Das MuNaKo

August 20, 2020

Das MuNaKo kennt heute jeder, ohne zu wissen, was es ist. Wenn Sie den folgenden Text gelesen haben, werden auch Sie erfahren, was es mit dem MuNaKo auf sich hat.

Vor nunmehr 20 Jahren hatte ich in meiner „Der Bundesadel“ getauften Betrachtung über die damalige „Verfassungswirklichkeit“ in der „BRD“ folgenden Text zu Papier gebracht. Ich hätte nicht gedacht, daß ich jemals dazu gezwungen wäre, die Titelsequenz der Serie „Raumpatrouillle“ umzuschreiben.

Was gestern noch wie ein Märchen klang, ist heute schon gruselige Wirklichkeit, die morgen noch schlimmer werden kann

Die Abhängigkeiten zwischen Mensch und Staat können wir daher annähernd in folgender Metapher zusammenfassen:

Der Staat als seßhafter Organismus hat für das Wohlergehen aller ihn bildenden Organismen zu sorgen. Alle Repräsentanten eines Staates sind also gehalten, die Welt aus der Sicht einer Pflanze betrachten, die alle ihre Zellen am Leben erhalten muß.

Die Organismen, aus denen ein Staat besteht, sind allerdings ziemlich wuselige und eigenwillige Tiere, die in erster Linie dem Augenblick, nicht aber der Zukunft verpflichtet sind.

Das ist natürlich für jeden Politiker, der sich im Glanz seiner Erfolge sonnen möchte, ein grausiges Dilemma. Warum? – Wenn Politiker für mehr Eigenverantwortung des Bürgers bezüglich seiner sozialen Absicherung plädieren, verkünden sie ihr eigenes Versagen und offenbaren ihre Unfähigkeit zur Erfüllung der ihnen übertragenen Aufgaben. Denn der Mensch ist kein Lebewesen, das aus eigenem Antrieb seine soziale Absicherung betreibt; er verläßt sich auf andere, die das für ihn tun. Seit Urzeiten waren das die Kinder, die er reichlich in die Welt setzte. – Mit der hormonalen Empfängnisverhütung hat sich die Welt dramatisch verändert. Die Menschen, die in ihr leben, sind dennoch die geblieben, die sie immer waren. Von Alaska bis Feuerland, von Spitzbergen bis zum Kap der Guten Hoffnung. Von China bis Irland und von Indien bis Tasmanien.

Mit Recht werden Sie fragen, warum ich den Geburtenrückgang in der westlichen Welt als dramatischen Änderung bezeichne. – Ich habe auf der Penne zwar häufig das getan, was der Name sagt. Aber daran kann ich mich gut erinnern: 1971 erörterten wir im Rahmen des Erdkundeunterrichts die Folgen dessen, was später als „Pillenknick“ Furore machte. Der drastische Geburtenrückgang, sollte er anhalten, werde bis zum Ende des Jahrtausends das sogenannte demographische Dreieck ( die Jungen an der Basis, die Alten an der Spitze ) zu einem fast quadratischen Block deformieren. Das werde sich auf die Alterssicherung der Bevölkerung natürlich auch auswirken… Da kann doch etwas nicht stimmen! – Diese absehbare Entwicklung soll unseren Politikern entgangen sein? – Nach meinem Verständnis von Politik ist diese dazu da, vorausschauend die Zukunft zu gestalten. Da allüberall in der Politik „Expertenanhörungen“ stattfinden, wird diese Kunde, die damals an meine Pennälerohren gelangt ist, auch auf den Schreibtischen der zunächst sozial-liberalen und später christlich-liberalen Koalitionen gelandet sein. Dennoch hat man eine vorausschauende Reform der sozialen Sicherungssysteme nicht in Angriff genommen. Ganz im Gegenteil, man hat sie im Rahmen der Wiedervereinigung einer Belastungsprobe ausgesetzt, die sie nur schwer verkraften können.

Pflichtversicherung“ – der Begriff klingt vielleicht obrigkeitsstaatlich, ist es aber nicht im geringsten. – Es ist nun einmal die verdammte Pflicht und Schuldigkeit eines Politikers, für andere mitzudenken und den Zickzackkurs von Modeerscheinungen in der Gesellschaft abzupuffern. Und die sozialen Sicherungssysteme sind aus den obigen Gründen ureigenste Angelegenheit der Politik. Sich um diese Angelegenheiten zu kümmern, dafür überträgt der Souverän dem Politiker Macht. – Nicht aber dafür, den Organismen, die den Staat bilden, mit ständig neuen Gesetzen, Verordnungen, Bußgeldern und Strafen auf die Nerven zu fallen.

Der Staat hat Regeln da aufzustellen, wo sie notwendig sind, nicht aber in den Fällen, in denen es auch Sicht der Politik wünschenswert erscheint. Die Regulierungswut der Regierungen und Parlamente führt wegen der positiven Rückkoppelung zwangsläufig zu Reformunfähigkeit und zunehmender Bevormundung des Bürgers.

Nur ein Beispiel: Rabattgesetz und Zugabeverordnung sollen abgeschafft werden. Das ist auch gut so, aber warum macht man es nicht sofort, sondern erst zur Mitte des nächsten Jahres? Der Text für ein Gesetz, das ein bestehendes Gesetz aufhebt, ist in weniger als zwei Minuten niedergeschrieben:

Art. 1

Das ….gesetz vom soundsovielten, zuletzt geändert durch.Gesetz vom… wird aufgehoben.

Art. 2

Dieses Gesetz tritt am Tage nach seiner Verkündung in Kraft

Sehen Sie, so einfach ist das. Mehr als diese Worte braucht man nicht, um dem Bürger mehr Freiheit und Handlungsspielraum zu geben. Man kann daraus sogar ein Formular machen, damit unsere wahlkampfgestressten Abgeordneten nicht soviel schreiben und lesen müssen.

Aber den Handlungsspielraum des Einzelnen zu erweitern, scheint für unsere Politgrößen ein ungeheures Schreckgespenst zu sein. Das gilt übrigens auch bezüglich des Ladenschlußgesetzes. – Hier wird die Republik endgültig zum Tollhaus. Da mischen sich „gesellschaftlich relevante Gruppen“ in die Diskussion, die Kirchen werben für den arbeitsfreien Sonntag. Jahrhunderte hatten sich die Hirten nicht um die Sonntagsruhe ihrer Schäflein gekümmert, erst das Verbot der Sonntagsarbeit für Frauen und Kinder durch das säkulare Preußen im Jahre 1839 läutete in Europa den Ausstieg aus der Sonntagsarbeit ein.

Folge der gegenwärtigen Diskussion aber ist, daß mehr als 625 Abgeordnete, die dafür bezahlt werden, Entscheidungen zu treffen, sich dafür entscheiden, die Entscheidung aufzuschieben. – Und Sonntags trifft man den Nachbarn dann eben immer noch nicht im Supermarkt, sondern an der Tankstelle. Merkwürdig, aber da arbeiten auch Menschen. Ja dürfen die denn das?

Auf die staatlichen Repressalien gegen Autofahrer und andere gesellschaftlich nicht relevante Gruppen wie Raucher und Zecher hatte ich bereits hingewiesen. In all diesen Fällen wird vor allem mit den Kosten für das Gesundheitswesen argumentiert, die diese Gruppen verursachen.

Nun bin ich einmal an der Reihe mit einer linearen Extrapolation: Die Anzahl der Aids-Kranken nimmt auch in unserer Republik beständig zu. Aids-Kranke verursachen, vor allem dann, wenn man sie so lange wie möglich am Leben erhält, immense Kosten. Das einzig bekannte Mittel gegen die Ausbreitung dieser Krankheit ist bislang, den Kontakt mit Körperflüssigkeiten von Infizierten zu verhindern. Seit einigen Jahren hat jeder Autofahrer Aids-Handschuhe im Verbandskasten, weil es sie dort zu haben hat. – So will es der Verkehrsminister. Außer dem Straßenverkehr gibt es noch andere Gelegenheiten, bei denen man sich infizieren kann. Bei steigenden Zahlen der Infektionen dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auf Kondompackungen der Hinweis zu finden ist: – „Die EG – Verkehrsminister: Bumsen ohne Gummi gefährdet die Gesundheit!“- Pardon, ich habe die Ressorts verwechselt, es muß natürlich heißen: „Die EG – Gesundheitsminister.“

Freilich wird auch das die Menschen in unserem Lande nicht davon abhalten, es auch „ohne“ zu treiben. Die Zahl der Aids-Infizierten steigt folglich weiter. – Ausreichend wäre allerdings, wenn die Zahl der Erkrankten nicht sinkt, um folgendes Szenario realistisch erscheinen zu lassen:

Die Kosten für die Behandlung der AIDS-Kranken und die Zahl der Aids-Toten ist so hoch, daß ein Eingreifen des Gesetzgebers erforderlich ist.

Also wird der Verkehr zwischen den Geschlechtern durch Gesetz geregelt. „Ohne“ ist nicht mehr drin. – Es besteht Kondompflicht.

In § 1 des „Gesetzes zur Regelung des Verkehrs zwischen getrennt- und gleichgeschlechtlichen Paaren“ (KondomG) wird es zunächst Begriffsbestimmungen geben.

Die Hauptarbeit der Parlamentarier und ihrer Adlaten in den Ministerien wird über Monate hinweg darin bestehen, eine gesetzliche Definition des Kondoms zu finden. Ferner muß der Begriff des Geschlechtsverkehrs definiert werden. Nicht nur die Affäre Clinton ./. Lewinski hat gezeigt, das es äußerst schwer ist festzulegen, wann man Sex hat und wann nicht. „Der Begriff des Geschlechtsverkehrs (…) umfaßt nicht jede unzüchtige Handlung, ist aber auch nicht auf den Beischlaf beschränkt. Er umfaßt den gesamten natürlichen und naturwidrigen Geschlechtsverkehr, also außer dem Beischlaf auch alle geschlechtlichen Betätigungen mit einem Angehörigen des anderen Geschlechts, die nach der Art ihrer Vornahme bestimmt sind, anstelle des Beischlafs der Befriedigung des Geschlechtstriebes zumindest des einen Teils zu dienen.“ ( Amtliche Sammlung der Entscheidungen des Reichsgerichts in Strafsachen, 70. Band S. 375 )

Deswegen wird im Gesetzgebungsverfahren zunächst eine Expertenanhörung stattfinden. Vielleicht kommt Dolly Buster noch zu ungeahnten Ehren.

Wenn die o.g. Fragen soweit geklärt sind, muß in den Ausschüssen über Ausnahmeregelungen diskutiert werden, denn die ständige Benutzung von Kondomen führt bei Entbindungsstationen und Hebammen zu erheblichen Auswirkungen auf die Zahl der Arbeitsplätze. Katholische Bischöfe werden mit blankem Entsetzen reagieren und fordern, dann den Sex doch ganz zu verbieten…

Und dann wird zu allem Überfluß das Gesetz mit Straf- und Verwaltungsvorschriften garniert.

Zumindest wird jeder, analog zu den Bestimmungen der Straßenverkehrszulassungsordnung ( dieses Monster gibt es wirklich! ) über die Mitführungspflicht von Gummihandschuhen, ständig ein Kondom mit sich führen müssen, was natürlich durch die Polizei überwacht werden muß. Wird jemand ohne Kondom angetroffen, ist ein Bußgeld fällig.

Die Dritte Durchführungsverordnung zu § 4711a, Abs. 7 Satz 2, Buchstabe v  KondomG z.B. wird die Betreiber von Bordellen zur Vekehrsüberwachung verpflichten. Nach der fünften Verwaltungsanordnung zur Dritten Durchführungsverordnung zu § 4711a  KondomG haben die Puffmütter täglich der zuständigen Behörde die Zahl der Besucher zu melden und die Zahl der benutzen Kondome unter Beifügung der Originale nachzuweisen…

Sich die Geschichte weiter auszumalen, überlasse ich Ihrer Phantasie.

Seien wir doch mal ehrlich: Ohne das Übermaß an Gesetzen und Verordnungen hätte es unser Adelsstand sehr schwer, die eigene Existenz zu rechtfertigen. Von dem Tag an, an dem alle überflüssigen Gesetze formularmäßig außer Kraft gesetzt sind, gibt es außer Wahlkampf für die meisten Politiker nichts mehr zu tun.

Ich nehme an, daß mir die geneigte Leserin/*/der geneigte Leser zugesteht, in den „Corona-Regeln“ einige nicht von der Hand zu weisende Parallelen zu diesem Auswuchs meiner blühenden Phantasie zu erkennen. – Und das erschreckt mich mehr als die globale Bedrohung durch ein aus dem Hut gezaubertes „Wundervirus“.

Das Verhalten unserer Politiker/*/innen hat dazu geführt, daß wir alle bei fast jeder Gelegenheit das MuNaKo tragen müssen, das

Mund-Nasen-Kondom


Evolutionäre Religionswissenschaft vs. Evolution des Glaubens

Januar 4, 2013

Evolutionäre Religionswissenschaft – Welche Fragen haben Sie? | Natur des Glaubens.

Eigentlich habe ich keine Fragen, eher eine Antwort:

Und zwar auf die Frage, woher das Phänomen „Glauben“ überhaupt kommt. Wenn man sich in der Welt und der Menschheitsgeschichte umschaut, zeigt sich, daß auch die Beziehung der Menschen zu ihren Göttern, Geistern und Dämonen einem evolutionären Prozeß folgte:

Dieser Prozeß hat drei Quellen.

Die erste ist sein unübertroffenes Vorstellungsvemögen, Grundlage jeglicher Technik,

die zweite ist sein gestörtes Verhälnis zu dem, was ich „Tausch-und-teile-Instinkt“ nenne.

Die dritte Quelle ist schließlich die Sprache, die uns zwingt, Sachen zu „benennen“ , die uns vor allem dazu verdammt, Dinge, die sich „von selbst“ bewegen, zu personifizieren. – So will es der Sprachinstinkt.  – Diese dritte Quelle ist untrennbar mit beiden anderen verbunden. – Denn der Gebrauch der Sprache setzt nicht nur ein Übermaß an Vorstellungsvermögen voraus, sondern der Sprachinsitnkt selbst Abkömmling des „Tausch-und-teile-Instinkts“

Fangen wir mir Quelle Nr 1 an:

Nun stellen Sie sich vor, daß zur Zeit der Herbststürme ein einzelner Bär die Höhle aufsucht. Am Ende des Winters verlassen allerdings regelmäßig drei Bären die Höhle. Ein großer und – normalerweise – zwei putzmuntere kleine.

