Der kleine „Law&Order-Knigge“

August 27, 2013

Der kleine „Law & Order“ – Knigge

Gestaltet von Adolph Freiherr Knigge, Gottfried Wilhelm Leibniz, Ernst Moritz Arndt und Friedrich Schiller.

Zusammengestellt und kurz kommentiert von Gerhard Altenhoff

laworderknigge (PDF)

Mit Adolph Freiherr Knigge verbindet auch Otto-Normaljurist gewisse Benimmreglen, die sich mehr oder weniger auf das Betragen am gedeckten Tisch oder auf dem Tanzboden beschränken. – Am gedeckten Tisch kann es ja schließlich zu Situationen kommen, die einem von Loriot entworfenen Sketch nahekommen könnten:

Einst speiste ich mit dem Benediktinerprälaten aus I*** bei Hofe in H***; man hatte dem dicken, hochwürdigen Herrn den Ehrenplatz neben Ihro Hoheit der Fürstin gegeben; vor ihm lag ein großer Ragoutlöffel zum Vorlegen: er glaubte aber, dieser größere Löffel sei ihm zur besonderen Ehre zu seinem Gebrauche dahingelegt, und um zu zeigen, daß er wohl wisse, was die Höflichkeit erfordert, bat er die Prinzessin ehrerbietig, sie möchte sich doch statt seiner des Löffels bedienen, der freilich viel zu groß war, um in ihr kleines Mäulchen zu passen. (Adolph Freiherr Knigge, Über den Umgang mit Menschen, 5.Auflage, Leipzig 1989, S. 17)

Aber die Einhaltung der „Höflichkeit“ bei Tische, das war nicht die Intention Knigges bei Abfassung seines Werks: Über den Umgang mit Menschen. – Sie war eine gänzlich andere; – und Knigges geistigen Nachlaß finden wir heute in Artikel 1 des Grundgesetzes, nämlich die Menschenwürde:

Im Kapitel Über den Umgang mit den Geringern schreibt Knigge (3. Teil 2. Kapitel)

Im siebenten Kapitel des zweiten Teils dieses Werks habe ich von dem Betragen des Herrn gegen den Diener und von den Pflichten geredet, welche der Vornehmere auf sich hat, denen, die vom Schicksale bestimmt sind, in Unterwürfigkeit zu leben, ihr Dasein leicht und süß zu machen. Ich verweise also zuerst die Leser dahin und füge hier nur noch einige Regeln für den Umgang mit solchen Personen hinzu, die zwar nicht in unseren Diensten, aber doch der Geburt, dem Vermögen oder andereren bürgerlichen Verhältnissen nach tiefer wie wir stehen.

Man sei höflich und freundlich gegen solche Leute, denen das Glück nicht gerade eine so reichliche Summe nichtiger, zeitiger Vorteile zugeworfen hat wie uns, und ehre das wahre Verdienst, den echten Wert des Menschen auch im niederen Stande! Man sei nicht, wie die mehrsten Vornehmen und Reichen, etwa nur dann herablassend gegen Leute von geringerem Stande, wenn man ihrer bedarf, da man sie hingegen verabsäumt oder ihnen übermütig begegnet, sobald man ihrer entbehren kann! Man vernachlässige nicht, sobald ein Größerer gegenwärtig ist, den Mann, den man unter vier Augen mit Freundschaft und Vertraulichkeit behandelt, schäme sich nicht, den Mann vor der Welt zu ehren, der Achtung verdient, möchte er auch weder Rang, noch Geld noch Titel führen! Man ziehe aber nicht die niedern Klassen bloß aus Eigennutz und Eitelkeit vor, um die Stimme des Volkes auf unsre Seite zu bringen; um als ein lieber, leutseliger Herr gepriesen und über andre erhoben zu werden! Man wähle nicht vorzüglich den Umgang mit Leuten von gemeiner Erziehung, um etwa in diesen Zirkeln mehr geehrt, mehr geschmeichelt zu werden, und glaube nicht, daß man populär und natürlch sei, wenn man die Sitten des Pöbels nachahmt! Man sei nicht lediglich darum freundlich gegen die Geringeren, um irgendeinen Höheren im Range zu demütigen, nicht aus Stolz herablassend, um desto mehr geehrt zu werden, sondern überall aus reiner redlicher Absicht, aus richtigen Begriffen von Adel und aus Gefühl von Gerechtigkeit, die über alle zufällige Verhältnissse hinaus in dem Menschen nur den Wert schätzt, den er als Mensch hat!” (Adolph Freiherr Knigge, Über den Umgang mit Menschen, 5.Auflage, Leipzig 1989, S. 236f)

In Blick in die europäische Geschichte seit der französischen Revolution und in die globale Gegewart lehrt, daß sich der Staat nach wie vor mit der Achtung der Menschenwürde mehr als schwertut. Von den Amerika bis Zimbabwe, von Afghanistan bis Zairer – In aller Welt haben “nationale Sicherheit” bzw. die “Staatssicherheit” Vorrang vor den Menschenrechten, die schließlich die Menschenwürde konkretisieren und ihr ein handhabbares Antlitz verleihen.

Ich hatte immer gedacht, es wäre die erschreckendste Erkenntis meines Lebens, ein „furchtbarer Jurist“ zu sein, nämlich einer, dessen Ausbildung und „Vorbereitung auf das Richteramt“ bis hin zum Erlangen der „Befähigung zum Richteramt“ sich von der eines Roland Freisler (ehemals Präsident des Volksgerichtshofs) nicht grundsätzlich unterschieden hatte – weder formal noch inhaltlich.

Als das Bundesverfassungsgericht dem Schröder die „Fahnenflucht“ ermöglicht hatte ( BVerfG, 2 BvE 4/05 vom 25.8.2005, Absatz-Nr. (1 – 243), http://www.bverfg.de/entscheidungen/es20050825_2bve000405.html ), dachte ich blitzartig: „Man müßte sich eigentlich schämen, Jurist zu sein“.

In der Folgezeit mehrten sich die Anzeichen, daß dieser Gedanke richtig war.

Furchtbare Juristen – die unbewältigte Vergangenheit unserer Justiz“ – so betitelte Ingo Müller sein Buch über die Geschichte der deutschen Justiz von Anbeginn des Untergangs der Weimarer Republik bis zum untauglichen Versuch, die Justiz des „Dritten Reichs“ jurisitsch aufzuarbeiten.

Ich hatte das ungute Gefühl, das mich beschlichen hatte, als nach dem 11. September 2001 der „furchtbare Jurist“ wie der legendäre Todesstern Nemesis am westlichen Horizont auftauchte, nicht ernst genommen. Erst nach und nach wurde mir klar, daß ich zu einer Variante des Homo Sapiens gehöre, die sich tagtäglich des Verrats an der eigenen Sache schuldig macht. Justitias Hohepriester in den Vereinigten Staaten von Amerika huldigten einer neuen Form der Monotheismus. Widerspruchslos unterwarfen sich die gesetzgebende und vor allem die rechtsprechende Gewalt dem Willen des Präsidenten der Vereinigten Staaten und dessen Junta. – Unbefristeter Freiheitsentzug ohne Anklage und Rechtsbeistand, Möglichkeit der Folter, Begründung der Zuständigkeit von Militärgerichten für Nichtangehörige der US-Streitkräfte usw. usw.

Wer kennt die Zahl der Unschuldigen, die heute noch in Guantanamo und anderen Verliesen der US-Sonderjustiz für die bösen Gedanken im Kopf eines George W. Bush büßen müssen? – Das Bild vom furchtbaren Juristen begann sich zu verdichten, freilich ohne konkrete, begriffliche Formen anzunehmen.

Als Hohepriester Justitias hatten wir spätesten ausgedient, als mir Anfang November 2008 die Gedanken des Augustinus über „Staat“ und „Gerechtigkeit“ mehr oder weniger „zufällig“ über den Weg liefen:

Hier ist nun der Platz, kurz und klar auszuführen, was ich oben auszuführen versprochen haben, daß nämlich nach den Begriffsbestimmungen, die Scipio in Ciceros Schrift über den Staat (Cic. rp. 2, 42ff) gebraucht, Rom nie ein Staat gewesen ist. Denn er bestimmt in Kürze den Begriff des Staates dahin, daß er Sache des Volkes sei. Ist diese Bestimmung richtig, so ist das römische Reich nie ein Staat gewesen, weil es nie die Sache des Volks gewesen ist, was ja dn Begriff des Staates ausmachen soll. Denn Volk nennt er eine Vereinigung von Menschen, die durch Übereinstimmung des Rechts und durch Gemeinschaft des Nutzens in sich selbst verbunden ist. Was er aber unter Übereinstimmung des Rechts versteht, das erklärt er im Verfolg der Auseinanderset­zung, indem er zeigt, daß ohne Gerechtigkeit ein Staatswesen nicht geführt werden könne. Wo also keine wahre Gerechtigkeit ist, kann auch kein Recht sein. Denn was nach Recht geschieht, das geschieht doch gerecht; was aber ungerecht geschieht, kann nicht nach Recht geschehen. Denn als Recht kann man nicht irgendwelche schlechte Bestimmung im Menschen gelten lassen und bezeichnen, da ja Recht nur sein soll, was aus dem Quell der Gerechtigkeit geflossen ist; und es ist falsch, was gewisse Leute zu sagen pflegen, die kein Gefühl für Recht besitzen, das nämlich sei Recht, das dem von Nutzen, der der Stärkere ist. Wo also keine wahre Gerechtigkeit ist, kann auch keine durch Übereinstimmung des Rechts verbundene Gemeinschaft der Menschen sein und also auch kein Volk nach jener Begriffsbestimmung des Scipio bei Cicero. Und wo kein Volk, da ist auch keine Sache des Volkes, sondern irgendeiner Menge, die des Namens Volk nicht würdig ist; da es ferner kein Recht gibt, wo keine Gerechtigkeit, so kann also, wo keine Gerechtigkeit, auch kein Staat sein. Gerechtigkeit ist ferner die Tugend, die jedem das Seinige gibt. Was aber ist das für eine Gerechtigkeit beim Menschen, die eben diesen Menschen den wahren Gott entzieht und ihn unreinen Teufeln unterstellt? Heißt das, jedem das Seinige zu geben? Ist doch ungerecht, wer ein Grundstück dem nimmt, der es gekauft hat, und es dem gibt, der kein Recht darauf hat: kann da der gerecht sein, der sich selbst die Herrschaft Gottes,d er ihn geschaffen hat, entzieht und bösen Geistern dient?

Sehr scharf und deutlich genug wird in jenen Büchern über den Staat für die Gerechtigkeit eingetreten wider die Ungerechtigkeit. Darin wird zunächst die Sache der Ungerechtigkeit wider die Gerechtigkeit verfochten und ausgeführt, ein Staatswesen könne nur durch Ungerechtigkeit bestehen und geleitet werden, und dies damit scheinbar sehr stark begründet, daß es ungerecht sei, wenn Menschen herrschenden Menschen dienen müssen, daß aber ein herrschgewaltiger Staat solche Ungerechtigkeit befolgen müsse, wolle er über seine Provinzen herrschen. Und es wird darauf zugunsten der Gerechtigkeit erwidert, das eben sei gerecht, weil es nämlich solchen Menschen nützlich sei zu dienen und eine solche Knechtschaft ihnen nur zum vorteil sei, wenn sie recht geschieht, das heißt, wenn damit den bösen die Möglichkeit des Unrechts genommen ist; so nämlich seien sie unterworfen besser daran als in Freiheit. Und dies zu bekräftigen, wird ein aus der Natur genommenes und ganz erlesenes Beispiel angeführt und gesagt: „Warum sonst würde Gott dem Menschen, die Seele dem Leib, die Vernunft der Begierde und den anderen lasterhaften Teilen der Seele gebieten?“ Gewiß wird durch dies Beispiel genügend erwiesen, daß Knechtschaft mitunter nützlich und daß Gott zu dienen immer nützlich ist. Eine Gott dienende Seele gebietet recht dem Leib, und in der Seele selber gebietet eine Gott dem Herrn ergebene Vernunft recht der Begierde und den anderen Leidenschaften. Wo also ein Mensch Gott nicht dient, was kann in ihm noch für Gerechtigkeit gelten? Ohne Gott zu dienen kann ja weder die Seele dem Leib noch die Vernunft den Leidenschaften in Gerechtigkeit gebieten. Und da in einem solchen Menschen keine Gerechtigkeit ist, wie kann sie in einer Vereinigung solcher Menschen sein? Hier also gibt es jene Übereinstimmung des Rechts nicht, die aus der Menschenmenge erst das Volk macht, dessen Sache doch der Staat sein soll. Was soll ich noch vom Nutzen reden, in dessen Gemeinschaft die Menschenmenge verbunden sein soll, daß sie ein Volk sei? Denn achtest du genau, kann doch für solche ein Leben nicht von Nutzen sein, die gottlos leben, wir jeder lebt, der Gott nicht dient, sondern den Teufeln dient, die selbst so gottlos sind, als sie sich, unreinen Geistern, gleich Göttern opfern lassen wollen. Ich glaube, was ich über die Übereinstimmung des Rechts gesagt habe, genügt, um klar zu machen, daß nach dieser Begriffsbestimmung ein Volk, dessen Sache doch der Staat sein soll, nicht sein kann, in dem Gerechtigkeit nicht ist. Man sagt vielleicht, die Römer hätten in ihrem Staat nicht unreinen Geistern, sondern guten und heiligen Göttern gedient. Muß ich so oft und immer wiederholen, was ich schon genug, mehr als genug gesagt? Nur ein Dummkopf oder ein schamlos Streitsüchtiger kann es sein, der mir in diesen Ausführungen so weit gefolgt ist und noch daran zweifeln kann, daß die Römer bösen und unreinen Geistern gedient. (Joseph Bernhardt, Augustinus, Bekenntnisse und Gottesstaat, Stuttgart 1951, S. 325ff)

Das Bild verdichtete sich am Ende soweit, daß der „furchtbare Jurist“ eine Gestalt annahm, die sich anhand von fünf Wochentagen darstellen ließ:

Montags fällt man am Volksgerichtshof Todesurteile wegen Wehrkraftzersetzung. Am Dienstag bringt man Kriegsverbrecher in Nürnberg an den Galgen. Der Mittwoch bleibt der Verkündung von Todesurteilen vorbehalten, die in den Diensträumen der Stasi bereits vorformuliert worden waren. Donnerstags läßt man – mit der Scharia unter dem Arm – vergewaltigte Frauen öffentlich steinigen. Und am Freitag nimmt man offensichtlich begründete Verfassungsbeschwerden nicht zur Entscheidung an und verhängt eine „gesetzlich vorgesehene Mißbrauchsgebühr“ in Höhe von € 500,–.

Der „furchtbare Jurist“ läßt sich also – für jeden Menschen auf dieser Welt erkennbar – eindeutig kennzeichnen.

Weil die Juristenausbildung in aller Welt jeden auf der Welt existierenden Juristen befähigt, morgen früh seinen Dienst am Volksgerichtshof antreten zu können, muß man sich da nicht tatsächlich schämen, Jurist zu sein?

Unser „seliger Adolph“ hat mir dann schließlich gezeigt, daß meine Erkenntnis zwar richtig war, sich aber mangels einschlägiger Erfahrung in den Epochen vor meiner Zeit einstweilen nur skizzenhaft darstellen ließ. – Das macht sie nicht nur erschreckender und bitterer, als sie vorher schon war, Adolph & Adolf lösten gewissermaßen ein juristisches Erdbeben der Stärke 9 aus, dem hoffentlich ein entsprechender juristischer Tsunami folgen möge:

Ich hatte es bereits angedeutet: Bis zum heutigen Tage haben sich Juristen in aller Welt und über alle Revolutionen hinweg den „Mächtigen“ unterworfen und zu willfährigen Dienern der „Macht“ machen lassen. – Sie wurden nicht „mißbraucht“ – wie Wehrpflichtige, die man nach Rußland befohlen hatte, sie haben sich höchst freiwillig mißbrauchen lassen und lassen sich immer noch mißbrauchen! – Wir schauen nach Rußland und sehen die Verfahren gegen Chodorkowski und die „Pussy Riots“. – Man muß schon mit einem weißen Stock in der Gegend herumfuchteln und eine gelbe Binde mit drei schwarzen Punkte tragen um zu übersehen, daß der stalinistische „Schauprozeß“ das Ende der Sowjetunion um mehr als 20 Jahre überlebt hat.

Wir betrachten die Exzesse der „Justiz“ in den USA, wo der „Whistleblower“ Manning glücklich sein muß, daß er „nur“ 35 Jahre hinter Gittern verbringen soll und der Giftspritze knapp entgangen ist.

Was hat der Mann verbrochen?

Er hatte gegen das Schweigegebot verstoßen. – In der Non-Government-Organisation „Mafia“ heißt das Schweigegebot „Omerta“. Die Mafia kennt für den Bruch der „Omerta“ nur eine Sanktion, nämlich den Tod.

Merkwürdig, aber immer, wenn jemand gegen die angeblich demokratisch legitimierte und in irgendwelchen Dienstvorschriften verankerte „Omerta“ verstößt, drehen die vom Steuerzahler finanzierten „Paten“ förmlich durch. Man darf nicht nur, man muß die Frage in den Raum stellen: Warum reagiert ein angeblicher Rechtsstaat wie die USA mit ähnlicher Heftigkeit auf das Brechen der Omerta wie die Mafia?

Bei näherer Betrachtung ist das kein Wunder, denn der „moderne Rechtsstaat“ und das organisierte Verbrechen haben beide ihre Wurzeln im antiken Rom.

Es ist hier nicht der Platz für einen amkribischen Vergleich zwischen dem römischen Senat und der Cosa Nostra, aber schon ein flüchtiger Blick ins Geschichtsbuch ermöglicht den Abgleich zwischen den Verhaltensmustern des „Senats von Rom“, der Mafia und Exekutiv- bzw. Justizorganen der „Demokratie“. – Die Parallelen sind unverkennbar; sie lassen sich nur durch die gemeinsame Wurzel „Senat von Rom“ erklären. Also werfen wir einen Blick auf die „Verfassungswirklichkeit“ der römischen Republik in der Zeit zwischen dem zweiten punischen Krieg und dem augusteischen Principat:

… Die hohen Ämter waren unbezahlte Ehrenstellungen – ein Grund mehr dafür, daß sie nur den Wohlhabenden und Vornehmen zufielen. Die östlichen Reichtümer, aber auch die östlichen Vorstellungen von Kultur und Herrschaftssitte, hoben die Nobilität immer höher und erweiterten die Kluft, die sie von den Regierten trennte. Die Regierten aber bejahten, wie das so zu sein pflegt, instinktiv den Glanz des Höheren. Da nun bestimmte Geldgeschäfte, insbesondere die Staatspachtungen (Einziehung von öffentlichen Einkünften durch Pächter), den Senatoren nicht zugänglich waren, konnte sich eine besondere Schicht von Kapitalisten entwickeln, die den irreführenden Namen „Ritter“ trug. Der Reiterdienst war des kostspieligste, und deshalb gehörten zu den Ritterzenturien die bemitteltsten Bürger; sie widmeten sich nun in erster Linie den neuen Möglichkeiten des Gelderwerbs, verwandt und befreundet selbstverständlich mit dem Amtsadel, vielfach aber infolge von Eifersucht und Reibereien gegen ihn eingenommen. Ausbeutung, Erpressung, Skandalprozesse, Käuflichkeit, die sich bis zu hochverräterischen Beziehungen mit Landesfeinden steigerte, waren leider Erscheinungen, mit denen bald mehr und mehr als mit alltäglichen Mißständen gerechnet wurde. Der Mittelstand der alten Zeit konnte sich dabei nicht halten, ein kleiner Prozentsatz stieg auf zu Reichtum und Einfluß, der Hauptteil sank herab. (…) Das war ein willkommenes Menschenmaterial für ehrgeizige Politiker: ein solcher Patron brauchte dem Arbeitslosen nur etwas Wohnung, Kleidung und Geld zukommen zu lassen, um willfährige Klienten zu haben. Menschenkraft wurde billig; ohne Claque, Stimmvieh und Prügelgarde war schließlich kein Amt mehr zu haben. Als Belohnung gab es Abfütterung, Kornverteilung, Mieterlaß und glänzende Spiele.“ ( V. Valentin, Illustrierte Weltgeschichte I, 1968 S. 142f)

Wenn wir noch näher hinsehen, werden einige Parallelen zur Situation in unserer Republik auffällig, nämlich das Auseinanderfallen von Verfassung und Verfassungswirklichkeit, die Reformunfähigkeit, die eifersüchtige Verteidigung der eigenen Privilegien und die schleichende Entmündigung des Volkes, verbunden mit der Vernachlässigung der Interessen des Mittelstandes, die zu dessen weitgehender Proletarisierung führte.

Auch im alten Rom trat im Laufe der Zeit eine Polarisierung ein, die Gewinnmöglichkeiten der verbliebenen freien Bauern und Handwerker in der Stadt waren bescheiden; demgegenüber standen den Senatoren und der „Kapitalistenschicht“ alle Möglichkeiten offen, große Vermögen anzuhäufen. Da in Rom die meisten Magistrate nur für ein Jahr vergeben wurden, befand es sich außerdem zwangsläufig in einer Art „Dauerwahlkampf“ und Legitimationskrise.

Die weitgehende Geschlossenheit der römischen Führungsschicht entspringt nicht zum wenigsten der Identität ihrer wirtschaftlichen und politischen Interessen und der Identifizierung dieser Interessen mit jenen der Republik insgesamt. Allein die Stellung der führenden Familien und Geschlechter zwang zur Selbstdarstellung in einer für moderne Maßstäbe oft als penetrant erscheinenden Form. Zu den alten Ehrenzeichen der Tunika mit dem breiten Purpurstreifen, dem latus clavus, den eigentümlichen Sandalen und dem goldenen Ehrenring kamen jetzt neue demonstrative Sonderrechte, wie Ehrensitze bei den Spielen. (Karl Christ, Krise und Untergang der römischen Republik, 1979 S.90)

Beim augusteischen Principat handelt es sich – im Gegensatz zur völlig offenen Machtausübung der Diktatur Caesars – nach Entstehung und Wesen um ein verdecktes Machtsystem. Der Princeps war von Anfang an dazu gezwungen, seine Machtstellung zu legitimieren, seine persönliche Qualifikation einzuhämmern und die Wiederherstellung der staatlichen Ordnung, die restitutio rei publicae, zu behaupten – während in der Verfassungswirklichkeit die absolute Macht des Princeps unbestritten, die Verquickung von Staat und domus principis Frau, Kindern, Verwandten, Helfern bis herab zu Freigelassenen und Sklaven, offensichtlich war. Darüber mußte es zur Ausbildung jener Ideologie kommen, die zum Wesen des augusteischen Pricipats gehört, in zunehmendem Maße dann aber auch zu jenem politischen Klima, das durch Widersprüche vielfältigster Art, Verstellung und Heuchelei, Adulation und Opportunismus, Anpassung wie Korruption, Beeinträchtigung freier geistiger Entfaltung und die Vergiftung der gesellschaftlichen Beziehungen durch Denunzianten und Majestätsprozesse gekennzeichnet wurde, kurzum, zur Lebenswirklichkeit des Welt des Tacitus. ( Christ aaO. S. 464f)

Ich darf als bekannt voraussetzen, daß im alten Rom die Beseitigung eines politischen Rivalen durch Dolch oder Gift an der Tagesordnung waren. Hätten es in der Antike Automobile und Tommy-Guns gegeben, die Straßen Roms wären denen Chicagos zu Al Capones Zeiten gleichgekommen.

Auch heute noch sind die Parallelen zwischen Staatsorganisation und organisiertem Verbrechen unverkennbar; die „Reformen“ des Mafia-Bosses Lucky Luciano, der aus rivalisierenden Gangs eine geschlossen operierende Organisation geformt hatte, werden sogar mit der Gründung und dem Verhalten der Vereinten Nationen gleichgesetzt. http://www.youtube.com/watch?v=CalC-rKc2Wg

Die näheren Einzelheiten zu ergründen, will ich vorläufig den Soziologen und Politologen überlassen. Ich kann freilich nicht umhin, ihnen eine Art „Forschungsprogramm“ auf’s Auge zu drücken:

Volksvertreter oder Gaunerbande? Demokratie oder organisierte Kriminalität? – Ich überlasse es Ihnen, diese Fragen für sich selbst zu beantworten. Am Ende werden Sie mir allerdings darin beipflichten müssen, daß allem Anschein nach die Republik auf Verhältnisse zusteuert, die dereinst Mafia, Camorra und Cosa Nostra in den Schatten stellen werden. Denn wenn, dann wird auch das mit deutscher Gründlichkeit betrieben! (Gerhard Altenhoff, Störtebekers Erben – Geschichten aus Merkels Leichenkeller, S. 111: http://www.lulu.com/shop/search.ep?type=&keyWords=St%C3%B6rtebekers+Erben&x=0&y=0&sitesearch=lulu.com&q=

Laut Augustinus hatten die alten Römer „bösen und unreinen Geistern“ gedient; das antike Rom ist uns nach rund 2.000 Jahren also immer noch näher als uns lieb sein kann.

Der Dienst an den den „bösen und unreienen Geistern“ hat auch heute noch Hochkonjunktur, wird aber durch die Allgegenwart der politischen Parteien übertüncht und von den Meden unreflektiert als „demokratischer Rechtsstaat“ verkauft.

Der vielbeschworene „Rechtsstaat“ war und ist eine Illusion, ein Ergebnis von mehr als 200 Jahren Propaganda:

Die „BRD“ ist definitionsgemäß ein „Rechtsstaat“ und deswegen ist alles, was in der „BRD“ geschieht, „rechtsstaatlich“. – Demonstranten werden „rechtsstaatlich einwandfrei“ zusammengeknüppelt, „rechtsstaatlich einwandfrei“ werden Autofahrer per Radarfalle abgezockt. „Rechtsstaatlich einwandfrei“ sperrt man einen unbequemen Mitbürger sieben Jahre in die Psychiatrie. – Die Liste des rechtsstaatlichen Unrechts kann, wenn man will, recht stattliche Formen annehmen.

Für Politiker und die ihnen blind folgenden Otto-Normaljuristen ist es schlicht unvorstellbar, daß sich der „demokratische Rechtsstaat“ nicht an „rechtsstaatliche“ Regeln hält. – Wenn also im „Einzelfall“ rechtsstaatliche Regeln verletzt werden, ist das bedauerlich, aber wegen der menschlichen Fehlbarkeit unvermeidbar. Julien Assange und Edward Snowden wissen vor lauter Rechtsstaatlichkeit eigentlich gar nicht mehr, wo sie Unterschlupf und Asyl finden können, um nicht der menschlichen Fehlbarkeit der staatlichen Organe anheimzufallen. Diese „Fehlbarkeit im Einzelfall“ bekommen die Häftlinge Guantanamos ebenso systematisch zu spüren wie die Mädels von „Pussy Riots“ oder gar die russischen Homosexuellen beiderlei Geschlechts. Die „Mächtigen“ Rußlands etikettieren „rechtsstaatlich einwandfrei“ Schwule und Lesben als „kriminell“, die Machthaber in aller Welt etikettieren denjenigen, der die Wahrheit in die Welt hinausposaunt als „Verräter“. Und so waren, sind und bleiben sie, die „Etikettierten“, für die „Justiz“ Verbrecher: Alle, die dem „Gesetz“ nicht gehorcht haben oder nicht gehorchen. – Uns sei das Gesetz noch so unsinnig oder ungerecht. „Rechtsstaatlich einwandfrei“ wird deshalb allenthalben das „Recht“ gebrochen. – Es wird gebrochen, nicht „gebeugt“! – Es gibt nur „rechtsstaatlich“ oder „nicht rechtsstaatlich“. – Tertium non datur.

Heinrich von Kleist hat den plattentektonischen Grabenbruch zwischen recht haben und Recht bekommen in seinen Werken Prinz Friedrich von Homburg und Michael Kohlhaas in aller Deutlichkeit und letztlich für jeden Menschen auf dieser Welt intuitiv verständlich beschrieben.

Vor rund 2.400 Jahren ließ Manlius Torquatus wegen „unberechtigen Eingriffs in eine Schlacht“ den eigenen Sohn hinrichten. Und Friedrich der Große mußte in jungen Jahren aus „erzieherischen Gründen“ zuschauen, wie sein Freund Katte in Übereinstimmung mit „Recht und Gesetz“ einen Kopf kürzer gemacht wurde. – Die Kohlhaassche Selbstjustiz machte auch in „Ein Mann sieht rot“ und vielen anderen Hollywood-Streifen Forore, freilich werden darin am Ende die Protagonisten nicht wie der Kohlhaas auf das Rad geflochten.

Nach allem ist es also die Heftigkeit, mit der auch in den USA ein „Verräter“ verfolgt wird, nicht verwunderlich. Und sie unterscheidet sich nicht im Geringsten vom Fanatismus, mit dem die Richter am Volksgerichtshof die „Weiße Rose“ bzw. die Männer des 20. Juli abgeurteilt hatten. – Sie waren bzw. sind der „Insubordination“ schuldig. – Auf einer kleineren Größenskala erlebt der Bürger den Fanatismus der Obrigkeit bei der Verfolgung von Insubordanition fast jeden Tag am eigenen Leibe: er braucht nur falsch zu parken oder sich nicht anzuschnallen… – Es besteht daher der dringende Verdacht, daß auch im „demokratischen Rechtsstaat“ mehr Recht gebrochen als gesprochen wird.

Das macht die Justiz so unheimlich – und so unheimlich gefährlich für Leib, Leben, Freiheit, Ehre und Eigentum. – Auch heute noch!

Damit stellt sich nahezu von selbst die Frage, wie es zu dieser nach wie vor erschreckenden, aber ebenso erstaunlichen Feststellung kommen kann.

Ich hatte lange nach einer Antwort in der Literatur gesucht. Gefunden habe ich sie – mehr oder weniger per Zufall – am Vorabend der französischen Revolution:

Wenden wir uns nun zu den Juristen. Nächst den natürlichen Gütern, nächst der Wohlfahrt des Geistes, der Seele und des Leibes ist in der bürgerlichen Gesellschaft der sichre Besitz des Eigentums das Heiligste und Teuerste. Wer dazu beiträgt, uns diesen Besitz zuzusichern, wer sich weder durch Freundschaft noch Parteilichkeit, noch Weichlichkeit, noch Leidenschaft, noch Schmeichelei, noch Eigennutz, noch Menschenfurcht bewegen läßt, auch nur einen einzigen, kleinen Schritt von dem graden Wege der Gerechtigkeit abzuweichcn, wer durch alle Künste der Schikane und Überredung, durch die Unbestimmtheit, Zweideutigkeit und Verwirrung der geschriebnen Gesetze hindurch klar zu schauen und den Punkt, den Vernunft, Wahrheit, Redlichkeit und Billigkeit bestimmen, zu treffen weiß, wer der Beschützer des Armen, des Schwachem und Unterdrückten gegen den Stärkern, Reichern und Unterdrücker — wer der Waisen Vater, der Unschuldigen Retter und Verteidiger ist —, der ist gewiß unsrer ganzen Verehrung wert.

Was ich hier gesagt habe, beweist aber auch zugleich, wie sehr viel dazu gehört, auf den Titel eines würdigen Richters und auf den eines edeln Sachwalters Anspruch machen zu dürfen, und es ist, am gelindesten gesprochen, sehr übereilt geurteilt, wenn man behauptet, es werde, um ein guter Jurist zu sein, wenig gesunde Vernunft, sondern nur Gedächtnis, Schlendrian und ein hartes Herz erfordert, oder die Rechtsgelehrsamkeit sie nichts anders wie die Kunst, die Leute auf privilegierte Art um Geld und Gut zu bringen. Freilich, wenn man unter einem Juristen einen Mann versteht, der nur sein römisches Recht im Kopfe hat, die Schlupfwinkel der Schikane kennt und die spitzfindigen Distinktionen der Rabulisten studiert hat, so mag man recht haben; aber ein solcher entheiligt auch sein ehrwürdiges Amt.

Doch ist es in der Tat traurig — um auch das Böse nicht zu verschweigen —, daß in diesem Stande die Handlungen so vieler Richter und Advokaten sowie die Justizverfassung in den mehrsten Ländern sehr mannigfaltige Gelegenheit zu jenen harten Beschuldigungen geben. Da widmen sich denn die schiefsten Köpfe dem Studium der Rechtsgelehrsamkeit, womit sie keine andre feine Kenntnisse verbinden, dennoch aber so stolz auf diesen Wust von alten römischen, auf unsre Zeiten wenig passenden Gesetzen sind, daß sie von dem Manne, der die edlen Pandekten nicht am Schnürchen hat,glauben, er könne gar nichts gelernt haben. Ihre Gedankenreihe knüpft sich nur an ihr Buch aller Bücher, an das Corpus juris an, und ein steifer Zivilist ist wahrlich im gesellschaftlichen Leben das langweiligste Geschöpf, das man sich denken mag. ln allen übrigen menschlichen Dingen, in allen andern den Geist aufklärenden, das Ilcrz bildenden Kenntnissen unerfahren, treten sie dann in öffentliche Ämter. Ihr barbarischer Stil, ihre bodenlangen Perioden, ihre Gabe, die einfachste, deutlichste Sache weitschweifig und unverständlich zu machen, erfüllt jeden, der Geschmack und Gefühl für Klarheit ht, mit Ekel und Ungeduld. Wenn du auch nicht das Unglück rlebst, daß deine Angelegenheit einem eigennützigen, parteiischen, faulen oder schwachköpfigen Richter in die Hände fallt, so ist es schon genug, daß dein oder deines Gegners Advokat ein Mensch ohne Gefühl, ein gewinnsüchtiger Gauner, ein Pinsel oder ein Schikaneur sei, um bei einem Rechtsstreite, den Jeder unbefangne, gesunde Kopf in einer Stunde schlichten konnte, viele Jahre lang hingehalten zu werden, ganze Zimmer voll Akten zusammcngeschmiert zusehn und dreimal soviel an Unkosten zu bezahlen, wie der Gegenstand des ganzen Streits wert ist. ja am Ende die gerechteste Sache zu verlieren und dein offenbares Eigentum fremden Händen preiszugeben. Und wäre beides nicht der Fall, wären Richter und Sachwalter geschickte und redliche Männer, so ist der Gang der Justiz in manchen Ländern von der Art, daß man Methusalems Alter erreichen muß, um das Ende eines Prozesses zu erleben. Da schmachten dann ganze Familien im Elende und Jammer, indes sich Schelme und hungrige Skribler in ihr Vermögen teilen. Da wird die gegründetste Forderung wegen eines kleinen Mangels an elenden Formalitäten für nichtig erklärt. Da muß der Ärmere sichs gefallen lassen, daß sein reichrer Nachbar ihm sein väterliches Erbe entreißt, wenn die Schikane Mittel findet, den Sinn irgendeines alten Dokuments zu verdrehn, oder wenn der Unterdrückte nicht Vermögen genug hat, die ungeheuren Kosten zu Führung des Prozesses aufzubringen. Da müssen Söhne und Enkel ruhig zusehn, wie die Güter ihrer Voreltern unter dem Vorwande, die darauf haftenden Schulden zu bezahlen, Jahrhunderte hindurch in den Händen privilegierter Diebe bleiben, indes weder sic noch die Gläubiger Genuß davon haben, wenn diese Diebe nur die Kunst besitzen, Rechnung aufzustellen, die der gebräuchlichen Form nach richtig sind. Da muß mancher Unschuldige sein Leben auf dem Blutgerüste hingeben, weil die Richter nicht so bekannt mit der Sprache der Unschuld wie mit den Wendungen einer falschen Beredsamkeit sind. Da lassen Professoren Urteile über Gut und Blut durch ihre unbärtigen Schüler verfassen und geben demjenigen recht, der das Responsum bezahle — doch was helfen alle Deklamationen, und wer kennt nicht diesen Greuel der Verwüstung?

Einen bessern Rat weiß ich nicht zu geben wie den: man hüte sich, mit seinem Vermögen oder seiner Person in die Hände der Justiz zu fallen!

Man weiche auf alle mögliche Weise jedem Prozesse aus und vergleiche sich lieber, auch bei der sichersten Überzeugung von Recht, gebe lieber die Hälfte dessen hin, was uns ein andrer streitig macht, bevor man es zum Schriftwechsel kommen lasse!

Man halte seine Geschäfte in solcher Ordnung, mache alles darin bei Lebzeiten so klar, daß man auch seinen Erben nicht die Wahrscheinlichkeit eines gerichtlichen Zwistes hinterlasse!

Hat uns aber der böse Feind zu einem Prozesse verholfcn. So suche man sich einen redlichen, uneigennützigen, geschickten Advokaten – man wird oft ein wenig lange suchen müssen und bemühe sich, mit ihm also einig zu werden, daß man ihm außer seinen Gebühren noch reichere Bezahlung verspreche — nach Verhältnis der Kürze der Zeit, binnen welcher er die Sache zu Ende bringen wird!

Man mache sich gefaßt, nie wieder in den Besitz seiner Güter zu kommen, wenn diese einmal in Advokaten- und Kuratorenhände geraten sind, besonders in Ländern, wo alter Schlendrian, Schläfrigkeit und Inkonsequenz in Geschäften herrschen!

Man erlaube sich keine Art von Bestechung der Richter! Wer dergleichen gibt, der ist beinahe ein ebenso arger Schelm wie der, welcher nimmt.

Man waffne sich mit Geduld in allen Geschäften, die man mit Juristen von gemeinem Schlage vorhat!

Man bediene sich auch keines solchen zu Dingen, die schleunig und einfach behandelt werden sollen!

Man sei äußerst vorsichtig im Schreiben. Reden, Versprechen und Behaupten gegen Rechtsgelehrte! Sie kleben am Buchstaben; ein juristischer Beweis ist nicht immer ein Beweis der gesunden Vernunft, juristische Wahrheit zuweilen etwas mehr, zuweilen etwas weniger wie gemeine Wahrheit, juristischer Ausdruck nicht selten einer ändern Auslegung fähig wie gewöhnlicher Ausdruck, und juristischer Wille oft das Gegenteil von dem, was man im gemeinen Leben Willen nennt!(Knigge aaO 273ff)

Das klingt doch erstaunlich modern, aktuell und lebensnah! Und es ist auch für den juristischen Laien verständlicher als die Gedanken, die fast ein Jahrhundert zuvor unser Kollege Gottfried Wilhelm Leibniz über Recht und Gerechtigkeit zu Papier gebracht hatte:

Ebenso steht es mit der Gerechtigkeit. Wenn dies ein fester Ausdruck ist, der eine bestimmte Be­ deutung hat, mit einem Worte, wenn dies Wort nicht einfacher, sinnloser Schall ist, wie »blitiri«, dann wird sich dieser Ausdruck oder dieses Wort »Gerechtigkeit« doch irgendwie definieren oder durch einen verständlichen Begriff erklären lassen. Aus jeder Definition aber kann man, indem man sich der unbestreitbaren logischen Regeln bedient, sichere Folgerungen ziehen. Und eben das tut man im Aufbau der notwendigen und streng beweisenden Wissenschaften, die nicht von den Tatsachen, sondern allein von der Vernunft abhängen, wie dies für die Logik, die Metaphysik, die Arithmetik, die Geometrie, die Wissenschaft von der Bewegung und auch für die Wissenschaft vom Rechte gilt. Denn diese alle haben ihr Fundament nicht in Erfahrungen und Tatsachen, sondern dienen dazu, von den Tatsachen selbst Rechenschaft zu geben und sie im voraus zu regeln; und das hätte für das Recht selbst dann Geltung, wenn es auch in der ganzen Welt kein Gesetz gäbe.

Der Fehler derer, welche die Gerechtigkeit von der Macht abhängig gemacht haben, kommt zum Teil daher, daß sie Recht und Gesetz verwechselt haben. Das Recht kann nicht ungerecht sein — das wäre ein Widerspruch —, aber das Gesetz kann es sein. Denn das Gesetz wird durch einen Machtspruch eingeführt und aufrechterhalten. Und wenn es der Macht nun an Weisheit oder gutem Willen fehlt, so kann sie recht schlechte Gesetze einführen und aufrechterhalten. Zum Glück für das Ganze der Welt sind die Gesetze Gottes stets gerecht, und er ist imstande, sie aufrechtzuerhalten, wie er das auch zweifellos tut, obgleich dies nicht stets in sichtbarer und unmittelbarer Weise geschieht, wofür er sicherlich gewichtige Gründe hat.

Es handelt sich also darum, endlich den Formalgrund der Gerechtigkeit und den Maßstab zu bestimmen, an dem wir die Handlungen abmessen müssen, um zu erfahren, ob sie gerecht sind oder

nicht. Nach allen vorhergehenden Erörterungen nun konnte man diesen schon voraussehen: »ge recht« ist, was in gleichem Maße der Weisheit und der Güte gemäß ist. Die Güte geht darauf aus, das größtmögliche Gute zu erreichen; um dies jedoch zu erkennen, bedarf sie der Weisheit, die nichts andres als die Erkenntnis des Guten ist, so wie die Güte nichts andres ist als die Neigung, allen Gutes zu erweisen und das Böse zu verhindern, wofern es nicht für ein größeres Gutes oder zur Verhinderung eines größeren Übels notwendig ist. Es wohnt demnach die Weisheit dem Verstande und die Güte dem Willen, die Gerechtigkeit somit ihnen beiden inne. Die Macht ist etwas ganz andres. Wenn sie jedoch hinzutritt, so bewirkt sie, daß aus dem Rechte eine Tatsache wird, und daß, was sein soll, auch wirklich existiert, soweit wenigstens, als die Natur der Dinge dies erlaubt. Und eben dies ist Gottes Tätigkeit mit Bezug auf die Welt.

Da aber die Gerechtigkeit auf das Gute geht, und Weisheit und Güte, die vereint die Gerechtigkeit bilden, sich auf das Gute beziehen, so wird man fragen, was denn eigentlich das wahre Gute ist. Ich antworte, daß es nichts andres ist, als was der Vervollkommnung der verstandesbegabten Substanzen dient. Demnach sind offenbar Ordnung, Zufriedenheit, Freude, Güte und Tugend ihrem Wesen nach etwas Gutes und können niemals schlecht sein, während die Macht, von sich aus, gleichfalls ein Gut ist, weil es, wenn alles übrige gleichbleibt, besser ist, sie zu haben, als sie nicht zu haben. Sie wird indessen ein sicheres Gut nur dann, wenn sie Mit Weisheit und Güte vereinigt ist . . .

Man wird also vielleicht sagen können, daß die Vorschrift, niemand Unrecht zu tun, »neminem laedere«, die des sogenannten ius strictum ist, daß es indessen eine Forderung der Billigkeit ist, auch am rechten Platze Gutes zu tun, und daß eben dies der Sinn der Vorschrift ist, die uns befiehlt, jedem das zukommen zu lassen, was ihm gehört, »suum cuique tribuere«. Was aber hier das Rechte ist, das läßt sich aus der Regel der Billigkeit oder der sozialen Gleichheit erkennen: »Quod tibi non vis fieri aut quod tibi vis fieri, neque aliis facito aut negato.« (Was du nicht willst, daß es dir geschehe oder was du willst, daß es dir geschehe, das füge anderen nicht zu oder verweigere es ihnen) Es ist dies die Regel der Vernunft so wohl wie unsres Herrn. Versetze dich an die Stelle des andern und du wirst den rechten Gesichtspunkt einnehmen, um zu beurteilen, was gerecht ist oder nicht. . .(Gottfried Wilhelm Leibniz, Von der Allmacht und Allwissenheit Gottes und der Freiheit der Menschen, zitiert nach „Leibnitz – Auswahl aus seinen Werken“, Auswahl und Einleitung von Friedrich Heer, 1- 40. Tausend, Frankfurt/Main und Hamburg 1958 S. 194f)

Ich wiederhole eine kurze Passage aus dem vorangegangenen Zitat:

Der Fehler derer, welche die Gerechtigkeit von der Macht abhängig gemacht haben, kommt zum Teil daher, daß sie Recht und Gesetz verwechselt haben. Das Recht kann nicht ungerecht sein — das wäre ein Widerspruch —, aber das Gesetz kann es sein. Denn das Gesetz wird durch einen Machtspruch eingeführt und aufrechterhalten. Und wenn es der Macht nun an Weisheit oder gutem Willen fehlt, so kann sie recht schlechte Gesetze einführen und aufrechterhalten.“

Und ich wiederhole den letzten Satz des Zitats:

Versetze dich an die Stelle des andern und du wirst den rechten Gesichtspunkt einnehmen, um zu beurteilen, was gerecht ist oder nicht. . .

Nun gelingt es aber sehr vielen Menschen nicht, sich an die Stelle des anderen zu versetzen. – Viele wollen das auch gar nicht, weil der Mensch, der sich unaufhörlich seiner „Vernunft“ und seines „Verstandes“ rühmt, nur „bedingt vernunftbegabt“ ist. – Dessen war sich Knigge bewußter als Leibniz, wie er in der Einleitung zum ersten Teil des „Umgangs mit Menschen“ durchblicken läßt:

Wir sehen die erfahrensten, geschicktesten Männer bei alltäglichen Vorfällen unzweckmäßige Mittel wählen, sehen, daß es ihnen mißlingt, auf andre zu würken, daß sie mit allem Übergewichte deer Vernunft dennoch oft von fremden Torheiten, Grillen und von dem Eigensinne der Schwächeren abhängen, daß sie von schiefen Köpfen, die nicht ert sind, mit ihnen verglichen zu werden, sich müssen regieren und mißhandeln lassen, daß hingegen Schwächlnge und Unmündige am Geist Dinge durchsetzen, die deer Weise kaum zu wünschen wagen darf. (Knigge aaO, S. 8)

Wenn ein zum „Kirchenvater“ aufgestiegener Philosoph und drei Juristen sich im Abstand von mehreren Jahrhunderten nahezu derselben Fragestellung widmen, die am Rest der jeweils zeitgenössischen Rechtsgelehrten abperlt wie Regentropfen am Blatt der Lotusblume, dann muß man schlicht und ergreifend die Frage in den Raum stellen, woran das liegt. – Wenn man Knigges Feststellungen zur Lage der Jurisprudenz am Ende des 18. Jahrhunderts mit den weltweiten Kapriolen der Rechtswissenschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts vergleicht, liegt die Antwort auf der Hand:

Der wissenschaftliche Fortschritt ist an den Juristen ebenso vorbeigeeilt wie an den Theologen. Im Vergleich zu Medizin, Physik und Chemie entspricht der heutige wissenschaftliche Stand der Jurisprudenz dem von Pestärzten und Alchimisten. Verglichen mit der Astronomie verharren die „Rechtsgelehrten“ immer noch in einer Art „ptolemäischem Weltbild“. – Im ptolemäischen Weltbild ist die Erde eine Scheibe, um die sich Sonne, Mond und Sterne in von Gott vorherbestimmten Bahnen bewegen. – Und wer sich allzu weit auf’s Meer hinauswagt, stürzt ab in die Hölle.

Juristen, das wird jeder verständige Leser bestätigen, neigen nicht gerade dazu, selbst zur Hölle zu fahren, sie schicken lieber andere dorthin. – Gerade nach der „Kopernikanischen Wende“ in der Astronomie loderten die Scheiterhaufen. Dort landeten neben den „üblichen Verdächtigen“ vor allem Gegener der klerikalen Propaganda, die wider besseres Wissen unbeirrt am ptolemäischen Weltbild festhielt.

Wider besseres Wissen?

Wider bessers Wissen!

Erastothenes, Bibliothekar in Alexandria, hatte circa 250 Jahre vor Christus bereits Umfang und Radius der Erde mit einer bestechend einfachen Methode fast präzise bestimmt. – Wegen der weiteren Einzelheiten sei auf Lancelot Hogben, Mathematik für alle, Köln 2001, S. 169f. verwiesen.

Bereits zur Mitte des 1. Jahrtausends vor Christus hatten phönizische Seefahrer das Mittelmeer verlassen und auf ihren Reisen, die sie entlang der Küsten nach Norden und nach Süden geführt hatten, die verschiedenen Klimazonen und den Äaquator entdeckt. Die Kugelgestalt der Erde und die Einteilung in Klimazonen seien, wie Hogben es formuliert, schon vor Euklid ein Gemeinplatz in der griechischen Astronomie gewesen. (Hogben aaO. S. 62ff). Hogbens Darstellung wird durch keinen Geringeren als den römischen Dicher Ovid bestätigt. Ovid beschreibt in seinem Epos Metamorphosen (Verwandlungen) eindrucksvoll die Kugelgestalt der Erde nebst ihren fünf Klimazonen:

Als so der Gott, wer immer es war, die Materie geordnet,

So sie zerteilt und die Teile zu wirklichen Gliedern gestaltet,

Ballte er gleich zu Beginn die Erde, damit sie auf jeder

Seite sich gänzlich gleiche, zur Form einer riesigen Kugel.

(Ovid, Metamorphosen, Zeile 33ff)

Ovid beschreibt in der Folge die Oberflächengestaltung unseres Heimatplaneten und gelangt zu folgender Feststellung:

So zerteilte der sorgliche Gott die umschlossene Kugel

Nach den nämlichen Zahlen: es decken fünf Zonen die Erde.

Wo sich die mittlere dehnt, da verwehrt es die Hitze zu wohnen;

Zwei deckt tiefer Schnee; zwei hat er dazwischengeschoben

Und ihnen Milde verliehen: Mit Kälte vermischte er Wärme.

(Ovid aaO. Zeile 47ff)

Die von Ovid erzählte Schöpfungsgeschichte blieb vielen Generationen von Lateinschülern vorenthalten. Sie verschwand für Jahrhunderte aus den Schulbüchern. Dafür mußte der Klerus schließlich sorgen, denn die biblische Schöpfungsgeschichte duldete keine Konkurrenz. – Noch zu Beginn der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts erklärten Lateinlehrer interessierten Schüler, die Zeilen 5 bis 88 der Metamorphosen, die Ovids Schöpfungsgeschichte enthalten, wären verschollen! – Als Schüler ist man ja froh, daß man nicht noch mehr Ovid-Texte übersetzen muß und hakt nicht weiter nach. – Wenn man sie dann nach Jahren zu Gesicht bekommt und den erstaunlichen Inhalt zur Kenntnis nimmt, ist man seinem Lateinlehrer böse und macht sich Gedanken über den fortwährenden Einfluß des Klerus auf die Lehrpläne des 20. Jahrhunderts.

Guten Gewissens kann man daher wohl nicht behaupten, die Kirche wäre bei der Verteidigung des ptolemäischen Weltbildes nicht bösgläubig gewesen.

Die Juristen beteiligten sich nach Kopernikus dienstbeflissen und mit wahrem Feuereifer an den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Folterknechte und Henker – All das zur Rettung einer als falsch erkannten Weltanschauung.

Die Jurisprudenz als „Hilfswissenschaft“ einer Ideologie, die den Anspruch auf Wahrheit erhebt.

Dieses Phänomen tauchte in der französichen Revolution, im Marxismus/Leninismus ebenso wieder auf wie im Nationalsozialismus. Bei den genannten politischen Phänomenen handelt es sich offensichtlich um Formen von Ersatzreligionen. – Und wenn wir heute in der islamischen Welt die Bestrebungen nach Wiedereinführung der Scharia verfolgen können, so deutet das auf eine ebenso innige wie gefährliche Verbindung zwischen Theologie und Jurisprudenz hin. – Eigentlich fehlt nur noch eine Hinwendung Israels zu den mosaischen „Nebengesetzen“ der 10 Gebote. (2. Mose, 21 bis 23/ 3. Mose, 16 bis 20) – Erstaunlich und erschreckend, für welch geringfüge Delikte „Gott“ die Todesstrafe vorgesehen hatte!

Was früher „Gott“ befohlen hatte, wird seit der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika und der französischen Revolution durch „die Politik“ in die Welt gesetzt, in einem fast undurchschaubaren Zusammenspiel zwischen der gesetzgebenden und der vollziehenden Gewalt des Staates. – Es sei in Erinnerung gerufen, daß die Staatstheorien der Aufklärung von drei Staatsgewalten ausgehen: die gesetzgebende, die vollziehende und die rechtsprechende Gewalt.

Einer der Begründer, Montesquieu, hat vor einer erneuten Vermischung der „Staatsgewalten“ ausdrücklich gewarnt:

Die politische Freiheit des Bürgers ist jene Ruhe des Gemüts, die aus dem Vertrauen erwächst, das ein jeder zu seiner Sicherheit hat. Damit man diese Freiheit hat, muß die Regierung so eingerichtet sein, daß ein Bürger den anderen nicht zu fürchten braucht.

