Das „sondern erlöse uns von dem Bösen! –Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“! – Beide Sätze sind nicht voneinander zu trennen, den sie beinhalten die bedingungslose Kapitulation vor der Fremdbestimmung, und zwar auch dann, wenn die dadurch ausgelöste eigene Handlung als Unrecht wahrgenommen wird; es wird erwartet, daß die „höchste“ Instanz den Befehl, den man widerwillig befolgt hat, als „Oberster Gerichtsherr“ wieder aufheben wird. – Und zum Schluß des Vaterunser wird dem lie- ben Gott nochmals so richtig Honig um den Bart geschmiert. „Von nun an bis in Ewigkeit.“ – Glauben Sie wirklich, daß der Allmächtige sich auf einen derart durchsichtigen Kuhhandel mit Menschen einläßt?

Alle Opfer, die Göttern, Geistern und Ahnen je dargebracht wurden, dienten nur dem einen Zweck, den Kräften der Natur einen Vertrag auf- zuzwingen: „Wir geben Dir das, von dem wir meinen, daß Du es willst, damit Du das gibst, was wir wollen.“ – In seiner Orientierungslosigkeit überträgt und projiziert der moderne Mensch seinen Drang nach rezipro- kem Verhalten auch auf die Kräfte der Natur. „Do ut des“ – Ich gebe, da- mit Du gibst. Nach des Menschen Vorstellung soll auch im Verhältnis Mensch-Natur, Mensch-Gott das gegenseitige Vertragsverhältnis gelten, das die Juristen mit Synallagma betiteln. Dabei möchte freilich der Mensch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen festlegen, ein Vorhaben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Neandertaler bestatteten ihre Toten auf „Blumenkissen“. Auch heute noch zählen in allen Teilen der Welt Blumen zu den beliebtesten Grabbei- gaben. Seit vermutlich mehr als drei Millionen Jahren hatte es damals schon das blumengeschmückte Abschiedsritual der Hochzeit gegeben.

Die „Braut“ oder der „Bräutigam“ wurde aus den alten sozialen Bindun- gen in den Sozialverband einer Nachbarhorde entlassen, der Trennungs- schmerz durch das Ritual gemindert. Es ist nahezu unausweichlich, daß unsere Vorfahren für den Todesfall ein der Hochzeit ähnliches Ritual entwickelten. Der Verlust eines Kindes ist immer ein Abschied; gleichgültig, ob es zukünftig in einer anderen Horde lebt oder im Jenseits. Die Verhal tensmuster der Brautwerbung und des sozialen Zusammenlebens sind überwiegend neotene Muster, sie leiten sich aus der Mutter-Kind-Beziehung ab. So ist es nun wirklich nicht verwunderlich, wenn die Abschiedsrituale Hochzeit und Bestattung einander ähnlich sind.

Die botanischen Grabbeigaben der Neandertaler zeigen, daß sie sehr fein zu differenzieren vermochten. Es fanden sich nämlich kaum Überreste von Pflanzen in den Höhlengräbern, die eßbare Früchte tragen.

All das läßt die Gedankenwelt der Neandertaler ein wenig erahnen. Sein Sozialverhalten war ganz und gar auf seine Artgenossen abgestimmt. Und, wie bei sozial lebenden Tieren üblich, war die Grundstimmung „freundlich“. An den Reviergrenzen der einzelnen Horden kam es durchaus zu Unstimmigkeiten, aber gewaltsamen Auseinandersetzungen wird man aus dem Weg gegangen sein. Das Prinzip des geringsten Zwangs schrieb auch damals jedem Hordenführer vor, keine Ausfälle bei den eigenen Gefährten zu riskieren.

Ich höre Widerspruch: Nach gängiger Lehrmeinung war dem Neandertaler als „Vormenschen“ jeglicher moralische Impetus fremd, er schwang die Keule und klopfte blind auf Steinen herum. Er beschwor keine Geister und Götter, brachte ihnen keine Opfer dar, weil ihm der für die Entwicklung entsprechender Vorstellungen erforderlich Intelligenzgrad abgesprochen wird. Deswegen gilt er nach wie vor als ein Wesen, dem menschli- che Regungen und moralische Grundsätze fremd sind.

