Evolutionäre Religionswissenschaft vs. Evolution des Glaubens

Januar 4, 2013

Evolutionäre Religionswissenschaft – Welche Fragen haben Sie? | Natur des Glaubens.

Eigentlich habe ich keine Fragen, eher eine Antwort:

Und zwar auf die Frage, woher das Phänomen „Glauben“ überhaupt kommt. Wenn man sich in der Welt und der Menschheitsgeschichte umschaut, zeigt sich, daß auch die Beziehung der Menschen zu ihren Göttern, Geistern und Dämonen einem evolutionären Prozeß folgte:

Dieser Prozeß hat drei Quellen.

Die erste ist sein unübertroffenes Vorstellungsvemögen, Grundlage jeglicher Technik,

die zweite ist sein gestörtes Verhälnis zu dem, was ich „Tausch-und-teile-Instinkt“ nenne.

Die dritte Quelle ist schließlich die Sprache, die uns zwingt, Sachen zu „benennen“ , die uns vor allem dazu verdammt, Dinge, die sich „von selbst“ bewegen, zu personifizieren. – So will es der Sprachinstinkt.  – Diese dritte Quelle ist untrennbar mit beiden anderen verbunden. – Denn der Gebrauch der Sprache setzt nicht nur ein Übermaß an Vorstellungsvermögen voraus, sondern der Sprachinsitnkt selbst Abkömmling des „Tausch-und-teile-Instinkts“

Fangen wir mir Quelle Nr 1 an:

Nun stellen Sie sich vor, daß zur Zeit der Herbststürme ein einzelner Bär die Höhle aufsucht. Am Ende des Winters verlassen allerdings regelmäßig drei Bären die Höhle. Ein großer und – normalerweise – zwei putzmuntere kleine.

Sie wissen, daß beim Menschen und bei anderen Säugern Ihrer Umgebung das Junge aus dem Mutterleib kommt. Dieses Wissen dürfen Sie auch dem Neandertaler unterstellen; mehr als einmal dürfte jeder Neandertaler in seinem Leben trächtige Weibchen er- und zerlegt haben. Die „Leibeshöhle“, der ein Säugtier „entspringt“, mußte demnach auch der Neandertaler bestens kennen. Deren Charakteristikum ist die Enge des Eingangs, der in die Weite des Uterus mündet. Ähnlich sind die Höhlen, die als Kultstätten dienten, aufgebaut. Ähnlich sind auch die Ganggräber der Megalithkultur gestaltet, die heute noch in Irland zu finden sind.

Ich muß Sie hier nochmals an Ihre disziplinierte Naivität erinnern. Sie wissen, daß der Bär ein Säugetier ist, für den Moment müssen Sie ihr Wissen einmal vergessen.[1] Wußte es auch der Neandertaler?

– Prima Facie, dem ersten Anschein nach, entspringen in jedem Frühjahr junge Bären unmittelbar der Höhle, denn bis vor kurzem war die Geburt von Bären noch eines der bestgehüteten Geheimnisse der Natur. Im Winter 1999/2000 wurde als Weltpremiere eine entsprechende Live-Übertragung im Internet angeboten. In den Jahrmillionen davor war das allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Die Beobachtung einer Bärengeburt war somit erst recht dem Neandertaler verwehrt. Die Vorstellung, ein Bär entspringe unmittelbar dem Schoß der Erde, ist damit vorprogrammmiert.

Die dunkle Höhle ist zwar immer noch voll von den Geistern und Dämonen, die das Licht der Fackel an die Wände zaubert. Durch den Einfluß der Bären ist eine Höhle aber kein Ort der Furcht mehr, sie wandelt sich in jedem Frühjahr zur Quelle neuen Lebens. Diese finden  wir in der griechischen und nordischen Mythologie wieder vor, nämlich im gebärenden Schoß der Erdmutter, die die Griechen Gaia nannten. Zum Leidwesen des Papstes hat auch die Jungfräulichkeit der Mutter Gottes hier ihren mythischen Ursprung:

Im nordischen Bereich ist die Erdmutter zu Anfang noch jungfräulich.[2] Weiter südlich ist die Vorstellung von „Mutter Erde“ zwar immer noch lebendig, aber die Dame ist nicht mehr allein: Die Gaia der Griechen gebiert am laufenden Band Titanen und Zyklopen. Die sinnenfrohen Griechen hatten ihrer Gaia den sexbesessenen Uranos hinzugesellt, der mit seinen weiteren Zeugungsakten erst dann aufhört, nachdem ihn sein Sohn Chronos, der Herr der Zeit, entmannt hatte. Chronos selbst fürchtete, auf ähnliche Weise entmachtet zu werden und verschlang die Kinder seiner Schwester und Gattin Rheia unmittelbar nach der Geburt. Bis auf Zeus, den seine Mutter vor den Nachstellungen in eine Höhle in Sicherheit brachte. Dort trank das Kind die Milch der Ziege Amaltheia und wurde von den Bärinnen Helike und Kynosura  behütet und erzogen. Zeus verbannte seinen Vater in die Unterwelt. Er dankte der Ziege und den beiden Bärenmüttern, indem er sie in den Nachthimmel hob. Merkwürdigerweise steht auch die Geburtskirche in Bethlehem über der Grotte, in der Jesus zur Welt gekommen sein soll.

Höhlen, Bären und der Geburtskanal als Alltagserfahrung sind ausreichend, die Mythologie von Mutter Erde und ihren gigantischen Kindern mit den titanischen Kräften zu begründen. Der Bärenkult offenbart aber noch mehr:

Hier berühren sich Jenseitsvorstellung, Totenkult und Fruchtbarkeitsritus in ähnlicher Weise wie bei der Erdbestattung. Auch unser eigenes Beerdigungsritual ist mit der Vorstellung von Fruchtbarkeit verknüpft. Was in den „Schoß“ der Erde eingebracht wird, wird leben und wachsen.

Die Höhlen, in denen der Neandertaler seine Begräbnisspuren hinterließ, waren folglich nicht ein Ort der reinen Trauer, sie waren der Quell eines Lebens, das zumindest nicht mit der Alltagserfahrung eines Neandertalers erklärbar war. Höhlen waren folglich die Orte, an die man einen Verstorbenen in der Hoffnung auf ein neues Leben im Jenseits oder in der Hoffnung auf eine Wiedergeburt gebracht hatte.

Freilich lassen sich für die von mir hier aufgestellte These kaum direkte Beweise finden:

An den Wänden der Höhlen von Shanidar, Mugharet es-Skhul, Mugharet et-Tabun oder anderen gibt es außer den „Lichtwesen“, die der Fackelschein spontan an die Höhlenwand zaubert, – nichts.

Der Neandertaler hat zwar Anhaltspunkte für Zeremonien hinterlassen, darunter sind allerdings keine, die man als Beschwichtigungsritual gegenüber den Geistern und Göttern deuten könnte.

Allerdings auch nichts, was darauf hindeuten könnte, daß die Neandertaler Ahnen, Geister oder Götter angerufen hätten, den nächsten Jagdzug erfolgreich sein zu lassen. Ihre Kultstätten geben uns keinen Hinweis auf derartige Zauberrituale.

Erst bei Crô-Magnon waren sie gang und gäbe und sind noch heute weltweit verbreitet. Selbst das Christentum kennt diesen Zauber: Beim Vaterunser kommt erst einmal das Signal der Bereitschaft zur Unterwerfung: „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe…auch auf Erden.“ – Ein deutlicher Hinweis, daß der Mensch die Unterwerfung unter die Herrschaft Gottes erst in einer ungewissen Zukunft in Aussicht stellt. Und dann kommt der Forderungskatalog:

 „Unser täglich Brot gib uns heute! Und vergib uns unsere Schuld!“

Darauf folgt die Stelle des Vaterunser, an der der Mensch seine Nähe zu Kain nicht mehr leugnen kann:

„Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!°“ – Die wahren Absichten werden verschleiert. – Der „gottesfürchtige“ Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hat es  nach dem 11. September 2001 auf den Punkt gebracht, als er sinngemäß verlautbarte: „Gott mag vergeben, wir nicht.“

Es wird auch gerne übersehen, daß erst nach der Ankündigung der Vergebung die schärfste Forderung folgt: „Und führe uns nicht in Versuchung!“: Es ist das Abschieben der Eigenverantwortung auf eine höhere Instanz, der man auf der einen Seite vertraut, auf der anderen Seite aber zutraut, Dinge anzuordnen oder zumindest zuzulassen, die man aus eigenem Antrieb wohl nicht tun würde. – Das „sondern erlöse uns von dem Bösen! –Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“! – Beide Sätze sind nicht voneinander zu trennen, den sie beinhalten die bedingungslose Kapitulation vor der Fremdbestimmung, und zwar auch dann, wenn die dadurch ausgelöste eigene Handlung als Unrecht wahrgenommen wird; es wird erwartet, daß die „höchste“ Instanz den Befehl, den man widerwillig befolgt hat, als „Oberster Gerichtsherr“ wieder aufheben wird. ­–  Und zum Schluß des Vaterunser wird dem lieben Gott nochmals so richtig Honig um den Bart geschmiert. „Von nun an bis in Ewigkeit.“ – Glauben Sie wirklich, daß der Allmächtige sich auf einen derart durchsichtigen Kuhhandel mit Menschen einläßt?

Alle Opfer, die Göttern, Geistern und Ahnen je dargebracht wurden, dienten  nur dem einen Zweck, den Kräften der Natur einen Vertrag aufzuzwingen: „Wir geben Dir das, von dem wir meinen, daß Du es willst, damit Du das gibst, was wir wollen.“ – In seiner Orientierungslosigkeit überträgt und projiziert der moderne Mensch seinen Drang nach reziprokem Verhalten auch auf die Kräfte der Natur. „Do ut des“ – Ich gebe, damit Du gibst. Nach des Menschen Vorstellung soll auch im Verhältnis Mensch-Natur, Mensch-Gott das gegenseitige Vertragsverhältnis gelten, das die Juristen mit Synallagma betiteln. Dabei möchte freilich der Mensch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen festlegen, ein Vorhaben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

 Neandertaler bestatteten ihre Toten auf „Blumenkissen“. Auch heute noch zählen in allen Teilen der Welt Blumen zu den beliebtesten Grabbeigaben. Seit vermutlich mehr als drei Millionen Jahren hatte es damals schon das blumengeschmückte Abschiedsritual der Hochzeit gegeben. Die „Braut“ oder der „Bräutigam“ wurde aus den alten sozialen Bindungen in den Sozialverband einer Nachbarhorde entlassen, der Trennungsschmerz durch das Ritual gemindert. Es ist nahezu unausweichlich, daß unsere Vorfahren für den Todesfall ein der Hochzeit ähnliches Ritual entwickelten. Der Verlust eines Kindes ist immer ein Abschied; gleichgültig, ob es zukünftig in einer anderen Horde lebt oder im Jenseits. Die Verhaltensmuster der Brautwerbung und des sozialen Zusammenlebens sind überwiegend neotene Muster, sie leiten sich aus der Mutter-Kind-Beziehung ab. So ist es nun wirklich nicht verwunderlich, wenn die Abschiedsrituale Hochzeit und Bestattung  einander ähnlich sind. 

Die botanischen Grabbeigaben der Neandertaler zeigen, daß sie sehr fein zu differenzieren vermochten. Es fanden sich nämlich kaum Überreste von Pflanzen in den Höhlengräbern, die eßbare Früchte tragen.


[1]              Sie wissen auch, daß der Biber ein Säugetier ist, dennoch galt er jahrundertelang wegen seines schuppigen Schwanzes nicht als ein solches!

[2]              Britta Verhagen, Götter am Morgenhimmel, Tübingen, Buenos Aires, Montevideo 1983, S. 34

(Gerhard Alenhoff, Australopithecus Superbus, S. 169ff)

Die zweite Quelle ist das Vorstellungsvermögen, die Phantasie. – Ohne sie ist kein Werkzeuggebrauch, vor allem aber keine planmäßige Werkzeugherstellung  vorstellbar. – Wer einmal eine Feuersteinknolle am Ostseestrand in der Hand hatte, der ist sich klar darüber, daß ihm ohne Vorstellung darüber, wie das Werkzeug am Ende aussehen soll, keine Chance hat, etwas Sinnvolles aus einer Feuersteinknolle zu schaffen.  – Wer nicht weiß, wie ein Netz ausssehen soll, wird mit den Fäden in seiner Hand kaum etwas anfangen können:

Der Spinne, die unlängst ihr Netz zwischen dem Außenspiegel und der Karosserie meines Wagens gesponnen hatte, war der Zweck ihres Hand- lens mit Sicherheit unbekannt. Sie spulte ein Programm ab, ohne über- haupt wahrzunehmen, was tatsächlich geschah: Bis etwa 80 km/h blieb sie seelenruhig in ihrem Netz hängen, etwa ab diesem Tempo lief sie rasch in Deckung. An jeder Ampel aber, wenn wieder weitgehend Windstille herrschte, kam sie wieder hervor, kontrollierte ihr Netz und beseitigte durch den Fahrtwind entstandene Schäden. Das wiederholte sie immer und immer wieder; sie tat mir hinterher richtig leid; aber wie hätte ich ihr erklären sollen, daß nach der nächsten Grünphase der „Sturm“ aufs Neue losgehen würde? Wie selbstverständlich erscheint uns das Verhalten der Spinne zweckgrichtet. Sie webt ihr Netz, um damit Insekten zu fangen. Allerdings braucht dies die Spinne als Individuum nicht zu wissen. Denn unter gewöhnlichen Umständen werden Fluginsekten sich mit einer sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit im Netz verfangen, auch davon braucht die Spinne selbst keine Kenntnis zu haben. Sie kann sich auf ihr„Artgedächtnis“ grundsätzlich verlassen. Nur in Ausnahmefällen, wie dem eben geschilderten, „versagt“ dieses.

 Anders sieht es beim Hausbau aus. – Dem Biber bereits dürfen wir ruhig zubilligen, eine Vorstellung davon zu haben, wie sein Bau aussehen muß. Aber der Biber ist im Bereich des Baumaterials auf das Holz beschränkt, denn es ist das einzige Baumaterial, das er mit seinen Zähnen bearbeiten kann.

Die Errichtung eines Hauses erfordert aber bei weitem mehr. Die Kenntnis davon, welche Materialien sich überhaupt eignen; Erfahrung im Umgang mit den Baustoffen usw. Alles Wissen über die Eigenschaften der Baustoffe  und alle Erfahrung im Umgang mit denselben reichen aber nicht aus, ein Haus zu bauen. Ohne Vorstellung davon, wie das Haus aussehen soll, ohne Phantasie also, gäbe es kein einziges Haus. Das Vorstellungsvermögen ist demnach das Entscheidende. Hier ist die Zweckursache zu suchen, die scheinbar aus der Zukunft in die Vergangenheit wirkt.

Unsere Phantasie ist auch der chaotische Widerpart unseres analytischen Verstandes. Ihre Inhalte sind in der Tat unbegrenzt, sogar Fabelwesen sind denkbar. Und diese wiederum können unseren analytischen Verstand zum Narren halten:

Aristoteles nimmt zu den Tier-Mensch- Mischgestalten der Mythologie wie folgt Stellung:

„(…) Entstanden etwa, wie in der Tierwelt Ochsen mit Menschenköpfen, so auch in der Pflanzenwelt Mischbildungen aus Rebe und Ölbaum oder nicht? Das ist freilich unnatürlich. Aber es mußte wohl so sein, wenn ent- sprechendes in der Tierwelt vorkam. Dann mußte freilich bei den Samen der reine Zufall herrschen. Wer aber so etwas behauptet, der hebt damit das Natürliche und die Natur auf. Denn von Natur aus gelangt alles, was von einem in ihm selbst liegenden Prinzip ununterbrochen bewegt wird, zu einer gewissen Vollendung. Diese ist freilich bei den einzelnen Wesen entsprechend dem weiligen Prinzip verschieden, aber nicht etwas Zufälliges, sondern jeweils immer dieselbe, wenn kein Hindernis in den Weg tritt. Der Zweck aber und was seinetwegen geschieht, kann auch einen zufälligen Anlaß haben, wie wir z.B. sagen, es sei zufällig ein Fremder gekommen und, nachdem er eingekehrt, wieder weggegangen, wenn er handelt, als ob er deswegen gekommen wäre, während er doch nicht des- wegen gekommen ist. So urteilen wir nach dem äußeren Hergang; der Zufall gehört aber zu den Ursachen, die man auf Grund des äußeren Hergangs annimmt, wie wir früher gesagt haben. Wenn so etwas aber immer oder doch meistens geschieht, dann ist es nicht bloß ein äußerer Hergang und nicht Zufall. In der Natur aber ist es immer so, wenn nicht ein Hindernis eintritt. Es ist aber töricht, etwas nicht für ein zweckmäßi- ges Geschehen zu halten, wenn die bewegende und überlegende Ursache unsichtbar ist. Und doch überlegt auch die Kunst nicht; denn wenn in dem Holz die Schiffsbaukunst seckte, so würde sie ganz gleichartig verfahren wie die Natur. Wenn also der Kunst der Zweck innewohnt, dann ist es auch bei der Natur der Fall. Am deutlichsten wird es aber in dem Falle, wenn jemand sich selbst heilt. Einem solchen gleicht die Natur. Es ist also klar, daß die Natur Ursache ist, und zwar im Sinne der Zweckmäßigkeit.“ (Aristoteles, Aus der Physik, Kausale und teleologische Naturbetrachtung)

Und hier kommt unvermittelt die dritte Quelle, der Sprachinstinkt ins Spiel:

Es ist schon erstaunlich, wie nahe Aristoteles der Wahrheit kam, wenn man seine doch stark eingeschränkten Möglichkeiten zur Erforschung der Natur  berücksichtigt.  Er  selbst  hat  bereits  eine  Vorstellung  von  der „Vollendung“ des  Natürlichen durch innere Antriebe,  die  nach seinen Worten „nicht etwas Zufälliges, sondern jeweils immer wieder dieselbe ist, wenn kein Hindernis in den Weg tritt.“ Aber auch Aristoteles macht am Ende seiner Betrachtung den typisch menschlichen Fehler, die eigene Phantasie in die natürlichen Abläufe zu projizieren. Aber das ist nicht verwunderlich, weil wir dazu neigen, komplexe Zusammenhänge zu personifizieren: wir lassen das Feuer wüten, den Sturm toben, den Fluß über die Ufer treten. An der Nordseeküste holt sich der „Blanke Hans“ gelegentlich seine Opfer, Vulkane „speien“ Feuer. Und die Evolution „schafft“ Lebewesen.

Wenn wir uns also mit Dingen „befassen“, die wir nicht „begreifen“ können, billigen wir ihnen nahezu automatisch eine Subjektqualität zu, sie werden als handelnde Person wahrgenommen. Auch hier stehen wir wieder nicht allein da; Sie haben es am Beipiel der Schimpansen gesehen, die wütend auf den „Wettergott“ losgegangen sind.

Von der Personifizierung können wir nicht einmal lassen, wenn es um komplexe Strukturen und Zusammenhänge geht, die der Mensch selbst erst geschaffen hat. Wir reden davon, „der Krieg“ sei der Vater aller Dinge; „die Technik“ versage hin und wieder. Ob Wirtschaft, Politik, Medizin, Justiz oder Gesellschaft. All diesen Dingen, die wir nicht unmittelbar fassen“ können, verleihen wir den Status einer Persönlichkeit. Sie können das ganz einfach daran feststellen, daß sie diesen „Personen“ für irgendetwas die „Schuld“ in die Schuhe schieben können. Wobei der Schuh seinerseits für den Menschen „handhabbar“ ist. Wenn Ihnen ein Schuh nicht paßt, werden Sie kaum jemals behaupten, das sei ein Verschulden des Schuhs. (Gerhard Altenhoff, Australopithecus Superbus S. 128ff)

„Gott“, „die Götter“, „Geister“ und „Dämonen“ – sie alle sind wissesnschaftlich nicht nachweisbar. – Zumindest als „Personen“. – Aber das gesamte Universum ist offensichtlich von einer Art „mathematischem Feld“ durchzogen, das sich nicht in der Euklidischen Geometrie und der linearen Algebra erschöpft. – Die Kresizahl „Pi“ ist allgegenwärtig und nicht durch ein ganzzahliges Verhältnis zu erfassen. Sie ist ein Fraktal.  „Pi“ ist – nach klassischen menschlichen Maßstäben –  „verantwortlich zu machen“ für alle runden Dinge in dieser Welt.

Ich will es an dieser Stelle nicht weiter vertiefen, aber wir selbst und die uns umgebende Natur sind durch und durch fraktal gestaltet, also von nichtlinearer Mathematik durchwirkt.

Die Mathematik ist „wiederholbar“, nicht aber deren Ergebnisse im Zusammentreffen mit der Materie. Es gibt also etwas, was universeller ist als unsser Universum. – Wir spüren es, aber es entzieht sich weitgehend unserer Wahrnehmung. – Wir kennen auch heute erst wenige Gesetze der fraktalen Geometrie. – Wir werden sie wohl auch nicht alle kennenlernen, also werde wir auch weiterhin genug Anhaltspunke habe für Götter, Geister und Dämonen.

Niemand von ihnen, auch nicht unser „Gott“ wird sich jemals von Menschen beeinflussen lassen. – Die Beziehung der Natur,-  ich pflege zu sagen: „des Planeten“  – zu den Menschen läßst sich von diesem nicht „reziprok“ gestalten. Auch wir Menscchen sind auf Gedeih und Verderb den Kräften des Planeten ausgeliefert. – Wie die Evolution zeigt, klappt diese einseitige Beziehung ganz gut, sofern man sich dem Planeten anpaßt und nicht versucht, ihn sich zu „unterwerfen“.


Neandertaler: Und sie paarten sich doch – FOCUS kommt um Jahre zu spät!

Oktober 13, 2012

Neandertaler: Und sie paarten sich doch – Anthropologie – FOCUS Online – Nachrichten.

Hat irgendjemand außer katholischen oder anglikanisch-puritanischen „Forschern“ etwas anderes erwartet? – Neandertaler waren schließlich auch nur Menschen. – Und was für welche! -Aber die Erkenntnis ist doch nicht neu. Auch die „Focus“-Redaktion hätte alles, was jetzt Sensation ist, vor Jahren aus dem Internet herunterladen können:

https://advocatusdeorum.files.wordpress.com/2009/10/sexclub-neandertal.pdf


Der moderne Mensch bedrohte Neandertaler – Vom „Inselaffen“ zum „Präsidenten“

Oktober 13, 2012

Das größte Übel: Der moderne Mensch bedrohte Neandertaler – Anthropologie – FOCUS Online – Nachrichten.

Der Weg, auf dem der „moderne Mensch“ den Neandertaler überholt hat, war mir klar, als die Ergebnisse der Genetik und der experimentellen Archäologie erstmals übereinstimmten. – Die „Sintflut“ war eine Art „optischer Täuschung“, die auf einem Anstieg des Meeresspiegels beruhte und eine Population von 10.000 bis 20.000 Neandertalern auf einer Insel isolierte. Wie in der Arche Noah „überlebten“ nur die Tiere, die der Mensch in seiner isolierten Umgebung vorfand. – Die größte Unstimmigkeit derbiblischen Geschichte besteht nämlich im Fehlen der Pflanzen auf der Arche Noah. – Wie dem auch sei, wasw jetzt in der Presse Schlagzeielen macht, hatte ich bereits vor rund 10 Jahren detailliert dargelegt

„(…)Freilich lassen sich für die von mir hier aufgestellte These kaum direkte Beweise finden:

An den Wänden der Höhlen von Shanidar, Mugharet es-Skhul, Mugharet et-Tabun oder anderen gibt es außer den „Lichtwesen“, die der Fackelschein spontan an die Höhlenwand zaubert, – nichts.

Der Neandertaler hat zwar Anhaltspunkte für Zeremonien hinterlassen, darunter sind allerdings keine, die man als Beschwichtigungsritual gegen- über den Geistern und Göttern deuten könnte.

Allerdings auch nichts, was darauf hindeuten könnte, daß die Neandertaler Ahnen, Geister oder Götter angerufen hätten, den nächsten Jagdzug erfolgreich sein zu lassen. Ihre Kultstätten geben uns keinen Hinweis auf derartige Zauberrituale.

Erst bei Crô-Magnon waren sie gang und gäbe und sind noch heute welt- weit verbreitet. Selbst das Christentum kennt diesen Zauber: Beim Va- terunser kommt erst einmal das Signal der Bereitschaft zur Unterwerfung:

„Dein Reich komme, Dein Wille geschehe…auch auf Erden.“ – Ein deut- licher Hinweis, daß der Mensch die Unterwerfung unter die Herrschaft Gottes erst in einer ungewissen Zukunft in Aussicht stellt. Und dann kommt der Forderungskatalog:

„Unser täglich Brot gib uns heute! Und vergib uns unsere Schuld!“

Darauf folgt die Stelle des Vaterunser, an der der Mensch seine Nähe zu

Kain nicht mehr leugnen kann:

„Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!°“ – Die wahren Absichten werden verschleiert. – Der „gottesfürchtige“ Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hat es nach dem 11. September 2001 auf den Punkt gebracht, als er sinngemäß verlautbarte: „Gott mag vergeben, wir nicht.“

Es wird auch gerne übersehen, daß erst nach der Ankündigung der Vergebung die schärfste Forderung folgt: „Und führe uns nicht in Versuchung!“: Es ist das Abschieben der Eigenverantwortung auf eine hö- here Instanz, der man auf der einen Seite vertraut, auf der anderen Seite aber zutraut, Dinge anzuordnen oder zumindest zuzulassen, die man aus eigenem Antrieb wohl nicht tun würde. – Das „sondern erlöse uns von dem Bösen! –Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“! – Beide Sätze sind nicht voneinander zu trennen, den sie beinhalten die bedingungslose Kapitulation vor der Fremdbestimmung, und zwar auch dann, wenn die dadurch ausgelöste eigene Handlung als Unrecht wahrgenommen wird; es wird erwartet, daß die „höchste“ Instanz den Befehl, den man widerwillig befolgt hat, als „Oberster Gerichtsherr“ wieder aufheben wird. – Und zum Schluß des Vaterunser wird dem lie- ben Gott nochmals so richtig Honig um den Bart geschmiert. „Von nun an bis in Ewigkeit.“ – Glauben Sie wirklich, daß der Allmächtige sich auf einen derart durchsichtigen Kuhhandel mit Menschen einläßt?

Alle Opfer, die Göttern, Geistern und Ahnen je dargebracht wurden, dienten nur dem einen Zweck, den Kräften der Natur einen Vertrag auf- zuzwingen: „Wir geben Dir das, von dem wir meinen, daß Du es willst, damit Du das gibst, was wir wollen.“ – In seiner Orientierungslosigkeit überträgt und projiziert der moderne Mensch seinen Drang nach rezipro- kem Verhalten auch auf die Kräfte der Natur. „Do ut des“ – Ich gebe, da- mit Du gibst. Nach des Menschen Vorstellung soll auch im Verhältnis Mensch-Natur, Mensch-Gott das gegenseitige Vertragsverhältnis gelten, das die Juristen mit Synallagma betiteln. Dabei möchte freilich der Mensch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen festlegen, ein Vorhaben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Neandertaler bestatteten ihre Toten auf „Blumenkissen“. Auch heute noch zählen in allen Teilen der Welt Blumen zu den beliebtesten Grabbei- gaben. Seit vermutlich mehr als drei Millionen Jahren hatte es damals schon das blumengeschmückte Abschiedsritual der Hochzeit gegeben.

Die „Braut“ oder der „Bräutigam“ wurde aus den alten sozialen Bindun- gen in den Sozialverband einer Nachbarhorde entlassen, der Trennungs- schmerz durch das Ritual gemindert. Es ist nahezu unausweichlich, daß unsere Vorfahren für den Todesfall ein der Hochzeit ähnliches Ritual entwickelten. Der Verlust eines Kindes ist immer ein Abschied; gleichgültig, ob es zukünftig in einer anderen Horde lebt oder im Jenseits. Die Verhal tensmuster der Brautwerbung und des sozialen Zusammenlebens sind überwiegend neotene Muster, sie leiten sich aus der Mutter-Kind-Beziehung ab. So ist es nun wirklich nicht verwunderlich, wenn die Abschiedsrituale Hochzeit und Bestattung einander ähnlich sind.

Die botanischen Grabbeigaben der Neandertaler zeigen, daß sie sehr fein zu differenzieren vermochten. Es fanden sich nämlich kaum Überreste von Pflanzen in den Höhlengräbern, die eßbare Früchte tragen.

All das läßt die Gedankenwelt der Neandertaler ein wenig erahnen. Sein Sozialverhalten war ganz und gar auf seine Artgenossen abgestimmt. Und, wie bei sozial lebenden Tieren üblich, war die Grundstimmung „freundlich“. An den Reviergrenzen der einzelnen Horden kam es durchaus zu Unstimmigkeiten, aber gewaltsamen Auseinandersetzungen wird man aus dem Weg gegangen sein. Das Prinzip des geringsten Zwangs schrieb auch damals jedem Hordenführer vor, keine Ausfälle bei den eigenen Gefährten zu riskieren.

Ich höre Widerspruch: Nach gängiger Lehrmeinung war dem Neandertaler als „Vormenschen“ jeglicher moralische Impetus fremd, er schwang die Keule und klopfte blind auf Steinen herum. Er beschwor keine Geister und Götter, brachte ihnen keine Opfer dar, weil ihm der für die Entwicklung entsprechender Vorstellungen erforderlich Intelligenzgrad abgesprochen wird. Deswegen gilt er nach wie vor als ein Wesen, dem menschli- che Regungen und moralische Grundsätze fremd sind.

Nach der hier vertretenen Auffassung brauchte der Neandertaler die Ri- tuale des „modernen“ Menschen nicht. Es war ihm noch möglich, auf die sozialen Signale seiner Mitmenschen instinktiv zu reagieren. Zumindest innerhalb der eigenen Gruppe wird er auf Weinen und andere Signale der Hilflosigkeit so reagiert haben, wie der Brutpflegetrieb es vorschrieb.

Ich will gar nicht bestreiten, daß es unmöglich wäre, dem Neandertaler die Begriffe Recht und Moral zu erläutern. Aber nicht aus dem Grund, der immer dafür angeführt wird, nämlich dessen „Dummheit“. Wenn er Recht und Moral nicht kannte, dann nur deshalb, weil er weder das eine noch das andere brauchte. Aus diesem Grunde hatte er es auch nicht nötig, die höheren Instanzen der Moral, nämlich die jeweils „zuständigen“ Geister, Götter und Dämonen anzurufen oder zu beschwichtigen. – Den freundlichen und fröhlichen Menschen aus dem Neandertal zu unterstellen, dumm und brutal gewesen zu sein, geht zu weit, offenbart im Gegenzug die Dummheit und die maßlose Überheblichkeit des „modernen“ Menschen.

Neandertaler hätten nie in Millionenstädten leben können. Sie kannten die zehn Gebote nicht; das Bürgerliche Gesetzbuch wäre ihnen so fremd vorgekommen wie die Zwölftafelgesetze Roms. Eine Gesetzgebung, sei sie göttlicher, sei sie menschlicher Natur, – die gab es im Neandertal nicht. Gesetze hatten die Neandertaler nicht, weil sie überflüssig gewesen wären. Diese Prothesen brauchte man nicht:

Der Kernbereich des BGB, die Zwölftafelgesetze und auch der Dekalog haben ihren natürlichen Ursprung tief im sogenannten limbischen System des Gehirns. Das wiederum ist merkwürdigerweise der entwicklungsgeschichtlich älteste Hirnbereich. Wir teilen ihn nicht nur mit Schafen, Wölfen und Walen, wir teilen ihn auch mit Gänsen, Krähen, Krokodilen und Haien. Im limbischen System sitzt bei sozial lebenden Tieren das biologi- sche „Sozialministerium“. Aber auch das natürliche „Justizministerium“ hat hier seinen Sitz. Deren Funktionsfähigkeit ist bei uns freilich erheblich beeinträchtigt. Beim Neandertaler war das wie gesagt noch anders.

Der Neandertaler war, wie seine und unsere bis dahin aufgetretenen Vorfahren Bestandteil seiner Umwelt, er war in sie eingebunden.

Demgegenüber ist der „moderne“ Mensch blind geworden für seine Le- bensgrundlage, nämlich den Planeten Erde. Spätestens seit der Mensch sich anschickte, „den Weltraum zu erobern“, hat er die Bodenhaftung, sei- ne Anbindung an den Planeten und seinen Respekt, seine Skrupel gegen- über dem Planeten und seinen Mitgeschöpfen offenbar vollends verloren.

– Für die Worte „Respekt“ und „Skrupel“ benutzten die Römer ein und dasselbe Wort: „religio“. In diesem Wort vereinen sich das lateinische re = „zurück“ und ligare = binden. Die religio eines Pferdes ist das Zaum- zeug. Der Glaube an die „Machbarkeit“ aller menschlichen Vorstellungen bis hin zur Besiedlung fremder Planeten und zum Klonen von Menschen offenbart die Zügellosigkeit des Menschen, die ihm immer wieder zum Verhängnis wird. Bei aller zur Schau getragenen Religiosität: Von religio ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Der Mensch ist in Opposition zu seiner Natur und dem freundlichen Wesen seiner Ahnen gegangen.

Den kleinen Ausflug in die Gefühls- und Gedankenwelt des Neanderta- lers wollen wir damit beenden. Er hatte durchaus etwas Romantisches an sich, und wer je Latein gelernt hat, fühlt sich an die Verse Ovids erinnert, mit der dieser die Beschreibung des ersten, des goldenen Zeitalters einleitet:

Aurea prima sata est aetas quae vindice nullo

Sponte sua sine lege fidem rectumque colebat

Poena metusque aberant nec verba minantia fixo

Aere ligabantur nec supplex turba timebat

Judicis ora sui sed erant sine judice tuti

(Und es entstand die erste, die goldene Zeit: ohne Rächer, Ohne Gesetz, von selber bewahrte man Treue und Anstand. Strafe und Angst waren fern; kein Text von drohenden Worten stand an den Wänden auf Tafeln von Erz; es fürchtete keine flehende Schar ihren Richter: man war ohne Rächer gesichert).