Sie wissen, daß beim Menschen und bei anderen Säugern Ihrer Umgebung das Junge aus dem Mutterleib kommt. Dieses Wissen dürfen Sie auch dem Neandertaler unterstellen; mehr als einmal dürfte jeder Neandertaler in seinem Leben trächtige Weibchen er- und zerlegt haben. Die „Leibeshöhle“, der ein Säugtier „entspringt“, mußte demnach auch der Neandertaler bestens kennen. Deren Charakteristikum ist die Enge des Eingangs, der in die Weite des Uterus mündet. Ähnlich sind die Höhlen, die als Kultstätten dienten, aufgebaut. Ähnlich sind auch die Ganggräber der Megalithkultur gestaltet, die heute noch in Irland zu finden sind.

Ich muß Sie hier nochmals an Ihre disziplinierte Naivität erinnern. Sie wissen, daß der Bär ein Säugetier ist, für den Moment müssen Sie ihr Wissen einmal vergessen.[1] Wußte es auch der Neandertaler?

– Prima Facie, dem ersten Anschein nach, entspringen in jedem Frühjahr junge Bären unmittelbar der Höhle, denn bis vor kurzem war die Geburt von Bären noch eines der bestgehüteten Geheimnisse der Natur. Im Winter 1999/2000 wurde als Weltpremiere eine entsprechende Live-Übertragung im Internet angeboten. In den Jahrmillionen davor war das allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Die Beobachtung einer Bärengeburt war somit erst recht dem Neandertaler verwehrt. Die Vorstellung, ein Bär entspringe unmittelbar dem Schoß der Erde, ist damit vorprogrammmiert.

Die dunkle Höhle ist zwar immer noch voll von den Geistern und Dämonen, die das Licht der Fackel an die Wände zaubert. Durch den Einfluß der Bären ist eine Höhle aber kein Ort der Furcht mehr, sie wandelt sich in jedem Frühjahr zur Quelle neuen Lebens. Diese finden  wir in der griechischen und nordischen Mythologie wieder vor, nämlich im gebärenden Schoß der Erdmutter, die die Griechen Gaia nannten. Zum Leidwesen des Papstes hat auch die Jungfräulichkeit der Mutter Gottes hier ihren mythischen Ursprung:

Im nordischen Bereich ist die Erdmutter zu Anfang noch jungfräulich.[2] Weiter südlich ist die Vorstellung von „Mutter Erde“ zwar immer noch lebendig, aber die Dame ist nicht mehr allein: Die Gaia der Griechen gebiert am laufenden Band Titanen und Zyklopen. Die sinnenfrohen Griechen hatten ihrer Gaia den sexbesessenen Uranos hinzugesellt, der mit seinen weiteren Zeugungsakten erst dann aufhört, nachdem ihn sein Sohn Chronos, der Herr der Zeit, entmannt hatte. Chronos selbst fürchtete, auf ähnliche Weise entmachtet zu werden und verschlang die Kinder seiner Schwester und Gattin Rheia unmittelbar nach der Geburt. Bis auf Zeus, den seine Mutter vor den Nachstellungen in eine Höhle in Sicherheit brachte. Dort trank das Kind die Milch der Ziege Amaltheia und wurde von den Bärinnen Helike und Kynosura  behütet und erzogen. Zeus verbannte seinen Vater in die Unterwelt. Er dankte der Ziege und den beiden Bärenmüttern, indem er sie in den Nachthimmel hob. Merkwürdigerweise steht auch die Geburtskirche in Bethlehem über der Grotte, in der Jesus zur Welt gekommen sein soll.

Höhlen, Bären und der Geburtskanal als Alltagserfahrung sind ausreichend, die Mythologie von Mutter Erde und ihren gigantischen Kindern mit den titanischen Kräften zu begründen. Der Bärenkult offenbart aber noch mehr:

Hier berühren sich Jenseitsvorstellung, Totenkult und Fruchtbarkeitsritus in ähnlicher Weise wie bei der Erdbestattung. Auch unser eigenes Beerdigungsritual ist mit der Vorstellung von Fruchtbarkeit verknüpft. Was in den „Schoß“ der Erde eingebracht wird, wird leben und wachsen.

Die Höhlen, in denen der Neandertaler seine Begräbnisspuren hinterließ, waren folglich nicht ein Ort der reinen Trauer, sie waren der Quell eines Lebens, das zumindest nicht mit der Alltagserfahrung eines Neandertalers erklärbar war. Höhlen waren folglich die Orte, an die man einen Verstorbenen in der Hoffnung auf ein neues Leben im Jenseits oder in der Hoffnung auf eine Wiedergeburt gebracht hatte.

Freilich lassen sich für die von mir hier aufgestellte These kaum direkte Beweise finden:

An den Wänden der Höhlen von Shanidar, Mugharet es-Skhul, Mugharet et-Tabun oder anderen gibt es außer den „Lichtwesen“, die der Fackelschein spontan an die Höhlenwand zaubert, – nichts.

Der Neandertaler hat zwar Anhaltspunkte für Zeremonien hinterlassen, darunter sind allerdings keine, die man als Beschwichtigungsritual gegenüber den Geistern und Göttern deuten könnte.

Allerdings auch nichts, was darauf hindeuten könnte, daß die Neandertaler Ahnen, Geister oder Götter angerufen hätten, den nächsten Jagdzug erfolgreich sein zu lassen. Ihre Kultstätten geben uns keinen Hinweis auf derartige Zauberrituale.

Erst bei Crô-Magnon waren sie gang und gäbe und sind noch heute weltweit verbreitet. Selbst das Christentum kennt diesen Zauber: Beim Vaterunser kommt erst einmal das Signal der Bereitschaft zur Unterwerfung: „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe…auch auf Erden.“ – Ein deutlicher Hinweis, daß der Mensch die Unterwerfung unter die Herrschaft Gottes erst in einer ungewissen Zukunft in Aussicht stellt. Und dann kommt der Forderungskatalog:

 „Unser täglich Brot gib uns heute! Und vergib uns unsere Schuld!“

Darauf folgt die Stelle des Vaterunser, an der der Mensch seine Nähe zu Kain nicht mehr leugnen kann:

„Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!°“ – Die wahren Absichten werden verschleiert. – Der „gottesfürchtige“ Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hat es  nach dem 11. September 2001 auf den Punkt gebracht, als er sinngemäß verlautbarte: „Gott mag vergeben, wir nicht.“

Es wird auch gerne übersehen, daß erst nach der Ankündigung der Vergebung die schärfste Forderung folgt: „Und führe uns nicht in Versuchung!“: Es ist das Abschieben der Eigenverantwortung auf eine höhere Instanz, der man auf der einen Seite vertraut, auf der anderen Seite aber zutraut, Dinge anzuordnen oder zumindest zuzulassen, die man aus eigenem Antrieb wohl nicht tun würde. – Das „sondern erlöse uns von dem Bösen! –Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“! – Beide Sätze sind nicht voneinander zu trennen, den sie beinhalten die bedingungslose Kapitulation vor der Fremdbestimmung, und zwar auch dann, wenn die dadurch ausgelöste eigene Handlung als Unrecht wahrgenommen wird; es wird erwartet, daß die „höchste“ Instanz den Befehl, den man widerwillig befolgt hat, als „Oberster Gerichtsherr“ wieder aufheben wird. ­–  Und zum Schluß des Vaterunser wird dem lieben Gott nochmals so richtig Honig um den Bart geschmiert. „Von nun an bis in Ewigkeit.“ – Glauben Sie wirklich, daß der Allmächtige sich auf einen derart durchsichtigen Kuhhandel mit Menschen einläßt?

Alle Opfer, die Göttern, Geistern und Ahnen je dargebracht wurden, dienten  nur dem einen Zweck, den Kräften der Natur einen Vertrag aufzuzwingen: „Wir geben Dir das, von dem wir meinen, daß Du es willst, damit Du das gibst, was wir wollen.“ – In seiner Orientierungslosigkeit überträgt und projiziert der moderne Mensch seinen Drang nach reziprokem Verhalten auch auf die Kräfte der Natur. „Do ut des“ – Ich gebe, damit Du gibst. Nach des Menschen Vorstellung soll auch im Verhältnis Mensch-Natur, Mensch-Gott das gegenseitige Vertragsverhältnis gelten, das die Juristen mit Synallagma betiteln. Dabei möchte freilich der Mensch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen festlegen, ein Vorhaben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

 Neandertaler bestatteten ihre Toten auf „Blumenkissen“. Auch heute noch zählen in allen Teilen der Welt Blumen zu den beliebtesten Grabbeigaben. Seit vermutlich mehr als drei Millionen Jahren hatte es damals schon das blumengeschmückte Abschiedsritual der Hochzeit gegeben. Die „Braut“ oder der „Bräutigam“ wurde aus den alten sozialen Bindungen in den Sozialverband einer Nachbarhorde entlassen, der Trennungsschmerz durch das Ritual gemindert. Es ist nahezu unausweichlich, daß unsere Vorfahren für den Todesfall ein der Hochzeit ähnliches Ritual entwickelten. Der Verlust eines Kindes ist immer ein Abschied; gleichgültig, ob es zukünftig in einer anderen Horde lebt oder im Jenseits. Die Verhaltensmuster der Brautwerbung und des sozialen Zusammenlebens sind überwiegend neotene Muster, sie leiten sich aus der Mutter-Kind-Beziehung ab. So ist es nun wirklich nicht verwunderlich, wenn die Abschiedsrituale Hochzeit und Bestattung  einander ähnlich sind. 

Die botanischen Grabbeigaben der Neandertaler zeigen, daß sie sehr fein zu differenzieren vermochten. Es fanden sich nämlich kaum Überreste von Pflanzen in den Höhlengräbern, die eßbare Früchte tragen.


[1]              Sie wissen auch, daß der Biber ein Säugetier ist, dennoch galt er jahrundertelang wegen seines schuppigen Schwanzes nicht als ein solches!

[2]              Britta Verhagen, Götter am Morgenhimmel, Tübingen, Buenos Aires, Montevideo 1983, S. 34

(Gerhard Alenhoff, Australopithecus Superbus, S. 169ff)

Die zweite Quelle ist das Vorstellungsvermögen, die Phantasie. – Ohne sie ist kein Werkzeuggebrauch, vor allem aber keine planmäßige Werkzeugherstellung  vorstellbar. – Wer einmal eine Feuersteinknolle am Ostseestrand in der Hand hatte, der ist sich klar darüber, daß ihm ohne Vorstellung darüber, wie das Werkzeug am Ende aussehen soll, keine Chance hat, etwas Sinnvolles aus einer Feuersteinknolle zu schaffen.  – Wer nicht weiß, wie ein Netz ausssehen soll, wird mit den Fäden in seiner Hand kaum etwas anfangen können:

Der Spinne, die unlängst ihr Netz zwischen dem Außenspiegel und der Karosserie meines Wagens gesponnen hatte, war der Zweck ihres Hand- lens mit Sicherheit unbekannt. Sie spulte ein Programm ab, ohne über- haupt wahrzunehmen, was tatsächlich geschah: Bis etwa 80 km/h blieb sie seelenruhig in ihrem Netz hängen, etwa ab diesem Tempo lief sie rasch in Deckung. An jeder Ampel aber, wenn wieder weitgehend Windstille herrschte, kam sie wieder hervor, kontrollierte ihr Netz und beseitigte durch den Fahrtwind entstandene Schäden. Das wiederholte sie immer und immer wieder; sie tat mir hinterher richtig leid; aber wie hätte ich ihr erklären sollen, daß nach der nächsten Grünphase der „Sturm“ aufs Neue losgehen würde? Wie selbstverständlich erscheint uns das Verhalten der Spinne zweckgrichtet. Sie webt ihr Netz, um damit Insekten zu fangen. Allerdings braucht dies die Spinne als Individuum nicht zu wissen. Denn unter gewöhnlichen Umständen werden Fluginsekten sich mit einer sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit im Netz verfangen, auch davon braucht die Spinne selbst keine Kenntnis zu haben. Sie kann sich auf ihr„Artgedächtnis“ grundsätzlich verlassen. Nur in Ausnahmefällen, wie dem eben geschilderten, „versagt“ dieses.

 Anders sieht es beim Hausbau aus. – Dem Biber bereits dürfen wir ruhig zubilligen, eine Vorstellung davon zu haben, wie sein Bau aussehen muß. Aber der Biber ist im Bereich des Baumaterials auf das Holz beschränkt, denn es ist das einzige Baumaterial, das er mit seinen Zähnen bearbeiten kann.

Die Errichtung eines Hauses erfordert aber bei weitem mehr. Die Kenntnis davon, welche Materialien sich überhaupt eignen; Erfahrung im Umgang mit den Baustoffen usw. Alles Wissen über die Eigenschaften der Baustoffe  und alle Erfahrung im Umgang mit denselben reichen aber nicht aus, ein Haus zu bauen. Ohne Vorstellung davon, wie das Haus aussehen soll, ohne Phantasie also, gäbe es kein einziges Haus. Das Vorstellungsvermögen ist demnach das Entscheidende. Hier ist die Zweckursache zu suchen, die scheinbar aus der Zukunft in die Vergangenheit wirkt.

Unsere Phantasie ist auch der chaotische Widerpart unseres analytischen Verstandes. Ihre Inhalte sind in der Tat unbegrenzt, sogar Fabelwesen sind denkbar. Und diese wiederum können unseren analytischen Verstand zum Narren halten:

Aristoteles nimmt zu den Tier-Mensch- Mischgestalten der Mythologie wie folgt Stellung:

„(…) Entstanden etwa, wie in der Tierwelt Ochsen mit Menschenköpfen, so auch in der Pflanzenwelt Mischbildungen aus Rebe und Ölbaum oder nicht? Das ist freilich unnatürlich. Aber es mußte wohl so sein, wenn ent- sprechendes in der Tierwelt vorkam. Dann mußte freilich bei den Samen der reine Zufall herrschen. Wer aber so etwas behauptet, der hebt damit das Natürliche und die Natur auf. Denn von Natur aus gelangt alles, was von einem in ihm selbst liegenden Prinzip ununterbrochen bewegt wird, zu einer gewissen Vollendung. Diese ist freilich bei den einzelnen Wesen entsprechend dem weiligen Prinzip verschieden, aber nicht etwas Zufälliges, sondern jeweils immer dieselbe, wenn kein Hindernis in den Weg tritt. Der Zweck aber und was seinetwegen geschieht, kann auch einen zufälligen Anlaß haben, wie wir z.B. sagen, es sei zufällig ein Fremder gekommen und, nachdem er eingekehrt, wieder weggegangen, wenn er handelt, als ob er deswegen gekommen wäre, während er doch nicht des- wegen gekommen ist. So urteilen wir nach dem äußeren Hergang; der Zufall gehört aber zu den Ursachen, die man auf Grund des äußeren Hergangs annimmt, wie wir früher gesagt haben. Wenn so etwas aber immer oder doch meistens geschieht, dann ist es nicht bloß ein äußerer Hergang und nicht Zufall. In der Natur aber ist es immer so, wenn nicht ein Hindernis eintritt. Es ist aber töricht, etwas nicht für ein zweckmäßi- ges Geschehen zu halten, wenn die bewegende und überlegende Ursache unsichtbar ist. Und doch überlegt auch die Kunst nicht; denn wenn in dem Holz die Schiffsbaukunst seckte, so würde sie ganz gleichartig verfahren wie die Natur. Wenn also der Kunst der Zweck innewohnt, dann ist es auch bei der Natur der Fall. Am deutlichsten wird es aber in dem Falle, wenn jemand sich selbst heilt. Einem solchen gleicht die Natur. Es ist also klar, daß die Natur Ursache ist, und zwar im Sinne der Zweckmäßigkeit.“ (Aristoteles, Aus der Physik, Kausale und teleologische Naturbetrachtung)

Und hier kommt unvermittelt die dritte Quelle, der Sprachinstinkt ins Spiel:

Es ist schon erstaunlich, wie nahe Aristoteles der Wahrheit kam, wenn man seine doch stark eingeschränkten Möglichkeiten zur Erforschung der Natur  berücksichtigt.  Er  selbst  hat  bereits  eine  Vorstellung  von  der „Vollendung“ des  Natürlichen durch innere Antriebe,  die  nach seinen Worten „nicht etwas Zufälliges, sondern jeweils immer wieder dieselbe ist, wenn kein Hindernis in den Weg tritt.“ Aber auch Aristoteles macht am Ende seiner Betrachtung den typisch menschlichen Fehler, die eigene Phantasie in die natürlichen Abläufe zu projizieren. Aber das ist nicht verwunderlich, weil wir dazu neigen, komplexe Zusammenhänge zu personifizieren: wir lassen das Feuer wüten, den Sturm toben, den Fluß über die Ufer treten. An der Nordseeküste holt sich der „Blanke Hans“ gelegentlich seine Opfer, Vulkane „speien“ Feuer. Und die Evolution „schafft“ Lebewesen.