Wenn in derselben Person oder der gleichen obrigkeitlichen Körperschaft die gesetzgebende Gewalt mit der vollziehenden vereinigt ist, gibt es keine Freiheit; denn es steht zu befürchten, daß derselbe Monarch oder derselbe Senat tyrannische Gesetze macht um sie tyrannisch zu vollziehen.

Es gibt ferner keine Freiheit, wenn die richterliche Gewalt nicht von der gesetzgebenden und vollziehenden getrennt ist. Ist sie mit der gesetzgebenden Gewalt verbunden, so wäre die Macht über Leben und Freiheit der Bürger willkürlich, weil der Richter Gesetzgeber wäre. Wäre sie mit der vollziehenden Gewalt verknüpft, so würde der Richter die Macht eines Unterdrückers haben.

Alles wäre verloren, wenn derselbe Mensch oder die gleiche Körperschaft der Großen, des Adels oder des Volkes diese drei Gewalten ausüben würde: die Macht, Gesetze zu geben, die öffentlichen Beschlüsse zu vollstrecken und die Verbrechen oder die Streitsachen der Einzelnen zu richten. (Ernst Forsthoff, -Hrsg-, Charles de Montesquieu: Vom Geist der Gesetze, Band 1, XI, 6, Tübingen 1990, S. 213f)

Ich hatte mich immer gefragt, warum die Erwähnung der Worte „Politik“, „politischer Wille“ oder „Wille des Gesetzgebers“ bei Otto-Normaljurist“ umgehend zu einer Notabschaltung des Gehirns führt.

Ein extrem konservatives, als fast religiös zu bezeichnendes Element der Jurisprudenz hält die Juristen in der Welt von Dogmata und „ex cathedra“ verkündeten „Lehrsätzen“ (Leersätzen?) gefangen wie Goldfische im Glas. – Die „Zehn Gebote“ einschließlich der „Nebengesetze“ waren Gottes Gesetz, das er dem Menschen mit auf den Weg gegeben hatte. – Alle „menschlichen“ Gesetze ließen sich darauf zurückführen, sie waren damit letztlich „göttlichen“ Ursprungs. Was einst das „Machtwort“ des Papstes war, was „Führer“, „Staats-und-Parteichefs“ vorgebetet hatten und heutige Imame vorbeten, ist der Wille Gottes, der „Vorsehung“ oder der „historischen Notwendigkeit auf dem Weg zum Kommunismus“.

So scheint die Aufklärung der Jurisprudenz ihren ursprünglichen „Gottesbezug“ entzogen zu haben. – Diese aber braucht ihn offensichtlich, anders wäre die Diskussion um Kreuze in Gerichtssälen und die Freistellung der „religiösen Beteuerungsformel“ bei der Ablegung von Eiden nicht zu erklären. – Selbst bei der Diskussion um den „Europäischen Verfassungsvertrag“ spielte der Gottesbezug eine nicht unerhebliche Rolle: http://www.e-politik.de/lesen/artikel/2003/gott-in-die-eu-verfassung/

Als die Aufklärung den Draht der Jurisprudenz zu Gott gekappt hatte und Gesetze ein „parlamentarisches Verfahren“ durchlaufen mußten, das allein „menschlicher Natur“ war und nur noch den Willen von Menschen repräsentierten, mußte sich die Jurisprudenz zur Rechtfertigung des eigenen Handelns etwas anderes einfallen lassen:

Maß aller Dinge ist heute der „Wille des Gesetzgebers“, den sich je nach Sach- und Rechtslage jeder gebildete Jurist selbst zusammenbasteln muß, weil er im Gesetz nicht klar zum Ausdruck kommt:

Und wird der Tatbestand nicht von dem Gesetz mit unverkennbarer Deutlichkeit vorgezeichnet, dann bin ich durch solche ‚Kautschukpararaphen‘ eingefangen, und wie man auch sonst in der Gesellschaft über mich denken mag, ich gehöre der Minderheit der Menschheit an, welche dem Strafgesetz verfallen ist. Darum ziemt dem Gesetzgeber nirgends größere Vorsicht gegen ein zu allgemeine und dehnbare Begrifssbestimmung, als in den Punkten, die unglücklicherweise in den politischen Kämpfen zum Tummelplatz der Kautschukgesetzgebung geworden sind.“ ( Eduard Lasker, Reichstagsrede 3. 12. 1875 – zitiert nach Eberhard Urban, der neue Büchmann – Geflügelte Worte, München 2007, S. 494f)

Lasker erschuf den „Gummiparagraphen“ bei der ersten Lesung einer Strafgesetznovelle, die eine Strafverschärfung von „öffentlichen Angriffen gegen die Institute der Ehe, der Familie und des Eigentums sowie auch von Schmähungen der Behörden, der Staatsgewalt, des Reiches, der einzelnen Bundesstaaten, der Gesetze und Verordnungen schon dann, wenn der Angeklagte nicht wider besseres Wissen oder unter wissenschaftlicher Entstellung der Tatsachen handelte“, zum Gegenstand hatte. (Urban aaO) – Die Debatte, die den „Gummiparagraphen“ zur Welt brachte, offenbart schon in der Aufgabenstellung die Abneigung der Jurisprudenz, sich den erkenntnistheoretischen Problemen der eigenen Wissenschaft zu stellen: „wissenschaftliche Entstellung der Tatsachen“ nannte der „Gesetzgeber“ des Jahres 1875 die Wahrheit, deren Suche als oberste Pflicht des Juristen innerhalb des Gerichtssaals angesehen wird.

Der Jurist wandelt also auch heute noch im Gerichtssaal auf den Spuren der frühen Hohepriester, die den „Willen der Götter“ verkündeten. – Nach Kopernikus und Luther folgten den Priestern die einfachen Pfarrer in den Gemeinden, die der Versammlung der Gläubigen in ihren Predigten genau den Willen Gottes verkündeten, den sie sich selbst ausgedacht hatten. In der Sache selbst trat keine Änderung ein. – Warum also sollten die Juristen ihre Haltung als „Hohepriester“ Justitias ändern? – Das Bild der Göttin erodierte freilich: Das Schwert wurde schartig, die Augenbinde durchsichtig und ihre Waage klemmte. Gleichwohl ziert ihr ursprüngliches Standbild auch in unserer Gegenwart viele Eingangshallen der Justizpaläste. – Aus diesem Grunde dürfte auch heute noch in vielen Juristenköpfen unbewußt die Vorstellung herrschen, daß „Gesetzgebung“ ein göttlicher Akt ist.

Die „Staatsgewalt“ wurde ursprünglich durch die Person des Fürsten repräsentiert. Er erließ Dekrete (Gesetze) und ließ diese entweder durch die ihm gehorchenden Truppen „vollziehen“ oder „auf dem Rechtsweg“ mit Hilfe der ihm untertänigen Richter durchsetzen. – Immerhin war der Fürst nicht zuletzt auch „Oberster Gerichtherr“.

In diesem Goldfischglas war es für die Juristen ziemlich einfach sich zurechtzufinden und ihre Bindung an Recht und Gesetz zu akzeptieren, vor allem an das Gesetz.

Daran änderte das Zeitalter der Aufklärung wenig, wie der Text Leibnizens zeigt. Die Idee der Gewaltenteilung erschütterte zwar die Legitimation der absoluten Herrscher und wirbelte damit die Jurisprudenz ein wenig durcheinander. – Diese löste das Problem in der denkbar konservativsten Weise. – Auch nach dem Sturz der absoluten Herrscher unterwarf man sich dem „Primat der Politik“, vor allem zur Zeit der französischen Revolution. – Während der Diktatur des „Wohlfahrtsausschusses“ fällten die Juristen die Todesurteile schneller, als die Guillotine sie vollstrecken konnte. – Ein ähnliches Phänomen trat erst im nationalsozialistischen Deutschland wieder auf. – Massenhinrichtungen von Regimegegnern gab es zwar auch in anderen Ländern, vor allem in der frühen Sowjetunion, das Problem bestand für die Verfahensbeteiligten lediglich darin, daß man mit dem Fallbeil die Todesurteile nur eines nach dem anderen vollstrecken kann.

All das machte und macht Otto-Normaljurist keinerlei Kopfzerbrechen. In seinem Goldfischglas vertraut er nach wie vor darauf, daß die Regierung ihm die Handungsanweisungen – das Gesetz – detailliert zur Verfügung stellen wird.

Im Zeitalter des Absolutismus entstand das, was wir „Regierung“ nennen. In Frankreich führte ab dem 13. August 1624 der durch Alexandre Dumas zu Weltruhm gelangte Kardinal Richilieu das „Kabinett“ des französischen Königs Ludwigs XIII. Als „Premier Ministre“.

In England war Sir Robert Walepole der erste „Prime Minister“ und „Regierungschef“ von 1721 bis 1742. Die übrigen Minister wurden nicht vom Parlament, sondern von Georg II. Und Georg III. ins „Kabinett“ entsandt. Ihre „Amtszeit“ endete auch nicht mit der Walpoles. (Colin F Padfield, British Constitution made simple, 4th Edition, London 1977, S. 123)

Später gab es ein „Agreement“ zwischen der britischen Krone und dem Parlament, wonach die Mitglieder des „Kabinetts“ auch „Members of Parliament“ sein mußten.

Das genau war der faule Kompromiß, der den Mythos der „modernen Demokratie“ begründete und die Doktrin der „demokratischen Legitimation“ von Regierungen durch Wahlen zur Welt brachte.

Ursprünglich „vollzog“ die Regierung den Willen des Monarchen, stand als williges Vollzugsorgan jedem Despoten zur freien Verfügung. – Die Regierung ist kein „Organ des Staates“, sondern eine gegen das Volk gerichtete Körperschaft. – Deswegen kann es auch keine „demokratisch legitimierte“ Regierung geben. – Diese Fiktion entstand, weil man sich am Ende des 18. Jahrhunderts ein Staatswesen ohne „Regierung“ einfach nicht mehr vorstellen konnte. – Die absolutistische Tradition hatte das Denken der Menschen geprägt!

Wir sehen das nicht zuletzt daran, daß die Präsidenten der USA und Frankreichs residieren wie die Sonnenkönige und auch in ihren öffentlichen Auftritten so behandelt werden. – Sie wurden zu Sonnenkönigen auf Zeit gemacht.

Das Beharrungsvermögen der Tradition hat sich nicht zuletzt nach dem Untergang des Ostblocks und der „DDR“ gezeigt. In den Kreisen und Gemeinden der untergegangenen DDR hat man trotz Änderung der Rechtslage den Dingen ihren „sozialitischen Gang“ Gang gelassen. – Wegen der Einzelheiten verweise ich auf meine unter dem Titel „Störtebekers Erben – Geschichten aus Merkels Leichenkeller“ veröffentlichten Chronik des Landkreises Rügen aus den Jahren 1991 bis 1995. http://www.lulu.com/shop/search.ep?type=Print+Products&keyWords=Störtebekers+Erben&x=14&y=7&sitesearch=lulu.com&q

Der vielbeschworene „Rechtsstaat“ war und ist, wie wir gesehen haben, eine Illusion, ein Ergebnis der Propaganda. So ist es kein Wunder, daß auch die „westliche Demokratie“sich am Ende als Gaukelei dar- und herausstellt:

Die n Großbritannien reale, im übrigen aber nur virtuelle Möglichkeit, durch Wahlen auf die „Auswahl“ des Regierungschefs Einfluß zu nehmen, streute dem Volk Sand in die Augen und ermöglichte den „Machtgieriegen“, sich mit breiter Zustimmung in die Position des „Alpha-Tieres“ katapultieren zu lassen.

Die Spiegelneuronen erlauben es den Parteigängern des „Regierungschefs“, sich ebenfalls als „Alpha-Tiere“ zu fühlen. – Spiegelneuronen sind die Gehirnzellen, die auf den Rängen der Fußballplätze für Torjubel und Tränen sorgen. – Bayern München „beherrscht“ die Bundesliga – und verkauft dementsprechend die meisten Fanartikel.

Jubel, Tränen und Fanartikel sind eher harmlose Produkte der Spiegelneuronen, die auf den Sportplätzen dieser Welt auch durchaus ihre Berechtigung haben. Geschichte und Gegenwart zeigen allerdings deren lebensgefährliche Effekte, denn die „demokratische Legitimation“ erlaubt offenbar jeden Rechtsbruch durch das „Alpha-Tier“ und macht sakrosankt. – Ohne sachliche Rechtfertigung behaupten Propaganda und selbst die „Rechtslehre“ seither, „Regierungsakte“ wären nicht justitiabel.

Darauf verließ sich am Ende des 2. Weltkrieges auch Hermann Göring, als er sich den amerikanischen Truppen stellte. – Er hatte nicht damit gerechnet, daß bereits ein Heer willfähriger Juristen bereitstand, mit einem eigens dafür geschaffenen Justiuzapparat über „Regierungsakte“ zu Gericht zu sitzen.

Es kann dahinstehen, ob die Nürnberger Prozesse als Siegerjustiz einzustufen sind oder auf der ernsthaften Absicht beruhen, Kriegsverbrechen den Krieg anzusagen. Jedenfalls hat die Zahl der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, der Verbrechen gegen den Frieden und die Zahl der Kriegsverbrechen nach dem zweiten Weltkrieg eher zu- als abgenommen. – Legt man Art. 6 des Statuts für den Internationalen Militärgerichtshofs vom 8. August 1945 zugrunde und wendet das dort niedergelegte „Recht“ auf die „Führer“ der Gegenwart an, dürfte von Rechts wegen der „Henker von Nürnberg“ mit der Arbeit nicht nachkommen können… –

Ob Absolutismus, britsch-amerikanischer Demokratismus, Sozialismus oder Nationalsozialismus – für Otto-Normaljurist änderte sich im Grunde nichts, aber auch gar nichts, denn für ihn war und ist heute noch lediglich der „Output“ entscheidend, das „Gesetz“, was am Ende des „staatlichen“ Willensbidungsprozesses herauskommt und von Monarchen oder deren Surrogaten als „allgemeinverbindlich“ dem Staatsvolk bekanntgemacht wird. – Wie ein Gesetz zustandekommt, hat auch heute noch weder einen Richter noch einen Staatsanwalt, vor allem aber keinen Verwaltungsjuristen und erst recht keinen Advokaten zu interessieren. – Nach wie vor und unverbrüchlich hat man sich dem Willen des Gesetzgebers zu unterwerfen.

Was hinter den „Kabinettstüren“ ausgekaspert wird, ist für Otto-Normaljurist absolut tabu, es ist die Welt außerhalb seines Goldfischglases. Die diversen Gesetzblätter dieser Welt formen das Glas, dessen Totalreflektion den Blick in die Außenwelt versperrt. – Die absolutistischen Strukturen, die einen kopernikanischen Weckruf an die Rechtswissenschaft bislang verhindert haben, fanden sogar Eingang in das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland: „Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden“. (Artikel 20 Absatz 3 des Grundgesetzes). – Die „verfassungsmäßige Ordnung“ ist in Artikel 20 Absatz 2 des Grundgesetzes in bestes deutsches Paragraphengummi geschnitten: „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus: Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.“ – Wie die eindeutige Zusammenstellung unbestimmter Rechtsbegriffe zeigt, unterliegen die „Organe der Gesetzgebung“ keiner Bindung an „übergeordnete Rechtssätze“, wie etwa die Menschenrechte.

Die Signale für die seit den Tagen der Pharaonen ausgeübten Willkür in der Gesetzgebung sind auch in der „BRD“ auf „Grün“ geschaltet. – Und davon wird auch in der „BRD“ übereifrig Gebrauch gemacht.

Kein Wunder also, daß sich im Laufe der „Rechtsentwicklung“ in der „BRD“ die Lehre vom „Wählerauftrag“ an „die Politik“ herausbildete. – Der „Wählerwille“ übertrumpft sogar die unzweideutigen Verfahrensregeln des Grundgesetzes bei der Besetzung der „höchsten“ Staatsämter. – Und da Otto-Normaljurist nicht darin ausgebildet ist, den Bullshit, den die Mitglieder der Parlamente und der Regierungen von sich geben, zu hinterfragen, haben auch im „Geltungsbereich des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland“ die Exekutivorgane freie Hand, ihre Willkür durch das Affentheater der Parlamente zu schleusen und erstklassiges Paragraphengummi in die Gesetzbläter zu bugsieren. – Sie können aufgrund der inneren Organisation der Parteien und der Macht der Spiegelneuronen sicher sein, daß die Parlamentarier dem Willen ihrer jeweiligen „Führer“ bedingungslos folgen werden. – Falls sie nicht freiwillig folgen, wird der „Fraktionszwang“ sie von ihrer Pflicht, dem „Führer“ zu folgen, schon überzeugen. – Spätestens, wenn ihnen der Entzug der Gunst, auf der Landesliste der Partei einen bei der nächsten Wahl „sicheren“ Listenplatz zu haben, in Aussicht gestellt wird, vergessen auch die renitentesten unter den Abgeordneten ihr Gewissen.

Es ist also klar, daß die gesetzgebende Gewalt, die im Plenarsaal des Parlaments angesiedelt sein sollte, sich dem Führungsanspruch der vollziehenden Gewalt ohne Not und ohne jede Berechtigung unterwirft. –

Machen wir die Probe auf’s Exempel:

Der arme Richter, dem ein Angeklagter den Ruf entgegenschleudert: „Gott sei mein Zeuge!“ – Er wird vergeblich nach einer „ladungsfähigen Anschrift“ Gottes suchen lassen. – Und er wird mit Entsetzen feststellen, daß Gott dieses Schicksal mit dem Teufel und dem „Gesetzgeber“ teilt.

Im alten Rom und im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation zur Zeit des Kopernikus waren die Verhältnisse klar: Gott war Gott, der Teufel war der Teufel und der „Gesetzgeber“ trat auf in Gestalt des Senats von Rom, des Caesar Augustus, des Kaisers oder des Landesfürsten auf.

Der „Gesetzgeber“ ist allerdings seit der ersten Protokollierung von Parlamentssitzungen eindeutig identifizierbar, und zwar nach Namen und ladungsfähigen Anschriften der jeweils über einen Gesetzentwurf abstimmenden Abgeordneten. – Diese könnten von der Justiz jederzeit über ihre tatsächliche Motivation bei der Abstimmung und über ihre entsprechende Sachkunde unter Eid befragt werden. – Vor allem aber auch darüber, ob sie den Inhalt des Abstimmungsgegenstandes überhaupt jemals begriffen oder den verabschiedeten Gesetzestext je gelesen hatten!

Ich möchte freilich den Richter sehen, der auf Antrag einer Partei einen entsprechenden Beweisbeschluß erläßt!

Für alle Gerichte dieser Welt ist es nach wie vor bequemer, dem „Gesetzgeber“ genau den Willen anzudichten, der dem jeweiligen Zeitgeist und der geheiligten Tradition der Jurisprudenz entspricht.

Fakten können den Prozeßablauf empfindlich stören!

Tatsachen, die haben für Otto-Normaljuristen nur dann Relevanz, wenn sie „der Wahrheitsfindung dienlich“, also in einem konkreten Prozeß „streitgegenständlich“ sind.

So merkwürdig es klingen mag, aber kaum eine andere Variante des Homo Sapiens hat mit Kleinkariertheit und Erbsenzählerei den naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn dermaßen vorangetrieben wie die Juristen. – Die Lektüre von Jürgen Thorwalds „Das Jahrhundert der Detektive“ und „Die Stunde der Detektive“ stempelte in den frühen siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts den Leser zum Exoten. – Heute flimmern CSI, CSI Miami oder CSI New York, Serien, die den forensischen Zweig der Naturwissenschaft zum Gegenstand haben, beinahe täglich über den Bildschirm.

Im Gerichtssaal treibt die Rechtswissenschaft die „Wahrheitssuche“ mittels naturwissenschaftlicher Erkenntnisse gnadenlos voran. Dieselbe Jurisprudenz scheut jedoch die – durchaus zulässige – Forschung nach den Ursachen des „Gesetzes“, den Ursachen des Gerichtssaals und den Handlungsantrieben der dort tätigen „Organe der Rechtspflege“-

Seit Pontius Pilatus, seinerzeit auch ein „Organ der Rechtspflege“, haben sich ausnahmslos alle „Organe der Rechtspflege“ darauf verlassen, daß das „Jüngste Gericht“ dem Antrag Jesu:

Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

stattgeben und bei der Urteilsverkündung alle Sünden der „Staatsgewalt“ vergeben werde.

Das kann man doch wohl nur glauben, wenn man die Erde für eine Scheibe hält.

Das „Urvertrauen“ in die Güte und Gnade Gottes erlaubt der Jurisprudenz, alle Fakten, die das überkommene Weltbild stören, bestenfalls zu ignorieren.

Weil auch sein Weltbild durch die tägliche Propaganda der „freien Medien“ geprägt wird, ist es selbst für den geneigten Leser schwer zu glauben, daß das, was die Propaganda als „westliche Demokratie“ täglich an den Mann zu bringen versucht, genau der Form der „kollektiven Diktatur“ entspricht, wie sie während der franzöischen Revolution von Maximilien Robbespierre etabliert worden war:

Die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika, die französische und alle ihr folgenden Revolutionen zeigen es überdeutlich:

Die „rechtsprechende Gewalt“ unterwirft sich der „vollziehenden Gewalt“ ebenso bereitwillig wie die „gesetzgebende Gewalt“:

Ob die Todesstrafe in den USA verfassungskonform ist, hängt von der jeweiligen Zusammensetzung des „Obersten Gerichtshofs“ ab, die ihrerseits durch den Präsidenten, also der „vollziehenden Gewalt“ bestimmt wird. So konnten wegen der schwankenden Rechtsprechung Todeskandidaten mehrfach hoffen, dem Henker vom Schafott zu springen, andere, die lange genug in der Todeszelle verharrt hatten, mußten schließlich erneut um ihr Leben fürchten. – Was gestern Recht war, kann heute kein Unrecht sein?

Wirklich?

Gerade der „Fall Obama ./. Osama“ verdeutlicht, daß man als oberstes „Vollstreckungsorgan“ des Volkswillens durchaus Spaß an der „Willensildung“ anstelle des Volkes und der Position des Richters in eigener Sache haben kann. – Es stört ja niemanden. – Und alle klatschen, wenn der Kopf fällt. – Ganz wie einst auf dem Place de la Concorde, als das „Kabinett Robbespierre“ bestimmte, was „Recht“ war und wer „Im Namen des Volkes“ zum Schafott gekarrt wurde. George Jaques Danton soll es auf den Punkt gebracht haben: „Seien wir schrecklich, damit es das Volk nicht sein muß!“

Der Schrecken der französischen „Wohlfahrt“ ist im Laufe der Jahrhunderte verblaßt.

Ein Schrecken sollte einem Demokraten indes erneut durch die Glieder fahren, wenn er in Kenntnis der Existenz der „furchtbaren Juristen“ sich der Frage stellt, wie man in Deutschland die höhsten Weihen der Jurisprudenz erhält.

Nach Artikel 94 Absatz 1 Satz 2 werden die Mitglieder des Bundesverfassungsgerichts je zur Hälfte vom Bundesage und vom Bundesrate gewählt. Die Entscheidenung, wer an einem der übrigen „obersten Bundesgerichte“ im „Namen des Volkes“ urteilen darf, liegt nach Artikel 95 Absatz 2 des Grundgesetzes in den Händen des sogenannten „Richterwahlauschuß“, in dem Exekutivorgane und Parlamentarier unheilvoll miteienander verbunden sind: „über die Berufung der Richter dieser Gerichte entscheidet der fr das jeweilige Sachgebiet zuständige Bundesminister gemeinsam mit einem Richterwahlauschuß, derau en fr das jewelige Sachgebiet zustndige Ministern der Länder und einer gleichen Anzahl von Mitgliedern besteht, die vom Bundestage gewählt werden.“

In beiden Fällen unterwerfen sich die Enscheidungsgremien dem Willen einer nahezu unheimlichen Absprache der „politischen Parteien“. – Man besetzt die Ämter der obersten Bundesgerichte nicht nach Qualifikation (z.B. nach Zahl der Urteile, die nicht durch höhere Instanzen aufgehoben wurden), sondern die Richterstellen an den „Obersten Bundesgerichten“ werden nach „Parteiproporz“ vergeben: Heute CDU, morgen SPD, übermorgen FDP. – Wenn es denn paßt, vielleicht auch mal ein „Grüner“. – „Die Linke“ hat in diesem Spiel eher keine Chance…:

Darin offenbart sich, daß auch der Bundesadel über ein bestimmtes Rekrutierungssystem verfügt. Das läßt nur die nach „oben“ durch, von denen erwartet werden kann, daß sie im Sinne des Adels handeln, nicht im Sinne des Volkes. Und, es klingt bitter, das Auswahlverfahren setzt sich fort bis zur Wahl der Verfassungsrichter. Deren Wahl obliegt zwar dem Parlament, bei der konkreten Richterwahl entscheidet ein kleiner Ausschuß, der auch noch auf den Proporz achten muß. Achten Sie einmal darauf: es sind in der Regel verdiente Politiker, die dort einen Job angeboten bekommen. Man bleibt eben unter sich und weiß, wer wem was zu verdanken hat. Wir sind alle nur Menschen, keiner ist besser als der andere. Daher ist es höchst unwahrscheinlich, daß der Standesdünkel mit dem Überstreifen der roten Robe abgelegt wird. Er wird bei jeder Entscheidung mit am Richtertisch sitzen und Einfluß nehmen. Nicht bewußt und nicht sichtbar, aber er ist dabei.“ (G. Altenhoff, der Bundesadel, unv. Manuskript, 2000, S. 30)

Die Ignoranz der Jurisprudenz gegenüber der eigenen Geschichte und ihrer verhängnsivollen Bindung an die „Macht“, sei sie religiöser oder politischer“ Natur, ist der Hauptgrund, weshalb Juristen mit den unschuldigen Augen eines Labradors, der gerade eine „Schwarzwälder Kirschtorte“ spurlos verschwinden ließ, den Standpunkt vertreten:

Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein“

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/nachruf-auf-hans-filbinger-ministerpraesident-marinerichter-mitlaeufer-a-475319.html

Heute „beurteilen“ und vollstrecken ebenso „unschuldige“ Juristen und Beamte das Gegenteil dieses Satzes:

Was gestern Recht war, ist heute fast todeswürdiges Unrecht:

RAUCHEN!

Wir erlebten es in jedem Wahlkampf. Wir erleben es auch im Wahlkampf 2013, der gegenwärtig die Medien mehr beschäftigt als den „Wähler“: Jede Partei hat sich auf die Fahnen geschrieben, die „Gesellschaft“ in eine den Vorstellungen der Partei entsprechende Richtung zu lenken. Die Menschen sollen sich also den Vorgaben der Partei anpassen. – Tun sie es nicht freiwillig, werden sie kraft Gesetzes eben dazu gezwungen. – Die Juristen, darauf können sich die Parteien verlassen, werden sie auf ihrem Weg zur Umgestaltung der Gesellschaft unreflektiert begleiten. – Man hat ja den „Willen des Gesetzgebers“ auf seiner Seite. Das aber ist nicht das, was Knigges Intention war, die seinem Über den Umgang mit Menschen zugrunde lag. Am Schluß seines Werks offenbart Knigge nämlich dem Leser:

Ich habe in diesem Werke nicht die Kunst lehren wollen, die Menschen zu seinen Endzwecken zu mißbrauchen, über alle nach Gefallen zu herrschen, jeden nach Belieben für unsre eigennützigen Absichten in Bewegung zu setzen. Ich verachte den Satz: daß man aus den Menschen machen könne, was man wolle, wenn man sie nur bei ihrer schwachen Seite zu fassen verstünde. Nur ein Schurke kann das und will das, weil nur ihm die Mittel, zu seinem Zwecke zu gelangen, gleichgültig sind; der ehrliche Mann kann nicht aus allen Menschen alles machen, und will das auch nicht; und der Mann von festen Grundsätzen läßt auch nicht alles aus sich machen. Aber das wünscht und kann jeder Rechtschaffene und Weise bewürken, daß wenigstens die Besseren ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß niemand ihn verachte, daß er Frieden von außen her habe, daß man ihn in Ruhe lasse, daß er Genuß aus dem Umgange mit allen Klassen von Menschen schöpfe, daß andre ihn nicht mißbrauchen oder bei der Nase herumführen. Und wenn er ausdauert, immer konsequent, edel, vorsichtig und grade handelt, so kann er sich allgemeine Achtung erzwingen, kann auch, wenn er die Menschen studiert hat und sich durch keine Schwierigkeit abschrecken läßt, fast jede gute Sache am Ende durchsetzen. Und hierzu die Mittel zu erleichtern und Vorschriften zu geben, die dahin einschlagen – das ist der Zweck dieses Buchs.”(Knigge, aaO. 309f)

Spitzenpolitiker und ihre ihnen blind folgenden Parteigänger verstoßen eindeutig gegen den von Knigge aufgestellten Grundsatz, der spätestens seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts naturwissenschaftlich untermauert ist. Ich wiederhole:

Ich verachte den Satz: daß man aus den Menschen machen könne, was man wolle, wenn man sie nur bei ihrer schwachen Seite zu fassen verstünde. Nur ein Schurke kann das und will das, weil nur ihm die Mittel, zu seinem Zwecke zu gelangen, gleichgültig sind; der ehrliche Mann kann nicht aus allen Menschen alles machen, und will das auch nicht; und der Mann von festen Grundsätzen läßt auch nicht alles aus sich machen.

Menschen bleiben Menschen mit all ihren individuellen Eigenschaften und Neigungen. – Der “Gesetzgeber” ist nicht berufen, die Menschen nach seiner Vorstellung oder einer “Ideologie” zu “gestalten”. Das kann und wird nicht funktionieren. – Knigge hat es erkannt; Knigges bahnbrechende Vermutung deckt sich mit den auf naturwissenschaftlicher Basis gewonnenen Erkenntnissen über menschliches Verhalten. – Das aber ist durch alles andere, nur nicht durch die “Vernunft” bestimmt.

Merkel, Steinbrück und ihre Jünger hingegen versuchen nach wie vor mit dem massenhaften Verteilen gelb-schwarzer Binden und weißen Stöcken den Menschen das Augenlicht soweit zu vernebeln, daß sie ihnen “blind” folgen.

So blind, daß ihnen die “Organe der vollziehenden Gewalt” mit “Verwarn- und Bußgeldern” jederzeit vor Augen führen können, daß sie dem “Willen des Gesetzgebers”, unbedingten Gehorsam schuldig und der Willkür der “vollziehenden Gewalt” ausgeliefert sind. – Und sie haben sich dabei so geschickt verhalten daß diese Auslieferung sich als ihr eigener Wille verkaufen ließ und kein Jurist gegen die “kalte” Machtübernahme der Exekutive protestierte:

Die Auslieferung des Volkes an die Willkür der “vollziehenden Gewalt” wurde in Deutschland mit dem “Orndungswidrigkeitengesetz” vollendet. – Die Gefahrenabwehr – ursprüngliche Aufgabe der Polizei – trat in den Hintergrund. Aus dem “Freund und Helfer” wurde der “Kassierer in Uniform”. – Der Satz Ernst Moritz Arndts: “Besser gar keine Polizei als zuviel davon” klingt daher wie eine düstere Vison, die er vor fast genau 200 Jahren hatte:

Unser Rechtssystem kennt zwei voneinander unabhängige Behörden…”

Diesen Eingangsatz der Serie “Law & Order” kennt jedes Kind; jedes Kind kennt auch deren Geschichten, nicht aber deren Geschichte:

Für Knigge hatte die Polizei noch kein großes Problem dargetellt. Auch nicht für den jungen Ernst Moritz Arndt, wie sich aus seinen folgenden Ausführungen ergibt. Nur wenige Jahre nach Knigges Veröffentlichung hatte Napoleon Bonaparte durch seinen Polizeiminister Fouché fast ganz Europa mit Polizei und Geheimpolizei überziehen lassen.

Wegen der Rechtsentwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts ist der von Arndt verwendete Begriff “Polizei” im erweiterten Sinne gemeint, der in der Rechtswissenschaft als “Polizei- und Ordungsrecht” seinen rechtstheoretischen Niederschlag gefunden hat: Der hier gemeinte, erweiterte Polizeibegriff umfaßt jede Verwaltungsabteilung, die dem Bürger als eine “Ordnungsbehörde” entgegentritt.

Das bonapartistische Polizei- und Spitzelsystem, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts Europa überzog, ließ Ernst Moritz Arndt den Kragen platzen. – Unbeachtet von den gegenwärtigen “Meinungsmachern” hängt seit Oktober 2008 ein Text von Ernst-Moritz Arndt im Netz, der auch 200 Jahre nach seiner Abfassung keine Aktualität eingebüßt hat, vielmehr hat er durch NSA, BND und Wikileaks an politischer Brisanz gewonnen:

Ernst Moritz Arndt und die Gedankenpolizei

Oktober 8, 2009

Online-Durchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, unsichtbare “Blitzer” – Polizei, wohin man schaut. – Alles im Interesse der “inneren Sicherheit”. Der Bürger wird unter Generalverdacht gestellt, damit “der Staat” ihn vor sich selbst schützen kann. – Gerade die “polizeiliche” Überwachung der “neuen Medien” durch “neue Medien” läßt den Alptraum George Orwells fast schon Wirklichkeit werden:

Gedankenpolizei

Gedankenpolizei – wer Orwells 1984 gelesen hat, kennt diesen Begriff. Aber kaum jemand weiß, daß dieser Begriff schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Ernst Moritz Arndt verwendet worden war. Arndt, der später Alterspräsident der Frankfurter Paulskirchenversammlung war, benutzte ihn in seiner Streitschrift “Geist der Zeit / Verfassung und Preßfreiheit”. – Was Arndt darin über die Polizei an sich schreibt, zeigt den “Ungeist”, der sich in heutigen Polizeikreisen wieder einmal breit macht und den Weg zur Gedankenpolizei ebnet.

(78) Die Leute, welche in Beschreibungen, Begrenzungen und Bezeichnungen der Dinge die schärfsten sind, haben Polizei noch nie beschrieben, wohl aber hin und wieder umschreiben und bezeichnen können. Woher das? Nicht so sehr wegen ihrer Tiefe als wegen ihrer Fläche, weil es nichts Wirkliches sondern einen Mangel bezeichnet, wie es denn auch an dem Nichtigsten und Vergänglichsten dieser Erde arbeitet.

(…)

(79) Darum haben alle Menschen, die es mit der Tugend und Hoheit ihres Geschlechts wohl meinen, immer gesagt, und alle freie und hochherzige Völker haben es immer als Grundsatz ausgesprochen und behauptet: Von dem Übel, das Polizei heißt, sowenig als möglich! Denn wäre der leitende, warnende, belauschende und behütende Geist, wovon man wenigstens ein Urbild aufstellen kann, auch die Liebe und Menschlichkeit selbst, so würde er doch böse Früchte tragen. Da kann man sagen: Geschieht das am grünen Holz, was soll am dürren werden?

Gern hört die Polizei die Vergleichung, wo man sagt, sie sei eine fortgesetzte und planmäßige Erziehung des Volkes durch die Regierung, eine stille und sanfte Warnerin vor Sünden und eine geduldige Ausjäterin und Ausrotterin von Verbrechen. So meinen es gewiß redliche aber bei aller Redlichkeit kurzsichtige Männer, die bei der Polizei angestellt sind. Aber was wissen sie von Erziehung? Ja wie wenige Menschen verstehen überhaupt so Großes und Tiefes, als die Erziehung ist! Wir wollen bei dem Gleichnisse bleiben, so wird jeder begreifen, was wir meinen. Das kann man täglich von der Erziehung sehen, daß das Zuviel auch da verderblicher ist als das Zuwenig oder Garnichts. Wieviele fromme und rechtschaffene und sonst in jeder Hinsicht gescheite Eltern erziehen eben durch das Zuviel aus ihren Kindern Heuchler und Bösewichter!

(…)

(80)

Jede Lehre, die sich zu sehr eine Absicht merken läßt und auf ein bestimmtes Ziel hinsteuert, jede ängstliche Begleitung, Behütung, Belauschung und Beschleichung der Triebe und Handlungen der Kinder macht Sünder und Lügner. Durch das Gesetz ist die Sünde in die Welt kommen, sagt der Apostel. Ihr aber könnt diesen Vers nicht auslegen und werdet ihn gegen mich gewiß mißbrauchen. Wenn dies bei Kindern und Jünglingen geschieht – und man kann es alle Tage sehen – wo die nächste und süßeste Liebe der Eltern so töricht sorgt und wacht, wie sollte es bei dem Volke nicht mehr geschehen, wo auch die redlichsten Vorsorger und Wächter doch notwendig in fernerer und kälterer Liebe stehen müssen? Wenn Kinder sich freuen, selbst liebenden Eltern, die sie töricht leiten und halten wollen, zu widerstreben und sie zu täuschen, wie sollte ein Volk es nicht viel mehr tun gegen solche, von welchen es innere Herzensliebe weder erwarten noch fordern darf?

Wir hatten vor zwanzig und dreißig Jahren auch Polizei im heiligen römisch-deutschen Reiche, aber keine, die je soviel Lärm gemacht und sich auf einen so hohen Olympus der Herrschaft und auf ein so leuchtendes Zion der Wächterschaft gesetzt hat als die Polizei von heute. Sie war einzeln da und trieb ihr Werk, das keineswegs ein großes Werk ist, ohne Lärm und Prunk, war auch, wenn man die großen Hauptstädte von 100.000 bis 300.000 Einwohnern ausnimmt, wo die Zusammenströmung alles Herrlichsten und Gemeinsten, Edelsten und Bübischesten größere und strengere Hut notwendig macht, zunächst in den Händen des Volkes und der Gemeindenund sorgte so ziemlich leidlich für Luft und Licht, Wasser und Feuer, Wein und Bier und für die Sicherheit der Häuser und Straßen, welches eigentlich der Bezirk ist, den sie nie verlassen sollte. Die Herren von der Polizei waren damals kleine und unbedeutende Leute, sie sind seitdem vorgerückt und haben sich des Größten und Höchsten beflissen, und mit ihrem guten Willen werden wir sie nie wieder auf die niedrigere Fläche herunterbringen, wo sie nur mit Einzelnen, Kleinen und Gewöhnlichen zu tun hatten. Vorher waren sie Diener des Marktes und der Landstraßen, die ihr Geschäft des Aufpassens und Haschens bescheiden verrichteten; jetzt nennen sie sich stolz Diener des Throns, Stützen der Herrschaft, Beobachter und Leiter der öffentlichen Meinung, Zügler und Dämpfer des unruhigen Volksgeistes und Tag- und Nachtwächter nicht der unreinen Leiber allein sondern auch der unreinen Geister; so daß man sagen kann, ihr Umfang sei der Umfang der gesamten idealen Philosophie: die Pflegung, Verwahrung und Leitung aller menschlichen und göttlichen Kräfte, Triebe und Leidenschaften; und daß sie mit einer Gelenkigkeit und Fliegigkeit des Geistes, die sonst nie gesehen worden, von dem Gewimmel des Jahrmarktlärms zu Göttergelagen des Olympus un von dem Verhör eines armen Galgendiebs zur Gallschen Betastung und Abschätzung des Schädels eines Leibniz und Goethe überspringen können, und sie allein von allen Sterblichen.

Ich sagte oben, alle freisinnige und hochherzige Menschen und Völker hätten lange den Ausspruch getan: Von dem Übel, das Polizei heißt, so wenig als möglich! Meine Meinung aber will ich in dem größten Gegensatze aussprechen: Lieber gar nichts davon als zuviel! Denn in dem ersten Falle kann man wohl einmal faule Fische essen und vergifteten Wein trinken müssen, ein Trunkenbold oder Narr kann wohl einmal mit Faust und Stock auf einen losbrechen, ein Dieb einem die Taschen leeren, ein Räuber einem den Hals umdrehen, aber die Seele können diese alle einem nicht verderben; in dem zweiten Falle aber versammeln sich alle schadenfrohen Neuntöter der Seele miteinander, alle listigen und schmeichlischen und meuchlischen Kriegsteufelchen und Schleichteufelchen der Hölle finden sich ungeladen ein und können nicht leicht von der Versammlung abgehalten werden. Wie geht das zu? Ist etwa die Polizei mit einem besonderen Aussatze behaftet, die allen anderen menschlichen Einrichtungen fehlt? Entwickelt sich etwa in ihr eine Bosheit oder Gewalt, die nicht auch in anderen wäre? Ich will das aussprechen, was sie durch die allgemeine Gebrechlichkeit entschuldigt.

Es ist aller Menschen ohne Unterschied und Ausnahme Art und Unart, daß sie an sich reißen und herrschen wollen. Wer von dieser Art und Unart gar nichts hätte, müßte hier auf der Erde stracks vergehen. Sie ist nicht so barmherzig, daß auf ihr etwas leben könnte, was ohne allen eigensüchtigen und sichselbstverteidigenden Trieb wäre. Der Gehorsam ist verloren, das ist die Klage des frommsten Priestern; der Gehorsam ist verloren, das ist die Losung jedes Polizeimeisters. Und ein gerechtes Geschrei, wenn es gerecht gemeint ist. Jener kindliche Gehorsam der höchsten Freiheit und Unschuld, der nicht sündigen konnte, ist seit Adam dahin, und weil er dahin ist, müssen wir unruhige und frevelnde Menschen, Richter, Vorrichter, Nachrichter, Unterrichter, Überrichter, Einrichter, Ausrichter, Aufrichter und; Gott weiß, was mehr für Richter und Päpste und Erzbischöfe, Polizeiminister und Finanzminister, Priester und Professoren und viele andere notwendige Übel erdulden. Und auch kein König und Fürst kann es übel nehmen, wenn ich sage, daß er ein notwendiges Übel ist, daß ohne Adams Apfelbiß nicht in der Welt sein würde. Weil nur der Ungehorsam Wächter, Beherrscher, Bändiger und Bestrafer fordert, darum sind die vielen Arten und Diener der höchsten Majestät des Gesetzes und des Throns. Aber damit auch sie – denn auch in ihnen steckt Adams Sünde – sie, die eben den verlornen Gehorsam wiederherstellen sollen, nicht von selbst auch wieder ungehorsam werden und über die Grenzen ihrer Befugnis und Gewalt hinausdringen, darum hat man einem jeglichen eine Schranke zu setzen und einen bestimmten Bezirk des Amtes abzumarken gesucht. Nur die höchsten Gewalten sind in gewissem Sinne unbeschränkt. Diese sind auf der Erde der König, der Priester, der Gelehrte, der Hausvater und endlich die fünften die Polizeidiener und Polizeiherren. Der König muß frei und unbeschränkt gedacht werden, weil er den immer eingeschränkten Bürgerstaat durch das Gesetz und durch freies, kühnes und edles Walten täglich erlösen und befreien soll; der Priester, weil er von dem freiesten, himmlischen Reiche des Gehorsams und der Seligkeit predigt. Der Gelehrte, weil er mit dem Adler und der Lerche immer in der sonnigen Höhe der Ideen leben und schweben soll, wo selbst die weitestschießende, irdische Kanone ihn nicht mehr erreichen mag; der Hausvater, weil er in seinem Hause noch unbeschränkter herrscht als selbst der König in seinem Reiche, nämlich allein durch das ungeschriebene Gesetz des Herzens; und der Polizeidiener endlich, weil es sehr schwer ist, seinen Bezirk genau abzugrenzen. Das ist die Wurzel des Übels, da steckt die Krankheit, worüber wir jammern: weil er nach sovielem tasten und spähen und in allem mitrühren und mitkramen darf, so kommt der Polizeidiener und Polizeiherr sich so leicht gleich einem unbeschränkten Könige vor und gebietet und verordnet so gern im Namen der Majestät und verläuft sich also leicht in Gebiete anderer Behörden und wird in Gesinnung und Ausübung ein Tyrann. Dies Unbeschreibliche und Unbegrenzliche der Polizei und ihres Gebietes – dies fürchten die Menschen, die sich auf Freiheit verstehen, hierin sehen sie die Willkür und das Verderben. Ich spiele einmal mit Gleichnissen; ich kann noch viel deutlicher zeigen, wie dies nicht aus angeborener Bosheit der Polizei sondern aus angeborener Unart der menschlichen Natur entspringt. Darum, weil diese Herrschsucht, diese Anlage zur Tyrannei, eine Folge des Sündenfalls, uns allen angeboren ist, haben die Menschen in freien Staaten die Grenzen aller Ämter und Dienste der Gewalt genau bestimmt, und in unfreien Staaten – man kann sagen, je unfreier desto loser – haben sie sie nur so ungefähr beschrieben und umgrenzt, und statt nach festen Gesetzen wird da nach ungefähren Anweisungen und Maßgebungen regiert. Der Mensch, welcher so nach dem Unbestimmten und Ungefähren lebt und regiert, dem keine feste Grenze vorgestellt ist, wobei auch Furcht und Ehrfurcht und für den Verbrecher Schrecken als strenge Wächter und Warner mit gezücktem Schwerte stehen, bildet ihm selbst bald eine Macht ein, die er nicht hat, und nebelt und schwebelt und taumelt und baumelt in aller Willkür und, wenn er herben und bösen Gemüts ist, endlich in aller Tyrannei hin und her. Ich spreche von Selbsteinbildungen und Täuschungen der Herrschaft. Ich will dies gleich in einer lieben Ironie zeigen, worunter unser aller gemeinsame Art versteckt liegt. Der Ratsdiener in den Städten, der an vielen Orten auch Herrendiener heißt, trägt er in seiner Einbildung, eben weil er in den vielfältigsten Beziehungen und Geschäften zu der Welt und dann zu den verschiedenen Behörden der Obrigkeit hin und her läuft, nicht den stolzen Keim aller ihrer Geschäfte, Ansprüche und Verdienste in sich und spricht immer aus Wir? Und der Universitätspedell, vollends wenn er einige lateinische Wörter auswendig weiß, stellt er nicht alle Fakultäten mit scherzhafter Wichtigkeit in sich dar? Und der Küster, dünkt er sich fast nicht mehr als sein Pastor, weil er eben mehreres zu beschaffen hat, womit jener nichts zu tun hat? Woher diese Erscheinung? Aus dem unbestimmten Dienst, aus dem Dünkel, daß ein solcher armer, untergeordneter Diener, weil er sich zu gleicher Zeit in vielem hin und her treibt, oder vielmehr hin und her getrieben wird, glaubt das auch selbst ausgerichtet und gemacht zu haben, weswegen er auf den Beinen ist. Und die Polizei? Wie soll ein Polizeidiener sich retten, auch wenn er nur in dem Vielerlei und Wirrwarr des Jahrmarkts und der Gassen und Landstraßen umgetrieben wird, wie soll der Arme sich vor dem Gedanken retten, daß er mit dem Innersten der Weltregierung sei, ein täglicher und emsiger Nachbesserer und Nachschöpfer des etwas unvollkommen und stümperhaft geratenen Werke Gottes? Wie soll er, da sein Gebiet allenthalben in alle möglichen fremden Gebiete Ausgänge hat, in dem Übermute und der Willkür der Einbildung nicht gerade immer in das höchste Gebiet hinaus wollen? Ja sich schon in der Mitte derselben zu stehen wähnen, wenn er sich gerade auf der plattesten Fläche des niedrigsten umtreibt? – Ernstlich ge(85)sprochen und weit hinaus aus diesem bitteren Scherz – hier ist nicht die Polizei allein, hier sind wir alle. So herrlich sind wenige Sterbliche begabt, daß sie zugleich das Einzelne und das Ganze, das Gemeine und das Ungemeine immer in einem Leben beisammen haben können, daß der Geist zugleich das Niedrigste und das Höchste mit gleicher sonniger Heiterkeit verwalten könne.

Also das steht fest, herrschen will ein jeder von uns; wer in unbestimmten Schranken des Lebens und des Amtes steht, idealisiert sich gern zu dem Höchsten hinaus und hinauf. Was ist also natürlicher, als daß die Polizei von jeher aus einer Markthüterin und Diebesbelauscherin eine Gedankenhüterin und Geistesbelauscherin hat werden wollen? Wie jedes Ding kraft des innewohnenden Naturgesetzes aus seinen Anfängen immer nach seinem höchsten Ziele streben muß, so ist der Polizei höchstes Ziel immer, von dem leiblichen Haschen zu dem geistigen, von der Diebeslauscherei der Landstraßen und Schenken und H…häuser zu der Diebeslauscherei der Köpfe und Herzen, kurz zu den diebischen Gedanken der Menschen vorzurücken. Das hießt mit dürren Worten: Jede Polizei, die in ihrem eigentlichen, untergeordneten Berufe mit den niedrigen Bedürfnissen und Gebrechen und Verbrechen der Menschen zu tun und diese zu beobachten und mit einer Art geheimer Wache zu umgeben hat, will ihrer Natur oder vielmehr der herrschsüchtigen Menschennatur nach eine hohe und geheime, d.h. eine Gedankenpolizei werden. Sie fängt für den Leib und mit dem Leibe an, und ihr höchstes Ziel in dem Bezirk bleibt immer, einen verschmitzten Gauner zu dem zu bringen, was im Lübschen Recht das Freie, Höchste heißt; sie muß notwendig mit dem Geist und den Geistern endigen wollen, muß aber da unvermeidlich die Spuren ihres ersten Wesens wieder offenbaren, wo eben ein solches Freies, Höchstes idealisch im Hintergrunde schwebt: ein Stäußen, Hängen und Köpfen der Gedanken.

Solche hohe und geheime Polizei, solche Gedankenklapperjagd und Geistesplackerei war bei und Deutschen vor fünfzehn Jahren noch etwas Unerhörtes; bloß eine Hauptstadt im Vaterlande ward damals beschuldigt, verkappte Fliegen- und Mücken(86)fänger der Gedanken zu besolden. Wir verdanken diese vortreffliche Anstalt wie so manches andere Unsaubere den Welschen. Man meinte sich gegen ihre Tücke und Schliche besser wehren zu können, wenn man ihre Waffen gegen sie selbst kehrte. So ward das unlöbliche und Undeutsche ihnen nachgemacht. Man übte sich in der Giftmischerei, jedoch mit dem guten Vorsatze und dem geistlichen Vorbehalt des Gewissens, sowohl das Rezept als auch die Töpfe und Tiegel zu vernichten, wann die welsche Gefahr vorüber sei, und dann wieder in einem reinen und deutschen Leben zu wandeln. Alle Regierungen verkünden uns öffentlich, die Späherei und Lauscherei, die Briefbrecherei, die Angeberei, die ganze weitgreifende und weitschleichende Sünde sei nun abgeschafft. Wir müssen den Wort ja wohl glauben; aber das müssen wir gegen diese Ankündigungen erinnern, daß in vielen deutschen Landen alle freie und unschuldige Bewegung de Menschen, wie sie weiland bestand, noch immer gehemmt ist, daß alle Menschen unter dem Titel öffentliche Sicherheit wie die Schelme und Spitzbuben betrachtet und behandelt werden, kurz daß die meisten der gehässigen Weisen und Arten, wie wir sie von den Welschen bekamen, und die vielschreibenden und vielgeschäftigen Polizeikammern und Polizeibuden nach wie vor bestehen, daß auch manche Polizeidiener die Art und die Gesinnung, worin sie einmal geübt waren, schwerlich so bald ableben werden, wenn auch von oben herab ausgesprochen wird, es soll bloß die kleine und unschuldige Polizei sein, welche für den Magen und die Kehle am tätigsten ist. –Ich glaube nicht, daß wir ein schlechteres Volk geworden sind, als wir vor zwanzig Jahren waren; ich möchte sogar sagen, wir sind besser als damals. O goldne Zeit, wann kommst du wieder? Es sind nun zwanzig Jahre, als ich zu Fuße und zu Wagen von Stralsund bis Triest ganz Deutschland durchreiste, und nirgends hat man mich nach meinem Paß gefragt als in Wien. Wie frei, wie ungezwungen, wie ungestört und ungeplagt, lebte, ging, stand und schlief man damals! Und es waren wohl nicht mehr Diebe und Mörder damals als jetzt, vielleicht ein paar hundert unbedeutende Gauner und Tagediebe mehr als jetzt liefen und streunten etwas länger ungestraft durch (87) die Welt herum; aber das große und hohe Freie und Edle war wirklich frei und edel und ward dafür gehalten, bis die Richter den Beweis führten, es sei es nicht. Welcher Biedermann ergrimmt nicht in seiner Seele, wenn er denken muß – was er ja oft mit Augen sehen muß – daß die Majestät des Glaubens in erbrochenen Briefen verletzt ist, wenn er sich hinstellen muß vor den Polizeiherren und sich angaffen und zeichnen lassen, wie man Spitzbuben angafft und zeichnet? Und dann außer diesem tiefen Seelenschmerz, der nicht bloß um die Schändung des eigenen göttlichen Ebenbildes trauert, noch die vielen Kränkungen und Hudeleien der Armen und Unwissenden. Wahrlich solches, immer fortgesetzt und an den meisten Orten mit dem festen Ausbau von List und Verschmitztheit nochvermehrt und zu einem Gefangnenbau der Geister zusammengeschnürt, muß das treueste Volk in ein untreues, das redlichste in ein lügenhaftes, das einfältigste in ein verschmitztes Volk verwandeln, und Himmel und Erde kann man gegen eine solche Schmach anrufen, die ebenso undeutsch als unchristlich ist.