Diese Worte dürfte sich Ovid kaum aus den Fingern gesogen haben. Wahrscheinlicher ist, daß er sie uralten Erzählungen und Märchen ent- nommen hat, die man sich auch im antiken Rom erzählte. Bislang konnte ich keine Parallele zu dieser Geschichte finden, aber einen deutlichen Hinweis auf ein seit Urzeiten bestehendes globales Handels- und Informationsnetz. In der den obigen Versen vorangehenden Schöpfungsgeschichte beschreibt Ovid nicht nur genau die Kugelgestalt der Erde, er gibt auch die fünf Klimazonen von Pol zu Pol exakt wider. Woher sollte Ovid das wissen, wenn nicht aus Erzählungen. Die Beschreibung der fünf Klima- zonen finden Sie übrigens auch bei Cicero:

Obgleich ich dies bewundere, lenke ich dennoch meine Augen immer wieder auf die Erde zurück. Da sagte Africanus: “Ich merke, du betrach- test auch jetzt Heimat und Wohnsitz der Menschen; wenn dir dieser, wie er in Wirklichkeit ist, klein erscheint, dann sollst du immer das himmli- sche Geschehen da schauen, jenes menschliche aber verachten. Denn welche Berühmtheit im Munde der Menschen oder welchen erstrebens- werten Ruhm kannst du gewinnen? Du siehst, man wohnt auf der Erde nur an seltenen und begrenzten Orten, und selbst auf den Flecken sozusagen, wo man wohnt, liegen weite Einöden dazwischen; die Bewohner sind nicht nur so getrennt, daß nichts unter ihnen selber von einem zum anderen gelangen kann, sondern teils stehen sie für euch da als Gegenbewohner, teils als Nebenbewohner, teils sogar als Antipoden. Von die- sen aber könnt ihr sicherlich keinerlei Ruhm erwarten.

Du siehst aber eben diese Erde gleichsam mit einigen Gürteln umwunden und umgeben, von denen du die zwei am meisten von einander entgegen- gesetzten und auf die Himmelspole von beiden Seiten her gestützten im Frost erstarrt erblickst, jenen mittleren aber und größten von der Glut der Sonn ausgedörrt. Zwei sind bewohnbar, von denen jener südliche, dessen Bewohner euch entgegengesetzt die Spuren setzen, nichts mit eue- rem Geschlecht zu tun hat; dieser andere aber da, nach dem Norden ge- legen, den ihr bewohnt, sieh, in welch schmalem Streifen er zu euch in Beziehung steht! Die ganze Erde nämlich, die von euch bewohnt wird, eng nach den Polen hin, nach den Seiten zu breiter, ist eine Art kleiner Insel, umflossen von jenem Meer, das ihr Atlantik, das ihr groß, das ihr Ozean nennt auf Erden, der wie du siehst, trotz seines gewaltigen Na mens dennoch klein ist.

Auch hier haben wir den Hinweis auf ein seit unvordenklichen Zeiten be- stehendes weltweites Handelsnetz. Durch die Entstehung der Staaten und Reiche war dieses freilich erheblich gestört worden. Ein weltumspannen- des Handelsnetz ohne internationale Gerichtsbarkeit. Menschen, die kenen Richter brauchten, wahrlich ein goldenes Zeitalter, selbst dann, wenn es von Dichtern und Berichterstattern romantisch verklärt wurde.

Neben dem romantischen Aspekt hat die Verlagerung des Goldenen Zeit- alters ins Neandertal etwas knallhart Physikalisches. Denn die instinktive Bindung eines Lebewesens an seinen Sozial- und Sexualpartner folgt dem Prinzip des geringsten Zwangs. Das Romantische folgt allein daraus, daß uns die Handlungsimpulse nicht gänzlich abhanden gekommen sind. Sie haben sich bei den meisten von uns bis auf den heutigen Tag erhalten. Leider, so muß man es wohl sagen, nicht mehr zwingend.

Das wiederum ist es, was den Menschen als von der Natur abgehoben erscheinen läßt. Er hat seine Anbindung an die eigene Natur verloren. Und das ist gewiß kein Fortschritt.

Der Abbau der sozialen Instinkte und der Verlust der Tötungshemmung gegenüber dem Sozialpartner führten aber auch zur Aufhebung der Grenzen des Menschen zu seinen Jagdobjekten. Er ist in der Lage, Tiere an sich zu binden, ihnen Namen zu geben, sie aufzupäppeln und anschlie- ßend umzubringen. Der Vollzug von Menschenopfer und Todesstrafe haben hier ebenfalls ihren Ursprung.

– Egal, wo man im übrigen Tierreich hinschaut, bei sozial lebenden Organismen ist die Bindung an den Sozialpartner so fest, daß diesem unter normalen Bedingungen kein Haar gekrümmt wird. In aller Regel gibt es ein Alpha-Tier, an dessen Verhalten sich alle anderen Mitglieder der Gemeinschaft orientieren und das für Ruhe innerhalb des Rudels, der Schar oder der Herde sorgt. – Beim „modernen“ Menschen fehlt diese Bindung, die „Autorität“ ist gespalten und damit hebt sich der Vorhang für der Tragödie zweiten Teil, nämlich für die Suche nach eindeutiger Autori- tät, die auch in der Ära des Internet immer noch andauert. – Aber die Diskussion dieses Problems steht ganz am Ende unserer Reise, ich will sie hier nicht vorwegnehmen.

Die geschriebene Geschichte umfaßt wenig mehr als hundert Menschenal- ter. Die Geschichte der Bewohner von Bottleneck überstreicht gut und gerne 1000 Menschenalter. – Eintausend Menschenalter, Zeit genug, sein Aussehen so zu verändern, daß einen die anderen nicht wiedererkennen. Zeit genug, um nach dem Ende der Sintflut als Crô-Magnon wie aus dem Nichts aufzutauchen.

Vor 70.000 setzte die bislang letzte Eiszeit ein. Der Meeresspiegel begann zu sinken. Allmählich fiel damit auch der geflutete Bereich zwischen Bottleneck und Afrika wieder trocken.

Cro-Magnon wartete allerdings nicht bis zu dem Tag, an dem er den Weg zu Fuß zurücklegen konnte. Er kam vorher, denn er verfügte über eine Er- findung, die ihn befähigte, auch das kleinste und entlegenste Archipel zu besiedeln. Diese Erfindung wird wohl als so selbstverständlich angesehen, daß ich sie in keiner Zeittafel der menschlichen Kulturgeschichte gefun- den habe. Es handelt sich um das Boot. Es ist tatsächlich so selbstver- ständlich, daß es selbst den großen Entdeckern nicht einmal auffiel. Und nicht einmal Ihnen ist aufgefallen, das es dazu dienen kann, eine Reise durch die Zeit zu unternehmen. Wo immer Columbus, Captain Cook und alle anderen auch hinkamen, das Boot war schon da. Wie selbstverständ- lich benutzten die Ureinwohner die Wasserwege. Die Erklärung dafür liegt auf der Hand. Das Boot war es, das die ersten Crô-Magnon von ihrer Insel forttrug. Die Arche Noah stellt damit lediglich ein Symbol für den Weg dar, den die heutige Menschheit nahm, und der ihr Inseldasein been- den sollte.

Welcher Umstand aber führte zur Erfindung des Boots? – Zwei Szenarien sind denkbar:

Erstens: Mit dem allmählichen Absinken von Temperatur und Meeress- piegel änderten sich Wasserflora und -fauna. Fische, die unseren Vorfah- ren als Nahrung dienten, verschwanden aus den ufernahen Gewässern, so daß sie schwerer zu erreichen waren. Daß Holz schwimmt, dürfte auch den damaligen Menschen bekannt gewesen sein. Sobald das Bedürfnis entstanden war, sich weiter auf das Wasser hinauszuwagen, um an begehrte Nahrungsmittel zu gelangen, lag die Erfindung entsprechender Hilfsmittel geradezu in der Luft.

Zweitens: Mit dem Ansteigen des Meeresspiegels vergrößerte sich der scheinbare Abstand zwischen Insel und Festland. Die Erdkrümmung sorgte ab einem gewissen Wasserstand für das Abreißen der Sichtverbindung; scheinbar war das Festland hinter dem Horizont verschwunden. Das Ab- sinken des Meeresspiegels bewirkte den umgekehrten Effekt: das Festland geriet wieder ins Blickfeld der Menschen. Und da wollten sie hin und begannen, einen Weg zu suchen und erfanden das Boot. Das wäre ein steinzeitliches Analogon zur Raumfahrt.

Mir persönlich erscheint die erstgenannte Alternative plausibler. Crô-Ma- gnon dürfte sich angesichts der eingetretenen „Klimakatastrophe“ wenig für Steinzeit-Science-Fiction interessiert haben. Von der Klimaverände- rung waren schließlich nicht nur Meeresflora und -fauna betroffen, sondern auch die ihm als Nahrung dienenden Landpflanzen und -tiere. Es wird schließlich wieder einmal eine Verknappung der Ressourcen gewesen sein, die den Menschen dazu bewog, weit vom Ufer entfernt auf Nahrungssuche zu gehen.

Möglicherweise ist es an der Zeit, das sagenumwobene Atlantis ins Spiel zu bringen. Atlantis soll im Meer verschwunden sein und unermeßlich reich gewesen sein. Atlantis und die Sintflut – zwei Aspekte derselben Geschichte?

Tatsache ist, daß die ersten Crô-Magnon, die von Bottleneck das Festland erreichten, jenen Reichtum wiederfanden, den ihnen möglicherweise die Sage verheißen hatte:

Der Zeitpunkt der zweiten Bevölkerungsexplosion war unausweichlich gekommen. Im Gegensatz zur ersten erfaßte diese innerhalb kurzer Zeit tatsächlich den ganzen Planeten. Das wiederum ist die unausweichliche Konsequenz der logistischen Funktion, die den „modernen“ Menschen mit seinen Booten in alle Lebensräume preßte, in denen er Nahrung finden kann. Aus diesem Grunde bleibt ihm allein die Antarktis als Lebensraum verschlossen. – Da gibt es für ihn nichts zu holen.

Mit der Ankunft der ersten Crô-Magnon bekam der Neandertaler ein Problem, nämlich das Exozooenproblem: gelangen Organismen in einen Lebensraum, in dem sie keine „natürlichen Feinde“ haben, breiten sie sich explosionsartig aus. Der Neandertaler, das zeigt sein Aussterben, hatte Crô-Magnon nichts entgegenzusetzen. Unter Zuhilfenahme der aus der geschriebenen Geschichte bekannten Muster lassen wir den Film einmal ablaufen:

Das Wasser wich, die Sintflut hatte ihr Ende. Land war in Sicht, und man konnte es erreichen, bevor die Landverbindung endgültig wie- derhergestellt war.

Als die ersten „modernen“ Menschen das Festland erreichten, war das Schicksal des „klassischen“ Neandertalers, des letzten wirklichen Men- schen besiegelt. Ich benutze das Wort „wirklich“ ganz bewußt, denn der Neandertaler war, wie wir gesehen haben, noch instinktmäßig mit seiner Umwelt und seinen Mitmenschen verbunden.

Im Neandertal, das können sie mir glauben, ging es damals fröhlicher zu als heute. Eines Tages freilich muß den Ureinwohnern das Lachen im Halse stecken geblieben sein: spätestens an dem Tag, als sie durch den

„modernen“ Menschen „entdeckt“ wurden. Denn für die plattgesichtigen Neuankömmlinge dürften Neandertaler keinen höheren Stellenwert genos- sen haben als Pygmäen für die belgische Kolonialverwaltung: Pygmäen galten bis in die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts für deren Beamte als zur „Fauna des Waldes“ gehörig. Der Neandertaler als „Raub- tier“, – eine etwas ungewöhnliche, aber nicht unrealistische Vorstellung. Man denke nur an das Schicksal der Indianer und das der Aborigines Australiens.

Damit aber nicht genug. Die Abenteurer, die sich als erste in Richtung Neuland aufmachten, wußten von geradezu unermeßlichem Reichtum zu berichten. Neandertaler waren reiche Leute, und sie waren faul: War man selbst doch gezwungen, aus einem Pfund Feuerstein oder vergleichbarem Material mühselig zwölf Meter Klingenlänge herauszuarbeiten, gingen Neandertaler geradezu verschwenderisch mit dem Material um. Sie be- gnügten sich mit einem Meter Klingenlänge. Ihre Steinwerkzeuge waren groß. Folglich gönnten sich Neandertaler den Luxus, den Rohstoff für elf Meter Klingenlänge einfach mit sich herumzutragen. Und sie hatten ihren Werkzeugkasten in atemberaubend kurzer Zeit gefüllt. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten.

Wie erlangt man in einer solchen Situation das Objekt seiner Begierde? – Der „moderne“ Mensch hatte damals nicht einmal Glasperlen, die er den „primitiven“ Neandertalern zum vermeintlichen „Tausch“ hätte anbieten können. Sein handwerkliches Können war bei Neandertalern nicht unbe- dingt gefragt. Die „Gaumenfreuden“ der Insel dürften auch nur bei Lieb- habern exotischer Genüsse Anklang gefunden haben. Wie, ich wiederhole die Frage, kommt man an die begehrten Objekte? – Die geschriebene Ge- schichte und die Archive der Justiz in aller Welt geben die Antwort: Dinge, die ein anderer nicht ohne Gegenleistung hergeben will, wechseln häufig gewaltsam den Besitzer.

Es dauerte seine Zeit, bis sich die Sage vom „Eldorado“ der Vorzeit her- umgesprochen hatte. Geraubte oder getauschte „Importe“ vom Festland ließen mehr Kinder erwachsen werden als vergangene Zeitalter.

Bibel, Völkerwanderung, Wikingerzüge und erst recht die „Besiedlung“ Amerikas lassen erahnen, was dann geschah: Man nahm Sack und Pack, Kind und Federvieh, bestieg den Einbaum und zog ins prähistorische Gelobte Land.

Unsere Vorväter und -mütter breiteten sich mit zunehmender Geschwindigkeit über den Planeten aus. Es wäre lebensfremd anzunehmen, daß es zu keinen Vermischungen der Varianten gekommen wäre. Wenn eine Ne- andertalerfrau an einem Crô-Magnon Gefallen fand, wird sie sich ihm nicht verweigert haben. Ebenso konnte ein Crô-Magnon – Mädchen, das sich in einen Neandertaler verliebt hatte, sich auch durch strengste Strafen nicht davon abhalten lassen, mit einem Neandertaler das Lager zu teilen. Dummerweise werden die Mischlinge eher in den Horden der Neanderta- ler Aufnahme gefunden haben als in den Horden der Crô-Magnon. Auf- grund ihrer instinktiven Reaktion konnten Nenadertaler wohl nicht anders, als die Kinder der Fremden anzunehmen, sie konnten wohl auch nicht anders, als die Frauen wieder aufzunehmen, die in den Horden der „Plattgesichter“ nicht willkommen waren. – Ähnliche Verhaltensmuster gibt es heute noch. Sie traten vor allem in Südafrika und in den Südstaaten der USA auf; sie traten auch als Folge der nationalsozialistischen Rassegeset- ze auf. Noch heute leben in Deutschland, Japan und Vietnam Mischlinge, die man „Besatzungskinder“ nennt und deren Väter sich getrollt haben. Und noch heute werden in Norwegen Kinder von deutschen Besatzungs- soldaten diskriminiert.– Die geschriebene Geschichte ist aber auch voll davon, daß solche Kinder oft auch Kinder der Gewalt und nicht der Liebe sind.

Nach rund fünfzigtausend Jahren ungebremster Ausbreitung wurde für eine Daseinsweise als Jäger und Sammler der Platz knapp. – Historiker beschreiben diesen Vorgang als Seßhaftwerdung oder „neolithische Revolution“. Geschichtslehrer und Geschichtsbücher tradieren seit eh und je, der Prozeß der „Seßhaftwerdung“ hätte sich vor rund 8000 Jahren erstmals in Mesopotamien vollzogen. Zwischen Mesopotamien und den frü- hen Metropolen auf dem amerikanischen Kontinent liegen rund 8.000 Ki- lometer; aber auch in Amerika gab es schon vor Jahrtausenden Völker, die nicht nur seßhaft waren, sondern vielmehr Staaten bildeten; – wie auf dem „alten“ Kontinent. Die Frage nach dem „Warum“ ließen meine Ge- schichtslehrer unbeantwortet. Auch die von mir zu Rate gezogenen Bü- cher ließen die Antwort auf diese Frage offen. Es mag jemanden geben, der eine Antwort weiß, die plausibler ist als meine Vermutung:

Die seßhafte Lebensweise begünstigte in Verbindung mit der Verkümme- rung der sozialen Instinkte die Entstehung von Gemeinschaften, deren Größe über die der ursprünglichen Horde ( ca. 25 bis 50 Individuen) hin- ausreichte. Es liegt auf der Hand, daß die ärgsten „Sozialkrüppel“ in die Anführerpositionen drängten. Ohne Skrupel mordet sich leichter, der „Ne- benbuhler“ wird auf Dauer ausgeschaltet. Das schindet Eindruck bei niederen sozialen Rängen. Die Vorstellung von der Göttlichkeit des Herrschers breitete sich in den Köpfen der Menschen aus. Die Erfüllung der Begierden Einzelner wurde kollektiviert; – Das Zeitalter der Kriege be- gann; und es ist noch lange nicht zuende.

Ähnlich sah es in der „neuen Welt“ aus. Das Plündern und Morden war auch dort vor Kolumbus an der Tagesordnung. Eroberungen zu Lande wa- ren auch jenseits des Atlantiks keine Seltenheit. Die Vorstellung einer Per- sonalunion von Herrscher und Gott war auch den frühen Hochkulturen Mittelamerikas nicht fremd.

Und noch heute umgibt der Nimbus des Göttlichen die „Mächtigen“ dieser Welt. Die markantesten Beispiele für diesen Nimbus sind Caesar, Lincoln und Kennedy. Sie wurden jeweils auf dem Höhepunkt ihrer Macht „ins Jenseits befördert“. – Allein schon die Verwendung dieses Begriffes in Verbindung mit den Namen ruft unwillkürlich einen unheimlichen Widerwillen hervor. Dabei fand tatsächlich nichts anderes statt, was Alltag in dieser Welt ist. Ein Mensch wurde erstochen oder erschossen.

Der Weg führte vom Herrschergott über das Gottesgnadentum zu den „Sonnenkönigen“ auf Zeit, die je nach Verfassung des Staates Präsident, Prmierminister, Kanzler oder Ministerpräsident genannt werden.“

Dieser Text enthält wegen des Alters des Urtextes keine Quellenangaben. Der Text kann – mit Quellenangaben hier nachgelesen werden, und zwar ab Seite 188


„Altersarmut“ ist vermeidbar – fragt den Neandertaler!

September 3, 2012

Rentensystem: Von der Leyens dramatische Altersarmut-Prognose – Nachrichten Politik – Deutschland – WELT ONLINE.

„Altersarmut“ – gab es die eigentlich immer schon? – Nein, sie ist eine Folgeeerscheinung der „Staatenentstehung“. – Und das nur, weil „der Staat“, wie er uns geläufig ist, eine Erscheinung darstellt, die der Biologe „parasitär“ nennt. – Im Gegensatz zur Symbiose nimmt der parasit, gibt aber nicht. – Und genau so verhält sich auch der sogenannte „soziale Rechtsstaat“. – Dessen kameralistische Haushaltswirtschaft wurde auch bei  Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika und in der französichen Revolution Eins zu Eins aus dem überwunden geglaubten Feudalismus übernommen:

Der Staat kassiert Steuern und vergeudet sie.

Wir haben in aller Welt jede Menge Politiker, aber selbst die „Politikwissenschaft“  hat nicht einmal eine nachvollziehbare Bebgriffsbestimmung des Begriffs  „Politik“.

Auch Nigel Calder hat es in diesem Zusammenhang nicht geschafft, woran schon die Philosophen der Antike, erst recht aber die der Mo­derne gescheitert sind. Selbst Politologen haben den Begriff „Politik“ nie inhaltlich bestimmt und abgegrenzt. Erlebt wird „Poli­tik” überall in der Welt als ungehemmt ausgeübte soziale Dominanz. Auf den Punkt gebracht wurde es von der nationalsozilistischen Pro­paganda: „Führer befiehl, wir folgen!” – Es heißt nicht: „Führer schreite voran, wir folgen”. Der „Führer” ist mit der bedingungslo­sen Unterwerfung unter seine soziale Dominanzstellung jeder per­sönlichen Verantwortung für die Geführten enthoben, ordnen die sich doch seinem Willen unter, welche Motivation auch immer da­hinterstehen mag. – Und wenn der „Führer” den Untergang befiehlt, dann geht man eben unter, koste es, was es wolle. – Das aber ist nicht Sinn und Zweck der sozialen Dominanz. Sie kann ohne Ver­antwortlichkeit für das Ganze nicht existieren. Die soziale Führungs­position muß immer an den „besseren Überblick” gekoppelt sein.

Deswegen muß vor Beginn der Arbeit an einem Verfassungsentwurf nach Artikel 146 des Grundgesetzes der Begriff „Politik“ eindeutig bestimmt sein:

 

Politik ist das Organisieren der Erledigung von Gemeinschaftsaufga­ben.

Eine andere Begriffsbestimmung von „Politik“ ist kaum denkbar. Sie  korrespondiert ebenso mit den natürlichen Grundlagen menschlichen Sozialverhaltens, wie auch die „Menschenrechte“ mit den gemein­schaftsbezogenen Grundbedürfnissen des Menschen in Beziehung stehen. Die „Menschenrechte“ sind keine „Erfindung“ der Philoso­phen des 18. Jahrhunderts, vielmehr begannen die gemeinschaftsbe­zogenen Grundbedürfnisse des Menschen im Zeitalter ihrer stärksten Unterdrückung seit der Antike sich wie eine Blaupause durchzu­drücken.

 

Die Gemeinschaftsaufgaben

Vergleicht man den „sozialen Rechtsstaat“, der als „juristische Per­son des öffentlichen Rechts“ getrennt von den Mitgliedern der „Soli­dargemeinschaft“ sein Dasein fristet, mit den „Staaten“, wie sie in der Natur vorkommen, stellt man rasch fest, daß die juristischen Per­sonen des öffentlichen Rechts keine Daseinsberechtigung hat. Ob Termiten, Ameisen oder Bienen, alle „Staaten“ im Tierreich dienen nur einem Zweck, nämlich der Aufzucht des Nachwuchses. Darin unterscheiden sie sich nicht von den vielfältigen Sozialgemeinschaften des Tierreiches, ob man sie nun Herde, Horde, Schar, Schule oder Rudel nennt.

 Agenda des „Staates“

An erster Stelle steht die „Aufzucht des Nachwuchses“.

Alle Kinder haben gegenüber der Gemeinschaft einen Anspruch auf Unterkunft, Verpflegung und freie Heilfürsorge. Sie haben einen Anspruch auf Bildung und Ausbildung.

Es ist klar, daß 80.000.000 Menschen sich nicht persönlich darum kümmern können. Also sind im erforderlichen Umfang die entspre­chenden Geldmittel bereitzustellen. Aufgabe des „Staates“ als Orga­niastor ist es, die erforderlichen Beträge auf die Gemeinschaft umzu­legen.

Wer meint, das wäre unmöglich, der sein daran erinnert, daß es dem „sozialen Rechtsstaat“ nie schwergefallen ist, den Soldaten das zu gewähren, was den Kindern zukommt.

Der Mensch ist – soweit ersichtlich – die einzige Tierart auf Erden, die Alte und Kranke in ähnlicher Weise pflegt wie Säuglinge und Kleinkinder. Die Versorgung der Alten und Kranken steht bei der Erledigung von Gemeinschaftsaufgaben daher an zweiter Stelle.

An dritter Stelle ist Gemeinschaftsaufgabe die Gewährleistung des ungehinderten Zugangs zu Wasser und Wärmequellen. Seit den win­terlichen Stromausfällen im Münsterland dürfte auch der ungehin­derte Zugang zur Elektrizität den Gemeinschaftsaufgaben zuzurech­nen sein.

Über die Rangfolge der übrigen Gemeinschaftsaufgaben läßt sich streiten, unbestreitbar ist jedoch ihre Zugehörigkeit zu den Gemein­schaftsaufgaben:

·        Schaffung und Freihaltung von Verkehrswegen für den freien Verkehr von Waren und Dienstleistungen,

·        Das Justizwesen zur Bereinigung von Streitigkeiten zwischen den Mitgliedern der Sozialgemeinschaft

·        Das Polizeiwesen als Instrument der Gefahrenabwehr im Sinne des preußischen Polizeirechts.[1]

·        Das „Versicherungswesen“ – Viele „versicherbare Risiken“ ent­puppen sich bei näherer Betrachtung als Gemeinschaftsaufgabe.

·        Dann kommt erst einmal gar nichts mehr

·        Am Ende steht die „Landesverteidigung“. – Sie ist für Deutsch­land aufgrund des Schengener Abkommens praktisch bedeu­tungslos geworden, denn die umgebenden „Staaten“ werden nicht versuchen, die Grenzen Deutschlands mit Waffengewalt einzureißen, weil es diese Grenzen nicht mehr gibt. Sie sind Ge­schichte. Im übrigen darf, sofern ein Vorhalten einer militäri­schen „Landesverteidigung“ für notwendig erachtet werden soll­te, diese nur nach Schweizer Vorbild organisiert sein. – Jeder hat sein Sturmgewehr zuhause im Schrank. – Die Unterhaltung eines „stehenden Heers“ ist nicht den Gemeinschaftsaufgaben zuzu­rechnen. – Jeder „waffenfähigen Person“, zu denen nach den neuesten Militärdoktrinen auch Frauen gehören, ein Gewehr in den Schrank zu stellen, reicht zur „Landesverteidigung“ voll­kommen aus. Immerhin hat die „Verteidigungsstrategie“ der Schweiz dieser eine seit 1840 andauernde Friedensperiode be­schert.[2]

 

Eine „Zentralgewalt” wird der deutschen Verfassung nach Artikel 146 fremd sein. Die „Zentralgewalt” war Folge der Entstehung der Nationalstaaten. Sie ist für ein funktionierendes Gemeinwesen nicht erforderlich. Der lockere Völkerbund der Germanen hat dem mit „Zentralgewalt” ausgestatten römischen Reich von der Varus­schlacht bis zu dessen Zusammenbruch erfolgreich die Stirn gebo­ten, ja selbst an dessen Untergang maßgeblich mitgewirkt. Auch das Heilige Römische Deutscher Nation kam ohne „Zentralgewalt” aus.

Gleichwohl wird man um eine „Zentrale”, die Gemeinschaftsaufga­ben koordiniert, nicht herumkommen. Allerdings darf diese keine „Macht” ausüben.

Die zu schaffende „gesetzgebende Körperschaft” hat die „Spielre­geln” menschlichen Zusammenlebens da aufzustellen, wo sie erfor­derlich und geboten sind.

Ein zweistufiger Aufbau des Gemeinwesens reicht vollkommen aus. Eine gesetzgebende Körperschaft, die sich auf das Notwendige be­schränkt, alle anderen Angelegenheiten werden von den Gemeinden erledigt.

Jeder kennt das vom Fußball her: Die Fifa stellt die Spielregeln auf, der Schiedsrichter setzt sie auf dem Spielfeld als Inhaber der sozia­len Dominanz durch.

Mehr braucht man eigentlich nicht.


[1]    Siehe Ernst Moritz Arndt, Verfassungen und Preßfreiheit

[2]    Siehe „Der Deutschen fünfte Chance”

Soweit der Auszug aus dem „Nievenheimer Manifest„.  – Es fußt nicht zuletzt auf den Knochen der Neandertaler, deren Skelette, so merkwürdig es klingt, darauf hindeuten, daß es sich bei den aufgefundenen Individuen um Personen handelte, die nach „bundesdeutschen“ Maßstäben als „Pflegefälle“ einzustufen wären.


Wir – die Erben der INSELAFFEN

März 6, 2012

Erbgut der Schimpansen – Differenzen zwischen Nachbarn – Wissen – sueddeutsche.de.

Das soll neu sein?

Bereits 1m Jahre 1999  vereöffentlichte das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie dieachfolgende Presseeerklärung. Entweder wurde sie von der Max-Plkanck-Gesellschaft irgendwann vom Server genommen, oder sie ist im „Rauschen“ der GOOGLE Informationen nur noch mit unvertretbarem Aufwand zu finden:

PRI B 17/99 (63)

4. November 1999

Kam der moderne Mensch durch ein „Nadelöhr“?

Die heutige Menschheit fing ganz klein an / Schimpansen sind genetisch wesentlich vielfältiger als Menschen zeigen neue DNA-Analysen

        Seit kurzem zählt man sechs Milliarden Menschen auf der Erde – verteilt über alle Kontinente sowie auf unzählige, nach Hautfarbe, Sprache, Religion, Kultur und Geschichte unterscheidbare Gruppen. Doch diese bunte Vielfalt ist nur „Fassade“. Denn auf molekulargenetischer Ebene, das zeigen jüngste Analysen an Schimpansen (Science, 5. November 1999), durchgeführt am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, bietet die Menschheit ein überraschend einheitliches, geradezu „familiäres“ Bild: Verglichen mit ihren nächsten tierischen Verwandten, den Schimpansen, sind alle derzeit lebenden modernen Menschen immer noch „Brüder“ beziehungsweise „Schwestern“…

Eine neue Studie aus dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig läßt folgern, daß Schimpansen-Unterarten im Vergleich zum Menschen eine höhere genetische Vielfalt haben – eine Feststellung, die früheren Forschungsergebnissen über die genetische Diversität von Schimpansen widerspricht. Diese Forschungsergebnisse haben Auswirkungen auf eine Reihe heftig debattierter Fragen, die vom Ursprung des modernen Menschen bis hin zum Schutz der Menschenaffen reichen. Die Untersuchungen untermauern auch die Theorie, daß kulturelle Unterschiede zwischen Schimpansenpopulationen wahrscheinlich nicht das Ergebnis einer genetischen Variation zwischen diesen Gruppen sind.

Die Molekulargenetik macht es heute möglich, die Entwicklungsgeschichte von Lebewesen zu rekonstruieren. Grundlage dieser „molekularen Ahnenforschung“ ist die Tatsache, daß die Erbinformationen an Desoxyribonukleinsäure – kurz DNA – gebunden sind: an lange Kettenmoleküle, die ähnlich einer Schrift aus nur vier verschiedenen Bausteinen, den Nukleotiden oder „genetischen Buchstaben“, zusammengesetzt sind.

Im Zug der Vererbung werden „Abschriften“ dieser molekularen Texte von einer Generation an die nächste weitergegeben. Doch dabei treten Mutationen auf, sozusagen „Kopierfehler“, und zwar mit einer für jede Spezies ziemlich konstanten Häufigkeit. Anhand vergleichender Sequenzanalysen – das heißt, aus der Zahl der molekularen Abweichungen innerhalb jeweils entsprechender DNA-Abschnitte – lassen sich deshalb die entwicklungsgeschichtlichen Abstände und Verwandtschaftsverhältnisse zwischen verschiedenen Lebewesen ermitteln.

Nach diesem Prinzip bestimmten und verglichen Prof. Svante Pääbo, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, und seine Mitarbeiter die genetische Variationsbreite von Schimpansen und Menschen. Als „Vergleichstext“ zogen sie dafür jeweils einen Abschnitt auf dem X-Chromosom heran, eine als Xq13.3 bezeichnete Sequenz. Sie untersuchten damit erstmals die DNA im Zellkern – im Unterschied zu früheren Analysen, die sich auf die DNA in den Mitochondrien bezogen. Die Mitochondrien-DNA weist höhere Mutationsraten auf als die DNA des Zellkerns und zeigt demnach evolutionäre Ereignisse auf kürzeren Zeitskalen.

Das mag mit ein Grund dafür sein, daß Pääbo und seine Mitarbeiter zu überraschenden, neuen Einsichten gelangten, die zum Teil älteren Befunden widersprechen. Die Forscher analysierten die Xq13.3-Sequenz von drei Unterarten der Schimpansen in Ost-, Zentral- und Westafrika sowie ihrer nahen Verwandten, den Bonobos. Ebenso wurde die Xq13.3-Sequenz von insgesamt 70 Menschen untersucht, die allen großen Sprachgruppen auf der Erde angehörten.

Das bedeutsamste Ergebnis dieser Vergleiche: Die Xq13.3-Sequenz wies bei den Schimpansen eine fast viermal so hohe Variabilität und damit ein fast dreimal so hohes Alter auf wie der entsprechende DNA-Abschnitt beim Menschen. Oder anders ausgedrückt: Zwei beliebig ausgewählte Menschen, die unterschiedlichen Sprachgruppen irgendwo in der Welt angehören, sind miteinander enger verwandt als zwei Schimpansen, die geographisch nahe nebeneinander in Afrika leben.

Diese erstaunlich geringe genetische Variabilität und ungemein enge Verwandtschaft aller Menschen läßt sich am einfachsten durch einen evolutionären „Flaschenhals“ erklären: durch eine Art „Nadelöhr“ auf dem Entwicklungsweg des heutigen modernen Menschen. Dieser Engpaß dürfte erst vor vergleichsweise kurzer Zeit, vor einigen hunderttausend Jahren, durchschritten worden sein – und damit lange nach der vor etwa fünf Millionen Jahren erfolgten Abspaltung der Hominiden von den Schimpansen.

Noch vor dieser Schlüsselstelle zweigten alle älteren Nebenlinien der Hominiden, darunter auch der Neandertaler, vom Entwicklungsweg ab. Und nur eine vergleichsweise kleine Population, vielleicht Überbleibsel eines vorhergehenden Zusammenbruchs, passierte schließlich den Flaschenhals, der zum heutigen, modernen Menschen führte – der dann in der Folge alle älteren „Hominiden-Modelle“ aus dem Feld schlug.

