E.T. und die Dampflok – ein unlösbares Problem der Wissenschaft

September 18, 2012

Wenige Jahre vor der Ankunft von E.T.  gehörten Anblicke wie die folgenden zum Alltag auf deutschen Schienen:  Die Jumbos kommen – BR 44 – YouTube.

Neben dem Komiker ALF gehört E.T. zu den beliebtesten Aliens in den Kinderstuben der Welt. – Und die Kinderzimmer dieser Welt sind die letzten Refugien der Dampflokomotiven. – In „freier Wildbahn“ sind diese „Dinosaurier der Schiene“  fast ausgerottet. – Im übrigen haben sie ihr Rückzugsgebiet neben den Kinderstuben nur noch in den Hobbykellern dieser Welt.

Was aber haben E.T. und Dampfloks mit der Wissenschaft zu tun?

Augenscheinlich gar nichts!

Portrait

E.T. startete von einem fernen Planeten in einem fernen Sternensystem. Laut Steven Spielbergs landeten die Aliens in Kalifornien. Was Spielberg verschwieg, ist die Tatsache, daß sie ihn auch wieder abholten. Dabei haben sie sich verflogen und landeten in der schwäbischen Provinz. Die Koordinaten des intergalaktischen Navigationssystems weisen auf Göppingen hin. – Göppingen, Göppingen  und die schwäbische Sparsamkeit waren den Aliens fremder als die kalifornische Lässigkeit. Also verließen sie den Ort so rasch wie möglich wieder. E.T., hatte sich bei der Zwischenlandung freilich in seinem jugendlichen Leichtsinn in eine Fabrikhalle der Firma MÄRKLIN verirrt, Er wurde einfach vergessen und blieb erneut auf der Erde zurück.

Wer sich in interstellaren Verkehrssystemen auskennt, ist naturgemäß daran interessiert, wie die endemische Population eines fernen Planeten – also die „einheimische Bevölkerung der Erde“ ihre Transportprobleme in den Griff kriegt.

Im Weltraum gibt es keine Schienen, also war die Rad-Schiene-Technik für E.T. von besonderem Interesse. – Faszniert war er vor allem von diesen bizarren schwarzen Maschinen mit den roten Rädern und den seitlich angebrachten Stangen, die sich hin- und herbewegten.

Zunächst unbemerkt verfolgte E.T. den Produktionsprozeß. Wie der Zufall es so wollte,wurde E.T. Zeuge der Herstellung einer Lokomotive der Baureihe 44. Auf Erden eine schwere Güterzuglokomotive mit einer Vorlauf- und fünf Treibachsen.

Mit 47 Jahren noch ein schönes Model

Dampflok mit Elektroantieb

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter setzten Achsen, Zahn- und Speichenräder in zwei Zinkgußteile ein und schraubten diese aneinander. Zwischen der dritten und vierten Treibachse entstand so ein Gelenk. Mit einer weiteren Schraube wurde die Vorlaufachse beweglich mit dem Chassis verbunden.

Mit für Aliens unbekannten Tricks, die der Erdenmensch „Feinmechanik“ nennt, wurden die Treibstangen mit den Rädern und zwei offensichtlich funktionslosen ovalen Anhängseln des Fahrgestells verbunden.

Und alles wird über die Zahnräder angetrieben, die man – wohl aus ästhetischen Gründen – hinter den Treibrädern versteckt.

Wie in jedem Betrieb gab und gibt es auch bei MÄRKLIN erfahrene und unerfahrene Mitarbeiterinnen und -arbeiter. Beim Anbau des Gestänges mußte E.T. miterleben, daß es ein Problem gab, das aber alsbald gelöst wurde:

„Muscht nur die Stange in die Zylinder schtecke“! – Und dann klappte es. E.T. blätterte in seinem „Intergalaktischen Wörterbuch“ und fand dort den Zylinder als „merkwürdige Kopfbedeckung der irdischen Spezies Mensch“ beschrieben.

Für E.T. machte das seine Beobachtungen immer merkwürdiger. – Zylinder nicht oben sondern an der Seite?

Es blieb freilich keine Zeit, sich weiter über den Zylinder Gedanken zu machen, denn die nächsten Schritte beim Bau einer Dampflok weckten Vertrauen in die universalen Gesetze des Antriebs: Strom.

Elektromagnetismus und Ohmsches Gesetz. – Überall im Universum daheim. Deswegen war für E.T. der Einbau von Motor und Umschaltrelais auch ein vertrauter Anblick. – Elektromotoren finden sich auch in jedem Raumschiff..

Am Ende stülpte man über das Fahrgestell ein bizarres schwarzes Gehäuse mit einer Art „Hasenohren“ an der Seite. – Allein, echte Hasenohren weisen nach oben und sind nicht längsseits am Körper befestigt. – „Merkwürdige Menschen!“ – dachte sich E.T.

Was die Gestalt der Dampflok anbelangt, geriet E.T. vollkommen in Verwirrung, als der Lok auch noch ein kastenförmiger Schwanz angehängt wurde, ein Schwanz, mit dem sich nicht einmal wedeln läßt. – Ein Schwanz ist zum Wedeln da, so steht es in den interstellaren Handbüchern für den Planeten Erde. Dieser aber hat Räder und folgt immer derselben Spur wie die Lokomotive.

Bei der Endabnahme der Lok war es E.T. schnell klar, wie eine Dampflok funktioniert, denn Elektrotechnik ist nicht nur global, sie ist universal: Die zur Fortbewegung nötige Energie wird Dampflokomotiven durch Skischleifer über Punktkontakte zugeführt, die sich zwischen den Fahrschienen befinden. Ein Überspannungsimpuls sorgt für das Wechseln der Fahrtrichtung.

E.T. wußte nun, was eine Lokomotive ist, aber ihm war noch ncht klar, wofür eine Lok, die mit so viel Liebe hergestellt wird, überhaupt da ist.

E.T.’s Streifzug durch die Produktionsstätten führte ihn auch an den Ort, wo die Produkte verpackt werden. Sein Blick fällt fast unwillkürlich auf eine „Anfangspackung“. – E.T. war schließlich, was die Eisenbahn anbelangt, Anfänger.

„Oh! – die Menschen müssen unheimlich viel Ahnung von Raumkrümmung haben!“ – dachte sich E.T., als er den Inhalt einer Anfangspackung unter die Lupe nahm. Eine kleine Lok, zwei Wagen und Schienen, die einen Kreis beschreiben. – Wenn die Lok sich in einer Richtung fortbewegt, gelangt sie an ihren Ausgangspunkt zurück, ohne daß sie die Fahrtrichtung wechseln muß. – Lokomotiven, so E.T.’s Schlußfolgerung, beschreiben einen Orbit. – Wie ein Raumschiff oder ein Mond um einen Planeten oder ein Planet um eine Sonne.

„Die Dampflok ist ein Orbiter um einen winzig kleines „schwarzes Loch“. – anders kann es nicht sein, weil ein Zweck in der durch und durch zweckbestimmten Welt des Menschen nicht erkennbar ist.“ – so jedenfalls stellte sich E.T. das Wesen einer Dampflokomotive vor.

In der Abteilung, in der Gleispläne entworfen werden, fand E.T. seine Vermutung bestätigt. Er stellte erstaunt fest, daß bei aller Verzerrung, Kreuz- und Querverbindung der Geleise, trotz aller Weichen und Brücken die Orbit- oder Kreislaufstruktur der Eisenbahn erhalten blieb. Die Gleispläne waren so durchdacht, daß ein Zug immer wieder seinen Ausgangspunkt erreichen konnte ohne die Fahrtrichtung zu wechseln. E.T begriff, weshalb die Dampflok zwischen der dritten und vierten Treibachse ein Gelenk hatte: Die Konstruktion war dem Erfordernis geschuldet, möglichst viel Eisenbahn auf kleiner Fläche unterzubringen und die engen Kurvenradien zu befahren.

Große Welt auf kleinen Schienen! – E.T. wird Eisenbahnfan.

Davon wiederum sind die MÄRKLIN-Mitarbeiter regelrecht begeistert. – Man hat ja nicht jeden Tag einen Alien zu Gast, der sich für die Firma und ihre Produkte interessiert. Aus diesem Grunde entschließt sich die Firmenleitung, E.T. Die Teilnahme an einer Dampfloksonderfahrt zu ermöglichen, damit er das „große Vorbild“ kennenlernt.

( Quelle: http://www.dampfsound.de/44db/44db-sound/44db-sound.html)

Wie gesagt – so getan.

Bevor E.T. auf die Reise geht, überzeugt er sich von der Leistungsfähigkeit der Dampfloks zunächst im Internet. – „Ach,du liebe Galaxis! – Was ist das denn? – Die Dinger machen ja einen Krach wie ein UFO beim Start!“:

Die Jumbos kommen – BR 44 – YouTube.

E.T. bekommt große Augen, als er zum ersten mal eine Dampflok sieht, die nicht in Göppingen gefertigt wurde. – Das „Ding aus einer anderen Welt“ kann er auf einmal mit allen fünf Sinnen erfassen: Er kann es nicht nur sehen, er hört und riecht es . – Und – sobald er Rußpartikel im den Mund bekommt, schmeckt er es auch . – Nur anfassen, das ist nicht unbedingt angesagt, denn das Ding ist heiß, verdammt heiß!

Und dann das Cockpit einer Dampflok– es ist mit seinen Rädern , Hebeln und Monometern verwirrender als die Kommandozentrale eines schnellen Raumkreuzers.

Sein Blick fällt auf den Schrecken aller Astonauten: „Feuer im Cockpit!“ ruft er laut und springt aus dem Führerstand.

E.T hat keine Zeit mehr zum Nachdenken, denn mit ohrenbetäubendem Zischen bläst das Sicherheitsventil überschüssigen Dampf in die Luft.- Verstört sucht E.T. Schutz unter der Lok.

Was er da sieht, nein, was er dort nicht sieht, stellt sein Weltbild vollkommen auf den Kopf:

Das kennt er nicht, das ist mit seiner interstellaren Dampfloktheorie nicht vereinbar. – Skischleifer fehlen! – Zwischen den Schienen gibt es keine Punktkontakte! – Und die gigantische Schraube zwischen der dritten und vierten Treibachse fehlt auch. – Wie soll das Ding mit seinen fünf Achsen die Kurve kriegen?

E.T. ist vollkommen durcheinander, er versteht die irdische Welt nicht mehr.: In der Rauchkammer fehlen Elektromotor und Umschaltrelais. Es gibt auch keine Zahnräder. Es gibt keine mechanische Verbindung zwischen dem Kesselinneren und den Rädern – Wie bewegt sich dieses „ Ding aus einer anderen Welt“ denn überhaupt?

Die Crew der Lok lockt E.T aus seinem Versteck, denn weder als Lokführer noch als Heizer möchte man einen Alien überfahren.