Nach der hier vertretenen Auffassung brauchte der Neandertaler die Ri- tuale des „modernen“ Menschen nicht. Es war ihm noch möglich, auf die sozialen Signale seiner Mitmenschen instinktiv zu reagieren. Zumindest innerhalb der eigenen Gruppe wird er auf Weinen und andere Signale der Hilflosigkeit so reagiert haben, wie der Brutpflegetrieb es vorschrieb.

Ich will gar nicht bestreiten, daß es unmöglich wäre, dem Neandertaler die Begriffe Recht und Moral zu erläutern. Aber nicht aus dem Grund, der immer dafür angeführt wird, nämlich dessen „Dummheit“. Wenn er Recht und Moral nicht kannte, dann nur deshalb, weil er weder das eine noch das andere brauchte. Aus diesem Grunde hatte er es auch nicht nötig, die höheren Instanzen der Moral, nämlich die jeweils „zuständigen“ Geister, Götter und Dämonen anzurufen oder zu beschwichtigen. – Den freundlichen und fröhlichen Menschen aus dem Neandertal zu unterstellen, dumm und brutal gewesen zu sein, geht zu weit, offenbart im Gegenzug die Dummheit und die maßlose Überheblichkeit des „modernen“ Menschen.

Neandertaler hätten nie in Millionenstädten leben können. Sie kannten die zehn Gebote nicht; das Bürgerliche Gesetzbuch wäre ihnen so fremd vorgekommen wie die Zwölftafelgesetze Roms. Eine Gesetzgebung, sei sie göttlicher, sei sie menschlicher Natur, – die gab es im Neandertal nicht. Gesetze hatten die Neandertaler nicht, weil sie überflüssig gewesen wären. Diese Prothesen brauchte man nicht:

Der Kernbereich des BGB, die Zwölftafelgesetze und auch der Dekalog haben ihren natürlichen Ursprung tief im sogenannten limbischen System des Gehirns. Das wiederum ist merkwürdigerweise der entwicklungsgeschichtlich älteste Hirnbereich. Wir teilen ihn nicht nur mit Schafen, Wölfen und Walen, wir teilen ihn auch mit Gänsen, Krähen, Krokodilen und Haien. Im limbischen System sitzt bei sozial lebenden Tieren das biologi- sche „Sozialministerium“. Aber auch das natürliche „Justizministerium“ hat hier seinen Sitz. Deren Funktionsfähigkeit ist bei uns freilich erheblich beeinträchtigt. Beim Neandertaler war das wie gesagt noch anders.

Der Neandertaler war, wie seine und unsere bis dahin aufgetretenen Vorfahren Bestandteil seiner Umwelt, er war in sie eingebunden.

Demgegenüber ist der „moderne“ Mensch blind geworden für seine Le- bensgrundlage, nämlich den Planeten Erde. Spätestens seit der Mensch sich anschickte, „den Weltraum zu erobern“, hat er die Bodenhaftung, sei- ne Anbindung an den Planeten und seinen Respekt, seine Skrupel gegen- über dem Planeten und seinen Mitgeschöpfen offenbar vollends verloren.

– Für die Worte „Respekt“ und „Skrupel“ benutzten die Römer ein und dasselbe Wort: „religio“. In diesem Wort vereinen sich das lateinische re = „zurück“ und ligare = binden. Die religio eines Pferdes ist das Zaum- zeug. Der Glaube an die „Machbarkeit“ aller menschlichen Vorstellungen bis hin zur Besiedlung fremder Planeten und zum Klonen von Menschen offenbart die Zügellosigkeit des Menschen, die ihm immer wieder zum Verhängnis wird. Bei aller zur Schau getragenen Religiosität: Von religio ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Der Mensch ist in Opposition zu seiner Natur und dem freundlichen Wesen seiner Ahnen gegangen.