Weitere Ergebnisse aus der Analyse der Xp13.3-Sequenz betreffen die Beziehungen zwischen Schimpansen und Bonobos. Diese beiden getrennten Arten stehen sich offenbar näher als man bislang aufgrund anderer DNA-Analysen annahm: Einige Unterarten von Schimpansen sind genetisch voneinander weiter entfernt als jeweils vom Bonobo – ein Zeichen dafür, daß beide Primaten erst vor relativ kurzer Zeit getrennte Entwicklungswege eingeschlagen haben.

Außerdem schließt man aus der breiten genetischen Diversität innerhalb von Schimpansengruppen, daß „kulturelle“ Unterschiede zwischen solchen Populationen nicht genetisch begründet, sondern durch kulturelle Evolution bedingt sind – sich also ähnlich wie beim Menschen durch Tradition, durch Weitergabe erlernten Verhaltens, ausgeprägt haben.

Als nächstes Forschungsvorhaben wollen die Wissenschaftler am Max-Planck-Institut in Leipzig auch die Xp13.3-Sequenz anderer Primaten, etwa der Gorillas oder Orang-Utangs, unter die Lupe nehmen. Die Frage ist, ob diese Primaten in puncto genetischer Variabilität mehr dem Schimpansen oder dem Menschen ähneln – ob also der moderne Mensch oder der Schimpanse unter den Primaten der „Sonderfall“ ist…

Originalarbeit:

Kaessmann, H., Wiebe, V., Pääbo, S. „Extensive Nuclear DNA Sequence Diversity Among Chimpanzees.“ Science 5 November 1999

Weitere Auskünfte erhalten Sie gern von

Prof. Svante Pääbo
Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
Telefon: (03 41) 99 52 – 500
Fax: (03 41) 99 52 – 2 01
e-mail: paabo@eva.mpg.de

Impressum:
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Pressereferat
Postfach 10 10 62
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Pressesprecher:
Dr. Bernd Wirsing
Biologie, Medizin:
Dr. Christina Beck, Walter Frese, Beatrice Froese
Chemie, Physik, Technik:
Eugen Hintsches (Chef v. Dienst), Dr. Andreas Trepte
Geisteswissenschaften:
Dr. Bernd Wirsing

ISSN 0170-4656

Das MPI war aber nicht die einzige Institution, die auf das „Nadelöhr gekommen war:

Eine Forschungsgruppe um den Genetiker Lynn Jordy (University of Utah) ist zu dem Schluß gekommen, der moderne Mensch sei aus einer Population von allenfalls einigen zehntausend Individuen hervorgegangen, die vor etwa 70 bis 80.000 Jahren die Erde bevölkerten. Die Eruption eines Supervulkans soll nach dieser Ansicht die Weltbevölkerung dermaßen dezimiert haben, daß eben nur diese relativ kleine Menschheit übrigblieb.(Das Erwachen des Supervulkans ©NDR 2000, 5.12.2000)

Das würde allerdings voraussetzen, daß es nur eine einzige Menschheit gab und all die Neandertaler, die bis vor etwa 25.000 Jahren Zeitgenossen des „modernen“ Menschen waren, nicht zur Menschheit gehörten. Angesichts ihrer Vermessenheit ist diese Ansicht zu verwerfen. Außerdem fehlt jeder Beleg für ein analoges Massensterben im Pflanzen- und übrigen Tierreich aus jener Zeit. Dennoch dürfen wir die Grundlagen dieser These nicht achtlos beiseite schieben. Diese besteht nun einmal in der Erkenntnis, daß kaum mehr als 10.000 Menschen den Startpunkt für die Evolution unserer selbst bildeten. Demnach ist zu fragen, wie es geschehen konnte, daß einige Zehntausend Menschen sich von der übrigen Welt abspalteten und zu dem wurden, was wir heute noch repräsentieren? – Die Menschen standen, das dürfen Sie als sicher voraussetzten, seit Urzeiten in gegenseitigem Kontakt. Wodurch verlor diese Gruppe den Anschluß an die übrige damals lebende Menschheit? – Die Antwort auf diese Frage lautet sehr wahrscheinlich: Wasser.

Sie erinnern sich an Noah und seine Arche? – Bevor Gott die Erde flutete und alles Leben im Wasser versank, hieß er Noah eine Arche bauen und aus der Tierwelt der Umgebung je ein Paar an Bord nehmen. Dann läßt es der Herr vierzig Tage und vierzig Nächte regnen. Dann ist sein Werk

vollendet und seine ganze Schöpfung mit einem Schlag vernichtet. Nach 1. Mose 6 Vers 7 soll er gesagt haben: Ich will die Menschen, die ich ge schaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis auf das Vieh und bis auf das Gewürm und bis auf die Vögel unter dem Himmel, denn es reut mich, daß ich sie gemacht habe.

Wie bei den Geschichten von Adam und Eva bzw. Kain und Abel fällt an dieser Geschichte zunächst einmal das widersprüchliche Verhalten Gottes auf. Hatte er noch bei der Schöpfung sein Werk für gut befunden, schienen seine Geschöpfe am Ende vom Pfade der Tugend abgekommen zu sein:

Vers 4: Es waren auch zu den Zeiten Tyrannen auf Erden, denn da die Kinder Gottes zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus Gewaltige in der Welt und berühmte Männer.

Vers 5: Da aber der Herr sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf

Erden und alles Dichten und Trachten nur böse war immerdar,

Vers 6: da reute es ihn, daß er die Menschen gemacht hatte auf Erden und es bekümmerte ihn in seinem Herzen.

Seit der Geschichte von Kain und Abel wissen Sie, daß Mythen mitunter traumhaft verzerrte Darstellungen realer Vorgänge enthalten können; und einen Grund muß der Herr ja gehabt haben, seine Geschöpfe wieder zu vernichten. Zweckfreies Verhalten kann sich der Mensch kaum vorstellen, also muß es die Bosheit der Menschen gewesen sein.

Besonders stutzig macht hier die Verbindung des vollständigen Weltun tergangs mit der für eine bäuerliche Kultur gänzlich ungewöhnlichen Erwähnung des Schiffbaus.

Was passierte bei der Sintflut? 1. Mose 7 Vers 19: Und das Gewässer nahm überhand und wuchs so sehr auf Erden, daß alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel bedeckt wurden.

Jeder, der schon einmal mit einem Schiff gefahren ist, kennt den Anblick des von Horizont zu Horizont reichenden Wassers. Vor Erfindung der Seefahrt war den Menschen dieser Anblick verwehrt, auch dem Neandertaler.

Seit dieser die Weltbühne betreten hatte, kam es wiederholt zu erheblichen Klimaschwankungen. Der ständige Wechsel zwischen Kalt- und Zwischeneiszeiten ließ den Spiegel der Weltmeere mehrfach stark ansteigen und wieder absinken. Der „Tidenhub“ vom Höhepunkt der letzten Vereisung vor 18.000 Jahren bis zum heutigen Normalnull des Wassers beträgt satte 130 Meter!(Press/Sievers, Allgemeine Geologie, S. 346)

Zieht man also in Betracht, daß es gar nicht so lange her ist, daß Menschen über die Beringstraße zu Fuß von Asien nach Amerika und von der Themse an die Seine gelangen konnten, haben wir die „Wiege“ der heutigen Menschheit vermutlich nicht in Ostafrika zu suchen, sondern vielmehr vor der heutigen ostafrikanischen Küste, irgendwo auf dem Kontinentalschelf.

(Bei der Suche nach unserem „Kinderbettchen“ dürfte sich eine Computersimulation anbieten, die die Küstenlinie Afrikas nachzeichnet, wie sie vor etwa 70 – 80.000 Jahren aussah. Findet sich dort ein Hochplateau, das flächenmäßig zehn- bis zwanzigtausend Menschen unter Jäger- und Sammlerbedingungen ernähren konnte, so könnte es sich lohnen, im Schlamm zu wühlen.)

Die „Sintflut“ könnte man nämlich auch als Erinnerung an eine kollektive optische Täuschung interpretieren.

[…Die Insel hatte ich Lynn Jordy zu Ehren „Bottleneck“ getauft. – Hier wurde der „moderne Mensch“ zu dem, was er heute noch ist. – Nicht die „Krone der Schöpfung“; auch nicht ein Ruhmesblatt für alle anderen Schöpfergötter. – Der Mensch kam ans Arbeiten, neben den genetischen Beweisen ein weiteres Indiz für die „Inseltheorie“:

 Es sieht also ganz danach aus, als würde ein Neandertaler auf den Versuch eines Missionars, ihm das fünfte Gebot zu erläutern, mit Kopfschütteln reagieren: „Seid ihr nicht ganz dicht? Habt ihr keine Tötungshemmung? – Ihr bringt Eure Nachbarn und Verwandten einfach so um? Dann habt Ihr das fünfte Gebot wirklich bitter nötig!“ Und damit hat er vollkommen recht, der Herr Neandertaler, denn einzig und allein der moderne Mensch ist in der Lage, einen Freund zum Feind zu erklären und allein aus diesem Grund zu töten.

Wir werden auf diese Einstellung des modernen Menschen zum Leben seiner Mitmenschen im Zusammenhang mit seinem „Erfolg“ auf dieser Erde noch zurückkommen müssen. Doch zuvor gilt es einen Beweis neu zu würdigen, der bislang immer als Beleg für die überlegene Intelligenz des modernen Menschen herhalten mußte. Es handelt sich dabei um den

„Fortschritt“ in der Herstellung von Feuersteinwerkzeugen. Dieser ver meintliche Fortschritt läßt nämlich Rückschlüsse auf die Abspaltung der

„modernen“ von der „klassischen“ Variante des Menschen zu:

Die Faustkeile der frühen Erectus – Kultur ließen sich mit etwa 25 Schlägen in einem Arbeitsgang fertigen, bei den späteren waren schon zwei Arbeitsgänge mit insgesamt 65 Schlägen erforderlich. Für ein Messer des Neandertalers bedurfte es drei Arbeitsgängen mit 111 Schlägen (Moustérien-Technik); demgegenüber erfordert ein nach der Aurignacien- Technik hergestelltes Messer des Crô – Magnon – Menschen 251 Schläge in neun Arbeitsgängen.

Der Mensch ist ein Produkt der Evolution. Dem Prinzip des geringsten Zwangs folgend betreibt auch er im Regelfall nicht mehr Aufwand, als er muß. Unsere Freunde vom Erectus – Typ kamen mit ihren Werkzeugen über Hunderttausende von Jahren gut zurecht. Warum also sollten sie ihre Werkzeuge groß verfeinern? – Auch der Neandertaler wäre wahrscheinlich mit den von ihren Vorfahren ererbten Technologien zufrieden gewesen, wenn nicht die neuen Lebensbedingungen der Eiszeit sie gezwungen hätten, ihre Werkzeuge den Verhältnissen anzupassen. Und, das ist meines Erachtens die entscheidende Frage, warum bestand diese Anpassung gerade in der Verfeinerung der Werkzeuge?

Auf der Insel Rügen gibt es Feuerstein in Hülle und Fülle. Jeder kann sie in den Feuersteinfeldern aufsammeln und versuchen, sie als Rohstoff für Werkzeuge auf den Markt zu bringen. Freilich interessiert sich niemand mehr für Feuerstein als Rohstoff. Als der klassische Neandertaler der letz- te Schrei der Natur in Europa war, lagen die Dinge noch anders und die Feuersteinfelder Rügens unter einer mächtigen Eisdecke verborgen. Merk- würdig, aber die Antwort auf die obige Frage scheint offen vor unseren Augen zu liegen, freilich erst seit einer Zeit, da niemand mehr an Werk- zeugen aus Feuerstein interessiert war.

Als das Eis die Feuersteinfelder Rügens wieder freigab, war es für die Feuersteintechnologie bereits zu spät geworden. In anderen Teilen der Welt förderte man Knollen von besserer Qualität aus dem Boden, kurz darauf fertigte man die ersten Werkzeuge aus Metall.

Um ein klares Bild zu erzielen, müssen wir uns in die früheste Steinzeit versetzen:

Wenn Ihnen die Zivilisation einmal zu langweilig wird, fahren Sie nach Rügen, holen Sie sich eine Feuersteinknolle und setzen Sie sich an den Strand. Nehmen Sie ein Buch mit, in dem auch die „primitiven“ Werkzeuge unserer Freunde der Erectus – Kultur abgebildet sind.

Sie sind nun ein intelligenter Mensch des ausgehenden 20. Jahrhunderts und ihren Vorfahren weit überlegen. Erinnern Sie sich an die „stupide Steineklopferei“?:

Über eine Million Jahre, so lässt sich aus den kulturellen Überbleibseln der Urmenschen schließen, klopfte er stumpfsinnig auf Steinen herum“ Weiter heißt es: Der Bau von Speeren und Äxten erforderte besondere intellektuelle Fähigkeiten, die sich gravierend vom stupiden Steineklopfen der frühen Urmenschen unterschied.120

– Na dann frohes Schaffen! Aber seien Sie am Ende nicht enttäuscht. Sie werden es nämlich nicht fertigbringen, innerhalb Ihres Urlaubs auch nur ein halbwegs brauchbares Werkzeug, geschweige denn einen Faustkeil herzustellen, der der „primitivsten“ Stufe auch nur annähernd ähnlich sieht und dessen Funktionen erfüllen kann. Von wegen stupides Steineklopfen: die Herstellung von Steinwerkzeugen hat wenig mit „Intelligenz“ zu tun, mehr mit der Bildhauerei. Es erfordert Übung, Erfahrung und ein Gefühl für das Instrument, das man handhabt. Vor allem aber braucht man eine Vorstellung von dem, was am Ende herauskommen soll.

Bereits zu Beginn der Neandertaler-Ära hatte die Menschheit etwa drei bis dreieinhalb Millionen Jahre gesammelt und gejagt, ohne daß sich an den allgemeinen Lebensumständen etwas geändert hatte. Die ihnen zur Verfügung stehenden „primitiven“ Werkzeuge aus Stein dienten immer denselben Zweck, nämlich dem Bearbeiten von Fleisch, Häuten und Knochen.

– Allenfalls noch der Herstellung von Holzgeräten, etwa dem Schlagen und Zuspitzen hölzerner Speere. Diese allgemeinen Lebensumstände änderten sich weder nach dem Erscheinen der Neandertaler noch nach dem ersten Auftreten des „modernen“ Menschen.

Der „Technologiesprung“ von 25 Schlägen in einem Arbeitsgang auf neun Arbeitsgänge mit 251 Schlägen läßt sich mit höherer Intelligenz kaum erklären, denn am Ende dieser vielen Arbeit stehen zwar „Spezialwerkzeuge“, die in ihrer Gesamtheit aber auch nicht mehr leisten als ein gut durchdachter simpler Faustkeil. Jeder Betriebswirt würde sich ob des Aufwands, den Neandertaler und erst Recht Crô-Magnon-Menschen bei der Herstellung ihrer Steinklingen betrieben, die Haare raufen, denn die Arbeitskosten für die Fertigung dieser filigranen Petrefakte sind unter ökonomischen Aspekten immens hoch.

Die hohen Herstellungskosten könnten sich allerdings als notwendiges Übel herausstellen, wenn man die Kosten des Ausgangsmaterials berücksichtigt.

Menschen haben zu allen Zeiten die verschiedensten Steinsorten als Werk- zeuge verwendet. Eindeutiger Favorit war aber der Feuerstein wegen seiner besonderen Splittereigenschaften. Obsidian, schwarzes vulkanisches Gesteinsglas, hat ähnliche Eigenschaften und wurde damit – zumindest in Amerika – in bestimmten Gegenden der einzige echte „Konkurrenzwerkstoff“ zum Feuerstein. Aber nicht überall, wo die frühen Menschen siedelten, gab es Feuerstein oder Obsidian, Feuersteinknollen finden sich in Kreidefelsen, Obsidian in der Nähe von Vulkanen. Zur Beschaffung der begehrten Rohstoffe für ihre Werkzeuge waren die Menschen der Steinzeit also zumindest seit Erectus’ Zeiten auf den Handel angewiesen.

Wie hoch Feuerstein beim Übergang zur Kupferzeit an steinzeitlichen

Börsen gehandelt worden wäre, zeigt sich daran, daß unsere Crô-Magnon

– Vorfahren nicht mehr genug Feuersteinknollen an der Erdoberfläche aufsammeln konnten. Es hat sich für sie rentiert, Schächte in die Kreidefelsen Englands und in entsprechende Gesteinschichten Bayerns abzuteufen und tiefe Stollen zu graben, um den begehrten Rohstoff zu gewinnen.

(Der Spiegel, 21.10.02 S. 221)

Wäre die heutige Menschheit immer noch auf den Feuerstein angewiesen, man würde ihn wohl mit Diamanten aufwiegen.

Wesentlich plausibler erscheint mir daher im Zusammenhang mit der Verfeinerung der Abschlagtechnik eine Rohstoffverknappung, die den menschlichen Erfindungsgeist herausgefordert hatte. Der Mensch hatte das Bücken gelernt, denn offenbar waren bereits die Neandertaler dazu gezwungen, sich nach jedem Abschlag auch die Bruchstücke genau anzusehen, die ihre Vorfahren noch als Abfall betrachtet hatten. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn klimabedingt lag ein Teil der Rohstoff- vorkommen über lange Zeiträume hinweg unter dem Inlandeis begraben.

Unsere Vorfahren vom Erectus – Typ lebten vergleichsweise im Paradies. Sie konnten sich damit begnügen, aus einem Pfund Feuerstein nur 5 bis

20 cm Schnittkante herauszuholen. An dieser Stelle erinnere ich nochmals daran, daß alle Steinwerkzeuge der Welt ausschließlich dem Zweck dienten, Fleisch, Fell, Knochen und gelegentlich ein wenig Holz zu bearbeiten. Der Neandertaler war bereits gezwungen, seinen Einfallsreichtum darauf zu verwenden, aus einem Pfund Feuerstein 100 cm Schnittkante herzustellen. Mehr, so wird man aus ökonomischen Gründen fordern müssen, waren nicht erforderlich.

Ganz anders verhält es sich beim „Übergang“ zum rezenten Menschentyp: Der „Technologiesprung“ vom Moustérienmesser des Neandertalers zur

Aurignacienklinge des Crô-Magnon ließ nicht nur den Arbeitsaufwand

zur Herstellung einer scharfen Klinge um mehr als 100 % ansteigen, die Gesamtlänge der Arbeitskante, die aus einem Pfund Feuerstein herausgearbeitet wurden, wuchs auf die Länge von 12 Metern. (vgl. Constable aaO, S. 125). Ohne Veränderung des ursprünglichen Werkzeugzwecks, nämlich der Bearbeitung von Fleisch, Fellen, Knochen und ein wenig Holz erscheint ein solcher Arbeitsaufwand schon fast als übertriebener Luxus.

Also muß man doch die Frage stellen, warum der nach bisheriger Auffas- sung intelligenteste aller Hominiden derartig unwirtschaftlich handelt. Nach gängiger Lehrmeinung unterscheidet sich Crô-Magnon nicht mehr vom gegenwärtigen Menschen. Dieser aber wird auch mit dem Beinamen Homo oeconomicus belegt. Das ist der Mensch, der streng rational und nur auf seinen Vorteil bedacht handelt. Das paßt alles nicht zusammen. Und erneut sollte uns an dieser Stelle die „primitive Steineklopferei“ zu denken geben.

Wir haben bislang nur die formale Zweckbestimmung der Steinwerkzeuge betont, nämlich die Bearbeitung von Fellen, Fleisch, Knochen und Holz. Dahinter steht aber ein anderer, übergeordneter Zweck: das Überleben; und dazu reichten die „primitiven“ Werkzeuge allemal aus. Warum also leisteten sich unsere Vorfahren den Luxus filigraner Werkzeuge, wo die groben es doch auch taten? Immerhin bedeutet der hohe Arbeitsaufwand einen offensichtlichen Verstoß gegen das Prinzip des geringsten Zwangs, der auch das Evolutionsgeschehen beherrscht.

Die Menschen, die sich später anschickten, die Erde zu dominieren, hatten wohl ursprünglich keine andere Wahl, als auch noch aus dem letzten Splitter einer Feuersteinknolle etwas Brauchbares herauszuholen. – Dieser Umstand deutet auf eine geradezu dramatische Verknappung des Roh- stoffs Feuerstein hin. Der Mensch war, wie wir gesehen haben, auch damals schon auf den Handel angewiesen; der Rohstoffmangel basiert daher vermutlich auf einem Handelshemmnis, das fast an ein Embargo oder einen Boykott erinnert.

Die Ereignisse am Ende der Steinzeit erhärten den Verdacht auf eine dramatische Feuersteinverknappung:

Wenn es sich schon lohnte, die Knollen tief aus dem Leib der Mutter

Erde graben, lag das Bedürfnis nach Ersatz bereits in der Luft.

Am Ende der Jungsteinzeit, also vor etwa 7.000 Jahren, war das Töpfer- handwerk bereits mindestens 2.000 Jahre alt. Die ältesten bislang gefundenen Keramiken stammen zwar aus Japan, aber das heißt noch lange nicht, daß Menschen in anderen Teilen der Welt nicht auf denselben Trichter gekommen wäre. Denn auch heute noch, bekanntestes Beispiel ist die Erfindung des Telefons, werden Erfindungen in verschiedenen Erdteilen unabhängig voneinander gemacht. Und die Abwesenheit eines Beweises für einen Vorgang ist schließlich kein Beweis dafür, daß der Vorgang nicht stattgefunden hat.

Die Herstellung von Keramikwaren ohne Feuer ist nicht denkbar. Und die jungpaläolithischen Töpfer werden in Gegenden mit entsprechenden Erz- vorkommen nach dem Brennen ihrer Waren immer wieder Metallklumpen gefunden haben. Diese hatte das Feuer aus den Wandsteinen ihrer Brennöfen herausgeschmolzen. Sie werden gemerkt haben, daß sich das Zeug der Form von Hohlräumen anpaßte und verformen ließ. Damit lag die Erfindung von Metallwerkzeugen geradezu in der Luft. Das relativ leicht schmelzbare, dennoch ausreichend feste Kupfer machte den Anfang.

Rund 2.000 Jahre brauchten die Menschen, um die wesentlich härtere Bronze zu „erfinden“. Bronze ist eine Legierung von rund 90% Kupfer und 10% Zinn. Forschungslaboratorien, wie wir sie heute kennen, gab es damals nicht. Aber Betrüger, die gab es damals wie heute. Und angesichts dessen ist es erstaunlich, warum es so lange gedauert hat, bis die Bronze „erfunden“ war: Nahezu von Anfang an wird es Hersteller und Händler gegeben haben, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, ihren Profit dadurch zu steigern, daß sie Kupfer mit Metallen wie Blei und Zinn „streckten“. Der Schmelzpunkt von Zinn und Blei ist erheblich niedriger als der von Kupfer. Unter diesem Gesichtspunkt war die Bronzezeit eine unausweichliche Phase in der Menschheitsgeschichte. – Ihre Taufpaten aber waren Lug und Trug.

Vor rund 3.000 Jahren war dann in Europa und Asien der Markt ziemlich leergefegt. Die Kupferminen waren weitgehend ausgebeutet, der Preis für Kupfer stieg in schwindelerregende Höhen. Ähnliches widerfuhr den Zinnminen Europas und Asiens. Die Menschen fingen an, sich mit dem erst bei wesentlich höherer Temperatur schmelzenden Eisen zu beschäftigen. Man siedelt den Beginn der Eisenzeit etwa zu Beginn des ersten vor- christlichen Jahrtausends an. Es sollten seitdem fast dreitausend Jahre ver- gehen, bis der Mensch lernte, Eisen zu gießen und den Stahl herzustellen, der abgewrackt auf den Schlachtfeldern und am Meeresboden zurückblieb. – Welch eine Verschwendung von Rohstoffen und Energie.

Die vergangenen Weltkriege und der vor uns liegende drehen sich nur um ein Thema: Rohstoffe und Energie. – Es sieht ganz danach aus, als sei der „moderne“ Mensch von allen guten Geistern verlassen. Das Handelswesen Mensch hat augenscheinlich, was Energie und Rohstoffe angeht, das Vertrauen in den Handel verloren. Die Angst vor Embargo und Boykott sind offenbar so tief verwurzelt, daß der Mensch bereit ist, mehr Energie auf die Eroberung von Rohstoffvorkommen und Energiequellen aufzuwenden, als er durch Handel aufwenden müßte. Ist dieses aberwitzige Verhalten auf eine uralte kollektive Erinnerung an ein gravierendes Handelshemmnis zurückzuführen?

Wie kommt das? – Der Neandertaler wird den „modernen“ Menschen nicht boykottiert haben.

Boykott und Embargo sind Handelssanktionen, die darauf abzielen, den Boykottierten zu isolieren. Ein Abreißen des Handels, eine Isolation, kann aber auch ganz einfache natürliche Ursachen haben kann.

Eine solche natürliche Ursache wäre die Isolation einer Population aufgrund von Umweltveränderungen. Die Abgeschiedenheit, der mangelnde Kontakt zu Artgenossen läßt den Verdacht aufkeimen, daß die Theorie, der rezente Mensch habe sich in einem isolierten Bereich Afrikas entwickelt, sich als zutreffend erweist.

[Die ganze Geschichte ist hier nachzulesen, und zwar ab S. 157:australopithecussuperbus (Manuskript)

 

 

 

 

 

 


Der Planet ist pünktlich

Oktober 19, 2011

Eine Frage der Gene – videos.arte.tv.

Es ist schon erstaunlich, welche Weltlinien sich am 18. Oktober des Jahres 2011 kreuzen.

Da ist erstens der „Gefangenenaustausch“ zwischen sogenannten Juden und sogenannten Palästinensern.

Zweitens konnte Arte TV bei seiner Programmplanung nicht wissen, daß am Sendetag der Gefangenenaustausch zwischen den verfeindeten Geschwistern stattfinden würde.

Aber alle drei hätten unschwer nachlesen können, daß Juden, Palästinenser und die übrigen Menschen „Brüder und Schwestern“ sind.

Die Max-Planck-Gesellschaft hat sich nach ihrer entsprechenden Presseeerklärung vom 4. November 1999 nicht mehr weiter um die Sache gekümmtert. – Das Netz war noch jung und die „Max-Planck-Gesellschaft Presseerklärung PRI B 17/99“  verschwand in Tausenden von Presserklärungen. – Googeln Sie danach, werden Sie erstaunt sein, wo Sie landen!

Gegenwärtig bin ich wohl der einzige Mensch, der daraus die Konsequenzen zieht und sich mit aller Kraft für die Beendigung des globalen Bürgerkriegs einsetzt.

Aber nciht nur wegen dieser Presseerklärung. Parallel zu den Erkenntnissen des Max-Planck-Insituts für evolutionäre Anthropologie stellte ich meine eigenen Recherchen über die Herkunft des Menschen an.

Im Wesentlichen kam ich zu einem ähnlichen Ergebnis wie das MPI, von einem anderen Ansatz her.

Die Begegnung des „modernen“ Menschen mit dem Neandertaler dürfte sich anders vollzogen haben, als die „Experten“ bisher annahmen.

nachunsurfassung – ist die PDF-Version des nachfolgenden Textes mit Quellenangaben und Fußnoten.