Sie entführen ihn erneut auf den Führerstand und erklären ihm die Funktionsweise der Lokomotive:

Mit dem Feuer im Cockpit wird Dampf erzeugt. Der Dampf wird in die Zylinder gepreßt, die sich im Innerern der merkwürdigen ovalen Anhängsel verbergen. Diese Zylinder bewegen die Treibstangen. Die Treibstangen sind mit Kuppelstangen verbunden, die so etwas wie einen „Treibsatz“ bilden. Sie setzen die mannshohen Räder in Bewegung und sorgen für den Vortrieb.

E.T. begreift: Alles ist anders! – Jetzt wird ihm auch die Bedeutung des kastenförmigen Schwanzes klar. – So eine Art Brennstoffzelle.

Der Lokführer erklärt ihm auch, daß die Eisenbahn ein Transportmittel ist, dazu bestimmt, weit voneinander entfernte Orte auf möglichst kurzem Weg miteinander zu verbinden. Paradebeispiel ist die „Union Pacific“, die Ost- und Westküste der Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert zusammenführte. – Eine ringförmige Anordnung der Streckenführung kommt nur in Ausnahmefällen (Berliner Ringbahn) vor.

Und nun kommt E.T. ins Nachdenken darüber, wie Dampflok und Schienenstrang existieren können, obwohl sie seiner Theorie widersprechen. – Oder ist seine Theorie von Dampflok und gekrümmter Schienenwelt falsch? Weil Dampfloks existieren, obwohl sie der Theorie widersprechen, kann eigentlich nur die Theorie falsch sein. – So die Schlußfolgerung des Außerirdischen.

Und damit wären wir bei der Wissenschaft und ihrem größten Problem angelangt, nämlich der Theorienbildung anhand von „Modellen“.

Eine MÄRKLIN – Dampflok ist ein Modell, das eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Vorbild hat, aber in seinem Verhalten fundamentale Unterschiede zeigt. Warum sollten wissenschaftliche „Modelle“ nicht das Schicksal der MÄRKLIN-Dampflok teilen?

„Modelle“ gibt es in allen wissenschaftlichen Disziplinen. – Wie bei der Eisenbahn ist eines der beliebtesten Modelle das „Kreislaufmodell“. Die Medizin verwendet es ebenso wie Biologie, Geologie, die Physik und die Wirtschaftswissenschaft. – Aber in der Natur gibt es keinen einzigen Prozeß, der jemals wieder an seinen Ausganspunkt zurückkehren würde, also einen vollkommenen „Kreis“ beschreibt. – Nicht einmal die Bahn des Mondes läuft in sich zurück, weil der Mond sich pro Jahr um rund 3 cm von der Erde entfernt. – Eine Abweichung von auch nur einem Tausendstel Millimeter pro Umlauf bedeutet eine einhundertprozentige Abweichung von der Kreisbahn:

Das Sonnensystem umläuft das Zentrum der Milchstraße und macht zugleich die Expansionsbewegung des Universums mit. – Auch die Erdbahn und die Bahnen der anderen Planeten laufen nicht in sich selbst zurück.

– Wieder einmal kann man nur die Modellbahn im Kreis laufen lassen, aber keinen natürlichen Vorgang. – Nicht einmal der Ursprung aller „Kreislaufmodelle“, nämlich der menschliche Blutkreislauf, läuft in sich selbst zurück. – Das Blut, das vom Herzen aus auf die Reise durch ein immer komlexer werdenes Röhrensystem geschickt wird, ist kein Zug auf der Schiene, sondern ein hochkomplexes Gemisch aus einer Nährlösung, Zellen und nichtzellulären komplexen Molekülen. – Es gibt keinen „Rückwärtsgang“; auf dem Weg sterben Zellen ab und neue kommen hinzu. – Das „Blut“, das am Ende seiner komplexen Reise wieder am Herzen ankommt, ist nicht mehr dasselbe „Blut“, das vom Herzen weggepumpt wurde. Ferner landet das Gemisch in einer anderen Herzkammer als der, von der es startete…

Ob Wasser oder Kohlendioxid, auch in der Atmosphäre finden „Kreisläufe“ nicht statt. Nehmen wir das Kohlendioxid: Es ist schwerer als Luft. Es kommt aus den Vulkanen, aber es kommt auch von oben aus der Stratosphäre. Methan, das ebenfalls von der Erde, aber auch von Organismen ausgegast wird, steigt nach oben. Methan ist ein Kohlenstoffatom im Wasserstoffballon und so leicht, daß es problemlos die Stratosphäre erreicht. Hier sprengt die Höhenstrahlung das Methanmolekül auseinander. Der Wasserstoff entweicht in den Weltraum, der Kohlenstoff verbindet sich mit dem vagabundierenden Sauerstoff ehemaliger Wassermoleküle zu Kohlendioxid. Durch den Einfluß der Höhenstrahlung entsteht auch das radioaktive Isotop des Kohlenstoffs, der als „C-14“ bekannt ist. Die Kohlendioxidmoleküle schweben langsam zum Erdboden und werden von den Organismen aufgesogen. Obwohl das radioaktive C-14 sehr selten ist, ist es doch so häufig, daß es noch nach rund 50.000 Jahren in den Überresten von Organismen nachweisbar ist.

Das „Kreislaufmodell“, das so viele Prozesse in der Welt darstellen soll, ist zur Beschreibung der Prozesse in dieser Welt dermaßen untauglich, daß man es unverzüglich aufgeben sollte.

Vor allem die berühmten „Kreisläufe“ des „Fressens und Gefressenwerdens“ und „von Werden und Vergehen“ sind alles andere als Kreisprozesse, die in sich selbst zurücklaufen:

Hasen fressen keine Hunde, Gras frißt keine Kühe. – Und Kühe fressen nicht einmal Gras, denn die Pflanzen, deren Halme sie abweiden, überleben den „erbarmungslosen“ Angriff der Weidetiere unbeschadet.

„Werden und Vergehen“ – auch hier kehrt die Natur nie an den Startpunkt zurück. – Sie und ich waren am Anfang des Lebens ein Einzeller. – Aber wir landen am Ende auf dem Friedhof und nicht erneut in einer Gebärmutter.

Der Sprachgebrauch leistet Mythen Vorschub und versperrt dabei gleichzeitig den Blick auf die Vorgänge, die tatsächlich und unabhängig von unseren Vorstellungen und Theorien über sie ablaufen.

Das allseits beliebte „Kreislaufmodell“ hat sich aber nicht nur in der Naturwissenschaft in unzulässiger Weise etabliert.

Besonderer Beliebtheit erfreut es nach wie vor in den – ach so wichtigen – „Wirtschaftswissenschaften“:

Wirtschaftskreislauf

Ähnlich wie es im Körper von Lebewesen einen Kreislauf des Blutes gibt, der sich ständig wiederholt, läßt sich auch die Wirtschaft durch einen Kreislauf wiedergeben. Ständig fließen Güterströme von den Produzenten zu den Konsumenten (Güterkreislauf), denen Gegenströme (Geldkreislauf) in entgegengesetzter Richtung entsprechen.

Die Haushalte fragen auf dem Markt Güter nach (Nachfrage), die dort von den Unternehmen angeboten werden. Zur Produktion der Güter benötigen die Unternehmen Produktionsfaktoren (z. B. Arbeit), die ihnen auf dem Faktormarkt von den Haushalten angeboten werden und in die Produktion als Realkosten (Kosten) eingehen. Damit ist der Güterkreislauf geschlossen. Die in diesem Kreislauf den Haushalten zugeleiteten Güter sind gleichsam ihr reales Einkommen für die von ihnen bereitgestellten Produktionsfaktoren. In ländlichen Gebieten werden gelegentlich immer noch Naturalien (z. B. Kartoffeln, Eier, Fleischwaren) als Gegenleistung für eine Arbeit (z. B. für eine ärztliche Dienstleistung) „gezahlt“. Allgemein üblich ist in der modernen Wirtschaft jedoch die Bezahlung in Geld. Für das Angebot der Haushalte an Faktorleistungen erhalten sie ein Geldeinkommen. Dieses Geld geben die Haushalte für den Kauf von Gütern aus; diese Ausgaben stellen wiederum die Erlöse (Umsatz) der Produzenten dar, die davon nun erneut Produktionsfaktoren nachfragen. Dieser Geldkreislauf ist (im Gegensatz zum Güterkreislauf) ein echter Kreislauf, weil (wie im menschlichen Körper das Blut) immer dasselbe Geld umläuft.

Das Schaubild zeigt einen einfachen Wirtschaftskreislauf, der aber das wesentliche des Wirtschaftprozesses (Produktion und Konsumtion) kennzeichnet. Es könnte erweitert und den komplizierten Erscheinungen in der Wirtschaft weiter angenähert werden, wenn beispielsweise das Sparen der Haushalte bei den Kreditinstituten und die daraus finanzierten Investitionen der Unternehmen, der Staat mit seinen Einnahmen (Steuern) und Ausgaben (Staatshaushaltsplan), die Einfuhr und Ausfuhr eines Landes (Zahlungsbilanz) und das Wirtschaftswachstum der Güterproduktion berücksichtigt würden. Die Idee des Wirtschaftskreislaufs stammt von dem französischen Gelehrten Francois Quesnay (1694-1774), der den Zusammenhang von Produktion und Konsum in seinem „Tableau econonomique“ darstellte und in Geldgrößen erfaßte. Er gilt wegen dieser Leistung als der Begründer der Volkswirtschaftslehre als Wissenschaft. Quesnay, selbst Arzt, stand dabei unter dem Eindruck des erstmals 1628 von dem Engländer William Harvey erkannten menschlichen Blutkreislaufs. ( Horst Günter, Jugendlexikon Wirtschaft, Reinbek 1981, S. 180ff)

Von Anbeginn der Welt an haben sich Organismen zur Erreichung bestimmter Ziele zur Organisationseinheiten zusammengeschlossen. Egal, wie man sie nennt: Rudel, Herde, Schar, Schwarm oder Staat. Manche von ihnen sind „arbeitsteilig“ organisiert. Obwohl Arbeitsteilung in der Natur gang und gäbe ist, gilt sie nach wie vor als „Privileg“ des Menschen. Die „Arbeitsteilung“ gilt sogar manchen als der Ursprung der Wirtschaft. Und so nimmt es auch nicht wunder, daß man sich über Herkunft und Funktion einer „Organisation“ streitet:

Wie in der Alltagssprache wird der Organisationsbegriff auch in der Wissenschaftssprache inhaltlich unterschiedlich verwendet. Es lassen sich v. a. 3 Grundauffassungen unterscheiden:

1. Organisation in institutionaler Begriffsauffassung wird als zielgerichtetes, offenes, sozio-technisches System bzw. soziales Gebilde aufgefaßt. Organisation ist ein Oberbegriff für Institutionen aller Art, wie z. B. Unternehmungen, Krankenhäuser. Die Unternehmung ist eine Organisation!