Den kleinen Ausflug in die Gefühls- und Gedankenwelt des Neanderta- lers wollen wir damit beenden. Er hatte durchaus etwas Romantisches an sich, und wer je Latein gelernt hat, fühlt sich an die Verse Ovids erinnert, mit der dieser die Beschreibung des ersten, des goldenen Zeitalters einleitet:

Aurea prima sata est aetas quae vindice nullo

Sponte sua sine lege fidem rectumque colebat

Poena metusque aberant nec verba minantia fixo

Aere ligabantur nec supplex turba timebat

Judicis ora sui sed erant sine judice tuti

(Und es entstand die erste, die goldene Zeit: ohne Rächer, Ohne Gesetz, von selber bewahrte man Treue und Anstand. Strafe und Angst waren fern; kein Text von drohenden Worten stand an den Wänden auf Tafeln von Erz; es fürchtete keine flehende Schar ihren Richter: man war ohne Rächer gesichert).

Diese Worte dürfte sich Ovid kaum aus den Fingern gesogen haben. Wahrscheinlicher ist, daß er sie uralten Erzählungen und Märchen ent- nommen hat, die man sich auch im antiken Rom erzählte. Bislang konnte ich keine Parallele zu dieser Geschichte finden, aber einen deutlichen Hinweis auf ein seit Urzeiten bestehendes globales Handels- und Informationsnetz. In der den obigen Versen vorangehenden Schöpfungsgeschichte beschreibt Ovid nicht nur genau die Kugelgestalt der Erde, er gibt auch die fünf Klimazonen von Pol zu Pol exakt wider. Woher sollte Ovid das wissen, wenn nicht aus Erzählungen. Die Beschreibung der fünf Klima- zonen finden Sie übrigens auch bei Cicero:

Obgleich ich dies bewundere, lenke ich dennoch meine Augen immer wieder auf die Erde zurück. Da sagte Africanus: “Ich merke, du betrach- test auch jetzt Heimat und Wohnsitz der Menschen; wenn dir dieser, wie er in Wirklichkeit ist, klein erscheint, dann sollst du immer das himmli- sche Geschehen da schauen, jenes menschliche aber verachten. Denn welche Berühmtheit im Munde der Menschen oder welchen erstrebens- werten Ruhm kannst du gewinnen? Du siehst, man wohnt auf der Erde nur an seltenen und begrenzten Orten, und selbst auf den Flecken sozusagen, wo man wohnt, liegen weite Einöden dazwischen; die Bewohner sind nicht nur so getrennt, daß nichts unter ihnen selber von einem zum anderen gelangen kann, sondern teils stehen sie für euch da als Gegenbewohner, teils als Nebenbewohner, teils sogar als Antipoden. Von die- sen aber könnt ihr sicherlich keinerlei Ruhm erwarten.

Du siehst aber eben diese Erde gleichsam mit einigen Gürteln umwunden und umgeben, von denen du die zwei am meisten von einander entgegen- gesetzten und auf die Himmelspole von beiden Seiten her gestützten im Frost erstarrt erblickst, jenen mittleren aber und größten von der Glut der Sonn ausgedörrt. Zwei sind bewohnbar, von denen jener südliche, dessen Bewohner euch entgegengesetzt die Spuren setzen, nichts mit eue- rem Geschlecht zu tun hat; dieser andere aber da, nach dem Norden ge- legen, den ihr bewohnt, sieh, in welch schmalem Streifen er zu euch in Beziehung steht! Die ganze Erde nämlich, die von euch bewohnt wird, eng nach den Polen hin, nach den Seiten zu breiter, ist eine Art kleiner Insel, umflossen von jenem Meer, das ihr Atlantik, das ihr groß, das ihr Ozean nennt auf Erden, der wie du siehst, trotz seines gewaltigen Na mens dennoch klein ist.

Auch hier haben wir den Hinweis auf ein seit unvordenklichen Zeiten be- stehendes weltweites Handelsnetz. Durch die Entstehung der Staaten und Reiche war dieses freilich erheblich gestört worden. Ein weltumspannen- des Handelsnetz ohne internationale Gerichtsbarkeit. Menschen, die kenen Richter brauchten, wahrlich ein goldenes Zeitalter, selbst dann, wenn es von Dichtern und Berichterstattern romantisch verklärt wurde.