Wenn wir uns also mit Dingen „befassen“, die wir nicht „begreifen“ können, billigen wir ihnen nahezu automatisch eine Subjektqualität zu, sie werden als handelnde Person wahrgenommen. Auch hier stehen wir wieder nicht allein da; Sie haben es am Beipiel der Schimpansen gesehen, die wütend auf den „Wettergott“ losgegangen sind.

Von der Personifizierung können wir nicht einmal lassen, wenn es um komplexe Strukturen und Zusammenhänge geht, die der Mensch selbst erst geschaffen hat. Wir reden davon, „der Krieg“ sei der Vater aller Dinge; „die Technik“ versage hin und wieder. Ob Wirtschaft, Politik, Medizin, Justiz oder Gesellschaft. All diesen Dingen, die wir nicht unmittelbar fassen“ können, verleihen wir den Status einer Persönlichkeit. Sie können das ganz einfach daran feststellen, daß sie diesen „Personen“ für irgendetwas die „Schuld“ in die Schuhe schieben können. Wobei der Schuh seinerseits für den Menschen „handhabbar“ ist. Wenn Ihnen ein Schuh nicht paßt, werden Sie kaum jemals behaupten, das sei ein Verschulden des Schuhs. (Gerhard Altenhoff, Australopithecus Superbus S. 128ff)

„Gott“, „die Götter“, „Geister“ und „Dämonen“ – sie alle sind wissesnschaftlich nicht nachweisbar. – Zumindest als „Personen“. – Aber das gesamte Universum ist offensichtlich von einer Art „mathematischem Feld“ durchzogen, das sich nicht in der Euklidischen Geometrie und der linearen Algebra erschöpft. – Die Kresizahl „Pi“ ist allgegenwärtig und nicht durch ein ganzzahliges Verhältnis zu erfassen. Sie ist ein Fraktal.  „Pi“ ist – nach klassischen menschlichen Maßstäben –  „verantwortlich zu machen“ für alle runden Dinge in dieser Welt.

Ich will es an dieser Stelle nicht weiter vertiefen, aber wir selbst und die uns umgebende Natur sind durch und durch fraktal gestaltet, also von nichtlinearer Mathematik durchwirkt.

Die Mathematik ist „wiederholbar“, nicht aber deren Ergebnisse im Zusammentreffen mit der Materie. Es gibt also etwas, was universeller ist als unsser Universum. – Wir spüren es, aber es entzieht sich weitgehend unserer Wahrnehmung. – Wir kennen auch heute erst wenige Gesetze der fraktalen Geometrie. – Wir werden sie wohl auch nicht alle kennenlernen, also werde wir auch weiterhin genug Anhaltspunke habe für Götter, Geister und Dämonen.

Niemand von ihnen, auch nicht unser „Gott“ wird sich jemals von Menschen beeinflussen lassen. – Die Beziehung der Natur,-  ich pflege zu sagen: „des Planeten“  – zu den Menschen läßst sich von diesem nicht „reziprok“ gestalten. Auch wir Menscchen sind auf Gedeih und Verderb den Kräften des Planeten ausgeliefert. – Wie die Evolution zeigt, klappt diese einseitige Beziehung ganz gut, sofern man sich dem Planeten anpaßt und nicht versucht, ihn sich zu „unterwerfen“.


Töten auf Kommando – N-24 6.9.2012 Die Pflicht der Offiziere

September 6, 2012

Töten auf Kommando – Krieg und Gewissen – Doku – YouTube.

Kann man rund fünf Millionen Jahre Menschheitsgeschichte in wenigen Worten zusammenfassen?

Der Dichter Ovid konnte es. Das Grundmuster des menschlichen Verhaltens, wie es bis hinein ins Neandertal Gültigkeit hatte, brachte Ovid in fünf Zeilen zu Papier, Hermann Breitenbach übertrug sie in die deutsche Sprache:

Und es entstand die erste, die goldene Zeit: ohne Rächer,

Ohne Gesetz, von selber bewahrte man Treue und Anstand.

Strafe und Angst waren fern; kein Text von drohenden Worten

Stand an den Wänden und Tafeln von Erz; es fürchtete keine

Flehende Schar ihren Richter: man war ohne Rächer gesichert.

Dann kam vor 93.000 Jahren die Eem-Warmzeit. Diese fand ihr Ende mit dem Beginn der letzten Eiszeit vor rund 60.000 Jahren.

Während dieser Periode verwandelte sich eine isolierte Neandertalerpopulation in den „modernen“ Menschen.. Der Gesichtsschädel verkrüppelte so weit es eben ging, nämlich auf die Proportionen, die man ansonsten nur bei Föten und Säuglingen anderer Primaten findet.

Die verheerendste Verkrüppelung fand jedoch im Schädelinneren statt. Der Mensch büßte seinen sozialen Instinkte teilweise ein und verlor die Tötungshemmung gegenüber dem Sozialpartner. – Bei anderen Primaten gibt es zwar einzelne Individuen, die ebenfalls keine Tötungshemmung gegenüber dem Sozialpartner haben, sie bilden aber die absolute Ausnahme, weil sie das Überleben der Sozialgemeinschaft gefährden.

Der mächtigste Verhaltensantrieb des Alltagslebens ist immer noch der Tausch-und Teile-Instinkt. Dieser ist indes soweit abgeschwächt, daß er durch kulturelle Normen ergänzt werden muß, um ein menschliches Miteinander halbwegs zu gewährleisten.

Das menschliche Sexualverhalten weist, man braucht sich in der Welt nur umzusehen, groteske Züge auf. Frauen, wurden dem Tausch-und Teile-Instinkt unterstellt; „weibliche“ Sexualität findet in manchen Kulturen so gut wie gar nichts statt. Daß sie nicht stattfindet, wird zum Teil gewaltsam „sichergestellt“. Frauen wurden zur „Handelsware“ zwischen den Gruppen.

Als das Wasser wieder zu Eis wurde, konnte dieses arg verkrüppelte Lebewesen die Insel, auf der es entstanden war, mit seinen Booten verlassen und mit einer bis dahin nicht gekannten Geschwindigkeit die Welt erobern.

In der Geschichte des Planeten sollte er das einzige Säugetier sein, das seinen „Fortpflanzungserfolg“ weniger der Kraft seiner Lenden verdankt als vielmehr seiner Fähigkeit zum „Kampf ums Dasein“.

Das ist nicht unbedingt ein Grund, stolz zu sein. Vielmehr sollte es Anlaß zum Nachdenken geben. Anlaß zum Nachdenken darüber, welche Stellung wir in der Natur einnehmen: Wir sind nicht die „beherrschende Lebensform“ des Planeten, vielmehr macht der Planet mit uns, was immer er will. Die sogenannten „Naturkatastrophen“ zeigen uns das jeden Tag.

Der Mensch ist so klein und unbedeutend, daß er Mutter Erde nicht einmal am Nagellack kratzen kann.

Das Kreuz, das der Mensch zu tragen hat, liegt im wesentlichen darin, daß er sein wahres Gesicht nicht sehen will. Er gab sich selbst den Namen „Homo Sapiens Sapiens“, maßte sich gar an , die „Krone Der Schöpfung“ zu sein.

Dieses Phänomen hat Oscar Wilde in „Das Bildnis des Dorian Gray“ sehr schön beschrieben. Dorian Gray behielt immer sein schönes, jugendliches Gesicht, als er Jahre später sein Bildnis anschaute, erschrak er, denn es war zu einer häßlichen Fratze entartet.

Es ist an der Zeit, das „Bildnis des Homo Sapiens Sapiens“ zu betrachten, es ist das Portrait des Australopithecus Superbus Procrustes, das Bildnis des überheblichen Südaffen, der sich mit Gewalt alles passend macht.

Die Dinge haben sich so ergeben, wie sie sich ergeben haben. An uns ist es, die Dinge zu vermeiden, die sich vermeiden lassen.

Australopithecus Superbus Procrustes wird die Kräfte der Natur niemals beherrschen. Wenn er aber schaffen sollte, sich selbst zu beherrschen, dann wäre vielen Menschen in aller Welt und der Welt an sich schon geholfen.

Wie beherrscht man ein Pferd?

Man legt ihm Zaumzeug und Zügel an.

Aus der Vorstellungswelt des Reiters stammt das lateinische Wort „religio“ ( re = „zurück“ und ligare = „binden“). „Religio“ bedeutet in erster Linie „Bedenken“, Skrupel“, Karl Kérenyi übersetzt es in seinem Werk „Antike Religion“ mit „wählerische Behutsamkeit“. Erst später kam die Bedeutung „Religion“ hinzu.

Bedenken gegenüber dem eigenen Handeln und Skrupel gegenüber dem Mitmenschen, das sind die Dinge, die die Zukunft der Menschheit prägen werden. In diesem Sinne stelle ich mit Vergnügen den Schluß meiner persönlichen „Reise in die Urwelt“ an den Anfang:

Neben uralten Mythen erzählen auch moderne Drehbuchautoren ewige Wahrheiten. Dazu zählt der englische Drehbuchautor und Regisseur Val Guest, der 1963 den Film „Der Tag, an dem die Erde Feuer fing“ produzierte.

Der Plot des Films ist simpel: Amerika und Rußland hatten in der Nähe der Pole durch zufällig gleichzeitige Zündung von Wasserstoffbomben den Planeten aus der Umlaufbahn geworfen. Die Politik versuchte das zu vertuschen, die Presse deckte es auf. Am Ende versuchte man, mit Wasserstoffbomben den Fehler zu korrigieren. Ob das gelang, läßt der Film offen.

In der Schlußsequenz läßt Val Guest seinen Protagonisten durchs Telefon diktieren:

Wir hatten den Wind gesät, jetzt haben wir den Sturm geerntet. Vielleicht wird er in wenigen Stunden die Erinnerung an das Vergangene und die Hoffnung auf die Zukunft ausgelöscht haben. Dann werden alle Werke des Menschen von dem Feuer verschlungen, das er selbst entfacht hat.

Aber vielleicht ist im Herzen des Feuers eine unfaßbare Kraft verborgen, die mehr zu seiner endgültigen Rettung beitragen wird, als er es selbst je konnte.

(Einblendung alternativer Schlagzeilen: „Wird die Welt gerettet? – Die Menschheit betet.“ – „Ist die Welt zum Untergang verdammt? – Die Menschheit betet.“)

Und sollte dem Menschen noch eine neue Zukunft gegeben sein, dann wäre es an der Zeit, daß er seinen erbarmungslosen Stolz und sein Streben nach Macht vergißt. Dann muß er an die Stelle all dessen die Liebe setzen. Vielleicht darf er dann eines Tages wieder sagen „wie schön ist doch das Licht!“ – und seine Augen zur Sonne erheben.

Ersetzen Sie einfach das Wort „Liebe“ durch religio. – Dann haben Sie das Ziel unserer Reise erreicht, von dem auch ich zu Beginn nicht ahnte, daß es überhaupt existiert.“

Religio“, das war auch für den Mann ein Fremdwort, der die Frage aller Fragen stellte:

Soll ich meines Bruders Hüter sein?

Bekanntlich entgegnete Kain nach dem Mordanschlag auf seinen Bruder auf die Frage Gottes, wo denn sein Bruder Abel geblieben wäre, „Ich weiß nicht, soll ich meines Bruders Hüter sein?“

Die Antwort des Allmächtigen auf diese Frage bleibt die Bibel merkwürdigerweise schuldig. In 1.Mose, 4, 10 heißt es lediglich: „Er aber sprach: Was hast Du getan? Die Stimme des Blutes Deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“

Doch es gibt eine eindeutige Antwort.

Ich lade Sie ein, mich auf dem Weg zu dieser Antwort zu begleiten. Sie werden sehen, daß sich der Weg im Wechselspiel zwischen Geschichtschreibung und Evolution organisch zur Antwort hin entwickelt, deswegen habe ich von einer Unterteilung in einzelne Kapitel abgesehen.

Menschen töten in großer Zahl,

das soll man beklagen mit den Tränen des Mitleids.

Wer im Kampfe gesiegt,

der soll wie bei einer Trauerfeier weilen.

Obgleich sie ziemlich christlich klingen, stammen diese Worte nicht aus der Bibel, man findet sie in Laotse „Tao Te King“, Kapitel 31 am Ende.

Die christliche Welt verhält sich jedoch anders als Laotse fordert. Hier werden Siegesfeiern mit Pomp Militärparaden abgehalten und Jahr für Jahr am „Jahrestag“ wiederholt. „Gedenken“ an die Toten findet im allgemeinen nur im Hinblick auf die „eigenen“ Soldaten statt.

Obwohl der Tod nicht objektivierbar ist, wird er für uns immer existieren, denn die zeitliche Grenze des Lebensprozesses, den wir als „Individuum“ bezeichnen, wird immer als „Tod“ erlebt und ist von den entsprechenden Emotionen „Trauer“ und „Verlust“ begleitet. Diese Form der Weltsicht ist uns angeboren, sie steckt tief im sogenannten limbischen System des Gehirns, wo die Gefühle „gemacht“ werden. Der Tod ist somit unabänderlicher Bestandteil des subjektiven Welterlebens, das alle Menschen miteinander teilen; C.G. Jung hat diese gemeinsame Form des subjektiven Welterlebens das „Kollektive Unbewußte“ genannt.