2. Der instrumentale Organisationsbegriff versteht unter Organisation die Gesamtheit aller generellen expliziten Regelungen zur Gestaltung von Aufbau- und Ablaufstrukturen des Betriebes. Er setzt die Struktur als ein System formaler Regeln mit der Organisation gleich. Die Unternehmung hat eine Organisation!

3. Der funktionale Organisationsbegriff beinhaltet das Organisieren. Er umfaßt die Strukturierung bzw. die Organisation als Tätigkeit. Es geht um die Gestaltungsfunktion der Führung. Die Unternehmung organisiert!

Im Rahmen der Organisationslehre wird insbesondere der zweite Begriff verwendet. Betriebe sind dabei der Intention nach rational gestaltete Gebilde und Prozesse die sich wie folgt beschreiben lassen:.

Unter der Aufbauorganisation wird die Festlegung des Gebildes „Betrieb“ nach den Merkmalen der Verrichtung und des Objekts verstanden. Dies betrifft die Gliederung des Betriebes in arbeitsteilige Einheiten (Spezialisierung) und hierarchische Elemente (Konfiguration) sowie ihrer Koordination.

Die Ablauforganisation ist durch die Festlegung der spezifischen Arbeitsteilung der Zeit und des Raums im Arbeitsprozeß gekennzeichnet. Sie strukturiert somit das prozessuale Geschehen und determiniert das in der Aufbauorganisation festgelegte Handeln weiter.

Bei der Aufbau- und Ablauforganisation handelt es sich um zwei Betrachtungsweisen des gleichen Gesamtproblems der Organisation nach verschiedenen Gesichtspunkten. Sie stehen dabei einem Wechselverhältnis zueinander, so daß in der konkreten Organisationsarbeit keine der beiden Betrachtungsseiten vernachlässigt werden kann.

Fred G. Becker, Organisationslehre, in Rolf Walter (Hrsg) – Wirtschaftswissenschaften – Eine Einführung, Paderborn, München,Wien, Zürich 1997 S. 334 ff

Der „Wirtschaftskreislauf“ ist nicht das einzige Modell der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, das bei näherem Hinsehen einer eingehenden Überprüfung nicht stadhält.

Der „Homo oeconomicus ‚Wirtschaftsmensch“ ist laut Wikipedia in der Wirtschaftswissenschaft das theoretische Modell eines Nutzenmaximierers zur Abstraktion und Erklärung elementarer wirtschaftlicher Zusammenhänge. – Er ist der „Marktteilnehmer“ des „Anlégerfernsehens“, der jederzeit über alle Informationen des Marktgeschehens verfügt und aufgrund seiner Kenntnisse rationale Entscheidungen trifft. – Er ist nicht das einzige „Menschenmodell:

Andere Modelle in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sind beispielsweise der

Homo sociologicus (der Mensch als Resultante seiner sozialen Rollen nach Ralf Dahrendorf)

Homo politicus (der politisch tätige Mensch, siehe auch: Neue Politische Ökonomie)

Homo oecologicus (der Mensch als ökologisch handelndes Wesen)

Homo culturalis (starke Schnittmengen mit den Konzepten des Homo sociologicus und

Homo oecologicus)

Homo biologicus

Homo reciprocans (berücksichtigt das Verhalten anderer Akteure)

Homo laborans (der Mensch als arbeitendes Wesen)

Homo ludens (der Mensch als spielendes Wesen)

Homo cooperativus (der Mensch als Akteur innerhalb einer Gruppe von Menschen)

Homo socio-oeconomicus

Wahrscheinlich fahren alle diese „Modellmenschen“ wie die Modelleisenbahn irgendwie im Kreis herum, so wie es der „Homo oeconomicus“ von Geburt an tut:

In seiner grundlegenden Arbeit “Homo oeconomicus versus homo reciprocans” konnte Armin Falk das „Modell“ vom Menschen als “krasssem Egoisten” widerlegen. 

Güter „fließen“ vom Produzenten zum „Verbraucher“, aber sie fließen nicht wieder zu ihm zurück. Das „Geld“ wiederum ist nur ein Symbol für die „Werthaltigkeit“ anderer Tauschobjekte: Waren und Dienstleistungen. – Wie lange muß z. B. ein Kneipengast singen oder Gläser spülen, bis er seinen Deckel von 13,50 € „bezahlt hat? – Die Behauptung : „Dieser Geldkreislauf ist (im Gegensatz zum Güterkreislauf) ein echter Kreislauf, weil (wie im menschlichen Körper das Blut) immer dasselbe Geld umläuft.“ (siehe oben, Horst Günter aaO.) ist, wie wir oben gesehen haben, schlicht falsch, weil Blut eben nicht gleich Blut ist.

Das Herz ist also kein Modellbahner, der seinem Zug freie Fahrt gibt, es gleicht eher einem Croupier, der die Kugel in den Kessel wirft. – Auch diese Kugel beschreibt augenscheinlich eine Kreisbahn, bis sie in einem der Zahlenfächer hängenbleibt.

Der französische Mathematiker, Physiker und Philosoph Henri Pointcaré erkannte frühzeitig die Unvollständigkeit der Kreisbahn und deren „Schraubenform“, die so empfindlich gegenüber ihren Anfangsbedingungen ist, daß eine exakte Voraussage, welche Zahl bei dieser Runde des Roulettes gewinnt, exakt unmöglich ist:

„Es war angemessen, daß Poincaré als erster die Empfindlichkeit iterativer Systeme gegenüber ihren Anfangsbedingungen bemerkte. Als leidenschaftlicher Spieler hatte der große französische Mathematiker beobachtet, daß die winzigen Unterschiede in dem Schwung, den ein Croupier der Kugel im Rouletterad verleiht, unermeßlichen Einfluß darauf haben, in welches Fach die Kugel schließlich fallen wird. Der Ruf des Croupiers wird uns nun verständlich als der Ruf des Chaos, der Ordnung, des Wandels – und als der hallende Ruf des Ganzen: »Immer rundherum im Kreis, wie lange noch – wer weiß?«“ (John Briggs/David Peat, Die Entdekcung des Chaos, München 1993, S. 110f)

Und jetzt verlassen wir die Kreisbahnen, die keine sind und wenden uns anderen „Modellen“ zu:

„Organisation“ hat offenbar sehr viel mit „Organ“ zu tun. – Wir alle spüren im Straßenverkehr die „Macht der staatlichen Organe“ , die uns als „Polizei“ begegnen. – Daß man dem „Staat“ überhaupt „Organe“ zudiktiert, hängt wieder mit einem „Modell“ zusammen:

Ich darf wiederholen:

Wie in der Alltagssprache wird der Organisationsbegriff auch in der Wissenschaftssprache inhaltlich unterschiedlich verwendet. Es lassen sich v. a. 3 Grundauffassungen unterscheiden:

1. Organisation in institutionaler Begriffsauffassung wird als zielgerichtetes, offenes, sozio-technisches System bzw. soziales Gebilde aufgefaßt. Organisation ist ein Oberbegriff für Institutionen aller Art, wie z. B. Unternehmungen, Krankenhäuser. Die Unternehmung ist eine Organisation!

2. Der instrumentale Organisationsbegriff versteht unter Organisation die Gesamtheit aller generellen expliziten Regelungen zur Gestaltung von Aufbau- und Ablaufstrukturen des Betriebes. Er setzt die Struktur als ein System formaler Regeln mit der Organisation gleich. Die Unternehmung hat eine Organisation!

3. Der funktionale Organisationsbegriff beinhaltet das Organisieren. Er umfaßt die Strukturierung bzw. die Organisation als Tätigkeit. Es geht um die Gestaltungsfunktion der Führung. Die Unternehmung organisiert!

Im Rahmen der Organisationslehre wird insbesondere der zweite Begriff verwendet. Betriebe sind dabei der Intention nach rational gestaltete Gebilde und Prozesse die sich wie folgt beschreiben lassen:.

Unter der Aufbauorganisation wird die Festlegung des Gebildes „Betrieb“ nach den Merkmalen der Verrichtung und des Objekts verstanden. Dies betrifft die Gliederung des Betriebes in arbeitsteilige Einheiten (Spezialisierung) und hierarchische Elemente (Konfiguration) sowie ihrer Koordination.

Die Ablauforganisation ist durch die Festlegung der spezifischen Arbeitsteilung der Zeit und des Raums im Arbeitsprozeß gekennzeichnet. Sie strukturiert somit das prozessuale Geschehen und determiniert das in der Aufbauorganisation festgelegte Handeln weiter.

Bei der Aufbau- und Ablauforganisation handelt es sich um zwei Betrachtungsweisen des gleichen Gesamtproblems der Organisation nach verschiedenen Gesichtspunkten. Sie stehen dabei einem Wechselverhältnis zueinander, so daß in der konkreten Organisationsarbeit keine der beiden Betrachtungsseiten vernachlässigt werden kann“ (Fred G. Becker, s.o. AaO.))

Haben Sie aufmerksam glesen: „Die „Organisationslehre verwendet vor allem den zweiten Begriff: ein Unternehmen „hat eine Organisation“. – Ein Unternehmen hat die Organisation, weil es sie der Lehre nach zu haben hat. – Und weil die „Organisation“ etwas ist, das dem Unternehmer „gehört“ – unterliegt sie der Willkür des „Eigentümers“. – Jeder darf schließlich die Betriebsanleitung seines Autos „entsorgen“, wenn er meint, seinen Wagen bis ins Detail „beherrschen“ zu können.

Allein das Organisationsmodell Nr. 1 würde unsere Ökonomen und Politiker in Erklärungsnot bringen. – Wenn Unternehmen und „Staaten“ Organisationen sind, wo gibt es dann „oben“ und „unten“. – Die Hierarchien kommen ins Schleudern. Und man muß sich ernsthaft fragen, ob die, die sich als „Kopf“ eines Unternehmens betrachten, vielleicht am anderen Ende des Verdauungstrakts ihr einzig zulässiges Siedlungsgebiet haben.

Für die Organisation des „Staates“ ist das mittlerweile offensichtlich. „Der Staat und seine Organe“ gehen in Lösung über, wenn das liberale Wirtschafts- und Menschenbild sich als unzutreffend erweist.

Nicht nur die Ökononomie modelliert sich den Menschen, den sie zur Stützung ihrer Theorie braucht:

„…das Sozialwissenschaftliche Standardmodell (SSM), dominiert seit den zwanziger Jahren das intellektuelle Leben. Es entstand aus der Verbindung zweier Ideen aus Anthropologie und der Psychologie.

1. Wahrend Tiere strikt von ihren biologischen Gegebenheiten
gesteuert werden, wird das menschliche Verhalten von der Kultur,
einem autonomen System aus Symbolen und Werten, bestimmt.
Da sie frei von biologischen Zwängen sind, können Kulturen
willkürlich und ohne Einschränkung variieren.