Neben dem romantischen Aspekt hat die Verlagerung des Goldenen Zeit- alters ins Neandertal etwas knallhart Physikalisches. Denn die instinktive Bindung eines Lebewesens an seinen Sozial- und Sexualpartner folgt dem Prinzip des geringsten Zwangs. Das Romantische folgt allein daraus, daß uns die Handlungsimpulse nicht gänzlich abhanden gekommen sind. Sie haben sich bei den meisten von uns bis auf den heutigen Tag erhalten. Leider, so muß man es wohl sagen, nicht mehr zwingend.

Das wiederum ist es, was den Menschen als von der Natur abgehoben erscheinen läßt. Er hat seine Anbindung an die eigene Natur verloren. Und das ist gewiß kein Fortschritt.

Der Abbau der sozialen Instinkte und der Verlust der Tötungshemmung gegenüber dem Sozialpartner führten aber auch zur Aufhebung der Grenzen des Menschen zu seinen Jagdobjekten. Er ist in der Lage, Tiere an sich zu binden, ihnen Namen zu geben, sie aufzupäppeln und anschlie- ßend umzubringen. Der Vollzug von Menschenopfer und Todesstrafe haben hier ebenfalls ihren Ursprung.

– Egal, wo man im übrigen Tierreich hinschaut, bei sozial lebenden Organismen ist die Bindung an den Sozialpartner so fest, daß diesem unter normalen Bedingungen kein Haar gekrümmt wird. In aller Regel gibt es ein Alpha-Tier, an dessen Verhalten sich alle anderen Mitglieder der Gemeinschaft orientieren und das für Ruhe innerhalb des Rudels, der Schar oder der Herde sorgt. – Beim „modernen“ Menschen fehlt diese Bindung, die „Autorität“ ist gespalten und damit hebt sich der Vorhang für der Tragödie zweiten Teil, nämlich für die Suche nach eindeutiger Autori- tät, die auch in der Ära des Internet immer noch andauert. – Aber die Diskussion dieses Problems steht ganz am Ende unserer Reise, ich will sie hier nicht vorwegnehmen.

Die geschriebene Geschichte umfaßt wenig mehr als hundert Menschenal- ter. Die Geschichte der Bewohner von Bottleneck überstreicht gut und gerne 1000 Menschenalter. – Eintausend Menschenalter, Zeit genug, sein Aussehen so zu verändern, daß einen die anderen nicht wiedererkennen. Zeit genug, um nach dem Ende der Sintflut als Crô-Magnon wie aus dem Nichts aufzutauchen.

Vor 70.000 setzte die bislang letzte Eiszeit ein. Der Meeresspiegel begann zu sinken. Allmählich fiel damit auch der geflutete Bereich zwischen Bottleneck und Afrika wieder trocken.

Cro-Magnon wartete allerdings nicht bis zu dem Tag, an dem er den Weg zu Fuß zurücklegen konnte. Er kam vorher, denn er verfügte über eine Er- findung, die ihn befähigte, auch das kleinste und entlegenste Archipel zu besiedeln. Diese Erfindung wird wohl als so selbstverständlich angesehen, daß ich sie in keiner Zeittafel der menschlichen Kulturgeschichte gefun- den habe. Es handelt sich um das Boot. Es ist tatsächlich so selbstver- ständlich, daß es selbst den großen Entdeckern nicht einmal auffiel. Und nicht einmal Ihnen ist aufgefallen, das es dazu dienen kann, eine Reise durch die Zeit zu unternehmen. Wo immer Columbus, Captain Cook und alle anderen auch hinkamen, das Boot war schon da. Wie selbstverständ- lich benutzten die Ureinwohner die Wasserwege. Die Erklärung dafür liegt auf der Hand. Das Boot war es, das die ersten Crô-Magnon von ihrer Insel forttrug. Die Arche Noah stellt damit lediglich ein Symbol für den Weg dar, den die heutige Menschheit nahm, und der ihr Inseldasein been- den sollte.