Ich weiß, was die Leute sagen, die nicht nur die Leiber sondern auch die Geister peinigen können, die alles Stolze und Hohe, was sich in der Zeit bewegt, als tollen Aberwitz und jakobinische Verruchtheit verschreien. Ihr Geschrei von dem Ungehorsam und der Bosheit des Volkes und seiner sogenannten Führer und Verführer ist eitel und leer; höchstens können sie hie und da über Narrheiten schreien, aber Narrheiten sind keine Verschwörungen. Da ist wenigstens die Wut und Gefahr nicht, wo sie sie sehen und zeigen. Sie liegt anderswo; sie liegt am meisten in ihnen und der unseligen Hetzerei und Grollerei und Durchstecherei, die sie veranlassen und schaffen; sie liegt in der Dummheit, die nicht in das Licht sehen will, in der Feigheit, die sich vor Ruhm und Ehre fürchtet, in der Faulheit, die ihr Daunenbett wieder polstern möchte, in dem Eigennutz und Übermut, der zum alten, verlebten Besitz zurück will, in dem Haß, der fremde Dienstbarkeit fast lieber möchte als eigne Freiheit, in der Lüge, die gern über die Zeit hinhüpfen und verkleidet wiederkommen und sie verleugnen und sagen möchte: Liebe Freundin, Sie irren sich wohl in der (88) Person, ich habe Sie nie gesehen; sie aber liegt am meisten in den schleichenden, kriechenden, schlangenzüngelnden und fuchsschwänzelnden Künsten, womit elende Menschen, welche meinen, das Leben lasse sich zur allgemeinen Belustigung wie ein Affe in einen Kasten sperren und herumführen, die Hohen und Herrscher bestricken möchten, daß sie uns alle wieder lahm, matt und geistlos hinlegen möchten für jenen faulen Todesschlaf, worin wir vor dreißig und zwanzig Jahren lagen, für jene traurige Vergessenheit und Gleichgültigkeit gegen das Vaterland, die uns damals besaß.

Das ist das größte Übel, das ist jetzt unser zweiter, unser deutscher Napoleon, das ist der schleichende, lispelnde und flüsternde Widersacher und Verderber, der Hasser des Lichts und der Freiheit von Anfang; man kann seine verbotenen Schlangenkünste, womit er eine edle und frei Menschenjagd Deutschlands, wo alle Geister jauchzen und klingen möchten, in eine gemeine Tierhetze verwandeln will, nicht genug aufdecken. Und wenn wir diesen grinsenden und ingrimmigen und in seinen Künsten überall unser Glück und unser bestes Streben satanisch hohnlächelnden Teufel Napoleon oder Davoust den Zweiten walten lassen, so wird seine schreckliche Weissagung Wahrheit: die Umwälzungen, worüber er jetzt den unzeitigen Feuerlärm erhebt, werden kommen und die Katze der äsopischen Fabel wird mit blutigen Zähnen ihre leichtgläubigen Nachbarn verschlingen. Fahrt nur so fort, braucht nur alle Künste finsterer Angaben und frecher Verleumdungen, reizt durch Haß und Neid und Verdacht nur alle Geister zum höllischen Kampf miteinander, reißt nur eine immer tiefere Kluft zwischen den Herrschern und den Beherrschten, predigt Liebe, Treue und Glauben nur recht fleißig, als die da gewesen sind, flüstert den Fürsten und Königen nur ein, daß Gedankenfreiheit und Preßfreiheit Religion und Thron untergraben, daß die hohe Polizei und Inquisition und Jesuiten und – Hofpriester und Hofpolizeimeister allein das wankende Europa retten können – fahrt nur so fort mit allen Künsten und Listen und Scheinen und Lügen zu blenden und zu behexen, und der blutige Zirkel wird fertig werden, worin eure Dummheit und Bosheit – denn ihr seid beide dumm und bös – sich im äffischen und äffenden Wahnsinn rund treibt. Keiner wird endlich den Ursprung des Unheils mehr wissen, so wenig als er dann einen Damm wissen wird gegen die fürchterliche Überschwemmung, die hereinbrechen wird. Drückt, plagt, neckt, preßt und hetzt nur immer so fort, als ihr im Anlauf seid, veerleumdet nur alles, auch was die gehorsamsten und frommsten deutschen Herzen deutsch und frei wollen, als Unsinn und Verbrechen, ihr werdet recht behalten, ihr werdet eure Umwälzungen und Umkehrungen mit Gottes Hilfe ja noch erleben, ihr Unglückskrähen, die da Gewitterregen krächzen, wann die Wolken hell sind.

Frei ist die Rede der Wahrheit und des Rechts, und frei muß sie sein in dieser kranken und überspannten und doch so edlen – nach drei schläfrigen Jahrhunderten edelsten – deutschen Zeit. Ich will sie nicht nennen, die immer von Bündnissen und Verschwörungen sprechen – ihre Namen sind bekannt genug. – Aber machen sie nicht einen Bund und eine Verschwörung, reicht ihre zusammenverklettete und verklitterte Pest nicht durch viele Lande und Herrschaften des Vaterlandes? Das Gute und Wahre hat nie die Wut von Geheimnissen und Verschwörungen gehabt, sein Leben ist das Licht, worin alle leben und gedeihen, und dieses Licht soll es nicht scheuen. Aber sollten die Finsterlinge und Ankläger und Beseufzer der Zeit siegen und uns Rede und Schrift überwältigen, sollten die Schergen der Dummheit und Faulheit deutsche Menschen zu stummen und hündischen Knechten machen, was Napoleon wollte und nicht konnte und deswegen als ein gebundener Sünder in St. Helena sitzt, dann hätten Gott und Schicksal in den letzten Jahren ein furchtbar ironisches Spiel mit uns gespielt, eine Tragikomödie, wie sie die Geschichte nicht kennt.

Dieses finstere und feige Treiben, diese Handlangerei der Hölle, deren Wesen in Lügenkünsten und Haß und Argwohn besteht, sprechen von Gehorsam und Liebe, und sie reißen Gehorsam und Liebe aus allen Herzen mit den Wurzeln aus und machen das Volk feig, schleichend, lügnerisch, mißtrauisch, grollisch, listig und verschlagen, kurz, sie säen alle die Laster (90) aus, an deren Brüsten das Untier an der Sein groß gesäugt war, das uns nun bald dreißig Jahre erschreckt hat. Denn wenn das Wort und der Gedanke, die göttliche Freiheit des Menschen und des Christen, sich schämen oder in Knechtsgestalt auftreten und sich eben mit dem bißchen Lumpen verhüllen sollen, was eine engherzige und kurzsichtige Polizei ihnen gönnt, wenn alle Menschen, auch die friedlichsten und unbescholtensten, von jeder Polizei gleich gebornen Schelmen und Gaunern – geborne Sünder sind sie freilich, aber nicht vor dem gestrengen Herrn Polizeimeister sondern vor dem barmherzigen Gott – von Amts wegen betrachtet werden dürfen, dann ist es mit unserm Glücke aus, und auch Deutschland werden sie allmählich zu den Greueln und Lastern auferziehen, wogegen sie so hellstimmig schreien, sie werden die Umwälzungen und Verbrechen aus ihm herauspressen, die in unserer Geschichte sonst unerhört waren. Wenn die Liebe zerstört ist, wenn die Regierungen und ihre Diener nicht mehr an Liebe und Ehre glauben, so wird bald der Haß dreinschlagen, und alle finstere Geburten der Hölle werden Gutes und Böses in einer verderblichen Mischung fassen und zerschmettern.

So ist das Übel diese Zuviels in der Aufsicht und Leitung und sogenannten wohlgemeinten Erziehung des Volks, die, über sich und über ihre Verhältnisse zur Welt geblendet, von der Regierung über Leiber zur Regierung über Geister fortschreitet, so ist das böse Übel dieser Verworrenheit, daß sie durch den ungebührlichen Krieg und Kampf, den sie auf einem Gebiete anfängt, das ihr ewig fremd bleiben sollte, weil ihre Beschränktheit auch bei dem besten Willen auf demselben nie heimisch werden kann, immer neue Kräfte und Kämpfer gegen sich hervorlockt und also auch ihr Heer mehren muß, damit sie dem selbstgeschaffenen Feinde gewachsen sei. Daher ist es notwendig, daß eine jede Polizei je geschäftiger sie ist, desto mehr Geschäfte bekommen muß; denn sie schafft sie selbst. Darum von Jahr zu Jahr die Ausbreitung ihres Umfangs und die Vermehrung ihrer stehenden Truppen. Wir haben ja das glänzendste Beispiel davon noch jüngst unter Napoleon gesehen, der die ungeheure Polizei, wie alle Tyrannen tun müssen, vorzüglich für die eigene Sicherheit als seine Leibwächter besoldete. Wenn sie es bis zu der Höhe gebracht hat, daß jeder zehnte Mensch des Volkes auf irgend eine Weise einer der Späher, Aufpasser, Herumträger und Helfer für sie ist, dann mag der Herrscher an Gemüt und Verstand ein Gott vom Himmel sein, das Volk, das mit Argwohn und Mißtrauen überfüllt wird, hat auf immer die Liebe verloren und mit ihr jede Tugend, und wir sind dann vergangen, wir sind dann verwelscht und auch ohne Welsche durch Künste, welche die Unsrigen von ihnen lernten, und kein Gott kann uns die alte Unschuld und Treue wiedergeben.

Und ist dies finstere Bild bloß ein Spiegel dessen, was werden kann, wenn alle Bessere nicht mit Mut und Geist und Wort das Rechte tun? Ist es bloß ein warnender Spiegel möglicher Zukunft? Nein, leider fängt es schon an eein Spiegel der Gegenwart zu werden. Geh’ nur umher im Vaterlande, treuer unsd wohlmeindender deutscher Mensch, geh’ nur umher, besuche die Schenken und Plätze, wo der Bürger und Bauer sich versammelt und seine Freude und sein Leid erzählt, geh’ umher und schaue und horche, wie es am Tage ist. O wie ganz anders als sonst! Kein so unschuldiges Vertrauen, keine solche Liebe mehr, beio vielen sogar Hoffnungslosigkeit, auch da eine grundlose, wo die Regierung es treu und redlich meinen; denn die Polizeien legen es ihnen ja alles zum Bösen und Verderblichen aus, und endlich empfangen die Menschen selbst das nur als eine Gabe der Furcht und der Not, was sie sonst als ein freies Geschenk der Liebe und Gnade empfangen haben würden. – Geh’ zu den sogenannten Gebildeten, da ist Mißtrauen und Scheu leider nur zu allgemein und zu gerecht, und wenige wissen noch, wessen sie sich zu den andern versehn sollen, und die Redlichsten und Freiesten werden oft für verkleidete Diener und Mückenfänger einer geheimen und unsichtbar schleichenden und schnobernden Macht gehalten und als solche verdacht und verleumdet. Wer kannte das sonst in Deutschland? Diese greuliche Pest aller Wahrheit und Sittlichkeit, diesen schändlichen Glauben an Lüge, Verrräterei, Durchstecherei und heimlicher Herumträgerei und Angeberei? Haben das bloß die Welschen zu uns gebracht? Ist das bloß aus Fouchés und Savarys und Napoleons Schule? O weh, daß ich hier immer Fragezeichen machen muß! So weit sind wir, und wohin könnten wir nicht kommen, wenn das Unheil noch zwanzig, dreißig Jahre so dauerte, und Polizeigesetze, die sonst nur als Gewohnheiten geübt wurden, endlich in Folianten gesammelt und studiert werden müßten. Es ist dies das größte Unglück des gegenwärtigen Deutschlands, und keiner soll es gelinder zeigen, als es ist. Die hierin das Heil der Staaten und die Sicherheit der Fürsten sehen, die diese Anstalt immer mehr zu etwas Bleibendem und Vollkommenem ausbilden möchten und von Erweiterung und Ausbildung der Polizei sprechen, die sind schlimmer als jene, welche sie für Jakobiner ausschreien, selbst wenn sie Jakobiner wären. Die Armen wissen meistens nicht, was sie tun, und wie sie vom bösen Feinde geblendet sind. Sie handeln mehr aus feiger Furcht vor dem Zeitalter, dessen Richtung sie nicht fassen können, als sie aus Absicht des Bösen oder Freude am Bösen. Die meisten sind verworren, indem sie verwirren; denn der polizeiliche, schleichende, lauschende, anklagende, lügende, aufhetzende und verwirrende Geist ist ja nimmer ein deutscher Geist gewesen.

Ich muß hier in ruhiger Übersicht dessen, was der gerechte Zorn stürmisch ausgesprudelt hat, zum Schluß einige Worte anführen, die ein einem anderen Buche von mir geschrieben stehen. Sie lauten also: “Es ließe sich ein Buch schreiben, wie eine Regierung es anfangen müsse, um ein Volk zu verbotenen Ränken, heimlichen Stempelungen und Zettelungen und heillosen Umwälzungen zu erziehen.” Ein solches Buch würde ein rechter Fürstenspiegel sein, der die Gefahren des Throns das zeigte, wo sie wirklich sind. Nicht das Offene, das Freie, da Hochherzige und Ungestüme in Worten und Taten ist das Gefährliche, sondern das Verdeckte, das Sklavische, das Listige, das Geschmeidige und Kriechende. Ich will dem Manne, der Zeit hat, die Quellen zeigen, aus welchen er schöpfen kann, um dieses lehrreiche und verdienstliche Buch, das etwa in vier tüchtigen Bänden zu vollenden wäre, zu verfassen. In der römischen Geschichte, die Geschichtsschreiber von Augustus bis Romulus Augustulus, in der byzantinischen Geschichte von Konstantin dem Großen bis Konstantin dem Letzten, in der Geschichte von Venedig und hie und da von Florenz und Genua und dann in der Pariser Verwaltungsgeschichte vom Ludwig XIV. (vielleicht schon von Ludwig XI. an) bis Napoleon wird er den reichsten Stoff zu verarbeiten finden. Er wird in diesem Stoffe die Mittel finden, die man gebrauchen muß, um ein ganzes Volk listig, verschlagen, argwöhnisch, unruhig, neuerungslustig und meuterisch zu machen. Nur recht viele Auflaurer und Angeber und Polizeimücken und Spionenschmeißfliegen, nur recht fleißig hinter den Türen und Tapeten, ja hinter den Briefsiegeln gestobert und geschnobert – und auch das ruhigste und stillste Volk wird schon die Kniffe lernen, wodurch man sich gegen eine solche Pest decken kann; aber es wird auch die unselige Fähigkeit und Empfänglichkeit erlangen, dem Schleichhandel, den die Regierung unbefugt und heillos durch seine Gefühle und Gedanken hintreibt, mit einem ebenso heillosen Schleichhandel zu begegnen. Wann Liebe und Vertrauen verschwunden sind, dann mag nichts auf Erden bestehen, und selbst der Beste und Gerechteste mag sich dann nicht mehr sicher halten. Das könnte man als eine gewaltige Unterweisung und Vorbereitung der Franzosen zu ihrer jammervollen und fürchterlichen Umwälzung aktenmäßig und geschichtlich erweisen, wieviel die Polizeiminister von Argenson (Polizeiminister unter Ludwig XIV.) an den Robbespierren und Dantonen vorgearbeitet haben, und wie die gepriesene geheime Polizei, die alles wußte, die Schule jener Klubs und Höhlen geworden ist, deren blutige Hinterlist und in düsterer Finsternis gesponnene Ränke uns ehrliche Deutsche nacheinander erstaunt und erschreckt haben. Diese Einsichten, diese Aufklärung, diese Bildung der Gesellschaft – diese schaffen die Prätendenten und Aspiranten, vor deren heilloser Leichtigkeit und Bereitwilligkeit zu allem Wilden und Bösen das Buch (vom Wiener Kongreß und von Herrn de Pradt) warnt, das uns zu diesen Betrachtungen veranlaßt. Man erzählt uns, daß, wer einmal Schleichhandel und Falschmünzerei getrieben hat, sich des Reizes zum Betruge nicht gern entwöhne, daß aber viel schwerer zu Stille und Einfalt zurückzukehren sei, wer einmal die süße Speise des geistigen Schleichhandels gekostet hat. Der Trieb der Ränke, Durchstechereien und heimlicher Zettelungen soll dem unwiderstehlich sein, der einmal von dem bösen Baum der unseligen Erkenntnis gegessen hat. Es wird gegen die Theoristen und Idealisten viel geschrien, aber die schlimmsten aller Theoristen und Idealisten sind diejenigen, welche die Polizei schafft. Darum haben auch alle Völker, die innen ruhig und außen frei sein wollen, die geheimen Polizeien als die Pest des Staates und der Gesellschaft gehaßt und sich lieber einige Unbequemlichkeiten, Beschädigungen und Unsicherheiten gefallen lassen, als daß sie dies gefährlichen Maschinen, die wahren Höllenmaschinen der Freiheit, bei sich hätten aufstellen lassen.

Viele treffliche Geschichtsschreiber und Staatslehrer haben den Despotismus so bezeichnet, daß er die Regierungsweise sei, wo in keiner Verfassung und in keinen Ständen und Klassen zwischen dem Herrscher uns seinem gerinsten Untertan etwas in der Mitte stehe, da in solchem politischen Zustande ja auch die höchsten Würdenträger nur Staub seien, den die Willkür einen Augenblick mit Glanz verziere und dann wieder in alle Winde blase; sie haben bemerkt, es sei in solchen Staaten eine unaufhörliche Erschütterung und Umwälzung, wo die verschiedenen Kräfte, ( nämlich die sklavische Volksmasse und der unumschränkte Herrscher ) eben wie vom Zufall geworfene Kugeln, bald oben und bald unten liegen; daher sei das Leben des Herrschers in einem solchen Staate nicht sicherer als das Leben des Bettlers, alles sei zufällig, plötzlich, ungeheuer, nichts ruhig, gleichmäßig, gerecht, und Strang und Schwert, welche die Willkür, wie sie wolle, um jeden Nacken schlingen und in jede Brust stoßen könne, fahren mit eben der fürchterlichen Gerechtigkeit des blinden Zufalls im unsteten Wechsel auf sie selbst zurück. Dies ist jener Zustand, wo die Macht dem Untertan zu nah steht, wo die Netze immer ausgespannt sind, worin alle Welt sich gefangen fühlt, wo die Umwälzungen nicht aufhören, weil die schlauen und furchtsamen Gedanken der unglücklichen Menschen immer auch wider Wissen und Willen Umwälzungen spinnen und weben; denn in den Brüsten, welche Argwohn und Trug besessen haben, wird alles zu höllischen Gespinsten ausgesponnen.

Darum und dieser großen Lehre und Warnung der Geschichte gehorchend, welche die einzige Lehrerin und Meisterin der Fürsten und Fürstenräte ist, müssen die guten und treuen Regierungen vor allen Dingen zuerst darauf sinnen, wie sie die Staatsmaschine, die bei sehr entwickelten Zuständen der menschlichen und politischen Gesellschaft immer das natürliche Streben hat, zu künstlich werden zu wollen, so sehr als möglich vereinfachen. Besonders aber wäre das ein Kunstgriff verständiger Regierungen, alles wegzuschaffen, wodurch sie dem Volke zu nah kommen und bei demselben Verdacht und Mißtrauen erregen; unter welchem das zuviele Polizeien, was man mit einem gewöhnlichen Volksausdruck ein zu vieles Regieren nennen könnte, billig obenan steht. Zu diesem Kunstgriffe würde auch das gehören, die Zweige der kleinen Gerichtspflege, der kleinen Polizei, der kleinen Verwaltung dem Volke selbst mehr zu übergeben und sie mehr von dem Volke ausgehen zu lassen. Gerade in diesem vielen Kleinen geschehen die meisten Mißgriffe und die gewöhnlichsten Überschreitungen und Verletzungen; und daher häufiges Mißvergnügen und Klagen über die Regierung. Wenn aber der Herrscher dies, woran so weniges von der Majestät hängst, dem Volke selbst in die Hände gäbe, so hätte es sich, wenn nicht alles geschehe, was oft gar nicht geschehen kann, nur an ihm selbst zu halten und viele Beschwerden und gehässige Beschuldigungen, die aus den vielen kleinen und oft unvermeidlichen Unvollkommenheiten und Neckereien und Plackereien des Lebens erwachsen, hätte die Regierung von sich dadurch abgewälzt; die Diener dieser Geschäfte, Bedürfnisse und Zucht- und Strafmittel erschienen dann nicht mehr als unmittelbare Diener der höchsten Gewalt, und “diese höchste Gewalt würde also von der kleinen Volksnot und den kleinen Volksbedürfnissen und Volksplagen in jener wohltätigen Entfernung gehalten, deren es bedarf, damit der Thron nichts von seiner himmlischen Majestät verliere.”

Nun noch ein paar Worte Nachrede dieser leidvollesten und zornvollesten Gegenstände.

Sie sagen und klagen, diese bestellsamen und dienstfertigen Herren, die auch den Geistern gebieten wollen, man müßte die tolle Zeit und die tollen, überspannten und verrückten Menschen derselben hemmen und herumholen, wie man scheuen und wilden Rossen tut; sonst werden sie durchgehen und Kaiser und Könige und alle Thronen, Ehren und Herrlichkeiten zertrümmern. Darum müsse die Polizei die sorgsame und wohltätige Warnerin, Hüterin und Hemmerin der Geister sein. Sie weissagen mit einer Art Zuversicht, wenn man sie auf ihre Weise noch zehn Jahre so gewähren lasse, werde das wilde Feuer, welches allein durch die französische Umwälzung und die Grundsätze derselben genährt worden, meistens verdampft sein, und die Großsprecher, die jetzt von Freiheit, Selbstständigkeit, Verfassung, Preßfreiheit Deutschheit, Welschtum und Christentum und Heidentum und anderen Tumen so gewaltig tönen, werden dann ausgeklungen haben, und alles werde wieder sein wie in jener glückseligen, stillen und gehorsamen Zeit von 1760 und 1780, welche sie als eine paradiesische Zeit voll Frieden und Freuden dieser Zeit, worin wir leben, immer gegenüberstellen.

Gesetzt, was wir ja einmal annehmen können, jene Zeit fünfzig und dreißig Jahre hinter uns sei in Vergleichung mit der gegenwärtigen auch eine edle, hochmenschliche und hochdeutsche Zeit gewesen, so könnten diese armseligen Menschen mit allen ihren schleichenden Künsten ja wohl an den Zeichen, die sie sehen und die sie auch in diesem Buche wieder sehen müssen, lernen, daß die mächtigen Geister, wogegen sie in die Schranken treten, ihnen unsichtbar und also unverwundlich sind, daß sie überhaupt nach einem Gefühle, das sich jedem Gesunden und Unbefangenen von selbst aufdringen muß, durch die gewaltigen Kräfte nicht zu hemmen, geschweige zu unterdrücken und zu ersticken sind. Sie werden auch die mächtigsten Männer zerschmettern, die gegen sie treten, als wenn sie den Strom der Weltgeschichte hemmen wollten. Warum schaut ihr nicht fester nach St. Helena, nach der Felsklippe im weiten, öden Weltmeer? Seht Euch doch um nach eurem Vorbilde. Was jener eiserne Riese und Titane töricht und stolz einst wollte, wordurchr Nebukadnezar vor Jahrtausenden zum Tier ward und wie ein Ochs Gras fressen mußte, jenen Stolz und Übermut wollt ihr? Und wir sollen wieder das Tier anbeten, daß bloß Klauen und Eingeweise aber keine Seele hat? Und doch seid ihr weder Nebukadnezare noch Napoleone. Wahrlich jener letzte hätte selbst als Tyrann die Welt beherrschen können, wenn ihm das Geheimnis dieses Zeitalters irgend klar geworden wäre; er sitzt auf der Felseninsel, weil er die Welt mit fremden Künsten leiten und beherrschen wollte, welche diese Zeit verabscheut.

Da ihr euch auf Klugheit und List und Kunst soviel einbildet, so solltet ihr schon aus Klugheit anders handeln als ihr tut; ihr solltet die frischen Geister, die ihr übermütige und verbrecherische Geister scheltet, durch den Wind, womit ihr ihnen das Licht des Lebens auszublasen meint, nicht noch zu lichteren und heißeren Flammen anblasen. Denn das sage ich euch, ihr mögt die Zeit für einen Teufel oder einen Gott halten, so kräftig sind ihre Lebenskeime, daß sie lebendig zur Welt kommen wird. Ihre Notwendigkeit ist nicht von den Menschen, ist nicht bloß die Zusammenverschwörung einiger überspannter Narren, wie man die Schriftsteller nennt, ist nicht bloß die Zusammenverschwörung einiger elendigen Jakobiner, welche die Zeit umkehren wollen, kurz sie ist nicht die Notwendigkeit von Menschen – denen möchten auch eure schwachen Künste noch gewachsen sein – sondern sie ist eine Notwendigkeit Gottes. Es ist ein Zeitalter, wo die Weltgeschichte und die Menschenentwickelung einen ungeheuren Wendepunkt hat, wo etwas ganz Neues werden soll, und eher mag eine Mücke ein rollendes Gebirge aufhalten, als alle deutschen Polizeien zusammen diese unendliche Last von Gefühlen und Gedanken, welche den chaotischen Strom einer den meisten noch verborgenen Schöpfung fortwälzen. Ihr gebärdet euch freilich höhnelnd dabei, ihr weissaget freilich: Es wird viel Geschrei und wenig Tat sein, es wird ein elendes Mäuschen aus dem schwülstigen Berge kriechen; aber um Gottes willen warum macht ihr denn so mächtige Gegenanstalten und zittert vor dem Mäuslein? Nein, ihr habt wohl eine Ahnung von etwas Ungeheurem, was nicht bloß nah’, was zum Teil wirklich schon da ist. Aber weil eure Augen in Blödigkeit und eure Herzen in Lieblosigkeit so geblendet und erstarrt sind, daß ihr nur das Wüste und Unheilige, nicht aber das Heitere und Heilige der ungeheuren Zeit sehen und verstehen könnet, so begegnet euch mit Recht, was denen immer geschieht, welche die Sünde gegen den heiligen Geist begehen, daß ihr immer tiefer in die Verwirrung hineingeratet und vor dem Kleinen zittert und euch des Großen nicht freuen könnt.

Wenn ich so offen zu den Anklägern, Verleumdern und Aufhetzern der Zeit spreche, welche Haß, Neid, Mißtrauen, Zwietracht und Feindschaft aller gegen alle entzünden und in eitlen und tückischen Schlangenkünsten uns allen Trost und alle Wonne der letzten Jahre verkümmern und unser Stolzestes zu Narrheit und unsere Hoffnung zu Verzweiflung verdrehen möchten, so leugne ich ja keineswegs die Überspannungen und Übertreibungen, die törichten Wünsche und hirngespinstischen Ansichten sovieler Zeitgenossen, die oft so wunderseltsam sind, als kämen sie plötzlich von einem fremden Planeten herabgeschneit; ich leugne auch bei einigen nicht einen unruhigen und ungehorsamen Geist, der wohl seine Lust hätte an Umkehrungen, bloß weil es Umkehrungen sind. Das sage ich aber noch einmal, daß gerade diese Hetzer und Zettler, welche alles, auch die fliegendesten und idealistischen Geister, mit ihren groben Polizeinetzen bestricken und einfangen wollen, sehr mit schuld sind, daß es in einzelnen Worten und Werken übertrieben wird. Die meisten Zeitgenossen sehnen sich nach etwas Stillem und Würdigen, nach etwas Festem und Freiem, das ihnen das Leben sichert; sie haben der schönen Worte und Gedanken und Pläne und Entwürfe und Verfassungen und Gesetzgebungen hin und her genug, ja übersatt gehabt und werden auch mit einer leidlichen Bürgschaft ihres künftigen Zustandes, mit einer leidlichen Magna Charta ihrer Bürgerrechte zufrieden sein. Wann wir das große Gut erst haben, wann wir wirklich erst auf Ständen und einem gesicherten und geregelten Bürgerleben ruhen, dann mag viel metaphysicher und metapolitischer und hyperidealistischer Wind durch und um die Köpfe der Menschen hin und her sausen, dann mag aller mögliche politische Unsinn in Worten und Schriften umhergetragen werden, die Erde steht dann wieder fest, und gewiß wird sie dann zuerst den Überfluß von Polizei auskehren, deren armselige und schwächliche Künste sie für die Bewahrung und Behauptung dieser Festigkeit am wenigsten bedarf.

Nein, so nicht, auf diese schleichende Weise und mit diesen kleinlichen Künsten der List und Verschmitztheit nicht, wird die Zeit beruhigt. Tugend und Kraft muß drein gesetzt werden, damit viel Nichtiges, Wildes und Überspanntes, worüber auch die Besten klagen müssen, gebändigt und vernichtet werde. Jede Zeit, die großer Art ist, kann nur durch sich selbst geboren werden, ihr Gemeines kann nur durch ihr Edles, ihr Wildes nur durch ihr Kräftiges und ihr Wüstes nur durch ihr Lichtes überwunden werden. Es muß anders werden, und es wird ja wohl anders werden. Die Herrscher werden ja wohl begreifen, daß es anderer Ärzte und Geburtshelfer der Zeit bedarf als dieser bangen Schwächlinge, die das glänzende Riesenkind, weil ihnen vor seiner starken Zukunft bange ist, am liebsten gleich töteten. Haben wir nur erst Verfassungen und Landstände, dann wird ja auch über die übertriebenen und übertreibenden Polizeien hoffentlich die Polizei kommen, und ein gehorsames, geduldiges und gutmütiges Volk wird hinfort nicht mehr wie ein Verbrecher belauscht und bewacht werden. Denn das ist der Sinn der Freiheit und war von jeher im deutschen Volke bräuchlich und üblich, daß die kleine und mittlere Polizei, die aber bloß für leibliche Bedürfnisse und leibliche Sicherheit zu sorgen hat, ganz dem Gau und der Gemeinde wieder zurückfallen muß, für welche ihre Ausübung notwendig ist. Nur in den großen Hauptstädten von achtzigtausend oder hunderttausenden Einwohner, wo Menschen und Laster aus allen Ländern und Gesindel und Sittenverderbnis auf eine schlimme Art zusammenstießen, mag eine genauer und zahlreichere Polizei eingerichtet werden. Die geheime Polizei aber, diese geborene Feindin alles geistigen Lebens und Wirkens, diese lauschende Mörderin aller Liebe, wird dann auf immer geächtet sein, diese Schande der Menschheit, die sich auch die hohe Polizei nennt, worin aber kein freier Mann je Hoheit gefunden, wohl aber des Wunsches einer Hamannschen Erhöhung derselben hundertfünfzig Ellen hoch über der Erde sich nie hat erwehren können. Nur in Zeiten des Krieges, wo Gewalt für Recht gilt und List gegen List gebraucht werden darf, mag sie ihre bunte Schlangenfahne aufpflanzen und das Gaunergesindel der Welt als Schergen um sich versammeln.

Diejenigen, welche in dieser Zeit nichts als Unruhe, Aufstand, Ungehorsam, Brand und Mord sehen und alle Freiheit zu Frechheit und jedes kühne Wort zu Aufruhr stempeln, haben auch von dem Größten und Heiligsten gehört, was so flachen Seelen ewig eine Fabel bleiben muß. Sie stellen ihr irdisches Reich gegen das himmlische und wissen viel von christlicher Friedseligkeit, stiller Demut und vertrauender Hingebung zu erzählen und über unchristlichen Übermut und heidnischen Zorn der Zeit zu klagen. So muß das Heiligste sich mißbrauchen lassen, so können diese die göttliche Lehre Christi in einen Steckbrief der Freiheit umdeuteln. Ja, es gibt eine christliche Liebe und eine christliche Demut, welche die Güter dieser Erde nicht höher anschlagen, als sie wert sind; es gibt einen christlichen Frieden im Innersten des Herzens, welcher durch die Achtserklärungen und Verdammungen dieser Welt nicht erschreckt wird; aber es gibt auch einen heiligen, christlichen Zorn, einen gerechten Haß gegen Satan und sein Reich der Verdummung und Verfinsterung, wovon uns der Erlöser selbst, der göttliche Heiland, der in menschlicher Gestalt als der Sanftmütigste und Geduldigste auf der Erde unter den Menschen wandelte, das Beispiel und Vorbild gegeben hat. Dieser Zorn und Haß muß brennen, er muß kämpfen und ringen auf Tod und auf Leben, wenn das Christentum selbst, wenn die geistige Freiheit des Wortes und Gedankens, wodurch wir ein göttliches Geschlecht sind, angegriffen und gekränkt wird. Jener Friede der Knechtschaft, den sie wollen, jene hündische Kriecherei der Seelen, die sie Gehorsam nennen, jenes stumme Schweigen, jene gedankenlose Gleichgültigkeit und faule Feigheit, die ihnen gefällt, weil jeder Schlechteste und Jämmerlichste dabei ein Herr sein kann, das ist weder Menschtum noch Heidentum noch Christentum; es ist ein Tod in der Verwesung, ein faules Nichts, es ist gar kein Leben. Geistige Regsamkeit, frisches Streben, redliche Wahrheit, kühne Rede, freie Tat, fröhliches und mutiges Wandeln auf Erden, das ist die göttliche Liebe, das ist Gottes Ebenbild, das heißt Christentum. Die Erde hier, dies Land des Wechsels und der Vergänglichkeit, ist für keinen ewigen Frieden gemacht, am wenigsten für den Frieden, welchen Kerker und Polizeikünste und Zensuredikte stiften. Dieser Friede der Schöpfe und Gänse, welche kein Wolf oder Fuchs mehr durch die Herde läuft, war zu aller Zeit die Schmach der Menschheit und der schwüle, ägyptische Brütofen aller Laster. Diesen Frieden haben die übermütigsten Tyrannen und Zwingherren immer am meisten im Munde geführt, wenn hingegen die tapfren und gerechten und christlichen Könige und Fürsten Freiheit, Freude, Mut und Wort walten ließen und dachten: Meinen wir es redlich, Gott wird es wohlmachen und uns die Welt regieren helfen. O diese, die sich schämen sollten bei ihrem finstern und geistlosen Treiben die christliche Lehre und den Heiland zu nennen, wo sie das Dumme, Tierische, Knechtische und Lügenhafte wollen, warum denken sie nicht wieder an ihr großes Vorbild, an Napoleon den Großen? Wie oft und immer, wann er betrügen, überlisten und Ehre und Freiheit der Herrscher und Völker mit Tigerlust und Katzenlust morden wollte, hat die gräßliche Katze gelobt: “Alle meine unendlichen Arbeiten und Kämpfe sind für das Glück der Welt. Ich ziehe nur in den Krieg, damit der ewige Frieden komme; ich werde die Völker durch einen solchen Bund verbinden, daß der Krieg ein Märchen werden soll. Die Völker sind geboren, einander zu lieben, und ich will sie zwingen einander zu lieben. Dann wird eine solche Glückseligkeit auf Erden sein, daß alle Philosophen und Ideologen und Idealisten und Theoristen ihre dünnen und metaphysischen Gespinste von Staatsverfassungen und von Menschenrechten und Bürgerrechten und von anderen Herrlichkeiten in den Ofen werfen können, Brot daran zu backen. Das glückliche und freie Volk wird auf solche Träume und auf die zierlichen Geschwätze von Philosophen und Sophisten nicht hören.” – O, was saget ihr, ihr, die an die hohe Lehre glaubt, daß ihr mit Feuer und Geist getauft seid? Und du, o wundersame Zeit, ja zu wunderbare Zeit, worin wir leben, wie gefällt es dir in fürchterlich gräßlicher Ironie dasjenige oft zusammenzupaaren, was sich gebärdet, als ob des das Ungleichste wäre? (https://advocatusdeorum.wordpress.com/?s=Arndt+Polizei) (Heinrich Meisner – Robert Geerds Hrsg., Ernst Moritz Arndts ausgewähle Werke in sechzehn Bänden, Zwölfter Band, Geist der Zeit IV, Leipzig 1913, S. 78ff)

Was hilft es, daß man einander mit Lügen abspeist und der gerechtesten Sache mit einer kleinlichen und beklommenen Heuchelei falsche Scheine umhängt? Wir wollen es kurz aussrechen: Die Sünde ist eine so große Willkü, als nur die tyrannei sann; Gott ist die höchste Tugend und Notwendigkeit und deswegen die höchste Freiheit. Damit der Mensch frei sei, darum unterwirft er sich dem Gehorsam des göttlichen Gesetzes. Damit der Mensch als Bürger frei sei und irgendwo Herr, da er es nicht allenthalben sein kann, darum unterwirft er sich dem weltlichen Gesetze und der weltlichen Obrigkeit. Wir haben alle Lust zu herrschen, deswegen diesen wir soviel; jedem Gehorsam liegt das verhüllte Geheimnis der Herrschaft zum Grunde. Dies gilt hier unten, wie es dort oben nur gelten kann. (E.M.A. AaO, 72f) – “Damit der Mensch als Bürger frei sei, unterwirft er sich dem weltlichen Gesetz und der weltlichen Obrigkeit…” – Das aber kann nur funktionieren, wenn die “Obrigkeit” sich jeder Willkür enthält und Regeln da aufstellt, wo es erforderlich und geboten ist. –

Enrst Moritz Arndts Angriff auf die Arbeit der “ordnenden Verwaltung” hatte sein ungestümer Zeitgenosse Friedrich Schiller in geradezu dürren Worten nahezu zeitgleich festgehaltenund szenisch dagesteltt:

1804 – veröffentlichte Friedrich Schiller seinen “Wilhelm Tell”. – Man kann und darf davon ausgehen, daß angesichts der Allgegenwart von “Ordnungshütern” der Dialog zwischen Leuthold und Friesshardt von jedem “Bürger” – vom Kleinkind bis zum Greis – auch ohne Hilfe eines Deutschlehrers – unmittelbar verstanden und zutreffend interpretiert wurde:

Friesshardt und Leuthold halten Wache.

Friesshardt:

Wir passen auf umsonst. Es will sich niemand

Heranbegeben und dem Hut sein‘ Reverenz

Erzeigen. ’s war doch sonst wie Jahrmarkt hier,

Jetzt ist der ganze Anger wie verödet,

Seitdem der Popanz auf der Stange hängt.

Leuthold:

Nur schlecht Gesindel lässt sich sehn und schwingt

Uns zum Verdriesse die zerlumpten Mützen.

Was rechte Leute sind, die machen lieber

Den langen Umweg um den halben Flecken,

Eh sie den Rücken beugten vor dem Hut.

Friesshardt:

Sie müssen über diesen Platz, wenn sie

Vom Rathaus kommen um die Mittagstunde.

Da meint‘ ich schon, ’nen guten Fang zu tun,

Denn keiner dachte dran, den Hut zu grüssen.

Da sieht’s der Pfaff, der Rösselman – kam just

Von einem Kranken her – und stellt sich hin

Mit dem Hochwürdigen, grad vor die Stange –

Der Sigrist musste mit dem Glöcklein schellen,

Da fielen all aufs Knie, ich selber mit,

Und grüssten die Monstranz, doch nicht den Hut. –

Leuthold:

Höre Gesell, es fängt mir an zu deuchten,

Wir stehen hier am Pranger vor dem Hut,

’s ist doch ein Schimpf für einen Reitersmann,

Schildwach zu stehn vor einem leeren Hut –

Und jeder rechte Kerl muss uns verachten.

– Die Reverenz zu machen einem Hut,

Es ist doch traun! Ein närrischer Befehl!

Friesshardt:

Warum nicht einem leeren hohlen Hut?

Bückst du dich doch vor manchem hohlen Schädel.”

(Friedrich Schiller, Wilhelm Tell, 3. Aufzug, 3. Szene)

In den folgenden 209 Jahren stieß die von Schiller geschilderte Vorwarnung, die die hereinbrechende Katastrophe ankündigt und vorhersehbarer macht als einen Tornado, auf taube Ohren. Wie bei den diversen “Nichtraucherschutzgesetzen” und anderen Exkrementen des “Gesetzgebers” hatte sich auch bei Schiller das von Gesetzgebung und Verwaltung ausgehende Unheil lautstark angekündigt, wurde aber von der Bevölkerung nicht wirklich ernst genommen:

Ihr sehet diesen Hut, Männer von Uri!

Aufrichten wird man ihn auf hoher Säule,

Mitten in Altdorf, an dem höchsten Ort,

Und dieses ist des Landvogts Will und Meinung:

Dem Hut soll gleiche Ehre wie ihm selbst ergehen,

Man soll ihm mit gebognem Knie und mit

Entblößtem Haupt verehren – Daran will

Der König den Gehorsamen erkennen.

Verfallen ist mit seinem Leib und Gut

Dem Könige, wer das Gebot verachtet.

(Das Volk lacht laut auf, die Trommel wird gerührt, sie gehen vorüber)

(Schiller aaO 1. Aufzug, 3. Szene)

Ist der Hut erst auf der Stange, wird er, – wenn auch widerwillig – am Ende doch gegrüßt. Schiller kannte das Phänomen und dessen Folgen:

Das Volk hatte nicht ernst genommen, was ihm später zum Verhängnis werden sollte.

Dieses Phänomen war schon zu Schillers Zeiten nicht gerade neu, wiederholte sich aber mit zunehmender Frequenz in den zwei darauffolgenden Jahrhunderten.

Und wer hat sich in diesen zwei Jahrhunderten so verhalten wie Leuthold und Frießhardt? Richtig, die Ordnungsbehörden und die Justiz.

Das “Bücken vor manchem hohlen Schädel”, ja das Bücken vor allen hohlen Schädeln dieser Welt, das kennzeichnet auch heute noch Polizei und Justiz. – Das ist der Grund, weshalb man sich eigentlich schämen müßte, Jurist zu sein.


Ägypten: Endlich! – Richter gegen Diktator

November 29, 2012

Ägypten: Mursi gegen die Richter | tagesschau.de.

Es sit schon erstaunlich, wie schnell der „Caesarenwahn“ einen Menschen befallen kann. – Das hat wohl selbst die ägyptischen Juristen überrascht.- Sie hatten offenbar keine Zeit, sich den neuen „Machtverhältnissen“ in der für Otto-Normaljurist gewohnten Weise anzupassen. – Pech für Mursi! – denn Jursiten an die „schleichenden Staatsstreiche“ gewöhnt. Mursi hat sich „per Dekret“, also per „Geßlerhut“ zum Diktator aufgeschwungen. Er „agiert“ – entgegen der Pressemeldungen – „nicht wie ein Diktator“, er ist einer, denn er maßt sich die

DICTATURA LEGUBIS SCRIBUNDIS ET REI PUBLICAE CONSTITUENDAE

an. – Wie man so etwas nahezu unbemerkt macht, kann Ihnen ein gewisser Gerhard Schröder erklären, bis hin zum selbstgewählten „Abgang“:

Schöder-Kalender November 2007

Seine Fahnenflucht wurde von den Richtern des Bundesverfassungsgerichts ermöglicht. Federführend war Prof. Dr. Udo Di Fabio.

„Leta sä moa, is doch doll, ne? Un keiner kuckt richtich hin, is auch doll, ne?“ – Aber nicht doch, Herr Bundeskanzler, um Euch Alt-Jungsozialisten beim Wort zu nehmen: wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Die durch die Verfassung zum Widerstand Berufenen leisten ihn nicht, weil sie das Grundgesetz selbst zum Spielball parteipolitischer Interessen gemacht haben.

Die Verfassung wird ausgehebelt, ignoriert und öffentlich mit dem Bimbeskoffer in der Hand lächerlich gemacht. – So etwas hätte Helmut Kohl einmal wagen sollen! – Aber wenn ein Gerhard Schröder das macht, umweht ihn nur „Ein Hauch von Cäsarismus“. Das ist die Überschrift, die Jan Ross in der „Zeit“ vom 10.8.2000 (S. 4) seinem Artikel gegeben hat. Ross mahnt zu ein wenig mehr Widerspruch gegenüber dem, den alle Welt für einen tollen Hecht hält:

…„Der Kanzler ist kein Autokrat. Die osmotische Fühlungnahme mit Sachzwängen und Stimmungslagen, sein Pragmatismus also und das, was man in schöderkritischeren Tagen seinen Populismus nannte, bewahren ihn vor Alleingängen. Aber das wäre auch schon alles, was es in Schröders Welt an checks and balances gibt. Gegenüber Argumenten ist sie weitgehend immun. Siebzig Wirtschaftsprofessoren haben seinerzeit ordnungspolitische und finanzsystematische Bedenken gegen die Steuerreform angemeldet. Es hätten auch siebenhundert sein können, und allesamt Nobelpreisträger, vermutlich wäre die Regierung ebenso beeindruckt gewesen. Die ökonomische Expertise, die Schröder interessiert, kommt nicht aus dem Sachverständigenrat oder aus der Monopolkommission, sondern aus den Vorständen von Siemens und VW, und ihren Niederschlag findet sie nicht in Gutachten, sondern in jenen Zwanzig-Zeilen-Statements im Spiegel, mit denen vor der entscheidenden Bundesratssitzung noch einmal für Eichels Kurs getrommelt wurde.

Natürlich, so ist Politik. Nur sollte sich in der Öffentlichkeit bei dieser Lektion vielleicht noch etwas anderes regen als bloß Bewunderung für den tollen Hecht, der es den Brillenträgern auf dem Schulhof der Nation einmal ordentlich gezeigt hat. Ralf Dahrendorf hat im vergangenen Jahr auf einen befremdlich autoritären Zug in den Konzepten von Drittem Weg und Neuer Mitte aufmerksam gemacht. Das schien auf Clinton und Schröder nicht recht zu passen, allenfalls auf Blair mit seinem Predigerpathos, seinem Faible für Recht und Ordnung und seiner hausväterlichen Strenge gegen faule Wohlfahrtsempfänger.

Moralische oder polizeistaatliche Bevormundungen solcher Art ist von Schröder kaum zu erwarten. Doch ein leichter Schwefelgeruch des Autoritären mag empfindlichere Nasen inzwischen stören, ein Hauch von plebiszitär-charismatischer Führerschaft, von Cäsarismus und Bonapartismus. Kein Grund, gleich nach dem Verfassungsschutz zu rufen. Aber ein bißchen mehr Opposition dürfte es schon sein.“

Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht; aber der Verfasser des zitierten Beitrags wirft mit Wattebäuschchen, wo etwas massivere Wurfgeschosse angesagt wären.

Wer von seinen Bürgern die Beachtung des Gesetzes verlangt, darf selbst das Gesetz nicht brechen. Wer als ausgebildeter Jurist vorsätzlich die Verfassung bricht, hat in dem von ihm bekleideten Amt nichts, aber auch gar nichts zu suchen! Damit verbietet sich die Beurteilung als toller Hecht von vornherein. Nach allem, was wir über den Niedergang der römischen Republik wissen, müssen wir zu dem Schluß gelangen, daß Gerhard Schröder alle Merkmale eines Autokraten besitzt. Sein „Schmieren“ von Ministerpräsidenten auf Kosten Dritter (Sie und ich!) outet ihn nicht gerade als besonderen Freund der Verfassung.

Der von mir angekündigte unbestechliche Sachverständige, der zudem als ausgewiesener Experte für Verfassungsfragen gilt, meint dazu:

„Ein wirkliches Recht ist vorhanden bei Menschen, deren gegenseitiges Verhältnis durch Gesetz geregelt wird. Gesetz aber gibt es da, wo Ungerechtigkeit möglich ist, und das richterliche Urteil ist die Entscheidung über Recht und Unrecht. Bei Menschen, die die Eigenschaft der Ungerechtigkeit besitzen, kommt auch Unrechttun vor, aber nicht alle Menschen, die Unrecht tun, haben auch die Eigenschaft der Ungerechtigkeit, die darin besteht, daß man sich von dem schlechthin Guten zu viel, von dem schlechthin Übeln zu wenig zuteilt. Darum lassen wir keinen einzelnen Menschen herrschen, sondern das Gesetz, weil ein solcher in der bezeichneten Weise zu seinen Gunsten verfährt und ein Tyrann wird. Der (gesetzmäßige) Beamte dagegen ist Wächter des Rechts und, wenn des Rechts, auch der Gleichheit. Wenn er nämlich gerecht ist, so will er offenbar nicht mehr haben als andere, und er teilt sich von dem schlechthin Guten nicht mehr zu, als ihm verhältnismäßig zukommt. Er arbeitet für die anderen, und deshalb sagt man ja, wie wir schon früher erwähnten, die Gerechtigkeit sei ein auch andern zustatten kommendes Gut. Deshalb verdient der Beamte auch eine Belohnung, und diese besteht in Ehre und Auszeichnung. Wem das nicht genügt, der wird zum Tyrannen…“

Der Sachverständige ist absolut unbestechlich, denn er ist seit 2322 Jahren tot. Sein Name ist Aristoteles, und seine Worte aus der Nikomachischen Ethik (das Politische Recht) sagen eigentlich alles. Anders ausgedrückt: wer im Treibhaus sitzt, sollte den Kohl nicht schmähen. – Selbstverständlich hat Aristioteles nicht den Beamten nach heutigem Verständnis gemeint, sondern den archon, den Herrscher und dessen „Minister“. – Otto Schily, der Oberhirte des Grundgesetzes und Gebieter über alle Verfassungsschützer, sollte diesen Kanzler also ein wenig im Auge behalten. Denn es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß der tolle Hecht die Eigenschaft der Ungerechtigkeit besitzt; ihm also jegliches Rechtsgefühl abgeht.

Fazit jedenfalls ist, daß Rom uns näher ist als wir glauben. Vor allem deshalb, weil die Demokratie, die unsere Politiker im Munde führen und propagieren, keine Demokratie im eigentlichen Sinne ist, wie Aristoteles in seiner „Politik“ (Verfassungsformen) nachweisen konnte:

„Die fünfte Art der Demokratie ist diejenige, in der zwar die bisher genannten Bestimmungen auch gelten, der ausschlaggebende Faktor aber der Wille der Menge ist, nicht das Gesetz. Dies ist da der Fall, wo die Volksbeschlüsse als solche Geltung haben, nicht das Gesetz. Dies ist die Folge der Wirksamkeit der Demagogen. Denn in den Demokratien, wo nach dem Gesetz regiert wird, ist kein Raum für Demagogen, sondern die tüchtigsten Bürger stehen an der Spitze. Wo aber die Gesetze nicht in Geltung stehen, da gedeihen die Demagogen. Denn hier wird das Volk zum Monarchen, indem es ein einheitlicher, aus vielen zusammengesetzter Souverän wird. Denn die Menge ist hier Herr; nicht der einzelne, aber die Gesamtheit. Ob Homer an der Stelle wo er sagt, >Vielherrschaft sei nichts Gutes<, diese Art der Demokratie gemeint hat oder eine Verfassung, bei der eine Mehrheit von Gebietern je für sich herrscht, muß dahingestellt bleiben. Ein solches Volk, das tatsächlich Monarch ist, sucht seine Herrschaft in der Weise auszuüben, daß es sich nicht dem Gesetz unterstellt, und wird so despotisch. Bei ihm stehen die Schmeichler in Ehren, und es entspricht unter den verschiedenen Formen der Monarchie der Tyrannis. Deshalb trägt es auch ganz denselben Charakter: beide vergewaltigen die tüchtigeren Bürger, die Volksbeschlüsse sind das, was dort persönliche Befehle sind, und der Demagog und der Schmeichler sind dieselbe Menschenart und entsprechen einander. Beide haben bei beiden die einflußreichste Stellung: die Schmeichler bei dem Tyrannen und die Demagogen bei einem solchen Volke. Diese sind daran schuld, daß die Volksbeschlüsse und nicht die Gesetze den Ausschlag geben, da sie alles vor das Volk bringen. Sie gewinnen dadurch den Vorteil, daß sie großmächtige Herren werden, da das Volk Herr über alles ist, sie selbst aber Herren über die Meinung des Volkes; denn die Menge schenkt ihnen Glauben. Erhebt man gegen einen Beamten eine Beschuldigung, so sagt man, das Volk müsse über ihn zu Gericht sitzen, und das Volk nimmt diese Berufung mit Freuden an. Das bedeutet aber den Ruin aller Ämter. Gegen eine solche Demokratie erhebt man offenbar mit Recht den Vorwurf, sie sei keine Verfassung mehr. Denn wo das Gesetz nicht herrscht, besteht auch keine Verfassung. Denn das Gesetz muß über alles herrschen, Einzelfälle aber müssen die Beamten gemäß der Verfassung entscheiden. Wenn also die Demokratie eine Verfassung ist, so ist es offenbar dieser Zustand, in dem die ganze Staatsverwaltung von den Volksbeschlüssen abhängt. Das ist aber keine Demokratie im eigentlichen Sinn, da kein Volksbeschluß es mit allgemeinen Fragen zu tun hat.“

Und jetzt lesen Sie bitte erneut die Ausführungen Rudolf Dreikurs’ über die Entartung der modernen Demokratie, die Sie mit Sicherheit längst vergessen haben:

„Diese Parodie demokratischen Verfahrens finden sich aber nicht nur auf dem Gebiet der Politik, sondern überall, wo Machtgruppen bestimmte Einrichtungen kontrollieren. Unser Institutionalismus mit seinen gefährlichen Folgen zeigt sich in Organisationen jeder Art. Selbst unsere Konferenzen im Weißen Haus, ob sie sich nun mit den Problemen von Kindern, Jugendlichen oder alten Menschen befassen, werden so geführt. Bestimmte Machtgruppen halten in den nationalen Organisationen, auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften und der Erziehung oft Vorrechte so fest, daß es beinahe unmöglich ist, diesen Griff zu lockern. Und die Macht wird dann mit einer geradezu unglaublichen Fähigkeit ausgeübt, den Schein demokratischen Vorgehens zu wahren. Außerordentlich geschicktes Manipulieren durch scheinbar gewissenhaftes Einhalten der Regeln erlaubt dominierenden Gruppen, ihre Kontrolle auszuüben.