2. Menschliche Säuglinge besitzen bei ihrer Geburt nichts weiter als
ein paar Reflexe und die Fähigkeit zu lernen. Das Lernen ist ein
Allzweckmechanismus, der in allen Wissensbereichen angewendet
wird. Kinder lernen ihre Kultur durch Unterweisung, Belohnung
und Bestrafung sowie durch Rollenmodelle.

Das SSM ist nicht nur die akademische Grundlage der Humanwissen­schaften, sondern gilt auch als die säkulare Ideologie unseres Zeitalters, als diejenige Haltung gegenüber dem Wesen des Menschen, die jede anständige Person einnehmen sollte. Von ihrer Alternative,die manchmal »biologischer Determinismus« genannt wird, wird behauptet, daß sie den Menschen starre Positionen in der soziopolitisch-ökonomischen Hier­archie zuweist und zahlreiche Greuel der letzten Jahrhunderte verschul­det hat — wie Sklaverei, Kolonialismus, Diskriminierung von Rassen und Völkergruppen, wirtschaftliche und soziale Kasten, erzwungene Sterilisierung, Sexismus und Genozid.Zwei der berühmtesten Begründer des SSM, die Anthropologin Margaret Mead und der Psychologe John B. Watson, hatten diese sozialen Schlußfolgerungen eindeutig im Sinn:

Wir werden zu der Folgerung gezwungen, daß die menschliche Natur außerordentlich formbar ist und auf verschiedene Kulturbe­dingungen entsprechend reagiert. … Die Anlagen, die wir einem Geschlecht als natürlich zuordnen, sind vielleicht nichts anderes als Abwandlungen eines allgemein menschlichen Temperaments, denen die Angehörigen jedes Geschlechtes durch Erziehung mehr oder weniger angenähert werden können. … Wollen wir unsere Kultur bereichern, müssen wir die ganze Skala menschlicher Möglichkeiten anerkennen und unsere soziale Strukturen weniger willkürlich gestalten, so daß sie allen menschlichen Fähigkeiten einen passenden Platz einräumen kann. [Mead 1970]

Geben Sie mir ein Dutzend gesunder Kinder, wohlgebildet, und meine eigene besondere Welt, in der ich sie erziehe! Ich garantiere Ihnen, daß ich blindlings eines davon auswähle und es zum Vertreter irgendeines Berufs erziehe, sei es Arzt, Richter, Künstler, Kaufmann, oder auch Bettler,Dieb,ohne Rücksicht auf seineTalente.Neigungen, Fähigkeiten, Anlagen, Rasse oder Vorfahren. [Watson 1930]*

Zumindest in den schönen Reden der gebildeten Welt hat das SSM auf der ganzen Linie gesiegt. Bei höflicher intellektueller Konversation und im soliden Journalismus wird jede allgemeine Aussage über menschliches Verhalten sorgfältig mit Losungsworten des SSM eingeleitet, mit denen sich der Sprecher von all jenen schändlichen Anhängern der Vererbungs­lehre distanziert – angefangen von den mittelalterlichen Königen bis hin zu Alfred Tetzlaff. (Steven Pinker, Der Sprachinstinkt, München 1998, S 455ff m.w. Nachweisen)

„Menschliche Säuglinge besitzen bei ihrer Geburt nichts weiter als ein paar Reflexe und die Fähigkeit zu lernen. Das Lernen ist ein Allzweckmechanismus, der in allen Wissensbereichen angewendet wird. Kinder lernen ihre Kultur durch Unterweisung, Belohnung und Bestrafung sowie durch Rollenmodelle.“ – Sagen Sie mal ehrlich, würden Sie als solch ein armseliges Wesen zur Welt kommen wollen? – Ich jedenfalls nicht!

In Chemie und Physik herrscht zur Zeit das von Niels Bohr entworfene Atommodell vor, das die Elektronen mit Planeten gleichsetzt, die die Sonne umkreisen. – Da mag etwas Wahres dransein, aber Elektronen verhalten sich nicht wie Planeten, denn sie können in Verbindungen von Atomen, Moleküle genannt, auch andere Atome umkreisen. – Etwa so, als könnten Erde, Jupiter und Saturn mal eben von der Sonne zu Alpha-Centauri überwechseln und wieder zur Sonne zurückkehren. – Daß das nicht geht, ist wohl sonnenklar.

In der Biologie gibt es eine Reihe von Modellorganismen, zu denen auch Mäuse und Ratten gehören – Man versucht, Dinge, die Mäusen und Ratten widerfahren möglöichst 1:1 auf Menschen zu überatrgen. – Dabei kann es zu gewaltigen Fehlschlüssen kommn:

Die Maus, die ich später „Speedy Ferrero“ getauft hatte, hatte zunächst einmal die Schachtel mit den Spülmaschinen-Tabs geplündert. – Essen sie mal einen Tab – dann kommt aber mit Blaulicht der Krankenwagen!

Und dann war da noch eine Sendung über Tierversuche, die so etwa 1971 oder 1972 ausgestrahlt worden war:

Man hatte Dutzende von Laborratten in enge Röhren gespertt und sie automatisch mit Zigarettenrauch begast. – Es war ein „Rauchautomat“, der rund ein Dutzend Zigaretten enthielt und ununterbrochen qualmte. – Ich nehme an, daß die Rauchdosis so gewählt war, daß die Tierchen gerade einmal dem sicheren Tod durch akute Rauchvergiftung entkommen konnten:

Ratten sind soziale Tiere, die gern zusammen sind und soziale Kontakte unterhalten. Ratten können sich aufgrund ihres Skelettaufbaus durh engste Röhren quetschen. Das heißt aber noch lange nicht, daß sie sich dort auch gerne aufhalten, vor allem nicht zwangsweise. Es sit nicht von der Hand zu weisen, daß Ratten unter der genannten „Laborgbedingung“ starkem Streß ausgesetz sind. – Ob Tabakrauch dazukommt oder nicht, Ratten, die in engen Röhren über längere Zeit gefangen sind, empfinden wohl ähnlich wie ein verschütteter Mensch. – Seit dieser Zeit gilt das Rauchen als „potentiell krebserregend“ – Was allerdings fehlte, war ein Kontrollversuch mit Ratten, die in ihren engen Röhren mit Kaffee oder Schnaps abgefüllt worden waren oder einfach nur in den engen Röhren ihr Dasein fristen mußten. – Ich möchte fast wetten, daß auch die entsprechenden Kontrollgruppen eine erhöhte Bereitschaft zur Entwicklung von Krebserkrankungen gezeigt hätten.

Wws für uns nichts Gutes bedeutet, weil wir in unserer urbanen Umwelt fast so leben wie die Laborratten.

Auf die nicht geringe Zahl der diversen Wetter- und Klimamodelle will ich an dieser Stelle nicht eingehen, das würde zu tief in die fraktale Geometrie und die Chaos-Theorie hineinführen und den Rahmen, den E.T. und die Dampflok setzen, unzulässigerweise sprengen

Ich hoffe, anhand der Beispiele gezeeigt zu haben, daß es nicht ungefährlich ist, sich ein Bild über die Wirklichkeit anhand von „Modellen“ zu machen. – Man kann verdammt danebenhauen und dieIllusion für die Wirklichkeit halten.

Die Zahl der die Wirklichkeit des Universums verzerrenden „Modelle“ ist überaus groß. Ich hoffe, die geeignete Auswahl getroffen zu haben um zu verdeutlichen, daß es nicht unproblematisch ist, die uns umgebenden physikalischen, chemischen und biologischen Phänomene zu erfassen und und zu erklären.

Den Fehlschlüssen, die E.T. Bei der Untersuchung der Funktionsweise einer Dampflok unterlaufen sind, wäre E.T. Auch bei der Beurteilung von Dieselloks zum Opfer gefallen. – Keine der bei MÄRKLIN gefertigten Dieselloks kann mit Diesel betrieben werden.

Modelle können durchaus geeignet sein, das Verhalten und die Funktionsweise der verschiedensten Dinge zu studieren. So testet man beispielsweise anhand von maßstabsgetreuen Modellen das aerodynamische Verhalten von Flugzeugen im Windkanal. – Auch Schiffsmodelle helfen Ingenieren bei der Konstruktion immer größerer Passagier- und Frachtschiffe.

In dem Film „Flug des Phoenix“ wurde der Unterschied zwischen „Modell“ und Modell“ deutlich herausgestellt. Hardy Krüger spielte den Konstrukteur von Modellflugzeugen, der sich bemühte, aus den Trümmern einer abgstürzten Maschine ein flugfähiges Gerät zu basteln. – Der von James Stewart dargestellte Kapitän des Flugzeuges war geschockt, als er erfuhr, daß sein ehemaliger Passagier „Modellflugzeuge“ konstruiert hatte. Er mußte sich anhören, daß „Modellflugzeuge“ und „Flugzeugmodelle“ sich grundlegend voneinander unterscheiden. „Modellflugzeuge“ müssen als Flugmaschinen sorgfältig durchdacht sein, weil sie keinen Piloten haben, der auf die Feinheiten der Flugbewegungen reagieren kann. Es ist keiner da, der Ungleichgewichte aerodynamisch „austrimmen“ könnte. – Das „Flugzeugmodell“ hingegen ist nur ein dreidimensionales „Abbild“ des Flugzeugs in einem beliebigen Maßstab. Am Ende obsiegen die Überlegungen des „Modellbauers“: http://www.youtube.com/watch?v=IACjOvyx5hs&feature=related und der „Phoenix“ hebt ab.

Der Flug des Phoenix, E.T. Und die Dampflok lehren uns also, daß die Verwendung von Modellen die Gefahr in sich birgt, von der Funktionsweise des Modells auf die Funktion des „Vorbilds“ zu schließen.

Nun muß ich doch noch ganz kurz auf die Chaos-Theorie, die Erforschung nichtlinearer dynamischer Systeme eingehen:

Nichtlinear-dynamische Systeme und die fraktlae Geometrie haben ein gemeinsames Kennzeichen: Die Selbstähnlichkeit auf allen Größenskalen:

Die Kerzenflamme verhält sich nicht anders als das flammende Inferno eine Waldbrandes.

Eine Welle in der Badewanne folgt denselben einfachen Gesetzen wie der Kawentsmann, der einem Luxusliner die Aufbauten zerschlägt.

Die Luftströmungen, mit denen Ihr Friseur einer Braut die Haare formt, unterscheiden sich nicht von denen, it denen en Hurricane dieselbe Frisur wieder durcheinanderwirbelt.

Und die Kräfte, die das flüssige Erndinnere an die Oberfläche treiben, sind dieselben, die Ihre Tomatensoße zum Überkochen bringen.

Es ändert sich die Größenskala, nich aber das Verhalten der Dinge.