Nach uns die Sintflut

Jirkas Boot ist nunmehr in ein Fahrwasser gekommen, in dem die Gegenwart zum Greifen nahe ist. Vierzig Meter vor dem Ende unserer Reise tauchen quasi aus dem Nichts die ersten Überreste eines Menschen auf, dem die Biologen als erstem den Namen Homo sapiens sapiens zubilligen. Es handelt sich dabei um das Skelett eines Mannes, das in der Dordogne gefunden wurde. Der Fundort, Crô-Magnon, mußte erneut für die Namensgebung eines vermeintlich „neuen“ Menschentypus herhalten. Dessen Erscheinung unterscheidet sich in seinen wesentlichen Merkmalen freilich so gut wie gar nicht mehr von uns selbst.
Der Crô-Magnon-Mensch soll nach gängiger Lehrmeinung der erste Vertreter des „vollwertigen“ Menschen vom Typ Homo sapiens sapiens gewesen sein. Man schließt darauf aus seinem „modernen“ Schädel, seinen gegenüber den Neandertalern „filigraneren“ Skelettmermalen; vor allem aber aus seinen ebenfalls filigraner gearbeiteten Werkzeugen und der Tatsache, daß Crô-Magnon die ersten Bilder an Höhlenwände gemalt hat.
Nach bislang unwidersprochener Tradition war der repräsentiert der Neandertaler allenfalls einen Seitenzweig auf dem Weg zum Homo Sapiens Sapiens, – eine einzeitliche „Spezialanpassung“, das soll er gewesen sein.Mit dem Ende der Eiszeit sei er dann ausgestorben. Nach wie vor halte ich diese Argumentation für dümmlich, denn es gibt auf der Nordhalbkugel dieser Erde genügend Taiga und Tundra, in denen heute noch Neandertaler ihrer gewohnten Lebensweise nachgehen könnten, die sich von der der Inuit1 nicht wesentlich unterschied.
Das augenfälligste Unterscheidungsmerkmal ist die Form des Schädels. Betrachtet man allerdings die unterschiedlichen Schädelformen, so ist die Gestalt des Neandertalers evolutionär geradliniger:
Augenbrauenwülste und fliehendes Kinn gehören eher zur „traditionellen“ Ausstattung des menschlichen Schädels als unser plattes Gesicht mit dem spitzen Kinn. Im Zuge der Evolution finden wir das Spiegelbild unseres Schädels zwar wieder, aber nur bei Affenföten und -jungen. Das Gesicht des modernen Menschen gleicht dem embryonalen, allenfalls frühkindlichen Gesicht des Schimpansen. Der Gesichtsschädel des Menschen weist damit eindeutig neotene Züge auf.
Die neotene Morphologie der Gesichtsknochen sollte uns bereits zu denken geben; ich darf in diesem Zusammenhang in Erinnerung rufen, daß die Neotenie eines Merkmals so beschrieben werden kann, als hätten die Gene an einer bestimmten Stelle „vergessen“, wie es weitergeht. vom Schädelinhalt her gesehen, besteht kein signifikanter Unterschied zwischen Neandertaler, Crô-Magnon und Wall-Street-Analysten.
Die Schädelform des „modernen“ Menschen könnte man daher auch anders beschreiben, nämlich als Spielart der Australopithecus – Schädelform in neotener Ausprägung seiner Neandertalvariante. Der von den Biologen postuzlierte fundamentale Unterschiede zwischen Jetztmensch und Neandertaler fällt damit weg. Was nun? – Ist der Neandertaler ein Jetztmensch oder sind wir Neandertaler? – Wir werden sehen:
Im vorangegangenen Kapitel haben Sie die Arbeiten von Lieberman und Crelin kennengelernt. Diese haben u.a. festgestellt, daß die Rachenform der außerhalb Europas gefundenen Neandertaler sich der des modernen Menschen annäherten. Mit dem allein für Menschen typischen Rachen hat es jedoch eine besondere Bewandtnis:
„…David Pilbeam, Anthropologe an der Yale-University, hält es für möglich, daß ein andersartiger Evolutionsmechanismus die Veränderung am Schädel des Menschen herbeiführte. Gestützt auf die Hypothese von Lieberman und Crelin, nimmt er an, daß die Kopfform der Neandertaler – möglicherweise mit Ausnahme der in Westeuropa lebenden – allmählich dadurch moderner wurde, daß sich im oberen Halsabschnitt ein Rachen entwickelte, durch den Lautbildung und Sprache überhaupt erst möglich wurde. Lieberman und Crelin wiesen darauf hin, daß man die Entwicklung des Rachens an Neugeborenen studieren kann; sie haben bei der Geburt noch keinen ausgebildeten Rachen. Wenn dieser wesentliche Teil des Vokaltrakts im Alter von ungefähr drei Monaten seine endgültige Form annnimmt, senkt sich der Rachen (die Resonanzkammer) in die Kehle hinein, und die Schädelbasis, die bei der Geburt relativ flach war, wölbt sich. Damit bildet sich der Rachenraum unmittelbar vor dem obersten Hlaswirbel, die Wölbung der Schädelbasis dient als Dach.“
Nach Pilbeams Ansicht kann die Entwicklung des gewölbten Rachendachs die gesamte Struktur des menschlichen Schädels beiinflußt haben. Mit der Wölbung der Schädeldecke verkürzte sich die Schädelbasis. (Man stelle sich ein Stück Stoff vor, das man in der Mitte anhebt: Es wird kürzer.)2
Hier haben wir nicht nur eine Spur, die erneut nach Afrika führt, wir haben auch eine Spur, die, wie im Falle unserer Wirbelsäule, an eine Deformation denken läßt. Die Schilderung der Entwicklung des menschlichen Rachens „riecht“ förmlich danach: Die Schädelbasis wächst nicht in der seit Jahrmillionen gewohnten Weise weiter, sie verkrümmt sich statt dessen in der frühen nachgeburtlichen Phase. Die Anatomie der Weichteile des inneren Halses verändert sich ebenfalls erst nach der Geburt. Nun läßt sich das Gehirn des Menschen nicht mehr verkleinern. Die auch bei der Individualentwicklung wirksame logistische Gleichung läßt das Gehirn auf die gentisch festgelegte Größe anwachsen. Eine Deformation der Schädelbasis nuß daher auf die Form der Knochen erheblichen Einfluß ausüben. Zutreffend ist daher die Ableitung der uns vertrauten Kopfform aus der des Neandertalers, wie sie bei Constable wiedergegeben wird:
„Wenn der Ausgangspunkt dieses Prozesses ein langer, flacher Neandertaler-Schädel war, so könnte die Verkürzung der Schädelbsies dazu geführt haben, daß die Gesichtsregion von ihrer bisher vorgeschobenen Position zurückwich. Wich das Gesicht zurück, so mußte die ganze Hirnschale höher werden, damit die gleiche Hirnmasse wie zuvor Raum fand. Gleichzeitit mußten Stirn und Schädelseiten eine vertikale Form annehmen. So entwickelte sich der Schädel des Neandertalers zu dem des modernen Menschen. Im Grunde stellen die Schädeltypen des Neandertalers und des modernen Menschen nur unterschiedliche Möglichkeiten zur Unterbringung der gleichen Gehirnmasse dar. Nur eine der Dimensionen – die Länge der Schädelbasis – entscheidet über die Form des Inhalts, und diese wiederum wird durch das Vorhandensein oder Fehlen eines modernen Rachen bestimmt.“3
Wenn Sie diese Zeilen aufmerksam gelesen haben, dürfte Ihnen nicht entgangen sein, daß der Autor bzw. sein Interviewpartner, der leider nur in der Danksagung des von mir zitierten Werkes erwähnt wird, eine Rückkopplungsschleife postuliert, und das zu einer Zeit, als nichtlinear-dynamische Systeme nicht einmal in Fremdwörterlexika erwähnt wurden. Die Verwendung der Wortsprache gab dieser Rückkopplungsschleife ihre uns allen vertraute Richtung. – Ähnliche Verkrüppelungen der Schädelbasis und des Halses sind sehr wahrscheinlich schon früher vereinzelt aufgetreten, ohne daß dies Folgen für die Evoltion gehabt hätte. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn Tierärzte bei intensiver Suche so etwas wie „Rachenbildung“ als seltene „Erbkrankheit“ bei Schimpansen diagnostizierten.
Schauen Sie einmal in den Spiegel. Vermutlich sehen Sie dort einen Neandertaler mit einem reichlich deformierten Gesicht. Für einen „klassischen“ Neandertaler wäre dieser Anblick wohl eine fürchterliche Erfahrung. Würden Sie sich selbst als Neandertaler annnehmen? – Vor allem, würden die anderen Sie als Neandertaler akzeptieren oder mit einer Mischung aus Ablehnung, Abscheu und einer gewissen Faszination regieren? – Nach aller Erfahrung, die der moderne Mensch seit rund fünftausend Jahren aufgeschrieben hat, dürfte die letztgenannte Reaktion zutreffend sein. Mit anderen Worten, genetisch trennen beide Formen nur Nuancen, also Unterschiede, die kaum wahrnehmbar sind. Dennoch hat sich wohl ein auffälliger Unterschied herausgebildet, der weniger in der Morphologie des Gesichts, als vielmehr im menschlichen Verhalten seinen Niederschlag gefunden hat.
Heute noch anzutreffende, sehr eigentümliche Verhaltensmuster des Menschen zeigen uns, welchen Pfad die Evolution am virtuellen Scheideweg des Menschen zwischen Neandertal und Crô-Magnon eingeschlagen hat:
Das auffälligste Merkmal des Menschen ist seine besondere Einstellung zum Töten von Artgenossen.
Das fünfte Gebot lautet: Du sollst nicht töten. Selbstverständlich ist damit nur das „gesetzwidrige“ Töten von Artgenossen gemeint, genauer gesagt, von Stammesangehörigen, wie die entprechende Präzisierung des Gebots in den „Ausführungsbestimmungen “ zu den Zehn Geboten erkennen läßt. Dort wird für eine Vielzahl vergleichsweise harmloser Delikte die Todesstrafe angeordnet.4
Wolfgang Wickler beschreibt in seiner Biologie der Zehn Gebote  einige Fälle des kulturell akzeptierten Tötens von Artgenossen, und zwar zugunsten des Kollektivs:
„Unter diesem Gesichtspunkt (der des Altruismus) gibt es eine selbstmordartige Aufopferung auch beim Menschen, wenigstens in solchen Gruppen, die besonders stark der Auslese durch natürliche Umweltfaktoren ausgestzt sind. Noch um die Jahrhundertweden sagte der russische Bauer >Tschujoi wek zayedayu, Pora na pokoi<  – Ich lebe anderen das Leben weg: Es ist Zeit zu gehen. Und er geht. >Der alte Mann verlangt selbst zu sterben; er besteht selbst auf dieser letzten Pflicht gegen die Gemeinschaft und verlagnt die Zustimmung des Stammes; er gräbt selbst sein Grab; er lädt seine Verwandten zum letzten Abschiedesmahl. Sein Vater hat dasselbe getan; nun ist er an der Reihe; und er verabschiedet sich von seinen Angehörigen mit allen Zeichen der Liebe<, schreibt Kropokin. Und auch er sieht die Tötungshemmung: >Aber den Wilden widerstrebt es gewöhnlich so sehr, jemandem anderswo als in der Schlacht das Leben zu nehmen, daß keiner von ihnen es auf sich nehmen will, Blut zu vergießen, und sie nehmen ihre Zuflucht in allen möglichen Kunstgriffen, die so so sehr falsch ausgelegt worden sind. In den meisten Fällen lassen sie den alten Mann im Wald allein, nachdem sie ihm mehr als seinen Anteil der Nahrung gegeben haben. Polexpeditionen haben dasselbe getan, wenn sie ihren kranken Genossen nicht mehr weiterschleppen konnten… vielleicht gibt es noch eine unerwartete Rettung.< Das Aussetzen von Alten und Kranken sowie Kindsmord sind durchaus mit einer hochstehenden Moral zu vereinen.“5
Die Alten und Kranken werden ausgesetzt oder auch aktiv getötet, wie Wickler weiter ausführt.
Neben der Tötung von Alten und Kranken ist beim modernen Menschen bis in die jüngste Zeit hinein die Kindstötung weit verbreitet, und zwar auch aus durchaus niedrigen Beweggründen:
„Weit verbreitet ist das töten von Mißgeburten; regelmäßig geschah es noch bis ins 19. Jahrhundert in Schlesien. Bei manchen Naturvölkern weden viele weibliche Nachkommen gleich nach der Geburt umgebracht, weil sie – wie z.B. bei den Eskimos – keine Jagdbeute machen, aber eine Mitgift fordern und damit die Familie unzumutbar belasten können.“6
Neben dieser Form des innerartlichen Tötens, das sich sozusagen „im engsten Familienkreis“ abspielt, kennen wir von Anbeginn der Geschichtsschreibung und von nahzu allen „Naturvölkern“, die noch nicht gänzlich ausgerotten wurden, kriegerische Auseinandersetzungen, Kopfjagd und Kannibalismus. Selbstverständlich war auch der Neandertaler nicht unbedingt Ausbund der Friedfertigkeit, denn einige der Skelette wiesen Spuren von tödlichen, aber auch von verheilten Wunden auf, die eindeutig auf Waffeneinwirkung zurückzuführen sind. Außerdem gibt es deutliche Hinweise für Kannibalismus. Kannibalismus und bewaffnete Auseinandersetzungen weisen aber nicht unbedingt auf ein gegenüber dem zivilisierten Menschen erhöhtes Agressionspotential oder gar Menschenverachtung hin, mit Desmond Morris kann man all das durchaus sportlich sehen:
Eine degenerierte Form des Sports, die besondere Erwähnung verdient, ist das Kriegführen. In frühester Zeit, als die Waffen noch neu waren, war eine blutige Sportart so gut wie die andere. Als die Jagd auf wirkliche Nahrungsobjekte nicht mehr im Mittelpunkt stand, hatte man eine reiche Auswahl an Ersatzobjekten. Jedes Jagdopfer war recht, wenn es nur die nötige Erregung, den gewissen Kitzel mit sich brachte, und warum sollte man die menschliche Beute ausschließen? Die frühen Kriege waren keine totalen Kriege, sie waren streng regulierte und auf ein Schlachtfeld begrenzte Angelegenheiten, etwa wie eine sportliche Auseinandersetzung heute. Die Krieger verwendeten dieselben Waffen, die ihnen auch zur Jagd dienten, und im besonderen Fall des Kannibalenkrieges erstreckt sich die Ähnlichkeit sogar noch bis zum Aufessen der Beute“.7
Die Neandertaler lebten in den rauhen Gefilden der Eiszeit, also sollte man erwarten, daß er gegenüber dem Leben seiner Gefährten eine ähnliche Einstellung an den Tag legte wie die Inuit oder andere Völker, die mit schwierigen Lebensbedingungen zu kämpfen haben. Immerhin deuten Spuren an den Schneidezähnen einiger Neandertaler auf eine den heutigen Inuit gleichzusetzende Lebenweise hin: Sie nahmen ein größeres Stück Fleisch in den Mund und trennten mit einem Schnitt unmittelbar vor den Zähnen den gewünschten Bissen ab. Man sollte also erwarten, daß der angeblichweitaus „primitivere“ Neandertaler sich seiner Kranken, seinen Pflegefällen und auch „überschüssigen“ Kindern in ähnlicher Weise entledigte.
Bezüglich der Einstellung zum Fünften Gebot wissen die Skelette der bislang gefundenen Neandertaler allerdings eine ganz andere Geschichte zu erzählen:
„Die Neandertaler müssen deutlicher als alle anderen Geschöpfe vor ihnen empfunden haben, wie kostbar ein Leben ist, denn auf der fundamentalsten Ebene sind Begräbnisriten gleichbedeutend mit dem Wunsch, das Menschliche zu bewahren. Das Begraben besagt, daß irgendein wesentlicher Teil des menschlichen Lebens – man mag es Geist oder Seele nennen ‑ nicht zerstört werden kann, sondern nach dem Tode irgendwo anders in irgendeiner anderen Form weiterexistiert.
Dieser zunehmende Sinn für den Wert des Lebens spiegelt sich nicht nur in den Begräbnisriten der Neandertaler, sondern auch in ihrer Fürsorge für alte und behinderte Menschen. So war zum Beispiel der Mann von La Chapelle-aux-Saints längst über die besten Mannesjahre hinaus, als er starb. Sein Skelett läßt erkennen, daß er unter Arthritis litt und unmöglich noch an Jagden teilnehmen konnte. Selbst das Essen muß ihm schwergefallen sein, da er alle Zähne bis auf zwei verloren hatte. Hätte er zu einer früheren Zeit gelebt, hätte man ihn wahrscheinlich ausgesetzt und verhungern lassen, nachdem er für die Gruppe nicht mehr von Nutzen war. Aber die Neandertaler ließen sich anscheinend nicht von einer derart grausamen Logik leiten. Die Gefährten dieses Mannes versorgten ihn selbstlos mit Essen, vielleicht kauten sie es ihm sogar vor.
Auch die Funde von Shanidar lassen vermuten, daß die Neandertaler für Behinderte sorgten. Einige der dort gefundenen Knochen gehören einem 40jährigen Mann, der vermutlich durch Steinschlag getötet wurde. Die Untersuchung seines Skeletts ergab, daß ihm vor dem tödlichen Unfall nur ein Arm zur Verfügung gestanden hatte. Der rechte Arm und die Schulter waren verkümmert – vermutlich ein angeborener Defekt. Trotz dieser erheblichen Behinderung erreichte er ein für einen Neandertaler hohes Alter. Seine Vorderzähne sind ungewöhnlich stark abgenutzt, was darauf hindeutet, daß er einen großen Teil seiner Zeit damit verbrachte, Tierhäute weichzukauen, damit sie als Kleidung verwendet werden konnten, oder daß er seine Zähne anstelle des fehlenden Arms zum Festhalten von Gegenständen benutzte. (…) Auch der ursprüngliche Neandertaler aus Deutschland hat eine schwere Verletzung überlebt, sich allerdings nicht gut von ihr erholt: Die Knochen seines linken Ellenbogens waren so deformiert, daß er nicht imstande war, die Hand zum Mund zu heben; ob Mensch oder Tier für diese Verletzung verantwortlich war, läßt sich nicht feststellen.“8
Irgendwie scheint nach dem Bericht der stummen Zeugen unser Artgenosse aus dem Neandertal sehr human gewesen zu sein. Unter dem Aspekt unserer eigenen innerartlichen Tötungsgewohnheiten erscheint seine Form der Fürsorge geradezu postmodern, denn das, was wir heute als „soziale Sicherungssysteme“ bezeichnen, gibt es erst seit etwa 130 Jahren. Die in Deutschland lang umstrittene Pflegeversicherung ist so jungen Datums, daß sie ihresgleichen in der Welt suchen muß. Das Diskriminierungsverbot Behinderter ist ebenfalls eine „Errungenschaft“, die erst vor wenigen Jahren Einzug in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gehalten hat. Die Lehre vom „lebensunwerten“ Leben, die vor nicht allzulanger Zeit Tausende von Todesdopfern forderte, feiert bei der Zulassung der aktiven Sterbehilfe in den Niederlanden fröhliche Urständ!
Leider werden wir auf diese Einstellung des modernen Menschen zum Leben seiner Mitmenschen im Zusammenhang mit seinem Erfolg auf dieser Erde noch zurückkommen müssen. Doch zuvor gilt es einen Beweis neu zu würdigen, der bislang immer als Beleg für die überlegene Intelligenz des moderen Menschen herhalten mußte. Es handelt sich dabei um den „Fortschritt“ in der Herstellung von Feuersteinwerkzeugen. Dieser vermeintliche Fortschritt läßt nämlich Rückschlüsse auf die Abspaltung der „modernen“ von der „klassischen“ Variante des Menschen zu:
Die Faustkeile der frühen Homo-erectus – Kultur ließen sich mit etwa 25 Schlägen in einem Arbeitsgang fertigen, bei den späteren waren schon zwei Arbeitsgänge mit insgesamt 65 Schlägen erforderlich. Für ein Messer des Neandertalers bedurfte es drei Arbeitsgänge mit 111 Schlägen (Moustérien-Technik); demgegenüber erfordert ein nach der Aurignacien-Technik hergestelltes Messer des Crô – Magnon – Menschen 251 Schläge in neun Arbeitsgängen.
Der Mensch ist ein Produkt der Evolution. Wie jedes andere Lebewesen auch, betreibt er nicht mehr Aufwand, als er muß. Unsere Freunde vom Homo-erectus – Typ kamen mit ihren Werkzeugen über Hunderttausende von Jahren gut zurecht. Warum also sollten sie ihre Werkzeuge groß verfeinern? – Auch der Neandertaler wäre wahrscheinlich mit den von ihren Vorfahren ererbten Technologien zufrieden gewesen, wenn nicht die neuen Lebensbedingungen der Eiszeit sie gezwungen hätten, ihre Werkzeuge den Verhältnissen anzupassen. Und, das ist meines Erachtens die entscheidende Frage, warum bestand diese Anpassung gerade in der Verfeinerung der Werkzeuge?
Auf der Insel Rügen gibt es Feuerstein in Hülle und Fülle. Jeder kann sie in den Feuersteinfeldern aufsammeln und versuchen, sie als Rohstoff für Werkzeuge auf den Markt zu bringen. Freilich interessiert sich niemand mehr für Feuerstein als Rohstoff. Als der klassische Neandertaler der letzte Schrei der Natur in Europa war, lagen die Dinge noch anders und die Feuersteinfelder Rügens unter einer mächtigen Eisdecke verborgen. Merkwürdig, aber die Antwort auf die obige Frage scheint offen vor unseren Augen zu liegen, freilich erst seit einer Zeit, da niemand mehr an Werkzeugen aus Feuerstein interessiert war. Um ein klares Bild zu erzielen, müssen wir uns in die früheste Steinzeit versetzen:
Wenn Ihnen die Zivilisation einmal zu langweilig wird, fahren Sie nach Rügen, holen Sie sich eine Feuersteinknolle und setzen Sie sich an den Strand. Nehmen Sie ein Buchmit, in dem auch die „primitiven“ Werkzeuge unserer Freunde der Homo erectus – Kultur abgebildet sind.
Sie sind nun ein intelligenter Mensch des ausgehenden 20. Jahrhunderts und ihren Vorfahren weit überlegen. – Dennoch werden Sie es nicht fertigbringen, innerhalb Ihres Urlaubs auch nur ein halbwegs brauchbares Werkzeug, geschweige denn einen Faustkeil herzustellen, der der „primitivsten“ Stufe auch nur annähnernd ähnlich sieht und dessen Funktionen erfüllen kann. Die Herstellung von Steinwerkzeugen hat wenig mit Intelligenz zu tun, mehr mit dem Klavierspielen. Es erfordert Übung, Erfahrung und ein Gefühl für das Instrument, das man handhabt.
Bereits zu Beginn der Neandertaler-Ära hatte die Menschheit etwa zwei bis zweieinhalb Millionen Jahre gesammelt und gejagt, ohne daß sich an den allgemeinen Lebensumständen etwas geändert hatte. Die ihnen zur Verfügung stehenden „primitiven“ Werkzeuge aus Stein erfüllten immer denselben Zweck, nämlich dem Bearbeiten von Häuten, Knochen, allenfalls noch der Herstellung von Holzgeräten, etwa dem Schlagen und Zuspitzen hölzernener Speere. Diese allgemeinen Lebensumstände änderten sich weder nach dem Erscheinen der Neandertaler noch nach dem ersten Auftreten des „modernen“ Menschen.
Der „Technologiesprung“ von 25 Schlägen in einem Arbeitsgang auf neun Arbeitsgänge mit 251 Schlägen läßt sich mit höherer Intelligenz kaum erklären, denn am Ende dieser vielen Arbeit stehen zwar „Spezialwerkzeuge“, die in ihrer Gesatmheit aber auch nicht mehr leisten müssen als ein gut durchdachter simpler Faustkeil. Jeder Betriebswirt würde also ob des Aufwands, den Neandertaler und erst Recht Crô-Magnon-Menschen bei der Herstellung ihrer Steinklingen betrieben, den Kopf schütteln, die Kosten für die Fertigung dieser filigranen Petrefakte sind unter ökonomischen Aspekten immens hoch.
Die hohen Arbeitskosten könnten sich allerdings als notwendiges Übel herausstellen, wenn man die Kosten des Ausgangsmaterials berücksichtigt.
Menschen haben zu allen Zeiten die verschiedensten Steinsorten als Werkzeuge verwendet. Eindeutiger Favorit war aber der Feuerstein wegen seiner besonderen Splittereigenschaften. Obsidian, schwarzes vulkanischens Gesteinsglas hat ähnliche Eigenschaften und wurde damit – zumindest in Amerika – in bestimmten Gegenden der einzige echte „Konkurrenzwerkstoff“ zum Feuerstein. Aber nicht überall, wo die frühen Menschen siedelten, gab es Feuerstein oder Obsidian, Feuersteinknollen finden sich in Kreidefelsen, Obsidian in der Nähe von Vulkanen. Zur Beschaffung der begehrten Rohstoffe für ihre Werkzeuge waren die Menschen der Steinzeit also seit Homo erectus’ Zeiten auf den Handel angewiesen.
Wie hoch Feuerstein an steinzeitlichen Börsen gehandelt wurde, zeigt sich daran, daß unsere Crô-Magnon – Vorfahren nicht mehr genug Feuersteinknollen an der Erdoberfläche aufsammeln konnten. Es hat sich für sie rentiert, Schächte in die Kreidefelsen Englands abzuteufen und Stollen zu graben, um den begehrten Rohstoff zu gewinnen.
Wäre die heutige Menschheit immer noch auf den Feuerstein angewiesen, man würde ihn wohl mit Diamanten aufwiegen.
Wesentlich plausibler erscheint mir daher im Zusammenhang mit der Verfeinerung der Abschlagtechnik eine Rohstoffverknappung, die den menschlichen Erfindungsgeist herausgefordert hatte. Der Mensch hatte das Bücken gelernt, denn offenbar waren bereits die Neandertaler dazu gezwungen, sich nach jedem Abschlag auch die Bruchstücke genau anzusehen, die ihre Vorfahren noch als Abfall betrachtet hatten. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn klimabedingt lag ein Teil der Rohstoffvorkommen über lange Zeiträume hinweg unter dem Inlandeis begraben.
Unsere Vorfahren vom Homo-erectus – Typ lebten vergleichsweise im Paradies. Sie konnten sich damit begnügen, aus einem Pfund Feuerstein nur 5 bis 20 cm Schnittkante herauszuholen. An dieser Stelle erinnere ich nochmals daran, daß alle Steinwerkzeuge der Welt ausschließlich dem Zweck dienten, Fleisch, Fell, Knochen und gelegentlich ein wenig Holz zu bearbeiten. Der Neandertaler war bereits gezwungen, all seinen Einfallsreichtum darauf zu verwenden, aus einem Pfund Feuerstein 100 cm Schnittkante herzustellen. Mehr, so wird man aus ökonomischen Gründen fordern müssen, waren unter wirtschaftlichen Aspekten nicht erforderlich.
Ganz anders verhält es sich beim „Übergang“ zum rezenten Menschentyp:
Der „Technologiesprung“ vom Moustérienmesser des Neandertalers zur Aurignacienklinge des Crô-Magnon ließ nicht nur den Arbeitsaufwand zur Herstellung einer scharfen Klinge um mehr als 100 % ansteigen, die Gesamtlänge der Arbeitskante, die aus einem Pfund Feuerstein herausgearbeitet wurden, wuchs auf die Länge von 12 Metern.9 Ohne Veränderung des ursprünglichen Werkzeugzwecks, nämlich der Bearbeitung von Fleisch, Fellen, Knochen und ein wenig Holz erscheint ein solcher Arbeitsaufwand schon fast als übertriebener Luxus.
Also muß man doch die Frage stellen, warum der nach bisheriger Auffassung intelligenteste aller Hominiden deratig unwirtschaftlich handelt. Nach gängiger Lehrmeinung unterscheidet sich Crô-Magnon nicht mehr vom gegenwärtigen Menschen. Dieser aber wird auch mit dem Beinamen Homo oeconomicus belegt. Das ist der Mensch, der streng rational und nur auf seinen Vorteil bedacht handelt. Das paßt alles nicht zusammen.
Wir haben bislang nur die formale Zweckbestimmung der Steinwerkzeuge betont, nämlich die Bearbeitung von Fellen, Fleisch, Knochen und Holz. Dahinter steht aber ein anderer, ganz einfacher Zweck, nämlich das nackte Überleben. Unter diesem Blickwinkel erscheint der Mehraufwand an Arbeit in einem anderen Licht:
Die Menschen, die sich später anschickten, die Erde zu dominieren, hatten wohl ursprünglich keine andere Wahl, als auch noch aus dem letzten Splitter einer Feuersteinknolle etwas Brauchbares herauszuholen. – Dieser Umstand deutet auf eine geradezu dramatische Verknappung des Rohstoffs Feuerstein hin. Der Mensch war, wie wir gesehen haben, auch damals schon auf den Handel angewiesen; der Rohstoffmangel basiert daher vermutlich auf einem Handelshemmnis, das fast an ein Embargo oder einen Boykott erinnert; das aber auch ganz simple natürliche Ursachen haben kann.
Eine solche natürliche Ursache wäre die Isolation einer Population aufgrund von Umweltveränderungen. Die Abgeschiedenheit, der mangelnde Kontakt zu Artgenossen, läßt den Verdacht aufkeimen, daß die Theorie, der rezente Mensch habe sich in einem isolierten Bereich Afrikas entwickelt, sich als zutreffend erweist.
Denken wir einmal die andere Möglichkeit durch: Als Alternative zur isoliertern Entwicklung kommt lediglich die sukzessive Ersetzung der früheren durch die später Form im Wege der Akzentverschiebung in Betracht. Wenn die Gestalt des modernen Menschen sich allmählich durch Akzentverschiebung aus der Gestalt des Neandertalers entwickelt haben sollte, dann müßte die „kulturelle“ Evolution dahinter zurückbleiben. Die Veränderung körperlicher Merkmale bei unveränderten Lebensumständen hat ohne das Hinzutreten besonderer Umstände keinen Einfluß auf die benutzten Werkzeuge. Deren Verwendungszweck war nach wie vor auf die Bearbeitung von Fleisch, Fellen, Knochen und Holz beschränkt. Bei sukzessiver Ersetzung hätte sich aus ökonomischen Gründen diese Entwicklung allenfals in einer allmählich fortschreitenden Verfeinerung der Steinwerkzeuge widerspiegeln können. Die Petrefakte des Crô-Magnon tauchten indes gleichsam aus dem Nichts auf, wie dieser Menschentypus selbst. Den Weg der Akzentverschiebung ist die Evolution demnach nicht gegangen.
Die weitgehend isolierte Entwicklung des „modernen“ Menschen läßt sich folglich bereits aus dem scheinbaren technischen „Fortschritt“ ableiten.
Das aber erklärt noch lange nicht, warum der „moderne“ Mensch innerhalb weniger Jahrtausende bis in den letzten, elendsten Winkel dieses Planeten vordrang.
Suchen wir also weiter.
Eine Forschungsgruppe um den Genetiker Lynn Jordy (University of Utah) ist zu dem Schluß gekommen, der moderne Mensch sei aus einer Population von allenfalls einigen zehntausend Individuen hervorgegangen, die vor etwa 70 bis 80.000 Jahren die Erde bevölkerten. Die Eruption eines Supervulkans soll nach dieser Ansicht die Weltbevölkerung dermaßen dezimiert haben, daß eben nur diese relativ kleine Menschheit übrigblieb.10
Das würde allerdings voraussetzen, daß es nur eine einzige Menschheit gab und all die Neandertaler, die bis vor etwa 25.000 Jahren Zeitgenossen des „modernen“ Menschen waren, nicht zur Menschheit gehörten. Angesichts ihrer Vermessenheit ist diese Ansicht zu verwerfen. Außerdem fehlt jeder Beleg für ein analoges Massensterben im Pflanzen- und übrigen Tierreich aus jener Zeit. Dennoch dürfen wir die Grundlagen dieser These nicht achtlos beiseite schieben. Diese besteht nun einmal in der Erkenntnis, daß kaum mehr als 10.000 Menschen den Startpunkt für die Evolution unserer selbst bildeten. Demnach ist zu fragen, wie es geschehen konnte, daß einige Zehntausend Menschen sich von der übrigen Welt abspalteten und zu dem wurden, was wir heute noch repräsentieren? – Die Menschen standen, das dürfen Sie als sicher voraussetzten, seit Urzeiten in gegenseitigem Kontakt. Wodurch verlor diese Gruppe den Anschluß an die übrige damals lebende Menschheit? – Die Antwort auf diese Frage lautet sehr wahrscheinlich: Wasser.
Seit der Neandertaler die Weltbühne betrat, kam es wiederholt zu erheblichen Klimaschwankungen. Der ständige Wechsel zwischen Kalt- und Zwischeneiszeiten ließ den Spiegel der Weltmeere mehrfach stark ansteigen und wieder absinken. Der „Tidenhub“ vom Höhepunkt der letzten Vereisung vor 18.000 Jahren bis zum heutigen Normalnull des Wassers beträgt satte 130 Meter!11
Zieht man also in Betracht, daß es gar nicht so lange her ist, daß Menschen über die Beringstraße zu Fuß von Asien nach Amerika und von der Themse an die Seine gelangen konnten, haben wir die „Wiege“ der heutigen Menschheit vermutlich nicht in Ostafrika zu suchen, sondern vielmehr vor der heutigen ostafrikanischen Küste, irgendwo auf dem Kontinentalschelf.12
Die Suche dürfte sich lohnen, denn die Befunde der Genetiker passen genau in das Zeitfenster, das sich vor etwa 90.000 Jahren öffnete und von den Geologen Eem-Warmzeit genannt wurde. Vor 70.000 Jahren wurde es dann wieder kälter. Die Weichsel- oder Würm-Vereisung nahm ihren Anfang. Mit ihr fand die „Eiszeit“ vor etwa 10.300 Jahren ihr vorläufiges Ende.
Die Folgen einer fortschreitenden Erderwärmung werden heute unter dem Begriff „Klimakatastrophe“ gehandelt. – Allein, einer solchen „Klimakatastrophe“ verdanken wir unsere Existenz:
Der ansteigende Meeresspiegel hat – zunächst unmerklich – den Lebensraum unserer Vorfahren in ähnlicher Weise vom Rest der Welt isoliert wie der Ärmelkanal England vom übrigen Europa. Mit fortschreitendem Anstieg des Pegels riß irgendwann der Kontakt zur übrigen Menschheit ab.  Aus der Sicht des Neandertalers waren diese „Inselaffen“ bei der Fortpflanzung wieder einmal auf im weiteren Sinne inzestuzöse Beziehungen angewiesen, denn der Genpool war durch die Insellage sehr beschränkt. – Erneut begegnen wir dem Inzest als einer der treibenden Kräfte der Evolution – So also sehen die Anfangsbedingungen für die Evolution vom „klassischen“ zum „rezenten“ Menschen aus.
Im Verlaufe der nun folgenden Jahrtausende konnten unsere Vorfahren zwar ihre linguistischen Fähigkeiten vervollkommnen. Daneben entwickelte der „moderne“ Mensch,  man muß es leider feststellen, auch einige unangenehme Eigenschaften, denen wir heute noch begegnen können. Vor allem kam ihm das abhanden, was wir heute als „soziales Gewissen“ bezeichnen würden. Zu den schwerwiegensten Systemfehlern des heutigen Menschen gehört seine ausgesprochene Neigung zum Plündern und zum Ausrotten. Wie überall auf der Welt teilten diese Menschen ihren Lebensraum mit Freßfeinden und Nahrungskonkurrenten.
Die Insellage brachte es nun einmal mit sich, daß neue Herausforderungen an unsere nunmehr unmittelbaren Vorfahren herantraten. Sie mußten sich nicht nur ihrer Freßfeinde erwehren, zwischen den einzelnen Horden entstand im Laufe der Zeit ein Konkurrenzdruck, der den Nachbarn zum echten Feind werden ließ. Bei der Erörterung der Evolution reziproken Verhaltens haben wir gesehen, daß dieses langfristig erfolgreich ist, der krasse Egoismus hingegen kurzfristig mehr Erfolg haben kann.
Unter den damaligen isolierten Lebensbedingungen dürfte ein Verhaltensmuster entstanden sein, was sich seit dem Seßhaftwerden der Menschen auf einer höheren Hierarchieebene bis zum letzten Millimeter unsere Zeitreise wiederholt. Desmond Morris beschreibt die Entartung menschlichen Sportverhaltens mit den folgenden Worten:
„Tragischerweise ist der kriegerische Typus des Sportverhaltens bald außer Kontrolle geraten und zu blutigen Massakern eskaliert. Dafür gibt es zwei Gründe. Einerseits führte die Waffentechnik an einen Punkt, wo das Führen einer Waffe keine persönliche Tapferkeit und keine körperliche Kampfgeübtheit mehr erforderte. Aus dem Jäger-Krieger wurde ein Abschlachtungs-Technologe. Andererseits wuchs die Zahl der Menschen immer stärker, bis eine Überbevölkerungskrise entstand. Es kam zu immensem sozialen Druck und zu horrenden Konkurrenzanforderungen. Der alte Sport des Jagd-Kriegs gebar den Wahnwitz des nodernen Vernichtungskriegs.“13
Die von Morris geschilderte globale Situation der heutigen Zeit traf zu Beginn der „modernen“ Menschheit auch auf deren Existenzbedingungen zu. Morris weist zwar auf die moderne Waffentechnik hin, aber diese wäre ohne das dahinterstehende Bedürfnis, mit möglichst wenig Aufwand so viele Menschen wie möglich umzubrigen, nicht denkbar.
Des weiteren, das ist Morris wohl entgangen,  gab es schon „Vernichtungsfeldzüge“, als noch Mann gegen Mann und mit Jagdwaffen gekämpft wurde. Der berühmteste von allen dürfte der Feldzug gegen Troja gewesen sein. Weniger bekannt ist bereits der Zweite Punische Krieg, der zur Zerstörung Carthagos führte und Rom zur europäischen Supermacht werden ließ.
Auch Gaius Julius, genannt Caesar, ließ sich diesbezüglich nicht lumpen. Als Beispiel sei sein perfides Vorgehen gegen die Usipiter und Tenkterer hervorgehoben, die im Frühjahr des Jahres 55 v. Chr. in der Nähe von Mimwegen lagerten.
„Die ahnungs- und führerlosen Germanen, die im Lager ruhig ihren täglichen Beschäftigungen nachgingen und an nichts Böses dachten, wurden vom römischen Heer plötzlich überfallen und abgeschlachtet. Caesar beschreibt dieses >Heldenstück< geradezu mit einem gewissen Genuß. Die römische >Humanitas< und Caesars >Clementia< (Milde) werden besonders durch folgenden Satz ins rechte Licht gerückt: >Die übrige Masse der Frauen und Kinder – die Germanen waren nämlich mit allem Volk ausgezogen und über den Rhein gegangen – begann allerorts zu fliehen. Zu ihrer Verfolgung sandte Caesar die Reiterei aus.< Es ist besonders bezeichnend, daß Caesar nicht wagte, die Reiterei gegen waffenfähige Männer, wohl aber gegen wehrlose Frauen und Kinder einzusetzen. Wieder schließt Caesar seinen Bericht mit der ausführlichen Schilderung der Niedermetzelung der feige überfallenen Germanen.14
Caesars Vorgehen in dieser Sache ging damals selbst den römischen Senatoren zu weit. Cato der Ältere hatte rund 150 Jahre vor Caesar noch die Meinung vertreten, Carthago müsse zerstört werden, Cato der Jüngere hingegen beantragte im Senat wegen des geschilderten Vorfalls die Auslieferung Caesars an die Germanen.15
Bis weit in die Neuzeit hinein wurden derartige Untaten mit Waffen begangen, die durchaus aus Feuerstein, Holz und Knochen hätten hergestellt werden können. Der Argumentation Wicklers, der die Unmenschlichkeit an die moderne Waffenentwicklung anknüpfen möchte, kann daher nicht gefolgt werden:
Gut 1000 Jahre nach Caesars Legionen überzogen die Wikinger Europa mit Verwirrung, Furcht und Schrecken. Ihre Waffen waren ebenfalls überwiegend solche, bei deren Anwendung man dem Gegner oder Opfer in die Augen sehen mute. Das änderte sich auch im Dreißigjährigen Krieg nicht, denn die darin verübten Greueltaten gegenüber der Zivilbevölkerung wurden gleichermaßen zum größten Teil mit Nahwaffen ausgeführt.
Die Bilder aus den Konzentrationslagern, die Bilder aus dem Kosovo und auch die Bilder aus dem gegenwärtigen Israel sprechen eine andere Sprache.: Der moderne Mensch hat bezüglich seiner sozialen Bedürfnisse die Instinktbindung verloren und ist nicht mehr in der Lage, auf soziale Not- oder Unterwerfungssignale instinktsicher zu reagieren.
Der „moderne“ Mensch ist damit in eine Lage geraten, über die man erschaudern könnte:
Eine ähnliche „Entgleisung“ kommt bei Hunden vor. Zuweilen kommen Rüden zur Welt, die weder über die „Weibchenbeißhemmung“ des Wolfes noch über die allgemeine Beißhemmung gegenüber dem im Rivalenkampf unterelgenen Rudelgenossen verfügen. – Ich meine, Konrad Lorenz hätte einmal gesagt, man müsse Rüden, die eine derartige Verhaltensanomalie aufweisen, umgehend erschießen.
Die Instinktschwäche des Menschen hatte freilich weitreichende Folgen. Soweit die Wahrnehmung des Mitmenschen als Mensch betrifft, retardierte der Mensch auf das Niveau des Schimpansen, dessen Tötungshemmung gegenüber Angehörigen fremder Gruppen ebenfalls stark eingeschränkt ist. Anderseits konnten auch die frühen Verteter des Cro-Magnon -Typs es sich nicht leisten, alle Vertreter konkurrierender Stämme zu vernichten, denn schließlich bezogen sie als exogame Wesen ihre Frauen von diesen. Das ungehemmte Vernichten artgenossenschaftlicher Konkurrenz hätte also rasch zum Untergang der entstehenden Subspezies des Menschen geführt.
Daß Sie und ich leben, ist der beste Beweis dafür, daß die Evolution auch an dieser Stelle ein Korrektiv erschaffen hat, das dem drohenden Untergang entgegenwirkte. Recht und Moral betraten die Bühne der Welt. Das aber wear nur möglich, weil die betroffene Population, es waren urprünglich „klassische“ Neandertaler, sich bereits höchst differenziert sprachlich verständigen konnte. Das ist nämlich die Grundvoraussetzung für das Entstehen von Moral und Recht. Beide Systeme, Moral und Recht, werden sprachlich übermittelt, und beide funktionieren nach den Regeln der Tradition bei Primaten nur, wenn eine „Autorität“ sie tradiert. Der Anführer der Horde schied als moralische Instanz aus, denn seine Autorität beruhte ja gerade auf den Eigenschaften, denen Moral und Recht entgegenwirken. Zwangsläufig entstand daher als „Gegenpol“ zum Hordenführer eine weitere Autorität, von der wir nicht wissen, wie sie ursprünglich aussah, gehandelt wird sie indes unter dem Begriff „Schamane“ oder Medizinmann“. – Wie auch immer man diese Leute nennt, sie sind da und legen heute noch Zeugnis ab vom dem Dilemma, in das die Inselbewohner hineingeraten waren.
Das wiederum ist es, was den Menschen als von der Natur abgehoben erscheinen läßt. – Egal, wo man im übrigen Tierreich hinschaut, bei sozial oder in Herden lebenden Organismen gibt es ein sogenanntes Alpha-Tier, an dessen Verhalten sich alle anderen Mitglieder der Gemeinschaft orientieren. – Beim „modernen“ Menschen fehlt diese Bindung, und damit hebt sich der Vorhang für der Tragödie zweiten Teil, nämlich für die Suche nach eindeutger Autorität, die auch in der Ära des Internet immer noch andauert. –
Doch kehren wir zürück zu unseren Anfängen und verfolgen die Frage weiter, wie es dazu kam, daß die Variante des Menschen, zu der wir selbst gehören, sich so ungeheuer rasch über alle Kontinente unseres Planeten ausbreiten konnte.
Bevor wir das tun, halten wir fest, daß zum damaligen Zeitpunkt die linguistischen Fähigkeiten über das Wohl und Wehe der heutigen Menschheit entschieden. Damit aber liegt der dringende Verdacht nicht fern, daß diese mitentscheidend waren für die Umgestaltung des menschlichen Schädels von der Form des „klassischen“ Neandertalers zur heute ausschließlich anzutreffenden Variante.
Crô-Magnon entwickelte die für uns typischen Eigenschaften und Mängel auf einer Insel. Wann und wie schafften unsere Vorfahren den Sprung von seiner Insel auf den nächstgelegenen Kontinent?
Die Antwort auf diese Frage beruht auf demselben Phänomen der Erde, das die Abgrenzung des Crô-Magnon – Typs gegenüber dem Neandertaler bewirkt hatte, nämlich die klimatischen Veränderungen.
Vor 70.000 setzte die bislang letzte Eiszeit ein. Der Meerespiegel begann zu sinken. Allmählich fiel damit auch der geflutete Bereich zwischen der Insel und Afrika wieder trocken.
Cro-Magnon wartete allerdings nicht bis zu dem Tag, an dem er den Weg zu Fuß zurücklegen konnte. Er kam vorher, denn er verfügte über eine Erfindung, die ihn befähigte, auch das kleinste und entlegenste Archipel zu besiedeln.
Diese Erfindung dürfte ebenfalls aus der Not heraus geboren worden sein. Sie wird wohl als so selbstverständlich angesehen, daß ich sie in keiner Zeittafel der menschlichen Kulturgeschichte gefunden habe. Es handelt sich um das Boot. Es ist tatsächlich so selbstverständlich, daß es selbst den großen Entdecker nicht einmal auffiel. Und nicht einmal ihnen ist aufgefallen, das es selbst dazu dienen kann, eine Reise durch die Zeit zu unternehmen. Wo immer Columbus, Captain Cook und alle anderen auch hinkamen, das Boot war schon da. Wie selbstverständlich benutzten die Ureinwohner die Wasserwege. Die Erklärung dafür liegt auf der Hand. Das Boot war es, das die ersten Crô-Magnon von ihrer Insel forttrug.
Welcher Umstand aber führte zur Erfindung des Boots? – Zwei Szenarien sind denkbar:
Erstens: Mit dem allmählichen Absinken von Temperatur und Meeresspiegel änderten sich Wasserflora und -fauna. Fische, die unseren Vorfahren als Nahrung dienten, verschwanden aus den ufernahen Gewässern, so daß sie schwerer zu erreichen waren. Daß Holz schwimmt, dürfte auch den damaligen Menschen bekannt gewesen sein; Kinder dürften ebenfalls ihren Spaß daran gehabt haben, Holzstücke unter Wasser zu drücken und loszulassen. – Welch ein Freude, wenn das Holzstück aus dem Wasser schießt! – Sobald das Bedürfnis entstanden war, sich weiter auf das Wasser hinauszuwagen, um an begehrte Nahrungsmittel zu gelangen, lag die Erfindung entsprechender Hilfsmittel geradezu in der Luft.
Zweitens: Mit dem Ansteigen des Meeresspiegels vergrößerte sich der scheinbare Abstand zwischen Insel und Festland. Die Erdkrümmung sorgte ab einem gewissen Wasserstand für das Abreißen der Sichtverbindung; scheinbar war das Festland hinter dem Horizont verschwunden. Das Absinken des Meeresspiegels bewirkte den umgekehrten Effekt: das Festland geriet wieder ins Blickfeld der Menschen. Und da wollten sie hin und begannen, einen Weg zu suchen und erfanden das Boot. Das wäre ein steinzeitliches Analogon zur Raumfahrt.
Mir persönlich erscheint die erstgenannte Alternative plausibler. Crô-Magnon dürfte sich angesichts der eingetretenen „Klimakatastrophe“ wenig für Steinzeit-Science-Fiction interessiert haben. Vor der Klimaveränderung waren schließlich nicht nur Meeresflora und -fauna betroffen, sondern auch die ihm als Nahrung dienenden Landpflanzen und -tiere. Es wird schließlich wieder einmal eine Verknappung der Ressourcen gewesen sein, die den Menschen dazu bewog, zu neuen Ufern aufzubrechen.
Auch dieses Muster sollte sich im Verlaufe der Geschichte mehrfach wiederholen. Beispielhaft hervorgehoben, weil dokumentiert, seien die Wikingerzüge und die Eroberung der Kontinente Afrikas, Amerikas und Australiens. Diese konnten m.E. von den Europäern nur deshalb erobert werden, weil deren Bewohner keine den Europäeern vergleichbare Stufe der Seßhafigkeit erreicht hatten. Die Völker Asiens waren, weil wehrhaft genug, den Expansionsgelüsten der Europäer standzuhalten.