Welcher Umstand aber führte zur Erfindung des Boots? – Zwei Szenarien sind denkbar:

Erstens: Mit dem allmählichen Absinken von Temperatur und Meeress- piegel änderten sich Wasserflora und -fauna. Fische, die unseren Vorfah- ren als Nahrung dienten, verschwanden aus den ufernahen Gewässern, so daß sie schwerer zu erreichen waren. Daß Holz schwimmt, dürfte auch den damaligen Menschen bekannt gewesen sein. Sobald das Bedürfnis entstanden war, sich weiter auf das Wasser hinauszuwagen, um an begehrte Nahrungsmittel zu gelangen, lag die Erfindung entsprechender Hilfsmittel geradezu in der Luft.

Zweitens: Mit dem Ansteigen des Meeresspiegels vergrößerte sich der scheinbare Abstand zwischen Insel und Festland. Die Erdkrümmung sorgte ab einem gewissen Wasserstand für das Abreißen der Sichtverbindung; scheinbar war das Festland hinter dem Horizont verschwunden. Das Ab- sinken des Meeresspiegels bewirkte den umgekehrten Effekt: das Festland geriet wieder ins Blickfeld der Menschen. Und da wollten sie hin und begannen, einen Weg zu suchen und erfanden das Boot. Das wäre ein steinzeitliches Analogon zur Raumfahrt.

Mir persönlich erscheint die erstgenannte Alternative plausibler. Crô-Ma- gnon dürfte sich angesichts der eingetretenen „Klimakatastrophe“ wenig für Steinzeit-Science-Fiction interessiert haben. Von der Klimaverände- rung waren schließlich nicht nur Meeresflora und -fauna betroffen, sondern auch die ihm als Nahrung dienenden Landpflanzen und -tiere. Es wird schließlich wieder einmal eine Verknappung der Ressourcen gewesen sein, die den Menschen dazu bewog, weit vom Ufer entfernt auf Nahrungssuche zu gehen.

Möglicherweise ist es an der Zeit, das sagenumwobene Atlantis ins Spiel zu bringen. Atlantis soll im Meer verschwunden sein und unermeßlich reich gewesen sein. Atlantis und die Sintflut – zwei Aspekte derselben Geschichte?

Tatsache ist, daß die ersten Crô-Magnon, die von Bottleneck das Festland erreichten, jenen Reichtum wiederfanden, den ihnen möglicherweise die Sage verheißen hatte:

Der Zeitpunkt der zweiten Bevölkerungsexplosion war unausweichlich gekommen. Im Gegensatz zur ersten erfaßte diese innerhalb kurzer Zeit tatsächlich den ganzen Planeten. Das wiederum ist die unausweichliche Konsequenz der logistischen Funktion, die den „modernen“ Menschen mit seinen Booten in alle Lebensräume preßte, in denen er Nahrung finden kann. Aus diesem Grunde bleibt ihm allein die Antarktis als Lebensraum verschlossen. – Da gibt es für ihn nichts zu holen.

Mit der Ankunft der ersten Crô-Magnon bekam der Neandertaler ein Problem, nämlich das Exozooenproblem: gelangen Organismen in einen Lebensraum, in dem sie keine „natürlichen Feinde“ haben, breiten sie sich explosionsartig aus. Der Neandertaler, das zeigt sein Aussterben, hatte Crô-Magnon nichts entgegenzusetzen. Unter Zuhilfenahme der aus der geschriebenen Geschichte bekannten Muster lassen wir den Film einmal ablaufen:

Das Wasser wich, die Sintflut hatte ihr Ende. Land war in Sicht, und man konnte es erreichen, bevor die Landverbindung endgültig wie- derhergestellt war.

Als die ersten „modernen“ Menschen das Festland erreichten, war das Schicksal des „klassischen“ Neandertalers, des letzten wirklichen Men- schen besiegelt. Ich benutze das Wort „wirklich“ ganz bewußt, denn der Neandertaler war, wie wir gesehen haben, noch instinktmäßig mit seiner Umwelt und seinen Mitmenschen verbunden.