Das Herz einer Maus verhälts sich wie das Herz eines Elefanten. Der Magen eines Mäusejungen verarbetet die Muttermilch in derselben Weise wie der Magen eines Menschenkindes: Alle machen aus Milch Frischkäse und Molke.

MÄRKLIN hingegen wird nie echte Dampflokomotiven herstellen, weil das von den Eisenbahningenieuren der „realen“ Welt verwendete Material sich nicht im Maßstab 1:87 verkleinern läßt. – Im Maßstab 1:87 würde die Wandstärke des Kessels einer Dampflok so gering sein, daß die Lok beim geringsten Windstoß davonfliegen würde. – Umgekehrt würde die maßstäbliche Vergrößerung des Gehäuses einer MÄRKLIN – Lok diese so schwer machen, daß sie sich aufgrund ihres Gewichts nicht von der Stelle bewegen könnte.

Was lehrt uns also die Problematik der „Modellbildung“?

Es läßt sich in wenigen Worten zusammenfassen:

Wenn man sich von der Welt ein Modell macht, muß man darauf achten, daß das Verhalten des Modells mit dem der übrigen Welt übereinstimmt – und umgekehrt.

Die „Selbstähnlichkeit“ des Verhaltens muß auf allen Größenskalen erhalten bleiben.

Vereinfacht, oder „modellhaft“ gesagt:

Ob man die „Kirche im Dorf läßt“, oder ob „mer dä Dom en Kölle losse“ ist keine Frage des Prinzips, sondern nur eine der Größenskala.

Nun kann E.T. Seine „Anfangspackung“ mit nach Hause nehmen und den Bewohnern seines Heimatplaneten das Wesen der Eisenbahn näherbringen.


Die Anfänge der Menschheit – Hormonmangel als „Mördergen“

November 14, 2010

Die Anfänge der Menschheit – arte | programm.ARD.de.

Eine durchaus interessante Sendung, eigentlich auch ganz gut recherchiert. Leider sind die Schlußfolgerungen zum Teil so sehr an den Haaren herbeigezogen wie die eines Staatsanwalts im Schlußplädoyer:

„Es findet sich kein Neandertalergen“ – Natürlich nicht, denn ein „Neandertalergen“ existiert ebensowenig wie das von Thilo Sarrazin u.a. postulierte „Juden-Gen“.

Wir alle sind, so haben es – bislang zuletzt – auch die Genetiker des Max-Planck-Instituts für evolutinäre Anthropologie festgestellt, sind genetisch so eng miteinander verwandt, daß wir uns als „Brüder“ bzw „Schwestern“ ansehen müßten. Daß wir es nicht tun, liegt an uns und unserer Überbewertung der „Kultur“ auf unsere Eigenheiten und unser Leben. – Auch der Neandertaler steht uns näher als viele von uns einräumen möchten:

„Diese Form des innerartlichen Tötens spielt sich sozusagen „im engsten
Familienkreis“ ab, wir kennen sie von Anbeginn der Geschichtsschreibung
und von nahezu allen „Naturvölkern“, die noch nicht gänzlich ausgerottet
wurden, kriegerische Auseinandersetzungen, Kopfjagd und Kannibalismus.
Selbstverständlich wird dieses Verhaltensmuster auch den Neandertalern
zugesprochen, denn nach klassischer Anschauung gilt er gegenüber
dem „modernen“ Menschen als „tumber Depp“. So schreibt Gerald
Traufetter in „Der SPIEGEL“:
Über eine Million Jahre, so läßt sich aus den kulturellen Überbleibseln
der Urmenschen schließen, klopfte er stumpfsinnig auf Steinen herum“
Weiter heißt es: „Der Bau von Speeren und Äxten erforderte besondere
intellektuelle Fähigkeiten, die sich gravierend vom stupiden Steineklopfen
der frühen Urmenschen unterschied.116
Daß ein solch „stupider Steineklopfer“ natürlich blindlings auf seine Mitmenschen eingedroschen haben muß, dürfte demnach klar sein. – Aber so
klar ist das nicht: – Da wir seit einigen Tausend Jahren eine gänzlich neue
Variante des Tötens pflegen, werden wir auf diese Frage noch zurückkommen, ihr aber begegnen wir erst auf den buchstäblich letzten Zentimetern unserer Reise. – Und am Ende werden Sie fragen, wer tatsächlich der stupide Steineklopfer ist.
Einige der Neandertalerskelette wiesen Spuren von tödlichen, aber auch
von verheilten Wunden auf, die auf Waffeneinwirkung zurückgeführt
werden können. Außerdem gibt es Indizien für Kannibalismus. Kannibalismus
und bewaffnete Auseinandersetzungen weisen aber nicht unbedingt
auf ein gegenüber dem zivilisierten Menschen erhöhtes Agressionspotential
oder gar Menschenverachtung hin. Selbst den Krieg, das Grundübel der
Menschheit, kann man mit Desmond Morris durchaus sportlich sehen:
Eine degenerierte Form des Sports, die besondere Erwähnung verdient,
ist das Kriegführen. In frühester Zeit, als die Waffen noch neu waren,
war eine blutige Sportart so gut wie die andere. Als die Jagd auf wirkliche
Nahrungsobjekte nicht mehr im Mittelpunkt stand, hatte man eine
reiche Auswahl an Ersatzobjekten. Jedes Jagdopfer war recht, wenn es
nur die nötige Erregung, den gewissen Kitzel mit sich brachte, und
warum sollte man die menschliche Beute ausschließen? Die frühen Kriege
waren keine totalen Kriege, sie waren streng regulierte und auf ein
Schlachtfeld begrenzte Angelegenheiten, etwa wie eine sportliche Ausein-
115 Wickler, aaO, S. 105ff
116 Der Spiegel, 21.10.02 S. 221
andersetzung heute. Die Krieger verwendeten dieselben Waffen, die ihnen
auch zur Jagd dienten, und im besonderen Fall des Kannibalenkrieges
erstreckt sich die Ähnlichkeit sogar noch bis zum Aufessen der
Beute“.117
Die Neandertaler lebten in den rauhen Gefilden der Eiszeit, also sollte
man erwarten, daß er gegenüber dem Leben seiner Gefährten eine ähnliche
Einstellung an den Tag legte wie die Inuit oder andere Völker, die mit
schwierigen Lebensbedingungen zu kämpfen haben. Immerhin deuten
Spuren an den Schneidezähnen einiger Neandertaler auf eine den heutigen
Inuit ähnliche Lebenweise hin: Sie nahmen ein größeres Stück Fleisch in
den Mund und trennten mit einem Schnitt unmittelbar vor den Zähnen den
gewünschten Bissen ab. Man sollte also erwarten, daß der angeblich
weitaus „primitivere“ Neandertaler sich seiner Kranken, seiner Pflegefälle
und auch seiner „überschüssigen“ Kinder in ähnlicher Weise entledigte.
Bezüglich der Einstellung zum fünften Gebot wissen die Skelette der bislang
gefundenen Neandertaler allerdings eine ganz andere Geschichte zu
erzählen:
Die Neandertaler müssen deutlicher als alle anderen Geschöpfe vor ihnen
empfunden haben, wie kostbar ein Leben ist, denn auf der fundamentalsten
Ebene sind Begräbnisriten gleichbedeutend mit dem Wunsch, das
Menschliche zu bewahren. Das Begraben besagt, daß irgendein wesentlicher
Teil des menschlichen Lebens – man mag es Geist oder Seele nennen
– nicht zerstört werden kann, sondern nach dem Tode irgendwo anders
in irgendeiner anderen Form weiterexistiert.
Dieser zunehmende Sinn für den Wert des Lebens spiegelt sich nicht nur
in den Begräbnisriten der Neandertaler, sondern auch in ihrer Fürsorge
für alte und behinderte Menschen. So war zum Beispiel der Mann von La
Chapelle-aux-Saints längst über die besten Mannesjahre hinaus, als er
starb. Sein Skelett läßt erkennen, daß er unter Arthritis litt und unmöglich
noch an Jagden teilnehmen konnte. Selbst das Essen muß ihm
schwergefallen sein, da er alle Zähne bis auf zwei verloren hatte. Hätte
er zu einer früheren Zeit gelebt, hätte man ihn wahrscheinlich ausgesetzt
und verhungern lassen, nachdem er für die Gruppe nicht mehr von Nutzen
war. Aber die Neandertaler ließen sich anscheinend nicht von einer
derart grausamen Logik leiten. Die Gefährten dieses Mannes versorgten
ihn selbstlos mit Essen, vielleicht kauten sie es ihm sogar vor.
Auch die Funde von Shanidar lassen vermuten, daß die Neandertaler für
Behinderte sorgten. Einige der dort gefundenen Knochen gehören einem
40jährigen Mann, der vermutlich durch Steinschlag getötet wurde. Die
Untersuchung seines Skeletts ergab, daß ihm vor dem tödlichen Unfall
nur ein Arm zur Verfügung gestanden hatte. Der rechte Arm und die
Schulter waren verkümmert – vermutlich ein angeborener Defekt. Trotz
dieser erheblichen Behinderung erreichte er ein für einen Neandertaler
hohes Alter. Seine Vorderzähne sind ungewöhnlich stark abgenutzt, was
darauf hindeutet, daß er einen großen Teil seiner Zeit damit verbrachte,
Tierhäute weichzukauen, damit sie als Kleidung verwendet werden konnten,
oder daß er seine Zähne anstelle des fehlenden Arms zum Festhalten
von Gegenständen benutzte. (…) Auch der ursprüngliche Neandertaler
aus Deutschland hat eine schwere Verletzung überlebt, sich allerdings
nicht gut von ihr erholt: Die Knochen seines linken Ellenbogens waren
so deformiert, daß er nicht imstande war, die Hand zum Mund zu heben;
ob Mensch oder Tier für diese Verletzung verantwortlich war, läßt sich
nicht feststellen.118
117 Desmond Morris, aaO, S. 309
118 George Constable, aaO,S. 101 ff
Alle Befunde und kritischen Deutungen zeigen, daß die Neandertaler intelligente, tüchtige, mitfühlende und mit Einschränkungen wohl auch spirituell denkende Menschen waren. Aber sind sie auch unsere
Vorfahren?119
Irgendwie scheint nach dem Bericht der stummen Zeugen unser Artgenosse
aus dem Neandertal sehr human gewesen zu sein. Unter dem Aspekt
unserer eigenen innerartlichen Tötungsgewohnheiten erscheint seine Form
der Fürsorge geradezu postmodern, denn das, was wir heute als „soziale
Sicherungssysteme“ bezeichnen, gibt es erst seit etwa 130 Jahren. Die in
Deutschland lang umstrittene Pflegeversicherung ist so jungen Datums,
daß sie ihresgleichen in der Welt suchen muß. – Die Umsetzung der Pflegeversicherung in soziale Wirklichkeit offenbart zudem, daß mitunter das
Geschäft, nicht aber die Fürsorge gegenüber dem Pflegebedürftigen im
Vordergrund steht. – Das Diskriminierungsverbot Behinderter ist ebenfalls
eine „Errungenschaft“, die erst vor wenigen Jahren Einzug in das
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gehalten hat. Die Lehre
vom „lebensunwerten“ Leben, die vor nicht allzu langer Zeit Tausende
von Todesdopfern forderte, feiert bei der Zulassung der aktiven „Sterbehilfe“
in den Niederlanden fröhliche Urständ!
Und Desmond Morris übersieht in seinem sportlichen Herangehen an den
Krieg, daß der Mensch das einzige Lebewesen auf der Erde ist, das Werkzeuge
herstellt, deren Verwendungszweck einzig und allein darin besteht,
möglichst vielen Artgenossen den Garaus zu machen. Ein Panzer taugt nur
zum Töten von Menschen, das gleiche gilt für Bomben und Granaten. Mit
einem Maschinengewehr kann man zur Not noch auf die Jagd gehen, aber
die Fleischbrocken, die dabei übrig bleiben, dürften einem doch gründlich
den Appetit verderben.
Und hier zeigt sich die volle Widersprüchlichkeit der Lehre vom tumben
Deppen in der Vorzeit: Wer zu dumm ist, eine Waffe zu erfinden, kann
auch kein Verlangen danach verspürt haben, eine solche zu gebrauchen.
Dann aber kann es mit der Intelligenz des modernen Menschen nicht weit
her sein, denn ein intelligentes Lebewesen vermeidet den Beschädigungskampf.
Wozu hätte der Neandertaler auch Krieg führen sollen? – Mammute,
Wollnashörner und andere Großtiere lieferten soviel Nahrung, daß eine
Horde die erjagten Fleischberge gar nicht aufessen konnte. Felle und gigantische Knochen für mobile Behausungen waren ebenfalls keine Mangelware.
Wie in der Natur üblich, bekamen auch Nahrungskonkurrenten
etwas ab, auch die menschlichen. Die Neanderaler, wie alle unsere Vorfahren,
standen allein schon wegen der Frauen mit den Reviernachbarn in
gutem Kontakt. Exogamie und Tausch gehören schließlich auch heute
noch zum Verhaltensrepertoire aller Menschen. Wie die Westeuropäer in
der Zeit zwischen dem zweiten Weltkrieg und dem Zerfall des Ostblocks
dürften die Neandertaler bei der Gestaltung ihrer Freizeit eher ans Kuscheln
denn ans Killen gedacht haben.
Außer der sportlichen Perspektive eines Desmond Morris gibt es eine
durchaus einleuchtende, aber friedliche Erklärung für eventuelle Verletzungen durch Artgenossen. Wir bezeichnen das heute als Arbeitsunfall.
Die Herren Neandertaler hatten alle nur einen Beruf, sie waren Jäger. Die
Jagd war aber damals nicht ungefährlicher als heute, nur die Jagdwerkzeuge
haben heute eine ähnliche Reichweite wie Kriegswaffen. Auch da trifft
so manche Kugel oder Granate die eigenen Leute. Im angelsächsischen
Sprachraum wird dies als „Death by friendly fire“ verharmlost: Tod durch
„freundliches“ Feuer. – Folglich kann ein Neandertaler Verletzungen
119 Schmitz/Thissen aaO S. 187
durch „Waffeneinwirkung“ davongetragen haben, ohne daß böse Absicht
im Spiel war.
Es sieht also ganz danach aus, als würde ein Neandertaler auf den Versuch
eines Missionars, ihm das fünfte Gebot zu erläutern, mit Kopfschütteln
reagieren: „Seid ihr nicht ganz dicht? Habt ihr keine Tötungshemmung? –
Ihr bringt Eure Nachbarn und Verwandten einfach so um? Dann habt Ihr
das fünfte Gebot wirklich bitter nötig!“ Und damit hat er vollkommen