Angesichts der Bestrebungen, die Welt mit immer mehr Waffengewalt zu „befrieden“, hielt ich es für angebracht, einmal der Frage nachzugehen, wie der Wahnsinn des Krieges überhaupt in die Welt kam. Gelegenheit hierzu bot sich im Jahre 2004, als sich D-Day, der 20.Juli und der Aufstand im Warschauer Ghetto zum 60. Male jährten. Da die Verantwortlichen in aller Herren Länder sich offensichtlich als unfähig erweisen, aus der Geschichte Lehren und handfeste Konsequenzen zu ziehen, gab ich der kleinen Betrachtung den Titel

-Die Pflicht der Offiziere-

In diesen Tagen häufen sich die Feierlichkeiten zu den jeweiligen 60. Jahrestagen. D Day, der zwanzigste Juli und der Beginn des Aufstands im Warschauer Ghetto. Historische Daten, von denen man meinen sollte, sie hätten einen Lernprozeß in Gang gesetzt, der ähnliche Ereignisse für die Zukunft unmöglich machen würde. – Aber weit gefehlt: Es wurde auch nach dem Ende des 2. Weltkriegs fleißig von Staats wegen gemordet. Und der Völkermord als Mittel dessen, was landläufig unter dem Begriff „Politik“ bekannt ist, ist auch heute noch in allen Teilen der Welt anzutreffen.

Der einzige Mörder im Präsidentenamt, der vor seinen zuständigen Richtern steht, ist Slobodan Milosevic, aber den kennt heute kaum noch jemand. Der arme Kerl hat Pech gehabt. Er stand auf der „falschen“ Seite. Dabei müßte die Anklagebank in Den Haag von Rechts wegen zum Bersten gefüllt sein, mit Männern und einigen Frauen, für die das Töten von Menschen zum Alltagsgeschäft gehört. – Die „Patinnen und Paten“ der in aller Welt herrschenden Politmafia töten freilich nicht selbst, sie haben dafür ihre bezahlten Killer. Das perfide daran ist, sie bezahlen die Killer nicht selbst, sie lassen sich diese und deren Ausrüstung vom sogenannten „Steuerzahler“ finanzieren. Sie „verkaufen“ dieses „Produkt“ als „nationale Sicherheit“. – Ich nenne das „globale Schutzgelderpressung“, und zwar aus den Gründen, die am 6. Juni 1944 in der Normandie zusammentrafen:

D-Day, zum 60. Male ein Anlaß zum Feiern, ein zweifelhafter Anlaß zum Feiern, denn die Erinnerung an einen Tag, an dem viele unserer Mitmenschen ihr Leben ließen, ist ein Trauertag, kein Anlaß zu irgendwelchen Feiern, auch wenn diese mit Kranzniederlegungen verbunden sind. (Zu diesem Zeitpunkt kannte ich Laotses Worte noch nicht.)

Diejenigen, die mit einstudierter Zerknirschungs- und Betroffenheitsmimik die Kränze niederlegen, geht das Schicksal derer, die sie dadurch zu ehren vorgeben, am Arsch vorbei. Die aber, denen die „Ehrung“ gilt, haben für das veranstaltete Affentheater auch nach 60 Jahren kein Verständnis. Im Grunde schreien sie noch heute: Warum habt Ihr uns in den Tod geschickt?

Am 29.5.2004 wiederholte Godehard Uhlemann in der RHEINISCHEN POST die Porpagandalüge:

Der Krieg ist so alt wie die Menschheit.“

Die „Menschheit“ existiert seit rund fünf Millionen Jahren. Das Phänomen „Krieg“ ist nicht älter als etwa 80.000 Jahre. Kriege waren in den Jahrmillionen, die vorangegangen waren, unmöglich. Krieg bedeutet immer Abbruch der Kommunikation. Das Leben unserer „vorsintflutlichen“ Ahnen war aber von einem solch starken Bedürfnis nach Kommunikation geprägt, daß die dem Menschen eigentümliche Wortsprache entstand. Mit anderen Worten: hätten sich unsere Ahnen so danebenbenommen, wie wir es seit einigen Generationen nicht anders kennen, kein Wort wäre je über die Lippen des Menschen gekommen.

Der Krieg kam nach der Sintflut in die Welt. – Es war nicht die biblische Sintflut, denn diese ist, wie der Tod des Abel, schon Teil des seit Jahrtausenden bestehenden Propagandaapparats.

Die „Sintflut“, der Anstieg des Meeresspiegels zu Beginn der Eem-Warmzeit vor rund 93.000 Jahren, isolierte eine Population von kaum mehr als zehntausend Neandertalern auf einer Insel und schnitt ihnen nicht nur den Kontakt, sondern jede Sichtverbindung zum „Festland“ ab. Aus Sicht der Insulaner, die natürlich noch keine Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde hatten, war die übrige Welt und damit alles Leben in den Fluten untergegangen. Sie mußten sich als die einzig verbliebenen Menschen betrachten. Für diesen realen Kern des Sintflutmythos gibt es vier gewichtige Indizien:

  1. Eine Forschungsgruppe um den Genetiker Lynn Jordy (University of Utah) ist zu dem Schluß gekommen, der moderne Mensch sei aus einer Population von allenfalls einigen zehntausend Individuen hervorgegangen, die vor etwa 70 bis 80.000 Jahren die Erde bevölkerten. Jordy selbst nannte die von ihm entwickelte Theorie über die Anfänge des „modernen“ Menschen Bottleneck-theory = Flaschenhalstheorie.

  2. Seit dem 4. November 1999 liegt eine Presseerklärung der Max-Planck-Gesellschaft vor, Aktenzeichen PRI B 17/99 (63). Darin heißt es:

Verglichen mit ihren nächsten tierischen Verwandten, den Schimpansen, sind alle derzeit lebenden modernen Menschen immer noch „Brüder“ beziehungsweise „Schwestern“.

Das sind in Kurzform die Erkenntnisse des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. („Nadelöhrtheorie“ des MPI)

3. Vor rund 60.000 Jahren neigte sich die Eem-Warmzeit ihrem Ende entgegen, die letzte Eiszeit begann und erreichte vor etwa 18.000 Jahren ihren Höhepunkt. Der Unterschied zwischen dem eiszeitlichen Meeresspiegel und dem heutigen „Normalnull“ beträgt satte 130 Meter. Man kann also durchaus davon ausgehen, daß die Verhältnisse vor 93.000 Jahren nicht viel anders waren. Wenn ein flaches Becken vom Meer geflutet wird, versinkt aus Sicht der werdenden Insulaner tatsächlich die ganze Welt im Meer.

4. Auf die Isolation deuten auch die Werkzeuge hin, die seitdem entstanden sind. Im Wirtschaftsleben wird „Isolation“ gewöhnlich durch Embargo oder Boykott herbeigeführt, diesmal war es aber „nur“ das Wasser. Beleuchten wir die Unterschiede in den Werkzeugen der steinzeitlichen Menschen einmal näher:

Die Faustkeile der frühen Erectus – Kultur ließen sich mit etwa 25 Schlägen in einem Arbeitsgang fertigen, bei den späteren waren schon zwei Arbeitsgänge mit insgesamt 65 Schlägen erforderlich. Für ein Messer des Neandertalers bedurfte es drei Arbeitsgängen mit 111 Schlägen (Moustérien-Technik); demgegenüber erfordert ein nach der Aurignacien-Technik hergestelltes Messer des Crô – Magnon – Menschen 251 Schläge in neun Arbeitsgängen.“ ( George Constable, der Neandertaler, Time-Life, 5. Auflage 1979)

Der „Technologiesprung“ von 25 Schlägen in einem Arbeitsgang auf neun Arbeitsgänge mit 251 Schlägen läßt sich mit höherer Intelligenz kaum erklären, denn am Ende dieser vielen Arbeit stehen zwar „Spezialwerkzeuge“, die in ihrer Gesamtheit aber auch nicht mehr leisten als ein gut durchdachter simpler Faustkeil. Jeder Betriebswirt würde sich ob des Aufwands, den die Crô-Magnon-Menschen bei der Herstellung ihrer Steinklingen betrieben, die Haare raufen. Die Arbeitskosten für die Fertigung dieser filigranen Werkzeuge erscheinen unter ökonomischen Aspekten immens hoch.

Die hohen Herstellungskosten könnten sich allerdings als notwendiges Übel herausstellen, wenn man die Kosten des Ausgangsmaterials berücksichtigt.

Menschen haben zu allen Zeiten die verschiedensten Steinsorten als Werkzeuge verwendet. Eindeutiger Favorit war aber der Feuerstein wegen seiner besonderen Splittereigenschaften. Obsidian, schwarzes vulkanisches Gesteinsglas, hat ähnliche Eigenschaften und wurde damit – zumindest in Amerika – in bestimmten Gegenden der einzige echte „Konkurrenzwerkstoff“ zum Feuerstein. Aber nicht überall, wo die frühen Menschen siedelten, gab es Feuerstein oder Obsidian, Feuersteinknollen finden sich in Kreidefelsen, Obsidian in der Nähe von Vulkanen. Zur Beschaffung der begehrten Rohstoffe für ihre Werkzeuge waren die Menschen der Steinzeit also seit Erectus’ Zeiten auf den Handel angewiesen.

Wie hoch Feuerstein beim Übergang zur Kupferzeit an steinzeitlichen Börsen gehandelt worden wäre, zeigt sich daran, daß unsere Crô-Magnon – Vorfahren nicht mehr genug Feuersteinknollen an der Erdoberfläche aufsammeln konnten. Es hat sich für sie rentiert, Schächte in die Kreidefelsen Englands und in entsprechende Gesteinschichten Bayerns abzuteufen und tiefe Stollen zu graben, um den begehrten Rohstoff zu gewinnen.

Wäre die heutige Menschheit immer noch auf den Feuerstein angewiesen, er wäre wohl mit Diamanten nicht aufwiegen.

Im Zusammenhang mit der Verfeinerung der Abschlagtechnik ist daher eine Rohstoffverknappung wesentlich plausibler als der sogenannte „Fortschritt in der Entwicklung“ Der Mensch hatte frühzeitig das Bücken gelernt, denn offenbar waren bereits die Neandertaler dazu gezwungen, sich nach jedem Abschlag auch die Bruchstücke genau anzusehen, die ihre Vorfahren noch als Abfall betrachtet hatten. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn klimabedingt lag ein Teil der Rohstoffvorkommen über lange Zeiträume hinweg unter dem Inlandeis begraben.

Unsere Vorfahren vom Erectus – Typ lebten also vergleichsweise im Paradies. Sie konnten sich damit begnügen, aus einem Pfund Feuerstein nur 5 bis 20 cm Schnittkante herauszuholen. An dieser Stelle erinnere ich nochmals daran, daß alle Steinwerkzeuge der Welt ausschließlich dem Zweck dienten, Fleisch, Fell, Knochen und gelegentlich ein wenig Holz zu bearbeiten. Der Neandertaler war bereits gezwungen, seinen Einfallsreichtum darauf zu verwenden, aus einem Pfund Feuerstein 100 cm Schnittkante herzustellen. Mehr waren nicht nötig.

Ganz anders verhält es sich beim „Übergang“ zum rezenten Menschentyp:

Der „Technologiesprung“ vom Moustérienmesser des Neandertalers zur Aurignacienklinge des Crô-Magnon ließ nicht nur den Arbeitsaufwand zur Herstellung einer scharfen Klinge um mehr als 100 % ansteigen, die Gesamtlänge der Arbeitskante, die aus einem Pfund Feuerstein herausgearbeitet wurden, wuchs auf die Länge von 12 Metern. Der Verwendungszwecks änderte sich nicht. Daher erscheint ein solcher Arbeitsaufwand schon fast als übertriebener Luxus, war es aber nicht. Die Menschen, die sich später anschickten, die Erde zu dominieren, hatten keine andere Wahl, als auch noch aus dem letzten Splitter einer Feuersteinknolle etwas Brauchbares herauszuholen.“

Nach allem ist es als erwiesen anzusehen, daß wir alle Abkömmlinge der Population sind, die von der Sintflut auf „Bottleneck“ festgesetzt worden war.

Furcht und Schrecken vor Euch sei über alle Tiere auf Erden und über alle Vögel unter dem Himmel, über alles, was auf dem Erdboden kriecht, und über alle Fische im Meer; in eure Hände seien sie gegeben.“

Diese Worte soll Gott Noah und seinen Söhnen am Ende der Sintflut mit auf ihren weiteren Lebensweg gegeben haben. (1. Mose 9, 2)

Dieses vorgebliche „Wort Gottes“ war schon damals eine Bestandsaufnahme menschlichen Verhaltens. Es wurde Gott in den Mund gelegt, weil nicht nur Gott den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hatte, vor allem hatte der Mensch Gott nach seinem eigenen, unvollkommenen Selbstbild erschaffen. So projiziert der Mensch seine asozialen Neigungen gern auf die jeweils „herrschende“ Gottheit, von der er den „göttlichen Befehl“, ebenfalls unsozial zu handeln, ableiten kann. Als „Vollstrecker göttlichen Willens“ ist man schließlich jeder Verantwortung für das eigene Handeln enthoben. Man schaut mit den unschuldigen Augen eines Dackels oder Labradors, der soeben die besten Schuhe des Herrchens geschreddert hat, gen Himmel: „Lieber Gott, habe ich was Böses getan?“

Nein, niemand hat jemals etwas Böses getan. Von Anbeginn der Zeit, die uns als „Kulturgeschichte“ bekannt geworden ist, hat niemand irgendwann irgendwo „etwas Böses“ getan, von den „Nazis“ einmal abgesehen. Zu dumm, denn nach dem oben Gesagten sind „Nazis“ auch nicht mehr oder weniger als „gewöhnliche“ Menschen. – Nach den Feststellungen des MPI für evolutionäre Anthropologie waren auch die „Nazis“ Brüder und Schwestern Noahs und seiner Söhne. Noah und seine Söhne verbreiteten als gottesfürchtige Menschen Furcht und Schrecken, weil Gott es ihnen befohlen hatte. Noah hatte zwar nur drei Söhne, aber eine Unzahl von Nachkommen. Die sind, wie die Leipziger Forscher gezeigt haben, alle „Brüder“ und „Schwestern“.

Die Geschichte der „zivilisierten“ Menschheit ist angefüllt mit der Verbreitung von Furcht und Schrecken. Das wird dann Gott wohl so befohlen haben. Ausnahmslos beinhaltet der Befehl den Willen des Befehlshabers. Wenn der Befehlshaber Gott ist und „Furcht und Schrecken“ befiehlt? – Ist dann nicht jeder, der „Furcht und Schrecken“ verbreitet, ein „Befehlsempfänger Gottes“?