Der Zeitpunkt der zweiten Bevölkerungsexplosion war damit unausweichlich gekommen. Im Gegensatz zur ersten erfaßte diese innerhalb kurzer Zeit tatsächlich den ganzen Planeten. Das wiederum ist die unausweichliche Konsequenz der logistischen Gleichung, die den „modernen“ Menschen mit seinen Booten in alle Lebensräume preßte, in denen er Nahrung finden konnte. Aus diesem Grunde blieb ihm allein die Antarktis als Lebensraum verschlossen. – Da gab es für ihn nichts zu holen.
Als die ersten „modernen“ Menschen ihre Insel verließen, drangen sie zwangsläufig in die Jagdgründe „klassischer“ Neandertaler vor. Mit ihren platten Gesichtern und runden Schädeln mußten sie auf diese wirken, als kämen sie von einem anderen Planeten oder als seien sie Fabelwesen.
Die erste „offizielle“ Begegnung zwischen dem Neandertaler und seiner deformierten Variante düfte sich ähnlich abgespielt haben wie das erste Zusammentreffen des Columbus mit seinen Mitmenschen aus Amerika. Columbus wußte zunächst nichts von dem Reichtum des Kontinents, an dessen Gestaden er gelandet war,seine Nachfolger schon. Damit war das Schicksal der Ureinwohner Amerikas besiegelt. Das Muster der „Besiedlung“ Amerikas läßt, eben weil es ein Muster ist, Rückschlüsse auf die Verdrängung des Neandertalers durch uns selbst zu, denn die auf Columbus folgenden Raubzüge waren nicht die ersten und nicht die letzten.
Aber eine erste „offizielle“ Begegnung wird es damals wohl nicht gegeben haben. Die ersten Berührungen zwischen den beiden Varianten werden Raubzüge des Crô-Magnon gewesen sein.
An dieser Stelle müssen wir wieder einmal innehalten. Bis zu diesem Zeitpunkt beruhte der evolutionäre Vorteil des Menschen darauf, daß reziprokes Verhalten, daß das Obligationsmuster sein hervorragendes Merkmal wurde. Auf den letzten Metern unserer Reise mußten wir miterleben, wie dieses mühsam aufgebaute Verhaltensmuster aus dem Alltag der Menschen verschwand und in das Reich der Sehnsüchte und Phantasien verlagert wurde.
Unter diesem Gesichtspunkt ist es nicht mehr rätselhaft, warum die Inuit und andere aus materiellen Gründen ihre neugeborenen Mädchen umbringen, warum alte und kranke Hordenmitglieder getötet oder dem sicheren Tod preisgegeben werden.
Es scheint also, als hätte die Evolution beim „modernen“ Menschen eine der wesentlichen Errungenschaften, die für Entstehung dieses Lebewesens von entscheidender Bedeutung war, wieder aufgegeben. – Allerdings nicht vollständig; denn mit Crô-Magnon begann zwar der „Siegeszug“ der agressiveren Variante, dennoch blieben auch bei ihm das Obligationsmuster und das Bedürfnis, seinen Mitmenschen zu helfen, erhalten. Ein gewichtiges Indiz finden wir in den Religionen. Alle Religionen der Welt beinhalten letztlich den Apell an den Menschen, seine Selbstsucht im Zaum zu halten und sich selbst in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Ob in Europa, Asien, Amerika oder Neu-Guinea, all diese Appelle gäbe es nicht, wenn sie nicht das widerspiegeln würden, was Jane Godall in ihrer bereits zitierten Befürchtung über das Wesen des Menschen zum Ausdruck brachte:
„Andere sind davon ausgegangen, daß Kriegführung verantwortlich gewesen sein könnte für die tiefe Kluft zwischen dem menschlichen Gehirn und dem unserer nächsten lebenden Verwandten, der Menschenaffen: Hominiden mit unterlegenem Gehirn konnten keine Kriege gewinnen und wurden ausgerottet.
So ist es sowohl faszinierend als auch schockierend, wenn man entdeckt, daß Schimpansen ein feindseliges, aggressives Territorialverhalten zeigen, das bestimmten Formen primitiver Kriege nach Art der Menschen nicht unähnlich ist.(…) Eine andere notwendige Präadaptation würde die angeborene Furcht vor oder der Haß auf Fremde gewesen sein müssen, die sich manchmal in aggressiven Angriffen äußerte.(…) Bei Menschen sehen sich Angehörige der einen Gruppe oft als völlig unterschieden von den Angehörigen einer anderen Gruppe und behandeln dann die Gruppenmitglieder und Nichtmitglieder verschieden. Tatsächlich werden Nichtmitglieder manchmal «entmenschlicht< und beinahe wie Wesen einer anderen Spezies betrachtet. Wenn das geschieht, sind die Leute von den Hemmungen und gesellschaftlichen Sanktionen befreit, die innerhalb ihrer eigenen Gruppe gelten, und können sich den Nichtgruppenangehörigen gegenüber auf eine Weise verhalten, die unter den eigenen Leuten nicht toleriert werden würde. Das führt unter anderem zu den Ungeheuerlichkeiten des Krieges. Schimpansen zeigen ebenfalls unterschiedliches Verhalten gegenüber Gruppenangehörigen und Nichtgruppenangehörigen. Ihr Gefühl für Gruppenidentität ist stark, und sie wissen genau, wer «dazugehört» und wer nicht: Nichtmitglieder können so heftig angegriffen werden, daß sie ihren Verletzungen erliegen. Und das ist nicht einfach die >Furcht vor Fremden» (…)Damit wurden die Opfer in jeder Hinsicht «entschimpansiert», denn diese Verhaltensweisen sieht man gewöhnlich, wenn ein Schimpanse ein ausgewachsenes Beutetier zu töten versucht – ein Tier einer anderen Spezies.“
Betrachten wir vor diesem Hintergrund noch einmal eine der jüngsten Phasen der Menschheitsgeschichte, die als Triumph menschlichen Freiheitsdrangs glorifiziert wird. Dieser Triumph, den die Freiheitstatute im New Yorker Hafen symbolisiert, kostete mehr als vierzig Millionen „Rothäute“, also vierzig Millionen Menschen das Leben.
Berücksichtigt man die gegenwärtigen Lebensumstände der verbliebenen nordamerikanischen Indianer, ist es nur noch eine Frage weniger Generationen, bis deren Reproduktionsdruck so stark absinkt, daß der Tod des letzten nordamerikanischen Ureinwohners als Livesendung weltweit übertragen werden kann. – Fragen Sie sich immer noch, warum es keine „klassischen“ Neandertaler mehr gibt?
Es gibt leider ein weiteres Indiz dafür, daß der „moderne“ Mensch gegenüber der Neandertaler-Variante ein Stück Menschlichkeit eingebüßt hat: Dem Menschen eigen ist nämlich ein Verhaltensmerkmal, das neoten ist, aber evolutionär nur dann Sinn macht, wenn es einstmals als unbedingter Auslöser des Brutpflegeinstinkts funktionierte (man verzeihe mir diesem mechanistischen Ausdruck, aber mir fällt kein besserer ein.). Es ist das Weinen, es sind die Tränen. Dieses frühkindliche Signal behält der Mensch bis ins hohe Alter als soziales Zeichen des Schmerzes bei. Nach den Spielregeln der Evolution konnte sich dieses Merkmal innerhalb unserer Spezies nur dann universell ausbreiten, wenn es zumindest nicht von Nachtteil war. Den langfristigen evolutionären Vorteil der gegenseitigen Hilfe hatten wir weiter oben bereits erörtert.
Des weiteren hat der Mensch seinen empfindlichsten Hörbereich bei einer Frequenz von 3000 Hertz. In diesem Bereich liegt der Notruf einer Frau oder eines Kindes, auf den wir wahrscheinlich instinktiv, also angeborenermaßen reagieren.16
An dieser Stelle offenbart sich eindringlich die Absurdität der Argumentationsketten des „aufgeklärten“ Menschen. Vom hohen Roß des Homo sapiens sapiens herab erscheinen Australopithecus, Homo habilis, Homo erectus und auch Homo sapiens neandertalensis mehr oder weniger als unkultivierte tumbe Insitnktautomaten. Wenn dies der Fall sein sollte, dann hätten sie in jedem Fall des Weinens oder eines 3000 Hertz-Notsignals mit Brutpflegeaktivitäten geantwortet. – Welch ein Paradies für Kranke und Pflegebedürftige. Aber Homo sapiens sapiens reagiert da seit Jahrtausenden ganz anders. Er berechnet den „Wert“ dessen, der das natürliche SOS sendet. Er versteht nur das Notsignal, das er verstehen will. In aller Welt bedarf es religiöser oder staatlicher Gebote, den „Notruf“ eines Mitmenschen so zu beantworten, wie der Instinkt es vorschreibt.
Vor diesem Hintergrund bestreite ich vehement, daß unsere Vorfahren seit Lucy’s Zeiten beim Töten eines Angehörigen der eigenen Spezies ein dem Schimpansen und dem heutigen Menschen ähnliches „artgenossenverachtendendes“ Verhalten an den Tag legten.
Den weltweiten Erfolg verdankt der „moderne“ Mensch demnach wieder einmal der Neotenie. Neotenie bedeutet, daß das Erbgut an irgendeiner Stelle „vergessen“ hat, wie es weitergeht. Tragik und Ironie des menschlichen Schicksals liegen darin, daß die menschliche DNA ausgerechnet die Faktoren „vergessen“ zu haben scheint, die über Jahrmillionen sein Überleben gesichert hatten.
Diejenigen, deren diesbezügliches „Instinktprogramm“ dem unserer Vorfahren entspricht, gelten in der Regel als verrückt.17 – Es sei denn, man hat Glück und heißt Albert Schweitzer oder Mutter Theresa.
Mutter Theresa und Albert Schweitzer sind meines Erachtens Synonyme für all diejenigen, deren typisch humane Instinkte die Zeiten überdauerten.
Leider ist die Zahl der „berühmten“ Namen, die Geschichte machten, indem sie das Lied vom Tod spielten, um ein Vielfaches größer.
An dieser Stelle muß ich meine Berichterstattung kurz unterbrechen, denn unter dem Kiel von Jirkas Boot wird es zunehmend turbulent. Sie können noch einen kurzen Blick werfen auf die sogenannte neolithische Revolution, mit der das Seßhaftwerden eines geborenen Streuners glorifiziert werden soll, und auf die Entstehung der ersten Staaten.
Jirkas Boot stoppt abrupt und schockartig; schockartig deshalb, weil wir auf einem steil ansteigenden Berg von Leichen landen.
Wir vergegenwärtigen uns: 55 mm hinter dem Bug von Jirkas Boot liegt Auschwitz, etwa 20 cm vor seinem Heck der Kampf um Troja. Noch immer weilt S. Milosevic in unserer Mitte, obwohl seine Untaten maximal einen Millimeter zurückliegen.
Mit der Eroberung Trojas, den Todeslagern von Auschwitz, Treblinka und Majdanek; aber auch mit dem Völkermord im Kosovo ist das Hölzerne Pferd verbunden, nämlich als Symbol der Verdeckung der wahren Absichten. Odysseus’ List diente der Vernichtung der Trojaner. Sie sollten nicht merken, daß es ihnen an den Kragen gehen sollte. Die Euphemismen „Endlösung“ oder „Ethnische Säuberung“ sind weniger anschaulich, dienen aber demselben Zweck. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde über die „Begrenzung von Massenvernichtungsmitteln“ zwischen Ost und West hart verhandelt. Die hübsche Umschreibung des millionenfachen Tötens ist nicht das Erscheckende, wirklich erschreckend ist die grundsätzliche Bereitschaft der Verhandlenden, millionenfach zu töten, und das ohne Rücksicht auf Verluste.
Die gesamte geschriebene Menschheitsgeschichte liegt unter dem Kiel von Jirkas Boot begraben. Dazwischen liegen Millionen und Abermillionen von Leichen. – Erschlagen, erstochen, erschossen, vergast. Mit Sicherheit ist das nicht das rühmlichste Kapitel im Buch der Evolution des Menschen.
Bis in die heutige Zeit hinein reicht der Grund, der zur Ausrottung der „klassischen“ Neandertaler führte. Dennoch ist sein Erbe nicht untergegangen:
Spätestens der Neandertaler hat Höhlen zu Kultzwecken aufgesucht. Gerade der Neandertaler hat diese Kultstätten auch als Begräbnisstätten verwendet. Diese Kult- und Begräbnisstätten deuten auf einen ausgeprägten Bärenkult hin. Die Höhlen selbst aber schweigen.
Anders sieht es bei den Crô-Magnon – Höhlen aus. Die Höhlen von Lascaux oder Altamira sind Kunstwerke allerersten Ranges. Sie enthalten Wandmalereien von atemberaubender Schönheit, so daß nach modernen Maßstäben diese Lebensäußerungen unserer Vorfahren als Gesamtkunstwerk gelten können. Sie weisen eine frappierende Ähnlichkeit mit heutigen Kathedralen auf. Und eben diese Ähnlichkeit ist es, die uns dazu veranlassen muß, den Weg, der von der Kleinen Felddorfer Grotte im Neandertal zum Petersdom führt, in groben Umrissen nachzuzeichnen. Die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede geben uns Hinweise auf die jeweiligen Lebenseinstellungen.
Während die Gemälde an den Wänden von Lascaux erahnen lassen, daß deren Schöpfer ähnlich empfanden wie wir, wird es für uns schon schwieriger, die Vorstellungswelt der Neandertaler zu ergründen.
So schwierig ist es allerdings auch nicht. Man muß nur ein wenig seine Phantasie gebrauchen und disziplinierte Naivität an den Tag legen. Disziplinierte Naivität bedeutet, daß man sich zwingt, all die Dinge außer acht zu lassen, die man weiß, und versucht, bekannte Sachverhalte so zu betrachten, als begegneten sie einem zum ersten Mal.
Nehmen Sie also eine Fackel und begeben Sie sich in eine Höhle. Keine Angst, außer Schwärmen von Fledermäusen werden Sie kaum einem größeren Lebewesen begegnen. Einem Höhlenbären gleich gar nicht, denn wir haben Sommer; und das ist die Zeit, in der auch Höhlenbären unter freiem Himmel auf Nahrungssuche gehen.
Allerdings müssen Sie damit rechnen, sich selbst zu begegnen. Das flackernde Licht, die wechselnden Schatten an den Wänden werden Gestalten hervorbringen. Dämonen und Geister, die zwar nur in Ihrem Gehirn existieren, die aber durch das Spiel von Licht und Schatten an den Höhlenwänden „erscheinen“. Und eben diesen Gestalten sind die Neandertaler auch begegnet, wenn sie in eine Höhle vordrangen.
Die Neandertaler kannten sehr genau die Gewohnheiten der Tiere, die ihren Lebensraum teilten; davon dürfen Sie ausgehen. Sie wußten, daß es ungefährlich war, im Sommer eine Höhle zu betreten. Im Winter hätte sich kein Neandertaler allein in ein Höhle gewagt, denn dort hätte er sein Kulttier, den Höhlenbären, empfindlich in dessen Winterruhe gestört.
Nun ist der Bär für Sie ohnehin ein ehrfurchtgebietendes Lebewesen. In Ihrer Umgebung ist er das einzige Tier, das Menschengestalt annehmen kann, denn wenn ein Bär sichert oder droht, stellt er sich auf die Hinterbeine. Mit seinen 3,5 – 4 Metern Höhe überragt er Sie um mindestens das Dreifache.
Nun stellen Sie sich vor, daß zur Zeit der Herbststürme ein einzelner Bär die Höhle aufsucht. Am Ende des Winters verlassen allerdings regelmäßig drei Bären die Höhle. Ein großer und – normalerweise – zwei putzmuntere kleine.
Sie wissen, daß beim Menschen und bei anderen Säugern Ihrer Umgebung das Junge aus dem Mutterleib kommt. Dieses Wissen dürfen Sie auch dem Neandertaler unterstellen; mehr als einmal dürfte jeder Neandertaler in seinem Leben ein trächtiges Weibchen seiner bevorzugten Beutetiere er- und zerlegt haben. Die „Leibeshöhle“, der ein Säugtier „entspringt“, mußte demnach auch der Neandertaler bestens kennen. Deren Charackteristikum ist die Enge des Eingangs, der in die Weite des Uterus mündet. Ähnlich sind die Höhlen, die als Kultstätten dienten, aufgebaut.
Ich muß Sie hier nochmals an Ihre disziplinierte Naivität erinnern. Sie wissen, daß der Bär ein Säugetier ist, für den Moment müssen Sie ihr Wissen einmal vergessen.18 Wußte es auch der Neandertaler? – Prima Facie, dem ersten Anschein nach, entsprangen in jedem Frühjahr junge Bären der Höhle, denn die Beobachtung einer Bärengeburt war ihm verwehrt. Die Vorstellung, ein Bär entspringe unmittelbar dem Schoß der Erde, ist damit vorprogrammmiert.
Die dunkle Höhle, voll von Geistern und Dämonen, ist damit aber kein Ort der Furcht mehr, sie wandelt sich mit der Vorstellung zum Quell des Lebens, den wir in der griechischen und nordischen Mythologie vorfinden, nämlich zum gebärenden Schoß der Erdmutter oder Gaia. Zum Leidwesen des Papstes hat auch die Jungfräulichkeit der Mutter Gottes hier ihren mythischen Ursprung:
Im nordischen Bereich ist die Erdmutter zu Anfang noch jungfräulich.19 Weiter südlich ist die Vorstellung von „Mutter Erde“ zwar immer noch lebendig, aber die Dame ist nicht mehr allein: Die Gaia der Griechen gebiert am laufenden Bande Titanen und Zyklopen. Die sinnenfrohen Griechen gesellten ihrer Gaia allderings den sexbesessenen Uranos hinzu, der mit seinen weiteren Zeugungsakten erst dann aufhört, nachdem ihn sein Sohn Chronos, der Herr der Zeit, entmannt hatte.
Bis vor kurzem war die Geburt von Bären eines der bestgehüteten Geheimnisse der Natur, weil sie so schwer zu beobachten war. Im Winter 1999/2000 wurde eine entsprechende Live-Übertragung im Internet angeboten. In den Jahrmillionen davor war das allerdings ein Ding der Unmöglichkeit.
Höhlen, Bären und der Geburtskanal als Alltagserfahrung sind ausreichend, die Mytholgie von Mutter Erde und ihren gigantischen Kindern mit den titanischen Kräften zu begründen. Der Bärenkult offenbart aber noch mehr:
Hier berühren sich Jenseitsvorstellung,Totenkult und Fruchtbarkeitsritus in ähnlicher Weise wie bei der Erdbestattung. Auch unser eigenes Beerdigungsritual ist mit der Vorstellung von Fruchtbarkeit verknüpft. Was in den „Schoß“ der Erde eingebracht wird, wird leben und wachsen.
Die Höhlen, in denen der Neandertaler seine Begräbnisspuren hinterließ, waren folglich nicht ein Ort der reinen Trauer, sie waren der Quell eines Lebens, das zumindest nicht mit der Alltagserfahrung eines Neandertalers erklärbar war. Höhlen waren folglich die Orte, an die man einen Verstorbenen in der Hoffnung auf ein neues Leben im Jenseits oder in der Hoffnung auf eine Wiedergeburt gebracht hatte.
Freilich lassen sich für die von mir hier aufgestellte These kaum direkte Beweise finden:
An den Wänden der Höhlen von Shanidar, Mugharet es-Skhul, Mugharet et-Tabun oder anderen gibt es außer den „Lichtwesen“, die der Fackelschein spontan an die Höhlenwand zaubert, – nichts.
Alllerdings auch nichts, was darauf hindeuten könnte, daß die Neandertaler Ahnen, Geister oder Götter angerufen hätten, den nächsten Jagdzug erfolgreich sein zu lassen. Ihre Kultstätten geben uns keinen Hinweis auf derartige Zauberrituale, die bei Crô-Magnon gang und gäbe waren und die noch heute auf der Welt weit verbreitet sind.
Der Neandertaler hat zwar Anhaltspunkte für diverse Zeremonien hinterlassen, darunter sind allerdings keine, die man als Beschwichtigungsritual gegenüber den Geistern und Göttern deuten könnte.
Nach gängiger Lehrmeinung war auch dem Neandertaler als „Vormenschen“ jeglicher moralischer Impetus fremd. Er beschwor keine Geister und Götter, brachte ihnen keine Opfer dar, weil er noch nicht über den Intelligenzgrad verfügte, der für die entsprechenden Vorstellungen erforderlich ist. Deswegen gilt er nach wie vor als ein Wesen, dem menschliche Regungen und moralische Grundsätze fremd sind.
Nach der hier vertretenen Auffassung brauchte der Neandertaler die Rituale des „modernen“ Menschen nicht. Es war ihm noch möglich, auf die sozialen Signale seiner Mitmenschen instinktiv zu reagieren. Zumindest innerhalb der eigenen Gruppe wird er auf Weinen und andere Signale der Hilflosigkeit so reagiert haben, wie der Brutpflegetrieb es vorschrieb.
Ich will gar nicht bestreiten, daß der Neandertaler keine Moral kannte. Wenn er sie aber nicht kannte, dann nur deshalb, weil er ihrer nicht bedurfte. Aus diesem Grunde hatte er es auch nicht nötig, die höheren Instanzen der Moral, nämlich die jeweils „zuständigen“ Geister, Götter und Dämonen anzurufen oder zu beschwichtigen.
Ich will auch nicht behaupten, daß es bei den Neandertalern keine Räuber, Mörder oder Diebe gegeben hätte. Allerdings war deren Anteil an der Gesamtbevölkerung geringer. Sie werden rasch der ganz normalen sozialen Ausstoßungsreaktion ihrer Gruppenmitglieder zum Opfer gefallen sein.
Mit der Akzentverschiebung beim „moderenen“ Menschen änderten sich die Verhältnisse grundlegend. Die Rückbildung der Instinktreaktionen auf soziale Signale brachte diese nicht zum Verschwinden; es kam lediglich zu einem Zwiespalt zwischen unbedingtem sozialem Handlungsimpuls und Handlungsalternativen, die den egoistischen Interessen des Individuum entsprachen oder die diesem im Einzelfall von außen vorgegeben waren, beispielsweise als das Töten aufgrund kulturell „vorgeschriebener“ Handlungsanweisung.20
Das über die Jahrmillionen herausgebildete reziproke Verhalten des Menschen ging nur zu einem geringen Teil verloren, aber das reichte aus, die Welt auf den Kopf zu stellen. Die explosive Verbreitung des Crô-Magnon-Typs trug der Evolution erneut eine turbulente Phase ein, von der niemand sagen kann, wann sie abgeschlossen sein wird. Jeder von uns ist Teil und Zeuge dieses Prozesses. Eines ist allerdings mit Sicherheit auszuschließen: Es wird nie gelingen, einen „perfekten“ Menschen zu „züchten“ oder gar durch Genmanipulation zu „kreieren“. Die Evolution läßt sich nicht überholen, und wenn wir es übertreiben, wird sie uns ad acta legen. So einfach ist das.
Und so einfach vollzog sich auch die Entwicklungsgeschichte des Menschen. Aber sie ist noch nicht an ihrem Endpunkt angelangt. Wir dürfen gespannt sein, wie sie weitergeht. Trotz allen gegenteiligen Beteuerungen führender Politiker hängt es nicht von uns ab, wie es mit der Menschheit weitergeht. Die Weichen werden an einem Ort gestellt, den nie ein Mensch je erreichen wird.


Keine partielle Währungsreform‘! – Und Tschüss!

September 15, 2011

Weltbank kritisiert Euro-Länder scharf | tagesschau.de.

 

Nun ist im Anmarsch genau das, was ich vor der Einführung des Euro – damals noch mangels Internet in privaten Kreis prophezeit hatte:

  1. Ihr werdet dem Euro noch dankbar sein, weil ihr dann nicht mitansehen müßt, daß ihr für euer Geld nicht mehr viel bekommt. – Hat sich bewahrheitet, denn wer bekommt noch für 50 Pfennige bei Tchibo eine Tasse Kaffee; der Spritpreis nähert sich der in den siebziger und achtziger Jahren von den Grünen, zu denen auch Frau Künast gehört, der 5,– DM – Marke.

  2. Sie werden sich noch wundern, denn die „Staatspleite“ gehört zu den systemimmanenten Komponenten der „kameralistischen Haushaltswirtschaft“. Diese wurde nach der Gründung der Vereinigten Staaten, aber auch nach der französischen Revolution Eins zu Eins in die sogenannte Demokratie übernommen. – Der Unterschied zwischen Merkel und Marie-Antoinette ist so groß nicht. – Allein, Marie-Antoinette wurde auch öffentlich „Madame Defizit“ genannt. – Gegenüber dem Schuldenberg, den ihre deutsche Amtskollegin vor sich herschiebt, war Marie-Antoinette ein Waiseknäblein- Pardon, Waisenmädel“!

Nun realisiert sich das, was langfristig kommen mußte: Das Phänomen „Nationalstaat“, das seit jeher von fremdem Geld lebte, steht vor der grandiosen Pleite. – Die geschuldeten Beträge haben eine Größenordnung erreicht, deren Rückzahlung die durchschnittliche Lebenserwartung eines Nationalstaats bei weitem überschreitet. – Um das Kapital aufzubringen, das erforderlich ist, die diversen „gegenwärtigen“ Staatsverschuldungen zum gegenwärtig realen Wert zurückzuzahlen, hätte der Neandertaler mit dem Ansparen anfangen müssen.