Wir kennen alle die akzeptierten Prozeduren, die unsere gegenwärtige >Demokratie< verabscheungswürdiger machen als jede direkte autokratische Schaustellung der Macht. Autokratie kommt meist ohne Heuchelei aus. Die Vorspiegelungen, zu denen es unvermeidlich kommt, wenn man demokratische Prinzipien beansprucht, sie aber nicht verwirklicht, bringen das ganze demokratische Leben in Verrruf. Wir haben kaum Grund, uns zu wundern, wenn die Feinde der Demokratie sich angesichts des Bildes, das wir der Welt bieten, nicht allzu beeindruckt zeigen. Unsere Vorstellung von der Demokratie muß viel klarer, unsere Anwendung ihrer Prinzipien konsequenter werden, ehe wir durch unseren Enthusiasmus und unsere Überzeugungskraft andere von den Vorteilen demokratischen Lebens überzeugen können.

Wir müssen wahrscheinlich auch unser Denken über die Herrnschaft der Mehrzahl berichtigen. Das Vertrauen auf die Majorität, auf die Zahl also, schließt die Fähigkeit aus, Entscheidungen nach ihrem logischen, moralischen und intellektuellen Wert zu beurteilen und entsprechend zu fällen oder nicht zu fällen. Wenn die Majorität einer Minorität ihren Willen aufdrängt, akzeptiert die kleinere Gruppe den Majoritätsentschluß nur ungern, und es ist sogar möglich, daß sie sich dagegen auflehnt. Auf diese Weise kommen wir also zur Übereinstimmung, sondern immer nur zu neuen Machtverlagerungen. Es werden mehr oder weniger subtile Machenschaften angewandt, um es zu vermeiden, sich Majoritätsbeschlüssen fügen zu müssen.

Wenn das Prinzip gleicher Möglichkeiten ein ärmlicher Ersatz für wirkliche Gleichheit ist, ist die Herrschaft der Majorität eine unzumutbare Belastung. Wir halten das Majoritätsprinzip für ein gegebenes Faktum, weil wir keinen besseren Weg kennen, gegensätzliche Ansichten unt Interessen in Einklang zu bringen. Die ursache dieses Unvermögens ist unsere Mangel an demokratischer Leitung. Wo sie vorhanden ist, wirkt sie auf unsere Verhandlungsfähigkeit und auf unser Vermögen ein, zu einer relativen Klärung zu gelangen, bis eine gemeinsame Aktionsgrundlage gefunden ist. Wir nennen diese Fähigkeit meist etwas abschätzig >Diplomaite<., weil sie früher oft mit einer gewissen Unaufrichtigkeit angewandt wurde, um Mächte und Mächtegruppen zu manövrieren. Bei einer geschickten demokratischen Leitung bedient man sich durchaus einer gewissen Diplomatie, aber nicht im herkömmlichen Sinn. (…) Wenn das Verhältnis zwischen Ordnung und Demokratie geklärt und die Verwechslung zwischen Demokratie und Anarchie, Freiheit und Willkür, Gleichheit und Gleichförmigkeit gehoben ist, sollte es den Führenden in einer Demokratie möglich sein, mit den Opponenten zu einer Übereinstimmung zu kommen. Dann entscheidet der Wert einer Ansicht, nicht die Macht oder Zahl derer, die sie vertreten.“

Es ist schon erstaunlich, zu welcher Synopse ein altgriechischer Philosoph und ein Psychologe des 20. Jahrhunderts fähig sind. Die praktisch deckungsgleiche Analyse demokratischer Strukturen im Abstand von gut und gerne 2300 Jahren zeigt, daß die größte Gefahr für die Demokratie nicht von rechts oder links kommt, sondern aus den Zentralen der Macht.

Leider war es Aristoteles verwehrt, auch über die sogenannte „Mediendemokratie“ zu philosophieren; auch Dreikurs ist allzu früh verstorben. Dennoch erscheint es so, als hätten beide die heutige Problematik vorausgeahnt. Beide wenden sich zu Recht gegen den Terror der Mehrheit generell. In der Mediendemokratie aber werden „Mehrheiten“ geradezu vergöttert. Mit Hilfe der veröffentlichten Meinung und demoskopischen Umfragen werden Mehrheiten herbei- oder weggeredet. Mittels „öffentlicher“ Meinung und und Meinungsumfragen werden Personen des öffentlichen Lebens auf den Schild gehoben oder vom Sockel gestoßen. Aristoteles kannte zwar keine Mediendemokratie, dennoch hat er vor deren Auswirkungen gewarnt. Sie erinnern sich?: „Erhebt man gegen einen Beamten eine Beschuldigung, so sagt man, das Volk müsse über ihn zu Gericht sitzen, und das Volk nimmt diese Berufung mit Freuden an. Das bedeutet aber den Ruin aller Ämter.“

Diese „Volksgerichtshöfe“ heißen heute Untersuchungsausschuß und Schlagzeile. Wenn Helmut Kohl in jüngster Zeit laut den Verdacht äußert, er werde zum Opfer eines „Rufmord-Kartells“, so hat er zumindest nicht ganz unrecht. Denn jede gegen Helmut Kohl erhobene Beschuldigung wird von Bundesgroßinquisitor Ströbele und der Presse begierig aufgegriffen und verwurstet. Da Herr Ströbele ein ehrenwerter Mann ist, wird er sich hüten, offen Beschuldigungen auszusprechen. Da der Bundesgroßinquisitor zudem ein intelligenter Mann ist, kennt er die anklagende Wirkung bestimmter Fragestellungen. – Die Medien erscheinen demgegenüber als reine „Instinktautomaten“ – Wir haben oben gesehen, wie Medien und fama zusammenarbeiten.

Die Schleuse ist geöffnet, Helmut Kohl wurde in eine Position gedrängt, wo die Wahrheit einer Beschuldigung keine Rolle mehr spielt, weil „dem ja alles zuzutrauen ist“. Seine Gegner und alle, die Lust am Rufmord verspüren, um vom eigenen Versagen abzulenken, können damit rechnen, daß die Hyänen, deren Futtertröge bei Presse, Funk und Fernsehen stehen, sich auf ihn stürzen und ihn zerreißen werden. Sie werden die erhobene Beschuldigung ebenfalls in Frageform kleiden. Da „dem ja alles zuzutrauen ist“, ist in der Frage allein schon das Todesurteil enthalten.

Caeser hätte in der heutigen Zeit die Iden des März nicht mehr zu fürchten. Er würde am Zeitungskiosk abserviert. – Auf den Pöbel ist Verlaß, der Trick klappt immer und überall, deswegen wird er von Demagogen in aller Herren Länder auch immer wieder angewandt. Aber was ist der Pöbel?

Der Pöbel ist die Menge aller Menschen, die sich durch Schlagworte in ihrer Urteilsfähigkeit beeinträchtigen lassen. Mit anderen Worten: ob Sie oder ich zum Pöbel zählen, hängt davon ab, wie weit Sie oder ich den durch die Parolen induzierten Emotionen Raum geben, meine bzw. Ihre Entscheidungen zu beeinflussen. Der Pöbel ist also eine variable Größe, jeder aber läuft Gefahr, irgendwann dazuzugehören. Und man muß höllisch aufpassen, nicht in diesen Strudel zu geraten.1

Nicht erst die Parteispendenaffäre hat gezeigt, daß Journalisten sich pöbelhaft benehmen, weil sie den Einpeitschern der Parteien gern zum Opfer fallen; anderseits sind sie dazu prädestiniert, selbst den Pöbel anzustiften und mit fetten Schlagzeilen die Stimmung anzuheizen. Freilich steckt dahinter keine ideologische Verbohrtheit, sondern lediglich das Bestreben als erster und möglichst exklusiv zu berichten. Der Effekt aber ist derselbe, weil der Zwang zur Aktualität das Erfassen der Realität verhindert. Die freie Presse, die eigentlich für den Souverän die soziale Kontrolle gegenüber den Mandatsträgern ausüben sollte, hat sich umfunktionieren lassen zum Sprachrohr der Demagogen aller Couleur. Und die wissen, daß es so ist.

Auf der Strecke aber bleibt die Wahrheit. Das ist „Warten auf Godot“, das ist absurdes Theater. Nicht einmal Eugène Ionesco hatte genug Phantasie, ein solches Szenario zu entwerfen. All der Aufwand der Untersuchungsausschüsse, die verbalen Giftgasattacken und das schamlose Übertreten der primitivsten Grundregeln menschlichen Zusammenlebens dienen angeblich nur dem Ziel, die Wahrheit zu finden.

Ist der „Wählerauftrag“ schon eine Lebenslüge der Politik, die Suche nach der „Wahrheit“ ist es allmal.(G. Altenhoff, der Bundesadel, S.82 ff)


Töten auf Kommando – N-24 6.9.2012 Die Pflicht der Offiziere

September 6, 2012

Töten auf Kommando – Krieg und Gewissen – Doku – YouTube.

Kann man rund fünf Millionen Jahre Menschheitsgeschichte in wenigen Worten zusammenfassen?

Der Dichter Ovid konnte es. Das Grundmuster des menschlichen Verhaltens, wie es bis hinein ins Neandertal Gültigkeit hatte, brachte Ovid in fünf Zeilen zu Papier, Hermann Breitenbach übertrug sie in die deutsche Sprache:

Und es entstand die erste, die goldene Zeit: ohne Rächer,

Ohne Gesetz, von selber bewahrte man Treue und Anstand.

Strafe und Angst waren fern; kein Text von drohenden Worten

Stand an den Wänden und Tafeln von Erz; es fürchtete keine

Flehende Schar ihren Richter: man war ohne Rächer gesichert.

Dann kam vor 93.000 Jahren die Eem-Warmzeit. Diese fand ihr Ende mit dem Beginn der letzten Eiszeit vor rund 60.000 Jahren.

Während dieser Periode verwandelte sich eine isolierte Neandertalerpopulation in den „modernen“ Menschen.. Der Gesichtsschädel verkrüppelte so weit es eben ging, nämlich auf die Proportionen, die man ansonsten nur bei Föten und Säuglingen anderer Primaten findet.

Die verheerendste Verkrüppelung fand jedoch im Schädelinneren statt. Der Mensch büßte seinen sozialen Instinkte teilweise ein und verlor die Tötungshemmung gegenüber dem Sozialpartner. – Bei anderen Primaten gibt es zwar einzelne Individuen, die ebenfalls keine Tötungshemmung gegenüber dem Sozialpartner haben, sie bilden aber die absolute Ausnahme, weil sie das Überleben der Sozialgemeinschaft gefährden.

Der mächtigste Verhaltensantrieb des Alltagslebens ist immer noch der Tausch-und Teile-Instinkt. Dieser ist indes soweit abgeschwächt, daß er durch kulturelle Normen ergänzt werden muß, um ein menschliches Miteinander halbwegs zu gewährleisten.

Das menschliche Sexualverhalten weist, man braucht sich in der Welt nur umzusehen, groteske Züge auf. Frauen, wurden dem Tausch-und Teile-Instinkt unterstellt; „weibliche“ Sexualität findet in manchen Kulturen so gut wie gar nichts statt. Daß sie nicht stattfindet, wird zum Teil gewaltsam „sichergestellt“. Frauen wurden zur „Handelsware“ zwischen den Gruppen.

Als das Wasser wieder zu Eis wurde, konnte dieses arg verkrüppelte Lebewesen die Insel, auf der es entstanden war, mit seinen Booten verlassen und mit einer bis dahin nicht gekannten Geschwindigkeit die Welt erobern.

In der Geschichte des Planeten sollte er das einzige Säugetier sein, das seinen „Fortpflanzungserfolg“ weniger der Kraft seiner Lenden verdankt als vielmehr seiner Fähigkeit zum „Kampf ums Dasein“.

Das ist nicht unbedingt ein Grund, stolz zu sein. Vielmehr sollte es Anlaß zum Nachdenken geben. Anlaß zum Nachdenken darüber, welche Stellung wir in der Natur einnehmen: Wir sind nicht die „beherrschende Lebensform“ des Planeten, vielmehr macht der Planet mit uns, was immer er will. Die sogenannten „Naturkatastrophen“ zeigen uns das jeden Tag.

Der Mensch ist so klein und unbedeutend, daß er Mutter Erde nicht einmal am Nagellack kratzen kann.

Das Kreuz, das der Mensch zu tragen hat, liegt im wesentlichen darin, daß er sein wahres Gesicht nicht sehen will. Er gab sich selbst den Namen „Homo Sapiens Sapiens“, maßte sich gar an , die „Krone Der Schöpfung“ zu sein.

Dieses Phänomen hat Oscar Wilde in „Das Bildnis des Dorian Gray“ sehr schön beschrieben. Dorian Gray behielt immer sein schönes, jugendliches Gesicht, als er Jahre später sein Bildnis anschaute, erschrak er, denn es war zu einer häßlichen Fratze entartet.

Es ist an der Zeit, das „Bildnis des Homo Sapiens Sapiens“ zu betrachten, es ist das Portrait des Australopithecus Superbus Procrustes, das Bildnis des überheblichen Südaffen, der sich mit Gewalt alles passend macht.

Die Dinge haben sich so ergeben, wie sie sich ergeben haben. An uns ist es, die Dinge zu vermeiden, die sich vermeiden lassen.

Australopithecus Superbus Procrustes wird die Kräfte der Natur niemals beherrschen. Wenn er aber schaffen sollte, sich selbst zu beherrschen, dann wäre vielen Menschen in aller Welt und der Welt an sich schon geholfen.

Wie beherrscht man ein Pferd?

Man legt ihm Zaumzeug und Zügel an.

Aus der Vorstellungswelt des Reiters stammt das lateinische Wort „religio“ ( re = „zurück“ und ligare = „binden“). „Religio“ bedeutet in erster Linie „Bedenken“, Skrupel“, Karl Kérenyi übersetzt es in seinem Werk „Antike Religion“ mit „wählerische Behutsamkeit“. Erst später kam die Bedeutung „Religion“ hinzu.

Bedenken gegenüber dem eigenen Handeln und Skrupel gegenüber dem Mitmenschen, das sind die Dinge, die die Zukunft der Menschheit prägen werden. In diesem Sinne stelle ich mit Vergnügen den Schluß meiner persönlichen „Reise in die Urwelt“ an den Anfang:

Neben uralten Mythen erzählen auch moderne Drehbuchautoren ewige Wahrheiten. Dazu zählt der englische Drehbuchautor und Regisseur Val Guest, der 1963 den Film „Der Tag, an dem die Erde Feuer fing“ produzierte.

Der Plot des Films ist simpel: Amerika und Rußland hatten in der Nähe der Pole durch zufällig gleichzeitige Zündung von Wasserstoffbomben den Planeten aus der Umlaufbahn geworfen. Die Politik versuchte das zu vertuschen, die Presse deckte es auf. Am Ende versuchte man, mit Wasserstoffbomben den Fehler zu korrigieren. Ob das gelang, läßt der Film offen.

In der Schlußsequenz läßt Val Guest seinen Protagonisten durchs Telefon diktieren:

Wir hatten den Wind gesät, jetzt haben wir den Sturm geerntet. Vielleicht wird er in wenigen Stunden die Erinnerung an das Vergangene und die Hoffnung auf die Zukunft ausgelöscht haben. Dann werden alle Werke des Menschen von dem Feuer verschlungen, das er selbst entfacht hat.

Aber vielleicht ist im Herzen des Feuers eine unfaßbare Kraft verborgen, die mehr zu seiner endgültigen Rettung beitragen wird, als er es selbst je konnte.

(Einblendung alternativer Schlagzeilen: „Wird die Welt gerettet? – Die Menschheit betet.“ – „Ist die Welt zum Untergang verdammt? – Die Menschheit betet.“)

Und sollte dem Menschen noch eine neue Zukunft gegeben sein, dann wäre es an der Zeit, daß er seinen erbarmungslosen Stolz und sein Streben nach Macht vergißt. Dann muß er an die Stelle all dessen die Liebe setzen. Vielleicht darf er dann eines Tages wieder sagen „wie schön ist doch das Licht!“ – und seine Augen zur Sonne erheben.

Ersetzen Sie einfach das Wort „Liebe“ durch religio. – Dann haben Sie das Ziel unserer Reise erreicht, von dem auch ich zu Beginn nicht ahnte, daß es überhaupt existiert.“

Religio“, das war auch für den Mann ein Fremdwort, der die Frage aller Fragen stellte:

Soll ich meines Bruders Hüter sein?

Bekanntlich entgegnete Kain nach dem Mordanschlag auf seinen Bruder auf die Frage Gottes, wo denn sein Bruder Abel geblieben wäre, „Ich weiß nicht, soll ich meines Bruders Hüter sein?“

Die Antwort des Allmächtigen auf diese Frage bleibt die Bibel merkwürdigerweise schuldig. In 1.Mose, 4, 10 heißt es lediglich: „Er aber sprach: Was hast Du getan? Die Stimme des Blutes Deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“

Doch es gibt eine eindeutige Antwort.

Ich lade Sie ein, mich auf dem Weg zu dieser Antwort zu begleiten. Sie werden sehen, daß sich der Weg im Wechselspiel zwischen Geschichtschreibung und Evolution organisch zur Antwort hin entwickelt, deswegen habe ich von einer Unterteilung in einzelne Kapitel abgesehen.

Menschen töten in großer Zahl,

das soll man beklagen mit den Tränen des Mitleids.

Wer im Kampfe gesiegt,

der soll wie bei einer Trauerfeier weilen.

Obgleich sie ziemlich christlich klingen, stammen diese Worte nicht aus der Bibel, man findet sie in Laotse „Tao Te King“, Kapitel 31 am Ende.

Die christliche Welt verhält sich jedoch anders als Laotse fordert. Hier werden Siegesfeiern mit Pomp Militärparaden abgehalten und Jahr für Jahr am „Jahrestag“ wiederholt. „Gedenken“ an die Toten findet im allgemeinen nur im Hinblick auf die „eigenen“ Soldaten statt.

Obwohl der Tod nicht objektivierbar ist, wird er für uns immer existieren, denn die zeitliche Grenze des Lebensprozesses, den wir als „Individuum“ bezeichnen, wird immer als „Tod“ erlebt und ist von den entsprechenden Emotionen „Trauer“ und „Verlust“ begleitet. Diese Form der Weltsicht ist uns angeboren, sie steckt tief im sogenannten limbischen System des Gehirns, wo die Gefühle „gemacht“ werden. Der Tod ist somit unabänderlicher Bestandteil des subjektiven Welterlebens, das alle Menschen miteinander teilen; C.G. Jung hat diese gemeinsame Form des subjektiven Welterlebens das „Kollektive Unbewußte“ genannt.

Angesichts der Bestrebungen, die Welt mit immer mehr Waffengewalt zu „befrieden“, hielt ich es für angebracht, einmal der Frage nachzugehen, wie der Wahnsinn des Krieges überhaupt in die Welt kam. Gelegenheit hierzu bot sich im Jahre 2004, als sich D-Day, der 20.Juli und der Aufstand im Warschauer Ghetto zum 60. Male jährten. Da die Verantwortlichen in aller Herren Länder sich offensichtlich als unfähig erweisen, aus der Geschichte Lehren und handfeste Konsequenzen zu ziehen, gab ich der kleinen Betrachtung den Titel

-Die Pflicht der Offiziere-

In diesen Tagen häufen sich die Feierlichkeiten zu den jeweiligen 60. Jahrestagen. D Day, der zwanzigste Juli und der Beginn des Aufstands im Warschauer Ghetto. Historische Daten, von denen man meinen sollte, sie hätten einen Lernprozeß in Gang gesetzt, der ähnliche Ereignisse für die Zukunft unmöglich machen würde. – Aber weit gefehlt: Es wurde auch nach dem Ende des 2. Weltkriegs fleißig von Staats wegen gemordet. Und der Völkermord als Mittel dessen, was landläufig unter dem Begriff „Politik“ bekannt ist, ist auch heute noch in allen Teilen der Welt anzutreffen.

Der einzige Mörder im Präsidentenamt, der vor seinen zuständigen Richtern steht, ist Slobodan Milosevic, aber den kennt heute kaum noch jemand. Der arme Kerl hat Pech gehabt. Er stand auf der „falschen“ Seite. Dabei müßte die Anklagebank in Den Haag von Rechts wegen zum Bersten gefüllt sein, mit Männern und einigen Frauen, für die das Töten von Menschen zum Alltagsgeschäft gehört. – Die „Patinnen und Paten“ der in aller Welt herrschenden Politmafia töten freilich nicht selbst, sie haben dafür ihre bezahlten Killer. Das perfide daran ist, sie bezahlen die Killer nicht selbst, sie lassen sich diese und deren Ausrüstung vom sogenannten „Steuerzahler“ finanzieren. Sie „verkaufen“ dieses „Produkt“ als „nationale Sicherheit“. – Ich nenne das „globale Schutzgelderpressung“, und zwar aus den Gründen, die am 6. Juni 1944 in der Normandie zusammentrafen:

D-Day, zum 60. Male ein Anlaß zum Feiern, ein zweifelhafter Anlaß zum Feiern, denn die Erinnerung an einen Tag, an dem viele unserer Mitmenschen ihr Leben ließen, ist ein Trauertag, kein Anlaß zu irgendwelchen Feiern, auch wenn diese mit Kranzniederlegungen verbunden sind. (Zu diesem Zeitpunkt kannte ich Laotses Worte noch nicht.)

Diejenigen, die mit einstudierter Zerknirschungs- und Betroffenheitsmimik die Kränze niederlegen, geht das Schicksal derer, die sie dadurch zu ehren vorgeben, am Arsch vorbei. Die aber, denen die „Ehrung“ gilt, haben für das veranstaltete Affentheater auch nach 60 Jahren kein Verständnis. Im Grunde schreien sie noch heute: Warum habt Ihr uns in den Tod geschickt?

Am 29.5.2004 wiederholte Godehard Uhlemann in der RHEINISCHEN POST die Porpagandalüge:

Der Krieg ist so alt wie die Menschheit.“

Die „Menschheit“ existiert seit rund fünf Millionen Jahren. Das Phänomen „Krieg“ ist nicht älter als etwa 80.000 Jahre. Kriege waren in den Jahrmillionen, die vorangegangen waren, unmöglich. Krieg bedeutet immer Abbruch der Kommunikation. Das Leben unserer „vorsintflutlichen“ Ahnen war aber von einem solch starken Bedürfnis nach Kommunikation geprägt, daß die dem Menschen eigentümliche Wortsprache entstand. Mit anderen Worten: hätten sich unsere Ahnen so danebenbenommen, wie wir es seit einigen Generationen nicht anders kennen, kein Wort wäre je über die Lippen des Menschen gekommen.

Der Krieg kam nach der Sintflut in die Welt. – Es war nicht die biblische Sintflut, denn diese ist, wie der Tod des Abel, schon Teil des seit Jahrtausenden bestehenden Propagandaapparats.

Die „Sintflut“, der Anstieg des Meeresspiegels zu Beginn der Eem-Warmzeit vor rund 93.000 Jahren, isolierte eine Population von kaum mehr als zehntausend Neandertalern auf einer Insel und schnitt ihnen nicht nur den Kontakt, sondern jede Sichtverbindung zum „Festland“ ab. Aus Sicht der Insulaner, die natürlich noch keine Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde hatten, war die übrige Welt und damit alles Leben in den Fluten untergegangen. Sie mußten sich als die einzig verbliebenen Menschen betrachten. Für diesen realen Kern des Sintflutmythos gibt es vier gewichtige Indizien:

  1. Eine Forschungsgruppe um den Genetiker Lynn Jordy (University of Utah) ist zu dem Schluß gekommen, der moderne Mensch sei aus einer Population von allenfalls einigen zehntausend Individuen hervorgegangen, die vor etwa 70 bis 80.000 Jahren die Erde bevölkerten. Jordy selbst nannte die von ihm entwickelte Theorie über die Anfänge des „modernen“ Menschen Bottleneck-theory = Flaschenhalstheorie.

  2. Seit dem 4. November 1999 liegt eine Presseerklärung der Max-Planck-Gesellschaft vor, Aktenzeichen PRI B 17/99 (63). Darin heißt es:

Verglichen mit ihren nächsten tierischen Verwandten, den Schimpansen, sind alle derzeit lebenden modernen Menschen immer noch „Brüder“ beziehungsweise „Schwestern“.

Das sind in Kurzform die Erkenntnisse des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. („Nadelöhrtheorie“ des MPI)

3. Vor rund 60.000 Jahren neigte sich die Eem-Warmzeit ihrem Ende entgegen, die letzte Eiszeit begann und erreichte vor etwa 18.000 Jahren ihren Höhepunkt. Der Unterschied zwischen dem eiszeitlichen Meeresspiegel und dem heutigen „Normalnull“ beträgt satte 130 Meter. Man kann also durchaus davon ausgehen, daß die Verhältnisse vor 93.000 Jahren nicht viel anders waren. Wenn ein flaches Becken vom Meer geflutet wird, versinkt aus Sicht der werdenden Insulaner tatsächlich die ganze Welt im Meer.

4. Auf die Isolation deuten auch die Werkzeuge hin, die seitdem entstanden sind. Im Wirtschaftsleben wird „Isolation“ gewöhnlich durch Embargo oder Boykott herbeigeführt, diesmal war es aber „nur“ das Wasser. Beleuchten wir die Unterschiede in den Werkzeugen der steinzeitlichen Menschen einmal näher:

Die Faustkeile der frühen Erectus – Kultur ließen sich mit etwa 25 Schlägen in einem Arbeitsgang fertigen, bei den späteren waren schon zwei Arbeitsgänge mit insgesamt 65 Schlägen erforderlich. Für ein Messer des Neandertalers bedurfte es drei Arbeitsgängen mit 111 Schlägen (Moustérien-Technik); demgegenüber erfordert ein nach der Aurignacien-Technik hergestelltes Messer des Crô – Magnon – Menschen 251 Schläge in neun Arbeitsgängen.“ ( George Constable, der Neandertaler, Time-Life, 5. Auflage 1979)

Der „Technologiesprung“ von 25 Schlägen in einem Arbeitsgang auf neun Arbeitsgänge mit 251 Schlägen läßt sich mit höherer Intelligenz kaum erklären, denn am Ende dieser vielen Arbeit stehen zwar „Spezialwerkzeuge“, die in ihrer Gesamtheit aber auch nicht mehr leisten als ein gut durchdachter simpler Faustkeil. Jeder Betriebswirt würde sich ob des Aufwands, den die Crô-Magnon-Menschen bei der Herstellung ihrer Steinklingen betrieben, die Haare raufen. Die Arbeitskosten für die Fertigung dieser filigranen Werkzeuge erscheinen unter ökonomischen Aspekten immens hoch.

Die hohen Herstellungskosten könnten sich allerdings als notwendiges Übel herausstellen, wenn man die Kosten des Ausgangsmaterials berücksichtigt.

Menschen haben zu allen Zeiten die verschiedensten Steinsorten als Werkzeuge verwendet. Eindeutiger Favorit war aber der Feuerstein wegen seiner besonderen Splittereigenschaften. Obsidian, schwarzes vulkanisches Gesteinsglas, hat ähnliche Eigenschaften und wurde damit – zumindest in Amerika – in bestimmten Gegenden der einzige echte „Konkurrenzwerkstoff“ zum Feuerstein. Aber nicht überall, wo die frühen Menschen siedelten, gab es Feuerstein oder Obsidian, Feuersteinknollen finden sich in Kreidefelsen, Obsidian in der Nähe von Vulkanen. Zur Beschaffung der begehrten Rohstoffe für ihre Werkzeuge waren die Menschen der Steinzeit also seit Erectus’ Zeiten auf den Handel angewiesen.

Wie hoch Feuerstein beim Übergang zur Kupferzeit an steinzeitlichen Börsen gehandelt worden wäre, zeigt sich daran, daß unsere Crô-Magnon – Vorfahren nicht mehr genug Feuersteinknollen an der Erdoberfläche aufsammeln konnten. Es hat sich für sie rentiert, Schächte in die Kreidefelsen Englands und in entsprechende Gesteinschichten Bayerns abzuteufen und tiefe Stollen zu graben, um den begehrten Rohstoff zu gewinnen.

Wäre die heutige Menschheit immer noch auf den Feuerstein angewiesen, er wäre wohl mit Diamanten nicht aufwiegen.

Im Zusammenhang mit der Verfeinerung der Abschlagtechnik ist daher eine Rohstoffverknappung wesentlich plausibler als der sogenannte „Fortschritt in der Entwicklung“ Der Mensch hatte frühzeitig das Bücken gelernt, denn offenbar waren bereits die Neandertaler dazu gezwungen, sich nach jedem Abschlag auch die Bruchstücke genau anzusehen, die ihre Vorfahren noch als Abfall betrachtet hatten. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn klimabedingt lag ein Teil der Rohstoffvorkommen über lange Zeiträume hinweg unter dem Inlandeis begraben.

Unsere Vorfahren vom Erectus – Typ lebten also vergleichsweise im Paradies. Sie konnten sich damit begnügen, aus einem Pfund Feuerstein nur 5 bis 20 cm Schnittkante herauszuholen. An dieser Stelle erinnere ich nochmals daran, daß alle Steinwerkzeuge der Welt ausschließlich dem Zweck dienten, Fleisch, Fell, Knochen und gelegentlich ein wenig Holz zu bearbeiten. Der Neandertaler war bereits gezwungen, seinen Einfallsreichtum darauf zu verwenden, aus einem Pfund Feuerstein 100 cm Schnittkante herzustellen. Mehr waren nicht nötig.

Ganz anders verhält es sich beim „Übergang“ zum rezenten Menschentyp:

Der „Technologiesprung“ vom Moustérienmesser des Neandertalers zur Aurignacienklinge des Crô-Magnon ließ nicht nur den Arbeitsaufwand zur Herstellung einer scharfen Klinge um mehr als 100 % ansteigen, die Gesamtlänge der Arbeitskante, die aus einem Pfund Feuerstein herausgearbeitet wurden, wuchs auf die Länge von 12 Metern. Der Verwendungszwecks änderte sich nicht. Daher erscheint ein solcher Arbeitsaufwand schon fast als übertriebener Luxus, war es aber nicht. Die Menschen, die sich später anschickten, die Erde zu dominieren, hatten keine andere Wahl, als auch noch aus dem letzten Splitter einer Feuersteinknolle etwas Brauchbares herauszuholen.“

Nach allem ist es als erwiesen anzusehen, daß wir alle Abkömmlinge der Population sind, die von der Sintflut auf „Bottleneck“ festgesetzt worden war.

Furcht und Schrecken vor Euch sei über alle Tiere auf Erden und über alle Vögel unter dem Himmel, über alles, was auf dem Erdboden kriecht, und über alle Fische im Meer; in eure Hände seien sie gegeben.“

Diese Worte soll Gott Noah und seinen Söhnen am Ende der Sintflut mit auf ihren weiteren Lebensweg gegeben haben. (1. Mose 9, 2)

Dieses vorgebliche „Wort Gottes“ war schon damals eine Bestandsaufnahme menschlichen Verhaltens. Es wurde Gott in den Mund gelegt, weil nicht nur Gott den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hatte, vor allem hatte der Mensch Gott nach seinem eigenen, unvollkommenen Selbstbild erschaffen. So projiziert der Mensch seine asozialen Neigungen gern auf die jeweils „herrschende“ Gottheit, von der er den „göttlichen Befehl“, ebenfalls unsozial zu handeln, ableiten kann. Als „Vollstrecker göttlichen Willens“ ist man schließlich jeder Verantwortung für das eigene Handeln enthoben. Man schaut mit den unschuldigen Augen eines Dackels oder Labradors, der soeben die besten Schuhe des Herrchens geschreddert hat, gen Himmel: „Lieber Gott, habe ich was Böses getan?“

Nein, niemand hat jemals etwas Böses getan. Von Anbeginn der Zeit, die uns als „Kulturgeschichte“ bekannt geworden ist, hat niemand irgendwann irgendwo „etwas Böses“ getan, von den „Nazis“ einmal abgesehen. Zu dumm, denn nach dem oben Gesagten sind „Nazis“ auch nicht mehr oder weniger als „gewöhnliche“ Menschen. – Nach den Feststellungen des MPI für evolutionäre Anthropologie waren auch die „Nazis“ Brüder und Schwestern Noahs und seiner Söhne. Noah und seine Söhne verbreiteten als gottesfürchtige Menschen Furcht und Schrecken, weil Gott es ihnen befohlen hatte. Noah hatte zwar nur drei Söhne, aber eine Unzahl von Nachkommen. Die sind, wie die Leipziger Forscher gezeigt haben, alle „Brüder“ und „Schwestern“.

Die Geschichte der „zivilisierten“ Menschheit ist angefüllt mit der Verbreitung von Furcht und Schrecken. Das wird dann Gott wohl so befohlen haben. Ausnahmslos beinhaltet der Befehl den Willen des Befehlshabers. Wenn der Befehlshaber Gott ist und „Furcht und Schrecken“ befiehlt? – Ist dann nicht jeder, der „Furcht und Schrecken“ verbreitet, ein „Befehlsempfänger Gottes“?

Terror als „Vollstreckung göttlichen Willens?“ – Das kann ja wohl nicht wahr sein! – Aber in der Bibel heißt es nun einmal ausdrücklich:

Furcht und Schrecken vor Euch sei über alle Tiere auf Erden und über alle Vögel unter dem Himmel, über alles, was auf dem Erdboden kriecht, und über alle Fische im Meer; in eure Hände seien sie gegeben.“

Offensichtlich kommt auch der „zivilisierte“ Mensch des 21. Jahrhunderts diesem „göttlichen Auftrag“ immer noch nach: „Alle Tiere auf Erden“ seien dem ungebremsten Terror Noahs und dem seiner Abkömmlinge ausgeliefert: Massentierhaltung als „Vollstreckung göttlichen Willens“. Tierversuche als „Vollstreckung göttlichen Willens“. Nun ist auch der Mensch ein Säugetier. – Die Frage, die sich an dieser Stelle aufdrängt, klingt vielleicht einfältig, dennoch möchte ich sie beantwortet haben:

Waren die Menschen, die ohne jeden vernünftigen Zweifel bei Entstehung der Bibel den Planeten Erde bevölkerten, aber keinen israelitischen „Reisepaß“ hatten, „Tiere“? – „Krochen“ sie über den Erdboden oder wurden sie zum „Kriechen“ gezwungen? – Man denke nur an die Behandlung der irakischen Gefangenen, die ihnen ihre „Brüder“ und „Schwestern“ aus Amerika angedeihen ließen.

Niemand darf in diesem Zusammenhang darüber hinwegsehen, daß man es sich seit unvordenklichen Zeiten sehr einfach macht, Artgenossen verbal aus der menschlichen Gemeinschaft auszuschließen: Sklaven galten zu allen Zeiten als „Sachen“. Für die belgische Kolonialverwaltung zählten Pygmäen bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts „zur Fauna des Waldes“. Unliebsame Art- und Zeitgenossen werden verbal auch heute noch mit Tieren gleichgesetzt. Die Begriffe „Judensau“ und „Nazischwein“ weisen auf ein- und dieselbe Vorstellungswelt hin. Schweine sind Tiere, denen der „moderne“ Mensch – zu Unrecht – mit der größten Geringschätzung begegnet. Und Schweine unterliegen zweifellos dem „Terrorgebot“ Gottes.

Daß es ein „Terrorgebot“ Gottes jedoch nicht geben kann, werden wohl auch Sie nicht in Abrede stellen wollen.

Es sieht demnach ganz danach aus, als könne allein der Sprachgebrauch den Artgenossen zum Un-, Nicht- bzw „Untermenschen“ machen. Und so ist es tatsächlich, wie Sie noch sehen werden. Diese Wahrheit wird Ihnen sehr unbequem vorkommen, auch das werden Sie sehen. Sie werden sie am liebsten übersehen wollen.

Eben weil die Wahrheit unbequem ist, wird in der Geschichtsschreibung geflissentlich übersehen, daß die totalitäre Herrschaftsform des Nationalsozialismus nicht aus heiterem Himmel über Europa hereinbrach. Sie war nicht einmal deutscher Provenienz:

Schreiben wir zur Abwechslung einmal einen Brief aus dem „Jenseits“ an den „Führer“ der „freien“ Welt:

Lieber Schorsch Dabbelju,

Der abwegigste Gedanke, auf den ein Politiker verfallen könnte, wäre die Annahme, daß ein Volk nur mit Waffengewalt bei einem anderen Volk einzudringen brauche, um es zur Übernahme seiner Gesetze und seiner Verfassung zu bewegen. Niemand liebt bewaffnete Missionare.“

Dein

Maxi“

Diese fundamentale Erkenntnis paßt so gar nicht in das Bild, das man sich gemeinhin von „Maxi“(milien Robespierre) macht. Dieser „Geistesblitz“ wird nämlich überschattet durch das alltägliche Wirken eines staatlich besoldeten „Terroristen“. Er begründete die „Banalität des Bösen“.

Das Regime des „Terreur,“ welches Robespierre während der französischen Revolution veranstaltet hatte, bildet das Grundmuster der „nachrevolutionären“ Regime im Europa des zwanzigsten Jahrhunderts: Bespitzelung und Denunziation; „Geheimpolizei“ und exzessiver Gebrauch der Todesstrafe.

Es änderte sich nach 1917 und 1933 die Größenskala, aber nicht das Muster staatlichen Terrors. Die „Weltrevolutionen“ endeten in einer Dikatatur. Geisteshaltungen und „Rezepte“ für die „Ordnung“ innerhalb des „Staates“ sind bei allen „großen Diktatoren“ den Gedanken Robbespieres verblüffend ähnlich. So ähnlich, daß eine Äußerung Robespierres taktische Erwägungen „moderner“ Politiker widerspiegelt, die bis zu einem Gerhard Schröder und Joschka Fischer reichen.

Ich habe mich nie gegen den Krieg ausgesprochen, sondern gesagt, man dürfe ihn erst führen, wenn man die Feinde im Innern mit Sicherheit ausgeschaltet hat.“

Die Feinde im Innern“ schaltet man in der „westlichen Welt“ freilich nicht mehr durch den Henker aus, willfährige Medien erledigen diesen Job unblutig und wesentlich eleganter.

Am 1.September 1939 waren die „Feinde im Innern“ sowohl im Deutschen Reich als auch in der Sowjetunion ausgeschaltet, der Krieg konnte beginnen. Merkwürdig ist schon, daß die „Westmächte“, die der Beistandspakts mit Polen dazu veranlaßte, dem Deutschen Reich am 3.9.1939 den Krieg zu erklären, diese Kriegserklärung nicht auf die Sowjetunion ausdehnten. Stalins Truppen marschierten nämlich wenige Tage später den deutschen Truppen entgegen. Aber nicht um diese aufzuhalten, vielmehr zwecks Beuteteilung. Man traf sich an der im Hitler-Stalin-Pakt vereinbarten Demarkationslinie. Auf beiden Seiten derselben ging alsdann der Terror los.

Die Ähnlichkeit der Terrorregime des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem des „Terreur“ im revolutionären Frankreich belegt eine Äußerung des ehemaligen Kampfgenossen Robespierres, die durchaus von Heinrich Himmler hätte stammen können:

Seinen wir schrecklich, damit das Volk es nicht zu sein braucht.

Der Weggefährte Robespierres hieß Danton. Im Gegensatz zu Himmler überlebte Danton seinen „Führer“ nicht: Robespierres „Säuberungen“ begannen mit der Beseitigung des „linken“ Flügels seiner Bergpartei.

Robespierre ließ die Führer dieses linken Flügels, Hébert und seine Anhänger, im März 1794 verhaften und hinrichten. Nur wenige Tage später, Anfang April 1794, wurden zur allgemeinen Überraschung die Rechtsabweichleer, die Nachsichtigen, Danton, Desmoulins und ihre Freunde, eingekerkert, mit denen Robespierre bis zuletzt in einem Zweckbündnis gestanden hatte. Obwohl sie sich vor dem Konvent unerschrocken verteidigten und das Volk Anstalten machte, ihnen zur Hilfe zu kommen, ließ Robespierre im April auch diese alten Kampfgenossen guillotinieren. Nun schien es niemanden mehr in Frankreich zu geben, der ihm gefährlich werden konnte.“ ( Eberhard Weis, Propyläen Geschichte Europas, zitiert nach Weltbild Geschichte Europas 1776- 1847: Der Durchbruch des Bürgertums, Augsburg 2002, S. 148f)

Die Schicksale Trotzkis und Röhms waren zwar nicht von der „historischen Notwendigkeit“ oder der „Vorsehung“ beabsichtigt, aber auch nicht rein zufällig. Sie sind mehr oder weniger als „mustergültig“ zu betrachten.

Ebenso mustergültig war das Verhalten der Schergen, die Robespierre gedient hatten: Dem Henker von Paris war es vom Anfang der Revolution an egal gewesen, wer ihm seine Klientel aufs Schafott brachte. Seine einzige Sorge hatte einem scharfen Schwert gegolten. Diese Sorge nahm im der Klavierbauer Tobias Schmidt ab, indem er das Köpfen mechanisierte. 150 Jahre später feierte die Guillotine zur Beseitigung politischer Gegner ausgerechnet in der Heimat ihres Erfinders erneut Orgien.

Dann war der Spuk vorbei. – Und niemand, der sich am Terror beteiligt hatte, war’s gewesen:

Nach dem Sturz Robespierres hörte der Terror schlagartig auf. Schon zwei Tage danach gab es in Paris wieder Fröhlichkeit, Musik und Tanz. Die Gefängnisse öffneten sich, Frankreich erwachte wie aus einem bösen Traum. (…) Von den neun Männern, die Robeswpierre am 27. Juli 1794 gestürzt hatten, waren fünf ehemalige enge Mitarbeiter von ihm im Konvent und in den beiden Komitees, die anderen vier waren Dantonisten, die sich jedoch ursprünglich ebenfalls am Terror beteiligt hatten. Die neuen Machthaber, die Thermidorianer, wurden alsbald das Ziel heftiger Angriffe von zwei Seiten: vom gemäßigten Bürgertum und von den Sansculotten, die beide jetzt sogar eng zusammenarbeiteten. Gerade aus den Sektionen, welche die Tradition des von Robespierre hingerichteten Hébert fortsetzten, kamen die heftigsten Anklagen gegen die Terroristen. Der Konvent seinerseits war nur bereit, gegen extreme Terroristen von gestern vorzugehen, beispielsweise gegen den Massenmörder von Nantes, Carrier, den nun selbst die Todesstrafe ereilte. Im übrigen schützte der Konvent die Männer der neuen Regierung gegen ihre Ankläger. Er hätte sich sonst selbst desavouieren müssen; denn ein Jahr lang hatte derselbe Nationalkonvent gehorsam für alle von Robespierre gewünschten Maßnahmen gestimmt.“ ( E. Weis, aaO, S 151f)

Die Ähnlichkeiten mit “treuen Vasallen des Führers” und “linientreuen Kommunisten“, die nach 1989 zu „demokratischen Sozialisten“, Sozialdemokraten und „echten“ Christdemokraten mutierten, sind weder beabsichtigt noch zufällig: „Wendehälse“ gab es schon zweihundert Jahre vor dem Begriff.

Irgendwie hat all das eine unverkennbare Ähnlichkeit zur Symbolfigur der französischen Revolution. Diese befindet sich auch heute noch als mannshohe Skulptur in Paris. Ihre vergrößerte Kopie, die weltbekannte „Freiheitsstatue“ ziert den Hafen von New York. Die vergrößerten Kopien eines Maximilien Robespierre, nämlich Hitler, Stalin und dessen Nachfolger und Vasallen im „Ostblock“, mit der Freiheitsstatue in einen Topf zu werfen, das ziemt sich nicht, werden Sie einwenden. Natürlich ziemt sich das nicht. Die Wahrheit hat sich noch nie geziemt, aber auch nicht aufhalten lassen:

Denn die Wahrheit ist, daß die „amerikanische Nation“ den europäischen „Nationen“ in den Jahren 1860 bis 1865 geradezu „vorexerziert“ hat, wie man (als vergrößerte Kopie des französischen Bürgerkriegs) Bruder und Freund zum Feind erklärt und ohne die geringsten Skrupel auf ihn schießt.

Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber in all ihrer Unwiederholbarkeit bringt auch die „Geschichte“ immer wieder dieselben unverkennbaren Muster hervor:

Auch in der „Neuen Welt“ kam es wiederholt zu Situationen, die den militärischen Kräfteverhältnissen am 6.6.1944 verblüffend ähnlich waren.

Das beste Beispiel für „heldenhalften“ Widerstand gegen eine erdrückende Übermacht ist die Schlacht am Alamo. Am Alamo standen 190 Texaner gegen rund 1.500 Soldaten des mexikanischen Generals Santa Ana.

In den späteren „Beutefeldzügen“ der US-Army war es General Custer, der sich am Little Big Horn in einer an D-Day erinnernden militärischen Situation befand. Aber weder Davie Crocket am Alamo noch Custer am Little Big Horn spielten auch nur mit dem Gedanken, vor der Übermacht des „Feindes“ zu kapitulieren. Beide werden heute noch als „Helden“ verehrt und gepriesen.

Crocket und Custer waren freilich nicht die Erfinder des Heldentums. Das Kräfteverhältnis der Schlacht am Alamo entspricht in etwa dem des wohl berühmtesten „sinnlosen“ Widerstands gegen einen militärisch überlegenen Gegner, nämlich dem Widerstand der Spartaner gegen das persische Heer an den Thermopylen. „Wanderer, kommst Du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.“

Auf den „Gesetzesbefehl“ werden wir noch zurückkommen, zunächst einmal wollen wir eine Vorstellung von der Zahl der „Helden“ gewinnen:

Leonidas hatte 300 Soldaten an seiner Seite, Custer 250. Auf die Schnelle konnte ich die Stärke der militärischen Kräfte der Perser bzw. der vereinigten Truppen der Sioux und Cheyenne nicht ermitteln. Jedenfalls dürfte die militätische Übermacht auch in diesen Fällen erdrückend gewesen sein.

Warum also, so frage ich Sie, hätten die deutschen Soldaten am 6.6.1944 und danach klein beigeben sollen? – Bloß deshalb, weil sie „Deutsche“ waren und am Ende die großen Verlierer?

Im Nachhinein ist man immer klüger. Und genau darin liegt übrigens die Crux einer jeden Geschichtsschreibung. Historiker beurteilen die „Geschichte“ vom grünen Tisch aus, nicht vom Schlamm her.

Für den Juristen gibt es zwei Formen der Betrachtung ein und desselben Sachverhalts. Einmal die -übliche- Betrachtung ex post, also die Sicht nach hinten, ein andermal die Sicht von der Vergangenheit in die Gegenwart, die ex-ante-Betrachtung. Und diese allein ist entscheidend für die Frage, ob für den Handelnden eine Handlungsalternative bestand. Ex ante betrachtet, bestand für keinen der Beteiligten eine Alternative. Sie alle hatten, wie man so schön sagt, „ihre Befehle“.

Wir werden noch sehen, was es damit auf sich hat, zunächst einmal aber zurück zu den Worten Gottes, die geprägt wurden, als Noah und seine Söhne längst das Zeitliche gesegnet hatten:

Du sollst nicht stehlen“

So heißt es in der Bibel. Gegen dieses Gebot verstößt seit unvordenklichen Zeiten jeder Kriegsherr, auch der gottesfürchtigste. Gegen dieses Gebot verstieß auch der Versailler Vertrag. Denn das „deutsche Volk“ hatte mit der Familienfehde europäischer Fürstenhäuser, die den ersten Weltkrieg ausgelöst hatte, nichts, aber auch gar nicht zu tun, außer daß ihm anschließend die Kosten auferlegt wurden. Und das reichlich. Vierzehn Jahre lang wurde das in der Mitte Europas lebende Volk von den „Siegermächten“ ausgepreßt wie eine Kolonie.

Man klebte Menschen, die unter dem Krieg gelitten hatten, die „Kriegsschuld“ an die Backe und bemäntelte die wirtschaftliche Kolonisierung Deutschlands mit dem Begriff „Reparationen“.

Es dürfte damals kaum einen Menschen gegeben haben, der es nicht als Versklavung empfand, allein wegen seiner deutscher „Staatsangehörigkeit“ verdammt zu sein, unentgeltlich für Dritte zu arbeiten.

Das konnte nicht gutgehen, und es ging auch nicht gut. Die verlogene Propaganda der Plünderer brachte ungewollt sogar ein eigenes Ministerium hervor, nämlich das „Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda“. Propaganda leitet sich ab aus dem lateinischen Wort propagare, das „sich fortpflanzen“ bedeutet. Und in aller Regel sind es dreiste Lügen, die sich da fortpflanzen solen. Nicht nur unter Reichsminister Goebbels; auch unter einem Präsidenten Bush und einem Kanzler Schröder. Seltsamerweise hatten nur die Nationalsozialisten für Propaganda ein eigenes Ministerium. In allen übrigen Ländern war

Propaganda Chefsache, und sie ist es heute noch. Propaganda hat sehr viel mit Wortwahl und Sprachgebrauch zu tun. Denn die Sprache erzeugt die Bilder in den Köpfen der Menschen und formt deren „Weltbild“ und das Bild, das sie sich von Menschen machen, die sie nicht kennen. Erinnern Sie sich an meine Worte: „Es sieht ganz danach aus, als könne allein der Sprachgebrauch den Artgenossen zum Un- bzw. „Untermenschen“ machen?“ Der Paß kann das auch, und zwar noch viel besser. Sie werden lachen, aber beide zusammen machen aus einem „Hunnen“ sogar einen „richtigen“ Engländer;

Machen wir eine Reise, und zwar von Sachsen-Coburg-Gotha nach Windsor und von Battenberg nach Mountbatton. Diese Reise nimmt exakt soviel Zeit in Anspruch wie eine Reise von der Rheinlandstraße 17 zur Lothringer Straße 43 in Düsseldorf. Ich will Ihnen die Reisedauer gerne verraten, aber vielleicht kommen Sie von selbst hinter das Geheimnis: die Reisedauer entspricht einer Reise von der Boelckestr. 14 zur Kehler Straße 14. Die Reise ist eine Zeitreise und dauert nicht einmal den geringstmöglichen Bruchteil einer Sekunde (sog. Planck-Zeit). Das Geheimnis heißt „Umbenennung“. Die Boelckestraße wurde nach dem zweiten Weltkrieg zur Kehler Straße, Nummer 14 war das Elternhaus meines Vaters; mein Elternhaus wurde in den 60ern des vorigen Jahrhunderts zur Lothringer Straße 43, weil der Hauseingang an der Lothringer Straße liegt. – Wenn Sie mich fragen, mehr als Etikettenschwindel ist all das nicht.