Terror als „Vollstreckung göttlichen Willens?“ – Das kann ja wohl nicht wahr sein! – Aber in der Bibel heißt es nun einmal ausdrücklich:

Furcht und Schrecken vor Euch sei über alle Tiere auf Erden und über alle Vögel unter dem Himmel, über alles, was auf dem Erdboden kriecht, und über alle Fische im Meer; in eure Hände seien sie gegeben.“

Offensichtlich kommt auch der „zivilisierte“ Mensch des 21. Jahrhunderts diesem „göttlichen Auftrag“ immer noch nach: „Alle Tiere auf Erden“ seien dem ungebremsten Terror Noahs und dem seiner Abkömmlinge ausgeliefert: Massentierhaltung als „Vollstreckung göttlichen Willens“. Tierversuche als „Vollstreckung göttlichen Willens“. Nun ist auch der Mensch ein Säugetier. – Die Frage, die sich an dieser Stelle aufdrängt, klingt vielleicht einfältig, dennoch möchte ich sie beantwortet haben:

Waren die Menschen, die ohne jeden vernünftigen Zweifel bei Entstehung der Bibel den Planeten Erde bevölkerten, aber keinen israelitischen „Reisepaß“ hatten, „Tiere“? – „Krochen“ sie über den Erdboden oder wurden sie zum „Kriechen“ gezwungen? – Man denke nur an die Behandlung der irakischen Gefangenen, die ihnen ihre „Brüder“ und „Schwestern“ aus Amerika angedeihen ließen.

Niemand darf in diesem Zusammenhang darüber hinwegsehen, daß man es sich seit unvordenklichen Zeiten sehr einfach macht, Artgenossen verbal aus der menschlichen Gemeinschaft auszuschließen: Sklaven galten zu allen Zeiten als „Sachen“. Für die belgische Kolonialverwaltung zählten Pygmäen bis in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts „zur Fauna des Waldes“. Unliebsame Art- und Zeitgenossen werden verbal auch heute noch mit Tieren gleichgesetzt. Die Begriffe „Judensau“ und „Nazischwein“ weisen auf ein- und dieselbe Vorstellungswelt hin. Schweine sind Tiere, denen der „moderne“ Mensch – zu Unrecht – mit der größten Geringschätzung begegnet. Und Schweine unterliegen zweifellos dem „Terrorgebot“ Gottes.

Daß es ein „Terrorgebot“ Gottes jedoch nicht geben kann, werden wohl auch Sie nicht in Abrede stellen wollen.

Es sieht demnach ganz danach aus, als könne allein der Sprachgebrauch den Artgenossen zum Un-, Nicht- bzw „Untermenschen“ machen. Und so ist es tatsächlich, wie Sie noch sehen werden. Diese Wahrheit wird Ihnen sehr unbequem vorkommen, auch das werden Sie sehen. Sie werden sie am liebsten übersehen wollen.

Eben weil die Wahrheit unbequem ist, wird in der Geschichtsschreibung geflissentlich übersehen, daß die totalitäre Herrschaftsform des Nationalsozialismus nicht aus heiterem Himmel über Europa hereinbrach. Sie war nicht einmal deutscher Provenienz:

Schreiben wir zur Abwechslung einmal einen Brief aus dem „Jenseits“ an den „Führer“ der „freien“ Welt:

Lieber Schorsch Dabbelju,

Der abwegigste Gedanke, auf den ein Politiker verfallen könnte, wäre die Annahme, daß ein Volk nur mit Waffengewalt bei einem anderen Volk einzudringen brauche, um es zur Übernahme seiner Gesetze und seiner Verfassung zu bewegen. Niemand liebt bewaffnete Missionare.“

Dein

Maxi“

Diese fundamentale Erkenntnis paßt so gar nicht in das Bild, das man sich gemeinhin von „Maxi“(milien Robespierre) macht. Dieser „Geistesblitz“ wird nämlich überschattet durch das alltägliche Wirken eines staatlich besoldeten „Terroristen“. Er begründete die „Banalität des Bösen“.

Das Regime des „Terreur,“ welches Robespierre während der französischen Revolution veranstaltet hatte, bildet das Grundmuster der „nachrevolutionären“ Regime im Europa des zwanzigsten Jahrhunderts: Bespitzelung und Denunziation; „Geheimpolizei“ und exzessiver Gebrauch der Todesstrafe.

Es änderte sich nach 1917 und 1933 die Größenskala, aber nicht das Muster staatlichen Terrors. Die „Weltrevolutionen“ endeten in einer Dikatatur. Geisteshaltungen und „Rezepte“ für die „Ordnung“ innerhalb des „Staates“ sind bei allen „großen Diktatoren“ den Gedanken Robbespieres verblüffend ähnlich. So ähnlich, daß eine Äußerung Robespierres taktische Erwägungen „moderner“ Politiker widerspiegelt, die bis zu einem Gerhard Schröder und Joschka Fischer reichen.

Ich habe mich nie gegen den Krieg ausgesprochen, sondern gesagt, man dürfe ihn erst führen, wenn man die Feinde im Innern mit Sicherheit ausgeschaltet hat.“

Die Feinde im Innern“ schaltet man in der „westlichen Welt“ freilich nicht mehr durch den Henker aus, willfährige Medien erledigen diesen Job unblutig und wesentlich eleganter.

Am 1.September 1939 waren die „Feinde im Innern“ sowohl im Deutschen Reich als auch in der Sowjetunion ausgeschaltet, der Krieg konnte beginnen. Merkwürdig ist schon, daß die „Westmächte“, die der Beistandspakts mit Polen dazu veranlaßte, dem Deutschen Reich am 3.9.1939 den Krieg zu erklären, diese Kriegserklärung nicht auf die Sowjetunion ausdehnten. Stalins Truppen marschierten nämlich wenige Tage später den deutschen Truppen entgegen. Aber nicht um diese aufzuhalten, vielmehr zwecks Beuteteilung. Man traf sich an der im Hitler-Stalin-Pakt vereinbarten Demarkationslinie. Auf beiden Seiten derselben ging alsdann der Terror los.

Die Ähnlichkeit der Terrorregime des zwanzigsten Jahrhunderts mit dem des „Terreur“ im revolutionären Frankreich belegt eine Äußerung des ehemaligen Kampfgenossen Robespierres, die durchaus von Heinrich Himmler hätte stammen können:

Seinen wir schrecklich, damit das Volk es nicht zu sein braucht.

Der Weggefährte Robespierres hieß Danton. Im Gegensatz zu Himmler überlebte Danton seinen „Führer“ nicht: Robespierres „Säuberungen“ begannen mit der Beseitigung des „linken“ Flügels seiner Bergpartei.

Robespierre ließ die Führer dieses linken Flügels, Hébert und seine Anhänger, im März 1794 verhaften und hinrichten. Nur wenige Tage später, Anfang April 1794, wurden zur allgemeinen Überraschung die Rechtsabweichleer, die Nachsichtigen, Danton, Desmoulins und ihre Freunde, eingekerkert, mit denen Robespierre bis zuletzt in einem Zweckbündnis gestanden hatte. Obwohl sie sich vor dem Konvent unerschrocken verteidigten und das Volk Anstalten machte, ihnen zur Hilfe zu kommen, ließ Robespierre im April auch diese alten Kampfgenossen guillotinieren. Nun schien es niemanden mehr in Frankreich zu geben, der ihm gefährlich werden konnte.“ ( Eberhard Weis, Propyläen Geschichte Europas, zitiert nach Weltbild Geschichte Europas 1776- 1847: Der Durchbruch des Bürgertums, Augsburg 2002, S. 148f)

Die Schicksale Trotzkis und Röhms waren zwar nicht von der „historischen Notwendigkeit“ oder der „Vorsehung“ beabsichtigt, aber auch nicht rein zufällig. Sie sind mehr oder weniger als „mustergültig“ zu betrachten.

Ebenso mustergültig war das Verhalten der Schergen, die Robespierre gedient hatten: Dem Henker von Paris war es vom Anfang der Revolution an egal gewesen, wer ihm seine Klientel aufs Schafott brachte. Seine einzige Sorge hatte einem scharfen Schwert gegolten. Diese Sorge nahm im der Klavierbauer Tobias Schmidt ab, indem er das Köpfen mechanisierte. 150 Jahre später feierte die Guillotine zur Beseitigung politischer Gegner ausgerechnet in der Heimat ihres Erfinders erneut Orgien.

Dann war der Spuk vorbei. – Und niemand, der sich am Terror beteiligt hatte, war’s gewesen:

Nach dem Sturz Robespierres hörte der Terror schlagartig auf. Schon zwei Tage danach gab es in Paris wieder Fröhlichkeit, Musik und Tanz. Die Gefängnisse öffneten sich, Frankreich erwachte wie aus einem bösen Traum. (…) Von den neun Männern, die Robeswpierre am 27. Juli 1794 gestürzt hatten, waren fünf ehemalige enge Mitarbeiter von ihm im Konvent und in den beiden Komitees, die anderen vier waren Dantonisten, die sich jedoch ursprünglich ebenfalls am Terror beteiligt hatten. Die neuen Machthaber, die Thermidorianer, wurden alsbald das Ziel heftiger Angriffe von zwei Seiten: vom gemäßigten Bürgertum und von den Sansculotten, die beide jetzt sogar eng zusammenarbeiteten. Gerade aus den Sektionen, welche die Tradition des von Robespierre hingerichteten Hébert fortsetzten, kamen die heftigsten Anklagen gegen die Terroristen. Der Konvent seinerseits war nur bereit, gegen extreme Terroristen von gestern vorzugehen, beispielsweise gegen den Massenmörder von Nantes, Carrier, den nun selbst die Todesstrafe ereilte. Im übrigen schützte der Konvent die Männer der neuen Regierung gegen ihre Ankläger. Er hätte sich sonst selbst desavouieren müssen; denn ein Jahr lang hatte derselbe Nationalkonvent gehorsam für alle von Robespierre gewünschten Maßnahmen gestimmt.“ ( E. Weis, aaO, S 151f)

Die Ähnlichkeiten mit “treuen Vasallen des Führers” und “linientreuen Kommunisten“, die nach 1989 zu „demokratischen Sozialisten“, Sozialdemokraten und „echten“ Christdemokraten mutierten, sind weder beabsichtigt noch zufällig: „Wendehälse“ gab es schon zweihundert Jahre vor dem Begriff.

Irgendwie hat all das eine unverkennbare Ähnlichkeit zur Symbolfigur der französischen Revolution. Diese befindet sich auch heute noch als mannshohe Skulptur in Paris. Ihre vergrößerte Kopie, die weltbekannte „Freiheitsstatue“ ziert den Hafen von New York. Die vergrößerten Kopien eines Maximilien Robespierre, nämlich Hitler, Stalin und dessen Nachfolger und Vasallen im „Ostblock“, mit der Freiheitsstatue in einen Topf zu werfen, das ziemt sich nicht, werden Sie einwenden. Natürlich ziemt sich das nicht. Die Wahrheit hat sich noch nie geziemt, aber auch nicht aufhalten lassen:

Denn die Wahrheit ist, daß die „amerikanische Nation“ den europäischen „Nationen“ in den Jahren 1860 bis 1865 geradezu „vorexerziert“ hat, wie man (als vergrößerte Kopie des französischen Bürgerkriegs) Bruder und Freund zum Feind erklärt und ohne die geringsten Skrupel auf ihn schießt.

Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber in all ihrer Unwiederholbarkeit bringt auch die „Geschichte“ immer wieder dieselben unverkennbaren Muster hervor:

Auch in der „Neuen Welt“ kam es wiederholt zu Situationen, die den militärischen Kräfteverhältnissen am 6.6.1944 verblüffend ähnlich waren.

Das beste Beispiel für „heldenhalften“ Widerstand gegen eine erdrückende Übermacht ist die Schlacht am Alamo. Am Alamo standen 190 Texaner gegen rund 1.500 Soldaten des mexikanischen Generals Santa Ana.

In den späteren „Beutefeldzügen“ der US-Army war es General Custer, der sich am Little Big Horn in einer an D-Day erinnernden militärischen Situation befand. Aber weder Davie Crocket am Alamo noch Custer am Little Big Horn spielten auch nur mit dem Gedanken, vor der Übermacht des „Feindes“ zu kapitulieren. Beide werden heute noch als „Helden“ verehrt und gepriesen.

Crocket und Custer waren freilich nicht die Erfinder des Heldentums. Das Kräfteverhältnis der Schlacht am Alamo entspricht in etwa dem des wohl berühmtesten „sinnlosen“ Widerstands gegen einen militärisch überlegenen Gegner, nämlich dem Widerstand der Spartaner gegen das persische Heer an den Thermopylen. „Wanderer, kommst Du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.“

Auf den „Gesetzesbefehl“ werden wir noch zurückkommen, zunächst einmal wollen wir eine Vorstellung von der Zahl der „Helden“ gewinnen:

Leonidas hatte 300 Soldaten an seiner Seite, Custer 250. Auf die Schnelle konnte ich die Stärke der militärischen Kräfte der Perser bzw. der vereinigten Truppen der Sioux und Cheyenne nicht ermitteln. Jedenfalls dürfte die militätische Übermacht auch in diesen Fällen erdrückend gewesen sein.

Warum also, so frage ich Sie, hätten die deutschen Soldaten am 6.6.1944 und danach klein beigeben sollen? – Bloß deshalb, weil sie „Deutsche“ waren und am Ende die großen Verlierer?

Im Nachhinein ist man immer klüger. Und genau darin liegt übrigens die Crux einer jeden Geschichtsschreibung. Historiker beurteilen die „Geschichte“ vom grünen Tisch aus, nicht vom Schlamm her.

Für den Juristen gibt es zwei Formen der Betrachtung ein und desselben Sachverhalts. Einmal die -übliche- Betrachtung ex post, also die Sicht nach hinten, ein andermal die Sicht von der Vergangenheit in die Gegenwart, die ex-ante-Betrachtung. Und diese allein ist entscheidend für die Frage, ob für den Handelnden eine Handlungsalternative bestand. Ex ante betrachtet, bestand für keinen der Beteiligten eine Alternative. Sie alle hatten, wie man so schön sagt, „ihre Befehle“.

Wir werden noch sehen, was es damit auf sich hat, zunächst einmal aber zurück zu den Worten Gottes, die geprägt wurden, als Noah und seine Söhne längst das Zeitliche gesegnet hatten:

Du sollst nicht stehlen“

So heißt es in der Bibel. Gegen dieses Gebot verstößt seit unvordenklichen Zeiten jeder Kriegsherr, auch der gottesfürchtigste. Gegen dieses Gebot verstieß auch der Versailler Vertrag. Denn das „deutsche Volk“ hatte mit der Familienfehde europäischer Fürstenhäuser, die den ersten Weltkrieg ausgelöst hatte, nichts, aber auch gar nicht zu tun, außer daß ihm anschließend die Kosten auferlegt wurden. Und das reichlich. Vierzehn Jahre lang wurde das in der Mitte Europas lebende Volk von den „Siegermächten“ ausgepreßt wie eine Kolonie.