recht, der Herr Neandertaler, denn einzig und allein der moderne Mensch
ist in der Lage, einen Freund zum Feind zu erklären und allein aus diesem
Grund zu töten.
Wir werden auf diese Einstellung des modernen Menschen zum Leben
seiner Mitmenschen im Zusammenhang mit seinem „Erfolg“ auf dieser
Erde noch zurückkommen müssen. Doch zuvor gilt es einen Beweis neu
zu würdigen, der bislang immer als Beleg für die überlegene Intelligenz
des modernen Menschen herhalten mußte. Es handelt sich dabei um den
„Fortschritt“ in der Herstellung von Feuersteinwerkzeugen. Dieser vermeintliche Fortschritt läßt nämlich Rückschlüsse auf die Abspaltung der
„modernen“ von der „klassischen“ Variante des Menschen zu:
Die Faustkeile der frühen Erectus – Kultur ließen sich mit etwa 25 Schlägen
in einem Arbeitsgang fertigen, bei den späteren waren schon zwei Arbeitsgänge mit insgesamt 65 Schlägen erforderlich. Für ein Messer des
Neandertalers bedurfte es drei Arbeitsgängen mit 111 Schlägen
(Moustérien-Technik); demgegenüber erfordert ein nach der Aurignacien-
Technik hergestelltes Messer des Crô – Magnon – Menschen 251 Schläge
in neun Arbeitsgängen.
Der Mensch ist ein Produkt der Evolution. Dem Prinzip des geringsten
Zwangs folgend betreibt auch er im Regelfall nicht mehr Aufwand, als er
muß. Unsere Freunde vom Erectus – Typ kamen mit ihren Werkzeugen
über Hunderttausende von Jahren gut zurecht. Warum also sollten sie ihre
Werkzeuge groß verfeinern? – Auch der Neandertaler wäre wahrscheinlich
mit den von ihren Vorfahren ererbten Technologien zufrieden gewesen,
wenn nicht die neuen Lebensbedingungen der Eiszeit sie gezwungen
hätten, ihre Werkzeuge den Verhältnissen anzupassen. Und, das ist meines
Erachtens die entscheidende Frage, warum bestand diese Anpassung gerade
in der Verfeinerung der Werkzeuge?
Auf der Insel Rügen gibt es Feuerstein in Hülle und Fülle. Jeder kann sie
in den Feuersteinfeldern aufsammeln und versuchen, sie als Rohstoff für
Werkzeuge auf den Markt zu bringen. Freilich interessiert sich niemand
mehr für Feuerstein als Rohstoff. Als der klassische Neandertaler der letzte
Schrei der Natur in Europa war, lagen die Dinge noch anders und die
Feuersteinfelder Rügens unter einer mächtigen Eisdecke verborgen. Merkwürdig, aber die Antwort auf die obige Frage scheint offen vor unseren
Augen zu liegen, freilich erst seit einer Zeit, da niemand mehr an Werkzeugen
aus Feuerstein interessiert war.
Als das Eis die Feuersteinfelder Rügens wieder freigab, war es für die
Feuersteintechnologie bereits zu spät geworden. In anderen Teilen der
Welt förderte man Knollen von besserer Qualität aus dem Boden, kurz
darauf fertigte man die ersten Werkzeuge aus Metall.
Um ein klares Bild zu erzielen, müssen wir uns in die früheste Steinzeit
versetzen:
Wenn Ihnen die Zivilisation einmal zu langweilig wird, fahren Sie nach
Rügen, holen Sie sich eine Feuersteinknolle und setzen Sie sich an den
Strand. Nehmen Sie ein Buch mit, in dem auch die „primitiven“ Werkzeuge
unserer Freunde der Erectus – Kultur abgebildet sind.
Sie sind nun ein intelligenter Mensch des ausgehenden 20. Jahrhunderts
und ihren Vorfahren weit überlegen. Erinnern Sie sich an die „stupide
Steineklopferei“?:
Über eine Million Jahre, so lässt sich aus den kulturellen Überbleibseln
der Urmenschen schließen, klopfte er stumpfsinnig auf Steinen herum“
Weiter heißt es: Der Bau von Speeren und Äxten erforderte besondere intellektuelle
Fähigkeiten, die sich gravierend vom stupiden Steineklopfen
der frühen Urmenschen unterschied.120
– Na dann frohes Schaffen! Aber seien Sie am Ende nicht enttäuscht. Sie
werden es nämlich nicht fertigbringen, innerhalb Ihres Urlaubs auch nur
ein halbwegs brauchbares Werkzeug, geschweige denn einen Faustkeil
herzustellen, der der „primitivsten“ Stufe auch nur annähernd ähnlich sieht
und dessen Funktionen erfüllen kann. Von wegen stupides Steineklopfen:
die Herstellung von Steinwerkzeugen hat wenig mit „Intelligenz“ zu tun,
mehr mit der Bildhauerei. Es erfordert Übung, Erfahrung und ein Gefühl
für das Instrument, das man handhabt. Vor allem aber braucht man eine
Vorstellung von dem, was am Ende herauskommen soll.
Bereits zu Beginn der Neandertaler-Ära hatte die Menschheit etwa drei bis
dreieinhalb Millionen Jahre gesammelt und gejagt, ohne daß sich an den
allgemeinen Lebensumständen etwas geändert hatte. Die ihnen zur Verfügung stehenden „primitiven“ Werkzeuge aus Stein dienten immer denselben Zwecken, nämlich dem Bearbeiten von Fleisch, Häuten und Knochen.
– Allenfalls noch der Herstellung von Holzgeräten, etwa dem Schlagen
und Zuspitzen hölzerner Speere. Diese allgemeinen Lebensumstände änderten sich weder nach dem Erscheinen der Neandertaler noch nach dem
ersten Auftreten des „modernen“ Menschen.
Der „Technologiesprung“ von 25 Schlägen in einem Arbeitsgang auf neun
Arbeitsgänge mit 251 Schlägen läßt sich mit höherer Intelligenz kaum erklären, denn am Ende dieser vielen Arbeit stehen zwar „Spezialwerkzeuge“,
die in ihrer Gesamtheit aber auch nicht mehr leisten als ein gut
durchdachter simpler Faustkeil. Jeder Betriebswirt würde sich ob des
Aufwands, den Neandertaler und erst Recht Crô-Magnon-Menschen bei
der Herstellung ihrer Steinklingen betrieben, die Haare raufen, denn die
Arbeitskosten für die Fertigung dieser filigranen Petrefakte sind unter
ökonomischen Aspekten immens hoch.
Die hohen Herstellungskosten könnten sich allerdings als notwendiges
Übel herausstellen, wenn man die Kosten des Ausgangsmaterials berücksichtigt.
Menschen haben zu allen Zeiten die verschiedensten Steinsorten als Werkzeuge verwendet. Eindeutiger Favorit war aber der Feuerstein wegen seiner besonderen Splittereigenschaften. Obsidian, schwarzes vulkanisches
Gesteinsglas, hat ähnliche Eigenschaften und wurde damit – zumindest in
Amerika – in bestimmten Gegenden der einzige echte „Konkurrenzwerkstoff“
zum Feuerstein. Aber nicht überall, wo die frühen Menschen siedelten,
gab es Feuerstein oder Obsidian, Feuersteinknollen finden sich in
Kreidefelsen, Obsidian in der Nähe von Vulkanen. Zur Beschaffung der
begehrten Rohstoffe für ihre Werkzeuge waren die Menschen der Steinzeit
also zumindest seit Erectus’ Zeiten auf den Handel angewiesen.
Wie hoch Feuerstein beim Übergang zur Kupferzeit an steinzeitlichen
Börsen gehandelt worden wäre, zeigt sich daran, daß unsere Crô-Magnon
– Vorfahren nicht mehr genug Feuersteinknollen an der Erdoberfläche aufsammeln konnten. Es hat sich für sie rentiert, Schächte in die Kreidefelsen
Englands und in entsprechende Gesteinschichten Bayerns abzuteufen und
tiefe Stollen zu graben, um den begehrten Rohstoff zu gewinnen.
120 Der Spiegel, 21.10.02 S. 221
Wäre die heutige Menschheit immer noch auf den Feuerstein angewiesen,
man würde ihn wohl mit Diamanten aufwiegen.
Wesentlich plausibler erscheint mir daher im Zusammenhang mit der Verfeinerung der Abschlagtechnik eine Rohstoffverknappung, die den
menschlichen Erfindungsgeist herausgefordert hatte. Der Mensch hatte
das Bücken gelernt, denn offenbar waren bereits die Neandertaler dazu
gezwungen, sich nach jedem Abschlag auch die Bruchstücke genau anzusehen, die ihre Vorfahren noch als Abfall betrachtet hatten. Das ist auch
nicht weiter verwunderlich, denn klimabedingt lag ein Teil der Rohstoffvorkommen über lange Zeiträume hinweg unter dem Inlandeis begraben.
Unsere Vorfahren vom Erectus – Typ lebten vergleichsweise im Paradies.
Sie konnten sich damit begnügen, aus einem Pfund Feuerstein nur 5 bis
20 cm Schnittkante herauszuholen. An dieser Stelle erinnere ich nochmals
daran, daß alle Steinwerkzeuge der Welt ausschließlich dem Zweck
dienten, Fleisch, Fell, Knochen und gelegentlich ein wenig Holz zu bearbeiten.
Der Neandertaler war bereits gezwungen, seinen Einfallsreichtum
darauf zu verwenden, aus einem Pfund Feuerstein 100 cm Schnittkante
herzustellen. Mehr, so wird man aus ökonomischen Gründen fordern
müssen, waren nicht erforderlich.
Ganz anders verhält es sich beim „Übergang“ zum rezenten Menschentyp:
Der „Technologiesprung“ vom Moustérienmesser des Neandertalers zur
Aurignacienklinge des Crô-Magnon ließ nicht nur den Arbeitsaufwand
zur Herstellung einer scharfen Klinge um mehr als 100 % ansteigen, die
Gesamtlänge der Arbeitskante, die aus einem Pfund Feuerstein herausgearbeitet
wurden, wuchs auf die Länge von 12 Metern.121 Ohne Veränderung
des ursprünglichen Werkzeugzwecks, nämlich der Bearbeitung von
Fleisch, Fellen, Knochen und ein wenig Holz erscheint ein solcher Arbeitsaufwand schon fast als übertriebener Luxus.
Also muß man doch die Frage stellen, warum der nach bisheriger Auffassung
intelligenteste aller Hominiden deratig unwirtschaftlich handelt.
Nach gängiger Lehrmeinung unterscheidet sich Crô-Magnon nicht mehr
vom gegenwärtigen Menschen. Dieser aber wird auch mit dem Beinamen
Homo oeconomicus belegt. Das ist der Mensch, der streng rational und
nur auf seinen Vorteil bedacht handelt. Das paßt alles nicht zusammen.
Und erneut sollte uns an dieser Stelle die „primitive Steineklopferei“ zu
denken geben.
Wir haben bislang nur die formale Zweckbestimmung der Steinwerkzeuge
betont, nämlich die Bearbeitung von Fellen, Fleisch, Knochen und Holz.
Dahinter steht aber ein anderer, übergeordneter Zweck: das Überleben;
und dazu reichten die „primitiven“ Werkzeuge allemal aus. Warum also
leisteten sich unsere Vorfahren den Luxus filigraner Werkzeuge, wo die
groben es doch auch taten? Immerhin bedeutet der hohe Arbeitsaufwand
einen offensichtlichen Verstoß gegen das Prinzip des geringsten Zwangs,
der auch das Evolutionsgeschehen beherrscht.
Die Menschen, die sich später anschickten, die Erde zu dominieren, hatten
wohl ursprünglich keine andere Wahl, als auch noch aus dem letzten
Splitter einer Feuersteinknolle etwas Brauchbares herauszuholen. – Dieser
Umstand deutet auf eine geradezu dramatische Verknappung des Rohstoffs
Feuerstein hin. Der Mensch war, wie wir gesehen haben, auch damals
schon auf den Handel angewiesen; der Rohstoffmangel basiert daher
vermutlich auf einem Handelshemmnis, das fast an ein Embargo oder
einen Boykott erinnert.“ (Gerhard Altenhoff, Australopithecus Superbus – Der Mensch im Licht nichtlinear-dynamischer Evolution S. 154 ff)