Und mehr als Etikettenschwindel ist das, was Geschichtsschreibung und „aktuelle Berichterstattung“ den Menschen als „große Staatsmänner“ seit rund 6.000 Jahren aufschwatzt und verkauft, auch nicht. Deswegen ist die Reise von Battenberg nach Mountbatton im Grunde „zeitlos“, aber es ist interessant, daß sie mitten im ersten Weltkrieg ihren Anfang nahm:

In der britischen und französischen Propaganda des ersten Weltkriegs wurden die Deutschen als „Hunnen“ diffamiert. Das sogenannte „Haus Windsor“ war bis in den ersten Weltkrieg das „Haus Sachsen-Coburg-Gotha“. Man glaubte, seine „deutschen“ Eigenschaften loszuwerden, indem man den Namen anglisierte. Bei „Sachsen-Coburg-Gotha“ geht das nicht so einfach, also nahm man den Namen des Stammschlosses an: Windsor. Die Battenbergs, die den späteren Prinzgemahlen stellten, hatten es da einfacher: Mountbatton. Läßt man all diese Namensspielchen beiseite, wird Willi Battenberg einmal König werden. „Hunnen“ werden die Royals trotz allem wohl geblieben sein…

Was Propaganda anrichten kann, wußte Konfuzius schon vor 2.500 Jahren:

(Der Schüler) Zi-lu sprach zu Konfuzius:

Wenn Euch der Herrscher des Staates Wei die Regierung anvertraute – was würdet Ihr zuerst tun?“

Der Meister antwortete: „Unbedingt die Namen richtigstellen.“

Darauf Zi-lu: „Damit würdet Ihr beginnen? Das ist doch abwegig. Warum eine solche Richtigstellung der Namen?“

Der Meister entgegnete: „Wie ungebildet du doch bist, Zi-lu! Der Edle ist vorsichtig und zurückhaltend, wenn es um Dinge geht, die er nicht kennt.

Stimmen die Namen und Begriffe nicht, so ist die Sprache konfus. Ist die Sprache konfus, so entstehen Unordnung und Mißerfolg. Gibt es Unordnung und Mißerfolg, so geraten Anstand und gute Sitten in Verfall. Sind Anstand und gute Sitten in Frage gestellt, so gibt es keine gerechten Strafen mehr. Gibt es keine gerechten Strafen mehr, so weiß das Volk nicht, was es zu tun und was es lassen soll. Darum muß der Edle die Begriffe und Namen korrekt benutzen und auch richtig danach handeln können. Er geht mit seinen Worten niemals leichtfertig um. („Gespräche“ XIII, 3)

Ob die Namen und Begriffe stimmten, als Ludwig XVI. in Gestalt des „Bürger Louis Capet“ zum Schafott gekarrt wurde.mag dahinstehen. Jedenfalls mußte der Mann mit Schrecken feststellen, daß man ihn schlicht „umetikettiert“ hatte.

Der „Bürger Louis Capet mußte am eigenen Leibe erfahren, daß viele Dinge, die uns im Umgang mit unseren Mitmenschen zu schaffen machen, weniger einer Frage der Etikette als des Etiketts sind. Hermann Göring hat es auf den Punkt gebracht. Er soll einmal gesagt haben: „Wer Jude ist, bestimmen wir!“

In gewisser Hinsicht hatte er damit recht, denn es gibt auf dem Planeten Erde weder Juden noch Deutsche. Es gibt weder „deutsches“ noch „jüdisches“ Blut, es gibt auch kein „Nigger“- oder „Indianerblut“. Wer etwas anderes behauptet, sollte dafür zumindest Beweis antreten können. Das aber kann er nicht, denn die gesamte Menschheit kennt nur vier Blutgruppen: A, B, AB und Null, und diese sind nach einem bestimmten statistischen Schlüssel unter allen Menschen verteilt. Nach irgendwelchen „Rassen“ oder „Rangabzeichen“ wurde und wird in der Evolution nicht gefragt. Das verbindet die Evolution mit dem Geist der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Diesem Geist versuchte man, mit Gewalt zum Durchbruch zu verhelfen, was freilich gründlich in die Culotte ging.

Wieder einmal zeigt sich, daß wir Menschen Australopithecinen vom Stamme Superbus Procrustes sind: hochnäsig und geneigt, sich mit Gewalt alles passend zu machen. Das Prokrustesbett wandelte während der französischen Revolution ein wenig seine Gestalt, das Damoklesschwert der Antike wurde zum Fallbeil.

Und damit müssen wir die Frage stellen:

Warum war es dem Henker von Paris, Henri Sanson d.J. gleichgültig, wer ihm die Leute aufs Schafott schickte?

Von den V.I.P. des ausgehenden 18. Jahrhunderts kamen zunächst der König und seine Frau, dann Danton und zu guter Letzt Robespierre an die Reihe. Sanson hat sie alle geköpft. Und das nur deshalb, weil man ihn damit beauftragt hatte. Das unterscheidet ihn nicht von den Henkern im Staatsgefängnis von Huntsville, Texas. Um es der Vergessenheit zu entreißen: Huntsville war die „Place de la Condorde“ des texanischen Gouverneurs G.W. Bush. Huntsville und die Place de la Condorde provozieren in diesem Zusammenhang die zweite Frage:

Warum töten heute noch Menschen andere Menschen, die ihnen nichts getan haben, bloß weil ein Dritter sie damit beauftragt?

Fangen wir mit der ersten Frage an: Herrn Sanson war es egal, wer ihm den Auftrag gab, es war ihm aber durchaus nicht gleichgültig, wen er einen Kopf kürzer machte. So schreibt Ludwig Barring in „Götterspruch und Henkershand (Essen 1980)“ :

Unter den Guillotinierten von der Place de la Concorde waren auch die zwei berühmtesten Opfer der neuen Maschine, Ludwig XVI. Und Marie Antoinette, und wenn man in den Erinnerungen des Schafrichters Sanson liest, mit welcher Befangenheit er diesen Exekutionen entgegenging,, dann möchte man meinen, er habe alles vorausgeahnt und wegen dieser beiden Todesurteile auf die Ent-Schuldung seiner Hand, auf die Einführung einer Maschine gedrungen.“ (Barring, S. 164)

Barring fährt fort:

Er (Sanson) war als getreuer Diener der Obrigkeit und als Erbe einer alten Scharfrichter-Tradition vielleicht zum erstenmal tief uneins mit seinem Beruf, und wer glaubt, daß dieser verrufenste aller Berufe stets nur von völlig verrohten Individuen ausgeübt worden sei, der tut gut daran, das Tagebuch Sansons zumindest auszugsweise zu lesen“.(Barring aaO 165)

1119 Menschen starben allein auf der Place de la Concorde. Mit den 1306 Toten von der Place de la Nation und den 73 von der Place de la Bastille sind es rund zweieinhalbtausend Menschen, die „offiziell“ hingerichtet wurden. Von dieser „Statistik“ sind all jene nicht erfaßt, die in den Gefängnissen oder einfach auf der Straße abgeschlachtet wurden.

Einige Worte Barrings muß ich an dieser Stelle zur Verdeutlichung wiederholen und hervorheben:

Er war als getreuer Diener der Obrigkeit….

Getreue Diener der Obrigkeit waren auch die Männer, die am 6. Juni 1944 in der Normandie landeten. Getreue Diener der Obrigkeit waren aber auch die Männer, die sie an der Landung zu hindern versuchten. Auch die Männer des 20. Juli waren treue Diener der Obrigkeit.

Es ist, lassen Sie mich das hier kurz einfügen, verblüffend, daß die Männer des 20. Juli bis zum letzten Augenblick ihrer geplanten Tat von ähnlichen Gewissensbissen geplagt wurden wie 152 Jahre zuvor Charles-Henri Sanson.(vgl. Barring, S. 165-169)

Wie Sanson waren auch die Männer, die Jesus von Nazareth ans Kreuz nagelten, getreue Diener der Obrigkeit. Einen Mann ans Kreuz zu schlagen, das war für sie Alltag und ein Job, den sie beherrschten.

Wie aber, das ist die zweite und die Kernfrage, kommt es dazu, daß derartige „Jobs“ alltäglich werden können, gilt doch die Tötung eines Menschen als die schwerste Straftat, die man überhaupt begehen kann? – Eine Straftat, die in manchen „Rechtsordnungen“ so schwer wiegt, daß derjenige, der einen Menschen tötet, zur Strafe getötet werden muß.

Wirft man einen Blick auf die Vereinigten Staaten, zeigt sich, daß der Glaube an die Todesstrafe vor allem in Kreisen der biederen, obrigkeitsgläubigen Durchschnittsamerikaner unerschütterlich ist.

Aber mit der Biederkeit hat das so seinen Haken:

Während in Vietnam biedere Amerikaner auf Befehl Frauen und Kinder mit Bomben und Napalm überschütteten; während in My Lai der biedere Lieutenant Kelly Hunderte von Menschen niedermachen ließ, um die „Freiheit“ zu verteidigen, machte sich Stanley Milgram in aller Stille an ein Experiment, dessen Ergebnis die Menschheit eigentlich hätte aufhorchen lassen müssen:

Milgram ließ seine Probanden bei einem vermeintlichen Lernexperiment „Schüler“ für mangelnde Lernleistungen mit Elektroschocks „bestrafen“. Die Schocks reichten von 15 bis 450 Volt Spannung. – Milgram hatte erwartet, dass nur ein geringer Teil der Menschen zum Kadavergehorsam fähig wären. Entgegen allen Voraussagen und Erwartungen kannte die Mehrheit der Probanden trotz aller Gewissensbisse keine Skrupel. Rund 63% der (männlichen) Probanden waren bereit, auf Anweisung einer Autorität fremde Menschen zu quälen und zu töten.

63%, – dreiundsechzig (!) Prozent! – dieses überraschende Ergebnis passte weder seinerzeit noch passt es heute in die politische Landschaft. Es widerspricht dem Selbstverständnis des Homo sapiens sapiens. Es ist auch nicht kompatibel zum Menschenbild der großen Religionen. Deshalb wurde es auch in der Öffentlichkeit wenig beachtet und nicht weiter diskutiert. Man hat Milgram Fehler bei der Versuchsanordnung unterstellt und ansonsten das Ergebnis geflissentlich totgeschwiegen.

Das Milgram-Experiment“ gibt es als Taschenbuch. Meine Empfehlung: Schauen Sie sich gelegentlich den Film „I – wie Ikarus“ von Henri Verneuil an. Er enthält in einer ca. 10-minütigen Sequenz eine detailgetreue und eindringliche Darstellung dieses Experiments.

Wenn Sie einem Ihrer Mitmenschen begegnen, wird der mit einer Wahrscheinlichkeit von 63% ein kleiner Eichmann sein. Und Sie selbst sind mit derselben Wahrscheinlichkeit ebenfalls ein kleiner Eichmann. Ich selbst wäre vielleicht auch ein kleiner Eichmann geworden, hätte ich nicht im Sommer 1978 am Seminar „Abweichendes Verhalten und Labelling Approach“ bei Herrn Prof. (em.) Helmut Marquardt an der Universität Bonn teilgenommen. – Ohne diesen Hintergrund hätte ich 1991 in der Kreisverwaltung Rügen womöglich mit dem Stempel „sachlich und rechnerisch richtig“ und meiner Unterschrift als „getreuer Diener der Obrigkeit“ Schaden gestiftet: Der damalige Landrat des Kreises Rügen hatte von mir „erwartet“, zwei Kostenrechnungen eines Hamburger Rechtsanwalts über je DM 55.000,– „geräuschlos“ zu „bearbeiten“.

Ich weigerte mich, der „Bitte“ nachzukommen, machte mich auf die Suche nach den Akten und fand mich mitten in einem 4,4-Millionen DM schweren Schwindel wieder. Damit wurde ich für die Politik im Wahlkreis der gegenwärtigen CDU-Vorsitzenden so unbequem wie Milgram für die Weltpolitik.

Das Ergebnis des Milgram-Experiments mag unbequem sein, aber es darf nicht vergessen werden, dass die Bereitschaft zum Gehorsam gegenüber Inhabern sozialer Dominanzstellungen die Grundlage jeder Gesetzgebung darstellt. Kein Gesetz dieser Welt würde beachtet, wenn die Mehrzahl der Menschen nicht dazu bereit wären, es kritiklos zu befolgen. Allerdings zeigte Milgram auch die Grenzen der Möglichkeiten des „Gesetzgebers“ auf. Es ist nicht möglich, durch Gesetz ein den menschlichen Grundbedürfnissen entsprechendes Verhalten aus der Welt zu schaffen und gesellschaftliche Probleme durch Verbote zu lösen. Die Erwartung, daß alle dem Verbot Folge leisten werden, wird sich immer als Illusion erweisen. Es ist nämlich damit zu rechnen, daß mindestens 37% der vom Gesetz Betroffenen dieses einfach ignorieren werden.

Nicht nur Gehorsam, sondern auch Ungehorsam sind also genetisch determiniert. Deswegen ist jede Ideologie, deren Vertreter Macht erlangen, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gezwungen, im Laufe der Zeit immer mehr Zwang und Gewalt anzuwenden. Das System wird zunehmend Energie verzehren, bis es am Ende unter Turbulenzerscheinungen zusammenfällt. – So geschah es zuletzt mit dem „real existierenden Sozialismus“. Die verfallenen Städte des ehemaligen Ostblocks sind ein weithin sichtbares Zeichen dafür, dass die gesamte Energie in die Aufrechterhaltung des Zwangssystems geflossen war.

Die Mehrheit von uns ist zwar zum Kadavergehorsam fähig, aber nicht für alle Zeit bereit, wie der 20. Juli 1944 und der Aufstand im Warschauer Ghetto zeigen. Das entspricht dem Prinzip des geringsten Zwangs, wonach ein System, auf das ein Zwang ausgeübt wird, dem Zwang ausweicht. Kann es nicht ausweichen, erzeugt es Gegendruck.

Das Unverständnis des gegenwärtig herrschenden Weltbilds gegenüber der menschlichen Natur läßt sich anhand der Prohibition in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts gut verfolgen. Man hatte ein Gesetz erlassen, das den Amerikanern den Alkoholgenuss untersagte. Die geringe Akzeptanz des Gesetzes durch die Bevölkerung erforderte einen verstärkten Einsatz staatlicher Macht zu seiner Durchsetzung. Auf der anderen Seite waren die Anbieter der teuflischen Getränke; an deren Spitze waren wiederum die zu finden, die sich einen Teufel um Gesetze scherten. Es dauerte nur wenige Jahre, und das ganze Wechselspiel brachte das Sozialsystem der Gesetzlosen hervor, das heute noch als organisierte Kriminalität mit dem Sozialsystem „Staat“ rivalisiert. Mitglieder krimineller Organisationen befolgen keine staatlichen Gesetze. Sie gehorchen den Regeln ihrer Organisation und folgen den Anweisungen ihres Gangsterbosses. Am Ende wurden die USA von gravierenden wirtschaftlichen und politischen Instabilitäten heimgesucht. Auf die Prohibition folgte die „große Depression“.

Noch heute rivalisieren in aller Welt organisierte Kriminalität und staatliche Gewalt um Macht und Einfluss. – Beide Systeme sind offensichtlich zwei Seiten derselben Medaille. Immerhin beruhen beide Systeme auf dem Prinzip von Befehl und Gehorsam. Die staatliche Gewalt geht freilich weiter: Sie verlangt auch von Nichtangehörigen des Systems unbedingten Gehorsam gegenüber den „Gesetzen“ und Anordnungen des „Staates“.“

Die „Autorität“ der sogenannten staatlichen Gewalt geht auch ohne entsprechenden Fahneneid „bis in den Tod“. Die Bilder von nackten Menschen, die sich anläßlich ihrer eigenen Erschießung in Reih und Glied aufstellten, gelten heute noch als Zeugnis von der Unmenschlichkeit des nationalsozialistischen Regimes. Der „Gehorsamstrieb“ des Menschen ist offensichtlich stärker als der sogenannte „Selbsterhaltungstrieb“. Das ist auch kein Wunder, denn über Jahrmillionen hinweg konnten die Menschen ihren Hordenführern das gleiche Vertrauen entgegenbringen wie Stuten gegenüber ihrer Leitstute und Elefantenkühe gegenüber ihrer Leitkuh. Sie konnten sicher sein, daß dieses Vertrauen nicht mißbraucht wurde.

Milgram hat aufgezeigt, wie weit Menschen gehen können, wenn man ihnen den Befehl erteilt, andere zu schädigen. Ein entsprechendes wissenschaftliches Experiment, wie weit Menschen gehen, wenn man ihnen befiehlt, sich töten zu lassen, fehlt. – Es bedarf dieses Experiments nicht, denn die unfreiwilligen „Feldversuche“ zeigen überdeutlich, daß der Mensch auch im Angesicht des Todes Gehorsam leistet.

So ungern man es hören mag, aber in diesen Fällen verhalten sich Menschen nicht anders als Kavalleriepferde. Pferde rennen normalerweise von einer Gefahrenquelle davon. Kavalleriepferde rennen jedoch im gestreckten Galopp schnurstracks in den Untergang.

Wer über dieses Phänomen nicht ins Grübeln kommt und meint, das sei alles so in Ordnung, dem ist nicht zu helfen. In Zukunft darf er sich aber nicht beschweren und empören, wenn die Medien erneut über „Abschlachtungsorgien“ in dieser Welt berichten.

Ohne den „Gehorsamstrieb“ hätte es zu keiner Zeit irgendwelche „Lager“ gegeben, denn gerade das Leben in Konzentrations-, Gefangenen- und Internierungslagern basiert auf dem Prinzip von Befehl und Gehorsam. – Gehorsam bis in den Tod: Stillhalten, wenn das Beil fällt. Über diesen Sachverhalt müssen wir uns klar werden und ihn stets vergegenwärtigen.

Damit kommen wir der Beantwortung der Frage, die die Opfer der 60. Jahrestage stellen, freilich nur wenig näher: Sie starben, weil ihnen befohlen worden war, andere Menschen zu töten.

Aus ihrem Verhalten, nämlich dem Kampf, ergibt sich die andere Frage:

Warum setzten Menschen ihr Leben aufs Spiel?

Antwort: Im Gegensatz zum Krieg ist der Tatbestand der Selbstgefährdung, den wir im Alltagsleben als „Abenteuerlust“ bezeichnen, tatsächlich so alt wie die Menschheit:

Vor fünf Mio. Jahren erlebten unsere Vorfahren eine Art Klimakatastrophe.

Mit der Öffnung des ostafrikanischen Grabensystems wurde Ostafrika von der westafrikanischen Regenwaldzone gewissermaßen „abgekoppelt“ und trocknete aus.

Der Lebensraum für waldbewohnende Affen schrumpfte im Laufe der Zeit dramatisch.

Es vollzog sich der Übergang vom Regenwald zur Savannenlandschaft. Dies aber nicht ruckartig, sondern allmählich. Junge Bäume konnten mangels Wasser nicht mehr nachwachsen, die alten starben nach und nach ab.

In den dadurch freiwerdenden Lebensraum sickerten zunächst Pflanzen ein, denen Pflanzenfresser folgten. Diese wiederum lockten nach und nach die Fleischfresser an. – Die Natur folgte auch hier dem immer gleich bleibenden Muster der Besiedlung.

Unsere nächsten Verwandten im Tierreich sind Schimpansen und Bonobos. Weder Schimpansen noch Bonobos sind „Nahrungsspezialisten“, wir sind es auch nicht. Unsere gemeinsamen Vorfahren konnten es daher ebenfalls nicht gewesen sein.

Die frühen Australopithecinen mußten daher in der Lage gewesen sein, ihr Futter auch im offenen Gelände zu suchen. In den frühen Savannentagen, als es dort erst wenige andere Pflanzenfresser gab, war auch die Gefährdung durch die ihnen folgenden Raubtiere sehr gering.

Australopithecus war in der Savanne schon längst beheimatet, als Elefanten, Huftiere und deren Jäger aus Asien allmählich in die Savannenlandschaft einsickerten.

Freilich steht dem Nahrungserwerb eines Waldbewohners in der Savanne auch dann ein nicht zu unterschätzender Widerstand entgegen, wenn kein Jäger da ist. Dieser ist im Organismus selbst zu finden und heißt Angst. Angst ist eine körperliche Reaktion auf tatsächliche oder vermeintliche Gefahren. Sie setzt vor allem Adrenalin frei, das Hormon, das den Organismus auf die Reaktionen Kampf oder Flucht vorbereitet

Alle bekannten Wirbeltiere erleben ungewohnte Situationen als Bedrohung; das ist sinnvoll, weil Unbekanntes lebensgefährlich sein kann.

Diese Schwelle galt es für unsere Vorfahren zu überwinden, wenn sie den Wald und damit ihre gewohnte Umgebung verlassen wollten.

Nun gibt es innerhalb jeder Art Individuen, die ängstlicher sind als der Durchschnitt, aber auch Vertreter, die sich vom Durchschnitt durch mehr Mut unterscheiden. An diesem Ende des Spektrums sind diejenigen unserer Vorfahren zu finden, die sich als erste in das offene Gelände vorwagten. Sie stießen bei der Nahrungssuche zunächst einmal auf wenig Konkurrenz und ein niedriges Gefährdungspotential. Nach und nach, wohl über Generationen hinweg, zogen die ängstlicheren Vertreter der Art nach.

Wer aber gilt als der mutigste Artgenosse? – Wahrscheinlich der, der die Gefahrensituation als lustvoll erlebt. Das Lusterlebnis als Gegenspieler der Angst. In einem „intakten“ Ökosystem, in dem das Zusammenspiel von Fressen und Gefressenwerden eingependelt ist, bedeutet Lustgewinn durch Angst den frühen Tod. – Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.

Nicht so unsere Vorfahren. Sie trafen bei ihren Ausflügen unter den freien Himmel nur wenig reale Gefahren für Leib und Leben an.

Das muß so gewesen sein, denn die Lust an der Gefahr hat sich bis zum heutigen Tage in unserem Erbgut erhalten. Das können Sie beim Zappen durch die Sender leicht feststellen. Actionfilm hier, Kriegsfilm da, auf Kanal drei und fünf je ein Western; nach dem nächsten Werbeblock folgt dann ein Horrorfilm.- Allen gemeinsam ist, daß sie Bedrohung und die Gefahr für Leib und Leben des Protagonisten zum Thema haben. Von Homer bis Hitchcock finden Sie über die Jahrtausende hinweg kontinuierlich die Schilderung von Gefahrensituationen in den Bestsellerlisten. Aber nicht nur Filmindustrie und Verlage verdienen gut am Spaß mit dem Schrecken. Kein Jahrmarkt ohne Achterbahn, und die Geisterbahn darf auch nicht fehlen. Der zivilisierte Mensch gibt sehr viel Geld dafür aus, Angst lustvoll erleben zu dürfen.

Auch in der alltäglichen Realität ist Selbstgefährdung gang und gäbe. Bergsteigen und Skirennen, Fallschirmspringen und Bungeejumping. Diese Aufzählung ist keineswegs vollständig, es sind nur Beispiele für all die Situationen, in denen sich Menschen bewußt einer Gefahr aussetzen. Ohne diese Neigung wäre die Menschheit allerdings keinen Schritt weiter als vor etwa 5 Mio. Jahren, denn das lustvolle Erleben der Gefahr ist ein konstituierendes Element dessen, das wir gemeinhin als Pioniergeist bezeichnen. Expeditionen in unbekannte Gegenden gelten auch heute noch als das Erstrebenswerteste auf Erden. Auch hier ist es wieder einmal das biologische Erbe, das Geistesinhalten Gestalt verleiht.

Zum Leidwesen vieler gehört hierher aber auch das Rasen über Autobahn und Landstraße. Das lustvolle Erleben der Gefahr ist stärker als alle Vernunft. – Auch die härtesten Strafen werden das Phänomen nicht aus der Welt schaffen können, dafür ist es viel zu tief in uns verwurzelt. Die Kehrseite dieser Medaille sind Polizisten und Feuerwehrmänner, die im Rahmen ihres Dienstes zum Schutze anderer bewußt ihr Leben aufs Spiel setzen.

Die bewußte Selbstgefährdung ist das zweite Verhaltensmuster, auf das die Mächtigen der Welt zurückgreifen können, um ihre persönlichen Animositäten durch andere ausbaden zu lassen.

Das dritte Verhaltensmuster, das mit den Gehorsam und Selbstgefährdung im „Kriegszustand“ unheilvoll wechselwirkt, ist ausgerechnet das Verhalten, das in „Friedenszeiten“ Grundlage dessen ist, was man gemeinhin „Wirtschaft“ nennt:

Der Mensch ist als Organismus ein Untersystem der Evolution. Damit ist er Ausgangspunkt eines weiteren Subsystems des evolutionären Prozesses, nämlich Ausgangspunkt der Ökonomie.

Grundlage aller Ökonomie ist das reziproke Verhalten des Menschen. Durch dieses wird er tagtäglich in eine Vielzahl von Austauschverhältnissen verwickelt:

Jeder Mensch hat Bedürfnisse nach Gegenständen oder Arbeitsleistungen irgendwelcher Art, die er entweder nicht hat oder selbst nicht leisten kann. Dieses Phänomen kann ohne weiteres als Energiemangel gesehen werden.

Jeder Mensch verfügt über Dinge oder Fähigkeiten, die er zum Tausch anbieten kann. Es findet sich also hier ein Energieüberschuss.

Kommen Mangel und Überschuss in geeigneten thermischen Kontakt, kommt es zu einem Energieaustausch. Im Rahmen reziproken Verhaltens erwartet jeder Mensch für das von ihm Gegebene ein ungefähres Energieäquivalent. Bekommt er es nicht, nimmt er es als Ungerechtigkeit wahr.

Tauschgeschäfte sind mühselig, denn die Suche nach einem geeigneten Tauschpartner kann vielfach erfolglos sein. Im Laufe der Evolution entstand daher ein für alle Beteiligten akzeptables Tauschmittel, nämlich das Geld. Geld ist ein Energieäquivalent, denn es läßt sich im allgemeinen problemlos in „Nahrung“ umsetzen . Der „Energiebetrag“ eines Geldscheins bestimmt sich in diesem Zusammenhang ausschließlich im Hier und Jetzt: wieviel Nahrung kann ich hier und heute im Austausch gegen den Geldschein bekommen.

Das Grundmuster für die Ökonomie ist der gegenseitige Vertrag. Der gegenseitige Vertrag wird in der Juristensprache als Synallagma bezeichnet. Er wird zunächst durch Vereinbarung begründet und erlischt dann wieder durch Vertragserfüllung. Einfachstes Beispiel ist der tägliche Gang zum Bäcker: „Zwei Brötchen, bitte.“ – „neunzig Pfennig.“ – „Ich hab’s leider nicht kleiner.“ – „Neun Mark zehn zurück, vielen Dank.“ Der Austausch von Leistungen durch Vertrag entspricht dem symbiotischen Prinzip in der Natur. Der Begriff „Vertrag“ hat viel mit „vertragen“ zu tun. Mit gnadenloser „Konkurrenz“ und dem „Kampf ums Dasein“ nur sehr wenig. Und das hat seinen Grund im symbiotischen Prinzip.

Der eine gibt etwas, das er hat, aber nicht benötigt, und das der andere nicht hat. Dafür gibt der andere etwas, das er hat, aber nicht benötigt, und das der eine dringend braucht. – Das klingt etwas kompliziert, ist es aber nicht,

Auch der Vertrag ist ein Muster dieser Welt, das gebildet und wieder aufgelöst wird.. In diesem Zusammenhang bildet der einzelne Mensch die Grundeinheit der Ökonomie und entspricht damit der Zelle.

Die Menge aller Menschen bilden damit den ökonomischen Mikrokosmos. Daraus entstehen die Unternehmen, die ebenfalls auftauchen und wieder verschwinden. Sie sind wirtschaftliche Organismen, die durch Austauschverhältnisse am Leben erhalten werden. Ein Unternehmen ohne Lieferanten, Arbeitskraft oder Klientel stirbt ab, nur dass man im ökonomischen Bereich von „Insolvenz“ spricht. Tritt eine Neuerung auf oder ergibt sich eine „Marktlücke“, (Blindgängereffekt) setzt explosives Wachstum ein. Auch in der Wirtschaft wird ungezügeltes Wachstum entweder durch negative Rückkopplungsschleifen abgebremst oder es mündet ins Chaos, der Fortbestand von Unternehmen ist nicht mehr gewährleistet. Das jämmerliche Scheitern der sogenannten „new economy“, für die ungebremstes Wachstum Verkaufsargument war, ist mahnendes Beispiel.

Die Gesetze der Evolution gelten also auch für die etwas geisterhaft erscheinenden ökonomischen Organismen. Sie beruhen auf einem Verhaltensmuster, das über Jahrmillionen die Versorgung aller Menschen mit ausreichender Nahrung sicherstellte, eben dem reziproken Verhalten.

Die gegenwärtigen Verzerrungen der Ökonomie, die sich in der Verteilung von arm und reich, aber auch im Verhältnis des Menschen zu seinen Mitgeschöpfen niederschlagen, ändern an dem oben erwähnten Grundsatz nichts. Gerade sie sind es, welche die verheerenden wirtschaftlichen und sozialen Turbulenzen (Kriege) der vergangenen zwei Jahrhunderte hervorgerufen haben.

Dieses Verhalten, das die klassische Humanethologie als „reziproken Altruismus“ (gegenseitige Uneigennützigkeit) bezeichnet, wird vom Institut für experimentelle Wirtschaftswissenschaft der Universität Zürich einfach als „reziprokes Verhalten“ klassifiziert. Und man höre und staune, die statistischen Werte entsprechen in verblüffender Weise denen des Milgram-Experiments. Rund 63% der untersuchten Probanden neigen zu reziprokem Verhalten.

Nur da, wo es um das Ergattern von Waren geht, ist der Mensch geneigt, sich der klassischen Wirtschaftstheorie entsprechend zu verhalten: Da ist Geiz eben geil, weil die „Schnäppchenjagd“ eben eine echte Jagd ist. Wenn es um Dienstleistungen geht, verhält sich die überwältigende Mehrheit der Menschen aber anders, dann ist fairer Lohn für faire Arbeit angesagt. (vgl. Armin Falk, Homo Oeconomicus Versus Homo Reciprocans: Ansätze für ein neues Wirtschaftspolitisches Leitbild? Working Paper No. 79 – Institute for Empirical Research in Economics, University of Zurich, 2001).

Reziprokes Verhalten geht aber wesentlich weiter als der „reziproke Altruismus“ der klassischen Ethologie. Es hat auch seine negativen Seiten, nämlich Rache und Vergeltung. Und genau da liegt der Hund begraben. Bereits ein überschlägiger Blick in die Kulturgeschichte und eine überschlägige Betrachtung der gegenwärtigen Weltkarte zeigt, daß in den Kulturen, in denen menschliche Arbeitskraft mit Geringschätzung betrachtet wird, die Strafen exorbitant hoch sind.

Die Mächtigen in diesen Kulturen lenkten und lenken den Tausch-und-Teile-Instinkt auf das Verhängen sozialer Sanktionen für soziales Fehlverhalten einfach um. Dort darf sich dieser Instinkt, das menschliche Bedürfnis nach reziprokem Verhalten dann regelrecht „austoben“.

Im Sinne des Schöpfers ist das gewiß nicht. Nicht nur im Sport, sondern auch in allen anderen Lebensbereichen ist Unfairness nicht im Sinne des Schöpfers. In der denkbar schlimmsten Weise darf sich der „Tausch-und Teile“-Instinkt in der Schlacht austoben. Natürlicherweise fordert der Instinkt für den gefallenen Kameraden die allfällige „Vergeltung“. Für die Lücken, die er in die eigenen Reihen gerissen hat, will man es dem Feind „heimzahlen“.

Die Vergeltung kann sogar zu einer Art „Rauschzustand“ führen und süchtig machen. Die Forschungsgruppe um Dominique der Quervain, ebenfalls beheimatet an der Universität Zürich, hat nämlich festgestellt, daß beim Strafen das „Belohnungszentrum“ im Gehirn besonders aktiv ist. Das „Belohnungszentrum“ ist im „Zivilleben“ bei den sogenannten „Suchterkrankungen“ auch immer mit im Spiel. Diese Erkenntnisse verschlimmern das militärische Dilemma, in dem sich die Menschheit befindet, natürlich noch.

V 1 und V 2 waren ebenso Kinder des Tausch- und Teile-Instinkts wie die tagtägliche Vergeltung der israelischen Armee in ihrer Auseinandersetzung mit den Palästinensern.

Bei all den grausigen Szenarien, die dadurch im Laufe der Geschichte erzeugt wurden, gibt es Lichtblicke, die zeigen, daß Soldaten es „nicht böse meinen“. Im zweiten Weltkrieg war der Monte Cassino einer der am heftigsten umkämpften Punkte. Gerade in dieser erbitterten Schlacht kam es immer wieder zu Begegnungen zwischen den „verfeindeten“ Soldaten. In den Kampfpausen, in denen diese „nichtmilitärischen“ Begegnungen stattfanden, tauschte man Zigaretten.

Ähnliche Szenen sind von anderen Kriegsschauplätzen der Weltgeschichte ebenfalls verbürgt. Menschen lassen sich am Tauschen und Teilen eben nicht hindern.

Der Austausch von Zigaretten ist, das darf ich wohl hier festhalten, sinnvoller als der Austausch von Artilleriesalven.

Unfairness ist, ich sagte es bereits, nicht im Sinne des Schöpfers. Der wohl denkbar eklatanteste Fall der Unfairness ist aber wohl der, andere Leute für wenig Geld (Sold!) den Kopf hinhalten zu lassen. Solch ein Verhalten kann mit Fug und Recht als „ein nach allgemeiner sittlicher Anschauung als verachtenswert und auf tiefster Stufe stehend angesehen werden.“

Damit ist übrigens das Kriterium erfüllt, das nach den Gepflogenheiten deutscher Rechtsprechung die vorsätzliche Tötung eines Menschen zum Mord aus niedrigen Beweggründen werden läßt.

Deswegen entführe ich Sie an dieser Stelle kurz in die Vorstellungswelt der Juristen. Für Krimiautoren ist Mord Mord, für den Juristen ist der Begriff „Mord“ jedoch streng umgrenzt und in § 211 des Strafgesetzbuches niedergelegt:

Absatz 1.) Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.

Absatz 2.) Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst niedrigen Beweggründen,

heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.

Wer aber tötet einen Menschen im Sinne des Gesetzes? – Die Beantwortung dieser Frage ist für einen Juristen nicht schwer. Ein Mensch tötet einen anderen, wenn er dessen Tod verursacht. Dabei, so lernt es jeder Jurastudent auf der Universität, ist eine Handlung für den Tod ursächlich, wenn sie „nicht hinweggedacht werden kann, ohne daß der Tod des anderen entfiele“.

Nehmen wir den Fall des „Soldaten James Ryan“, einem Mann der ersten Stunde des „längsten Tages“. Nehmen wir ferner an, er wäre am Strand der Normandie von einer Granate in Stücke gerissen worden.

Kann der ihm erteilte Marschbefehl „hinweggedacht werden, ohne daß der Tod des Soldaten James Ryan entfiele“? – Nein! – Denn ohne Marschbefehl wäre der Soldat James Ryan nicht in die konkrete Lebensgefahr geraten, die sich am Ende mit seinem Tod realisierte. Der Marschbefehl ist also Ursache für den Tod des Soldaten James Ryan.

Wegen Mordes zur Verantwortung kann freilich nur derjenige zur Verantwortung gezogen werden, der vorsätzlich handelt. Entgegen der landläufigen Meinung, in der immer wieder vom „vorsätzlichen Mord“ die Rede ist, gibt es bei den Juristen keinen „fahrlässigen“ oder „unvorsätzlichen“ Mord. Die Juristen kennen verschiedene, abgestufte Formen des Vorsatzes, wobei alle von einer Grunddefinition abgeleitet sind:

Vorsatz ist definiert als die bewußte und gewollte Verwirklichung des gesetzlichen Tatbestandes. Im Rahmen dieser Begriffsbestimmung setzen die Juristen nicht unbedingt eine exakte Gesetzeskenntnis voraus, sondern begnügen sich mitunter mit der sogenannten „Parallelwertung in der Laiensphäre“

Jeder weiß, daß er andere nicht einfach umbringen darf, vor allem nicht aus einem geradezu nichtigen Anlaß heraus. Wenn ein Mensch, der keiner Fliege etwas zuleide getan hat, an einer Bushaltestelle zu Tode getreten wird, ruft das zu Recht Empörung hervor. Man tut so etwas nicht, und das leuchtet jedem unmittelbar ein. In den Augen der Mitmenschen, die von einem derartigen Vorfall erfahren, ist das Verhalten des oder der Täter verabscheuungswürdig. – So etwa sieht die „Parallelwertung in der Laiensphäre“ aus.

Der Soldat James Ryan stand am 6.6.1944 an der Bushaltestelle, nur war er dort nicht freiwillig, er wurde dorthin beordert. Und die, die ihn dorthin beorderten, wußten, daß er dort auf Menschen treffen würde, die ihm nach dem Leben trachteten.

Bis hart an der Grenze zur fahrlässigen Tötung reicht die Form des „bedingten Vorsatzes“. Die Juristen sagen, jemand handele mit bedingtem Vorsatz, wenn er den Taterfolg, hier den Tod eines anderen, als sicher eintretend oder möglich voraussieht und billigend in Kauf nimmt. Bedingter Vorsatz ist also schon dann gegeben, wenn der Täter die Möglichkeit des Taterfolgs erkennt und diese billigend in Kauf nimmt.

Wer Soldaten in einen Kampfeinsatz schickt, weiß positiv, daß sich die Wege von Soldaten und Gewehrkugeln dort kreuzen. Den Gewehrkugeln macht das nichts aus, den Soldaten schon.

Nun könnte man freilich einwenden, daß der Unterzeichner des Marschbefehls den konkreten Tod des Soldaten James Ryan nicht habe voraussehen können.

Dieser Einwand ist juristisch irrelevant, denn auch der klassische „Bombenleger“ wird zur Verantwortung gezogen, denn wer Bomben legt, dem ist es schließlich egal, wen es trifft. Die Identität des Opfers spielt in diesem Falle keine Rolle. Das ist auch der Grund, weshalb die beiden Männer, die in Köln die Kofferbomben zur Bahn gebracht hatten, demnächst wegen versuchten Mordes vor Gericht stehen werden.

Somit kann sich der Unterzeichner des Marschbefehls für den Soldaten James Ryan nicht damit herausreden, er habe dessen Tod nicht voraussehen können. Den Tod des Soldaten James Ryan hat er vorsätzlich herbeigeführt.

Wegen Mordes kann freilich nur der bestraft werden, der rechtswidrig getötet hat. Sollte sich ein Rechtfertigungsgrund für die Tötung finden, hätte das die Straflosigkeit der Tötungshandlung zur Folge. Die Voraussetzungen der Notwehr und des rechtfertigenden Notstands sind viel zu eng, als daß sie hier auch nur annähernd in Frage kämen.

Man könnte hier noch über einen allgemeinen übergesetzlichen Rechtfertigungsgrund des „Krieges an sich“ sinnieren, der es erlaubt, andere für sich bluten zu lassen. Man könnte auch an eine „demokratische Legitimation“ denken, die es einer „Staatsführung“ gestatten würde, andere in den Tod zu schicken. Indes, gerade eine solche „demokratische Legitimation“ kann und wird es nicht geben. Sie scheitert an einem der grundlegensten Rechtsgrundsätze, die es überhaupt gibt:

Nemo plus ius transferre potest quam ipse habet.

Niemand kann mehr Recht übertragen, als er selbst hat. Der Einzelne hat keine Lizenz, seine Mitmenschen wahllos umzubringen, folglich kann er dieses „Recht“ auch nicht im Wege der „Wahl“ oder der „Volksabstimmung“ auf das, was sich „Staat“ oder „Regierung“ nennt, übertragen. Mithin besteht keine Möglichkeit, den Tod des Soldaten James Ryan als „gerechtfertigt“ anzusehen. Der Marschbefehl in den Tod kann nicht gerechtfertigt werden. Der Tod des Soldaten James Ryan wurde rechtswidrig herbeigeführt.

Halten wir als Zwischenergebnis fest, daß es für die Tötung von Soldaten per Marschbefehl unter keinem Gesichtspunkt jemals eine Rechtfertigung wird geben können.

Bleibt am Ende nur noch zu fragen, ob der Unterzeichner des Marschbefehls den Tod des Soldaten James Ryan auch verschuldet hat.

Das Rechtssystem kennt diverse Entschuldigungsgründe. Der bekannteste Schuldausschließungsgrund ist der sogenannte „Jagdschein“, früher „Paragraph einundfuffzig“, seit der Strafrechtsreform 1977 wird der „Jagdschein“ durch den § 20 StGB repräsentiert.

Mit der Strafrechtsreform 1977 wurde die „Unzurechnungsfähigkeit“ zwar in „Zurechungsunfähigkeit“ umgetauft, in der Sache änderte sich freilich nichts.

Ob die „Staats- und Regierungschefs“ dieser Welt, ob die Angehörigen der Gremien, die über Krieg und Frieden befinden, zurechnungsunfähig sind, vermag ich nicht zu entscheiden. Darüber müßte in jedem Einzelfall ein psychiatrischer Gutachter befinden. Das Gesetz jedenfalls unterstellt einem erwachsenen Menschen grundsätzlich die Schuldfähigkeit für die von ihm begangenen Unrechtshandlungen. Deswegen ist davon auszugehen, daß auch der Unterzeichner des Marschbefehls für den Soldaten James Ryan im „Vollbesitz seiner geistigen Kräfte“ war.

Auch ein Irrtum über die Grundlagen der Strafbarkeit kann im Einzelfall zu einer Entschuldigung der Tat führen. Wir brauchen uns allerdings an dieser Stelle mit diesem sehr weitläufigen Thema nicht zu befassen. Es dürfte zu weit führen, den Menschen, die sich an der Spitze staatlicher Hierarchie befinden, auch nur annähernd den Weg eines schuldausschließenden Irrtums zu eröffnen. Immerhin sind es die Menschen, die dem „gemeinen Volk“ die Gesetze vorschreiben, die von den Juristen gegen das Volk verwendet werden. Mitglieder der „gesetzgebenden Körperschaft“ und der „Regierung“ müssen mehr als die „Normalbürger“ die Normen beachten, die sie selbst setzen. Es müssen bei ihnen noch umfassendere Rechtskenntnisse vorausgesetzt werden als bei den Richtern an den obersten Gerichtshöfen. Ein Irrtum über die Grundlagen der Strafbarkeit des eigenen Handelns ist damit von vornherein für diesen Personenkreis auszuschließen.

Für den Tod des Soldaten Janmes Ryan gibt es mithin keine Entschuldigung.

Der Soldat James Ryan wurde, das muß hier klar festgehalten werden, aus niedrigen Beweggründen ermordet.

Mit ihm wurden denn alle die Männer, die ihr Leben an den Stränden der Normandie ließen, durch ihre eigenen Befehlshaber ermordet. Der Jurist würde die deutschen Soldaten, deren Waffen sie unmittelbar in den Tod geschickt hatten, als „absichtslos doloses Werkzeug“ einstufen. Dieser Terminus besagt, daß die deutschen Soldaten zwar in Tötungsabsicht auf den Soldaten James Ryan geschossen hatten, dabei aber die Motive des Unterzeichners seines Marschbefehls nicht teilten. Ohne den hier in rede stehenden Marschbefehl hätten sie nicht einmal mit dem Gedanken gespielt, auf den Soldaten James Ryan zu schießen.

Soldaten werden im allgemeinen dazu angehalten, neben ihrer „Standardwaffe“ auch Sprengmittel zu benutzen. Diese gelten im Rahmen des § 211 StGB als „gemeingefährliches Mittel.“ Die Verwendung eines „gemeingefährlichen Mittels“ macht nach deutschem Recht einen an sich simplen Totschlag zum Mord. Die üblicherweise angewandten „militärischen Mittel“ machen jeden, der ihre Anwendung befiehlt oder bei der Tötungshandlung durch ein absichtslos doloses Werkzeug voraussieht, zum Mörder.

Der von einer Granate zerfetze Soldat James Ryan wurde also aus niedrigen Beweggründen und mit einem gemeingefährlichen Mittel ermordet.

Zwei Mordmerkmale sind ohne vernünftigen Zweifel erfüllt, dennoch wurde der Unterzeichner des Marschbefehls für den Tod des Soldaten James Ryan niemals vor den Kadi gezerrt.

Denken Sie bitte daran, der „Soldat James Ryan“ steht hier für alle alliierten Soldaten, die am 6.6.1944 in der Normandie in den Tod geschickt wurden.

Auch wenn Churchill, Roosevelt und De Gaulle nie wegen Mordes an ihren eigenen Leuten angeklagt wurden, ist die Ironie des Schicksals unverkennbar und, ich gebe es zu, amüsant: Diejenigen, die den nationalsozialistischen „Ungeist“ mit Stumpf und Stiel aus der Welt schaffen wollten, müssen heute aus der Hölle heraus beobachten, wie sie an den Maßstäben des „Ungeistes“ gemessen werden. Die heute noch gültige Fassung des Mordparagraphen wurde nämlich während der „Nazi-Herrschaft” ins Strafgesetzbuch geschrieben.

Bei allen „Westalliierten“ war im Juni 1944 der Mord ein todeswürdiges Verbrechen. Somit wären die Herren Roosevelt, Churchill und de Gaulle im „Zivilleben“ für das, was sie getan haben, als „Massenmörder“ unter dem Jubel des Volkes auf dem Schafott gelandet. (Bei den letzten öffentlichen Hinrichtungen in den USA und Frankreich kletterten die Zuschauer sogar auf Laternenpfähle)

Sie haben das Schicksal der Männer des 20. Juli 1944 nur deshalb nicht geteilt, weil sie genau die sozialen Dominanzpositionen innehatten, die im „Deutschen Reich“ dem „Führer des deutschen Reiches und Volkes“ vorbehalten war: die unangefochtene Befugnis zur Entscheidung über Leben und Tod.

Ich höre förmlich den Protest, den diese Behauptung bezüglich der „Westalliierten“ hervorruft, aber ich kann und werde die Bewertung der Handlungen anhand der Maßstäbe des „Zivillebens“ nicht ändern. Mord muß Mord bleiben und als solcher benannt werden dürfen, selbst wenn er Bestandteil einer wie auch immer gearteten „Staatsdoktrin“ sein sollte:

D-Day, er wird als der Tag gefeiert, an dem die „Befreiung“ Europas von der Herrschaft des „nationalsozialistischen“ Terrors seinen Anfang nahm. Ganz bewußt habe ich den Begriff des nationalsozialistischen Terrors mit den Anführungszeichen als „nationalsozialistischen“ Terror gekennzeichnet und nicht als „nationalsozialistischen Terror“. Wir müssen nämlich folgendes festhalten:

Auf dem „alten Kontinent“ hatte sich, was in Geschichtsschreibung und veröffentlichter Meinung ganz offensichtlich bewußt verschlabbert wurde und wird, lange vor Hitler der an Robespierre orientierte „Terreur“ breitgemacht. Der aber war nicht nationalsozialistisch, der Robespierreismus des frühen 20. Jahrhunderts segelte unter roter Flagge:

Hitler kennt jedes Kind, die Opfer seiner „Gewaltherrschaft“ werden jedes Jahr beschworen. Lenin gilt als der Revolutionär des 20. Jahrhunderts. Auch Stalin wird nicht nur in Rußland als „großer Staatsmann“ und „Befreier“ nach wie vor gefeiert.

Um Mao Tse-Tung ist es still geworden, aber niemand von denen, die mir vor mehr als dreißig Jahren die „Mao-Bibel“ vor die Nase hielten, würde heute zugeben, einem der größten Menschenschlächter der Weltgeschichte nachgerannt zu sein.

Politische Macht kommt aus den Läufen des Gewehre“, sagt Mao. – Fragen Sie mich bitte nicht nach der Fundstelle.

Die Nationalsozialisten haben den Begriff geprägt, aber das Phänomen nicht erfunden: „Vernichtung durch Arbeit“. Den „Führern“ der kommunistischen Weltrevolution war der Begriff „Vernichtung durch Arbeit“ ebenso vertraut wie dem „Führer“. Sie haben sich nur gescheut, das Kind beim Namen zu nennen. Man nennt das Kind eben nicht beim Namen, daran hat sich seit Jahrtausenden hat nichts geändert. Gegen diesen Grundsatz der Politik haben eigentlich nur die Nationsozialisten verstoßen. Vielleicht nur deshalb, weil der „Führer“ zu einfältig war, die Grenzen de „political correctness“ zu erkennen und einzuhalten. Im Gegensatz zu ihren „roten“ Brüdern waren die Nazis geradezu herzerfrischend offen im sprachlichen Umgang mit dem Terror, den sie veranstalteten.

Vernichtung durch Arbeit“, das war schon im alten Rom an der Tagesordnung. Unliebsame Zeitgenossen schickte man „ad metalla“ oder auf die Galeeren. Die Bleibergwerke waren ebenso „Vernichtung durch Arbeit“ wie die Galeeren.

Die Galeere blieb in vielen Teilen Europas bis in die Neuzeit hinein die Domäne der „Vernichtung durch Arbeit“. Galeeren waren schließlich keine Handels- sondern Kriegsschiffe.

Auf der Galeere treffen wir den Geist des Soldaten James Ryan wieder.

Es wird in der Geschichtsschreibung gern übersehen, daß die Galeeren als Kriegsschiffe noch andere Besatzungsmitglieder hatten, nämlich die Soldaten. Betrachtet man die Besatzung einer Galeere näher, so erscheinen alle Besatzungsmitglieder in irgendeiner Weise als „Arbeitnehmer“, die ihrer „Vernichtung durch Arbeit“ entgegensehen.

Seit der Herresreform des Marius waren die Legionäre Roms „Arbeitnehmer“. Nicht nur im Teutoburger Wald starben sie zu Tausenden an ihrem Arbeitsplatz. „Arbeitnehmer“ blieben Legionäre und Söldner bis zum Unabhängigkeitskrieg der USA. Die französischen Revolution, die zunächst auf Freiwillige setzte, hatte am Ende im Schlepptau die „Allgemeine Wehrpflicht“. Diese war der „billigste“ Weg, Massenheere auszuheben und Abschlachtungsorgien zu veranstalten, wie sie die Welt nie zuvor gesehen hatte.

Ich bin so dreist, die „Allgemeine Wehrpflicht“ und die „Vernichtung durch Arbeit“ in einen Topf zu werfen. Die „Allgemeine Wehrpflicht“ hat sich in der Geschichte nicht nur einmal zum „Völkermord am eigenen Volk“ gesteigert. Die Einführung der „Allgemeinen Wehrpflicht“ war das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ihre Aufrechterhaltung ist das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und zwar auch dann, wenn die Juristen, die den „Staat“ bezahlten Talar tragen, etwas anderes behaupten.

Vernichtung durch Arbeit“, damit haben sich die Mächtigen der Welt freilich nie zufriedengegeben. Man hat die Soldaten bis zum Umfallen mit Mordbefehlen überschüttet. Die Mächtigen sind dabei auf nur wenig Widerstang gestoßen, weil der „moderne Mensch“ offensichtlich über eine ausgesprochene Neigung zum Genozid verfügt.

Diese genozidale Tendenz läßt sich seit rund 7.000 Jahren in allen Teilen der Welt belegen:

Vernichtungsfeldzüge“, die gab es schon, als noch mit jagdtauglichen Waffen gekämpft wurde und Mann gegen Mann stand. Der berühmteste von allen dürfte der Feldzug der Griechen gegen Troja gewesen sein. Weniger bekannt sind schon die punischen Kriege der Römer, die am Ende zur Zerstörung Carthagos führten und Rom zur ersten europäischen Supermacht werden ließen.

Auch Gaius Julius, genannt Cäsar, ließ sich diesbezüglich nicht lumpen. Anläßlich seiner Gallienfeldzüge ließ er mehr als einmal ganze Landstriche entvölkern. Bei seinen eigenen Landsleuten machte er sich allerdings erst durch sein perfides Vorgehen gegen die Usipeter und Tenkterer unbeliebt, die im Frühjahr des Jahres 55 v. Chr. in der Nähe von Nimwegen lagerten.