Man klebte Menschen, die unter dem Krieg gelitten hatten, die „Kriegsschuld“ an die Backe und bemäntelte die wirtschaftliche Kolonisierung Deutschlands mit dem Begriff „Reparationen“.

Es dürfte damals kaum einen Menschen gegeben haben, der es nicht als Versklavung empfand, allein wegen seiner deutscher „Staatsangehörigkeit“ verdammt zu sein, unentgeltlich für Dritte zu arbeiten.

Das konnte nicht gutgehen, und es ging auch nicht gut. Die verlogene Propaganda der Plünderer brachte ungewollt sogar ein eigenes Ministerium hervor, nämlich das „Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda“. Propaganda leitet sich ab aus dem lateinischen Wort propagare, das „sich fortpflanzen“ bedeutet. Und in aller Regel sind es dreiste Lügen, die sich da fortpflanzen solen. Nicht nur unter Reichsminister Goebbels; auch unter einem Präsidenten Bush und einem Kanzler Schröder. Seltsamerweise hatten nur die Nationalsozialisten für Propaganda ein eigenes Ministerium. In allen übrigen Ländern war

Propaganda Chefsache, und sie ist es heute noch. Propaganda hat sehr viel mit Wortwahl und Sprachgebrauch zu tun. Denn die Sprache erzeugt die Bilder in den Köpfen der Menschen und formt deren „Weltbild“ und das Bild, das sie sich von Menschen machen, die sie nicht kennen. Erinnern Sie sich an meine Worte: „Es sieht ganz danach aus, als könne allein der Sprachgebrauch den Artgenossen zum Un- bzw. „Untermenschen“ machen?“ Der Paß kann das auch, und zwar noch viel besser. Sie werden lachen, aber beide zusammen machen aus einem „Hunnen“ sogar einen „richtigen“ Engländer;

Machen wir eine Reise, und zwar von Sachsen-Coburg-Gotha nach Windsor und von Battenberg nach Mountbatton. Diese Reise nimmt exakt soviel Zeit in Anspruch wie eine Reise von der Rheinlandstraße 17 zur Lothringer Straße 43 in Düsseldorf. Ich will Ihnen die Reisedauer gerne verraten, aber vielleicht kommen Sie von selbst hinter das Geheimnis: die Reisedauer entspricht einer Reise von der Boelckestr. 14 zur Kehler Straße 14. Die Reise ist eine Zeitreise und dauert nicht einmal den geringstmöglichen Bruchteil einer Sekunde (sog. Planck-Zeit). Das Geheimnis heißt „Umbenennung“. Die Boelckestraße wurde nach dem zweiten Weltkrieg zur Kehler Straße, Nummer 14 war das Elternhaus meines Vaters; mein Elternhaus wurde in den 60ern des vorigen Jahrhunderts zur Lothringer Straße 43, weil der Hauseingang an der Lothringer Straße liegt. – Wenn Sie mich fragen, mehr als Etikettenschwindel ist all das nicht.

Und mehr als Etikettenschwindel ist das, was Geschichtsschreibung und „aktuelle Berichterstattung“ den Menschen als „große Staatsmänner“ seit rund 6.000 Jahren aufschwatzt und verkauft, auch nicht. Deswegen ist die Reise von Battenberg nach Mountbatton im Grunde „zeitlos“, aber es ist interessant, daß sie mitten im ersten Weltkrieg ihren Anfang nahm:

In der britischen und französischen Propaganda des ersten Weltkriegs wurden die Deutschen als „Hunnen“ diffamiert. Das sogenannte „Haus Windsor“ war bis in den ersten Weltkrieg das „Haus Sachsen-Coburg-Gotha“. Man glaubte, seine „deutschen“ Eigenschaften loszuwerden, indem man den Namen anglisierte. Bei „Sachsen-Coburg-Gotha“ geht das nicht so einfach, also nahm man den Namen des Stammschlosses an: Windsor. Die Battenbergs, die den späteren Prinzgemahlen stellten, hatten es da einfacher: Mountbatton. Läßt man all diese Namensspielchen beiseite, wird Willi Battenberg einmal König werden. „Hunnen“ werden die Royals trotz allem wohl geblieben sein…

Was Propaganda anrichten kann, wußte Konfuzius schon vor 2.500 Jahren:

(Der Schüler) Zi-lu sprach zu Konfuzius:

Wenn Euch der Herrscher des Staates Wei die Regierung anvertraute – was würdet Ihr zuerst tun?“

Der Meister antwortete: „Unbedingt die Namen richtigstellen.“

Darauf Zi-lu: „Damit würdet Ihr beginnen? Das ist doch abwegig. Warum eine solche Richtigstellung der Namen?“

Der Meister entgegnete: „Wie ungebildet du doch bist, Zi-lu! Der Edle ist vorsichtig und zurückhaltend, wenn es um Dinge geht, die er nicht kennt.

Stimmen die Namen und Begriffe nicht, so ist die Sprache konfus. Ist die Sprache konfus, so entstehen Unordnung und Mißerfolg. Gibt es Unordnung und Mißerfolg, so geraten Anstand und gute Sitten in Verfall. Sind Anstand und gute Sitten in Frage gestellt, so gibt es keine gerechten Strafen mehr. Gibt es keine gerechten Strafen mehr, so weiß das Volk nicht, was es zu tun und was es lassen soll. Darum muß der Edle die Begriffe und Namen korrekt benutzen und auch richtig danach handeln können. Er geht mit seinen Worten niemals leichtfertig um. („Gespräche“ XIII, 3)

Ob die Namen und Begriffe stimmten, als Ludwig XVI. in Gestalt des „Bürger Louis Capet“ zum Schafott gekarrt wurde.mag dahinstehen. Jedenfalls mußte der Mann mit Schrecken feststellen, daß man ihn schlicht „umetikettiert“ hatte.

Der „Bürger Louis Capet mußte am eigenen Leibe erfahren, daß viele Dinge, die uns im Umgang mit unseren Mitmenschen zu schaffen machen, weniger einer Frage der Etikette als des Etiketts sind. Hermann Göring hat es auf den Punkt gebracht. Er soll einmal gesagt haben: „Wer Jude ist, bestimmen wir!“

In gewisser Hinsicht hatte er damit recht, denn es gibt auf dem Planeten Erde weder Juden noch Deutsche. Es gibt weder „deutsches“ noch „jüdisches“ Blut, es gibt auch kein „Nigger“- oder „Indianerblut“. Wer etwas anderes behauptet, sollte dafür zumindest Beweis antreten können. Das aber kann er nicht, denn die gesamte Menschheit kennt nur vier Blutgruppen: A, B, AB und Null, und diese sind nach einem bestimmten statistischen Schlüssel unter allen Menschen verteilt. Nach irgendwelchen „Rassen“ oder „Rangabzeichen“ wurde und wird in der Evolution nicht gefragt. Das verbindet die Evolution mit dem Geist der französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Diesem Geist versuchte man, mit Gewalt zum Durchbruch zu verhelfen, was freilich gründlich in die Culotte ging.

Wieder einmal zeigt sich, daß wir Menschen Australopithecinen vom Stamme Superbus Procrustes sind: hochnäsig und geneigt, sich mit Gewalt alles passend zu machen. Das Prokrustesbett wandelte während der französischen Revolution ein wenig seine Gestalt, das Damoklesschwert der Antike wurde zum Fallbeil.

Und damit müssen wir die Frage stellen:

Warum war es dem Henker von Paris, Henri Sanson d.J. gleichgültig, wer ihm die Leute aufs Schafott schickte?

Von den V.I.P. des ausgehenden 18. Jahrhunderts kamen zunächst der König und seine Frau, dann Danton und zu guter Letzt Robespierre an die Reihe. Sanson hat sie alle geköpft. Und das nur deshalb, weil man ihn damit beauftragt hatte. Das unterscheidet ihn nicht von den Henkern im Staatsgefängnis von Huntsville, Texas. Um es der Vergessenheit zu entreißen: Huntsville war die „Place de la Condorde“ des texanischen Gouverneurs G.W. Bush. Huntsville und die Place de la Condorde provozieren in diesem Zusammenhang die zweite Frage:

Warum töten heute noch Menschen andere Menschen, die ihnen nichts getan haben, bloß weil ein Dritter sie damit beauftragt?

Fangen wir mit der ersten Frage an: Herrn Sanson war es egal, wer ihm den Auftrag gab, es war ihm aber durchaus nicht gleichgültig, wen er einen Kopf kürzer machte. So schreibt Ludwig Barring in „Götterspruch und Henkershand (Essen 1980)“ :

Unter den Guillotinierten von der Place de la Concorde waren auch die zwei berühmtesten Opfer der neuen Maschine, Ludwig XVI. Und Marie Antoinette, und wenn man in den Erinnerungen des Schafrichters Sanson liest, mit welcher Befangenheit er diesen Exekutionen entgegenging,, dann möchte man meinen, er habe alles vorausgeahnt und wegen dieser beiden Todesurteile auf die Ent-Schuldung seiner Hand, auf die Einführung einer Maschine gedrungen.“ (Barring, S. 164)

Barring fährt fort:

Er (Sanson) war als getreuer Diener der Obrigkeit und als Erbe einer alten Scharfrichter-Tradition vielleicht zum erstenmal tief uneins mit seinem Beruf, und wer glaubt, daß dieser verrufenste aller Berufe stets nur von völlig verrohten Individuen ausgeübt worden sei, der tut gut daran, das Tagebuch Sansons zumindest auszugsweise zu lesen“.(Barring aaO 165)

1119 Menschen starben allein auf der Place de la Concorde. Mit den 1306 Toten von der Place de la Nation und den 73 von der Place de la Bastille sind es rund zweieinhalbtausend Menschen, die „offiziell“ hingerichtet wurden. Von dieser „Statistik“ sind all jene nicht erfaßt, die in den Gefängnissen oder einfach auf der Straße abgeschlachtet wurden.

Einige Worte Barrings muß ich an dieser Stelle zur Verdeutlichung wiederholen und hervorheben:

Er war als getreuer Diener der Obrigkeit….

Getreue Diener der Obrigkeit waren auch die Männer, die am 6. Juni 1944 in der Normandie landeten. Getreue Diener der Obrigkeit waren aber auch die Männer, die sie an der Landung zu hindern versuchten. Auch die Männer des 20. Juli waren treue Diener der Obrigkeit.

Es ist, lassen Sie mich das hier kurz einfügen, verblüffend, daß die Männer des 20. Juli bis zum letzten Augenblick ihrer geplanten Tat von ähnlichen Gewissensbissen geplagt wurden wie 152 Jahre zuvor Charles-Henri Sanson.(vgl. Barring, S. 165-169)

Wie Sanson waren auch die Männer, die Jesus von Nazareth ans Kreuz nagelten, getreue Diener der Obrigkeit. Einen Mann ans Kreuz zu schlagen, das war für sie Alltag und ein Job, den sie beherrschten.

Wie aber, das ist die zweite und die Kernfrage, kommt es dazu, daß derartige „Jobs“ alltäglich werden können, gilt doch die Tötung eines Menschen als die schwerste Straftat, die man überhaupt begehen kann? – Eine Straftat, die in manchen „Rechtsordnungen“ so schwer wiegt, daß derjenige, der einen Menschen tötet, zur Strafe getötet werden muß.

Wirft man einen Blick auf die Vereinigten Staaten, zeigt sich, daß der Glaube an die Todesstrafe vor allem in Kreisen der biederen, obrigkeitsgläubigen Durchschnittsamerikaner unerschütterlich ist.

Aber mit der Biederkeit hat das so seinen Haken:

Während in Vietnam biedere Amerikaner auf Befehl Frauen und Kinder mit Bomben und Napalm überschütteten; während in My Lai der biedere Lieutenant Kelly Hunderte von Menschen niedermachen ließ, um die „Freiheit“ zu verteidigen, machte sich Stanley Milgram in aller Stille an ein Experiment, dessen Ergebnis die Menschheit eigentlich hätte aufhorchen lassen müssen:

Milgram ließ seine Probanden bei einem vermeintlichen Lernexperiment „Schüler“ für mangelnde Lernleistungen mit Elektroschocks „bestrafen“. Die Schocks reichten von 15 bis 450 Volt Spannung. – Milgram hatte erwartet, dass nur ein geringer Teil der Menschen zum Kadavergehorsam fähig wären. Entgegen allen Voraussagen und Erwartungen kannte die Mehrheit der Probanden trotz aller Gewissensbisse keine Skrupel. Rund 63% der (männlichen) Probanden waren bereit, auf Anweisung einer Autorität fremde Menschen zu quälen und zu töten.

63%, – dreiundsechzig (!) Prozent! – dieses überraschende Ergebnis passte weder seinerzeit noch passt es heute in die politische Landschaft. Es widerspricht dem Selbstverständnis des Homo sapiens sapiens. Es ist auch nicht kompatibel zum Menschenbild der großen Religionen. Deshalb wurde es auch in der Öffentlichkeit wenig beachtet und nicht weiter diskutiert. Man hat Milgram Fehler bei der Versuchsanordnung unterstellt und ansonsten das Ergebnis geflissentlich totgeschwiegen.

Das Milgram-Experiment“ gibt es als Taschenbuch. Meine Empfehlung: Schauen Sie sich gelegentlich den Film „I – wie Ikarus“ von Henri Verneuil an. Er enthält in einer ca. 10-minütigen Sequenz eine detailgetreue und eindringliche Darstellung dieses Experiments.

Wenn Sie einem Ihrer Mitmenschen begegnen, wird der mit einer Wahrscheinlichkeit von 63% ein kleiner Eichmann sein. Und Sie selbst sind mit derselben Wahrscheinlichkeit ebenfalls ein kleiner Eichmann. Ich selbst wäre vielleicht auch ein kleiner Eichmann geworden, hätte ich nicht im Sommer 1978 am Seminar „Abweichendes Verhalten und Labelling Approach“ bei Herrn Prof. (em.) Helmut Marquardt an der Universität Bonn teilgenommen. – Ohne diesen Hintergrund hätte ich 1991 in der Kreisverwaltung Rügen womöglich mit dem Stempel „sachlich und rechnerisch richtig“ und meiner Unterschrift als „getreuer Diener der Obrigkeit“ Schaden gestiftet: Der damalige Landrat des Kreises Rügen hatte von mir „erwartet“, zwei Kostenrechnungen eines Hamburger Rechtsanwalts über je DM 55.000,– „geräuschlos“ zu „bearbeiten“.

Ich weigerte mich, der „Bitte“ nachzukommen, machte mich auf die Suche nach den Akten und fand mich mitten in einem 4,4-Millionen DM schweren Schwindel wieder. Damit wurde ich für die Politik im Wahlkreis der gegenwärtigen CDU-Vorsitzenden so unbequem wie Milgram für die Weltpolitik.