Im Neandertal, das können sie mir glauben, ging es damals fröhlicher zu als heute. Eines Tages freilich muß den Ureinwohnern das Lachen im Halse stecken geblieben sein: spätestens an dem Tag, als sie durch den

„modernen“ Menschen „entdeckt“ wurden. Denn für die plattgesichtigen Neuankömmlinge dürften Neandertaler keinen höheren Stellenwert genos- sen haben als Pygmäen für die belgische Kolonialverwaltung: Pygmäen galten bis in die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts für deren Beamte als zur „Fauna des Waldes“ gehörig. Der Neandertaler als „Raub- tier“, – eine etwas ungewöhnliche, aber nicht unrealistische Vorstellung. Man denke nur an das Schicksal der Indianer und das der Aborigines Australiens.

Damit aber nicht genug. Die Abenteurer, die sich als erste in Richtung Neuland aufmachten, wußten von geradezu unermeßlichem Reichtum zu berichten. Neandertaler waren reiche Leute, und sie waren faul: War man selbst doch gezwungen, aus einem Pfund Feuerstein oder vergleichbarem Material mühselig zwölf Meter Klingenlänge herauszuarbeiten, gingen Neandertaler geradezu verschwenderisch mit dem Material um. Sie be- gnügten sich mit einem Meter Klingenlänge. Ihre Steinwerkzeuge waren groß. Folglich gönnten sich Neandertaler den Luxus, den Rohstoff für elf Meter Klingenlänge einfach mit sich herumzutragen. Und sie hatten ihren Werkzeugkasten in atemberaubend kurzer Zeit gefüllt. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten.

Wie erlangt man in einer solchen Situation das Objekt seiner Begierde? – Der „moderne“ Mensch hatte damals nicht einmal Glasperlen, die er den „primitiven“ Neandertalern zum vermeintlichen „Tausch“ hätte anbieten können. Sein handwerkliches Können war bei Neandertalern nicht unbe- dingt gefragt. Die „Gaumenfreuden“ der Insel dürften auch nur bei Lieb- habern exotischer Genüsse Anklang gefunden haben. Wie, ich wiederhole die Frage, kommt man an die begehrten Objekte? – Die geschriebene Ge- schichte und die Archive der Justiz in aller Welt geben die Antwort: Dinge, die ein anderer nicht ohne Gegenleistung hergeben will, wechseln häufig gewaltsam den Besitzer.

Es dauerte seine Zeit, bis sich die Sage vom „Eldorado“ der Vorzeit her- umgesprochen hatte. Geraubte oder getauschte „Importe“ vom Festland ließen mehr Kinder erwachsen werden als vergangene Zeitalter.

Bibel, Völkerwanderung, Wikingerzüge und erst recht die „Besiedlung“ Amerikas lassen erahnen, was dann geschah: Man nahm Sack und Pack, Kind und Federvieh, bestieg den Einbaum und zog ins prähistorische Gelobte Land.

Unsere Vorväter und -mütter breiteten sich mit zunehmender Geschwindigkeit über den Planeten aus. Es wäre lebensfremd anzunehmen, daß es zu keinen Vermischungen der Varianten gekommen wäre. Wenn eine Ne- andertalerfrau an einem Crô-Magnon Gefallen fand, wird sie sich ihm nicht verweigert haben. Ebenso konnte ein Crô-Magnon – Mädchen, das sich in einen Neandertaler verliebt hatte, sich auch durch strengste Strafen nicht davon abhalten lassen, mit einem Neandertaler das Lager zu teilen. Dummerweise werden die Mischlinge eher in den Horden der Neanderta- ler Aufnahme gefunden haben als in den Horden der Crô-Magnon. Auf- grund ihrer instinktiven Reaktion konnten Nenadertaler wohl nicht anders, als die Kinder der Fremden anzunehmen, sie konnten wohl auch nicht anders, als die Frauen wieder aufzunehmen, die in den Horden der „Plattgesichter“ nicht willkommen waren. – Ähnliche Verhaltensmuster gibt es heute noch. Sie traten vor allem in Südafrika und in den Südstaaten der USA auf; sie traten auch als Folge der nationalsozialistischen Rassegeset- ze auf. Noch heute leben in Deutschland, Japan und Vietnam Mischlinge, die man „Besatzungskinder“ nennt und deren Väter sich getrollt haben. Und noch heute werden in Norwegen Kinder von deutschen Besatzungs- soldaten diskriminiert.– Die geschriebene Geschichte ist aber auch voll davon, daß solche Kinder oft auch Kinder der Gewalt und nicht der Liebe sind.