Die ahnungs- und führerlosen Germanen, die im Lager ruhig ihren täglichen Beschäftigungen nachgingen und an nichts Böses dachten, wurden vom römischen Heer plötzlich überfallen und abgeschlachtet. Cäsar beschreibt dieses »Heldenstück« geradezu mit einem gewissen Genuß. Die römische »Humanitas« und Cäsars »Clementia« (Milde) werden besonders durch folgenden Satz ins rechte Licht gerückt: »Die übrige Masse der Frauen und Kinder – die Germanen waren nämlich mit allem Volk ausgezogen und über den Rhein gegangen – begann allerorts zu fliehen. Zu ihrer Verfolgung sandte Cäsar die Reiterei aus.« Es ist besonders bezeichnend, daß Cäsar nicht wagte, die Reiterei gegen waffenfähige Männer, wohl aber gegen wehrlose Frauen und Kinder einzusetzen. Wieder schließt Cäsar seinen Bericht mit der ausführlichen Schilderung der Niedermetzelung der feige überfallenen Germanen. (Alfred Franke, Rom und die Germanen, Herrsching 1986, S. 191)

Cäsars Vorgehen in dieser Sache ging damals selbst den römischen Senatoren zu weit. Cato der Ältere hatte rund 150 Jahre vor Cäsar noch die Meinung vertreten, Carthago müsse zerstört werden, Cato der Jüngere hingegen beantragte im Senat wegen des geschilderten Vorfalls die Auslieferung Cäsars an die Germanen.

Wie es damals am linken Niederrhein wahrscheinlich ausgesehen hat, zeigt ein Fund, in Somerset (Südwestengland), nämlich die Keltenstadt „Cadbury-Camelot“. Bei der Ausgrabung des Südwesttores wurden die Überreste von Kindern entdeckt. Diese waren auf jede nur erdenklliche Weise zerstückelt worden und die Leichenteile waren über den ganzen Torweg verstreut. Der Anblick muß dermaßen grauenvoll gewesen sein, daß einige der freiwilligen Helfer sich weigerten, hier weiterzuarbeiten.(Franke aaO, S. 60). – Täter waren auch hier römische Legionäre. Keine wilden Barbaren, sondern Soldaten der größten „Kulturnation“ der Antike hatten das Massaker verübt. Ich setze in diesem Zusammenhang als bekannt voraus, daß römische Soldaten sich ein Ding mit Sicherheit nicht leisten durften: Disziplinlosigkeit.

Kavallerie gegen Frauen und Kinder. – Wie oft mag sich dieses Muster seit Cäsar überall auf der Welt wiederholt haben. Die bekannteste Wiederholung dürfte das Massaker vom Sand Creek sein, als US – Kavalleristen die Frauen, Kinder und Greise eines Indianerdorfes niedermetzelten.

150 Jahre nach Caesar wurde in Rom eine Art „Holocaust-Denkmal“ errichtet. Freilich wurde es nicht der Erinnerung an die Opfer gewidmet, sondern dem Ruhm der Täter. Die Trajanssäule verewigt den Völkermord an den Dakern.

Bei Trajans Feldzug sollen rund Eine Million Daker ums Leben gekommen sein.

Jesus soll den Evangelien zufolge nach Ephraim gegangen sein. War er sich dessen bewußt, das Jahrhunderte vor seiner Zeitrechnung an den Jordanfurten ein Genozid stattgefunden hatte, der von Gott offenbar billigend zur Kenntinis genommen worden war?

Im 20. Jahrhundert grenzte man seine Mitmenschen über das optische Merkmal des „Judensterns“ ab. Die Gileaditer, die damals die Jordanfurten besetzt hielten, gingen noch perfider vor (Richter 12):

5.(…) Wenn nun die Flüchtigen Ephraims sprachen: Laß mich hinübergehen! So sprachen die Männer von Gilead zu ihm: Bist du ein Ephraimiter? Wenn er dann antwortete: Nein!

6. hießen sie ihn sprechen: Schiboleth; so sprach er Siboleth und konnte es nicht recht reden; alsdann griffen sie ihn und schlugen ihn an den Furten des Jordans, daß zu der Zeit von Ephraim fielen zwei und vierzig tausend.

42.000 Tote, nach „Feststellung der Personalien“ einzeln erschlagen.

Gedankenstrich“

Der älteste Beleg für einen „Vernichtungsfeldzug“ ist gut und gerne 7000 Jahre alt. Er wurde in Talkirchen gefunden. Talkirchen liegt in Baden-Württemberg, Der Knochenfund umfaßt 34 Skelette und weist auf einen Genozid hin. Dieser wurde überwiegend mit Steinäxten verübt und kostete wohl alle Bewohner eines Dorfes das Leben. Sie waren zwischen zwei und etwa sechzig Jahren alt. Bedenkt man, daß noch in der Jungsteinzeit die Horde oder das Dorf mit 25 –50 Individuen ein „Volk“ bildeten, ist das Ereignis von Talkirchen der älteste nachweisbare Völkermord der Weltgeschichte.

Der Talkirchener Genozid ist der älteste nachweisbare, aber mit Sicherheit nicht der älteste Völkermord an sich. Aber bereits ein nachgewiesener steinzeitlicher Völkermord ist Indiz dafür, daß der Genozid, das willkürliche und rücksichtslose Töten von Artgenossen, zu den Eigenschaften des “modernen“ Menschen zählt. Genozidale Tendenzen zeigen sich in der ganzen Welt, bei allen Völkerschaften, wie der Genozid der Hutus an den Tutsis im Jahre 1994 mehr als deutlich macht. Wie in Talkirchen kamen keine „modernen“ Waffen zum Einsatz, erst recht keine sogenannten Massenvernichtungsmittel. Man benutzte wie vor 7.000 Jahren zum töten das Werkzeug, das man „gerade zur Hand“ hatte. (Der Völkermord im Süden des Sudan war, als die Ursprünge dieser Zeilen entstanden, noch Zukunftsmusik. Aber, seien Sie einmal ehrlich, wer kümmert sich schon um unsere Mitmenschen im Sudan?)

Die Bilder aus aller Welt sprechen eine deutliche Sprache: Der moderne Mensch hat bezüglich seiner Reaktion gegenüber dem Sozialpartner die Instinktbindung verloren und ist nicht mehr in der Lage, auf soziale Not- oder Unterwerfungssignale instinktsicher zu reagieren. Das macht ihn für seine Mitmenschen so gefährlich.

Der „moderne“ Mensch ist damit in eine Lage geraten, über die man erschaudern könnte, er zeigt, so die Beweislage, eine ausgesprochene Neigung zum Genozid, zum Völkermord. Darüber hinaus ist eine generelle Tendenz zum „Ausrotten“ unliebsamer Lebewesen nicht zu leugnen.

Soweit es die Wahrnehmung des Mitmenschen als Mensch betrifft, befindet ich der Mensch gegenwärtig auf einem niedrigeren Niveau als Schimpansen. Schimpansen haben keine Tötungshemmung gegenüber Angehörigen fremder Gruppen, wohl aber gegenüber den Angehörigen der eigenen Gruppe. Der „moderne“ Mensch verlor auch die Tötungshemmung gegenüber dem Sozialpartner.

Mit dem Fall dieser Tötungshemmung wurden die Bewohner Bottlenecks in ein Dilemma gedrängt: Rücksichtslosigkeit gegenüber den Nachbarn ermöglichte ihnen den gewaltsamen Zugriff auf deren „Vermögen“. Andererseits bezogen sie als exogame Wesen ihre Frauen von diesen. Das ungehemmte Vernichten artgenossenschaftlicher Konkurrenz hätte also rasch zum Untergang der entstehenden Subspezies des Menschen geführt. Die „Bremsen“, die den selbsternannten „Homo Sapiens Sapiens“ daran hindern, wahllos seine Artgenossen umzubringen, sind kultureller Natur. Deswegen können sie auch, die Geschichte zeigt es, jederzeit gelöst werden.

Die langfristige Isolation unserer Vorfahren auf „Bottleneck“ begünstigte die „Entartungserscheinungen“, die uns heute noch zu schaffen machen. Konrad Lorenz bezeichnete dies einmal als „Verhausschweinung des Menschen“.

Zusammengepfercht auf einer Insel „gewöhnte“ sich zumindest ein Teil der Bevölkerung genetisch an eine überwiegend seßhafte Lebensweise.

Wer seßhaft ist, der muß, das ist unabdingbar, mit erhöhter Aggressivität seine Lebensgrundlagen gegenüber nomadisierenden Artgenossen verteidigen. Denn diese werden ebenso arg- wie verständnislos versuchen, die Nahrungsquellen der Seßhaften zu nutzen. – Auch dafür gibt es eine Fülle von Beispielen aus dem heutigen Afrika, ja selbst aus Indien. So traurig es ist, aber es fand eher ein „Verkampfhunden“ denn eine „Verhausschweinung“ statt.

Auf „Bottleneck“ nahm der „Kampf ums Dasein“ seinen Anfang, den Charles Darwin später zu Unrecht in die Natur projizieren sollte.

Als vor rund 8.000 Jahren die dem Australopithecus Superbus Procrustes eröffneten Lebensräume mehr als gefüllt waren, gewann die latent vorhandene Fähigkeit zur seßhaften Lebensweise die Oberhand. Nomanden wurden an den Rand gedrängt. Aus europäischer Sicht kann man mit Fug und Recht behaupten, daß rund um das Mittelmeer die Nomandenvölker in die Wüste geschickt wurden.

Es entstanden die sogenannten „Hochkulturen“, die den Ausgangspunkt für die Entwicklung eines auf dem Prinzip von Befehl und Gehorsam beruhenden „Staatswesens“ bildeten. Das wurde zur Anfangsbedingung für die Entwicklung des Militärwesens. Dieses wiederum gipfelt in der der bedenkenlosen Erfindung von Atomwaffen, Stealth-Bombern und vor allem darin, daß diese Waffen ebenso bedenkenlos eingesetzt werden wie sich geschaffen wurden. – Und man ist sogar noch stolz auf diese Errungenschaften der „Zivilisation“.

Zivilisation“ – was ist das eigentlich? – Das lateinische „civilis“ läßt sich sowohl mit „bürgerlich, den Bürger betreffend“ übersetzen als auch mit „herablassend“. – Schaut man sich in dieser Welt einmal um, findet die „Zivilisation“ eher in der letztgenannten Übersetzung ihren Ursprung. Herablassend sind vor allem die Dominanten. Die Subdominanten leisten unbedingten Gehorsam, weil sie nicht anders können, denn ihr Instinkt leitet sie. Im Grunde wissen sie nicht, was sie tun.

Die „Allgemeine Wehrpflicht“ ist die wohl schamloseste Ausnutzung des Gehorsamstriebs durch die Inhaber der obersten sozialen Dominanzpositionen. Auch die Neigung zur Selbstgefährdung wird von dieser schamlosesten aller Ausnutzungen erfaßt. Mit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht kehrte sich die genozidale Tendenz der „Mächtigen“ gegen die „eigenen“ Leute. Das „Diskriminierungsmerkmal“, das diesen den Tod bringt ist die „Staatsangehörigkeit“.

Begangen wird diese Form von „Völkermord am eigenen Volk“ durch die befehlshabenden Offiziere, verübt wird er letztlich durch Soldaten, die Reisepaß und Soldbuch eines „feindlichen“ Landes in der Tasche haben.

Halten wir zum Abschluß fest:

Nicht einer der Männer, die am 6. Juni 1944 die Landungsboote verließen, stand unter dem Schutz der Verfassung des Landes, dessen Uniform er trug. Sie alle waren ihrer Menschenrechte beraubt und wurden von ihren „Führern“ ermordet. Sie wurden ermordet wie ihre Kameraden, die am 20. Juli 1944 versucht hatten, sich vom Joch des unbedingten Gehorsams zu befreien. Bis auf die letzten Gabelungspunkte ist für die Männer des 6. Juni und die des 20. Juli 1944 der Weg identisch: Sie haben Befehlen gehorcht. Und auch die Männer, die den Aufstand im Warschauer Ghetto anzettelten, hatten bis zu diesem Zeitpunkt den „Anweisungen und Befehlen“ der „Besatzungsmacht“ offenbar widerspruchslos „gehorcht“.

Nicht nur für mich, ich hoffe, auch für Sie ergibt sich aus dem oben Gesagten, daß die Verhaltensmuster „Gehorsam“, „Tauschen und Teilen“ sowie „Selbstgefährdung“ niemals wieder in der Weise zusammentreffen sollten, wie es damals geschah.

Dennoch geschieht all das auch heute noch, Tag für Tag, ohne daß sich jemand darüber aufregen würde. Es war halt immer so.+

Stellen wir trotzdem, Konfuzius folgend, die Namen und Begriffe richtig:

Jeder militärische „Führer“oder „Unterführer“ hat für das Wohlergehen der ihm anvertrauten Männer zu sorgen. Der militärische Sprachgebrauch ist älter als der Nationalsozialismus und wird unabhängig davon bis heute weiterverwendet. – und das ist gut so: Horde, Herde, Rudel oder Schar, alle tierischen Sozialgemeinschaften, bis hin zum Insektenstaat – sie alle sind Überlebensgemeinschaften, präziser gesagt „Aufzuchtgemeinschaften“. Wenn Lebewesen in einer Sozialgemeinschaft leben, ist diese im Evolutionsprozeß unabdingbare Voraussetzung für die Erhaltung der Art. Sozialgemeinschaften können, ganz im Gegensatz zu den „Sozialgemeinschaften“ des Militärs, niemals „Untergangs- oder Sterbensgemeinschaften“ sein. Bis zum Auftreten des „modernen“ Menschen folgten menschliche Horden unbedingt diesem Pfad der Evolution. Das ist aus den Knochen der Neandertaler unschwer abzulesen. Daraus folgt: wie ein Hordenführer der Neandertaler ist jeder Offizier oder Unteroffizier dafür verantwortlich, daß die ihm anvertrauten Menschen die Ausführung einer jeden Weisung unbeschadet überstehen! –

Gedankenstrich“

In diesem Zusammenhang ist es nützlich, an die Definition des Befehls zu erinnern, die jeder, der in der Bundeswehr gedient hat, auswendig lernen mußte:

Befehl ist die Anweisung zu einem bestimmten Verhalten, die ein militärischer Vorgesetzter einem Untergebenen mündlich, schriftlich oder in sonstiger Weise mit Anspruch auf Gehorsam erteilt.

Es dürfte unmittelbar einleuchten, daß es den Befehl „stirb!“ nicht geben kann. Kann es ihn individuell nicht geben, ist er auch für den Trupp, an den er gerichtet ist, mit Sicherheit nicht bindend.

Sollten Sie es überlesen haben:

Jeder militärische „Führer“oder „Unterführer“ hat für das Wohlergehen der ihm anvertrauten Menschen zu sorgen.

Und nun lassen Sie sich folgende Worte auf der Zunge, die bislang nur den Geschmack der Propaganda gekannt hatte, genüßlich zergehen.

Hat nicht jeder Mensch das Recht auf Notwehr? – Und wenn jeder Mensch das Recht auf Notwehr hat, hat dann nicht jeder Mensch das Recht, dem Notwehrberechtigten beizustehen? – Sowohl zivil- als auch strafrechtlich ist derjenige im Recht, der Notwehr zugunsten eines Dritten ausübt (Nothilfe).

Notwehr ist, so steht es in § 32 des deutschen Strafgesetzbuches, „die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen, rechtswidigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwehren.

Das Erteilen des Befehls, die Grenzen des eigenen Territoriums mit Waffengewalt zu überschreiten (Angriffsbefehl), ist ein gegenwärtiger, rechtswidriger Angriff auf Leben und Gesundheit der eigenen Leute und auf die Menschen, deren Rechte durch den befohlenen Angriff verletzt werden sollen.

Wer also einen Angriffsbefehl gibt, der stellt sich selbst außerhalb der Rechtsgemeinschaft, die alle Menschen nun einmal bilden. Nochmals: Wer einen Angriffsbefehl erteilt, schließt sich aus der Rechtsgemeinschaft selbst aus, wie jemand, der in Tötungsabsicht mit dem Messer auf Sie einsticht. Sticht jemand mit dem Messer auf Sie ein, dauert der „Angriff“ wenige Sekunden. Gibt ein „Führer“ einen „Angriffsbefehl“, kann die daraus resultierende Abschlachtungsorgie Jahre dauern. Damit bleibt der „Angriff“ im Sinne der Notwehr dauerhaft „gegenwärtig“. Folglich steht derjenige, der einen Angriffsbefehl erteilt, bis zum Befehl: „Feuer einstellen!“ außerhalb der menschlichen Rechtsgemeinschaft. Ihn zu töten, um das Töten zu beenden, ist nicht rechtswidrig.

Sie sollten, ich muß das hier einflechten, jedoch nicht versuchen, einem der „Mächtigen“ deswegen den Garaus zu machen, das könnte leicht in der Todeszelle oder, schlimmer noch, in Guantanamo enden! Denken Sie daran, die Mächtigen dieser Welt scheren sich einen feuchten Kehricht um das, was Recht ist. Sie benutzen die Gesetze zum Machterhalt, nicht im Sinne der Gerechtigkeit.

Das aber wiederum kann an den eigentlichen Verpflichtungen militärischer Führer gegenüber den ihnen Anvertrauten nichts ändern. Ich wiederhole:

Gibt ein „Führer“ einen „Angriffsbefehl“, kann die daraus resultierende Abschlachtungsorgie Jahre dauern. Damit bleibt der „Angriff“ im Sinne der Notwehr dauerhaft „gegenwärtig“. Folglich steht derjenige, der einen Angriffsbefehl erteilt, bis zum Befehl: „Feuer einstellen!“außerhalb der menschlichen Rechtsgemeinschaft. Ihn zu töten, um das Töten zu beenden, ist nicht rechtswidrig.

Nimmt man die Verpflichtung hinzu, die ein militärischer Führer nach dem oben Gesagten gegenüber seinen Untergebenen hat, folgt daraus die Pflicht des Offiziers, dem Vorgesetzten, der ihm einen Angriffsbefehls erteilt, die Pistole auf die Stirn zu setzen und abzudrücken.

Damit kommen wir zu der folgenden grausamen Einsicht:

Die Behauptung, mit der Invasion vom 6.6.1944 wäre die Befreiung Europas vom Joch des Terrors eingeleitet worden, wird weder den Opfern des 6.6.1944 noch denen des 20.7.1944 noch denen des Warschauer Aufstands gerecht.

Die „Helden“ des 6.6.1944 waren aus Gründen einer mehr als zweifelhaften „Staatsräson“ „Verbündete“ Stalins und damit dessen Helfershelfer. – Daß Stalin nicht ein Freund der Menschenrechte war, war den Herren Churchill, Roosevelt und De Gaullehinlänglich bekannt.. Dennoch lehnten sie einen separaten Waffenstillstand mit dem Deutschen Reich für den Fall der Beseitigung des „Führers“ ab.

Sie waren also bereit, ohne Wenn und Aber eine unbestimmte Anzahl ihrer eigenen Leute weiterhin in den Tod zu schicken.

Rund 50.000 davon verschlang allein der Hürtgenwald in der Nähe von Aachen.

Bei der „Befreiung“ Deutschlands vom Nationalsozialismus“ folgten sowohl Stalin als auch die „Führer“ der Westalliierten einer ganz simplen, und bewährten, wenn auch perfiden Strategie:

Schicke so viele deiner eigenen Leute in die Schlacht, daß es dem Gegner unmöglich ist, sie alle außer Gefecht zu setzen. – Man wollte den Sieg, ohne Rücksicht auf Verluste – und die gab es reichlich.

Und damit kommen wir zu einer noch grausameren Einsicht:

Es hätte ohne die Einführung der „Allgemeinen Wehrpflicht“ als Folge der französischen Revolution die Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts nicht gegeben.

Qualifiziert man die „Allgemeine Wehrpflicht“ als Völkermord an den eigenen Leuten, dann ist sie das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit, daß die Welt je gesehen hat.

Ein Verbrechen, das nicht enden will. Deswegen ist jeder Offizier, der einem„Wehrpflichtigen“ einen Befehl erteilt, der diesen in Lebensgefahr bringt, vogelfrei, er steht außerhalb jeden Rechts.

Erst recht außerhalb der Rechtsgemeinschaft aller Menschen stehen die „Inhaber der obersten Befehls- und Kommandogewalt“. Sie haben im Grunde nichts zu sagen und erst recht nichts zu befehlen, maßen sich aber die Befugnis an, ganze Armeen in den Tod zu schicken.

Ein Offizier, der angesichts dessen seine Untergebenen nicht im Sinne der Notwehr vor ihnen schützt, hat auf seinem Posten eigentlich nichts verloren. Wo einer nichts verloren hat, hat er auch grundsätzlich nichts zu suchen. Es sei denn, er entscheidet sich für das Wohlergehen seiner Untergebenen.

Aber es wird einstweilen keinen Aufstand der Offiziere und Unteroffiziere geben, weil die Tradition stärker sein wird als die bessere Einsicht:

In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Primat „Mensch“ nicht von japanischen Rotgesichtsmakaken. ja nicht einmal von Bären und Graugänsen. Bären und Graugänse müssen verhungern, wenn sie nicht die Nahrung bekommen, die sie von Kindesbeinen an gewohnt sind. Die Tradition hat sie unfähig gemacht, das Notwendige später zu lernen. Wenn es Sie in eine unwirtliche Gegend verschlägt, kann es sein, daß auch Sie eher verhungern als ungewohnte Nahrungsmittel zu verspeisen.

Was Sie fressen, ist Ihre Privatsache, wen Sie umbringen jedoch nicht!

Vor diesem Hintergund können wir zum eingangs erwähnten Dialog zwischen Kain und Gott zurückkehren.

Soll ich meines Bruders Hüter sein?“

Ja, Kain, Deines Bruders Hüter sollst du sein; nicht sein Vormund und erst recht nicht sein „Vorgesetzter“.

Weil die Bibel diese Anwort unterschlagen hat, schreit die Simme des Blutes unserer Brüder und Schwestern immer noch von der Erde zum Himmel.


Gert Scobel – Ewige Gefühle? – Ja!

Juni 21, 2012

3sat.online – Mediathek: Ewige Gefühle?.

Lieber Gert Scobel,

die ganze Diskussion wäre überflüssig, wäre die „Krone der Schöpfung“ nicht ein arger „Instinktkrüpppel“. – Unsere sozialen Instinkte des  „Zusammenhalts“ in der Horde sind ebenso rudimentiert wie der Instinkt, den ich „Tausch – und –  teile-Instinkt benannt habe. – Dessen kulturelle Ausprägung findet man vor allem im „Bürgerlichen Gesetzbuch“, aber auch in Blutrache und Todesstrafe. – Das sind wohl die schlimmsten Entartungen des Tausch  – und  – teile – Instinkts, die vorstellbar sind.  – Ohne diese Entartung wäre Barrack Obama nicht zum Mörder Osama Bin Ladens u.a. geworden, ohne ihn gäbe kein Guantanamo.

Sie werden sich sicher fragen, warum ich diese durchaus frechen Behauptungen aufstelle. – Die Antwort ist ganz einfach, denn mit den von ihnen aufgeworfenen Fragen beschäftige ich mit seit den Tagen meines Jura-Studiums, das ich vor nunmehr 30Jjahren abgeschlossen hatte.

Vor genau 13 Jahren fing ich an, Darwins mechanistische Variante der Evolutionstheorie näher unter die Lupe zu nehmen.  – Am Ende kam die nichtlinear-thermodynamische Variante der Evolution heraus und ein Bild des Menschen, das ihn als Australopithecus Superbus Procrustes entlarvt: den hochnäsigen Südaffen, der sich mit Gewalt alles passend machen will.

Wir stehen – wieder einmal am Vorabend eines Bifurkationspunktes: Deutschland oder Griechenland – wer kommt weiter in der EM? – Die Wahrheit ist: Vollkommen irrelevant, nur interessant für die Frage, ob die Götter den Griechen auch diesmal „gewogen“ sein werden. – Ich schätze – nein.

Auch „König Fußball“ lebt von Empathie, Spiegelneuronen und den Entartungen des Tausch – und – teile – Instinkts. – Man denke nur an die ewige „Revanche“ zwischen Deutschland und England, die auch bei dieser EM möglich ist.

Nun will ich Ihnen aber die – durchaus erschreckenden – Erkenntnisse nicht vorenthalten, die ich im Verlaufe meiner Recherchen gewonnen habe:

(Die Bezifferung der Fußnoten entspricht dem Originalmanuskript)

Nun können wir die Erörterung des Themas fortsetzen, mit dem wir be- gonnen hatten, nämlich mit der Einstellung des Menschen zum fünften Gebot.

Es entstand das Verhaltensmuster, das sich seit der sogenannten „neolithischen Revolution“ auf einer anderen Komplexitätsebene bis zum letzten Millimeter unsere Zeitreise wiederholt. Desmond Morris sieht bekanntlich darin eine Entartung menschlichen Sportverhaltens, er führt zu diesem Thema weiter aus:

„Tragischerweise ist der kriegerische Typus des Sportverhaltens bald außer Kontrolle geraten und zu blutigen Massakern eskaliert. Dafür gibt es zwei Gründe. Einerseits führte die Waffentechnik an einen Punkt, wo das Führen einer Waffe keine persönliche Tapferkeit und keine körperliche Kampfgeübtheit mehr erforderte. Aus dem Jäger-Krieger wurde ein Abschlachtungs-Technologe. Andererseits wuchs die Zahl der Menschen immer stärker, bis eine Überbevölkerungskrise entstand. Es kam zu immensem sozialen Druck und zu horrenden Konkurrenzanforderungen. Der alte Sport des Jagd-Kriegs gebar den Wahnwitz des modernen Vernichtungskriegs.“(127)

Die von Morris geschilderte globale Situation der heutigen Zeit traf zu Beginn der „modernen“ Menschheit durchaus auf deren Existenzbedingung zu. Morris weist zwar auf die moderne Waffentechnik hin, aber die- se wäre ohne das dahinterstehende Bedürfnis, mit möglichst wenig Auf- wand so viele Menschen wie möglich umzubringen, nicht denkbar.

Des weiteren, das ist Morris wohl entgangen, gab es schon „Vernichtungsfeldzüge“, als noch mit jagdtauglichen Waffen gekämpft wurde und Mann gegen Mann stand. Der berühmteste von allen dürfte der Feldzug gegen Troja gewesen sein. Weniger bekannt ist bereits der Zweite Punische Krieg, der zur Zerstörung Carthagos führte und Rom zur europäischen Supermacht werden ließ.

Auch Gaius Julius, genannt Caesar, ließ sich diesbezüglich nicht lumpen. Anläßlich seiner Gallienfeldzüge ließ er mehr als einmal ganze Landstriche entvölkern. Bei seinen eigenen Landsleuten machte er sich allerdings erst durch sein perfides Vorgehen gegen die Usipeter und Tenkterer unbeliebt, die im Frühjahr des Jahres 55 v. Chr. in der Nähe von Nimwegen lagerten.

„Die ahnungs- und führerlosen Germanen, die im Lager ruhig ihren täglichen Beschäftigungen nachgingen und an nichts Böses dachten, wurden vom römischen Heer plötzlich überfallen und abgeschlachtet. Caesar beschreibt dieses »Heldenstück« geradezu mit einem gewissen Genuß. Die römische »Humanitas« und Caesars »Clementia« (Milde) werden besonders durch folgenden Satz ins rechte Licht gerückt: »Die übrige Mas- se der Frauen und Kinder – die Germanen waren nämlich mit allem Volk ausgezogen und über den Rhein gegangen – begann allerorts zu fliehen. Zu ihrer Verfolgung sandte Caesar die Reiterei aus.« Es ist besonders bezeichnend, daß Caesar nicht wagte, die Reiterei gegen waffenfähige Männer, wohl aber gegen wehrlose Frauen und Kinder einzusetzen. Wieder schließt Caesar seinen Bericht mit der ausführlichen Schilderung der Niedermetzelung der feige überfallenen Germanen. (128)

Caesars Vorgehen in dieser Sache ging damals selbst den römischen Senatoren zu weit. Cato der Ältere hatte rund 150 Jahre vor Caesar noch die Meinung vertreten, Carthago müsse zerstört werden, Cato der Jüngere hingegen beantragte im Senat wegen des geschilderten Vorfalls die Auslieferung Caesars an die Germanen. (129)

Wie es damals am linken Niederrhein wahrscheinlich ausgesehen hat, zeigt ein Fund, in Somerset (Südwestengland), nämlich die Keltenstadt „Cadbury-Camelot“. Bei der Ausgrabung des Südwesttores wurden die Überreste von Kindern entdeckt. Diese waren auf jede nur erdenklliche Weise zerstückelt worden und die Leichenteile waren über den ganzen Torweg verstreut. Der Anblick muß dermaßen grauenvoll gewesen sein, daß einige der freiwilligen Helfer sich weigerten, hier weiterzuarbeiten. (130)

– Täter waren auch hier römische Legionäre. Keine wilden Barbaren, sondern Soldaten der größten „Kulturnation der Antike. Und ich setze als bekannt voraus, daß sich römische Soldaten sich ein Ding mit Sicherheit nicht leisten durften: Disziplinlosigkeit.

Kavallerie gegen Frauen und Kinder. – Wie oft mag sich dieses Muster seit Caesar überall auf der Welt wiederholt haben. Die bekannteste Wiederholung dürfte das Massaker vom Sand Creek sein, als US – Kavalleristen ein Indianerdorf niedermetzelten.

Bis weit in die Neuzeit hinein wurden derartige Untaten mit Waffen be- gangen, die durchaus aus Feuerstein, Holz und Knochen hätten hergestellt werden können. Der Argumentation Morris’, der die Unmenschlichkeit an die moderne Waffenentwicklung anknüpfen möchte, kann einerseits aus diesem Grunde nicht gefolgt werden, andererseits aus dem Grund, daß der älteste Beleg für einen „Vernichtungsfeldzug“ gut und gerne 7000 Jahre alt ist. Der bislang älteste Knochenfund, der auf einen Genozid hin- weist, wurde in Talheim (Baden-Württemberg) gemacht. Er wurde überwiegend mit Steinäxten verübt und kostete 34 Menschen im Alter von 2 – 60 Jahren das Leben. Bedenkt man, daß auch in der Jungsteinzeit die Horde oder das Dorf mit 25 –50 Individuen ein „Volk“ bildeteten, dann ist das Ereignis von Talheim der älteste nachweisbare Völkermord der Weltgeschichte. – Er ist der älteste nachweisbare, aber mit Sicherheit nicht der älteste an sich. – Vielmehr ist ein nachgewiesener steinzeitlicher Völkermord Indiz dafür, daß der Genozid, das rücksichtslose Töten von Artgenossen, zu den Eigenschaften des “modernen“ Menschen zählt. Genozidale Tendenzen zeigen sich in der ganzen Welt, bei allen Völker- schaften, wie der Genozid der Hutus an den Tutsis im Jahre 1994 mehr als deutlich macht. Auch hier kamen keine „modernen“ Waffen mit „Fernwirkung“ zum Einsatz, erst recht keine „Massenvernichtungsmittel“. Man benutzte wie vor 7.000 Jahren in Talheim das Werkzeug oder die Waffe, die man „gerade zur Hand“ hatte, dazu, Artgenossen abzuschlachten.

Gut 1.000 Jahre nach Caesars Legionen überzogen die Wikinger Europa mit Plünderung, Mord und Schrecken. Ihre Waffen waren ebenfalls über- wiegend solche, bei deren Anwendung man dem Gegner oder Opfer in die Augen sehen mußte. Das änderte sich auch im Dreißigjährigen Krieg nicht, denn die darin verübten Greueltaten gegenüber der Zivilbevölkerung wurden auch überwiegend mit Nahwaffen ausgeführt.

Die Bilder aus den Konzentrationslagern, die Bilder aus dem Kosovo und auch die Bilder aus Israel und Tschetschenien sprechen keine andere Spra-he: Der moderne Mensch hat bezüglich seiner Reaktion gegenüber dem Sozialpartner die Instinktbindung verloren und ist nicht mehr in der Lage, auf soziale Not- oder Unterwerfungssignale instinktsicher zu reagieren.

Der „moderne“ Mensch ist damit in eine Lage geraten, über die man erschaudern könnte, er zeigt eine ausgesprochene Neigung zum Genozid, zum Völkermord. Soweit die Wahrnehmung des Mitmenschen als Mensch betrifft, retardierte der Mensch nicht nur auf das Niveau des Schimpansen, dessen Tötungshemmung gegenüber Angehörigen fremder Gruppen ebenfalls stark eingeschränkt ist, er verlor auch die Tötungshemmung gegenüber dem Sozialpartner Mit dem Fall dieser Tötungshem mung wurden die Bewohner Bottlenecks in ein Dilemma gedrängt: Rücksichtslosigkeit gegenüber den Nachbarn ermöglichte ihnen den gewaltsamen Zugriff auf deren „Vermögen“. Andererseits bezogen sie als exogame Wesen ihre Frauen von diesen. Das ungehemmte Vernichten artgenossenschaftlicher Konkurrenz hätte also rasch zum Untergang der entstehenden Subspezies des Menschen geführt.

Die langfristige Isolation begünstigte also die „Entartungserscheinungen“, die uns heute noch zu schaffen machen. Konrad Lorenz bezeichnete dies einmal als „Verhausschweinung des Menschen“. Zusammengepfercht auf einer Insel gewöhnte sich zumindest ein Teil der Bevölkerung an eine überwiegend seßhafte Lebensweise. Wer seßhaft ist, der muß, das ist unabdingbar, mit erhöhter Aggressivität seine Lebensgrundlagen gegenüber nomadisierenden Artgenossen verteidigen. Denn diese werden ebenso arg- wie verständnislos versuchen, die Nahrungsquellen der Seßhaften zu nutzen. – Auch dafür gibt es eine Fülle von Beispielen aus dem heutigen Afrika, ja selbst aus Indien. So traurig es ist, aber es fand eher ein „Verkampfhunden“ denn eine „Verhausschweinung“ statt.

Daß Sie und ich leben, ist der beste Beweis dafür, daß die Evolution auch an dieser Stelle ein Korrektiv hervorbrachte, das dem drohenden Untergang entgegenwirkte. Recht und Moral betraten die Bühne der Welt. Das aber war nur möglich, weil die betroffene Population sich bereits höchst differenziert sprachlich verständigen konnte. Sprache ist nämlich die Grundvoraussetzung für das Entstehen von Moral und Recht. Beide Systeme, Moral und Recht, werden sprachlich übermittelt, und beide funktionieren nach den Regeln der Tradition bei Primaten nur, wenn eine „Autorität“ sie tradiert. Als „Autorität“ bot sich natürlich zunächst einmal der Hordenführer an. Das war, wie schon vor Millionen von Jahren, zunächst einmal im Grundsatz der erfahrenste Jäger. Mit dem Abbau der sozialen Instinkte gelang es freilich immer mehr rücksichtslosen Männern, sich der Führung einer Horde zu bemächtigen und zu bestimmen, welche Regeln der Einzelne zu befolgen hat.

Den ärgsten Instinktkrüppeln kam dabei die Fähigkeit und die Bereitschaft der Gruppenmitglieder zum unbedingten Gehorsam zugute. Dieser hatte sich im Zusammenhang mit den Erfordernissen der gemeinschaftlichen Jagd entwickelt. (131) Über Jahrmillionen hinweg hatte das Sinn gemacht, für Ruhe in der Horde gesorgt und den Erfolg der Jagd sichergestellt. Nun aber kehrte sich diese Fähigkeit gegen den Menschen. Der Hordenführer konnte zum Tyrannen werden.

Während die kontinentalen Neandertaler ruhig schlafen konnten, brachen für die Bewohner Bottlenecks turbulente Zeiten an. Denn unter den Skrupellosen werden viele gewesen sein, die nicht davor zurückschreckten, alle umzubringen, die ihre Stellung gefährdeten. Und so wird es durchaus vorgekommen sein, daß Horden ausstarben, weil der Alpha-Mann so viele Gefährten beseitigt hatte, daß die übrigen nicht mehr genug Nahrung hereischaffen konnten, um den Nachwuchs großzuziehen. Das Gesamtsystem näherte sich einem Gabelungspunkt. Die „Autorität“ teilte sich. Als „Gegenpol“ zum Hordenführer entstand eine weitere Autorität, von der wir nicht wissen, wie sie ursprünglich aussah, gehandelt wird sie indes unter dem Begriff „Schamane“ oder „Medizinmann“. – Wie auch immer man diese Leute nennt, sie sind da und legen heute noch Zeugnis ab von dem Dilemma, in das die Inselbewohner hineingeraten waren. Die „modernen“ Abkömmlinge der Schamanen nennen sich Theologen, Juristen, Ärzte, Mathematiker oder Philosophen. Alle Wissenschaftszweige lassen sich an der Wurzel ihres Stammbaums auf den Schamanen zurückführen.

Der Schamane verkörperte dabei eine Autorität, die über bzw. jenseits der Macht des Hordenführers lag. Das wiederum setzt voraus, daß eine entsprechende Vorstellung von den Dingen hinter den Dingen bereits bestanden haben mußte.

127 Morris aaO, S. 309 (Desmond Morris, der Mensch, mit dem wir leben)

128 Franke, Alfred, Rom und die Germanen, Herrsching 1986, S. 191

129 Franke aaO

130 Franke aaO, S. 60

131 Siehe oben S.

Wir werden an en Entartungseerscheinunen unserer Instinkte – auf kulturellem Wege – erst dann etwas ändern können, wenn wir diese als gegeben hinnehmen und tatsächlich „akzeptieren“. – Wenn sie sich nackt in eine Fußgängerzone begeben, werden sie unschwer feststellen, daß Sie sich schämen, weil die Kulturtradition fast so mächtig ist wie ein Instinkt.  – Man kann den Tausch – und – teile – Instinkt kulturell sanft in seine Bahnen zurücklenken,  aber „moralisch erwünschtes“ Verhalten nicht mit den Mitteln des Prokrustes durchetzen.

All das, was Sie in den letzten Minuten gelesen haben, ist unbequem. – Es kratzt am etablierten Weltbild. – Das tat Alfred Wegeners Tehorie von den „wandernden Kontinenten vor 100 Jahren auch. – Ignatz Semmelweis stemmte sich – zu Lebzeiten ebenfalls vergeblich – gegen die „herrschende Meinung“ seiner Fachkollegen. – Schweigen wir ganz von Giordano Bruno und Galileo Galilei. – Als Querdenker, der den „Homo Sapiens Sapiens“ mal eben demaskiert, und sich damit selbst zum „Ritter der Apokalypse“  geschlagen hat, befinde ich mich doch in bester Gesellschaft – oder?


Der Planet ist pünktlich

Oktober 19, 2011

Eine Frage der Gene – videos.arte.tv.

Es ist schon erstaunlich, welche Weltlinien sich am 18. Oktober des Jahres 2011 kreuzen.

Da ist erstens der „Gefangenenaustausch“ zwischen sogenannten Juden und sogenannten Palästinensern.

Zweitens konnte Arte TV bei seiner Programmplanung nicht wissen, daß am Sendetag der Gefangenenaustausch zwischen den verfeindeten Geschwistern stattfinden würde.

Aber alle drei hätten unschwer nachlesen können, daß Juden, Palästinenser und die übrigen Menschen „Brüder und Schwestern“ sind.

Die Max-Planck-Gesellschaft hat sich nach ihrer entsprechenden Presseeerklärung vom 4. November 1999 nicht mehr weiter um die Sache gekümmtert. – Das Netz war noch jung und die „Max-Planck-Gesellschaft Presseerklärung PRI B 17/99“  verschwand in Tausenden von Presserklärungen. – Googeln Sie danach, werden Sie erstaunt sein, wo Sie landen!

Gegenwärtig bin ich wohl der einzige Mensch, der daraus die Konsequenzen zieht und sich mit aller Kraft für die Beendigung des globalen Bürgerkriegs einsetzt.

Aber nciht nur wegen dieser Presseerklärung. Parallel zu den Erkenntnissen des Max-Planck-Insituts für evolutionäre Anthropologie stellte ich meine eigenen Recherchen über die Herkunft des Menschen an.

Im Wesentlichen kam ich zu einem ähnlichen Ergebnis wie das MPI, von einem anderen Ansatz her.

Die Begegnung des „modernen“ Menschen mit dem Neandertaler dürfte sich anders vollzogen haben, als die „Experten“ bisher annahmen.

nachunsurfassung – ist die PDF-Version des nachfolgenden Textes mit Quellenangaben und Fußnoten.