Das Ergebnis des Milgram-Experiments mag unbequem sein, aber es darf nicht vergessen werden, dass die Bereitschaft zum Gehorsam gegenüber Inhabern sozialer Dominanzstellungen die Grundlage jeder Gesetzgebung darstellt. Kein Gesetz dieser Welt würde beachtet, wenn die Mehrzahl der Menschen nicht dazu bereit wären, es kritiklos zu befolgen. Allerdings zeigte Milgram auch die Grenzen der Möglichkeiten des „Gesetzgebers“ auf. Es ist nicht möglich, durch Gesetz ein den menschlichen Grundbedürfnissen entsprechendes Verhalten aus der Welt zu schaffen und gesellschaftliche Probleme durch Verbote zu lösen. Die Erwartung, daß alle dem Verbot Folge leisten werden, wird sich immer als Illusion erweisen. Es ist nämlich damit zu rechnen, daß mindestens 37% der vom Gesetz Betroffenen dieses einfach ignorieren werden.

Nicht nur Gehorsam, sondern auch Ungehorsam sind also genetisch determiniert. Deswegen ist jede Ideologie, deren Vertreter Macht erlangen, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gezwungen, im Laufe der Zeit immer mehr Zwang und Gewalt anzuwenden. Das System wird zunehmend Energie verzehren, bis es am Ende unter Turbulenzerscheinungen zusammenfällt. – So geschah es zuletzt mit dem „real existierenden Sozialismus“. Die verfallenen Städte des ehemaligen Ostblocks sind ein weithin sichtbares Zeichen dafür, dass die gesamte Energie in die Aufrechterhaltung des Zwangssystems geflossen war.

Die Mehrheit von uns ist zwar zum Kadavergehorsam fähig, aber nicht für alle Zeit bereit, wie der 20. Juli 1944 und der Aufstand im Warschauer Ghetto zeigen. Das entspricht dem Prinzip des geringsten Zwangs, wonach ein System, auf das ein Zwang ausgeübt wird, dem Zwang ausweicht. Kann es nicht ausweichen, erzeugt es Gegendruck.

Das Unverständnis des gegenwärtig herrschenden Weltbilds gegenüber der menschlichen Natur läßt sich anhand der Prohibition in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts gut verfolgen. Man hatte ein Gesetz erlassen, das den Amerikanern den Alkoholgenuss untersagte. Die geringe Akzeptanz des Gesetzes durch die Bevölkerung erforderte einen verstärkten Einsatz staatlicher Macht zu seiner Durchsetzung. Auf der anderen Seite waren die Anbieter der teuflischen Getränke; an deren Spitze waren wiederum die zu finden, die sich einen Teufel um Gesetze scherten. Es dauerte nur wenige Jahre, und das ganze Wechselspiel brachte das Sozialsystem der Gesetzlosen hervor, das heute noch als organisierte Kriminalität mit dem Sozialsystem „Staat“ rivalisiert. Mitglieder krimineller Organisationen befolgen keine staatlichen Gesetze. Sie gehorchen den Regeln ihrer Organisation und folgen den Anweisungen ihres Gangsterbosses. Am Ende wurden die USA von gravierenden wirtschaftlichen und politischen Instabilitäten heimgesucht. Auf die Prohibition folgte die „große Depression“.

Noch heute rivalisieren in aller Welt organisierte Kriminalität und staatliche Gewalt um Macht und Einfluss. – Beide Systeme sind offensichtlich zwei Seiten derselben Medaille. Immerhin beruhen beide Systeme auf dem Prinzip von Befehl und Gehorsam. Die staatliche Gewalt geht freilich weiter: Sie verlangt auch von Nichtangehörigen des Systems unbedingten Gehorsam gegenüber den „Gesetzen“ und Anordnungen des „Staates“.“

Die „Autorität“ der sogenannten staatlichen Gewalt geht auch ohne entsprechenden Fahneneid „bis in den Tod“. Die Bilder von nackten Menschen, die sich anläßlich ihrer eigenen Erschießung in Reih und Glied aufstellten, gelten heute noch als Zeugnis von der Unmenschlichkeit des nationalsozialistischen Regimes. Der „Gehorsamstrieb“ des Menschen ist offensichtlich stärker als der sogenannte „Selbsterhaltungstrieb“. Das ist auch kein Wunder, denn über Jahrmillionen hinweg konnten die Menschen ihren Hordenführern das gleiche Vertrauen entgegenbringen wie Stuten gegenüber ihrer Leitstute und Elefantenkühe gegenüber ihrer Leitkuh. Sie konnten sicher sein, daß dieses Vertrauen nicht mißbraucht wurde.

Milgram hat aufgezeigt, wie weit Menschen gehen können, wenn man ihnen den Befehl erteilt, andere zu schädigen. Ein entsprechendes wissenschaftliches Experiment, wie weit Menschen gehen, wenn man ihnen befiehlt, sich töten zu lassen, fehlt. – Es bedarf dieses Experiments nicht, denn die unfreiwilligen „Feldversuche“ zeigen überdeutlich, daß der Mensch auch im Angesicht des Todes Gehorsam leistet.

So ungern man es hören mag, aber in diesen Fällen verhalten sich Menschen nicht anders als Kavalleriepferde. Pferde rennen normalerweise von einer Gefahrenquelle davon. Kavalleriepferde rennen jedoch im gestreckten Galopp schnurstracks in den Untergang.

Wer über dieses Phänomen nicht ins Grübeln kommt und meint, das sei alles so in Ordnung, dem ist nicht zu helfen. In Zukunft darf er sich aber nicht beschweren und empören, wenn die Medien erneut über „Abschlachtungsorgien“ in dieser Welt berichten.

Ohne den „Gehorsamstrieb“ hätte es zu keiner Zeit irgendwelche „Lager“ gegeben, denn gerade das Leben in Konzentrations-, Gefangenen- und Internierungslagern basiert auf dem Prinzip von Befehl und Gehorsam. – Gehorsam bis in den Tod: Stillhalten, wenn das Beil fällt. Über diesen Sachverhalt müssen wir uns klar werden und ihn stets vergegenwärtigen.

Damit kommen wir der Beantwortung der Frage, die die Opfer der 60. Jahrestage stellen, freilich nur wenig näher: Sie starben, weil ihnen befohlen worden war, andere Menschen zu töten.

Aus ihrem Verhalten, nämlich dem Kampf, ergibt sich die andere Frage:

Warum setzten Menschen ihr Leben aufs Spiel?

Antwort: Im Gegensatz zum Krieg ist der Tatbestand der Selbstgefährdung, den wir im Alltagsleben als „Abenteuerlust“ bezeichnen, tatsächlich so alt wie die Menschheit:

Vor fünf Mio. Jahren erlebten unsere Vorfahren eine Art Klimakatastrophe.

Mit der Öffnung des ostafrikanischen Grabensystems wurde Ostafrika von der westafrikanischen Regenwaldzone gewissermaßen „abgekoppelt“ und trocknete aus.

Der Lebensraum für waldbewohnende Affen schrumpfte im Laufe der Zeit dramatisch.

Es vollzog sich der Übergang vom Regenwald zur Savannenlandschaft. Dies aber nicht ruckartig, sondern allmählich. Junge Bäume konnten mangels Wasser nicht mehr nachwachsen, die alten starben nach und nach ab.

In den dadurch freiwerdenden Lebensraum sickerten zunächst Pflanzen ein, denen Pflanzenfresser folgten. Diese wiederum lockten nach und nach die Fleischfresser an. – Die Natur folgte auch hier dem immer gleich bleibenden Muster der Besiedlung.

Unsere nächsten Verwandten im Tierreich sind Schimpansen und Bonobos. Weder Schimpansen noch Bonobos sind „Nahrungsspezialisten“, wir sind es auch nicht. Unsere gemeinsamen Vorfahren konnten es daher ebenfalls nicht gewesen sein.

Die frühen Australopithecinen mußten daher in der Lage gewesen sein, ihr Futter auch im offenen Gelände zu suchen. In den frühen Savannentagen, als es dort erst wenige andere Pflanzenfresser gab, war auch die Gefährdung durch die ihnen folgenden Raubtiere sehr gering.

Australopithecus war in der Savanne schon längst beheimatet, als Elefanten, Huftiere und deren Jäger aus Asien allmählich in die Savannenlandschaft einsickerten.

Freilich steht dem Nahrungserwerb eines Waldbewohners in der Savanne auch dann ein nicht zu unterschätzender Widerstand entgegen, wenn kein Jäger da ist. Dieser ist im Organismus selbst zu finden und heißt Angst. Angst ist eine körperliche Reaktion auf tatsächliche oder vermeintliche Gefahren. Sie setzt vor allem Adrenalin frei, das Hormon, das den Organismus auf die Reaktionen Kampf oder Flucht vorbereitet

Alle bekannten Wirbeltiere erleben ungewohnte Situationen als Bedrohung; das ist sinnvoll, weil Unbekanntes lebensgefährlich sein kann.

Diese Schwelle galt es für unsere Vorfahren zu überwinden, wenn sie den Wald und damit ihre gewohnte Umgebung verlassen wollten.

Nun gibt es innerhalb jeder Art Individuen, die ängstlicher sind als der Durchschnitt, aber auch Vertreter, die sich vom Durchschnitt durch mehr Mut unterscheiden. An diesem Ende des Spektrums sind diejenigen unserer Vorfahren zu finden, die sich als erste in das offene Gelände vorwagten. Sie stießen bei der Nahrungssuche zunächst einmal auf wenig Konkurrenz und ein niedriges Gefährdungspotential. Nach und nach, wohl über Generationen hinweg, zogen die ängstlicheren Vertreter der Art nach.

Wer aber gilt als der mutigste Artgenosse? – Wahrscheinlich der, der die Gefahrensituation als lustvoll erlebt. Das Lusterlebnis als Gegenspieler der Angst. In einem „intakten“ Ökosystem, in dem das Zusammenspiel von Fressen und Gefressenwerden eingependelt ist, bedeutet Lustgewinn durch Angst den frühen Tod. – Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.

Nicht so unsere Vorfahren. Sie trafen bei ihren Ausflügen unter den freien Himmel nur wenig reale Gefahren für Leib und Leben an.

Das muß so gewesen sein, denn die Lust an der Gefahr hat sich bis zum heutigen Tage in unserem Erbgut erhalten. Das können Sie beim Zappen durch die Sender leicht feststellen. Actionfilm hier, Kriegsfilm da, auf Kanal drei und fünf je ein Western; nach dem nächsten Werbeblock folgt dann ein Horrorfilm.- Allen gemeinsam ist, daß sie Bedrohung und die Gefahr für Leib und Leben des Protagonisten zum Thema haben. Von Homer bis Hitchcock finden Sie über die Jahrtausende hinweg kontinuierlich die Schilderung von Gefahrensituationen in den Bestsellerlisten. Aber nicht nur Filmindustrie und Verlage verdienen gut am Spaß mit dem Schrecken. Kein Jahrmarkt ohne Achterbahn, und die Geisterbahn darf auch nicht fehlen. Der zivilisierte Mensch gibt sehr viel Geld dafür aus, Angst lustvoll erleben zu dürfen.

Auch in der alltäglichen Realität ist Selbstgefährdung gang und gäbe. Bergsteigen und Skirennen, Fallschirmspringen und Bungeejumping. Diese Aufzählung ist keineswegs vollständig, es sind nur Beispiele für all die Situationen, in denen sich Menschen bewußt einer Gefahr aussetzen. Ohne diese Neigung wäre die Menschheit allerdings keinen Schritt weiter als vor etwa 5 Mio. Jahren, denn das lustvolle Erleben der Gefahr ist ein konstituierendes Element dessen, das wir gemeinhin als Pioniergeist bezeichnen. Expeditionen in unbekannte Gegenden gelten auch heute noch als das Erstrebenswerteste auf Erden. Auch hier ist es wieder einmal das biologische Erbe, das Geistesinhalten Gestalt verleiht.

Zum Leidwesen vieler gehört hierher aber auch das Rasen über Autobahn und Landstraße. Das lustvolle Erleben der Gefahr ist stärker als alle Vernunft. – Auch die härtesten Strafen werden das Phänomen nicht aus der Welt schaffen können, dafür ist es viel zu tief in uns verwurzelt. Die Kehrseite dieser Medaille sind Polizisten und Feuerwehrmänner, die im Rahmen ihres Dienstes zum Schutze anderer bewußt ihr Leben aufs Spiel setzen.

Die bewußte Selbstgefährdung ist das zweite Verhaltensmuster, auf das die Mächtigen der Welt zurückgreifen können, um ihre persönlichen Animositäten durch andere ausbaden zu lassen.

Das dritte Verhaltensmuster, das mit den Gehorsam und Selbstgefährdung im „Kriegszustand“ unheilvoll wechselwirkt, ist ausgerechnet das Verhalten, das in „Friedenszeiten“ Grundlage dessen ist, was man gemeinhin „Wirtschaft“ nennt:

Der Mensch ist als Organismus ein Untersystem der Evolution. Damit ist er Ausgangspunkt eines weiteren Subsystems des evolutionären Prozesses, nämlich Ausgangspunkt der Ökonomie.

Grundlage aller Ökonomie ist das reziproke Verhalten des Menschen. Durch dieses wird er tagtäglich in eine Vielzahl von Austauschverhältnissen verwickelt:

Jeder Mensch hat Bedürfnisse nach Gegenständen oder Arbeitsleistungen irgendwelcher Art, die er entweder nicht hat oder selbst nicht leisten kann. Dieses Phänomen kann ohne weiteres als Energiemangel gesehen werden.

Jeder Mensch verfügt über Dinge oder Fähigkeiten, die er zum Tausch anbieten kann. Es findet sich also hier ein Energieüberschuss.

Kommen Mangel und Überschuss in geeigneten thermischen Kontakt, kommt es zu einem Energieaustausch. Im Rahmen reziproken Verhaltens erwartet jeder Mensch für das von ihm Gegebene ein ungefähres Energieäquivalent. Bekommt er es nicht, nimmt er es als Ungerechtigkeit wahr.

Tauschgeschäfte sind mühselig, denn die Suche nach einem geeigneten Tauschpartner kann vielfach erfolglos sein. Im Laufe der Evolution entstand daher ein für alle Beteiligten akzeptables Tauschmittel, nämlich das Geld. Geld ist ein Energieäquivalent, denn es läßt sich im allgemeinen problemlos in „Nahrung“ umsetzen . Der „Energiebetrag“ eines Geldscheins bestimmt sich in diesem Zusammenhang ausschließlich im Hier und Jetzt: wieviel Nahrung kann ich hier und heute im Austausch gegen den Geldschein bekommen.