Kein Mensch weiß, was passiert, wenn die „Staaten“ Europas pleite gehen, – und das werden sie unausweichlich. – Daß sie pleite gehen werden, müßten die Banken seit Jahrhunderten wissen, denn niemand kennt die „Öffentlichen Haushalte“ besser als die Banken..- Und wenn ich mit meinem beschränkten Juristenverstand und einem Taschenrechner darauf kommen kann, daß die Tilgung von „Staatsschulden“ erst nach der nächsten Eiszeit vollständig abgeschlossen sein kann, dann muß das ein Josef Ackermann erst recht wissen. Oder bei Bankern werden die letzten Nullen nach der dritten Stelle vor dem Komma auf Null gerundet.

Aber wir werden unseren Euro nicht verlieren, wenn wir ihn nicht verlieren wollen. Wir werden ihn zur europäischen Währung machen, wie der Dollar die Währung der USA ist. – Auch da hat der Dollar je nach Staat eine unterschiedliche Kaufkraft. – Und Europa ist die ureigenste Angelegenheit der Völker. Unsere „Politiker“ haben da eigentlich nichts mehr herumzukaspern!

Es wird keine partielle Währungsreform in Europa geben, allenfals wird die Krise auf eine Verfassung Europas hinauslaufen, die den gegenwärteigen Politikern das Blut in den Adern gefrieren läßt. – Wie Hitchcocks Vögel den Einwohnern von Bodega Bay. – Allein, die Geier lassen sich nicht mehr vertreiben. Und die handelnden Personen werden mit ihrem eigenen Vermögen für die „Staatsschulden“ haften.

Wohlgemerkt, seit dem Inkrafttreten den Grundgesetzes ist es kein Utopie mehr:

Eine verfassungsgebende Versammlung entwirft eine (oder besser: mehrere Verfassungsentwürfe) und stellt sie zur Volksabstimmung. – Es ist heute möglich, eine Verfassung zu kreieren, der mehrheitlich nicht nur alle Menschen zustimmen können. – Sie könnten sie sogar blind unterschreiben. – Und das ist das Ziel.


Vom Faustkeil zu Schwertern und Pflugscharen – Ein kurzer Weg

September 1, 2011

Altsteinzeit: Faustkeile heizen Spekulationen um Urmenschen an – Nachrichten Wissenschaft – WELT ONLINE.

Bezüglich der Einstellung zum fünften Gebot wissen die Skelette der bislang gefundenen Neandertaler allerdings eine ganz andere Geschichte zu erzählen:

 Die Neandertaler müssen deutlicher als alle anderen Geschöpfe vor ihnen empfunden haben, wie kostbar ein Leben ist, denn auf der fundamentalsten Ebene sind Begräbnisriten gleichbedeutend mit dem Wunsch, das Menschliche zu bewahren. Das Begraben besagt, daß irgendein wesentlicher Teil des menschlichen Lebens – man mag es Geist oder Seele nennen nicht zerstört werden kann, sondern nach dem Tode irgendwo anders in irgendeiner anderen Form weiterexistiert.

 Dieser zunehmende Sinn für den Wert des Lebens spiegelt sich nicht nur in den Begräbnisriten der Neandertaler, sondern auch in ihrer Fürsorge für alte und behinderte Menschen. So war zum Beispiel der Mann von La Chapelle-aux-Saints längst über die besten Mannesjahre hinaus, als er starb. Sein Skelett läßt erkennen, daß er unter Arthritis litt und unmöglich noch an Jagden teilnehmen konnte. Selbst das Essen muß ihm schwergefallen sein, da er alle Zähne bis auf zwei verloren hatte. Hätte er zu einer früheren Zeit gelebt, hätte man ihn wahrscheinlich ausgesetzt und verhungern lassen, nachdem er für die Gruppe nicht mehr von Nutzen war. Aber die Neandertaler ließen sich anscheinend nicht von einer derart grausamen Logik leiten. Die Gefährten dieses Mannes versorgten ihn selbstlos mit Essen, vielleicht kauten sie es ihm sogar vor.

 Auch die Funde von Shanidar lassen vermuten, daß die Neandertaler für Behinderte sorgten. Einige der dort gefundenen Knochen gehören einem 40jährigen Mann, der vermutlich durch Steinschlag getötet wurde. Die Untersuchung seines Skeletts ergab, daß ihm vor dem tödlichen Unfall nur ein Arm zur Verfügung gestanden hatte. Der rechte Arm und die Schulter waren verkümmert – vermutlich ein angeborener Defekt. Trotz dieser erheblichen Behinderung erreichte er ein für einen Neandertaler hohes Alter. Seine Vorderzähne sind ungewöhnlich stark abgenutzt, was darauf hindeutet, daß er einen großen Teil seiner Zeit damit verbrachte, Tierhäute weichzukauen, damit sie als Kleidung verwendet werden konnten, oder daß er seine Zähne anstelle des fehlenden Arms zum Festhalten von Gegenständen benutzte. (…) Auch der ursprüngliche Neandertaler aus Deutschland hat eine schwere Verletzung überlebt, sich allerdings nicht gut von ihr erholt: Die Knochen seines linken Ellenbogens waren so deformiert, daß er nicht imstande war, die Hand zum Mund zu heben; ob Mensch oder Tier für diese Verletzung verantwortlich war, läßt sich nicht feststellen.1

 Alle Befunde und kritischen Deutungen zeigen, daß die Neandertaler intelligente, tüchtige, mitfühlende und mit Einschränkungen wohl auch spirituell denkende Menschen waren. Aber sind sie auch unsere Vorfahren?2

 Irgendwie scheint nach dem Bericht der stummen Zeugen unser Artgenosse aus dem Neandertal sehr human gewesen zu sein. Unter dem Aspekt unserer eigenen innerartlichen Tötungsgewohnheiten erscheint seine Form der Fürsorge geradezu postmodern, denn das, was wir heute als „soziale Sicherungssysteme“ bezeichnen, gibt es erst seit etwa 130 Jahren. Die in Deutschland lang umstrittene Pflegeversicherung ist so jungen Datums, daß sie ihresgleichen in der Welt suchen muß. – Die Umsetzung der Pflegeversicherung in soziale Wirklichkeit offenbart zudem, daß mitunter das Geschäft, nicht aber die Fürsorge gegenüber dem Pflegebedürftigen im Vordergrund steht. – Das Diskriminierungsverbot Behinderter ist ebenfalls eine „Errungenschaft“, die erst vor wenigen Jahren Einzug in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gehalten hat. Die Lehre vom „lebensunwerten“ Leben, die vor nicht allzu langer Zeit Tausende von Todesdopfern forderte, feiert bei der Zulassung der aktiven „Sterbehilfe“ in den Niederlanden fröhliche Urständ!

 Und Desmond Morris übersieht in seinem sportlichen Herangehen an den Krieg, daß der Mensch das einzige Lebewesen auf der Erde ist, das Werkzeuge herstellt, deren Verwendungszweck einzig und allein darin besteht, möglichst vielen Artgenossen den Garaus zu machen. Ein Panzer taugt nur zum Töten von Menschen, das gleiche gilt für Bomben und Granaten. Mit einem Maschinengewehr kann man zur Not noch auf die Jagd gehen, aber die Fleischbrocken, die dabei übrig bleiben, dürften einem doch gründlich den Appetit verderben.

 Und hier zeigt sich die volle Widersprüchlichkeit der Lehre vom tumben Deppen in der Vorzeit: Wer zu dumm ist, eine Waffe zu erfinden, kann auch kein Verlangen danach verspürt haben, eine solche zu gebrauchen. Dann aber kann es mit der Intelligenz des modernen Menschen nicht weit her sein, denn ein intelligentes Lebewesen vermeidet den Beschädigungskampf.

 Wozu hätte der Neandertaler auch Krieg führen sollen? – Mammute, Wollnashörner und andere Großtiere lieferten soviel Nahrung, daß eine Horde die erjagten Fleischberge gar nicht aufessen konnte. Felle und gigantische Knochen für mobile Behausungen waren ebenfalls keine Mangelware. Wie in der Natur üblich, bekamen auch Nahrungskonkurrenten etwas ab, auch die menschlichen. Die Neanderaler, wie alle unsere Vorfahren, standen allein schon wegen der Frauen mit den Reviernachbarn in gutem Kontakt. Exogamie und Tausch gehören schließlich auch heute noch zum Verhaltensrepertoire aller Menschen. Wie die Westeuropäer in der Zeit zwischen dem zweiten Weltkrieg und dem Zerfall des Ostblocks dürften die Neandertaler bei der Gestaltung ihrer Freizeit eher ans Kuscheln denn ans Killen gedacht haben.

 Außer der sportlichen Perspektive eines Desmond Morris gibt es eine durchaus einleuchtende, aber friedliche Erklärung für eventuelle Verletzungen durch Artgenossen. Wir bezeichnen das heute als Arbeitsunfall. Die Herren Neandertaler hatten alle nur einen Beruf, sie waren Jäger. Die Jagd war aber damals nicht ungefährlicher als heute, nur die Jagdwerkzeuge haben heute eine ähnliche Reichweite wie Kriegswaffen. Auch da trifft so manche Kugel oder Granate die eigenen Leute. Im angelsächsischen Sprachraum wird dies als „Death by friendly fire“ verharmlost: Tod durch „freundliches“ Feuer. – Folglich kann ein Neandertaler Verletzungen durch „Waffeneinwirkung“ davongetragen haben, ohne daß böse Absicht im Spiel war.

 Es sieht also ganz danach aus, als würde ein Neandertaler auf den Versuch eines Missionars, ihm das fünfte Gebot zu erläutern, mit Kopfschütteln reagieren: „Seid ihr nicht ganz dicht? Habt ihr keine Tötungshemmung? – Ihr bringt Eure Nachbarn und Verwandten einfach so um? Dann habt Ihr das fünfte Gebot wirklich bitter nötig!“ Und damit hat er vollkommen recht, der Herr Neandertaler, denn einzig und allein der moderne Mensch ist in der Lage, einen Freund zum Feind zu erklären und allein aus diesem Grund zu töten.

 Wir werden auf diese Einstellung des modernen Menschen zum Leben seiner Mitmenschen im Zusammenhang mit seinem „Erfolg“ auf dieser Erde noch zurückkommen müssen. Doch zuvor gilt es einen Beweis neu zu würdigen, der bislang immer als Beleg für die überlegene Intelligenz des modernen Menschen herhalten mußte. Es handelt sich dabei um den „Fortschritt“ in der Herstellung von Feuersteinwerkzeugen. Dieser vermeintliche Fortschritt läßt nämlich Rückschlüsse auf die Abspaltung der „modernen“ von der „klassischen“ Variante des Menschen zu:

 Die Faustkeile der frühen Erectus – Kultur ließen sich mit etwa 25 Schlägen in einem Arbeitsgang fertigen, bei den späteren waren schon zwei Arbeitsgänge mit insgesamt 65 Schlägen erforderlich. Für ein Messer des Neandertalers bedurfte es drei Arbeitsgängen mit 111 Schlägen (Moustérien-Technik); demgegenüber erfordert ein nach der Aurignacien-Technik hergestelltes Messer des Crô – Magnon – Menschen 251 Schläge in neun Arbeitsgängen.

 Der Mensch ist ein Produkt der Evolution. Dem Prinzip des geringsten Zwangs folgend betreibt auch er im Regelfall nicht mehr Aufwand, als er muß. Unsere Freunde vom Erectus – Typ kamen mit ihren Werkzeugen über Hunderttausende von Jahren gut zurecht. Warum also sollten sie ihre Werkzeuge groß verfeinern? – Auch der Neandertaler wäre wahrscheinlich mit den von ihren Vorfahren ererbten Technologien zufrieden gewesen, wenn nicht die neuen Lebensbedingungen der Eiszeit sie gezwungen hätten, ihre Werkzeuge den Verhältnissen anzupassen. Und, das ist meines Erachtens die entscheidende Frage, warum bestand diese Anpassung gerade in der Verfeinerung der Werkzeuge?

 Auf der Insel Rügen gibt es Feuerstein in Hülle und Fülle. Jeder kann sie in den Feuersteinfeldern aufsammeln und versuchen, sie als Rohstoff für Werkzeuge auf den Markt zu bringen. Freilich interessiert sich niemand mehr für Feuerstein als Rohstoff. Als der klassische Neandertaler der letzte Schrei der Natur in Europa war, lagen die Dinge noch anders und die Feuersteinfelder Rügens unter einer mächtigen Eisdecke verborgen. Merkwürdig, aber die Antwort auf die obige Frage scheint offen vor unseren Augen zu liegen, freilich erst seit einer Zeit, da niemand mehr an Werkzeugen aus Feuerstein interessiert war.

 Als das Eis die Feuersteinfelder Rügens wieder freigab, war es für die Feuersteintechnologie bereits zu spät geworden. In anderen Teilen der Welt förderte man Knollen von besserer Qualität aus dem Boden, kurz darauf fertigte man die ersten Werkzeuge aus Metall.

 Um ein klares Bild zu erzielen, müssen wir uns in die früheste Steinzeit versetzen:

 Wenn Ihnen die Zivilisation einmal zu langweilig wird, fahren Sie nach Rügen, holen Sie sich eine Feuersteinknolle und setzen Sie sich an den Strand. Nehmen Sie ein Buch mit, in dem auch die „primitiven“ Werkzeuge unserer Freunde der Erectus – Kultur abgebildet sind.

 Sie sind nun ein intelligenter Mensch des ausgehenden 20. Jahrhunderts und ihren Vorfahren weit überlegen. Erinnern Sie sich an die „stupide Steineklopferei“?:

 Über eine Million Jahre, so lässt sich aus den kulturellen Überbleibseln der Urmenschen schließen, klopfte er stumpfsinnig auf Steinen herum“ Weiter heißt es: Der Bau von Speeren und Äxten erforderte besondere intellektuelle Fähigkeiten, die sich gravierend vom stupiden Steineklopfen der frühen Urmenschen unterschied.3

 – Na dann frohes Schaffen! Aber seien Sie am Ende nicht enttäuscht. Sie werden es nämlich nicht fertigbringen, innerhalb Ihres Urlaubs auch nur ein halbwegs brauchbares Werkzeug, geschweige denn einen Faustkeil herzustellen, der der „primitivsten“ Stufe auch nur annähernd ähnlich sieht und dessen Funktionen erfüllen kann. Von wegen stupides Steineklopfen: die Herstellung von Steinwerkzeugen hat wenig mit „Intelligenz“ zu tun, mehr mit der Bildhauerei. Es erfordert Übung, Erfahrung und ein Gefühl für das Instrument, das man handhabt. Vor allem aber braucht man eine Vorstellung von dem, was am Ende herauskommen soll.

 Bereits zu Beginn der Neandertaler-Ära hatte die Menschheit etwa drei bis dreieinhalb Millionen Jahre gesammelt und gejagt, ohne daß sich an den allgemeinen Lebensumständen etwas geändert hatte. Die ihnen zur Verfügung stehenden „primitiven“ Werkzeuge aus Stein dienten immer denselben Zweck, nämlich dem Bearbeiten von Fleisch, Häuten und Knochen. – Allenfalls noch der Herstellung von Holzgeräten, etwa dem Schlagen und Zuspitzen hölzerner Speere. Diese allgemeinen Lebensumstände änderten sich weder nach dem Erscheinen der Neandertaler noch nach dem ersten Auftreten des „modernen“ Menschen.

 Der „Technologiesprung“ von 25 Schlägen in einem Arbeitsgang auf neun Arbeitsgänge mit 251 Schlägen läßt sich mit höherer Intelligenz kaum erklären, denn am Ende dieser vielen Arbeit stehen zwar „Spezialwerkzeuge“, die in ihrer Gesamtheit aber auch nicht mehr leisten als ein gut durchdachter simpler Faustkeil. Jeder Betriebswirt würde sich ob des Aufwands, den Neandertaler und erst Recht Crô-Magnon-Menschen bei der Herstellung ihrer Steinklingen betrieben, die Haare raufen, denn die Arbeitskosten für die Fertigung dieser filigranen Petrefakte sind unter ökonomischen Aspekten immens hoch.

 Die hohen Herstellungskosten könnten sich allerdings als notwendiges Übel herausstellen, wenn man die Kosten des Ausgangsmaterials berücksichtigt.

 Menschen haben zu allen Zeiten die verschiedensten Steinsorten als Werkzeuge verwendet. Eindeutiger Favorit war aber der Feuerstein wegen seiner besonderen Splittereigenschaften. Obsidian, schwarzes vulkanisches Gesteinsglas, hat ähnliche Eigenschaften und wurde damit – zumindest in Amerika – in bestimmten Gegenden der einzige echte „Konkurrenzwerkstoff“ zum Feuerstein. Aber nicht überall, wo die frühen Menschen siedelten, gab es Feuerstein oder Obsidian, Feuersteinknollen finden sich in Kreidefelsen, Obsidian in der Nähe von Vulkanen. Zur Beschaffung der begehrten Rohstoffe für ihre Werkzeuge waren die Menschen der Steinzeit also zumindest seit Erectus’ Zeiten auf den Handel angewiesen.

 Wie hoch Feuerstein beim Übergang zur Kupferzeit an steinzeitlichen Börsen gehandelt worden wäre, zeigt sich daran, daß unsere Crô-Magnon – Vorfahren nicht mehr genug Feuersteinknollen an der Erdoberfläche aufsammeln konnten. Es hat sich für sie rentiert, Schächte in die Kreidefelsen Englands und in entsprechende Gesteinschichten Bayerns abzuteufen und tiefe Stollen zu graben, um den begehrten Rohstoff zu gewinnen.

 Wäre die heutige Menschheit immer noch auf den Feuerstein angewiesen, man würde ihn wohl mit Diamanten aufwiegen.

Wesentlich plausibler erscheint mir daher im Zusammenhang mit der Verfeinerung der Abschlagtechnik eine Rohstoffverknappung, die den menschlichen Erfindungsgeist herausgefordert hatte. Der Mensch hatte das Bücken gelernt, denn offenbar waren bereits die Neandertaler dazu gezwungen, sich nach jedem Abschlag auch die Bruchstücke genau anzusehen, die ihre Vorfahren noch als Abfall betrachtet hatten. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn klimabedingt lag ein Teil der Rohstoffvorkommen über lange Zeiträume hinweg unter dem Inlandeis begraben.

 Unsere Vorfahren vom Erectus – Typ lebten vergleichsweise im Paradies. Sie konnten sich damit begnügen, aus einem Pfund Feuerstein nur 5 bis 20 cm Schnittkante herauszuholen. An dieser Stelle erinnere ich nochmals daran, daß alle Steinwerkzeuge der Welt ausschließlich dem Zweck dienten, Fleisch, Fell, Knochen und gelegentlich ein wenig Holz zu bearbeiten. Der Neandertaler war bereits gezwungen, seinen Einfallsreichtum darauf zu verwenden, aus einem Pfund Feuerstein 100 cm Schnittkante herzustellen. Mehr, so wird man aus ökonomischen Gründen fordern müssen, waren nicht erforderlich.

Ganz anders verhält es sich beim „Übergang“ zum rezenten Menschentyp:

 Der „Technologiesprung“ vom Moustérienmesser des Neandertalers zur Aurignacienklinge des Crô-Magnon ließ nicht nur den Arbeitsaufwand zur Herstellung einer scharfen Klinge um mehr als 100 % ansteigen, die Gesamtlänge der Arbeitskante, die aus einem Pfund Feuerstein herausgearbeitet wurden, wuchs auf die Länge von 12 Metern.4 Ohne Veränderung des ursprünglichen Werkzeugzwecks, nämlich der Bearbeitung von Fleisch, Fellen, Knochen und ein wenig Holz erscheint ein solcher Arbeitsaufwand schon fast als übertriebener Luxus.

 Also muß man doch die Frage stellen, warum der nach bisheriger Auffassung intelligenteste aller Hominiden deratig unwirtschaftlich handelt. Nach gängiger Lehrmeinung unterscheidet sich Crô-Magnon nicht mehr vom gegenwärtigen Menschen. Dieser aber wird auch mit dem Beinamen Homo oeconomicus belegt. Das ist der Mensch, der streng rational und nur auf seinen Vorteil bedacht handelt. Das paßt alles nicht zusammen. Und erneut sollte uns an dieser Stelle die „primitive Steineklopferei“ zu denken geben.

 Wir haben bislang nur die formale Zweckbestimmung der Steinwerkzeuge betont, nämlich die Bearbeitung von Fellen, Fleisch, Knochen und Holz. Dahinter steht aber ein anderer, übergeordneter Zweck: das Überleben; und dazu reichten die „primitiven“ Werkzeuge allemal aus. Warum also leisteten sich unsere Vorfahren den Luxus filigraner Werkzeuge, wo die groben es doch auch taten? Immerhin bedeutet der hohe Arbeitsaufwand einen offensichtlichen Verstoß gegen das Prinzip des geringsten Zwangs, der auch das Evolutionsgeschehen beherrscht.

 Die Menschen, die sich später anschickten, die Erde zu dominieren, hatten wohl ursprünglich keine andere Wahl, als auch noch aus dem letzten Splitter einer Feuersteinknolle etwas Brauchbares herauszuholen. – Dieser Umstand deutet auf eine geradezu dramatische Verknappung des Rohstoffs Feuerstein hin. Der Mensch war, wie wir gesehen haben, auch damals schon auf den Handel angewiesen; der Rohstoffmangel basiert daher vermutlich auf einem Handelshemmnis, das fast an ein Embargo oder einen Boykott erinnert.

 Die Ereignisse am Ende der Steinzeit erhärten den Verdacht auf eine dramatische Feuersteinverknappung:

 Wenn es sich schon lohnte, die Knollen tief aus dem Leib der Mutter Erde graben, lag das Bedürfnis nach Ersatz bereits in der Luft.

 Am Ende der Jungsteinzeit, also vor etwa 7.000 Jahren, war das Töpferhandwerk bereits mindestens 2.000 Jahre alt. Die ältesten bislang gefundenen Keramiken stammen zwar aus Japan, aber das heißt noch lange nicht, daß Menschen in anderen Teilen der Welt nicht auf denselben Trichter gekommen wäre. Denn auch heute noch, bekanntestes Beispiel ist die Erfindung des Telefons, werden Erfindungen in verschiedenen Erdteilen unabhängig voneinander gemacht. Und die Abwesenheit eines Beweises für einen Vorgang ist schließlich kein Beweis dafür, daß der Vorgang nicht stattgefunden hat.

 Die Herstellung von Keramikwaren ohne Feuer ist nicht denkbar. Und die jungpaläolithischen Töpfer werden in Gegenden mit entsprechenden Erzvorkommen nach dem Brennen ihrer Waren immer wieder Metallklumpen gefunden haben. Diese hatte das Feuer aus den Wandsteinen ihrer Brennöfen herausgeschmolzen. Sie werden gemerkt haben, daß sich das Zeug der Form von Hohlräumen anpaßte und verformen ließ. Damit lag die Erfindung von Metallwerkzeugen geradezu in der Luft. Das relativ leicht schmelzbare, dennoch ausreichend feste Kupfer machte den Anfang.

 Rund 2.000 Jahre brauchten die Menschen, um die wesentlich härtere Bronze zu „erfinden“. Bronze ist eine Legierung von rund 90% Kupfer und 10% Zinn. Forschungslaboratorien, wie wir sie heute kennen, gab es damals nicht. Aber Betrüger, die gab es damals wie heute. Und angesichts dessen ist es erstaunlich, warum es so lange gedauert hat, bis die Bronze „erfunden“ war: Nahezu von Anfang an wird es Hersteller und Händler gegeben haben, die der Versuchung nicht widerstehen konnten, ihren Profit dadurch zu steigern, daß sie Kupfer mit Metallen wie Blei und Zinn „streckten“. Der Schmelzpunkt von Zinn und Blei ist erheblich niedriger als der von Kupfer. Unter diesem Gesichtspunkt war die Bronzezeit eine unausweichliche Phase in der Menschheitsgeschichte. – Ihre Taufpaten aber waren Lug und Trug.

 Vor rund 3.000 Jahren war dann in Europa und Asien der Markt ziemlich leergefegt. Die Kupferminen waren weitgehend ausgebeutet, der Preis für Kupfer stieg in schwindelerregende Höhen. Ähnliches widerfuhr den Zinnminen Europas und Asiens. Die Menschen fingen an, sich mit dem erst bei wesentlich höherer Temperatur schmelzenden Eisen zu beschäftigen. Man siedelt den Beginn der Eisenzeit etwa zu Beginn des ersten vorchristlichen Jahrtausends an. Es sollten seitdem fast dreitausend Jahre vergehen, bis der Mensch lernte, Eisen zu gießen und den Stahl herzustellen, der abgewrackt auf den Schlachtfeldern und am Meeresboden zurückblieb. – Welch eine Verschwendung von Rohstoffen und Energie.

So steht es in Australopithecus Superbus

1 George Constable, aaO,S. 101 ff

2 Schmitz/Thissen aaO S. 187

3 Der Spiegel, 21.10.02 S. 221

4 vgl. Constable aaO, S. 125


CDU-Politiker Christian von Boetticher: Keine Chance für die Liebe

August 17, 2011

CDU-Politiker Christian von Boetticher: So denkt Deutschland über die Teenie-Affäre – Politik Inland – Bild.de.

Das erklären Sie mal einem Neandertaler, aber bitte so, als wäre er vier Jahre alt.

Neandertalerinnen und Neandertaler  würden ob der Aufregung, die durch das Land geht, wohl nur den Kopf schütteln und fragen:

Seid Ihr überhaupt noch Menschen? Wohl eher nicht!

Dem ist zuzustimmen. Paläontologen versuchen, das Verhalten von Dinosauriern zu rekonstruieren, indem sie das Verhalten von heutigen Reptilien und Vögeln beobachten und versuchen, es mit den anatomischen Strukturen der Dinos in Einklang zu bringen.

Was für Dinosaurier gilt, gilt auch für den Menschen. – Der versucht zwar immer wieder, sich von seinen biologischen Wurzeln zu trennen, aber das kann und wird nicht klappen.

Und so wird er sich über kurz oder lang damit abfinden müssen, daß Menschenfrauen keine „Sexobjekte“ sind, sondern vielmehr „Sexsubjekte“. – Unser biologisches Erbe schreibt – entgegen aller kulturellen Verbiegung – vor, daß das „Weibchen“ den Sexualpartner auswählt und nicht die Familie oder der „zukünftige Ehemann“ –

Die Zwangsehe ist „widernatürliche Unzucht“

Ich bestreite, daß unsere nächsten Verwandten im Tierreich die Schimpansen sind. – Verhaltensmäßig stehen wir den Bonobos erheblich näher; und zwar so nahe, daß deren Sexualverhalten – gepaart mit der „Reeperbahn“ Aufschluß geben über das Sexualverhalten unserer Vorfahren in der Savanne Afrikas. – Bis hin zu den Fellhütten der Neandertalerinnen und Neandertaler.

Lauschen Sie den Signalen der Urzeit, die das Neandertal als einen einzigen „Sexclub“ erscheinen lassen:

Beginn des Zitats

Am 15.4.2005 meldeten diverse Presseorgane, der Neandertaler hätte sich einseitig von Fleisch ernährt. – Welcher heutige Amerikaner tut das nicht, diese „Nachricht“ hat also keinen Sensationswert, nicht einmal für Neandertaler. Beschäftigt man sich jedoch ein wenig näher mit den sanftmütigen und sensiblen Wesen aus dem Neandertal, macht man eine in der Tat sensationelle Entdeckung. Das Neandertal war ein Sex-Club.

>>Folgender Text ging als E-mail an die Wissenschaftsredaktion der WELT und an andere Zeitungen:

Hat es Sie wirklich überrascht, daß Neandertaler sich nicht „ausgewogen“ ernährt haben? – Haben sich Menschen, wo immer sie lebten und leben, überhaupt jemals so ernährt, wie Ökotrophologen (dieses Wortmonstrum bedeutet „Ernährungswissenschaftler“) es fordern?

Nein! Auch Menschen haben sich zu allen Zeiten von dem ernährt, was gerade zur Verfügung stand. Den Neandertalern während der letzten Eiszeit stand vor allem Fleisch zur Verfügung. Diese Feststellung gilt hauptsächlich für die in Europa aufgefundenen sterblichen Überreste.

Wichtige Neandertalerfunde stammen aber auch aus dem Iran und aus Israel, Gegenden, die unter den damals herrschenden klimatischen Bedingungen eher als „gemäßigt“ einzustufen sind. Ohne genaue Kenntnis über die Herkunft der in Ihrem Beitrag erwähnten Skelette ist daher das Urteil „der Neandertaler“ sei zeitlebens fehlernährt gewesen, schlicht falsch.

Der Neandertaler“, den gab es ohnehin nicht. Aber seit der Entdeckung des ersten Neandertalerskeletts dient er als Projektionsfläche für die Eigenschaften des „modernen“ Menschen, die dieser an sich partout nicht feststellen will: Der keulenschwingende, frauenraubende und tumbe Depp.

Der Neandertaler“ war ganz anders, aber Sie sind ihm sehr nahe, denn wahrscheinlich auch in Ihrer Phantasie spukt der Geist des Neandertals:

Neandertaler haben sich rührender um ihre Gefährten gekümmert als Norbert Blüm und die Pflegeversicherung. Die gegenwärtige Diskussion um die „Kostendämpfung“ im Gesundheitswesen hätten Neandertaler mit Kopfschütteln und Abscheu verfolgt:

>> „Die Neandertaler müssen deutlicher als alle anderen Geschöpfe vor ihnen empfunden haben, wie kostbar ein Leben ist, denn auf der fundamentalsten Ebene sind Begräbnisriten gleichbedeutend mit dem Wunsch, das Menschliche zu bewahren. Das Begraben besagt, daß irgendein wesentlicher Teil des menschlichen Lebens – man mag es Geist oder Seele nennen   nicht zerstört werden kann, sondern nach dem Tode irgendwo anders in irgendeiner anderen Form weiterexistiert.

Dieser zunehmende Sinn für den Wert des Lebens spiegelt sich nicht nur in den Begräbnisriten der Neandertaler, sondern auch in ihrer Fürsorge für alte und behinderte Menschen. So war zum Beispiel der Mann von La Chapelle-aux-Saints längst über die besten Mannesjahre hinaus, als er starb. Sein Skelett läßt erkennen, daß er unter Arthritis litt und unmöglich noch an Jagden teilnehmen konnte. Selbst das Essen muß ihm schwergefallen sein, da er alle Zähne bis auf zwei verloren hatte. Hätte er zu einer früheren Zeit gelebt, hätte man ihn wahrscheinlich ausgesetzt und verhungern lassen, nachdem er für die Gruppe nicht mehr von Nutzen war. Aber die Neandertaler ließen sich anscheinend nicht von einer derart grausamen Logik leiten. Die Gefährten dieses Mannes versorgten ihn selbstlos mit Essen, vielleicht kauten sie es ihm sogar vor.

Auch die Funde von Shanidar lassen vermuten, daß die Neandertaler für Behinderte sorgten. Einige der dort gefundenen Knochen gehören einem 40jährigen Mann, der vermutlich durch Steinschlag getötet wurde. Die Untersuchung seines Skeletts ergab, daß ihm vor dem tödlichen Unfall nur ein Arm zur Verfügung gestanden hatte. Der rechte Arm und die Schulter waren verkümmert – vermutlich ein angeborener Defekt. Trotz dieser erheblichen Behinderung erreichte er ein für einen Neandertaler hohes Alter. Seine Vorderzähne sind ungewöhnlich stark abgenutzt, was darauf hindeutet, daß er einen großen Teil seiner Zeit damit verbrachte, Tierhäute weichzukauen, damit sie als Kleidung verwendet werden konnten, oder daß er seine Zähne anstelle des fehlenden Arms zum Festhalten von Gegenständen benutzte. (…) Auch der ursprüngliche Neandertaler aus Deutschland hat eine schwere Verletzung überlebt, sich allerdings nicht gut von ihr erholt: Die Knochen seines linken Ellenbogens waren so deformiert, daß er nicht imstande war, die Hand zum Mund zu heben; ob Mensch oder Tier für diese Verletzung verantwortlich war, läßt sich nicht feststellen…“ (George Constable, Die Neandertaler, 1979, S. 101 ff)

Diese Feststellungen machen doch erschreckend deutlich, daß während der Eiszeit Kranke und Behinderte offensichtlich einen Stellenwert hatten, den man sich am Ende des 20. Jahrhunderts eigentlich nur wünschen kann.

Es ist nicht anzunehmen, daß der Neandertaler die Fürsorge für Kranke und Behinderte erfunden hat. Angesichts seiner Lebensbedingungen hätte man aus heutiger Sicht eher das Gegenteil erwartet. Allein deswegen ist die Vermutung nicht von der Hand zu weisen, daß bereits die frühesten Formen des Menschen ihre kranken und behinderten Gruppenmitglieder nicht einfach ihrem Schicksal überließen, sondern sich vielmehr ebenso intensiv wie um ihren Nachwuchs kümmerten. Die Umstellung vom Fell auf die nackte Haut stellte den Ausgangspunkt dar für das, was wir als Humanität bezeichnen.

Das Jagen besorgten die Männer, das Sammeln übernahmen vorwiegend die Frauen, die sich natürlicherweise auch um den Nachwuchs kümmerten, – nicht allein um ihn, auch um die Gruppenmitglieder, die krank oder behindert waren.

Aus rein praktischen Gründen hatte es sich so ergeben. Frauen, die schwanger waren oder Kinder auf dem Arm trugen, waren bei der Jagd offensichtlich gehandicapped. Eine Löwin behält ihren Schwerpunkt während der Schwangerschaft ebenso wie eine Antilope. Bei einer schwangeren Frau ist das anders. Das freilich sagt nichts über ihre Jagdfähigkeit aus:

Die Jagd wurde zur Domäne des männlichen Geschlechts. So jedenfalls wird es seit Ewigkeiten kolportiert.