Nach uns die Sintflut

Jirkas Boot ist nunmehr in ein Fahrwasser gekommen, in dem die Gegenwart zum Greifen nahe ist. Vierzig Meter vor dem Ende unserer Reise tauchen quasi aus dem Nichts die ersten Überreste eines Menschen auf, dem die Biologen als erstem den Namen Homo sapiens sapiens zubilligen. Es handelt sich dabei um das Skelett eines Mannes, das in der Dordogne gefunden wurde. Der Fundort, Crô-Magnon, mußte erneut für die Namensgebung eines vermeintlich „neuen“ Menschentypus herhalten. Dessen Erscheinung unterscheidet sich in seinen wesentlichen Merkmalen freilich so gut wie gar nicht mehr von uns selbst.
Der Crô-Magnon-Mensch soll nach gängiger Lehrmeinung der erste Vertreter des „vollwertigen“ Menschen vom Typ Homo sapiens sapiens gewesen sein. Man schließt darauf aus seinem „modernen“ Schädel, seinen gegenüber den Neandertalern „filigraneren“ Skelettmermalen; vor allem aber aus seinen ebenfalls filigraner gearbeiteten Werkzeugen und der Tatsache, daß Crô-Magnon die ersten Bilder an Höhlenwände gemalt hat.
Nach bislang unwidersprochener Tradition war der repräsentiert der Neandertaler allenfalls einen Seitenzweig auf dem Weg zum Homo Sapiens Sapiens, – eine einzeitliche „Spezialanpassung“, das soll er gewesen sein.Mit dem Ende der Eiszeit sei er dann ausgestorben. Nach wie vor halte ich diese Argumentation für dümmlich, denn es gibt auf der Nordhalbkugel dieser Erde genügend Taiga und Tundra, in denen heute noch Neandertaler ihrer gewohnten Lebensweise nachgehen könnten, die sich von der der Inuit1 nicht wesentlich unterschied.
Das augenfälligste Unterscheidungsmerkmal ist die Form des Schädels. Betrachtet man allerdings die unterschiedlichen Schädelformen, so ist die Gestalt des Neandertalers evolutionär geradliniger:
Augenbrauenwülste und fliehendes Kinn gehören eher zur „traditionellen“ Ausstattung des menschlichen Schädels als unser plattes Gesicht mit dem spitzen Kinn. Im Zuge der Evolution finden wir das Spiegelbild unseres Schädels zwar wieder, aber nur bei Affenföten und -jungen. Das Gesicht des modernen Menschen gleicht dem embryonalen, allenfalls frühkindlichen Gesicht des Schimpansen. Der Gesichtsschädel des Menschen weist damit eindeutig neotene Züge auf.
Die neotene Morphologie der Gesichtsknochen sollte uns bereits zu denken geben; ich darf in diesem Zusammenhang in Erinnerung rufen, daß die Neotenie eines Merkmals so beschrieben werden kann, als hätten die Gene an einer bestimmten Stelle „vergessen“, wie es weitergeht. vom Schädelinhalt her gesehen, besteht kein signifikanter Unterschied zwischen Neandertaler, Crô-Magnon und Wall-Street-Analysten.
Die Schädelform des „modernen“ Menschen könnte man daher auch anders beschreiben, nämlich als Spielart der Australopithecus – Schädelform in neotener Ausprägung seiner Neandertalvariante. Der von den Biologen postuzlierte fundamentale Unterschiede zwischen Jetztmensch und Neandertaler fällt damit weg. Was nun? – Ist der Neandertaler ein Jetztmensch oder sind wir Neandertaler? – Wir werden sehen:
Im vorangegangenen Kapitel haben Sie die Arbeiten von Lieberman und Crelin kennengelernt. Diese haben u.a. festgestellt, daß die Rachenform der außerhalb Europas gefundenen Neandertaler sich der des modernen Menschen annäherten. Mit dem allein für Menschen typischen Rachen hat es jedoch eine besondere Bewandtnis:
„…David Pilbeam, Anthropologe an der Yale-University, hält es für möglich, daß ein andersartiger Evolutionsmechanismus die Veränderung am Schädel des Menschen herbeiführte. Gestützt auf die Hypothese von Lieberman und Crelin, nimmt er an, daß die Kopfform der Neandertaler – möglicherweise mit Ausnahme der in Westeuropa lebenden – allmählich dadurch moderner wurde, daß sich im oberen Halsabschnitt ein Rachen entwickelte, durch den Lautbildung und Sprache überhaupt erst möglich wurde. Lieberman und Crelin wiesen darauf hin, daß man die Entwicklung des Rachens an Neugeborenen studieren kann; sie haben bei der Geburt noch keinen ausgebildeten Rachen. Wenn dieser wesentliche Teil des Vokaltrakts im Alter von ungefähr drei Monaten seine endgültige Form annnimmt, senkt sich der Rachen (die Resonanzkammer) in die Kehle hinein, und die Schädelbasis, die bei der Geburt relativ flach war, wölbt sich. Damit bildet sich der Rachenraum unmittelbar vor dem obersten Hlaswirbel, die Wölbung der Schädelbasis dient als Dach.“
Nach Pilbeams Ansicht kann die Entwicklung des gewölbten Rachendachs die gesamte Struktur des menschlichen Schädels beiinflußt haben. Mit der Wölbung der Schädeldecke verkürzte sich die Schädelbasis. (Man stelle sich ein Stück Stoff vor, das man in der Mitte anhebt: Es wird kürzer.)2
Hier haben wir nicht nur eine Spur, die erneut nach Afrika führt, wir haben auch eine Spur, die, wie im Falle unserer Wirbelsäule, an eine Deformation denken läßt. Die Schilderung der Entwicklung des menschlichen Rachens „riecht“ förmlich danach: Die Schädelbasis wächst nicht in der seit Jahrmillionen gewohnten Weise weiter, sie verkrümmt sich statt dessen in der frühen nachgeburtlichen Phase. Die Anatomie der Weichteile des inneren Halses verändert sich ebenfalls erst nach der Geburt. Nun läßt sich das Gehirn des Menschen nicht mehr verkleinern. Die auch bei der Individualentwicklung wirksame logistische Gleichung läßt das Gehirn auf die gentisch festgelegte Größe anwachsen. Eine Deformation der Schädelbasis nuß daher auf die Form der Knochen erheblichen Einfluß ausüben. Zutreffend ist daher die Ableitung der uns vertrauten Kopfform aus der des Neandertalers, wie sie bei Constable wiedergegeben wird:
„Wenn der Ausgangspunkt dieses Prozesses ein langer, flacher Neandertaler-Schädel war, so könnte die Verkürzung der Schädelbsies dazu geführt haben, daß die Gesichtsregion von ihrer bisher vorgeschobenen Position zurückwich. Wich das Gesicht zurück, so mußte die ganze Hirnschale höher werden, damit die gleiche Hirnmasse wie zuvor Raum fand. Gleichzeitit mußten Stirn und Schädelseiten eine vertikale Form annehmen. So entwickelte sich der Schädel des Neandertalers zu dem des modernen Menschen. Im Grunde stellen die Schädeltypen des Neandertalers und des modernen Menschen nur unterschiedliche Möglichkeiten zur Unterbringung der gleichen Gehirnmasse dar. Nur eine der Dimensionen – die Länge der Schädelbasis – entscheidet über die Form des Inhalts, und diese wiederum wird durch das Vorhandensein oder Fehlen eines modernen Rachen bestimmt.“3
Wenn Sie diese Zeilen aufmerksam gelesen haben, dürfte Ihnen nicht entgangen sein, daß der Autor bzw. sein Interviewpartner, der leider nur in der Danksagung des von mir zitierten Werkes erwähnt wird, eine Rückkopplungsschleife postuliert, und das zu einer Zeit, als nichtlinear-dynamische Systeme nicht einmal in Fremdwörterlexika erwähnt wurden. Die Verwendung der Wortsprache gab dieser Rückkopplungsschleife ihre uns allen vertraute Richtung. – Ähnliche Verkrüppelungen der Schädelbasis und des Halses sind sehr wahrscheinlich schon früher vereinzelt aufgetreten, ohne daß dies Folgen für die Evoltion gehabt hätte. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn Tierärzte bei intensiver Suche so etwas wie „Rachenbildung“ als seltene „Erbkrankheit“ bei Schimpansen diagnostizierten.
Schauen Sie einmal in den Spiegel. Vermutlich sehen Sie dort einen Neandertaler mit einem reichlich deformierten Gesicht. Für einen „klassischen“ Neandertaler wäre dieser Anblick wohl eine fürchterliche Erfahrung. Würden Sie sich selbst als Neandertaler annnehmen? – Vor allem, würden die anderen Sie als Neandertaler akzeptieren oder mit einer Mischung aus Ablehnung, Abscheu und einer gewissen Faszination regieren? – Nach aller Erfahrung, die der moderne Mensch seit rund fünftausend Jahren aufgeschrieben hat, dürfte die letztgenannte Reaktion zutreffend sein. Mit anderen Worten, genetisch trennen beide Formen nur Nuancen, also Unterschiede, die kaum wahrnehmbar sind. Dennoch hat sich wohl ein auffälliger Unterschied herausgebildet, der weniger in der Morphologie des Gesichts, als vielmehr im menschlichen Verhalten seinen Niederschlag gefunden hat.
Heute noch anzutreffende, sehr eigentümliche Verhaltensmuster des Menschen zeigen uns, welchen Pfad die Evolution am virtuellen Scheideweg des Menschen zwischen Neandertal und Crô-Magnon eingeschlagen hat:
Das auffälligste Merkmal des Menschen ist seine besondere Einstellung zum Töten von Artgenossen.
Das fünfte Gebot lautet: Du sollst nicht töten. Selbstverständlich ist damit nur das „gesetzwidrige“ Töten von Artgenossen gemeint, genauer gesagt, von Stammesangehörigen, wie die entprechende Präzisierung des Gebots in den „Ausführungsbestimmungen “ zu den Zehn Geboten erkennen läßt. Dort wird für eine Vielzahl vergleichsweise harmloser Delikte die Todesstrafe angeordnet.4
Wolfgang Wickler beschreibt in seiner Biologie der Zehn Gebote  einige Fälle des kulturell akzeptierten Tötens von Artgenossen, und zwar zugunsten des Kollektivs:
„Unter diesem Gesichtspunkt (der des Altruismus) gibt es eine selbstmordartige Aufopferung auch beim Menschen, wenigstens in solchen Gruppen, die besonders stark der Auslese durch natürliche Umweltfaktoren ausgestzt sind. Noch um die Jahrhundertweden sagte der russische Bauer >Tschujoi wek zayedayu, Pora na pokoi<  – Ich lebe anderen das Leben weg: Es ist Zeit zu gehen. Und er geht. >Der alte Mann verlangt selbst zu sterben; er besteht selbst auf dieser letzten Pflicht gegen die Gemeinschaft und verlagnt die Zustimmung des Stammes; er gräbt selbst sein Grab; er lädt seine Verwandten zum letzten Abschiedesmahl. Sein Vater hat dasselbe getan; nun ist er an der Reihe; und er verabschiedet sich von seinen Angehörigen mit allen Zeichen der Liebe<, schreibt Kropokin. Und auch er sieht die Tötungshemmung: >Aber den Wilden widerstrebt es gewöhnlich so sehr, jemandem anderswo als in der Schlacht das Leben zu nehmen, daß keiner von ihnen es auf sich nehmen will, Blut zu vergießen, und sie nehmen ihre Zuflucht in allen möglichen Kunstgriffen, die so so sehr falsch ausgelegt worden sind. In den meisten Fällen lassen sie den alten Mann im Wald allein, nachdem sie ihm mehr als seinen Anteil der Nahrung gegeben haben. Polexpeditionen haben dasselbe getan, wenn sie ihren kranken Genossen nicht mehr weiterschleppen konnten… vielleicht gibt es noch eine unerwartete Rettung.< Das Aussetzen von Alten und Kranken sowie Kindsmord sind durchaus mit einer hochstehenden Moral zu vereinen.“5
Die Alten und Kranken werden ausgesetzt oder auch aktiv getötet, wie Wickler weiter ausführt.
Neben der Tötung von Alten und Kranken ist beim modernen Menschen bis in die jüngste Zeit hinein die Kindstötung weit verbreitet, und zwar auch aus durchaus niedrigen Beweggründen:
„Weit verbreitet ist das töten von Mißgeburten; regelmäßig geschah es noch bis ins 19. Jahrhundert in Schlesien. Bei manchen Naturvölkern weden viele weibliche Nachkommen gleich nach der Geburt umgebracht, weil sie – wie z.B. bei den Eskimos – keine Jagdbeute machen, aber eine Mitgift fordern und damit die Familie unzumutbar belasten können.“6
Neben dieser Form des innerartlichen Tötens, das sich sozusagen „im engsten Familienkreis“ abspielt, kennen wir von Anbeginn der Geschichtsschreibung und von nahzu allen „Naturvölkern“, die noch nicht gänzlich ausgerotten wurden, kriegerische Auseinandersetzungen, Kopfjagd und Kannibalismus. Selbstverständlich war auch der Neandertaler nicht unbedingt Ausbund der Friedfertigkeit, denn einige der Skelette wiesen Spuren von tödlichen, aber auch von verheilten Wunden auf, die eindeutig auf Waffeneinwirkung zurückzuführen sind. Außerdem gibt es deutliche Hinweise für Kannibalismus. Kannibalismus und bewaffnete Auseinandersetzungen weisen aber nicht unbedingt auf ein gegenüber dem zivilisierten Menschen erhöhtes Agressionspotential oder gar Menschenverachtung hin, mit Desmond Morris kann man all das durchaus sportlich sehen:
Eine degenerierte Form des Sports, die besondere Erwähnung verdient, ist das Kriegführen. In frühester Zeit, als die Waffen noch neu waren, war eine blutige Sportart so gut wie die andere. Als die Jagd auf wirkliche Nahrungsobjekte nicht mehr im Mittelpunkt stand, hatte man eine reiche Auswahl an Ersatzobjekten. Jedes Jagdopfer war recht, wenn es nur die nötige Erregung, den gewissen Kitzel mit sich brachte, und warum sollte man die menschliche Beute ausschließen? Die frühen Kriege waren keine totalen Kriege, sie waren streng regulierte und auf ein Schlachtfeld begrenzte Angelegenheiten, etwa wie eine sportliche Auseinandersetzung heute. Die Krieger verwendeten dieselben Waffen, die ihnen auch zur Jagd dienten, und im besonderen Fall des Kannibalenkrieges erstreckt sich die Ähnlichkeit sogar noch bis zum Aufessen der Beute“.7
Die Neandertaler lebten in den rauhen Gefilden der Eiszeit, also sollte man erwarten, daß er gegenüber dem Leben seiner Gefährten eine ähnliche Einstellung an den Tag legte wie die Inuit oder andere Völker, die mit schwierigen Lebensbedingungen zu kämpfen haben. Immerhin deuten Spuren an den Schneidezähnen einiger Neandertaler auf eine den heutigen Inuit gleichzusetzende Lebenweise hin: Sie nahmen ein größeres Stück Fleisch in den Mund und trennten mit einem Schnitt unmittelbar vor den Zähnen den gewünschten Bissen ab. Man sollte also erwarten, daß der angeblichweitaus „primitivere“ Neandertaler sich seiner Kranken, seinen Pflegefällen und auch „überschüssigen“ Kindern in ähnlicher Weise entledigte.
Bezüglich der Einstellung zum Fünften Gebot wissen die Skelette der bislang gefundenen Neandertaler allerdings eine ganz andere Geschichte zu erzählen:
„Die Neandertaler müssen deutlicher als alle anderen Geschöpfe vor ihnen empfunden haben, wie kostbar ein Leben ist, denn auf der fundamentalsten Ebene sind Begräbnisriten gleichbedeutend mit dem Wunsch, das Menschliche zu bewahren. Das Begraben besagt, daß irgendein wesentlicher Teil des menschlichen Lebens – man mag es Geist oder Seele nennen ‑ nicht zerstört werden kann, sondern nach dem Tode irgendwo anders in irgendeiner anderen Form weiterexistiert.
Dieser zunehmende Sinn für den Wert des Lebens spiegelt sich nicht nur in den Begräbnisriten der Neandertaler, sondern auch in ihrer Fürsorge für alte und behinderte Menschen. So war zum Beispiel der Mann von La Chapelle-aux-Saints längst über die besten Mannesjahre hinaus, als er starb. Sein Skelett läßt erkennen, daß er unter Arthritis litt und unmöglich noch an Jagden teilnehmen konnte. Selbst das Essen muß ihm schwergefallen sein, da er alle Zähne bis auf zwei verloren hatte. Hätte er zu einer früheren Zeit gelebt, hätte man ihn wahrscheinlich ausgesetzt und verhungern lassen, nachdem er für die Gruppe nicht mehr von Nutzen war. Aber die Neandertaler ließen sich anscheinend nicht von einer derart grausamen Logik leiten. Die Gefährten dieses Mannes versorgten ihn selbstlos mit Essen, vielleicht kauten sie es ihm sogar vor.
Auch die Funde von Shanidar lassen vermuten, daß die Neandertaler für Behinderte sorgten. Einige der dort gefundenen Knochen gehören einem 40jährigen Mann, der vermutlich durch Steinschlag getötet wurde. Die Untersuchung seines Skeletts ergab, daß ihm vor dem tödlichen Unfall nur ein Arm zur Verfügung gestanden hatte. Der rechte Arm und die Schulter waren verkümmert – vermutlich ein angeborener Defekt. Trotz dieser erheblichen Behinderung erreichte er ein für einen Neandertaler hohes Alter. Seine Vorderzähne sind ungewöhnlich stark abgenutzt, was darauf hindeutet, daß er einen großen Teil seiner Zeit damit verbrachte, Tierhäute weichzukauen, damit sie als Kleidung verwendet werden konnten, oder daß er seine Zähne anstelle des fehlenden Arms zum Festhalten von Gegenständen benutzte. (…) Auch der ursprüngliche Neandertaler aus Deutschland hat eine schwere Verletzung überlebt, sich allerdings nicht gut von ihr erholt: Die Knochen seines linken Ellenbogens waren so deformiert, daß er nicht imstande war, die Hand zum Mund zu heben; ob Mensch oder Tier für diese Verletzung verantwortlich war, läßt sich nicht feststellen.“8
Irgendwie scheint nach dem Bericht der stummen Zeugen unser Artgenosse aus dem Neandertal sehr human gewesen zu sein. Unter dem Aspekt unserer eigenen innerartlichen Tötungsgewohnheiten erscheint seine Form der Fürsorge geradezu postmodern, denn das, was wir heute als „soziale Sicherungssysteme“ bezeichnen, gibt es erst seit etwa 130 Jahren. Die in Deutschland lang umstrittene Pflegeversicherung ist so jungen Datums, daß sie ihresgleichen in der Welt suchen muß. Das Diskriminierungsverbot Behinderter ist ebenfalls eine „Errungenschaft“, die erst vor wenigen Jahren Einzug in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gehalten hat. Die Lehre vom „lebensunwerten“ Leben, die vor nicht allzulanger Zeit Tausende von Todesdopfern forderte, feiert bei der Zulassung der aktiven Sterbehilfe in den Niederlanden fröhliche Urständ!
Leider werden wir auf diese Einstellung des modernen Menschen zum Leben seiner Mitmenschen im Zusammenhang mit seinem Erfolg auf dieser Erde noch zurückkommen müssen. Doch zuvor gilt es einen Beweis neu zu würdigen, der bislang immer als Beleg für die überlegene Intelligenz des moderen Menschen herhalten mußte. Es handelt sich dabei um den „Fortschritt“ in der Herstellung von Feuersteinwerkzeugen. Dieser vermeintliche Fortschritt läßt nämlich Rückschlüsse auf die Abspaltung der „modernen“ von der „klassischen“ Variante des Menschen zu:
Die Faustkeile der frühen Homo-erectus – Kultur ließen sich mit etwa 25 Schlägen in einem Arbeitsgang fertigen, bei den späteren waren schon zwei Arbeitsgänge mit insgesamt 65 Schlägen erforderlich. Für ein Messer des Neandertalers bedurfte es drei Arbeitsgänge mit 111 Schlägen (Moustérien-Technik); demgegenüber erfordert ein nach der Aurignacien-Technik hergestelltes Messer des Crô – Magnon – Menschen 251 Schläge in neun Arbeitsgängen.
Der Mensch ist ein Produkt der Evolution. Wie jedes andere Lebewesen auch, betreibt er nicht mehr Aufwand, als er muß. Unsere Freunde vom Homo-erectus – Typ kamen mit ihren Werkzeugen über Hunderttausende von Jahren gut zurecht. Warum also sollten sie ihre Werkzeuge groß verfeinern? – Auch der Neandertaler wäre wahrscheinlich mit den von ihren Vorfahren ererbten Technologien zufrieden gewesen, wenn nicht die neuen Lebensbedingungen der Eiszeit sie gezwungen hätten, ihre Werkzeuge den Verhältnissen anzupassen. Und, das ist meines Erachtens die entscheidende Frage, warum bestand diese Anpassung gerade in der Verfeinerung der Werkzeuge?
Auf der Insel Rügen gibt es Feuerstein in Hülle und Fülle. Jeder kann sie in den Feuersteinfeldern aufsammeln und versuchen, sie als Rohstoff für Werkzeuge auf den Markt zu bringen. Freilich interessiert sich niemand mehr für Feuerstein als Rohstoff. Als der klassische Neandertaler der letzte Schrei der Natur in Europa war, lagen die Dinge noch anders und die Feuersteinfelder Rügens unter einer mächtigen Eisdecke verborgen. Merkwürdig, aber die Antwort auf die obige Frage scheint offen vor unseren Augen zu liegen, freilich erst seit einer Zeit, da niemand mehr an Werkzeugen aus Feuerstein interessiert war. Um ein klares Bild zu erzielen, müssen wir uns in die früheste Steinzeit versetzen:
Wenn Ihnen die Zivilisation einmal zu langweilig wird, fahren Sie nach Rügen, holen Sie sich eine Feuersteinknolle und setzen Sie sich an den Strand. Nehmen Sie ein Buchmit, in dem auch die „primitiven“ Werkzeuge unserer Freunde der Homo erectus – Kultur abgebildet sind.
Sie sind nun ein intelligenter Mensch des ausgehenden 20. Jahrhunderts und ihren Vorfahren weit überlegen. – Dennoch werden Sie es nicht fertigbringen, innerhalb Ihres Urlaubs auch nur ein halbwegs brauchbares Werkzeug, geschweige denn einen Faustkeil herzustellen, der der „primitivsten“ Stufe auch nur annähnernd ähnlich sieht und dessen Funktionen erfüllen kann. Die Herstellung von Steinwerkzeugen hat wenig mit Intelligenz zu tun, mehr mit dem Klavierspielen. Es erfordert Übung, Erfahrung und ein Gefühl für das Instrument, das man handhabt.
Bereits zu Beginn der Neandertaler-Ära hatte die Menschheit etwa zwei bis zweieinhalb Millionen Jahre gesammelt und gejagt, ohne daß sich an den allgemeinen Lebensumständen etwas geändert hatte. Die ihnen zur Verfügung stehenden „primitiven“ Werkzeuge aus Stein erfüllten immer denselben Zweck, nämlich dem Bearbeiten von Häuten, Knochen, allenfalls noch der Herstellung von Holzgeräten, etwa dem Schlagen und Zuspitzen hölzernener Speere. Diese allgemeinen Lebensumstände änderten sich weder nach dem Erscheinen der Neandertaler noch nach dem ersten Auftreten des „modernen“ Menschen.
Der „Technologiesprung“ von 25 Schlägen in einem Arbeitsgang auf neun Arbeitsgänge mit 251 Schlägen läßt sich mit höherer Intelligenz kaum erklären, denn am Ende dieser vielen Arbeit stehen zwar „Spezialwerkzeuge“, die in ihrer Gesatmheit aber auch nicht mehr leisten müssen als ein gut durchdachter simpler Faustkeil. Jeder Betriebswirt würde also ob des Aufwands, den Neandertaler und erst Recht Crô-Magnon-Menschen bei der Herstellung ihrer Steinklingen betrieben, den Kopf schütteln, die Kosten für die Fertigung dieser filigranen Petrefakte sind unter ökonomischen Aspekten immens hoch.
Die hohen Arbeitskosten könnten sich allerdings als notwendiges Übel herausstellen, wenn man die Kosten des Ausgangsmaterials berücksichtigt.
Menschen haben zu allen Zeiten die verschiedensten Steinsorten als Werkzeuge verwendet. Eindeutiger Favorit war aber der Feuerstein wegen seiner besonderen Splittereigenschaften. Obsidian, schwarzes vulkanischens Gesteinsglas hat ähnliche Eigenschaften und wurde damit – zumindest in Amerika – in bestimmten Gegenden der einzige echte „Konkurrenzwerkstoff“ zum Feuerstein. Aber nicht überall, wo die frühen Menschen siedelten, gab es Feuerstein oder Obsidian, Feuersteinknollen finden sich in Kreidefelsen, Obsidian in der Nähe von Vulkanen. Zur Beschaffung der begehrten Rohstoffe für ihre Werkzeuge waren die Menschen der Steinzeit also seit Homo erectus’ Zeiten auf den Handel angewiesen.
Wie hoch Feuerstein an steinzeitlichen Börsen gehandelt wurde, zeigt sich daran, daß unsere Crô-Magnon – Vorfahren nicht mehr genug Feuersteinknollen an der Erdoberfläche aufsammeln konnten. Es hat sich für sie rentiert, Schächte in die Kreidefelsen Englands abzuteufen und Stollen zu graben, um den begehrten Rohstoff zu gewinnen.
Wäre die heutige Menschheit immer noch auf den Feuerstein angewiesen, man würde ihn wohl mit Diamanten aufwiegen.
Wesentlich plausibler erscheint mir daher im Zusammenhang mit der Verfeinerung der Abschlagtechnik eine Rohstoffverknappung, die den menschlichen Erfindungsgeist herausgefordert hatte. Der Mensch hatte das Bücken gelernt, denn offenbar waren bereits die Neandertaler dazu gezwungen, sich nach jedem Abschlag auch die Bruchstücke genau anzusehen, die ihre Vorfahren noch als Abfall betrachtet hatten. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn klimabedingt lag ein Teil der Rohstoffvorkommen über lange Zeiträume hinweg unter dem Inlandeis begraben.
Unsere Vorfahren vom Homo-erectus – Typ lebten vergleichsweise im Paradies. Sie konnten sich damit begnügen, aus einem Pfund Feuerstein nur 5 bis 20 cm Schnittkante herauszuholen. An dieser Stelle erinnere ich nochmals daran, daß alle Steinwerkzeuge der Welt ausschließlich dem Zweck dienten, Fleisch, Fell, Knochen und gelegentlich ein wenig Holz zu bearbeiten. Der Neandertaler war bereits gezwungen, all seinen Einfallsreichtum darauf zu verwenden, aus einem Pfund Feuerstein 100 cm Schnittkante herzustellen. Mehr, so wird man aus ökonomischen Gründen fordern müssen, waren unter wirtschaftlichen Aspekten nicht erforderlich.
Ganz anders verhält es sich beim „Übergang“ zum rezenten Menschentyp:
Der „Technologiesprung“ vom Moustérienmesser des Neandertalers zur Aurignacienklinge des Crô-Magnon ließ nicht nur den Arbeitsaufwand zur Herstellung einer scharfen Klinge um mehr als 100 % ansteigen, die Gesamtlänge der Arbeitskante, die aus einem Pfund Feuerstein herausgearbeitet wurden, wuchs auf die Länge von 12 Metern.9 Ohne Veränderung des ursprünglichen Werkzeugzwecks, nämlich der Bearbeitung von Fleisch, Fellen, Knochen und ein wenig Holz erscheint ein solcher Arbeitsaufwand schon fast als übertriebener Luxus.
Also muß man doch die Frage stellen, warum der nach bisheriger Auffassung intelligenteste aller Hominiden deratig unwirtschaftlich handelt. Nach gängiger Lehrmeinung unterscheidet sich Crô-Magnon nicht mehr vom gegenwärtigen Menschen. Dieser aber wird auch mit dem Beinamen Homo oeconomicus belegt. Das ist der Mensch, der streng rational und nur auf seinen Vorteil bedacht handelt. Das paßt alles nicht zusammen.
Wir haben bislang nur die formale Zweckbestimmung der Steinwerkzeuge betont, nämlich die Bearbeitung von Fellen, Fleisch, Knochen und Holz. Dahinter steht aber ein anderer, ganz einfacher Zweck, nämlich das nackte Überleben. Unter diesem Blickwinkel erscheint der Mehraufwand an Arbeit in einem anderen Licht:
Die Menschen, die sich später anschickten, die Erde zu dominieren, hatten wohl ursprünglich keine andere Wahl, als auch noch aus dem letzten Splitter einer Feuersteinknolle etwas Brauchbares herauszuholen. – Dieser Umstand deutet auf eine geradezu dramatische Verknappung des Rohstoffs Feuerstein hin. Der Mensch war, wie wir gesehen haben, auch damals schon auf den Handel angewiesen; der Rohstoffmangel basiert daher vermutlich auf einem Handelshemmnis, das fast an ein Embargo oder einen Boykott erinnert; das aber auch ganz simple natürliche Ursachen haben kann.
Eine solche natürliche Ursache wäre die Isolation einer Population aufgrund von Umweltveränderungen. Die Abgeschiedenheit, der mangelnde Kontakt zu Artgenossen, läßt den Verdacht aufkeimen, daß die Theorie, der rezente Mensch habe sich in einem isolierten Bereich Afrikas entwickelt, sich als zutreffend erweist.
Denken wir einmal die andere Möglichkeit durch: Als Alternative zur isoliertern Entwicklung kommt lediglich die sukzessive Ersetzung der früheren durch die später Form im Wege der Akzentverschiebung in Betracht. Wenn die Gestalt des modernen Menschen sich allmählich durch Akzentverschiebung aus der Gestalt des Neandertalers entwickelt haben sollte, dann müßte die „kulturelle“ Evolution dahinter zurückbleiben. Die Veränderung körperlicher Merkmale bei unveränderten Lebensumständen hat ohne das Hinzutreten besonderer Umstände keinen Einfluß auf die benutzten Werkzeuge. Deren Verwendungszweck war nach wie vor auf die Bearbeitung von Fleisch, Fellen, Knochen und Holz beschränkt. Bei sukzessiver Ersetzung hätte sich aus ökonomischen Gründen diese Entwicklung allenfals in einer allmählich fortschreitenden Verfeinerung der Steinwerkzeuge widerspiegeln können. Die Petrefakte des Crô-Magnon tauchten indes gleichsam aus dem Nichts auf, wie dieser Menschentypus selbst. Den Weg der Akzentverschiebung ist die Evolution demnach nicht gegangen.
Die weitgehend isolierte Entwicklung des „modernen“ Menschen läßt sich folglich bereits aus dem scheinbaren technischen „Fortschritt“ ableiten.
Das aber erklärt noch lange nicht, warum der „moderne“ Mensch innerhalb weniger Jahrtausende bis in den letzten, elendsten Winkel dieses Planeten vordrang.
Suchen wir also weiter.
Eine Forschungsgruppe um den Genetiker Lynn Jordy (University of Utah) ist zu dem Schluß gekommen, der moderne Mensch sei aus einer Population von allenfalls einigen zehntausend Individuen hervorgegangen, die vor etwa 70 bis 80.000 Jahren die Erde bevölkerten. Die Eruption eines Supervulkans soll nach dieser Ansicht die Weltbevölkerung dermaßen dezimiert haben, daß eben nur diese relativ kleine Menschheit übrigblieb.10
Das würde allerdings voraussetzen, daß es nur eine einzige Menschheit gab und all die Neandertaler, die bis vor etwa 25.000 Jahren Zeitgenossen des „modernen“ Menschen waren, nicht zur Menschheit gehörten. Angesichts ihrer Vermessenheit ist diese Ansicht zu verwerfen. Außerdem fehlt jeder Beleg für ein analoges Massensterben im Pflanzen- und übrigen Tierreich aus jener Zeit. Dennoch dürfen wir die Grundlagen dieser These nicht achtlos beiseite schieben. Diese besteht nun einmal in der Erkenntnis, daß kaum mehr als 10.000 Menschen den Startpunkt für die Evolution unserer selbst bildeten. Demnach ist zu fragen, wie es geschehen konnte, daß einige Zehntausend Menschen sich von der übrigen Welt abspalteten und zu dem wurden, was wir heute noch repräsentieren? – Die Menschen standen, das dürfen Sie als sicher voraussetzten, seit Urzeiten in gegenseitigem Kontakt. Wodurch verlor diese Gruppe den Anschluß an die übrige damals lebende Menschheit? – Die Antwort auf diese Frage lautet sehr wahrscheinlich: Wasser.
Seit der Neandertaler die Weltbühne betrat, kam es wiederholt zu erheblichen Klimaschwankungen. Der ständige Wechsel zwischen Kalt- und Zwischeneiszeiten ließ den Spiegel der Weltmeere mehrfach stark ansteigen und wieder absinken. Der „Tidenhub“ vom Höhepunkt der letzten Vereisung vor 18.000 Jahren bis zum heutigen Normalnull des Wassers beträgt satte 130 Meter!11
Zieht man also in Betracht, daß es gar nicht so lange her ist, daß Menschen über die Beringstraße zu Fuß von Asien nach Amerika und von der Themse an die Seine gelangen konnten, haben wir die „Wiege“ der heutigen Menschheit vermutlich nicht in Ostafrika zu suchen, sondern vielmehr vor der heutigen ostafrikanischen Küste, irgendwo auf dem Kontinentalschelf.12
Die Suche dürfte sich lohnen, denn die Befunde der Genetiker passen genau in das Zeitfenster, das sich vor etwa 90.000 Jahren öffnete und von den Geologen Eem-Warmzeit genannt wurde. Vor 70.000 Jahren wurde es dann wieder kälter. Die Weichsel- oder Würm-Vereisung nahm ihren Anfang. Mit ihr fand die „Eiszeit“ vor etwa 10.300 Jahren ihr vorläufiges Ende.
Die Folgen einer fortschreitenden Erderwärmung werden heute unter dem Begriff „Klimakatastrophe“ gehandelt. – Allein, einer solchen „Klimakatastrophe“ verdanken wir unsere Existenz:
Der ansteigende Meeresspiegel hat – zunächst unmerklich – den Lebensraum unserer Vorfahren in ähnlicher Weise vom Rest der Welt isoliert wie der Ärmelkanal England vom übrigen Europa. Mit fortschreitendem Anstieg des Pegels riß irgendwann der Kontakt zur übrigen Menschheit ab.  Aus der Sicht des Neandertalers waren diese „Inselaffen“ bei der Fortpflanzung wieder einmal auf im weiteren Sinne inzestuzöse Beziehungen angewiesen, denn der Genpool war durch die Insellage sehr beschränkt. – Erneut begegnen wir dem Inzest als einer der treibenden Kräfte der Evolution – So also sehen die Anfangsbedingungen für die Evolution vom „klassischen“ zum „rezenten“ Menschen aus.
Im Verlaufe der nun folgenden Jahrtausende konnten unsere Vorfahren zwar ihre linguistischen Fähigkeiten vervollkommnen. Daneben entwickelte der „moderne“ Mensch,  man muß es leider feststellen, auch einige unangenehme Eigenschaften, denen wir heute noch begegnen können. Vor allem kam ihm das abhanden, was wir heute als „soziales Gewissen“ bezeichnen würden. Zu den schwerwiegensten Systemfehlern des heutigen Menschen gehört seine ausgesprochene Neigung zum Plündern und zum Ausrotten. Wie überall auf der Welt teilten diese Menschen ihren Lebensraum mit Freßfeinden und Nahrungskonkurrenten.
Die Insellage brachte es nun einmal mit sich, daß neue Herausforderungen an unsere nunmehr unmittelbaren Vorfahren herantraten. Sie mußten sich nicht nur ihrer Freßfeinde erwehren, zwischen den einzelnen Horden entstand im Laufe der Zeit ein Konkurrenzdruck, der den Nachbarn zum echten Feind werden ließ. Bei der Erörterung der Evolution reziproken Verhaltens haben wir gesehen, daß dieses langfristig erfolgreich ist, der krasse Egoismus hingegen kurzfristig mehr Erfolg haben kann.
Unter den damaligen isolierten Lebensbedingungen dürfte ein Verhaltensmuster entstanden sein, was sich seit dem Seßhaftwerden der Menschen auf einer höheren Hierarchieebene bis zum letzten Millimeter unsere Zeitreise wiederholt. Desmond Morris beschreibt die Entartung menschlichen Sportverhaltens mit den folgenden Worten:
„Tragischerweise ist der kriegerische Typus des Sportverhaltens bald außer Kontrolle geraten und zu blutigen Massakern eskaliert. Dafür gibt es zwei Gründe. Einerseits führte die Waffentechnik an einen Punkt, wo das Führen einer Waffe keine persönliche Tapferkeit und keine körperliche Kampfgeübtheit mehr erforderte. Aus dem Jäger-Krieger wurde ein Abschlachtungs-Technologe. Andererseits wuchs die Zahl der Menschen immer stärker, bis eine Überbevölkerungskrise entstand. Es kam zu immensem sozialen Druck und zu horrenden Konkurrenzanforderungen. Der alte Sport des Jagd-Kriegs gebar den Wahnwitz des nodernen Vernichtungskriegs.“13
Die von Morris geschilderte globale Situation der heutigen Zeit traf zu Beginn der „modernen“ Menschheit auch auf deren Existenzbedingungen zu. Morris weist zwar auf die moderne Waffentechnik hin, aber diese wäre ohne das dahinterstehende Bedürfnis, mit möglichst wenig Aufwand so viele Menschen wie möglich umzubrigen, nicht denkbar.
Des weiteren, das ist Morris wohl entgangen,  gab es schon „Vernichtungsfeldzüge“, als noch Mann gegen Mann und mit Jagdwaffen gekämpft wurde. Der berühmteste von allen dürfte der Feldzug gegen Troja gewesen sein. Weniger bekannt ist bereits der Zweite Punische Krieg, der zur Zerstörung Carthagos führte und Rom zur europäischen Supermacht werden ließ.
Auch Gaius Julius, genannt Caesar, ließ sich diesbezüglich nicht lumpen. Als Beispiel sei sein perfides Vorgehen gegen die Usipiter und Tenkterer hervorgehoben, die im Frühjahr des Jahres 55 v. Chr. in der Nähe von Mimwegen lagerten.
„Die ahnungs- und führerlosen Germanen, die im Lager ruhig ihren täglichen Beschäftigungen nachgingen und an nichts Böses dachten, wurden vom römischen Heer plötzlich überfallen und abgeschlachtet. Caesar beschreibt dieses >Heldenstück< geradezu mit einem gewissen Genuß. Die römische >Humanitas< und Caesars >Clementia< (Milde) werden besonders durch folgenden Satz ins rechte Licht gerückt: >Die übrige Masse der Frauen und Kinder – die Germanen waren nämlich mit allem Volk ausgezogen und über den Rhein gegangen – begann allerorts zu fliehen. Zu ihrer Verfolgung sandte Caesar die Reiterei aus.< Es ist besonders bezeichnend, daß Caesar nicht wagte, die Reiterei gegen waffenfähige Männer, wohl aber gegen wehrlose Frauen und Kinder einzusetzen. Wieder schließt Caesar seinen Bericht mit der ausführlichen Schilderung der Niedermetzelung der feige überfallenen Germanen.14
Caesars Vorgehen in dieser Sache ging damals selbst den römischen Senatoren zu weit. Cato der Ältere hatte rund 150 Jahre vor Caesar noch die Meinung vertreten, Carthago müsse zerstört werden, Cato der Jüngere hingegen beantragte im Senat wegen des geschilderten Vorfalls die Auslieferung Caesars an die Germanen.15
Bis weit in die Neuzeit hinein wurden derartige Untaten mit Waffen begangen, die durchaus aus Feuerstein, Holz und Knochen hätten hergestellt werden können. Der Argumentation Wicklers, der die Unmenschlichkeit an die moderne Waffenentwicklung anknüpfen möchte, kann daher nicht gefolgt werden:
Gut 1000 Jahre nach Caesars Legionen überzogen die Wikinger Europa mit Verwirrung, Furcht und Schrecken. Ihre Waffen waren ebenfalls überwiegend solche, bei deren Anwendung man dem Gegner oder Opfer in die Augen sehen mute. Das änderte sich auch im Dreißigjährigen Krieg nicht, denn die darin verübten Greueltaten gegenüber der Zivilbevölkerung wurden gleichermaßen zum größten Teil mit Nahwaffen ausgeführt.
Die Bilder aus den Konzentrationslagern, die Bilder aus dem Kosovo und auch die Bilder aus dem gegenwärtigen Israel sprechen eine andere Sprache.: Der moderne Mensch hat bezüglich seiner sozialen Bedürfnisse die Instinktbindung verloren und ist nicht mehr in der Lage, auf soziale Not- oder Unterwerfungssignale instinktsicher zu reagieren.
Der „moderne“ Mensch ist damit in eine Lage geraten, über die man erschaudern könnte:
Eine ähnliche „Entgleisung“ kommt bei Hunden vor. Zuweilen kommen Rüden zur Welt, die weder über die „Weibchenbeißhemmung“ des Wolfes noch über die allgemeine Beißhemmung gegenüber dem im Rivalenkampf unterelgenen Rudelgenossen verfügen. – Ich meine, Konrad Lorenz hätte einmal gesagt, man müsse Rüden, die eine derartige Verhaltensanomalie aufweisen, umgehend erschießen.
Die Instinktschwäche des Menschen hatte freilich weitreichende Folgen. Soweit die Wahrnehmung des Mitmenschen als Mensch betrifft, retardierte der Mensch auf das Niveau des Schimpansen, dessen Tötungshemmung gegenüber Angehörigen fremder Gruppen ebenfalls stark eingeschränkt ist. Anderseits konnten auch die frühen Verteter des Cro-Magnon -Typs es sich nicht leisten, alle Vertreter konkurrierender Stämme zu vernichten, denn schließlich bezogen sie als exogame Wesen ihre Frauen von diesen. Das ungehemmte Vernichten artgenossenschaftlicher Konkurrenz hätte also rasch zum Untergang der entstehenden Subspezies des Menschen geführt.
Daß Sie und ich leben, ist der beste Beweis dafür, daß die Evolution auch an dieser Stelle ein Korrektiv erschaffen hat, das dem drohenden Untergang entgegenwirkte. Recht und Moral betraten die Bühne der Welt. Das aber wear nur möglich, weil die betroffene Population, es waren urprünglich „klassische“ Neandertaler, sich bereits höchst differenziert sprachlich verständigen konnte. Das ist nämlich die Grundvoraussetzung für das Entstehen von Moral und Recht. Beide Systeme, Moral und Recht, werden sprachlich übermittelt, und beide funktionieren nach den Regeln der Tradition bei Primaten nur, wenn eine „Autorität“ sie tradiert. Der Anführer der Horde schied als moralische Instanz aus, denn seine Autorität beruhte ja gerade auf den Eigenschaften, denen Moral und Recht entgegenwirken. Zwangsläufig entstand daher als „Gegenpol“ zum Hordenführer eine weitere Autorität, von der wir nicht wissen, wie sie ursprünglich aussah, gehandelt wird sie indes unter dem Begriff „Schamane“ oder Medizinmann“. – Wie auch immer man diese Leute nennt, sie sind da und legen heute noch Zeugnis ab vom dem Dilemma, in das die Inselbewohner hineingeraten waren.
Das wiederum ist es, was den Menschen als von der Natur abgehoben erscheinen läßt. – Egal, wo man im übrigen Tierreich hinschaut, bei sozial oder in Herden lebenden Organismen gibt es ein sogenanntes Alpha-Tier, an dessen Verhalten sich alle anderen Mitglieder der Gemeinschaft orientieren. – Beim „modernen“ Menschen fehlt diese Bindung, und damit hebt sich der Vorhang für der Tragödie zweiten Teil, nämlich für die Suche nach eindeutger Autorität, die auch in der Ära des Internet immer noch andauert. –
Doch kehren wir zürück zu unseren Anfängen und verfolgen die Frage weiter, wie es dazu kam, daß die Variante des Menschen, zu der wir selbst gehören, sich so ungeheuer rasch über alle Kontinente unseres Planeten ausbreiten konnte.
Bevor wir das tun, halten wir fest, daß zum damaligen Zeitpunkt die linguistischen Fähigkeiten über das Wohl und Wehe der heutigen Menschheit entschieden. Damit aber liegt der dringende Verdacht nicht fern, daß diese mitentscheidend waren für die Umgestaltung des menschlichen Schädels von der Form des „klassischen“ Neandertalers zur heute ausschließlich anzutreffenden Variante.
Crô-Magnon entwickelte die für uns typischen Eigenschaften und Mängel auf einer Insel. Wann und wie schafften unsere Vorfahren den Sprung von seiner Insel auf den nächstgelegenen Kontinent?
Die Antwort auf diese Frage beruht auf demselben Phänomen der Erde, das die Abgrenzung des Crô-Magnon – Typs gegenüber dem Neandertaler bewirkt hatte, nämlich die klimatischen Veränderungen.
Vor 70.000 setzte die bislang letzte Eiszeit ein. Der Meerespiegel begann zu sinken. Allmählich fiel damit auch der geflutete Bereich zwischen der Insel und Afrika wieder trocken.
Cro-Magnon wartete allerdings nicht bis zu dem Tag, an dem er den Weg zu Fuß zurücklegen konnte. Er kam vorher, denn er verfügte über eine Erfindung, die ihn befähigte, auch das kleinste und entlegenste Archipel zu besiedeln.
Diese Erfindung dürfte ebenfalls aus der Not heraus geboren worden sein. Sie wird wohl als so selbstverständlich angesehen, daß ich sie in keiner Zeittafel der menschlichen Kulturgeschichte gefunden habe. Es handelt sich um das Boot. Es ist tatsächlich so selbstverständlich, daß es selbst den großen Entdecker nicht einmal auffiel. Und nicht einmal ihnen ist aufgefallen, das es selbst dazu dienen kann, eine Reise durch die Zeit zu unternehmen. Wo immer Columbus, Captain Cook und alle anderen auch hinkamen, das Boot war schon da. Wie selbstverständlich benutzten die Ureinwohner die Wasserwege. Die Erklärung dafür liegt auf der Hand. Das Boot war es, das die ersten Crô-Magnon von ihrer Insel forttrug.
Welcher Umstand aber führte zur Erfindung des Boots? – Zwei Szenarien sind denkbar:
Erstens: Mit dem allmählichen Absinken von Temperatur und Meeresspiegel änderten sich Wasserflora und -fauna. Fische, die unseren Vorfahren als Nahrung dienten, verschwanden aus den ufernahen Gewässern, so daß sie schwerer zu erreichen waren. Daß Holz schwimmt, dürfte auch den damaligen Menschen bekannt gewesen sein; Kinder dürften ebenfalls ihren Spaß daran gehabt haben, Holzstücke unter Wasser zu drücken und loszulassen. – Welch ein Freude, wenn das Holzstück aus dem Wasser schießt! – Sobald das Bedürfnis entstanden war, sich weiter auf das Wasser hinauszuwagen, um an begehrte Nahrungsmittel zu gelangen, lag die Erfindung entsprechender Hilfsmittel geradezu in der Luft.
Zweitens: Mit dem Ansteigen des Meeresspiegels vergrößerte sich der scheinbare Abstand zwischen Insel und Festland. Die Erdkrümmung sorgte ab einem gewissen Wasserstand für das Abreißen der Sichtverbindung; scheinbar war das Festland hinter dem Horizont verschwunden. Das Absinken des Meeresspiegels bewirkte den umgekehrten Effekt: das Festland geriet wieder ins Blickfeld der Menschen. Und da wollten sie hin und begannen, einen Weg zu suchen und erfanden das Boot. Das wäre ein steinzeitliches Analogon zur Raumfahrt.
Mir persönlich erscheint die erstgenannte Alternative plausibler. Crô-Magnon dürfte sich angesichts der eingetretenen „Klimakatastrophe“ wenig für Steinzeit-Science-Fiction interessiert haben. Vor der Klimaveränderung waren schließlich nicht nur Meeresflora und -fauna betroffen, sondern auch die ihm als Nahrung dienenden Landpflanzen und -tiere. Es wird schließlich wieder einmal eine Verknappung der Ressourcen gewesen sein, die den Menschen dazu bewog, zu neuen Ufern aufzubrechen.
Auch dieses Muster sollte sich im Verlaufe der Geschichte mehrfach wiederholen. Beispielhaft hervorgehoben, weil dokumentiert, seien die Wikingerzüge und die Eroberung der Kontinente Afrikas, Amerikas und Australiens. Diese konnten m.E. von den Europäern nur deshalb erobert werden, weil deren Bewohner keine den Europäeern vergleichbare Stufe der Seßhafigkeit erreicht hatten. Die Völker Asiens waren, weil wehrhaft genug, den Expansionsgelüsten der Europäer standzuhalten.

Der Zeitpunkt der zweiten Bevölkerungsexplosion war damit unausweichlich gekommen. Im Gegensatz zur ersten erfaßte diese innerhalb kurzer Zeit tatsächlich den ganzen Planeten. Das wiederum ist die unausweichliche Konsequenz der logistischen Gleichung, die den „modernen“ Menschen mit seinen Booten in alle Lebensräume preßte, in denen er Nahrung finden konnte. Aus diesem Grunde blieb ihm allein die Antarktis als Lebensraum verschlossen. – Da gab es für ihn nichts zu holen.
Als die ersten „modernen“ Menschen ihre Insel verließen, drangen sie zwangsläufig in die Jagdgründe „klassischer“ Neandertaler vor. Mit ihren platten Gesichtern und runden Schädeln mußten sie auf diese wirken, als kämen sie von einem anderen Planeten oder als seien sie Fabelwesen.
Die erste „offizielle“ Begegnung zwischen dem Neandertaler und seiner deformierten Variante düfte sich ähnlich abgespielt haben wie das erste Zusammentreffen des Columbus mit seinen Mitmenschen aus Amerika. Columbus wußte zunächst nichts von dem Reichtum des Kontinents, an dessen Gestaden er gelandet war,seine Nachfolger schon. Damit war das Schicksal der Ureinwohner Amerikas besiegelt. Das Muster der „Besiedlung“ Amerikas läßt, eben weil es ein Muster ist, Rückschlüsse auf die Verdrängung des Neandertalers durch uns selbst zu, denn die auf Columbus folgenden Raubzüge waren nicht die ersten und nicht die letzten.
Aber eine erste „offizielle“ Begegnung wird es damals wohl nicht gegeben haben. Die ersten Berührungen zwischen den beiden Varianten werden Raubzüge des Crô-Magnon gewesen sein.
An dieser Stelle müssen wir wieder einmal innehalten. Bis zu diesem Zeitpunkt beruhte der evolutionäre Vorteil des Menschen darauf, daß reziprokes Verhalten, daß das Obligationsmuster sein hervorragendes Merkmal wurde. Auf den letzten Metern unserer Reise mußten wir miterleben, wie dieses mühsam aufgebaute Verhaltensmuster aus dem Alltag der Menschen verschwand und in das Reich der Sehnsüchte und Phantasien verlagert wurde.
Unter diesem Gesichtspunkt ist es nicht mehr rätselhaft, warum die Inuit und andere aus materiellen Gründen ihre neugeborenen Mädchen umbringen, warum alte und kranke Hordenmitglieder getötet oder dem sicheren Tod preisgegeben werden.
Es scheint also, als hätte die Evolution beim „modernen“ Menschen eine der wesentlichen Errungenschaften, die für Entstehung dieses Lebewesens von entscheidender Bedeutung war, wieder aufgegeben. – Allerdings nicht vollständig; denn mit Crô-Magnon begann zwar der „Siegeszug“ der agressiveren Variante, dennoch blieben auch bei ihm das Obligationsmuster und das Bedürfnis, seinen Mitmenschen zu helfen, erhalten. Ein gewichtiges Indiz finden wir in den Religionen. Alle Religionen der Welt beinhalten letztlich den Apell an den Menschen, seine Selbstsucht im Zaum zu halten und sich selbst in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Ob in Europa, Asien, Amerika oder Neu-Guinea, all diese Appelle gäbe es nicht, wenn sie nicht das widerspiegeln würden, was Jane Godall in ihrer bereits zitierten Befürchtung über das Wesen des Menschen zum Ausdruck brachte:
„Andere sind davon ausgegangen, daß Kriegführung verantwortlich gewesen sein könnte für die tiefe Kluft zwischen dem menschlichen Gehirn und dem unserer nächsten lebenden Verwandten, der Menschenaffen: Hominiden mit unterlegenem Gehirn konnten keine Kriege gewinnen und wurden ausgerottet.
So ist es sowohl faszinierend als auch schockierend, wenn man entdeckt, daß Schimpansen ein feindseliges, aggressives Territorialverhalten zeigen, das bestimmten Formen primitiver Kriege nach Art der Menschen nicht unähnlich ist.(…) Eine andere notwendige Präadaptation würde die angeborene Furcht vor oder der Haß auf Fremde gewesen sein müssen, die sich manchmal in aggressiven Angriffen äußerte.(…) Bei Menschen sehen sich Angehörige der einen Gruppe oft als völlig unterschieden von den Angehörigen einer anderen Gruppe und behandeln dann die Gruppenmitglieder und Nichtmitglieder verschieden. Tatsächlich werden Nichtmitglieder manchmal «entmenschlicht< und beinahe wie Wesen einer anderen Spezies betrachtet. Wenn das geschieht, sind die Leute von den Hemmungen und gesellschaftlichen Sanktionen befreit, die innerhalb ihrer eigenen Gruppe gelten, und können sich den Nichtgruppenangehörigen gegenüber auf eine Weise verhalten, die unter den eigenen Leuten nicht toleriert werden würde. Das führt unter anderem zu den Ungeheuerlichkeiten des Krieges. Schimpansen zeigen ebenfalls unterschiedliches Verhalten gegenüber Gruppenangehörigen und Nichtgruppenangehörigen. Ihr Gefühl für Gruppenidentität ist stark, und sie wissen genau, wer «dazugehört» und wer nicht: Nichtmitglieder können so heftig angegriffen werden, daß sie ihren Verletzungen erliegen. Und das ist nicht einfach die >Furcht vor Fremden» (…)Damit wurden die Opfer in jeder Hinsicht «entschimpansiert», denn diese Verhaltensweisen sieht man gewöhnlich, wenn ein Schimpanse ein ausgewachsenes Beutetier zu töten versucht – ein Tier einer anderen Spezies.“
Betrachten wir vor diesem Hintergrund noch einmal eine der jüngsten Phasen der Menschheitsgeschichte, die als Triumph menschlichen Freiheitsdrangs glorifiziert wird. Dieser Triumph, den die Freiheitstatute im New Yorker Hafen symbolisiert, kostete mehr als vierzig Millionen „Rothäute“, also vierzig Millionen Menschen das Leben.
Berücksichtigt man die gegenwärtigen Lebensumstände der verbliebenen nordamerikanischen Indianer, ist es nur noch eine Frage weniger Generationen, bis deren Reproduktionsdruck so stark absinkt, daß der Tod des letzten nordamerikanischen Ureinwohners als Livesendung weltweit übertragen werden kann. – Fragen Sie sich immer noch, warum es keine „klassischen“ Neandertaler mehr gibt?
Es gibt leider ein weiteres Indiz dafür, daß der „moderne“ Mensch gegenüber der Neandertaler-Variante ein Stück Menschlichkeit eingebüßt hat: Dem Menschen eigen ist nämlich ein Verhaltensmerkmal, das neoten ist, aber evolutionär nur dann Sinn macht, wenn es einstmals als unbedingter Auslöser des Brutpflegeinstinkts funktionierte (man verzeihe mir diesem mechanistischen Ausdruck, aber mir fällt kein besserer ein.). Es ist das Weinen, es sind die Tränen. Dieses frühkindliche Signal behält der Mensch bis ins hohe Alter als soziales Zeichen des Schmerzes bei. Nach den Spielregeln der Evolution konnte sich dieses Merkmal innerhalb unserer Spezies nur dann universell ausbreiten, wenn es zumindest nicht von Nachtteil war. Den langfristigen evolutionären Vorteil der gegenseitigen Hilfe hatten wir weiter oben bereits erörtert.
Des weiteren hat der Mensch seinen empfindlichsten Hörbereich bei einer Frequenz von 3000 Hertz. In diesem Bereich liegt der Notruf einer Frau oder eines Kindes, auf den wir wahrscheinlich instinktiv, also angeborenermaßen reagieren.16
An dieser Stelle offenbart sich eindringlich die Absurdität der Argumentationsketten des „aufgeklärten“ Menschen. Vom hohen Roß des Homo sapiens sapiens herab erscheinen Australopithecus, Homo habilis, Homo erectus und auch Homo sapiens neandertalensis mehr oder weniger als unkultivierte tumbe Insitnktautomaten. Wenn dies der Fall sein sollte, dann hätten sie in jedem Fall des Weinens oder eines 3000 Hertz-Notsignals mit Brutpflegeaktivitäten geantwortet. – Welch ein Paradies für Kranke und Pflegebedürftige. Aber Homo sapiens sapiens reagiert da seit Jahrtausenden ganz anders. Er berechnet den „Wert“ dessen, der das natürliche SOS sendet. Er versteht nur das Notsignal, das er verstehen will. In aller Welt bedarf es religiöser oder staatlicher Gebote, den „Notruf“ eines Mitmenschen so zu beantworten, wie der Instinkt es vorschreibt.
Vor diesem Hintergrund bestreite ich vehement, daß unsere Vorfahren seit Lucy’s Zeiten beim Töten eines Angehörigen der eigenen Spezies ein dem Schimpansen und dem heutigen Menschen ähnliches „artgenossenverachtendendes“ Verhalten an den Tag legten.
Den weltweiten Erfolg verdankt der „moderne“ Mensch demnach wieder einmal der Neotenie. Neotenie bedeutet, daß das Erbgut an irgendeiner Stelle „vergessen“ hat, wie es weitergeht. Tragik und Ironie des menschlichen Schicksals liegen darin, daß die menschliche DNA ausgerechnet die Faktoren „vergessen“ zu haben scheint, die über Jahrmillionen sein Überleben gesichert hatten.
Diejenigen, deren diesbezügliches „Instinktprogramm“ dem unserer Vorfahren entspricht, gelten in der Regel als verrückt.17 – Es sei denn, man hat Glück und heißt Albert Schweitzer oder Mutter Theresa.
Mutter Theresa und Albert Schweitzer sind meines Erachtens Synonyme für all diejenigen, deren typisch humane Instinkte die Zeiten überdauerten.
Leider ist die Zahl der „berühmten“ Namen, die Geschichte machten, indem sie das Lied vom Tod spielten, um ein Vielfaches größer.
An dieser Stelle muß ich meine Berichterstattung kurz unterbrechen, denn unter dem Kiel von Jirkas Boot wird es zunehmend turbulent. Sie können noch einen kurzen Blick werfen auf die sogenannte neolithische Revolution, mit der das Seßhaftwerden eines geborenen Streuners glorifiziert werden soll, und auf die Entstehung der ersten Staaten.
Jirkas Boot stoppt abrupt und schockartig; schockartig deshalb, weil wir auf einem steil ansteigenden Berg von Leichen landen.
Wir vergegenwärtigen uns: 55 mm hinter dem Bug von Jirkas Boot liegt Auschwitz, etwa 20 cm vor seinem Heck der Kampf um Troja. Noch immer weilt S. Milosevic in unserer Mitte, obwohl seine Untaten maximal einen Millimeter zurückliegen.
Mit der Eroberung Trojas, den Todeslagern von Auschwitz, Treblinka und Majdanek; aber auch mit dem Völkermord im Kosovo ist das Hölzerne Pferd verbunden, nämlich als Symbol der Verdeckung der wahren Absichten. Odysseus’ List diente der Vernichtung der Trojaner. Sie sollten nicht merken, daß es ihnen an den Kragen gehen sollte. Die Euphemismen „Endlösung“ oder „Ethnische Säuberung“ sind weniger anschaulich, dienen aber demselben Zweck. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde über die „Begrenzung von Massenvernichtungsmitteln“ zwischen Ost und West hart verhandelt. Die hübsche Umschreibung des millionenfachen Tötens ist nicht das Erscheckende, wirklich erschreckend ist die grundsätzliche Bereitschaft der Verhandlenden, millionenfach zu töten, und das ohne Rücksicht auf Verluste.
Die gesamte geschriebene Menschheitsgeschichte liegt unter dem Kiel von Jirkas Boot begraben. Dazwischen liegen Millionen und Abermillionen von Leichen. – Erschlagen, erstochen, erschossen, vergast. Mit Sicherheit ist das nicht das rühmlichste Kapitel im Buch der Evolution des Menschen.
Bis in die heutige Zeit hinein reicht der Grund, der zur Ausrottung der „klassischen“ Neandertaler führte. Dennoch ist sein Erbe nicht untergegangen:
Spätestens der Neandertaler hat Höhlen zu Kultzwecken aufgesucht. Gerade der Neandertaler hat diese Kultstätten auch als Begräbnisstätten verwendet. Diese Kult- und Begräbnisstätten deuten auf einen ausgeprägten Bärenkult hin. Die Höhlen selbst aber schweigen.
Anders sieht es bei den Crô-Magnon – Höhlen aus. Die Höhlen von Lascaux oder Altamira sind Kunstwerke allerersten Ranges. Sie enthalten Wandmalereien von atemberaubender Schönheit, so daß nach modernen Maßstäben diese Lebensäußerungen unserer Vorfahren als Gesamtkunstwerk gelten können. Sie weisen eine frappierende Ähnlichkeit mit heutigen Kathedralen auf. Und eben diese Ähnlichkeit ist es, die uns dazu veranlassen muß, den Weg, der von der Kleinen Felddorfer Grotte im Neandertal zum Petersdom führt, in groben Umrissen nachzuzeichnen. Die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede geben uns Hinweise auf die jeweiligen Lebenseinstellungen.
Während die Gemälde an den Wänden von Lascaux erahnen lassen, daß deren Schöpfer ähnlich empfanden wie wir, wird es für uns schon schwieriger, die Vorstellungswelt der Neandertaler zu ergründen.
So schwierig ist es allerdings auch nicht. Man muß nur ein wenig seine Phantasie gebrauchen und disziplinierte Naivität an den Tag legen. Disziplinierte Naivität bedeutet, daß man sich zwingt, all die Dinge außer acht zu lassen, die man weiß, und versucht, bekannte Sachverhalte so zu betrachten, als begegneten sie einem zum ersten Mal.
Nehmen Sie also eine Fackel und begeben Sie sich in eine Höhle. Keine Angst, außer Schwärmen von Fledermäusen werden Sie kaum einem größeren Lebewesen begegnen. Einem Höhlenbären gleich gar nicht, denn wir haben Sommer; und das ist die Zeit, in der auch Höhlenbären unter freiem Himmel auf Nahrungssuche gehen.
Allerdings müssen Sie damit rechnen, sich selbst zu begegnen. Das flackernde Licht, die wechselnden Schatten an den Wänden werden Gestalten hervorbringen. Dämonen und Geister, die zwar nur in Ihrem Gehirn existieren, die aber durch das Spiel von Licht und Schatten an den Höhlenwänden „erscheinen“. Und eben diesen Gestalten sind die Neandertaler auch begegnet, wenn sie in eine Höhle vordrangen.
Die Neandertaler kannten sehr genau die Gewohnheiten der Tiere, die ihren Lebensraum teilten; davon dürfen Sie ausgehen. Sie wußten, daß es ungefährlich war, im Sommer eine Höhle zu betreten. Im Winter hätte sich kein Neandertaler allein in ein Höhle gewagt, denn dort hätte er sein Kulttier, den Höhlenbären, empfindlich in dessen Winterruhe gestört.
Nun ist der Bär für Sie ohnehin ein ehrfurchtgebietendes Lebewesen. In Ihrer Umgebung ist er das einzige Tier, das Menschengestalt annehmen kann, denn wenn ein Bär sichert oder droht, stellt er sich auf die Hinterbeine. Mit seinen 3,5 – 4 Metern Höhe überragt er Sie um mindestens das Dreifache.
Nun stellen Sie sich vor, daß zur Zeit der Herbststürme ein einzelner Bär die Höhle aufsucht. Am Ende des Winters verlassen allerdings regelmäßig drei Bären die Höhle. Ein großer und – normalerweise – zwei putzmuntere kleine.
Sie wissen, daß beim Menschen und bei anderen Säugern Ihrer Umgebung das Junge aus dem Mutterleib kommt. Dieses Wissen dürfen Sie auch dem Neandertaler unterstellen; mehr als einmal dürfte jeder Neandertaler in seinem Leben ein trächtiges Weibchen seiner bevorzugten Beutetiere er- und zerlegt haben. Die „Leibeshöhle“, der ein Säugtier „entspringt“, mußte demnach auch der Neandertaler bestens kennen. Deren Charackteristikum ist die Enge des Eingangs, der in die Weite des Uterus mündet. Ähnlich sind die Höhlen, die als Kultstätten dienten, aufgebaut.
Ich muß Sie hier nochmals an Ihre disziplinierte Naivität erinnern. Sie wissen, daß der Bär ein Säugetier ist, für den Moment müssen Sie ihr Wissen einmal vergessen.18 Wußte es auch der Neandertaler? – Prima Facie, dem ersten Anschein nach, entsprangen in jedem Frühjahr junge Bären der Höhle, denn die Beobachtung einer Bärengeburt war ihm verwehrt. Die Vorstellung, ein Bär entspringe unmittelbar dem Schoß der Erde, ist damit vorprogrammmiert.
Die dunkle Höhle, voll von Geistern und Dämonen, ist damit aber kein Ort der Furcht mehr, sie wandelt sich mit der Vorstellung zum Quell des Lebens, den wir in der griechischen und nordischen Mythologie vorfinden, nämlich zum gebärenden Schoß der Erdmutter oder Gaia. Zum Leidwesen des Papstes hat auch die Jungfräulichkeit der Mutter Gottes hier ihren mythischen Ursprung:
Im nordischen Bereich ist die Erdmutter zu Anfang noch jungfräulich.19 Weiter südlich ist die Vorstellung von „Mutter Erde“ zwar immer noch lebendig, aber die Dame ist nicht mehr allein: Die Gaia der Griechen gebiert am laufenden Bande Titanen und Zyklopen. Die sinnenfrohen Griechen gesellten ihrer Gaia allderings den sexbesessenen Uranos hinzu, der mit seinen weiteren Zeugungsakten erst dann aufhört, nachdem ihn sein Sohn Chronos, der Herr der Zeit, entmannt hatte.
Bis vor kurzem war die Geburt von Bären eines der bestgehüteten Geheimnisse der Natur, weil sie so schwer zu beobachten war. Im Winter 1999/2000 wurde eine entsprechende Live-Übertragung im Internet angeboten. In den Jahrmillionen davor war das allerdings ein Ding der Unmöglichkeit.
Höhlen, Bären und der Geburtskanal als Alltagserfahrung sind ausreichend, die Mytholgie von Mutter Erde und ihren gigantischen Kindern mit den titanischen Kräften zu begründen. Der Bärenkult offenbart aber noch mehr:
Hier berühren sich Jenseitsvorstellung,Totenkult und Fruchtbarkeitsritus in ähnlicher Weise wie bei der Erdbestattung. Auch unser eigenes Beerdigungsritual ist mit der Vorstellung von Fruchtbarkeit verknüpft. Was in den „Schoß“ der Erde eingebracht wird, wird leben und wachsen.
Die Höhlen, in denen der Neandertaler seine Begräbnisspuren hinterließ, waren folglich nicht ein Ort der reinen Trauer, sie waren der Quell eines Lebens, das zumindest nicht mit der Alltagserfahrung eines Neandertalers erklärbar war. Höhlen waren folglich die Orte, an die man einen Verstorbenen in der Hoffnung auf ein neues Leben im Jenseits oder in der Hoffnung auf eine Wiedergeburt gebracht hatte.
Freilich lassen sich für die von mir hier aufgestellte These kaum direkte Beweise finden:
An den Wänden der Höhlen von Shanidar, Mugharet es-Skhul, Mugharet et-Tabun oder anderen gibt es außer den „Lichtwesen“, die der Fackelschein spontan an die Höhlenwand zaubert, – nichts.
Alllerdings auch nichts, was darauf hindeuten könnte, daß die Neandertaler Ahnen, Geister oder Götter angerufen hätten, den nächsten Jagdzug erfolgreich sein zu lassen. Ihre Kultstätten geben uns keinen Hinweis auf derartige Zauberrituale, die bei Crô-Magnon gang und gäbe waren und die noch heute auf der Welt weit verbreitet sind.
Der Neandertaler hat zwar Anhaltspunkte für diverse Zeremonien hinterlassen, darunter sind allerdings keine, die man als Beschwichtigungsritual gegenüber den Geistern und Göttern deuten könnte.
Nach gängiger Lehrmeinung war auch dem Neandertaler als „Vormenschen“ jeglicher moralischer Impetus fremd. Er beschwor keine Geister und Götter, brachte ihnen keine Opfer dar, weil er noch nicht über den Intelligenzgrad verfügte, der für die entsprechenden Vorstellungen erforderlich ist. Deswegen gilt er nach wie vor als ein Wesen, dem menschliche Regungen und moralische Grundsätze fremd sind.
Nach der hier vertretenen Auffassung brauchte der Neandertaler die Rituale des „modernen“ Menschen nicht. Es war ihm noch möglich, auf die sozialen Signale seiner Mitmenschen instinktiv zu reagieren. Zumindest innerhalb der eigenen Gruppe wird er auf Weinen und andere Signale der Hilflosigkeit so reagiert haben, wie der Brutpflegetrieb es vorschrieb.
Ich will gar nicht bestreiten, daß der Neandertaler keine Moral kannte. Wenn er sie aber nicht kannte, dann nur deshalb, weil er ihrer nicht bedurfte. Aus diesem Grunde hatte er es auch nicht nötig, die höheren Instanzen der Moral, nämlich die jeweils „zuständigen“ Geister, Götter und Dämonen anzurufen oder zu beschwichtigen.
Ich will auch nicht behaupten, daß es bei den Neandertalern keine Räuber, Mörder oder Diebe gegeben hätte. Allerdings war deren Anteil an der Gesamtbevölkerung geringer. Sie werden rasch der ganz normalen sozialen Ausstoßungsreaktion ihrer Gruppenmitglieder zum Opfer gefallen sein.
Mit der Akzentverschiebung beim „moderenen“ Menschen änderten sich die Verhältnisse grundlegend. Die Rückbildung der Instinktreaktionen auf soziale Signale brachte diese nicht zum Verschwinden; es kam lediglich zu einem Zwiespalt zwischen unbedingtem sozialem Handlungsimpuls und Handlungsalternativen, die den egoistischen Interessen des Individuum entsprachen oder die diesem im Einzelfall von außen vorgegeben waren, beispielsweise als das Töten aufgrund kulturell „vorgeschriebener“ Handlungsanweisung.20
Das über die Jahrmillionen herausgebildete reziproke Verhalten des Menschen ging nur zu einem geringen Teil verloren, aber das reichte aus, die Welt auf den Kopf zu stellen. Die explosive Verbreitung des Crô-Magnon-Typs trug der Evolution erneut eine turbulente Phase ein, von der niemand sagen kann, wann sie abgeschlossen sein wird. Jeder von uns ist Teil und Zeuge dieses Prozesses. Eines ist allerdings mit Sicherheit auszuschließen: Es wird nie gelingen, einen „perfekten“ Menschen zu „züchten“ oder gar durch Genmanipulation zu „kreieren“. Die Evolution läßt sich nicht überholen, und wenn wir es übertreiben, wird sie uns ad acta legen. So einfach ist das.
Und so einfach vollzog sich auch die Entwicklungsgeschichte des Menschen. Aber sie ist noch nicht an ihrem Endpunkt angelangt. Wir dürfen gespannt sein, wie sie weitergeht. Trotz allen gegenteiligen Beteuerungen führender Politiker hängt es nicht von uns ab, wie es mit der Menschheit weitergeht. Die Weichen werden an einem Ort gestellt, den nie ein Mensch je erreichen wird.