Wenn man die „Erderwärmung“, die vor rund 96.000 Jahren den Meeresspiegel um wahrscheinlich rund 100 Meter ansteigen ließ, berücksichtigt, erscheint die „Sintflut“ als rein optische Erscheinung, die eine kleine Population von Neandertalern auf einer entstehenden Insel im ostafrikanischen Raum gefangen setzte. Mit der Folge, daß die Werkzeugindutrie mit der Rohstoffverknappung fertig werden mußte.

Die genetischen Hinweise auf eine Isolation sind – offenbar unabhängig voneinander in Utah und Leipzig aufgetaucht:

Eine Forschungsgruppe um den Genetiker Lynn Jordy (University of
Utah) ist zu dem Schluß gekommen, der moderne Mensch sei aus einer
Population von allenfalls einigen zehntausend Individuen hervorgegangen,
die vor etwa 70 bis 80.000 Jahren die Erde bevölkerten. Die Eruption eines
Supervulkans soll nach dieser Ansicht die Weltbevölkerung dermaßen
dezimiert haben, daß eben nur diese relativ kleine Menschheit übrigblieb.
122
Das würde allerdings voraussetzen, daß es nur eine einzige Menschheit
gab und all die Neandertaler, die bis vor etwa 25.000 Jahren Zeitgenossen
des „modernen“ Menschen waren, nicht zur Menschheit gehörten. Angesichts ihrer Vermessenheit ist diese Ansicht zu verwerfen. Außerdem fehlt jeder Beleg für ein analoges Massensterben im Pflanzen- und übrigen
Tierreich aus jener Zeit. Dennoch dürfen wir die Grundlagen dieser These
nicht achtlos beiseite schieben. Diese besteht nun einmal in der Erkenntnis,
daß kaum mehr als 10.000 Menschen den Startpunkt für die Evolution
unserer selbst bildeten. Demnach ist zu fragen, wie es geschehen konnte,
daß einige Zehntausend Menschen sich von der übrigen Welt abspalteten
und zu dem wurden, was wir heute noch repräsentieren? – Die Menschen
standen, das dürfen Sie als sicher voraussetzten, seit Urzeiten in gegenseitigem Kontakt. Wodurch verlor diese Gruppe den Anschluß an die
übrige damals lebende Menschheit? – Die Antwort auf diese Frage lautet
sehr wahrscheinlich: Wasser.
Sie erinnern sich an Noah und seine Arche? – Bevor Gott die Erde flutete
und alles Leben im Wasser versank, hieß er Noah eine Arche bauen und
aus der Tierwelt der Umgebung je ein Paar an Bord nehmen. Dann läßt es
der Herr vierzig Tage und vierzig Nächte regnen. Dann ist sein Werk
122 Das Erwachen des Supervulkans ©NDR 2000, 5.12.2000
vollendet und seine ganze Schöpfung mit einem Schlag vernichtet. Nach
1. Mose 6 Vers 7 soll er gesagt haben: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis auf das Vieh
und bis auf das Gewürm und bis auf die Vögel unter dem Himmel, denn
es reut mich, daß ich sie gemacht habe.
Wie bei den Geschichten von Adam und Eva bzw. Kain und Abel fällt an
dieser Geschichte zunächst einmal das widersprüchliche Verhalten Gottes
auf. Hatte er noch bei der Schöpfung sein Werk für gut befunden, schienen
seine Geschöpfe am Ende vom Pfade der Tugend abgekommen zu
sein:
Vers 4: Es waren auch zu den Zeiten Tyrannen auf Erden, denn da die
Kinder Gottes zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen
Kinder gebaren, wurden daraus Gewaltige in der Welt und berühmte
Männer.
Vers 5: Da aber der Herr sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf
Erden und alles Dichten und Trachten nur böse war immerdar,
Vers 6: da reute es ihn, daß er die Menschen gemacht hatte auf Erden
und es bekümmerte ihn in seinem Herzen.
Seit der Geschichte von Kain und Abel wissen Sie, daß Mythen mitunter
traumhaft verzerrte Darstellungen realer Vorgänge enthalten können; und
einen Grund muß der Herr ja gehabt haben, seine Geschöpfe wieder zu
vernichten. Zweckfreies Verhalten kann sich der Mensch kaum vorstellen,
also muß es die Bosheit der Menschen gewesen sein.
Besonders stutzig macht hier die Verbindung des vollständigen Weltuntergangs mit der für eine bäuerliche Kultur gänzlich ungewöhnlichen Erwähnung des Schiffbaus.
Was passierte bei der Sintflut? 1. Mose 7 Vers 19: Und das Gewässer
nahm überhand und wuchs so sehr auf Erden, daß alle hohen Berge unter
dem ganzen Himmel bedeckt wurden.
Jeder, der schon einmal mit einem Schiff gefahren ist, kennt den Anblick
des von Horizont zu Horizont reichenden Wassers. Vor Erfindung der
Seefahrt war den Menschen dieser Anblick verwehrt, auch dem Neandertaler.
Seit dieser die Weltbühne betreten hatte, kam es wiederholt zu erheblichen
Klimaschwankungen. Der ständige Wechsel zwischen Kalt- und
Zwischeneiszeiten ließ den Spiegel der Weltmeere mehrfach stark ansteigen
und wieder absinken. Der „Tidenhub“ vom Höhepunkt der letzten
Vereisung vor 18.000 Jahren bis zum heutigen Normalnull des Wassers
beträgt satte 130 Meter!123
Zieht man also in Betracht, daß es gar nicht so lange her ist, daß Menschen
über die Beringstraße zu Fuß von Asien nach Amerika und von der
Themse an die Seine gelangen konnten, haben wir die „Wiege“ der heutigen
Menschheit vermutlich nicht in Ostafrika zu suchen, sondern vielmehr
vor der heutigen ostafrikanischen Küste, irgendwo auf dem Kontinentalschelf.
124 Die „Sintflut“ könnte man nämlich auch als Erinnerung an eine
kollektive optische Täuschung interpretieren.
123 Press/Sievers, Allgemeine Geologie, S. 346
124 Bei der Suche nach unserem „Kinderbettchen“ dürfte sich eine Computersimulation anbieten, die die Küstenlinie Afrikas nachzeichnet, wie sie vor etwa 70 – 80.000 Jahren aussah. Findet sich dort ein Hochplateau, das flächenmäßig zehn- bis zwanzigtausend Menschen unter Jäger- und Sammlerbedingungen ernähren
konnte, so könnte es sich lohnen, im Schlamm zu wühlen.
Die Befunde der Genetiker passen genau in das Zeitfenster, das sich vor
etwa 90.000 Jahren öffnete und von den Geologen Eem-Warmzeit genannt
wurde. Vor 70.000 Jahren wurde es dann wieder kälter. Die Weichsel-
oder Würm-Vereisung nahm ihren Anfang. Mit ihr fand die „Eiszeit“
vor etwa 10.300 Jahren ihr vorläufiges Ende.
Die Folgen einer fortschreitenden Erderwärmung werden heute unter dem
Begriff „Klimakatastrophe“ gehandelt. – Allein, einer solchen „Klimakatastrophe“ verdanken wir unsere Existenz:
Der ansteigende Meeresspiegel hat – zunächst unmerklich – den Lebensraum
unserer Vorfahren in ähnlicher Weise vom Rest der Welt isoliert wie
der Ärmelkanal England vom übrigen Europa. Ohne Seefahrt wüßte auch
heute kein Kontinentaleuropäer von der Existenz der Queen. Erst recht
würden die Iren sich für die einzigen Menschen auf dieser Welt halten,
denn sie hätten keinerlei Kontakt zum übrigen Europa.
Befand sich zwischen dem Ursprungsort der rezenten Menschenform und
dem Festland eine breite Senke, so wird es nicht lange gedauert haben, bis
„alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel bedeckt wurden.“ Allerdings
war dieser Weltuntergang nur virtueller Natur. Der Rückschluß auf
den Tod aller anderen Lebewesen ist damit natürlich vorgezeichnet. Und
einen Sinn und Zweck mußte das auch haben, denn, Sie haben es weiter
oben gesehen, auch der moderne Mensch hat Schwierigkeiten damit, sich
ein zweckfreies Verhalten der Natur vorzustellen.
Mit fortschreitendem Anstieg des Pegels riß also der Kontakt zur übrigen
Menschheit ab. Aus der Sicht des Neandertalers waren diese „Inselaffen“
bei der Fortpflanzung wieder einmal auf im weiteren Sinne inzestuöse Beziehungen angewiesen, denn der Genpool war durch die Insellage sehr beschränkt.
– Erneut begegnen wir dem Inzest als einer der treibenden Kräfte
der Evolution – So also sehen die Anfangsbedingungen für die Evolution
vom „klassischen“ zum „rezenten“ Menschen aus.
Der „moderne“ Mensch, man muß es leider feststellen, entwickelte hier
einige unangenehme Eigenschaften, denen wir heute noch begegnen können.
Vor allem kam ihm das abhanden, was wir heute als „soziales Gewissen“
bezeichnen würden. Zu den schwerwiegendsten Systemfehlern des
heutigen Menschen gehört seine ausgesprochene Neigung zum Plündern
und zum Ausrotten. Was passierte also auf dieser Insel? Lynn Jordy hat
die von ihm entwickelte Hypothese „Bottlenecktheory“ genannt. Bottleneck
ist das englische Wort für Flaschenhals, einen Flaschenhals, durch
den sich die Menschheit hindurchzwängte. Nennen wir Herrn Jordy zu
Ehren die Wiege des rezenten Menschentyps Bottleneck.
Wie überall auf der Welt teilten die Menschen auf Bottleneck ihren Lebensraum mit Freßfeinden und Nahrungskonkurrenten.
Die Insellage brachte es nun einmal mit sich, daß neue Herausforderungen
an unsere nunmehr unmittelbaren Vorfahren herantraten. Die Umwelt änderte sich dramatisch, weil auf Bottleneck auch Flora und Fauna sich der
Insellage anpaßten und entsprechenden Änderungen unterworfen waren.
Die Menschen auf Bottleneck bildeten, das braucht wohl nicht näher betont
zu werden, keine homogene Einheit, die Insel war selbstverständlich
in die Reviere der einzelnen Horden aufgeteilt. Dieses Muster findet man
auch heute noch vereinzelt auf Neuguinea und in Südamerika.
Die Umweltveränderungen brachten es mit sich, daß sich die Ernährungsgewohnheiten der Binnenländer von denen der Küstenbewohner zu unterscheiden begann. Demzufolge bildeten sich unterschiedliche Kulturtraditionen heraus. Dies hinterließ Spuren in den Köpfen der Menschen. Die Traditionen der einzelnen Horden drifteten auseinander und wurden am Ende fast nicht mehr kompatibel. All das gibt es heute noch, vor allem auf Neuguinea. Aber auch die sogenannte zivilisierte Menschheit ist heillos  zerstritten über den „richtigen“ Weg. Angefangen vom „rechten“ Glauben bis hin zum belanglosen Streit, ob McDonalds besser ist als Burger-King, wobei diese Meinungsverschiedenheit ausnahmsweise noch keine Todesopfer gefordert hat.
Bei der Erörterung der Evolution reziproken Verhaltens haben wir gesehen,
daß dieses langfristig erfolgreicher ist als der krasse Egoismus, hingegen
hat der Egoismus kurzfristig mehr Erfolg.
Bei allem Mangel, mit dem unsere Vorfahren auf Bottleneck zu kämpfen
hatten, eines eint sie: Alle Horden hatten zumindest ein Tauschmittel zur
Verfügung: Menschen, vor allem Frauen. Dem exogamen, stark sexualorientierten Lebewesen Mensch drängte sich diese Form von „Geld“ nahezu auf. Menschen sind soziale Lebewesen, die gewöhnlich in Verbänden leben, in denen sich die Individuen genau kennen. Ähnliche Verbände bilden
außer den Primaten Wölfe, Schafe, Elefanten und vor allem viele Vogelarten.
Es ist aber von keiner anderen sozial lebenden Spezies dieser
Erde bekannt, daß Männchen sich Frauen kaufen anstatt um ihre Gunst zu
buhlen. Die durch Schwangerschaft und Brutpflege verursachten „Behinderungen“,  die Menschenfrauen in die Rolle der Sammlerin gedrängt hatten, machte sie nahezu zum idealen Handelsobjekt.125
Die ursprünglichen Partnerbindungen haben sich jedoch bis heute erhalten
und füllen das ganze Universum der Liebesromane. Pubertät und romantische Liebe hatten von Beginn der Menschheit an dem Individuum die
Ablösung aus dem ursprünglichen Sozialverband erleichtert. Das ursprüngliche  Abschiedsritual der Hochzeit126 verkam zum Geschäftsabschluß. Das ist bis heute so geblieben. Es bedarf wohl keiner näheren Begründung, daß diejenigen Männer bei der Fortpflanzung „erfolgreicher“ waren, die sich Frauen kurzerhand kauften als die, die warten mußten, bis eine Frau sie auswählte. Darin liegt auch der Grund für die in vielen Teilen der Welt geltenden strengen und teils grotesken Regeln für die natürlichste Sache der Welt. Fast alles ist zu finden: von sexueller Freizügigkeit bei Südseevölkern bis zur Verhängung der Todesstrafe wegen Ehebruchs auch über vergewaltigte Frauen. Auch dem aufgeklärten westlichen Denken ist das natürliche Zusammengehörigkeitsgefühl von Sexualpartnern fremd. Da geistert immer noch das Schlagwort von der Familie als „Keimzelle“ des Staates durch die Publikationen. Aus jeder Keimzelle geht ein kompletter Organismus hervor, ein Phänomen, das bei Familien und Staaten nicht zu beobachten ist. Auch Artikel 6 des deutschen Grundgesetzes beinhaltet eine Systemwidrigkeit. Mitten in die garantierten Menschenrechte hat sich die Institutsgarantie für eine nach allem höchst fragwürdige Einrichtung eingeschmuggelt: „Ehe und Familie stehen unter
dem besonderen Schutz des Staates“. Die „Familie“ aber nur dann, wenn
die Eltern „ordnungsgemäß“ verheiratet sind…
Voraussetzung für diese Art von Geschäften ist freilich die Verkrüppelung
der sozialen Instinkte, die Organismen eines Sozialverbandes untereinander
eng verbinden. Wie wir oben gesehen haben, pflanzten sich die
Insulaner innerhalb eines beschränkten Genpools fort, so daß die verwandtschaftliche Nähe aller die Entstehung und Verbreitung von Verkrüppelungen
förderte. Neben dem Gesichtsschädel verkümmerten tief im
Schädelinneren die sozialen Instinkte. Das unsichtbare Band, das den Neandertaler mit seinen Gefährten und Frauen verband, zerriß allmählich.
Die Tötungshemmung fiel. (Gerhard Altenhoff, aaO, 161ff)

Ungefähr zeitgleich mit diesen Erwägungen, nämlich im Jahre 1999 stellte das MPI öffentlich die Frage, ob die moderene Menscheit durch ein Nadelöhr gekommen wäre.

Was ich damals nicht wußte, daß wir das „Bonobo – Gen“ immer noch in uns tragen. Bonobos sind die Primaten mit der wohl höchsten sexuellen Aktivitäts- und Primiskuitätsrate. Der Bonobo ist immer noch in uns, Carl XVI. Gustav von Schweden scheint es zu beweisen.

Ferner hatte man sich vor 10 bis 11 Jahren noch wenig Gedanken um den Wert des Kuschelhormons Oxytocin gemacht. Oxytocin dürfte der Schlüssel zum Unterschied zwischen dem „modernen (mordenden) Menschen“ und seinen „Vorfahren“ sein. Wenn man sich so umschaut, scheint der „mordende Mensch“ an extremer Unterversorgung von Oxytocin zu leiden.- Vielleicht gleicht man mal die Oxytocinspiegel von Schimpansen, Bonobos und Menschen miteinander ab. – Das Ergebnis könnte für den „Homo Sapiens Sapiens“ so überraschend wie vernichtend sein.

Hormonmangel als „Mördergen“ – Eigentlich ein ganz einfacher „Schachzug“ der Evolution.  – Ob das aber so in ihrem Sinne ist, darf bezweifelt werden.


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