Aber schauen Sie sich einmal um. Wer sammelt Bierdeckel? – Wer sammelt Modellautos? Wer sammelt die Figuren aus den Überraschungseiern? – Es sind die Männer, mit denen die Sammelleidenschaft durchgeht. Und der Stolz sammelnder Männer ist so groß, daß er in Scherzen über das menschliche Balzverhalten auftaucht: „Darf ich Ihnen meine Briefmarkensammlung zeigen….?“ – Bei Männern erscheint die Sammelleidenschaft mehr oder weniger als Leerlaufhandlung. Der fundamentale Antrieb ist immer noch vorhanden.1

Die weibliche Jagdleidenschaft entzieht sich weitgehend der historischen Beobachtung. Sie offenbart sich überwiegend im Lottospiel; vor allem im angelsächsischen Kulturkreis sind die regelmäßigen Treffen zum Bingo-Spielen Tradition.

Anläßlich der letzten Weltmeisterschaft im Damenfußball und bei den Olympischen Spielen des Jahres 2000 ließ sich beobachten, daß die Fußballerinnen der Welt eine noch größere Spielfreude an den Tag legen können als ihre männlichen Pendants. Fußball aber ist ein klassisches Hetzspiel.

In diesem Zusammenhang müssen wir berücksichtigen, daß bis zur weltweiten Einführung empfängnisverhütender Hormone die Frauen in aller Welt relativ früh schwanger wurden. Mit einer Schwangerschaft findet eine sportliche Karriere aber ein jähes Ende. Erst seit rund 35 Jahre – 3,5 cm im Fluß des Lebens – können Frauen ihre entsprechenden Leidenschaften auch auf dem Sportplatz ausleben.

Wenn Männer sammeln und Frauen hetzen, ist wohl kaum ein gravierender Unterschied zwischen den Geschlechtern festzustellen. Freilich läßt sich auch beim Menschen, damit unterscheidet er sich nicht von seinen Verwandten im Tierreich, ein höheres Aggressionspotential in der Männerwelt feststellen. Das schlägt sich in der Kriminalstatistik nieder, in der die Frauen, Sexismus hin, Sexismus her, erheblich „unterrepräsentiert“ sind.<< ( Gerhard Altenhoff, Australopithecus Superbus, http://www.lulu.com/advocatusdeorum). Sie sehen, die grundlegenden Verhaltensmuster haben sich bis auf den heutigen Tag erhalten.

Die Neandertaler, die tatsächlich im Neandertal lebten, hatten zu ihren Lebzeiten nicht die Möglichkeit, im „Breidenbacher Hof“ oder im Düsseldorf Hilton zu übernachten. Sie mußten ihre Unterkünfte wohl oder übel selbst bauen. Im Düsseltal war es bis vor rund 15.000 Jahren kalt, verdammt kalt. Mammuts und Wollnashörner verfügten allerdings über Felle, die verdammt gut isolierten. Das Fett dieser Tiere wird in der Tundra ein willkommener Brennstoff gewesen sein. Was also lag für die Neandertaler näher, als Großwild zu jagen. Wenn ich Burians „Bilderlexikon des Menschen in der Vorzeit“ recht in Erinnerung habe (das Buch selbst ist mir abhanden gekommen), verwendeten die Neandertaler nicht nur die Felle, sondern auch die Knochen des damaligen Großwilds zum Bau ihrer Hütten.

Es dürfte ein schönes Stück Arbeit gewesen sein, einem tonnenschweren Mammut das Fell über die Ohren zu ziehen, aber am Ende hatte eine Neandertalerhorde mehr als ausreichend Nahrung. Raubtiere und Aasfresser dürften zur damaligen Zeit sogar die Nähe des Menschen gesucht haben, bot er ihnen doch eine willkommene Gratismahlzeit. Und selbst davon profitierten die Neandertaler, denn die Knochen, die von „Raub“-tieren und Aasfressern abgenagt worden waren, brauchten sie nur noch einzusammeln und zu Hütten zusammenzusetzen. – Ein ganz einfaches, aber pfiffiges System, in der Eiszeit zu überleben.

Wenn es zutreffend sein sollte, daß sich Neandertaler überwiegend von den wandelnden Fleischbergen ernährten, was machten sie in der Zeit, in denen sie nicht zur Jagd gingen?

Sex.

Gehen Sie von folgender Grundüberlegung aus: Tierische Sozialgemeinschaften sind Überlebens- und – vor allem – Aufzuchtgemeinschaften. Die Grundstimmung innerhalb der Trupps, Horden, Rudel oder Herden ist freundlich. Beschädigungskämpfe werden vermeiden.

Neben dem „klassichen“ Schimpansen haben wir im Tierreich einen weiteren „nächsten“ Verwandten, der sich Bonobo nennt. Bonobos wurden über Jahre hinweg von den Biologen als „Zwergschimpansen“ bezeichnet. Dann stellte sich heraus, daß Bonobos sich von den Schimpansen grundlegend unterscheiden. Sie sind keine Baum- sondern Bodenbewohner und geradezu sexbesessen. Bonobos treiben munterlustig Sex miteinander, und das, was außergewöhnlich ist, auch außerhalb der „Paarungszeit“. Bonobos setzen Sex gezielt zum Abbau sozialer Spannungen ein, Weibchen lieben es auch, ihre Geschlechtsteile aneinander zu reiben (sogenanntes G-G-rubbing). Bonobomädchen haben kein Problem damit, die Liebe zum Erlangen begehrter Nahrungsmittel einzusetzen. Nach dem Verständnis eines „zivilisierten“ Menschen könnte man Bonobofrauen durch die Bank als Prostituierte bezeichnen. Und es scheint bei Bonobos nur ein sexuelles Tabu zu geben, nämlich das zwischen Mutter und Sohn.

Bei Bonobos verlassen in der Regel die jungen Frauen ihre Ursprungsgruppe, wenn sie erwachsen geworden sind. Bonobos scheinen demnach ebenso exogame Wesen zu sein wie Menschen. Daraus resultiert aber ein Problem: Kinder haben im Regelfall eine enge Bindung an die Mütter und an die Ausgangsgruppe. Wie löst man diese so auf, daß der „Abschied“ nicht weh tut? – Man pflanzt ihnen „Schmetterlinge in den Bauch“. Das ist der Ursprung der „romantischen“Liebe und ihr biologischer Sinn.

Nun dürfte bei Menschen die Bindung der Mütter an die Kinder wesentlich enger sein als bei unseren felltragenden Verwandten, denn die Brutpflege ist intensiver. Die Kinder müssen schließlich aktiv getragen werden, sie können sich nicht festklammern. Daher ist es nur natürlich, daß sich i Laufe der Zeit eine Form von Abschiedsritual entwickelte. Wir kennen es heute noch, es nennt sich „Hochzeit“, es ist in der Regel, und eigentlich in aller Welt von Blumen begleitet. Blumen haben die Neandertaler ihren Toten, darauf läßt vor allem der Shanidar-Fund schließen, auch mit ins Grab gegeben. Es sieht also ganz danach aus, als hätte auch das Abschiedsritual „Trauerfeier“ hier seinen Ursprung.. Abschiedsrituale haben sich in vielfältiger Form als Verhaltensmuster bis auf den heutigen Tag erhalten. Warum sollte es mit sexuellen Verhaltensmustern anders sein. Warum sollte der Mensch zu einer Form der Sexualität „zurückgekehrt“ sein, die der „reinen“ Fortpflanzung dient? Es gibt dafür keinerlei Anhaltspunkte. Eher für das Gegenteil.

Leider gibt es kaum Freilandbeobachtungen über das Verhalten der Bonobos. Die filmisch dokumentierten Verhaltensmuster stammen von dem im Zoo von San Diego lebenden Trupp. Bonobos sind Bodenbewohner

Unsere Ahnen waren es auch Die uns eigene Wirbelbrückenverkrümmung deutet nämlich darauf hin, daß wir von Bodenbewohnern abstammen. Der Mensch ist in der Geschichte der Lebens nicht derjenige, der die Fortbewegung auf zwei Beinen erfunden hat. Insbesondere bei den Dinosauriern war die bipede Fortbewegung gang und gäbe. Paradebeispiel ist Tyrannosaurus Rex. Ein Riesentier mit riesigem Kopf, gewaltigen Beinen, aber geradezu lächerlichen Ärmchen. T. Rex hatte aber, wie unsere Vögel, eine Wirbelbrücke. Wir haben eine „Wirbelsäule“, die dadurch zustande kommt, daß die ursprünglich vorhandene Wirbelbrücke sich nach der Geburt verformt. Sie wird regelrecht eingedrückt und zwingt uns zur aufrechten Körperhaltung. Eine derartige „Erbkrankheit“ konnte sich nur dann „ausbreiten“, wenn sie dem davon Befallenen Organismus nicht die Möglichkeit nahm, sie an die nächste Generation zu vererben:

Stellen wir uns einen baumbewohnenden Affen vor, bei dem ein genetischer Defekt im Jugendalter dazu führt, daß seine Wirbelsäule sich zum Bauch hin verkrümmt. Welche Chance hätte er, sich erfolgreich fortzupflanzen? – Nach der klassischen Evolutionstheorie keine, denn die Mutation ist ja nachteilig. Anders sieht es bei einem Bodenbewohner aus. Hier ist der „Nachteil“ nicht so groß. – Die Frage, wie es dazu kommen konnte, daß sich das Merkmal Wirbel-„säule“ durchsetzen konnte, kann an dieser Stelle offenbleiben, denn entscheidend ist, daß es bis zum heutigen Tage in uns erhalten ist.

Für bodenbewohnende Menschenaffen scheint es ein Vorteil zu sein, den engen Zusammenhalt der Gruppen durch ausgiebigen Gebrauch ursprünglich rein sexueller Verhaltensmuster zu stärken. Es kommt für unsere eigene Sexualität nicht einmal darauf an, ob wir den Bonobos genetisch näher stehen als den Schimpansen. Denn Parallelentwicklungen sind in der Natur keine Seltenheit. Aber, wie gesagt, auch diese Frage kann hier offenbleiben.

Entscheidend ist vielmehr, daß sich hinter der lapidaren Feststellung, Bonobofrauen tauschten Sex gegen Nahrung ein, der Ursprung dessen verbirgt, was ich als „Tausch-und-teile-Instinkt“ bezeichne.

Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß sich unsere Ahnen anders verhalten haben als Bonobos. Wir finden die entsprechenden Verhaltensmuster auch bei uns „modernen“ Menschen vor, freilich in grotesker Verzerrung:

Als unsere unmittelbaren Vorfahren vor rund 93.000 Jahren durch eine „Klimakatastorphe“, nämlich die einsetzende Eem-Warmzeit, in einer Größenordnung von etwa zehn- bis zwanzigtausend Individuen auf einer Insel festgenagelt wurden, begannen die sozialen Instinkte unserer Vorfahren zu verkrüppeln:

>>Die Befunde der Genetiker passen genau in das Zeitfenster, das sich vor etwa 90.000 Jahren öffnete und von den Geologen Eem-Warmzeit genannt wurde. Vor 70.000 Jahren wurde es dann wieder kälter. Die Weichsel- oder Würm-Vereisung nahm ihren Anfang. Mit ihr fand die „Eiszeit“ vor etwa 10.300 Jahren ihr vorläufiges Ende.

Die Folgen einer fortschreitenden Erderwärmung werden heute unter dem Begriff „Klimakatastrophe“ gehandelt. – Allein, einer solchen „Klimakatastrophe“ verdanken wir unsere Existenz:

Der ansteigende Meeresspiegel hat – zunächst unmerklich – den Lebensraum unserer Vorfahren in ähnlicher Weise vom Rest der Welt isoliert wie der Ärmelkanal England vom übrigen Europa. Ohne Seefahrt wüßte auch heute kein Kontinentaleuropäer von der Existenz der Queen. Erst recht würden die Iren sich für die einzigen Menschen auf dieser Welt halten, denn sie hätten keinerlei Kontakt zum übrigen Europa.

Befand sich zwischen dem Ursprungsort der rezenten Menschenform und dem Festland eine breite Senke, so wird es nicht lange gedauert haben, bis „alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel bedeckt wurden.“ Allerdings war dieser Weltuntergang nur virtueller Natur. Der Rückschluß auf den Tod aller anderen Lebewesen ist damit natürlich vorgezeichnet. Und einen Sinn und Zweck mußte das auch haben, denn, Sie haben es weiter oben gesehen, auch der moderne Mensch hat Schwierigkeiten damit, sich ein zweckfreies Verhalten der Natur vorzustellen.

Mit fortschreitendem Anstieg des Pegels riß also der Kontakt zur übrigen Menschheit ab. Aus der Sicht des Neandertalers waren diese „Inselaffen“ bei der Fortpflanzung wieder einmal auf im weiteren Sinne inzestuöse Beziehungen angewiesen, denn der Genpool war durch die Insellage sehr beschränkt. – Erneut begegnen wir dem Inzest als einer der treibenden Kräfte der Evolution – So also sehen die Anfangsbedingungen für die Evolution vom „klassischen“ zum „rezenten“ Menschen aus.

Der „moderne“ Mensch, man muß es leider feststellen, entwickelte hier einige unangenehme Eigenschaften, denen wir heute noch begegnen können. Vor allem kam ihm das abhanden, was wir heute als „soziales Gewissen“ bezeichnen würden. Zu den schwerwiegendsten Systemfehlern des heutigen Menschen gehört seine ausgesprochene Neigung zum Plündern und zum Ausrotten. Was passierte also auf dieser Insel? Lynn Jordy hat die von ihm entwickelte Hypothese „Bottlenecktheory“ genannt. Bottleneck ist das englische Wort für Flaschenhals, einen Flaschenhals, durch den sich die Menschheit hindurchzwängte. Nennen wir Herrn Jordy zu Ehren die Wiege des rezenten Menschentyps Bottleneck.

Wie überall auf der Welt teilten die Menschen auf Bottleneck ihren Lebensraum mit Freßfeinden und Nahrungskonkurrenten.

Die Insellage brachte es nun einmal mit sich, daß neue Herausforderungen an unsere nunmehr unmittelbaren Vorfahren herantraten. Die Umwelt änderte sich dramatisch, weil auf Bottleneck auch Flora und Fauna sich der Insellage anpaßten und entsprechenden Änderungen unterworfen waren.

Die Menschen auf Bottleneck bildeten, das braucht wohl nicht näher betont zu werden, keine homogene Einheit, die Insel war selbstverständlich in die Reviere der einzelnen Horden aufgeteilt. Dieses Muster findet man auch heute noch vereinzelt auf Neuguinea und in Südamerika.

Die Umweltveränderungen brachten es mit sich, daß sich die Ernährungsgewohnheiten der Binnenländer von denen der Küstenbewohner zu unterscheiden begann. Demzufolge bildeten sich unterschiedliche Kulturtraditionen heraus. Dies hinterließ Spuren in den Köpfen der Menschen. Die Traditionen der einzelnen Horden drifteten auseinander und wurden am Ende fast nicht mehr kompatibel. All das gibt es heute noch, vor allem auf Neuguinea. Aber auch die sogenannte zivilisierte Menschheit ist heillos zerstritten über den „richtigen“ Weg. Angefangen vom „rechten“ Glauben bis hin zum belanglosen Streit, ob McDonalds besser ist als Burger-King, wobei diese Meinungsverschiedenheit ausnahmsweise noch keine Todesopfer gefordert hat.

Bei der Erörterung der Evolution reziproken Verhaltens haben wir gesehen, daß dieses langfristig erfolgreicher ist als der krasse Egoismus, hingegen hat der Egoismus kurzfristig mehr Erfolg.

Bei allem Mangel, mit dem unsere Vorfahren auf Bottleneck zu kämpfen hatten, eines eint sie: Alle Horden hatten zumindest ein Tauschmittel zur Verfügung: Menschen, vor allem Frauen. Dem exogamen, stark sexualorientierten Lebewesen Mensch drängte sich diese Form von „Geld“ nahezu auf. Menschen sind soziale Lebewesen, die gewöhnlich in Verbänden leben, in denen sich die Individuen genau kennen. Ähnliche Verbände bilden außer den Primaten Wölfe, Schafe, Elefanten und vor allem viele Vogelarten. Es ist aber von keiner anderen sozial lebenden Spezies dieser Erde bekannt, daß Männchen sich Frauen kaufen anstatt um ihre Gunst zu buhlen. Die durch Schwangerschaft und Brutpflege verursachten „Behinderungen“, die Menschenfrauen in die Rolle der Sammlerin gedrängt hatten, machte sie nahezu zum idealen Handelsobjekt.

Die ursprünglichen Partnerbindungen haben sich jedoch bis heute erhalten und füllen das ganze Universum der Liebesromane. Pubertät und romantische Liebe hatten von Beginn der Menschheit an dem Individuum die Ablösung aus dem ursprünglichen Sozialverband erleichtert. Das ursprüngliche Abschiedsritual der Hochzeit verkam zum Geschäftsabschluß. Das ist bis heute so geblieben. Es bedarf wohl keiner näheren Begründung, daß diejenigen Männer bei der Fortpflanzung „erfolgreicher“ waren, die sich Frauen kurzerhand kauften als die, die warten mußten, bis eine Frau sie auswählte. Darin liegt auch der Grund für die in vielen Teilen der Welt geltenden strengen und teils grotesken Regeln für die natürlichste Sache der Welt. Fast alles ist zu finden: von sexueller Freizügigkeit bei Südseevölkern bis zur Verhängung der Todesstrafe wegen Ehebruchs auch über vergewaltigte Frauen. Auch dem aufgeklärten westlichen Denken ist das natürliche Zusammengehörigkeitsgefühl von Sexualpartnern fremd. Da geistert immer noch das Schlagwort von der Familie als „Keimzelle“ des Staates durch die Publikationen. Aus jeder Keimzelle geht ein kompletter Organismus hervor, ein Phänomen, das bei Familien und Staaten nicht zu beobachten ist. Auch Artikel 6 des deutschen Grundgesetzes beinhaltet eine Systemwidrigkeit. Mitten in die garantierten Menschenrechte hat sich die Institutsgarantie für eine nach allem höchst fragwürdige Einrichtung eingeschmuggelt: „Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz des Staates“. Die „Familie“ aber nur dann, wenn die Eltern „ordnungsgemäß“ verheiratet sind…

Voraussetzung für diese Art von Geschäften ist freilich die Verkrüppelung der sozialen Instinkte, die Organismen eines Sozialverbandes untereinander eng verbinden. Wie wir oben gesehen haben, pflanzten sich die Insulaner innerhalb eines beschränkten Genpools fort, so daß die verwandtschaftliche Nähe aller die Entstehung und Verbreitung von Verkrüppelungen förderte. Neben dem Gesichtsschädel verkümmerten tief im Schädelinneren die sozialen Instinkte. Das unsichtbare Band, das den Neandertaler mit seinen Gefährten und Frauen verband, zerriß allmählich. Die Tötungshemmung fiel.<< (Gerhard Altenhoff, Australopithecus Superbus Procrustes –der Mensch – ein Hologramm der Evolution,; unv. Manuskript, 2001)

Wir haben die Todesstrafe als Perversion des „Tausch-und-teile-Instinkts“, wir haben Frauenbeschneidung und Zölibat als Perversion unseres Sexualtriebs.

Sex ist ansteckend wie das Gähnen, deswegen mußte er durch die Tradition in den „Intimbereich“ der „Erwachsenen“ verbannt werden. Das beim sozialen Lernen übliche und wichtige Nachahmen des elterlichen Vormachens entfiel. An die Stelle des Nachahmungslernens trat die sprachliche Überlieferung von Märchen über den Sex und den Teufel.

Lebenslange“ Einehe wurde in vielen Teilen der Welt mit brutaler Gewalt durchgesetzt und wird auch heute noch als „naturgegeben“ propagiert, weil das Ansteckende des Sexes schlecht für’s Geschäft ist! Vor allem für das Geschäft des Frauenverkaufs. – Wenn Sie mir partout nicht glauben wollen, werfen Sie doch nur einen Blick in die Bibel. Dort finden Sie in den „Nebengesetzen“ zu den Zehn Geboten“ eine ganze Reihe von Vorschriften, die für sexuelle „Verfehlungen“ von Frauen die Todesstrafe anordnen. Diesbezüglich spricht auch der Koran mehr als Bände! Aber sexuelle Phantasien sind auch in der islamischen Welt wohl nicht gänzlich unzulässig. Angeblich wird „islamistischen“ Selbstmordattentäter erzählt, nach ihrem Übertritt ins Paradies würden 22 Jungfrauen auf sie warten…

Sie haben lange nichts mehr vom Neandertaler gehört, ist das richtig? – Richtig! – Denn die mehr als zweifelhafte „Entwicklung“, die in unserer „modernen“ Zivilisation“ gipfelt, ist über Zehntausende von Jahren am Neandertal vorbeigelaufen. Nachrichten von Bottleneck trafen dort nicht ein. Das einzige, was wir daraus schließen können, ist, daß die Neandertaler ihre „Freizeit“ überwiegend so gestalteten, wie man es heute nur noch in Reservaten beobachten kann. Diese Reservate nennt man „Rotlichtviertel“ „Sex“- oder „Swinger“-Clubs. Neandertalerfrauen würden unter Anwendung der Maßstäbe unserer Zivilisation ohne jeden Zweifel als „nymphoman“ gebrandmarkt.

Aber wir sollten uns auf unsere „Zivilisation“ nichts einbilden. Denn das lateinische Wort „civilis“ hat auch die Bedeutung „herablassend“. Werfen Sie zum Abschluß einen Blick auf Amerika: Michael Jackson steht vor Gericht, George Bush nicht. Wer von den beiden hat wohl mehr Menschen geschädigt?<<

Wie „der Zufall“ es so will, stolperte ich auf meiner Suche nach eingehenderen Informationen über das Sexualverhalten der Bonobos über die „Pressemitteilung PRI B 17/99 vom 4.11.99“ der Max-Planck-Gesellschaft, in der es heißt:

Seit kurzem zählt man sechs Milliarden Menschen auf der Erde – verteilt über alle Kontinente sowie auf unzählige, nach Hautfarbe, Sprache, Religion, Kultur und Geschichte unterscheidbare Gruppen. Doch diese bunte Vielfalt ist nur „Fassade“. Denn auf molekulargenetischer Ebene, das zeigen jüngste Analysen an Schimpansen (Science, 5. November 1999), durchgeführt am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, bietet die Menschheit ein überraschend einheitliches, geradezu „familiäres“ Bild: Verglichen mit ihren nächsten tierischen Verwandten, den Schimpansen, sind alle derzeit lebenden modernen Menschen immer noch „Brüder“ beziehungsweise „Schwestern“…“

Sie können das gerne nachprüfen. Suchen Sie bei Google nach „Bonobo“.

Diese naturwissenschaftliche Erkenntnis reicht mit der Feststellung „alle Menschen sind Brüder“ weit über Schillers „Ode an die Freude“ hinaus: bis ins Neandertal war die Welt ein Freudenhaus.

Unlängst berichtete die RP, daß die sterilisierende Wirkung des Stillens nur dann anhält, wenn Baby regelmäßig Milch bekommt.

Daraus wiederum können Sie unmittelbar das Verhalten unserer weiblichen Vorfahren ablesen: Sie haben regelmäßig gestillt, ihre Kinder also immer am Körper getragen.

Und nun stellen Sie sich einmal vor, Neandertalerfrauen hätten ihre Kinder nicht einmal beim Sex abgelegt.

Säuglinge beim Sex der Eltern dabei! – Welch eine Schlagzeile für die BILD-Zeitung!

Biologischen Sinn macht „Stillen statt Pillen” nämlich nur dann, wenn es der „Wille” der Evolution ist, daß Menschenfrauen „folgenlosen” Sex haben sollen. – Wir haben immer noch den „Klammerreflex”, obwohl unsere Mütter kein Fell mehr haben! Und der Klammerreflex zeigt, daß Babies durchaus keine „hilflosen” Wesen sind.

Man macht sie freilich zu hilflosen Wesen, wenn man sie in eine Wiege, einen Kinderwagen oder in eine Krippe legt.

Nun kolportieren Sie die Nachricht, Neandertaler währen wahrscheinlich Kannibalen gewesen.

Ehrlich gesagt, ich traue kaum einem Autor, der etwas über Neandertaler zu berichten weiß, denn nach meinen Recherchen sind die meisten Veröffentlichungen über Neandertaler rassistische Pamphlete.

Die Neandertalerskelette stammen überwiegend von Individuen, die „ordnungsgemäß” bestattet wurden.

Kannibalen indes „bestatten” ihre Opfer nicht. Sie lassen die Reste achtlos liegen.

Selbst wenn Spuren von „Kannibalismus” an den Skeletten zu finden wären, heißt das noch lange nicht, daß Neandertaler Neandertaler gefressen hätten:

Alle Skelette stammen aus einer Zeit, als meine Freunde aus dem Neandertal „Zeitgenossen” des „rezenten” Menschen waren. – Wie ich meine Art- und Zeitgenossen kenne, dürfte der Neandertaler ein beliebtes Opfer für das Phänomen gewesen sein, das wir heute als „Genozid” bezeichnen.

Fremdartig sahen „Er” und „Sie” aus, sexuell kannten sowohl „Er” als auch „Sie” kaum Tabus.

Die Männer waren zudem ausgesprochene „Weicheier”, die eher ans Kuscheln denn ans Killen dachten.

Wenn Neandertaler „Opfer” von Kannibalismus wurden, dann waren es keine Neandertaler, denen sie zum „Opfer fielen”, sie wurden von Australopithecus Superbus Procrustes verzehrt, der sich schon damals anschickte, sich „die Erde Untertan zu machen”

Nach allem bleibt festzuhalten, daß Frauen alles andere sind als „Sexobjekte”, sie sind „Sexsubjekte”. Der „moderne” Mensch hat lediglich den „Anschluß” an sein biologisches Erbe verloren. In der Natur ist es ein durchgängiges Verfahren: Das Männchen wirbt, das Weibchen wählt aus. „Zwangsehen” kommen in der Natur nicht vor, „Verheiratungen”, die von dritter Seite „organisiert”werden, auch nicht. All das ist „widernatürlich” und damit „Unzucht”!

v. Boetticher & Freundin?

So muß es sein!

Wissen Sie übrigens, warum der Neandertaler, den Sie abbilden, ein so verschmitztes Lächeln zeigt?

Man hat ihm bei der Gesichtsrekonstruktion die Geschichte von Bill Clinton und Monica Lewinsky erzählt…

1 vgl. Dieter E. Zimmer, Unsere erste Natur, München 1974, S. 254
Ende des Zitats
In der „Affaire von Boetticher“ hat, das sind die harten Fakten, eine junge Frau von ihrem Recht auf sexuelle Betätigung hemmungslos Gebrauch gemacht. – Warum auch nicht. Der Altersunterschied zwischen Mann und Frau spielt in der Natur keine Rolle. – Außerdem haben wir berühmte Männer, wo der Altersunterschied zu ihren Frauen noch größer ist:
Johannes Rau
Johannes Heesters
Franz Müntefering.
Allen voran Franz Müntefering: Nachdem seine heißgeliebte Frau gestorben war, schnappte er sich eine Frau, die vierzig Jahre jünger war als er. – Ich werde mich langsam auf den Schulhöfen der Lyceen umsehen müssen, um ihm gleichzutun. – Ich bin jetzt gerade einmal 57.

Die Anfänge der Menschheit – Hormonmangel als „Mördergen“

November 14, 2010

Die Anfänge der Menschheit – arte | programm.ARD.de.

Eine durchaus interessante Sendung, eigentlich auch ganz gut recherchiert. Leider sind die Schlußfolgerungen zum Teil so sehr an den Haaren herbeigezogen wie die eines Staatsanwalts im Schlußplädoyer:

„Es findet sich kein Neandertalergen“ – Natürlich nicht, denn ein „Neandertalergen“ existiert ebensowenig wie das von Thilo Sarrazin u.a. postulierte „Juden-Gen“.

Wir alle sind, so haben es – bislang zuletzt – auch die Genetiker des Max-Planck-Instituts für evolutinäre Anthropologie festgestellt, sind genetisch so eng miteinander verwandt, daß wir uns als „Brüder“ bzw „Schwestern“ ansehen müßten. Daß wir es nicht tun, liegt an uns und unserer Überbewertung der „Kultur“ auf unsere Eigenheiten und unser Leben. – Auch der Neandertaler steht uns näher als viele von uns einräumen möchten:

„Diese Form des innerartlichen Tötens spielt sich sozusagen „im engsten
Familienkreis“ ab, wir kennen sie von Anbeginn der Geschichtsschreibung
und von nahezu allen „Naturvölkern“, die noch nicht gänzlich ausgerottet
wurden, kriegerische Auseinandersetzungen, Kopfjagd und Kannibalismus.
Selbstverständlich wird dieses Verhaltensmuster auch den Neandertalern
zugesprochen, denn nach klassischer Anschauung gilt er gegenüber
dem „modernen“ Menschen als „tumber Depp“. So schreibt Gerald
Traufetter in „Der SPIEGEL“:
Über eine Million Jahre, so läßt sich aus den kulturellen Überbleibseln
der Urmenschen schließen, klopfte er stumpfsinnig auf Steinen herum“
Weiter heißt es: „Der Bau von Speeren und Äxten erforderte besondere
intellektuelle Fähigkeiten, die sich gravierend vom stupiden Steineklopfen
der frühen Urmenschen unterschied.116
Daß ein solch „stupider Steineklopfer“ natürlich blindlings auf seine Mitmenschen eingedroschen haben muß, dürfte demnach klar sein. – Aber so
klar ist das nicht: – Da wir seit einigen Tausend Jahren eine gänzlich neue
Variante des Tötens pflegen, werden wir auf diese Frage noch zurückkommen, ihr aber begegnen wir erst auf den buchstäblich letzten Zentimetern unserer Reise. – Und am Ende werden Sie fragen, wer tatsächlich der stupide Steineklopfer ist.
Einige der Neandertalerskelette wiesen Spuren von tödlichen, aber auch
von verheilten Wunden auf, die auf Waffeneinwirkung zurückgeführt
werden können. Außerdem gibt es Indizien für Kannibalismus. Kannibalismus
und bewaffnete Auseinandersetzungen weisen aber nicht unbedingt
auf ein gegenüber dem zivilisierten Menschen erhöhtes Agressionspotential
oder gar Menschenverachtung hin. Selbst den Krieg, das Grundübel der
Menschheit, kann man mit Desmond Morris durchaus sportlich sehen:
Eine degenerierte Form des Sports, die besondere Erwähnung verdient,
ist das Kriegführen. In frühester Zeit, als die Waffen noch neu waren,
war eine blutige Sportart so gut wie die andere. Als die Jagd auf wirkliche
Nahrungsobjekte nicht mehr im Mittelpunkt stand, hatte man eine
reiche Auswahl an Ersatzobjekten. Jedes Jagdopfer war recht, wenn es
nur die nötige Erregung, den gewissen Kitzel mit sich brachte, und
warum sollte man die menschliche Beute ausschließen? Die frühen Kriege
waren keine totalen Kriege, sie waren streng regulierte und auf ein
Schlachtfeld begrenzte Angelegenheiten, etwa wie eine sportliche Ausein-
115 Wickler, aaO, S. 105ff
116 Der Spiegel, 21.10.02 S. 221
andersetzung heute. Die Krieger verwendeten dieselben Waffen, die ihnen
auch zur Jagd dienten, und im besonderen Fall des Kannibalenkrieges
erstreckt sich die Ähnlichkeit sogar noch bis zum Aufessen der
Beute“.117
Die Neandertaler lebten in den rauhen Gefilden der Eiszeit, also sollte
man erwarten, daß er gegenüber dem Leben seiner Gefährten eine ähnliche
Einstellung an den Tag legte wie die Inuit oder andere Völker, die mit
schwierigen Lebensbedingungen zu kämpfen haben. Immerhin deuten
Spuren an den Schneidezähnen einiger Neandertaler auf eine den heutigen
Inuit ähnliche Lebenweise hin: Sie nahmen ein größeres Stück Fleisch in
den Mund und trennten mit einem Schnitt unmittelbar vor den Zähnen den
gewünschten Bissen ab. Man sollte also erwarten, daß der angeblich
weitaus „primitivere“ Neandertaler sich seiner Kranken, seiner Pflegefälle
und auch seiner „überschüssigen“ Kinder in ähnlicher Weise entledigte.
Bezüglich der Einstellung zum fünften Gebot wissen die Skelette der bislang
gefundenen Neandertaler allerdings eine ganz andere Geschichte zu
erzählen:
Die Neandertaler müssen deutlicher als alle anderen Geschöpfe vor ihnen
empfunden haben, wie kostbar ein Leben ist, denn auf der fundamentalsten
Ebene sind Begräbnisriten gleichbedeutend mit dem Wunsch, das
Menschliche zu bewahren. Das Begraben besagt, daß irgendein wesentlicher
Teil des menschlichen Lebens – man mag es Geist oder Seele nennen
– nicht zerstört werden kann, sondern nach dem Tode irgendwo anders
in irgendeiner anderen Form weiterexistiert.
Dieser zunehmende Sinn für den Wert des Lebens spiegelt sich nicht nur
in den Begräbnisriten der Neandertaler, sondern auch in ihrer Fürsorge
für alte und behinderte Menschen. So war zum Beispiel der Mann von La
Chapelle-aux-Saints längst über die besten Mannesjahre hinaus, als er
starb. Sein Skelett läßt erkennen, daß er unter Arthritis litt und unmöglich
noch an Jagden teilnehmen konnte. Selbst das Essen muß ihm
schwergefallen sein, da er alle Zähne bis auf zwei verloren hatte. Hätte
er zu einer früheren Zeit gelebt, hätte man ihn wahrscheinlich ausgesetzt
und verhungern lassen, nachdem er für die Gruppe nicht mehr von Nutzen
war. Aber die Neandertaler ließen sich anscheinend nicht von einer
derart grausamen Logik leiten. Die Gefährten dieses Mannes versorgten
ihn selbstlos mit Essen, vielleicht kauten sie es ihm sogar vor.
Auch die Funde von Shanidar lassen vermuten, daß die Neandertaler für
Behinderte sorgten. Einige der dort gefundenen Knochen gehören einem
40jährigen Mann, der vermutlich durch Steinschlag getötet wurde. Die
Untersuchung seines Skeletts ergab, daß ihm vor dem tödlichen Unfall
nur ein Arm zur Verfügung gestanden hatte. Der rechte Arm und die
Schulter waren verkümmert – vermutlich ein angeborener Defekt. Trotz
dieser erheblichen Behinderung erreichte er ein für einen Neandertaler
hohes Alter. Seine Vorderzähne sind ungewöhnlich stark abgenutzt, was
darauf hindeutet, daß er einen großen Teil seiner Zeit damit verbrachte,
Tierhäute weichzukauen, damit sie als Kleidung verwendet werden konnten,
oder daß er seine Zähne anstelle des fehlenden Arms zum Festhalten
von Gegenständen benutzte. (…) Auch der ursprüngliche Neandertaler
aus Deutschland hat eine schwere Verletzung überlebt, sich allerdings
nicht gut von ihr erholt: Die Knochen seines linken Ellenbogens waren
so deformiert, daß er nicht imstande war, die Hand zum Mund zu heben;
ob Mensch oder Tier für diese Verletzung verantwortlich war, läßt sich
nicht feststellen.118
117 Desmond Morris, aaO, S. 309
118 George Constable, aaO,S. 101 ff
Alle Befunde und kritischen Deutungen zeigen, daß die Neandertaler intelligente, tüchtige, mitfühlende und mit Einschränkungen wohl auch spirituell denkende Menschen waren. Aber sind sie auch unsere
Vorfahren?119
Irgendwie scheint nach dem Bericht der stummen Zeugen unser Artgenosse
aus dem Neandertal sehr human gewesen zu sein. Unter dem Aspekt
unserer eigenen innerartlichen Tötungsgewohnheiten erscheint seine Form
der Fürsorge geradezu postmodern, denn das, was wir heute als „soziale
Sicherungssysteme“ bezeichnen, gibt es erst seit etwa 130 Jahren. Die in
Deutschland lang umstrittene Pflegeversicherung ist so jungen Datums,
daß sie ihresgleichen in der Welt suchen muß. – Die Umsetzung der Pflegeversicherung in soziale Wirklichkeit offenbart zudem, daß mitunter das
Geschäft, nicht aber die Fürsorge gegenüber dem Pflegebedürftigen im
Vordergrund steht. – Das Diskriminierungsverbot Behinderter ist ebenfalls
eine „Errungenschaft“, die erst vor wenigen Jahren Einzug in das
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gehalten hat. Die Lehre
vom „lebensunwerten“ Leben, die vor nicht allzu langer Zeit Tausende
von Todesdopfern forderte, feiert bei der Zulassung der aktiven „Sterbehilfe“
in den Niederlanden fröhliche Urständ!
Und Desmond Morris übersieht in seinem sportlichen Herangehen an den
Krieg, daß der Mensch das einzige Lebewesen auf der Erde ist, das Werkzeuge
herstellt, deren Verwendungszweck einzig und allein darin besteht,
möglichst vielen Artgenossen den Garaus zu machen. Ein Panzer taugt nur
zum Töten von Menschen, das gleiche gilt für Bomben und Granaten. Mit
einem Maschinengewehr kann man zur Not noch auf die Jagd gehen, aber
die Fleischbrocken, die dabei übrig bleiben, dürften einem doch gründlich
den Appetit verderben.
Und hier zeigt sich die volle Widersprüchlichkeit der Lehre vom tumben
Deppen in der Vorzeit: Wer zu dumm ist, eine Waffe zu erfinden, kann
auch kein Verlangen danach verspürt haben, eine solche zu gebrauchen.
Dann aber kann es mit der Intelligenz des modernen Menschen nicht weit
her sein, denn ein intelligentes Lebewesen vermeidet den Beschädigungskampf.
Wozu hätte der Neandertaler auch Krieg führen sollen? – Mammute,
Wollnashörner und andere Großtiere lieferten soviel Nahrung, daß eine
Horde die erjagten Fleischberge gar nicht aufessen konnte. Felle und gigantische Knochen für mobile Behausungen waren ebenfalls keine Mangelware.
Wie in der Natur üblich, bekamen auch Nahrungskonkurrenten
etwas ab, auch die menschlichen. Die Neanderaler, wie alle unsere Vorfahren,
standen allein schon wegen der Frauen mit den Reviernachbarn in
gutem Kontakt. Exogamie und Tausch gehören schließlich auch heute
noch zum Verhaltensrepertoire aller Menschen. Wie die Westeuropäer in
der Zeit zwischen dem zweiten Weltkrieg und dem Zerfall des Ostblocks
dürften die Neandertaler bei der Gestaltung ihrer Freizeit eher ans Kuscheln
denn ans Killen gedacht haben.
Außer der sportlichen Perspektive eines Desmond Morris gibt es eine
durchaus einleuchtende, aber friedliche Erklärung für eventuelle Verletzungen durch Artgenossen. Wir bezeichnen das heute als Arbeitsunfall.
Die Herren Neandertaler hatten alle nur einen Beruf, sie waren Jäger. Die
Jagd war aber damals nicht ungefährlicher als heute, nur die Jagdwerkzeuge
haben heute eine ähnliche Reichweite wie Kriegswaffen. Auch da trifft
so manche Kugel oder Granate die eigenen Leute. Im angelsächsischen
Sprachraum wird dies als „Death by friendly fire“ verharmlost: Tod durch
„freundliches“ Feuer. – Folglich kann ein Neandertaler Verletzungen
119 Schmitz/Thissen aaO S. 187
durch „Waffeneinwirkung“ davongetragen haben, ohne daß böse Absicht
im Spiel war.
Es sieht also ganz danach aus, als würde ein Neandertaler auf den Versuch
eines Missionars, ihm das fünfte Gebot zu erläutern, mit Kopfschütteln
reagieren: „Seid ihr nicht ganz dicht? Habt ihr keine Tötungshemmung? –
Ihr bringt Eure Nachbarn und Verwandten einfach so um? Dann habt Ihr
das fünfte Gebot wirklich bitter nötig!“ Und damit hat er vollkommen
recht, der Herr Neandertaler, denn einzig und allein der moderne Mensch
ist in der Lage, einen Freund zum Feind zu erklären und allein aus diesem
Grund zu töten.
Wir werden auf diese Einstellung des modernen Menschen zum Leben
seiner Mitmenschen im Zusammenhang mit seinem „Erfolg“ auf dieser
Erde noch zurückkommen müssen. Doch zuvor gilt es einen Beweis neu
zu würdigen, der bislang immer als Beleg für die überlegene Intelligenz
des modernen Menschen herhalten mußte. Es handelt sich dabei um den
„Fortschritt“ in der Herstellung von Feuersteinwerkzeugen. Dieser vermeintliche Fortschritt läßt nämlich Rückschlüsse auf die Abspaltung der
„modernen“ von der „klassischen“ Variante des Menschen zu:
Die Faustkeile der frühen Erectus – Kultur ließen sich mit etwa 25 Schlägen
in einem Arbeitsgang fertigen, bei den späteren waren schon zwei Arbeitsgänge mit insgesamt 65 Schlägen erforderlich. Für ein Messer des
Neandertalers bedurfte es drei Arbeitsgängen mit 111 Schlägen
(Moustérien-Technik); demgegenüber erfordert ein nach der Aurignacien-
Technik hergestelltes Messer des Crô – Magnon – Menschen 251 Schläge
in neun Arbeitsgängen.
Der Mensch ist ein Produkt der Evolution. Dem Prinzip des geringsten
Zwangs folgend betreibt auch er im Regelfall nicht mehr Aufwand, als er
muß. Unsere Freunde vom Erectus – Typ kamen mit ihren Werkzeugen
über Hunderttausende von Jahren gut zurecht. Warum also sollten sie ihre
Werkzeuge groß verfeinern? – Auch der Neandertaler wäre wahrscheinlich
mit den von ihren Vorfahren ererbten Technologien zufrieden gewesen,
wenn nicht die neuen Lebensbedingungen der Eiszeit sie gezwungen
hätten, ihre Werkzeuge den Verhältnissen anzupassen. Und, das ist meines
Erachtens die entscheidende Frage, warum bestand diese Anpassung gerade
in der Verfeinerung der Werkzeuge?
Auf der Insel Rügen gibt es Feuerstein in Hülle und Fülle. Jeder kann sie
in den Feuersteinfeldern aufsammeln und versuchen, sie als Rohstoff für
Werkzeuge auf den Markt zu bringen. Freilich interessiert sich niemand
mehr für Feuerstein als Rohstoff. Als der klassische Neandertaler der letzte
Schrei der Natur in Europa war, lagen die Dinge noch anders und die
Feuersteinfelder Rügens unter einer mächtigen Eisdecke verborgen. Merkwürdig, aber die Antwort auf die obige Frage scheint offen vor unseren
Augen zu liegen, freilich erst seit einer Zeit, da niemand mehr an Werkzeugen
aus Feuerstein interessiert war.
Als das Eis die Feuersteinfelder Rügens wieder freigab, war es für die
Feuersteintechnologie bereits zu spät geworden. In anderen Teilen der
Welt förderte man Knollen von besserer Qualität aus dem Boden, kurz
darauf fertigte man die ersten Werkzeuge aus Metall.
Um ein klares Bild zu erzielen, müssen wir uns in die früheste Steinzeit
versetzen:
Wenn Ihnen die Zivilisation einmal zu langweilig wird, fahren Sie nach
Rügen, holen Sie sich eine Feuersteinknolle und setzen Sie sich an den
Strand. Nehmen Sie ein Buch mit, in dem auch die „primitiven“ Werkzeuge
unserer Freunde der Erectus – Kultur abgebildet sind.
Sie sind nun ein intelligenter Mensch des ausgehenden 20. Jahrhunderts
und ihren Vorfahren weit überlegen. Erinnern Sie sich an die „stupide
Steineklopferei“?:
Über eine Million Jahre, so lässt sich aus den kulturellen Überbleibseln
der Urmenschen schließen, klopfte er stumpfsinnig auf Steinen herum“
Weiter heißt es: Der Bau von Speeren und Äxten erforderte besondere intellektuelle
Fähigkeiten, die sich gravierend vom stupiden Steineklopfen
der frühen Urmenschen unterschied.120
– Na dann frohes Schaffen! Aber seien Sie am Ende nicht enttäuscht. Sie
werden es nämlich nicht fertigbringen, innerhalb Ihres Urlaubs auch nur
ein halbwegs brauchbares Werkzeug, geschweige denn einen Faustkeil
herzustellen, der der „primitivsten“ Stufe auch nur annähernd ähnlich sieht
und dessen Funktionen erfüllen kann. Von wegen stupides Steineklopfen:
die Herstellung von Steinwerkzeugen hat wenig mit „Intelligenz“ zu tun,
mehr mit der Bildhauerei. Es erfordert Übung, Erfahrung und ein Gefühl
für das Instrument, das man handhabt. Vor allem aber braucht man eine
Vorstellung von dem, was am Ende herauskommen soll.
Bereits zu Beginn der Neandertaler-Ära hatte die Menschheit etwa drei bis
dreieinhalb Millionen Jahre gesammelt und gejagt, ohne daß sich an den
allgemeinen Lebensumständen etwas geändert hatte. Die ihnen zur Verfügung stehenden „primitiven“ Werkzeuge aus Stein dienten immer denselben Zwecken, nämlich dem Bearbeiten von Fleisch, Häuten und Knochen.
– Allenfalls noch der Herstellung von Holzgeräten, etwa dem Schlagen
und Zuspitzen hölzerner Speere. Diese allgemeinen Lebensumstände änderten sich weder nach dem Erscheinen der Neandertaler noch nach dem
ersten Auftreten des „modernen“ Menschen.
Der „Technologiesprung“ von 25 Schlägen in einem Arbeitsgang auf neun
Arbeitsgänge mit 251 Schlägen läßt sich mit höherer Intelligenz kaum erklären, denn am Ende dieser vielen Arbeit stehen zwar „Spezialwerkzeuge“,
die in ihrer Gesamtheit aber auch nicht mehr leisten als ein gut
durchdachter simpler Faustkeil. Jeder Betriebswirt würde sich ob des
Aufwands, den Neandertaler und erst Recht Crô-Magnon-Menschen bei
der Herstellung ihrer Steinklingen betrieben, die Haare raufen, denn die
Arbeitskosten für die Fertigung dieser filigranen Petrefakte sind unter
ökonomischen Aspekten immens hoch.
Die hohen Herstellungskosten könnten sich allerdings als notwendiges
Übel herausstellen, wenn man die Kosten des Ausgangsmaterials berücksichtigt.
Menschen haben zu allen Zeiten die verschiedensten Steinsorten als Werkzeuge verwendet. Eindeutiger Favorit war aber der Feuerstein wegen seiner besonderen Splittereigenschaften. Obsidian, schwarzes vulkanisches
Gesteinsglas, hat ähnliche Eigenschaften und wurde damit – zumindest in
Amerika – in bestimmten Gegenden der einzige echte „Konkurrenzwerkstoff“
zum Feuerstein. Aber nicht überall, wo die frühen Menschen siedelten,
gab es Feuerstein oder Obsidian, Feuersteinknollen finden sich in
Kreidefelsen, Obsidian in der Nähe von Vulkanen. Zur Beschaffung der
begehrten Rohstoffe für ihre Werkzeuge waren die Menschen der Steinzeit
also zumindest seit Erectus’ Zeiten auf den Handel angewiesen.
Wie hoch Feuerstein beim Übergang zur Kupferzeit an steinzeitlichen
Börsen gehandelt worden wäre, zeigt sich daran, daß unsere Crô-Magnon
– Vorfahren nicht mehr genug Feuersteinknollen an der Erdoberfläche aufsammeln konnten. Es hat sich für sie rentiert, Schächte in die Kreidefelsen
Englands und in entsprechende Gesteinschichten Bayerns abzuteufen und
tiefe Stollen zu graben, um den begehrten Rohstoff zu gewinnen.
120 Der Spiegel, 21.10.02 S. 221
Wäre die heutige Menschheit immer noch auf den Feuerstein angewiesen,
man würde ihn wohl mit Diamanten aufwiegen.
Wesentlich plausibler erscheint mir daher im Zusammenhang mit der Verfeinerung der Abschlagtechnik eine Rohstoffverknappung, die den
menschlichen Erfindungsgeist herausgefordert hatte. Der Mensch hatte
das Bücken gelernt, denn offenbar waren bereits die Neandertaler dazu
gezwungen, sich nach jedem Abschlag auch die Bruchstücke genau anzusehen, die ihre Vorfahren noch als Abfall betrachtet hatten. Das ist auch
nicht weiter verwunderlich, denn klimabedingt lag ein Teil der Rohstoffvorkommen über lange Zeiträume hinweg unter dem Inlandeis begraben.
Unsere Vorfahren vom Erectus – Typ lebten vergleichsweise im Paradies.
Sie konnten sich damit begnügen, aus einem Pfund Feuerstein nur 5 bis
20 cm Schnittkante herauszuholen. An dieser Stelle erinnere ich nochmals
daran, daß alle Steinwerkzeuge der Welt ausschließlich dem Zweck
dienten, Fleisch, Fell, Knochen und gelegentlich ein wenig Holz zu bearbeiten.
Der Neandertaler war bereits gezwungen, seinen Einfallsreichtum
darauf zu verwenden, aus einem Pfund Feuerstein 100 cm Schnittkante
herzustellen. Mehr, so wird man aus ökonomischen Gründen fordern
müssen, waren nicht erforderlich.
Ganz anders verhält es sich beim „Übergang“ zum rezenten Menschentyp:
Der „Technologiesprung“ vom Moustérienmesser des Neandertalers zur
Aurignacienklinge des Crô-Magnon ließ nicht nur den Arbeitsaufwand
zur Herstellung einer scharfen Klinge um mehr als 100 % ansteigen, die
Gesamtlänge der Arbeitskante, die aus einem Pfund Feuerstein herausgearbeitet
wurden, wuchs auf die Länge von 12 Metern.121 Ohne Veränderung
des ursprünglichen Werkzeugzwecks, nämlich der Bearbeitung von
Fleisch, Fellen, Knochen und ein wenig Holz erscheint ein solcher Arbeitsaufwand schon fast als übertriebener Luxus.
Also muß man doch die Frage stellen, warum der nach bisheriger Auffassung
intelligenteste aller Hominiden deratig unwirtschaftlich handelt.
Nach gängiger Lehrmeinung unterscheidet sich Crô-Magnon nicht mehr
vom gegenwärtigen Menschen. Dieser aber wird auch mit dem Beinamen
Homo oeconomicus belegt. Das ist der Mensch, der streng rational und
nur auf seinen Vorteil bedacht handelt. Das paßt alles nicht zusammen.
Und erneut sollte uns an dieser Stelle die „primitive Steineklopferei“ zu
denken geben.
Wir haben bislang nur die formale Zweckbestimmung der Steinwerkzeuge
betont, nämlich die Bearbeitung von Fellen, Fleisch, Knochen und Holz.
Dahinter steht aber ein anderer, übergeordneter Zweck: das Überleben;
und dazu reichten die „primitiven“ Werkzeuge allemal aus. Warum also
leisteten sich unsere Vorfahren den Luxus filigraner Werkzeuge, wo die
groben es doch auch taten? Immerhin bedeutet der hohe Arbeitsaufwand
einen offensichtlichen Verstoß gegen das Prinzip des geringsten Zwangs,
der auch das Evolutionsgeschehen beherrscht.
Die Menschen, die sich später anschickten, die Erde zu dominieren, hatten
wohl ursprünglich keine andere Wahl, als auch noch aus dem letzten
Splitter einer Feuersteinknolle etwas Brauchbares herauszuholen. – Dieser
Umstand deutet auf eine geradezu dramatische Verknappung des Rohstoffs
Feuerstein hin. Der Mensch war, wie wir gesehen haben, auch damals
schon auf den Handel angewiesen; der Rohstoffmangel basiert daher
vermutlich auf einem Handelshemmnis, das fast an ein Embargo oder
einen Boykott erinnert.“ (Gerhard Altenhoff, Australopithecus Superbus – Der Mensch im Licht nichtlinear-dynamischer Evolution S. 154 ff)

Wenn man die „Erderwärmung“, die vor rund 96.000 Jahren den Meeresspiegel um wahrscheinlich rund 100 Meter ansteigen ließ, berücksichtigt, erscheint die „Sintflut“ als rein optische Erscheinung, die eine kleine Population von Neandertalern auf einer entstehenden Insel im ostafrikanischen Raum gefangen setzte. Mit der Folge, daß die Werkzeugindutrie mit der Rohstoffverknappung fertig werden mußte.

Die genetischen Hinweise auf eine Isolation sind – offenbar unabhängig voneinander in Utah und Leipzig aufgetaucht:

Eine Forschungsgruppe um den Genetiker Lynn Jordy (University of
Utah) ist zu dem Schluß gekommen, der moderne Mensch sei aus einer
Population von allenfalls einigen zehntausend Individuen hervorgegangen,
die vor etwa 70 bis 80.000 Jahren die Erde bevölkerten. Die Eruption eines
Supervulkans soll nach dieser Ansicht die Weltbevölkerung dermaßen
dezimiert haben, daß eben nur diese relativ kleine Menschheit übrigblieb.
122
Das würde allerdings voraussetzen, daß es nur eine einzige Menschheit
gab und all die Neandertaler, die bis vor etwa 25.000 Jahren Zeitgenossen
des „modernen“ Menschen waren, nicht zur Menschheit gehörten. Angesichts ihrer Vermessenheit ist diese Ansicht zu verwerfen. Außerdem fehlt jeder Beleg für ein analoges Massensterben im Pflanzen- und übrigen
Tierreich aus jener Zeit. Dennoch dürfen wir die Grundlagen dieser These
nicht achtlos beiseite schieben. Diese besteht nun einmal in der Erkenntnis,
daß kaum mehr als 10.000 Menschen den Startpunkt für die Evolution
unserer selbst bildeten. Demnach ist zu fragen, wie es geschehen konnte,
daß einige Zehntausend Menschen sich von der übrigen Welt abspalteten
und zu dem wurden, was wir heute noch repräsentieren? – Die Menschen
standen, das dürfen Sie als sicher voraussetzten, seit Urzeiten in gegenseitigem Kontakt. Wodurch verlor diese Gruppe den Anschluß an die
übrige damals lebende Menschheit? – Die Antwort auf diese Frage lautet
sehr wahrscheinlich: Wasser.
Sie erinnern sich an Noah und seine Arche? – Bevor Gott die Erde flutete
und alles Leben im Wasser versank, hieß er Noah eine Arche bauen und
aus der Tierwelt der Umgebung je ein Paar an Bord nehmen. Dann läßt es
der Herr vierzig Tage und vierzig Nächte regnen. Dann ist sein Werk
122 Das Erwachen des Supervulkans ©NDR 2000, 5.12.2000
vollendet und seine ganze Schöpfung mit einem Schlag vernichtet. Nach
1. Mose 6 Vers 7 soll er gesagt haben: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis auf das Vieh
und bis auf das Gewürm und bis auf die Vögel unter dem Himmel, denn
es reut mich, daß ich sie gemacht habe.
Wie bei den Geschichten von Adam und Eva bzw. Kain und Abel fällt an
dieser Geschichte zunächst einmal das widersprüchliche Verhalten Gottes
auf. Hatte er noch bei der Schöpfung sein Werk für gut befunden, schienen
seine Geschöpfe am Ende vom Pfade der Tugend abgekommen zu
sein:
Vers 4: Es waren auch zu den Zeiten Tyrannen auf Erden, denn da die
Kinder Gottes zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen
Kinder gebaren, wurden daraus Gewaltige in der Welt und berühmte
Männer.
Vers 5: Da aber der Herr sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf
Erden und alles Dichten und Trachten nur böse war immerdar,
Vers 6: da reute es ihn, daß er die Menschen gemacht hatte auf Erden
und es bekümmerte ihn in seinem Herzen.
Seit der Geschichte von Kain und Abel wissen Sie, daß Mythen mitunter
traumhaft verzerrte Darstellungen realer Vorgänge enthalten können; und
einen Grund muß der Herr ja gehabt haben, seine Geschöpfe wieder zu
vernichten. Zweckfreies Verhalten kann sich der Mensch kaum vorstellen,
also muß es die Bosheit der Menschen gewesen sein.
Besonders stutzig macht hier die Verbindung des vollständigen Weltuntergangs mit der für eine bäuerliche Kultur gänzlich ungewöhnlichen Erwähnung des Schiffbaus.
Was passierte bei der Sintflut? 1. Mose 7 Vers 19: Und das Gewässer
nahm überhand und wuchs so sehr auf Erden, daß alle hohen Berge unter
dem ganzen Himmel bedeckt wurden.
Jeder, der schon einmal mit einem Schiff gefahren ist, kennt den Anblick
des von Horizont zu Horizont reichenden Wassers. Vor Erfindung der
Seefahrt war den Menschen dieser Anblick verwehrt, auch dem Neandertaler.
Seit dieser die Weltbühne betreten hatte, kam es wiederholt zu erheblichen
Klimaschwankungen. Der ständige Wechsel zwischen Kalt- und
Zwischeneiszeiten ließ den Spiegel der Weltmeere mehrfach stark ansteigen
und wieder absinken. Der „Tidenhub“ vom Höhepunkt der letzten
Vereisung vor 18.000 Jahren bis zum heutigen Normalnull des Wassers
beträgt satte 130 Meter!123
Zieht man also in Betracht, daß es gar nicht so lange her ist, daß Menschen
über die Beringstraße zu Fuß von Asien nach Amerika und von der
Themse an die Seine gelangen konnten, haben wir die „Wiege“ der heutigen
Menschheit vermutlich nicht in Ostafrika zu suchen, sondern vielmehr
vor der heutigen ostafrikanischen Küste, irgendwo auf dem Kontinentalschelf.
124 Die „Sintflut“ könnte man nämlich auch als Erinnerung an eine
kollektive optische Täuschung interpretieren.
123 Press/Sievers, Allgemeine Geologie, S. 346
124 Bei der Suche nach unserem „Kinderbettchen“ dürfte sich eine Computersimulation anbieten, die die Küstenlinie Afrikas nachzeichnet, wie sie vor etwa 70 – 80.000 Jahren aussah. Findet sich dort ein Hochplateau, das flächenmäßig zehn- bis zwanzigtausend Menschen unter Jäger- und Sammlerbedingungen ernähren
konnte, so könnte es sich lohnen, im Schlamm zu wühlen.
Die Befunde der Genetiker passen genau in das Zeitfenster, das sich vor
etwa 90.000 Jahren öffnete und von den Geologen Eem-Warmzeit genannt
wurde. Vor 70.000 Jahren wurde es dann wieder kälter. Die Weichsel-
oder Würm-Vereisung nahm ihren Anfang. Mit ihr fand die „Eiszeit“
vor etwa 10.300 Jahren ihr vorläufiges Ende.
Die Folgen einer fortschreitenden Erderwärmung werden heute unter dem
Begriff „Klimakatastrophe“ gehandelt. – Allein, einer solchen „Klimakatastrophe“ verdanken wir unsere Existenz:
Der ansteigende Meeresspiegel hat – zunächst unmerklich – den Lebensraum
unserer Vorfahren in ähnlicher Weise vom Rest der Welt isoliert wie
der Ärmelkanal England vom übrigen Europa. Ohne Seefahrt wüßte auch
heute kein Kontinentaleuropäer von der Existenz der Queen. Erst recht
würden die Iren sich für die einzigen Menschen auf dieser Welt halten,
denn sie hätten keinerlei Kontakt zum übrigen Europa.
Befand sich zwischen dem Ursprungsort der rezenten Menschenform und
dem Festland eine breite Senke, so wird es nicht lange gedauert haben, bis
„alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel bedeckt wurden.“ Allerdings
war dieser Weltuntergang nur virtueller Natur. Der Rückschluß auf
den Tod aller anderen Lebewesen ist damit natürlich vorgezeichnet. Und
einen Sinn und Zweck mußte das auch haben, denn, Sie haben es weiter
oben gesehen, auch der moderne Mensch hat Schwierigkeiten damit, sich
ein zweckfreies Verhalten der Natur vorzustellen.
Mit fortschreitendem Anstieg des Pegels riß also der Kontakt zur übrigen
Menschheit ab. Aus der Sicht des Neandertalers waren diese „Inselaffen“
bei der Fortpflanzung wieder einmal auf im weiteren Sinne inzestuöse Beziehungen angewiesen, denn der Genpool war durch die Insellage sehr beschränkt.
– Erneut begegnen wir dem Inzest als einer der treibenden Kräfte
der Evolution – So also sehen die Anfangsbedingungen für die Evolution
vom „klassischen“ zum „rezenten“ Menschen aus.
Der „moderne“ Mensch, man muß es leider feststellen, entwickelte hier
einige unangenehme Eigenschaften, denen wir heute noch begegnen können.
Vor allem kam ihm das abhanden, was wir heute als „soziales Gewissen“
bezeichnen würden. Zu den schwerwiegendsten Systemfehlern des
heutigen Menschen gehört seine ausgesprochene Neigung zum Plündern
und zum Ausrotten. Was passierte also auf dieser Insel? Lynn Jordy hat
die von ihm entwickelte Hypothese „Bottlenecktheory“ genannt. Bottleneck
ist das englische Wort für Flaschenhals, einen Flaschenhals, durch
den sich die Menschheit hindurchzwängte. Nennen wir Herrn Jordy zu
Ehren die Wiege des rezenten Menschentyps Bottleneck.
Wie überall auf der Welt teilten die Menschen auf Bottleneck ihren Lebensraum mit Freßfeinden und Nahrungskonkurrenten.
Die Insellage brachte es nun einmal mit sich, daß neue Herausforderungen
an unsere nunmehr unmittelbaren Vorfahren herantraten. Die Umwelt änderte sich dramatisch, weil auf Bottleneck auch Flora und Fauna sich der
Insellage anpaßten und entsprechenden Änderungen unterworfen waren.
Die Menschen auf Bottleneck bildeten, das braucht wohl nicht näher betont
zu werden, keine homogene Einheit, die Insel war selbstverständlich
in die Reviere der einzelnen Horden aufgeteilt. Dieses Muster findet man
auch heute noch vereinzelt auf Neuguinea und in Südamerika.
Die Umweltveränderungen brachten es mit sich, daß sich die Ernährungsgewohnheiten der Binnenländer von denen der Küstenbewohner zu unterscheiden begann. Demzufolge bildeten sich unterschiedliche Kulturtraditionen heraus. Dies hinterließ Spuren in den Köpfen der Menschen. Die Traditionen der einzelnen Horden drifteten auseinander und wurden am Ende fast nicht mehr kompatibel. All das gibt es heute noch, vor allem auf Neuguinea. Aber auch die sogenannte zivilisierte Menschheit ist heillos  zerstritten über den „richtigen“ Weg. Angefangen vom „rechten“ Glauben bis hin zum belanglosen Streit, ob McDonalds besser ist als Burger-King, wobei diese Meinungsverschiedenheit ausnahmsweise noch keine Todesopfer gefordert hat.
Bei der Erörterung der Evolution reziproken Verhaltens haben wir gesehen,
daß dieses langfristig erfolgreicher ist als der krasse Egoismus, hingegen
hat der Egoismus kurzfristig mehr Erfolg.
Bei allem Mangel, mit dem unsere Vorfahren auf Bottleneck zu kämpfen
hatten, eines eint sie: Alle Horden hatten zumindest ein Tauschmittel zur
Verfügung: Menschen, vor allem Frauen. Dem exogamen, stark sexualorientierten Lebewesen Mensch drängte sich diese Form von „Geld“ nahezu auf. Menschen sind soziale Lebewesen, die gewöhnlich in Verbänden leben, in denen sich die Individuen genau kennen. Ähnliche Verbände bilden
außer den Primaten Wölfe, Schafe, Elefanten und vor allem viele Vogelarten.
Es ist aber von keiner anderen sozial lebenden Spezies dieser
Erde bekannt, daß Männchen sich Frauen kaufen anstatt um ihre Gunst zu
buhlen. Die durch Schwangerschaft und Brutpflege verursachten „Behinderungen“,  die Menschenfrauen in die Rolle der Sammlerin gedrängt hatten, machte sie nahezu zum idealen Handelsobjekt.125
Die ursprünglichen Partnerbindungen haben sich jedoch bis heute erhalten
und füllen das ganze Universum der Liebesromane. Pubertät und romantische Liebe hatten von Beginn der Menschheit an dem Individuum die
Ablösung aus dem ursprünglichen Sozialverband erleichtert. Das ursprüngliche  Abschiedsritual der Hochzeit126 verkam zum Geschäftsabschluß. Das ist bis heute so geblieben. Es bedarf wohl keiner näheren Begründung, daß diejenigen Männer bei der Fortpflanzung „erfolgreicher“ waren, die sich Frauen kurzerhand kauften als die, die warten mußten, bis eine Frau sie auswählte. Darin liegt auch der Grund für die in vielen Teilen der Welt geltenden strengen und teils grotesken Regeln für die natürlichste Sache der Welt. Fast alles ist zu finden: von sexueller Freizügigkeit bei Südseevölkern bis zur Verhängung der Todesstrafe wegen Ehebruchs auch über vergewaltigte Frauen. Auch dem aufgeklärten westlichen Denken ist das natürliche Zusammengehörigkeitsgefühl von Sexualpartnern fremd. Da geistert immer noch das Schlagwort von der Familie als „Keimzelle“ des Staates durch die Publikationen. Aus jeder Keimzelle geht ein kompletter Organismus hervor, ein Phänomen, das bei Familien und Staaten nicht zu beobachten ist. Auch Artikel 6 des deutschen Grundgesetzes beinhaltet eine Systemwidrigkeit. Mitten in die garantierten Menschenrechte hat sich die Institutsgarantie für eine nach allem höchst fragwürdige Einrichtung eingeschmuggelt: „Ehe und Familie stehen unter
dem besonderen Schutz des Staates“. Die „Familie“ aber nur dann, wenn
die Eltern „ordnungsgemäß“ verheiratet sind…
Voraussetzung für diese Art von Geschäften ist freilich die Verkrüppelung
der sozialen Instinkte, die Organismen eines Sozialverbandes untereinander
eng verbinden. Wie wir oben gesehen haben, pflanzten sich die
Insulaner innerhalb eines beschränkten Genpools fort, so daß die verwandtschaftliche Nähe aller die Entstehung und Verbreitung von Verkrüppelungen
förderte. Neben dem Gesichtsschädel verkümmerten tief im
Schädelinneren die sozialen Instinkte. Das unsichtbare Band, das den Neandertaler mit seinen Gefährten und Frauen verband, zerriß allmählich.
Die Tötungshemmung fiel. (Gerhard Altenhoff, aaO, 161ff)

Ungefähr zeitgleich mit diesen Erwägungen, nämlich im Jahre 1999 stellte das MPI öffentlich die Frage, ob die moderene Menscheit durch ein Nadelöhr gekommen wäre.

Was ich damals nicht wußte, daß wir das „Bonobo – Gen“ immer noch in uns tragen. Bonobos sind die Primaten mit der wohl höchsten sexuellen Aktivitäts- und Primiskuitätsrate. Der Bonobo ist immer noch in uns, Carl XVI. Gustav von Schweden scheint es zu beweisen.

Ferner hatte man sich vor 10 bis 11 Jahren noch wenig Gedanken um den Wert des Kuschelhormons Oxytocin gemacht. Oxytocin dürfte der Schlüssel zum Unterschied zwischen dem „modernen (mordenden) Menschen“ und seinen „Vorfahren“ sein. Wenn man sich so umschaut, scheint der „mordende Mensch“ an extremer Unterversorgung von Oxytocin zu leiden.- Vielleicht gleicht man mal die Oxytocinspiegel von Schimpansen, Bonobos und Menschen miteinander ab. – Das Ergebnis könnte für den „Homo Sapiens Sapiens“ so überraschend wie vernichtend sein.

Hormonmangel als „Mördergen“ – Eigentlich ein ganz einfacher „Schachzug“ der Evolution.  – Ob das aber so in ihrem Sinne ist, darf bezweifelt werden.


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