Die neue Teilung der Nation

August 14, 2011

Gedenken an den 50. Jahrestag des Mauerbaus | tagesschau.de.

Vor 50 Jahren wurde die Berliner Mauer gebaut. – Die ist weg, aber die Mauern, die seit dem Mauerfall gebaut wurden, werden uns noch einige Jahre begleiten. – Eine der größten Mauern, die in Europa je gebaut worden waren, ist die zwischen Rauchern und Nichtrauchern.

Deutschland nach den "Mauerbau"

Von der Freiheit eines "DDR"-Bürgers

Ohne jedwede sachliche Rechtfertigung fingen die Stealth-Bolschewisten an, eine Mauer durch die Kneipen zu ziehen.

Man braucht sich nur den Unsinn auf den Zigarettenpackungen anzusehen, um zu erkennen, daß hier ein Tarnkappen-Goebbels am Werk ist:

Rauchen schädigt die Spermatozooen und schränkt die Fruchtbarkeit ein.“

Ist das Rauchen wirklich ein wirksames Verhütungsmittel? – Ich würde mich nicht allzusehr darauf verlassen.

Rauchen kann tödlich sein.“ – Klar, Treppensteigen aber auch.

Rauchen läßt Ihre Haut altern“ – Als Johannes Heesters drei Wochen vor seinem 107. Geburtstag von Fielmann eine neue Brille erhielt, konnte er diesen Hinweis zum erstgen Mal klar und deutlich erkennen. – Er war so erschreckt, daß er sofort das Rauchen aufgab!

Unter dem Deckmantel des „Schützens“ maßt sich manch einer die Bevormundung frier Bürger an.

Als wir noch eine Wehrpflichtarmee hatten, war es für jeden Rekruten deutlich erkennbar: „Die Armee ist die Schule der Nation“, denn es gab „erzieherische Maßnahmen“ gegenüber Erwachsenen. – Bevormundung an allen Ecken und Enden. – Und den uniformierten „Vormündern“ hat das augenscheinlich Spaß gemacht.

In der „antifaschischtischen und antimilitaristischen“ Variante des deutschen Staates ging die Bevormundung durch „Staat“ und Partei bis zum Mauerfall weiter als in der „real existierenden Bundesrepublik“.

Wegen des starken Einflusses der katholischen Kirche und qualmender Politiker mußten im wesentlichen nur Frauen im gebärfahigen Alter unter der Bevormundung durch „den Staat“ wirklich leiden: „Verhütung“ und „Abtreibung“ beherrschten über Jahrzehnte die Schlagzeilen.

Und dann kam dsas Jahr 1989, im Osten regte sich was:

Wenn in der Anwaltschaft mal ein kritischer Geist wagte sich zu regen, wurde ihm sogleich das Maul verboten. So widerfuhr es dem Rechtsanwalt Rolf Henrich noch im Jahre 1989. Henrich hat als Autor des Buches „Der Vormundschaftliche Staat” die Rechtswirklichkeit des real existierenden Sozialismus anschaulich beschrieben. Kaum war sein Buch im Westen erschienen, traf ihn der Bannstrahl der Partei, die immer recht hat. Gott sei dank beendete das Ende der Ära Honecker auch das gegen Henrich verhängte Berufsverbot.“ (Gerhard Altenhoff, Störtebekers Erben – Geschichten aus Merkels Leichenkeller, S. 48)

Erschreckend ist, daß die Rolle des von Henrich beschriebenen „vormundschaftlichen Staates“ durch EU-Kommission und Merkels Camarilla übernommen wurden. – Noch erschreckender ist, daß die Anmaßung einer Vormundschaft gegenüber freien Völkern ihren Niederschlag im Vertrag von Lissabon gefunden hat. – Hätte der gute zu Guttenberg das Thema, an dem er herumgedoktort hat, jemals ernst genommen, wäre ihm das aufgefallen. – In unserem heiligen Europa maßen sich die Organe der Exekutive die DICTATURA LEGIBUS SCRIBUNDIS ET REI PUBLICAE CONSTITUENDAE einfach an. – Diese wurden den Herren Caesar und Hitler noch durch den römischen Senat bzw. dem Reichstag wenigstens formal – zu Wahrung des „Rechtsscheins“ – auf’s Auge gedrückt.

Weder Merkel noch Barroso können ein entsprechendes „Ermächtigungsgesetz“ zur Rechtfertigung ihres Handelns vorweisen.

Erst recht gibt es nicht einen einzigen gerichtsverwertbaren Beweis dafür, daß Rauchen für Raucher und Nichtraucher schädlicher ist als andere menschliche Aktivitäten.

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ – Und die Mauer wurde gebaut. – „Niemand hat die Abthicht, Raucher zu dithkrimnieren“ – denken Sie an den Tonfall unserer Rügenwalder Teewurst…


Gelandet in den Turbulenzen des Kapitalismus

Juli 26, 2011

St.Neptune’s Homepage.

Schon merkwürdig, daß an dieser Stelle eine Rückkoppelung stattfindet. Gewöhnlich sind Rückkoppelungen Ursache und nicht Folge chaotischer Entwicklungen.

Aber ich muß an dieser Stelle darauf hinweisen, daß auch ohne meine Fragestellung, in welchen Turbulenzen der Kapitalismus untergehen wird, dieser in die größten Turbulenzen seit den Anfängen der „Wall-Street“ hineingeraten ist.

Ein „Nationalsstaat“ nach dem anderen droht die Pleite. – Warum ist das wohl so? – Wahrscheinlich liegt es an der „kameralistischen Haushaltswirtschaft“, die nicht anders als in die Pleite führen kann.

Schon im alten Rom war es gang und gäbe, daß „der Staat“ dazu neigte, mehr Geld auszugeben, als er einnahm. – Nur war damals der Steuerzahler nicht identisch  mit dem Volk von Rom.

Aber war Rom wirklich ein „Staat“? – Augustinuns sieht das etwas differenzierter als Juristen und Historiker:

Hier ist nun der Platz, kurz und klar auszuführen, was ich oben auszuführen versprochen haben, daß nämlich nach den Begriffsbestimmungen, die Scipio in Ciceros Schrift über den Staat (Cic. rp. 2, 42ff) gebraucht, Rom nie ein Staat gewesen ist. Denn er bestimmt in Kürze den Begriff des Staates dahin, daß er Sache des Volkes sei. Ist diese Bestimmung richtig, so ist das römische Reich nie ein Staat gewesen, weil es nie die Sache des Volks gewesen ist, was ja dn Begriff des Staates ausmachen soll. Denn Volk nennt er eine Vereinigung von Menschen, die durch Übereinstimmung des Rechts und durch Gemeinschaft des Nutzens in sich selbst verbunden ist. Was er aber unter Übereinstimmung des Rechts versteht, das erklärt er im Verfolg der Auseinanderset­zung, indem er zeigt, daß ohne Gerechtigkeit ein Staatswesen nicht geführt werden könne. Wo also keine wahre Gerechtigkeit ist, kann auch kein Recht sein. Denn was nach Recht geschieht, das geschieht doch gerecht; was aber ungerecht geschieht, kann nicht nach Recht geschehen. Denn als Recht kann man nicht irgendwelche schlechte Bestimmung im Menschen gelten lassen und bezeichnen, da ja Recht nur sein soll, was aus dem Quell der Gerechtigkeit geflossen ist; und es ist falsch, was gewisse Leute zu sagen pflegen, die kein Gefühl für Recht besitzen, das nämlich sei Recht, das dem von Nutzen, der der Stärkere ist. Wo also keine wahre Gerechtigkeit ist, kann auch keine durch Übereinstimmung des Rechts verbundene Gemeinschaft der Menschen sein und also auch kein Volk nach jener Begriffsbestimmung des Scipio bei Cicero. Und wo kein Volk, da ist auch keine Sache des Volkes, sondern irgendeiner Menge, die des Namens Volk nicht würdig ist; da es ferner kein Recht gibt, wo keine Gerechtigkeit, so kann also, wo keine Gerechtigkeit, auch kein Staat sein. Gerechtigkeit ist ferner die Tugend, die jedem das Seinige gibt. Was aber ist das für eine Gerechtigkeit beim Menschen, die eben diesen Menschen den wahren Gott entzieht und ihn unreinen Teufeln unterstellt? Heißt das, jedem das Seinige zu geben? Ist doch ungerecht, wer ein Grundstück dem nimmt, der es gekauft hat, und es dem gibt, der kein Recht darauf hat: kann da der gerecht sein, der sich selbst die Herrschaft Gottes,d er ihn geschaffen hat, entzieht und bösen Geistern dient?

Sehr scharf und deutlich genug wird in jenen Büchern über den Staat für die Gerechtigkeit eingetreten wider die Ungerechtigkeit. Darin wird zunächst die Sache der Ungerechtigkeit wider die Gerechtigkeit verfochten und ausgeführt, ein Staatswesen könne nur durch Ungerechtigkeit bestehen und geleitet werden, und dies damit scheinbar sehr stark begründet, daß es ungerecht sei, wenn Menschen herrschenden Menschen dienen müssen, daß aber ein herrschgewaltiger Staat solche Ungerechtigkeit befolgen müsse, wolle er über seine Provinzen herrschen. Und es wird darauf zugunsten der Gerechtigkeit erwidert, das eben sei gerecht, weil es nämlich solchen Menschen nützlich sei zu dienen und eine solche Knechtschaft ihnen nur zum vorteil sei, wenn sie recht geschieht, das heißt, wenn damit den bösen die Möglichkeit des Unrechts genommen ist; so nämlich seien sie unterworfen besser daran als in Freiheit. Und dies zu bekräftigen, wird ein aus der Natur genommenes und ganz erlesenes Beispiel angeführt und gesagt: „Warum sonst würde Gott dem Menschen, die Seele dem Leib, die Vernunft der Begierde und den anderen lasterhaften Teilen der Seele gebieten?“ Gewiß wird durch dies Beispiel genügend erwiesen, daß Knechtschaft mitunter nützlich und daß Gott zu dienen immer nützlich ist. Eine Gott dienende Seele gebietet recht dem Leib, und in der Seele selber gebietet eine Gott dem Herrn ergebene Vernunft recht der Begierde und den anderen Leidenschaften. Wo also ein Mensch Gott nicht dient, was kann in ihm noch für Gerechtigkeit gelten? Ohne Gott zu dienen kann ja weder die Seele dem Leib noch die Vernunft den Leidenschaften in Gerechtigkeit gebieten. Und da in einem solchen Menschen keine Gerechtigkeit ist, wie kann sie in einer Vereinigung solcher Menschen sein? Hier also gibt es jene Übereinstimmung des Rechts nicht, die aus der Menschenmenge erst das Volk macht, dessen Sache doch der Staat sein soll. Was soll ich noch vom Nutzen reden, in dessen Gemeinschaft die Menschenmenge verbunden sein soll, daß sie ein Volk sei? Denn achtest du genau, kann doch für solche ein Leben nicht von Nutzen sein, die gottlos leben, wir jeder lebt, der Gott nicht dient, sondern den Teufeln dient, die selbst so gottlos sind, als sie sich, unreinen Geistern, gleich Göttern opfern lassen wollen. Ich glaube, was ich über die Übereinstimmung des Rechts gesagt habe, genügt, um klar zu machen, daß nach dieser Begriffsbestimmung ein Volk, dessen Sache doch der Staat sein soll, nicht sein kann, in dem Gerechtigkeit nicht ist. Man sagt vielleicht, die Römer hätten in ihrem Staat nicht unreinen Geistern, sondern guten und heiligen Göttern gedient. Muß ich so oft und immer wiederholen, was ich schon genug, mehr als genug gesagt? Nur ein Dummkopf oder ein schamlos Streitsüchtiger kann es sein, der mir in diesen Ausführungen so weit gefolgt ist und noch daran zweifeln kann, daß die Römer bösen und unreinen Geistern gedient. (Joseph Bernhardt, Augustinus, Bekenntnisse und Gottesstaat, Stuttgat 1951, S. 325ff)

Die „bösen und unreinen Geister„, die Augustinus hier beschwört,  sie leben immer noch und geistern durch die Parlamente.

Wann endlich werden wir ihrer Herr?


Christian Wulff, die Juristen und das Buch der Richter

November 30, 2010

Presseinformation.

——– Original-Nachricht ——–

From: – Tue Nov 30 00:04:21 2010
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Date: Tue, 30 Nov 2010 00:04:18 +0100
From: Gerhard Altenhoff <gerhard.altenhoff@giordano-bruno-institut.de>
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To: Bundespräsident <poststelle@bpra.bund.de>
CC: Express <redaktion@express.de>, meinung@n24.de, Tagesschau <redaktion@tagesschau.de>, Bild-Zeitung <leserbriefe@bild.de>, Berlin Mitte <berlinmitte@zdf.de>, Heute Journal <HeuteJournal@zdf.de>
Subject: Christian Wulff, die Juristen und das „Buch der Richter“
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Lieber Bruder Christian Wulff, wer als Jurist nach Yad Vashem geht, sollte ein wenig bibelfester sein als Du. Er sollte vor allem das Buch der Richter, Kapitel 12, 4 -6 kennen, der den Ur-Holocaust enthält. Zu biblischen Zeiten kamen nur 42.000 Menschen ums Leben, dafür von Hand „selektiert“ und Mann für Mann abgeschlachtet. – Bedenkt man die Bevölkerungsdichte zur Bronzezeit, war das ein veritabler Völkermord. – Und der Norddeutsche Christian Wulff kann sich sicher das in der Bibel beschriebene akustische Ausgrenzungskriterium bildhaft vorstellen: Schiboleth gegen Siboleth. – Norddeutsche s-tolerpn über den s-pitzen S-tein. Im Rheinland oder in Bayern würden sie über den schpitzen Schtein schtolpern – es würde sie allerdings nicht mehr den Kopf kosten. Es ist elf Jahre her, da veröffentlichte das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie auf seiner Website einen Beitrag, in dem festgestellt wurde, daß alle lebenden Menschen so nahe miteinander verwandt sind, daß sie auch heute noch als „Brüder und Schwestern“ zu gelten haben:

http://www.mpg.de/bilderBerichteDokumente/dokumentation/pressemitteilungen/1999/pri63_99.htm

Nimmt man diese Erkenntnisse ernst, muß sich das doch wohl auch auf Palästinenser beziehen – oder?

Kann es sein, lieber Bruder Christian, daß es nie Juden gegeben hat? – Kann es sein, daß das Gefühl, „Jude“ zu sein, nur ein subjektiver Eindruck ist, der von anderen im richterlich-biblischen Sinne als „Abgrenzugskriterium“ benutzt wird? Wir leben unter der vielbeschworenen „christlich-jüdischen“ Leitkultur momentan in der sogenannten „Adventszeit“. Historisch betrachtet begann die „Adventszeit“ am 15. März des Jahres 44 v.Chr.: Am Tag, als Caesar starb, begann der Aufstieg des Mannes, der später die Weihnachtsgeschichte in Gang setzte. Ich darf erinnern: „Es begab sich aber zu der Zeit, als von Kaiser Augustus ein Gebot ausging…“ Ohne die „Gier“ des Octavian wäre Jesus von Nazareth heute unbekannter als alle unbekannten Soldaten zusammen. Von Kaiser Augustus gingen viele Gebote aus und viele Statthalter (Steuereintreiber) wurden in die Provinzen geschickt. Dazu gehörte auch ein Quinctilius Varus. – In Palästina hatte er sich unbeliebt gemacht. In Germanien wurde er noch unbeliebter. Er wurde in seiner impertinenten Art so unbeliebt, daß die Germanen ein Exempel statuieren mußten.

Die Freiheit Germaniens forderte freilich weniger Todesopfer als der innerjüdische Völkermord, den die Bibel beschreibt. Drei Legionen sind „nur“ 18.000 Mann. – Mehr als genug, aber weitaus weniger als die Römer rund 65 Jahre später im „Heiligen Land“ umbrachten. Für Germanien, damals bar jeder Regierung oder „Zentralgewalt“, hatte sich das Thema Tributzahlungen an Rom ein für allemal erledigt. Weder Augustus noch seine „spätrömisch dekadenten“ Nachfolger im Amt wagten jemals wieder, Germanien die Pax Romana aufzuzwingen.

Im Nahen Osten sah das anders aus. Die Völker dort waren seit Urzeiten daran gewöhnt, von ihren Herrschern ausgebeutet zu werden. Ob Herodes oder Augustus – man zahlte eben. So war es 79 n. Chr. nur ein kleiner versprengter Haufen, der den Legionären Roms die Stirn bot. Den „Staat“ der Israeliten aber, den „radierten“ die Legionären buchstäblich „aus“. – Hätten die Israeliten rechtzeitig auf Jesus gehört, wäre dieses Unglück wohl vermieden worden.

Christen spielten damals keine Rolle. Sie kamen erst ins Spiel der Weltgeschichte, als sich „Heiden“ reihenweise taufen ließen, vor allem Germanen und Kelten. Sie besiegelten am Ende den Untergang der Caesaren in Rom und Byzanz. Und der Übergang Roms vom Polytheismus zum christlichen Monotheismus war auch nicht von der feinen englischen Art: Wer den alten Göttern huldigte oder ihnen Opfer brachte, wurde behandelt wie ein Deutscher, der Feindsender hört: Todesstrafe und Einziehung des Vermögens. – Für Juristen nichts Ungewöhnliches, ist ja immer schon normal gewesen, Todesstrafe und Einziehung des Vermögens, für was auch immer.

Nur für die von verschiedenen Seiten beschworene christlich-jüdische Tradition reicht das nicht. Der Weg des europäischen Christentums ist unzweifelhaft der Weg des heidnisch-christlichen. Vom Nordkap bis nach Sizilien, von der Algarve bis zum Kaukasus – alle christianisierten Völker waren zweifelsfrei „Nichtjuden“. – Scheiße für die Propaganda!

Und wer den Namen Christian trägt, müßte sich eigentlich darüber klar sein, welche Agression darin steckt: Bonifatius fällte die Donar-Eiche, Karl der Große gar die Irminsul. – Mit Frieden und Freundschaft hat das Christentum nix, aber auch gar nix am Hut! – Es ist nicht weniger agressiv als der „Islamismus“. Daran ändert auch der Papst nichts. Und wenn Du nochmals in die Bibel schaust und mit den Augen des Juristen die „Nebengesetze“ zu den 10 Geboten studierst, wirst Du unschwer und mit Schrecken feststellen, daß die „heiligen Schriften“, die im Nahen Osten entstanden, in erster Linie politische Kampfschriften sind. – Im Namen Gottes läßt sich seit Moses leichter knechten und morden!

Und hast Du daran gedacht, daß unsere Brüder und Schwestern in Asien gegenwärtig vor dem Problem stehen, das uns in Europa erspart geblieben ist? – Die Durchgeknallten in Pjöngjang schießen auf ihre eigenen Leute! – Aber der Wulff, der schweigt dazu, zieht sich die Kippa an und geht nach Yad Vashem.

-Es ist ja auch einfacher, den Toten Schuld zuzuweisen als Todesopfer zu verhindern.

Der Staat „Israel“ hat kein Existenzrecht – auch die „Bundesrepublik Deutschland“ nicht. – Sie erinnern sich daran, wie sterblich das „Existenzrecht“ der „UdSSR“ und vor allem das der „DDR“ war: Alle Menschen auf dieser Welt haben ein „Existenzrecht“, nicht aber Gebietskörperschaften. Auf der einen Seite ist es einfacher als Sie denken, auf der anderen schwieriger, als Sie sich vorstellen können, weil das „real exitierende“ Israel vielen Menschen palestinesischer Herkunft schlicht und ergreifend das Wasser vorenthält, das diese Menschen zum Leben und wirtschaften brauchen. – Nicht gerade die feine, englische Art. Christian! – Laß die Toten ruhen, die Lebenden warten

auf Dich! Du brauchst Phonic – Das ist die Wahrheit!

Gruß

Gerhard Altenhoff

Bismarckstr. 40

41542 Dormagen

02133 97 30 29

0178 84 83 904


Damhirsch, Light-Wulff und die Lufthoheit

November 21, 2010

 

Was Horst Köhler noch nicht wusste und Angela Merkel nicht wissen will, bekommt Christian Wulff kostenfrei nach Haus geliefert:

Die Antwort auf die Frage, was ein gewöhnlicher Damhirsch mit dem sogenannten „Staatsoberhaupt“ der mittlerweile endgültig „enthaupteten Republik“ zu tun hat.

DER SPIEGEL hatte mit prophetischer Gabe bereits am 12.5.2003 die Republik als enthauptet tituliert. – Köhler, Merkel und Wulff maßen sich dennoch immer noch das an, was auch im folgenden als

DICTATURA LEGIBUS SCRIBUNIS ET REI PUBLICAE CONSTITUTENDAE

bezeichnet wird. – Das ist gemeint, wenn das Wort „Diktatur“ fällt:

die Befugnis, eigenmächtig Gesetze zu erlassen und zu bestimmen, was die Grundlagen des Staates sind.

Der oberste Fahnenflüchtige Deutschlands hatte in seiner „Berliner Rede“ des Jahres 2008 eine „Agenda 2020″ beschworen. – Die Grünen sind zwar schon bei den Agendae 2030 bis 2050 angekommen, aber auch das ändert nichts daran, daß selbst der Köhler seine Agenda 2020 offensichtlich nicht ganz ernst genommen hat. – Sonst hätte er sich nicht einfach davongestohlen, sondern er wäre seinen eigenen Worten treu geblieben:

„Wir wollen gemeinsam beschließen, nicht mehr auf Kosten anderer zu leben.“ (Berliner Rede 2009) – Köhler aber lebt weiterhin auf unabsehbare Zeit zu unseren Lasten – und das nicht schlecht und ganz ohne Gegenleistung.

Ob 2008, 2009 oder 2010, jede „Berliner Erklärung“ eines sogenannten Bundespräsidenten geht an dem vorbei, was seit dem 3. Oktober 1990 auch auf der „Agenda 2008“ stand:

Gehen wir zurück in das Jahr 2008:

Da entwirft der Horst Köhler in seiner vielbeachteten „Berliner Rede” eine Agenda 2020, als ob es keine Agenda 2008 gäbe. Diese ist freilich weniger beachtet, aber wesentlich wichtiger als das „falsche Zeugnis” des Präsidenten Landlos. Die Agenda 2008 ist im Nievenheimer Manifest festgelegt und gemäß des klaren und unmißverständlichen Auftrags des Grundgesetzes unverzüglich zu vollziehen: eine Verfassung, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen wird (Artikel 146 GG).

Seit dem 3.10.1990 ist „die Politik” mit der Vollziehung des Artikels 146 in Verzug. – Seit fast 18 Jahren also. – Man hat es sich bequem gemacht. Unser „Bundesadel” lebt ja auch prächtig auf Kosten der Allgemeinheit. – Was immer man auch nicht leistet, das Gehalt und die Pension werden erbarmungslos zum Monatsanfang überwiesen. – Dabei hat weder Horst Köhler noch die Merkel-Steinbrück-Gruppe Anspruch auf Vergütung aus der Staatskasse. Alle seit dem 23. Mai 1949 vorgenommenen Präsidenten- und Kanzlerwahlen sind verfassungswidrig und damit so nichtig wie eine von Hape Kerkeling vollzogene Trauung oder die Ersteigerung eines Grundstücks am Starnberger See bei E-Bay. Die Formvorschriftten des Grundgesetzes sind zwingendes Recht, weil sie den Willen des Inhabers der verfassungsgebenden Gewalt unmißverständlich wiedergeben. „Normadressaten” des Grundgesetzes sind nicht die Bürger, sondern vielmehr die Inhaber der im Grundgesetz aufgeschlüsselten sozialen Dominanzstellungen. Dazu gehört das Präsidenten- wie das Kanzleramt.

DER SPIEGEL verpaßte  seiner Ausgabe vom 12.5.2003 die Titelstory „Die enthauptete Republik”, was mich veranlaßte, dem zu widersprechen und den Titel umzufirmieren: die BEHAUPTETE REPUBLIK:

Der Spiegel

Z. Hd. Herrn Chefredakteur

Stefan Aust

Brandstwiete 19

8.7.2003

20457 Hamburg

 

(…)Auf den ersten Blick scheint es weit hergeholt, das „Staatssäckel“ als eine Art „virtuellen Monarchen“ zu betrachten. – Aber auch nur auf den ersten Blick, denn das „Staatssäckel“ hat eine dem Hirschgeweih verblüffend ähnliche Wirkung:

„(…)Das Geweih ist daher ein für das Tiersubjekt höchst bedeutsames Symbol – solange es in der typischen Weise getragen wird.

Wie stark die Beachtung des Geweihs im Sozialverband wirken kann – und entsprechend im Gebaren seines Trägers –, mag ein Einzelfall zeigen, der sich in einem privaten Tierpark in einem Rudel von Damhirschen abgespielt hat und den Bruhin mitteilt: „Während der Brunft (Dezember 1952) mußte der sechsjährige α-Schaufler (Albino) abgetan werden, da er einen Spießer und eine Kuh tödlich geforkelt hatte. Das α-Männchen wurde deshalb in Sichtweite der anderen Tiere abgeschossen. Durch den Abschuß entstand im Rudel eine merkliche Entspannung, und bald wurde die α-Stellung vom vierjährigen β-Bock, der regelmäßig mit dem α-Bock gekämpft hatte, eingenommen. Am toten Tier trennte man den Kopf ab, um ihn später im Fell zu präparieren. Das Stück wurde einige Tage für das Rudel unsichtbar in einem benachbarten Schopf aufbewahrt. Nun brachte man den Kopf außerhalb am Gitter des Geheges in der Höhe eines zur Kampfstellung geneigten Kopfes an. Die Geweihzacken wurden zu diesem Zweck in die Maschen des Gitters festgeklemmt. Sobald das Rudel den Kopf wieder erblickte, flüchtete es, soweit das Gehege gestattete. Bald darauf näherte es sich aber vorsichtig dieser Stelle, wobei der neue Leithirsch der Herde voranging. Er patrouillierte in einer Distanz von zwei Metern vor dem Kopf hin und her, indem er ihn seitlich anäugte. Schließlich wendete er sich ihm frontal zu und versuchte mit ihm zu kämpfen. Als aber kein Gegenstoß erfolgte, verzichtete er sehr bald auf diesen „Kampf“, versuchte es noch ein zweites Mal und nahm dann schließlich nie mehr eine Kampfstellung ein. Auch die übrigen Männchen und weiblichen Glieder der Herde wurden nun vom neuen α-Hirsch an den Kopf herangelassen. Sie näherten sich furchtsam, auf eine Distanz von höchstens 50 Zentimeter.

Nun wurden vor dem aufgehängten Kopf, innerhalb des Geheges, in verschiedenen Distanzen Roßkastanien, ihr Lieblingsfutter, ausgelegt. Bis auf eine Entfernung von ein bis zwei Metern wagten sich nun sämtliche Tiere heran, um Kastanien aufzunehmen. Näher wagte sich einzig der neue α-Hirsch. Es konnte also in diesem Fall beobachtet werden, daß vom α-Tier-Symbol (Kopfgeweih) immer noch eine autoritative, Distanz gebietende Wirkung ausging.

Der Kopf wurde dann einige Stunden entfernt und am selben Tag wieder aufgehängt. Das Verhalten des Rudels war ungefähr dasselbe, nur daß diesmal der junge Leitbock es wagte, die Geweihenden seines ehemaligen Rivalen zu beschnuppern. Ein Kampfversuch wurde jedoch nicht mehr unternommen.“ [1]

Zugegeben, das ist eine etwas makabere Variante von Geßlerhut, Führerbildchen und anderen „Hoheitszeichen“. Aber es dürfte nicht zu bestreiten sein, daß sich gerade in den Worten „Souveränität“ , „Hoheitliches Handeln des Staates“, „Finanzhoheiten“ des Bundes und der Länder  das Geweih des abgeschlagenen Kopfes widerspiegelt, und dem „Fiskus“ als letztem Erben keine andere Funktion zukommt als einem vergammelnden Hirschgeweih – es ist nichts mehr dahinter  außer Luft –

Luft-Hoheit

sozusagen. (…)”

Der oben erwähnte Geßlerhut kam -im wahrsten Sinne des Wortes- am 18.2.2008 auf mich zu. Für 2,95€ lag Schillers „Wilhelm Tell” wie zur Abholung bereit. – Interessanter Dialog, der sich mir offenbarte:

Friedrich Schiller, ein Zeitgenosse des Ernst Moritz Arndts, hatte glasklar erkannt und sauber beschrieben, wie das Spiel der Macht funktioniert. Er hat dem Geßlerhut die Wächter Leuthold und Friesshardt zugeteilt. Friesshardt repräsentiert den 150%igen, der Leuthold ist eher der „Mitläufer“, der sich beschwert:

„Die Reverenz zu machen einem Hut,

Es ist doch traun! ein närrischer Befehl!“

Friesshardt entgegnet: „Warum nicht einem leeren, hohlen Hut?/Bückst du dich doch vor manchem hohlen Schädel.“

Wenn Sie sich in Europa umsehen, Sie werden feststellen, daß die Welt zu mehr als 99,99% aus Geßlerhüten besteht, die wir grüßen sollen. Die sogenannte „Europäische Integration“ hat mit dem europäischen Volk nichts zu tun. Das Heer der „furchtbaren Juristen“, die den Papiertiger „EU-Reformvertrag“ kreierten, haben von Tuten und Blasen keine Ahnung. Man kann den Menschen nicht einfach ein Korsett unverständlicher  Normen verpassen, ohne daß sie sich instinktiv dagegen auflehnen. – Und lehnen sie sich dagegen auf, dann kommen „Ordnungshüter“ vom Schlage eines Dr. Seltsam Schäuble und stellen noch mehr Geßlerhüte auf, die von immer mehr Leutholds und Friesshardts bewacht werden müssen… – Bis die Blase platzt!

Eigentlich müßte angesichts des  „Glühbirnenverbots” den Europäern ein Licht aufgehen, welche Anmaßung sich in Brüssel und in den Köpfen der EU – „Ratsmitgliedern” breit gemacht hat. – Es sind wahrhaft Zustände wie im alten Rom, und zwar im Rom zur Zeit Caesars und Octavians:

 

>>Allerdings, das wissen die wenigsten Bundesadeligen, hat die Befugnis zum Erlaß von Rechtsverordnungen tatsächlich wenig mit dem angemaßten imperium zu tun. Der nach römischem Brauch einschlägige Begriff wäre dictator legibus scribundis et rei publicae constituendae (Diktator für zu schreibende Gesetze und Staatsverfassung) gewesen. Die in diesem Zusammenhang unvermeidliche Verwendung des Begriffs dictator sollte zu Recht Entsetzen hervorrufen. Diktatur riecht nach Tyrannei. – Dem Bürger ist es ziemlich egal, ob seine Rechte unmittelbar durch ein Gesetz oder durch eine Rechtsverordnung eingeschränkt werden. Die Fülle von Verordnungen zeigt, daß die Parlamente mit der Vergabe diktatorischer Vollmachten allzu großzügig sind. Der Inhalt vieler Verordnungen macht deutlich, daß deutsche Politiker ausgesprochen gern und umfangreich von diesen Vollmachten Gebrauch machen. Jetzt schickt Bundesverkehrsminister Klimmt sich gar an, seinen „Wählerauftrag“ dahingehend mißzuverstehen, Tempo 30 in den Städten mit brachialer Gewalt durchzusetzen. Wie gesagt, nach der Zweckmäßigkeit kräht kein Hahn. Der Mißbrauch der Straßenverkehrsordnung nebst zugehörigem Bußgeldkatalog zu Zwecken der Plünderung und Gängelung gewährt ebenfalls einen tiefen Einblick in die psychische Verfassung und offenbart das Menschenbild des jeweiligen Verkehrsministers.

Da dies auch für alle anderen Verordnungen gilt, verheißt die zunehmende Beschränkung der Allgemeinen Handlungsfreiheit nichts Gutes. Und in den Parlamentsgesetzen spiegelt sich ebenfalls das Menschenbild der Parlamentarier wider. Auch das taucht für die Grundfreiheiten der Menschen die Zukunft nicht gerade in rosiges Licht. Das Ende der Republik scheint in greifbarer Nähe. – Die römische Republik jedenfalls endete bekanntlich mit dem Principat des Octavian, besser bekannt als Kaiser Augustus. Kaiser im heutigen Sinne war Augustus allerdings nicht.

„Beim augusteischen Principat handelt es sich – im Gegensatz zur völlig offenen Machtausübung der Diktatur Caesars – nach Entstehung und Wesen um ein verdecktes Machtsystem. Der Princeps war von Anfang an dazu gezwungen, seine Machtstellung zu legitimieren, seine persönliche Qualifikation einzuhämmern und die Wiederherstellung der staatlichen Ordnung, die restitutio rei publicae, zu behaupten – während in der Verfassungswirklichkeit die absolute Macht des Princeps unbestritten, die Verquickung von Staat und domus principis Frau, Kindern, Verwandten, Helfern bis herab zu Freigelassenen und Sklaven, offensichtlich war. Darüber mußte es zur Ausbildung jener Ideologie kommen, die zum Wesen des augusteischen Pricipats gehört, in zunehmendem Maße dann aber auch zu jenem politischen Klima, das durch Widersprüche vielfältigster Art, Verstellung und Heuchelei, Adulation und Opportunismus, Anpassung wie Korruption, Beeinträchtigung freier geistiger Entfaltung und die Vergiftung der gesellschaftlichen Beziehungen durch Denunzianten und Majestätsprozesse gekennzeichnet wurde, kurzum, zur Lebenswirklichkeit des Welt des Tacitus.“ (Christ S. 464f)

Wer wollte ernsthaft in Abrede stellen, daß in unserer eigenen Verfassungswirklichkeit zumindest Ansätze eines Principats der Parteien erkennbar werden. Man denke nur an die Ämterkungelei und die „Versorgung“ abgehalfterter Politiker mit Posten und Pöstchen. – Ich brauche das hier wohl nicht weiter auszumalen und verweise deshalb auf die einschlägigen Berichte in der Tagespresse.

Verfassungsbrüche, die nur zustande kommen, weil eine Krähe der anderen kein Auge aushackt, die Anmaßung einer Rechtssetzungsbefugnis, die verfassungsrechtlich zumindest fragwürdig ist, sind für das virtuelle imperium, auf das unsere Politiker ihre Legitimation stützen, schlechthin konstituierend.

Auf der anderen Seite steht die übergroße Toleranz, die die Presse all dem gegenüber an den Tag legt. Ich hatte schon ganz zu Anfang die Aufgabe der freien Presse in einer Demokratie hervorgehoben und ihr Versagen konstatiert. Weiter oben hatte ich eingeworfen, daß die Presse den Dolch des politischen Mörders ersetzt hat. Dieses Phänomen hat seine Wurzel in dem Bestreben, die Sensationslust der Leute zu befriedigen; aber auch in dem Zwang, Auflage und Einschaltquote in die Höhe zu treiben. Das wissen unsere Politiker und füttern die Medien systematisch, die – Haien gleich – kritiklos alles schlucken , was ihnen zum Fraß vorgeworfen wird. <<(Der Bundesadel S. 76f)

So weit reicht die Kraft der „demokratischen Legitimation” nun wirklich nicht, der Junta um Barroso und den Lakaien des Europäischen Parlaments die DICTATURA LEGIBUS SCRIBUNDIS ET REI PUBLICAE CONSTITUENDAE zuzubilligen.

Gegen die „Berliner Rede“ des „Analog-Guildo-Horn“ ( = Horst Köhler = „ich hab euch alle lieb“) stelle ich das „Nievenheimer Manifest – Grundpositionen für eine deutsche Verfassung nach Artikel 146 des Grundgesetzes vom 19.12.2007“.

Horst Köhler, der sich von aller Welt „Bundespräsident“ titulieren läßt, müßte eigentlich wissen, daß er es nicht ist. Der Begriff „Präsident“ leitet sich nicht vom lateinischen „praesedere“ – = vor-sitzen ab, sondern vom „präsidere“ = schützen, decken ab. Deswegen heißt das Polizeipräsidium auch nicht Präsedium, es ist der „Wachtposten“. – Das Amt de Präsidenten ist also ein Wächteramt. Ohne verfassungsmäßige Wahl hat Köhler nie die Rechte des Bundespräsidenten erwerben können, aber kraft seines Amtseides hat Köhler die Verpflichtungen übernommen: Seine Kraft dem Wohl des Volkes zu widmen, dessen Nutzen zu mehren, Schaden von ihm zu wenden etc, etc. – Diesen Pflichten, und das ist offensichtlich, ist er bis heute nicht nachgekommen. Greifen wir nur ein Beispiel aus der ganzen Litanei heraus: Er hat das Gesetz zur Erhöhung der Mehrwertsteuer unterschrieben. Es wäre seine Aufgabe gewesen, das zu verhindern, denn es mindert den Nutzen des deutschen Volkes und vergrößert dessen Schaden.

Wenn er jetzt „Steuersenkungen“ fodert, hat er entweder nicht begriffen, was er getan hat, oder aber er redet bewußt „falsch Zeugnis wider seinen Nächsten“ – Ich weiß nicht, was aus der Sicht der Allgemeinheit das Schlimmere ist…

Daß Köhler dem Schröder dessen Fahnenflucht ermöglicht hat – Schröder hatte denselben Amtseid wie Köhler abgelegt – offenbart, daß er für das Wächteramt, für die Erfüllung seiner Obhutspflichten gegenüber dem Inhaber der verfassungsgebenden Gewalt (Volk) und dem Grundgesetz nicht geeignet ist.

Hinzu kommt, daß sich Köhler in seiner Amtszeit nicht einmal eine Minute mit dem Auftrag des Grundgesetzes, eine Verfassung zu schaffen, die von dem deutschen Volk in freier Entscheidung beschlossen wird (Artikel 146 des Grundgesetzes), beschäftigt hat.

Bei der allfälligen öffentlichen Ausschreibung des nach Artikel 33 Absatz 2 des Grundgesetzes braucht er sich daher gar nicht erst zu beteiligen. – Betrachten Sie „Köhlers erste Amtszeit“ einmal als „unverbindliche Probezeit“ – er hat gezeigt, daß er den Anforderungen, die an den Inhaber des „Wächteramts“ zu stellen sind, nicht einmal annähernd gewachsen ist.

Man bedenke, dass diese Worte aus dem Jahr 2008 stammen. Zwei Jahre später stellte Horst Köhler unter Beweis, dass er dem „Wächteramt“ nicht gewachsen war und stahl sich einfach davon – „mit sofortiger Wirkung“, wie er sagte. Niemand, zumindest in Deutschland,. Kann sich durch einseitige Erklärung mit sofortiger Wirkung seiner Pflichten entledigen, es sei denn, er hätte einen Grund zur fristlosen Kündigung eines gegenseitigen Vertrages. Nun aber ist das „Dienstverhältnis“, das einen Bunespräsidenten an seine Amtspflichten bindet, kein gegenseitiger Vertrag, sondern ein „besonderes Pflichtenverhältnis“ zum Staat.

Auch das Grundgesetz kennt keine einseitige Erklärung eines Politikers, der Investiturstreitdessen Befreiung von seinen Amtspflichten bewirken würde, somit konnte Köhlers „mit sofortiger Wirkung“ den Weg zur Wahl Wulffs nicht freimachen. Wenn das aber so ist, konnte die Wahl Wulffs nicht dazu führen, dass er auf den Schild gehoben wurde.

Wenn Sie so wollen, ein Investiturstreit mit negativen Vorzeichen.

Für die „politische Kultur“ in Deutschland hat das verheerendere Folgen als jeder Terroranschlag. Seitdem der „Light-Wulff“ den Präsidenten mimt, kann im „Geltungsbereich für die Bundesrepublik Deutschland“ endgültig kein Bundesgesetz mehr in Kraft treten, weil die Person fehlt, die Bundesgesetze „auszufertigen und zu verkünden“ hat, und das ist nun einmal der Bundespräsident.

So ist der Weg frei, den der olle Adenauer vor vielen Jahren in einer flammenden Rede beschworen hatte:

Wir wählen die Freiheit!

Wir wählen die Freiheit, indem wir ( das Volk) der grundgesetzlich auferlegten Pflicht nachkommen und gemäß Artikel 146 des Grundgesetzes in „freier Entscheidung“ eine Verfassung beschließen. An dem Tag, so ordnet es Artikel 146 des Grundgesetzes verbindlich an, tritt das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland außer Kraft. – Damit hat der Spuk und das Geeiere, das die „politschen Parteien“ aller Couleur veranstalten, mit einem Federstrich ein Ende. Mit demselben Federstrich verschwinden auch die „Staatsschulden“, die uns die „Berufspolitiker“ jeden Tag aufs Neue aufbürden wollen, in der Versenkung. – Unser „Bundesadel“ hat sich durch gesetzgeberische Maßnahmen davor geschützt, dem Insolvenzrichter Rede und Antwort stehen zu müssen. Aber Peer Steinbrück wird das Schicksal des Franjo Pooth teilen müssen; er wird die Härte des Gesetzes zu spüren bekommen, denn es ist unser Geld, das die Firma Merkel, Steinbrück & Cie verballert.

Um sicherzustellen, daß die Parteien und unsere „Berufspolitiker“ von der Vorbereitung einer Verfassung nach Artikel 146 des Grundgesetzes ausgeschlossen sind, legt das „Nievenheimer Manifest – Grundpositionen für eine deutsche Verfassung nach Artikel 146 des Grundgesetzes“ vom 19.12. 2007 eindeutig fest:

„Erst recht sind die politischen Parteien von den Vorbereitungen eines oder mehrerer konkurrierender Verfassungsentwüfe ausgeschlossen. Obwohl ihnen Artikel 21 Absatz 1 des Grundgesetzes ihnen formal die Befugnis zur Mitwirkung an der Willensbildung des Volkes einräumt, kommt ihnen dieses Mitwirkungsrecht im Hinblick auf eine Verfassung nach Artikel 146 des Grundgesetzes nicht mehr zu. Sie haben es verwirkt. Noch bevor sich die Mitglieder der gesetzgebenden Körperschaften darüber einig waren, Artikel 146 nicht anzuwenden, bestand Einigkeit innerhalb der politischen Parteien, dem Inhaber der verfassungsgebenden Gewalt sein Recht auf Abstimmung über eine Verfassung vorzuenthalten. Ferner haben die politischen Parteien durch eine ihnen genehme Wahlgesetzgebung in Bund und Ländern dafür gesorgt, daß kaum eine nicht parteigebundene Person Mitglied einer gesetzgebenden Körperschaft werden kann. Verwirkung tritt ein, wenn der Berechtigte von seinen Befugnissen über einen längeren Zeitraum keinen Gebrauch macht und nach außen hin zu erkennen gibt, daß er auch zukünftig auf sein Recht verzichten wird. – Genau das ist hier geschehen.“

Wenn Sie das aufmerksam gelesen haben und über die Querverweise an die Informationen gelangt sind, die exklusiv für Sie bereitstehen, dann sollten Sie eigentlich ein wenig mehr Erkenntnisse gewonnen haben über das, was die sogenannte „Verfassungswirklichkeit“ in ’Schland, oh ’Schland ausmacht.

Wie bemerkte Horst Köhler doch so treffend:

„Machen wir was aus unseren neu gewonnenen Erkenntnissen. Überprüfen wir unsere alten Gewissheiten und überwinden wir unsere Angst vor dem Unbekannten. Dann können wir die Freude entdecken, die in der schöpferischen Aufgabe liegt, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.“ (Berliner Rede 2009)


[1] Adolf Portmann, das Tier als soziales Wesen, Suhrkamp 1978, 284ff m. w. Nachw.

Nachbemerkung: – Es ist schon merkwürdig, daß gerade in dieser Woche  ( 18.11.2010) der STERN mit einer Titelgeschichte aufwartet, der nachvollziehbar macht, warum der Geßlerhuteffekt so gut funktioniert.


Guttenberg: Wirtschaftliche Interessen militärisch verteidigen | tagesschau.de

November 9, 2010

Guttenberg: Wirtschaftliche Interessen militärisch verteidigen | tagesschau.de.

War da nicht mal was ähnliches? – Hat nicht schon mal jemand versucht, die wirtschaftlichen Interessen Deutschlands militärisch durchzuboxen? – Wie war das noch mit der Lehre vom „Lebensraum im Osten“?

Aber herzlichen Dank für die Erinnerung an Köhlers Fahnenflucht.  Habe ich doch kürzlich in diesem Zusammenhang einen schönen Satz gehört:

Recht ist, womit ich durchkomme!

Münzen wir das auf die Politik um, so wird daraus:

Grundgesetzkonform ist, womit die politischen Parteien durchkommen.

So kann und darf es aber im „Geltungsbereich des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland“ nicht sein. Wenn die Parteien – wie so oft – den eigentlich klaren Wortlaut des Grundgesetzes in sein Gegenteil uminterpretieren, verlassen sie den Boden der „freiheitlich-dmokratischen Grundordnung“ und sind als verfassungsfeindlich anzusehen. Sie maßen sich die „dictatura legibus scribundis et rei publicae constituendae“ an, was schon Caesar zum Verfhängnis wurde. Aber dank der selbstgleichgeschalteten Medien dürfen unsere Politiker ungestraft weiterhin ihrem Caesarenwahn frönen.

Denk ich an Deutschland…


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