Nach rund fünfzigtausend Jahren ungebremster Ausbreitung wurde für eine Daseinsweise als Jäger und Sammler der Platz knapp. – Historiker beschreiben diesen Vorgang als Seßhaftwerdung oder „neolithische Revolution“. Geschichtslehrer und Geschichtsbücher tradieren seit eh und je, der Prozeß der „Seßhaftwerdung“ hätte sich vor rund 8000 Jahren erstmals in Mesopotamien vollzogen. Zwischen Mesopotamien und den frü- hen Metropolen auf dem amerikanischen Kontinent liegen rund 8.000 Ki- lometer; aber auch in Amerika gab es schon vor Jahrtausenden Völker, die nicht nur seßhaft waren, sondern vielmehr Staaten bildeten; – wie auf dem „alten“ Kontinent. Die Frage nach dem „Warum“ ließen meine Ge- schichtslehrer unbeantwortet. Auch die von mir zu Rate gezogenen Bü- cher ließen die Antwort auf diese Frage offen. Es mag jemanden geben, der eine Antwort weiß, die plausibler ist als meine Vermutung:

Die seßhafte Lebensweise begünstigte in Verbindung mit der Verkümme- rung der sozialen Instinkte die Entstehung von Gemeinschaften, deren Größe über die der ursprünglichen Horde ( ca. 25 bis 50 Individuen) hin- ausreichte. Es liegt auf der Hand, daß die ärgsten „Sozialkrüppel“ in die Anführerpositionen drängten. Ohne Skrupel mordet sich leichter, der „Ne- benbuhler“ wird auf Dauer ausgeschaltet. Das schindet Eindruck bei niederen sozialen Rängen. Die Vorstellung von der Göttlichkeit des Herrschers breitete sich in den Köpfen der Menschen aus. Die Erfüllung der Begierden Einzelner wurde kollektiviert; – Das Zeitalter der Kriege be- gann; und es ist noch lange nicht zuende.

Ähnlich sah es in der „neuen Welt“ aus. Das Plündern und Morden war auch dort vor Kolumbus an der Tagesordnung. Eroberungen zu Lande wa- ren auch jenseits des Atlantiks keine Seltenheit. Die Vorstellung einer Per- sonalunion von Herrscher und Gott war auch den frühen Hochkulturen Mittelamerikas nicht fremd.

Und noch heute umgibt der Nimbus des Göttlichen die „Mächtigen“ dieser Welt. Die markantesten Beispiele für diesen Nimbus sind Caesar, Lincoln und Kennedy. Sie wurden jeweils auf dem Höhepunkt ihrer Macht „ins Jenseits befördert“. – Allein schon die Verwendung dieses Begriffes in Verbindung mit den Namen ruft unwillkürlich einen unheimlichen Widerwillen hervor. Dabei fand tatsächlich nichts anderes statt, was Alltag in dieser Welt ist. Ein Mensch wurde erstochen oder erschossen.

Der Weg führte vom Herrschergott über das Gottesgnadentum zu den „Sonnenkönigen“ auf Zeit, die je nach Verfassung des Staates Präsident, Prmierminister, Kanzler oder Ministerpräsident genannt werden.“

Dieser Text enthält wegen des Alters des Urtextes keine Quellenangaben. Der Text kann – mit Quellenangaben hier nachgelesen werden, und zwar ab Seite 188

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