Das Grundmuster für die Ökonomie ist der gegenseitige Vertrag. Der gegenseitige Vertrag wird in der Juristensprache als Synallagma bezeichnet. Er wird zunächst durch Vereinbarung begründet und erlischt dann wieder durch Vertragserfüllung. Einfachstes Beispiel ist der tägliche Gang zum Bäcker: „Zwei Brötchen, bitte.“ – „neunzig Pfennig.“ – „Ich hab’s leider nicht kleiner.“ – „Neun Mark zehn zurück, vielen Dank.“ Der Austausch von Leistungen durch Vertrag entspricht dem symbiotischen Prinzip in der Natur. Der Begriff „Vertrag“ hat viel mit „vertragen“ zu tun. Mit gnadenloser „Konkurrenz“ und dem „Kampf ums Dasein“ nur sehr wenig. Und das hat seinen Grund im symbiotischen Prinzip.

Der eine gibt etwas, das er hat, aber nicht benötigt, und das der andere nicht hat. Dafür gibt der andere etwas, das er hat, aber nicht benötigt, und das der eine dringend braucht. – Das klingt etwas kompliziert, ist es aber nicht,

Auch der Vertrag ist ein Muster dieser Welt, das gebildet und wieder aufgelöst wird.. In diesem Zusammenhang bildet der einzelne Mensch die Grundeinheit der Ökonomie und entspricht damit der Zelle.

Die Menge aller Menschen bilden damit den ökonomischen Mikrokosmos. Daraus entstehen die Unternehmen, die ebenfalls auftauchen und wieder verschwinden. Sie sind wirtschaftliche Organismen, die durch Austauschverhältnisse am Leben erhalten werden. Ein Unternehmen ohne Lieferanten, Arbeitskraft oder Klientel stirbt ab, nur dass man im ökonomischen Bereich von „Insolvenz“ spricht. Tritt eine Neuerung auf oder ergibt sich eine „Marktlücke“, (Blindgängereffekt) setzt explosives Wachstum ein. Auch in der Wirtschaft wird ungezügeltes Wachstum entweder durch negative Rückkopplungsschleifen abgebremst oder es mündet ins Chaos, der Fortbestand von Unternehmen ist nicht mehr gewährleistet. Das jämmerliche Scheitern der sogenannten „new economy“, für die ungebremstes Wachstum Verkaufsargument war, ist mahnendes Beispiel.

Die Gesetze der Evolution gelten also auch für die etwas geisterhaft erscheinenden ökonomischen Organismen. Sie beruhen auf einem Verhaltensmuster, das über Jahrmillionen die Versorgung aller Menschen mit ausreichender Nahrung sicherstellte, eben dem reziproken Verhalten.

Die gegenwärtigen Verzerrungen der Ökonomie, die sich in der Verteilung von arm und reich, aber auch im Verhältnis des Menschen zu seinen Mitgeschöpfen niederschlagen, ändern an dem oben erwähnten Grundsatz nichts. Gerade sie sind es, welche die verheerenden wirtschaftlichen und sozialen Turbulenzen (Kriege) der vergangenen zwei Jahrhunderte hervorgerufen haben.

Dieses Verhalten, das die klassische Humanethologie als „reziproken Altruismus“ (gegenseitige Uneigennützigkeit) bezeichnet, wird vom Institut für experimentelle Wirtschaftswissenschaft der Universität Zürich einfach als „reziprokes Verhalten“ klassifiziert. Und man höre und staune, die statistischen Werte entsprechen in verblüffender Weise denen des Milgram-Experiments. Rund 63% der untersuchten Probanden neigen zu reziprokem Verhalten.

Nur da, wo es um das Ergattern von Waren geht, ist der Mensch geneigt, sich der klassischen Wirtschaftstheorie entsprechend zu verhalten: Da ist Geiz eben geil, weil die „Schnäppchenjagd“ eben eine echte Jagd ist. Wenn es um Dienstleistungen geht, verhält sich die überwältigende Mehrheit der Menschen aber anders, dann ist fairer Lohn für faire Arbeit angesagt. (vgl. Armin Falk, Homo Oeconomicus Versus Homo Reciprocans: Ansätze für ein neues Wirtschaftspolitisches Leitbild? Working Paper No. 79 – Institute for Empirical Research in Economics, University of Zurich, 2001).

Reziprokes Verhalten geht aber wesentlich weiter als der „reziproke Altruismus“ der klassischen Ethologie. Es hat auch seine negativen Seiten, nämlich Rache und Vergeltung. Und genau da liegt der Hund begraben. Bereits ein überschlägiger Blick in die Kulturgeschichte und eine überschlägige Betrachtung der gegenwärtigen Weltkarte zeigt, daß in den Kulturen, in denen menschliche Arbeitskraft mit Geringschätzung betrachtet wird, die Strafen exorbitant hoch sind.

Die Mächtigen in diesen Kulturen lenkten und lenken den Tausch-und-Teile-Instinkt auf das Verhängen sozialer Sanktionen für soziales Fehlverhalten einfach um. Dort darf sich dieser Instinkt, das menschliche Bedürfnis nach reziprokem Verhalten dann regelrecht „austoben“.

Im Sinne des Schöpfers ist das gewiß nicht. Nicht nur im Sport, sondern auch in allen anderen Lebensbereichen ist Unfairness nicht im Sinne des Schöpfers. In der denkbar schlimmsten Weise darf sich der „Tausch-und Teile“-Instinkt in der Schlacht austoben. Natürlicherweise fordert der Instinkt für den gefallenen Kameraden die allfällige „Vergeltung“. Für die Lücken, die er in die eigenen Reihen gerissen hat, will man es dem Feind „heimzahlen“.

Die Vergeltung kann sogar zu einer Art „Rauschzustand“ führen und süchtig machen. Die Forschungsgruppe um Dominique der Quervain, ebenfalls beheimatet an der Universität Zürich, hat nämlich festgestellt, daß beim Strafen das „Belohnungszentrum“ im Gehirn besonders aktiv ist. Das „Belohnungszentrum“ ist im „Zivilleben“ bei den sogenannten „Suchterkrankungen“ auch immer mit im Spiel. Diese Erkenntnisse verschlimmern das militärische Dilemma, in dem sich die Menschheit befindet, natürlich noch.

V 1 und V 2 waren ebenso Kinder des Tausch- und Teile-Instinkts wie die tagtägliche Vergeltung der israelischen Armee in ihrer Auseinandersetzung mit den Palästinensern.

Bei all den grausigen Szenarien, die dadurch im Laufe der Geschichte erzeugt wurden, gibt es Lichtblicke, die zeigen, daß Soldaten es „nicht böse meinen“. Im zweiten Weltkrieg war der Monte Cassino einer der am heftigsten umkämpften Punkte. Gerade in dieser erbitterten Schlacht kam es immer wieder zu Begegnungen zwischen den „verfeindeten“ Soldaten. In den Kampfpausen, in denen diese „nichtmilitärischen“ Begegnungen stattfanden, tauschte man Zigaretten.

Ähnliche Szenen sind von anderen Kriegsschauplätzen der Weltgeschichte ebenfalls verbürgt. Menschen lassen sich am Tauschen und Teilen eben nicht hindern.

Der Austausch von Zigaretten ist, das darf ich wohl hier festhalten, sinnvoller als der Austausch von Artilleriesalven.

Unfairness ist, ich sagte es bereits, nicht im Sinne des Schöpfers. Der wohl denkbar eklatanteste Fall der Unfairness ist aber wohl der, andere Leute für wenig Geld (Sold!) den Kopf hinhalten zu lassen. Solch ein Verhalten kann mit Fug und Recht als „ein nach allgemeiner sittlicher Anschauung als verachtenswert und auf tiefster Stufe stehend angesehen werden.“

Damit ist übrigens das Kriterium erfüllt, das nach den Gepflogenheiten deutscher Rechtsprechung die vorsätzliche Tötung eines Menschen zum Mord aus niedrigen Beweggründen werden läßt.

Deswegen entführe ich Sie an dieser Stelle kurz in die Vorstellungswelt der Juristen. Für Krimiautoren ist Mord Mord, für den Juristen ist der Begriff „Mord“ jedoch streng umgrenzt und in § 211 des Strafgesetzbuches niedergelegt:

Absatz 1.) Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.

Absatz 2.) Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst niedrigen Beweggründen,

heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.

Wer aber tötet einen Menschen im Sinne des Gesetzes? – Die Beantwortung dieser Frage ist für einen Juristen nicht schwer. Ein Mensch tötet einen anderen, wenn er dessen Tod verursacht. Dabei, so lernt es jeder Jurastudent auf der Universität, ist eine Handlung für den Tod ursächlich, wenn sie „nicht hinweggedacht werden kann, ohne daß der Tod des anderen entfiele“.

Nehmen wir den Fall des „Soldaten James Ryan“, einem Mann der ersten Stunde des „längsten Tages“. Nehmen wir ferner an, er wäre am Strand der Normandie von einer Granate in Stücke gerissen worden.

Kann der ihm erteilte Marschbefehl „hinweggedacht werden, ohne daß der Tod des Soldaten James Ryan entfiele“? – Nein! – Denn ohne Marschbefehl wäre der Soldat James Ryan nicht in die konkrete Lebensgefahr geraten, die sich am Ende mit seinem Tod realisierte. Der Marschbefehl ist also Ursache für den Tod des Soldaten James Ryan.

Wegen Mordes zur Verantwortung kann freilich nur derjenige zur Verantwortung gezogen werden, der vorsätzlich handelt. Entgegen der landläufigen Meinung, in der immer wieder vom „vorsätzlichen Mord“ die Rede ist, gibt es bei den Juristen keinen „fahrlässigen“ oder „unvorsätzlichen“ Mord. Die Juristen kennen verschiedene, abgestufte Formen des Vorsatzes, wobei alle von einer Grunddefinition abgeleitet sind:

Vorsatz ist definiert als die bewußte und gewollte Verwirklichung des gesetzlichen Tatbestandes. Im Rahmen dieser Begriffsbestimmung setzen die Juristen nicht unbedingt eine exakte Gesetzeskenntnis voraus, sondern begnügen sich mitunter mit der sogenannten „Parallelwertung in der Laiensphäre“

Jeder weiß, daß er andere nicht einfach umbringen darf, vor allem nicht aus einem geradezu nichtigen Anlaß heraus. Wenn ein Mensch, der keiner Fliege etwas zuleide getan hat, an einer Bushaltestelle zu Tode getreten wird, ruft das zu Recht Empörung hervor. Man tut so etwas nicht, und das leuchtet jedem unmittelbar ein. In den Augen der Mitmenschen, die von einem derartigen Vorfall erfahren, ist das Verhalten des oder der Täter verabscheuungswürdig. – So etwa sieht die „Parallelwertung in der Laiensphäre“ aus.

Der Soldat James Ryan stand am 6.6.1944 an der Bushaltestelle, nur war er dort nicht freiwillig, er wurde dorthin beordert. Und die, die ihn dorthin beorderten, wußten, daß er dort auf Menschen treffen würde, die ihm nach dem Leben trachteten.

Bis hart an der Grenze zur fahrlässigen Tötung reicht die Form des „bedingten Vorsatzes“. Die Juristen sagen, jemand handele mit bedingtem Vorsatz, wenn er den Taterfolg, hier den Tod eines anderen, als sicher eintretend oder möglich voraussieht und billigend in Kauf nimmt. Bedingter Vorsatz ist also schon dann gegeben, wenn der Täter die Möglichkeit des Taterfolgs erkennt und diese billigend in Kauf nimmt.

Wer Soldaten in einen Kampfeinsatz schickt, weiß positiv, daß sich die Wege von Soldaten und Gewehrkugeln dort kreuzen. Den Gewehrkugeln macht das nichts aus, den Soldaten schon.

Nun könnte man freilich einwenden, daß der Unterzeichner des Marschbefehls den konkreten Tod des Soldaten James Ryan nicht habe voraussehen können.

Dieser Einwand ist juristisch irrelevant, denn auch der klassische „Bombenleger“ wird zur Verantwortung gezogen, denn wer Bomben legt, dem ist es schließlich egal, wen es trifft. Die Identität des Opfers spielt in diesem Falle keine Rolle. Das ist auch der Grund, weshalb die beiden Männer, die in Köln die Kofferbomben zur Bahn gebracht hatten, demnächst wegen versuchten Mordes vor Gericht stehen werden.

Somit kann sich der Unterzeichner des Marschbefehls für den Soldaten James Ryan nicht damit herausreden, er habe dessen Tod nicht voraussehen können. Den Tod des Soldaten James Ryan hat er vorsätzlich herbeigeführt.

Wegen Mordes kann freilich nur der bestraft werden, der rechtswidrig getötet hat. Sollte sich ein Rechtfertigungsgrund für die Tötung finden, hätte das die Straflosigkeit der Tötungshandlung zur Folge. Die Voraussetzungen der Notwehr und des rechtfertigenden Notstands sind viel zu eng, als daß sie hier auch nur annähernd in Frage kämen.

Man könnte hier noch über einen allgemeinen übergesetzlichen Rechtfertigungsgrund des „Krieges an sich“ sinnieren, der es erlaubt, andere für sich bluten zu lassen. Man könnte auch an eine „demokratische Legitimation“ denken, die es einer „Staatsführung“ gestatten würde, andere in den Tod zu schicken. Indes, gerade eine solche „demokratische Legitimation“ kann und wird es nicht geben. Sie scheitert an einem der grundlegensten Rechtsgrundsätze, die es überhaupt gibt:

Nemo plus ius transferre potest quam ipse habet.

Niemand kann mehr Recht übertragen, als er selbst hat. Der Einzelne hat keine Lizenz, seine Mitmenschen wahllos umzubringen, folglich kann er dieses „Recht“ auch nicht im Wege der „Wahl“ oder der „Volksabstimmung“ auf das, was sich „Staat“ oder „Regierung“ nennt, übertragen. Mithin besteht keine Möglichkeit, den Tod des Soldaten James Ryan als „gerechtfertigt“ anzusehen. Der Marschbefehl in den Tod kann nicht gerechtfertigt werden. Der Tod des Soldaten James Ryan wurde rechtswidrig herbeigeführt.

Halten wir als Zwischenergebnis fest, daß es für die Tötung von Soldaten per Marschbefehl unter keinem Gesichtspunkt jemals eine Rechtfertigung wird geben können.

Bleibt am Ende nur noch zu fragen, ob der Unterzeichner des Marschbefehls den Tod des Soldaten James Ryan auch verschuldet hat.

Das Rechtssystem kennt diverse Entschuldigungsgründe. Der bekannteste Schuldausschließungsgrund ist der sogenannte „Jagdschein“, früher „Paragraph einundfuffzig“, seit der Strafrechtsreform 1977 wird der „Jagdschein“ durch den § 20 StGB repräsentiert.

Mit der Strafrechtsreform 1977 wurde die „Unzurechnungsfähigkeit“ zwar in „Zurechungsunfähigkeit“ umgetauft, in der Sache änderte sich freilich nichts.

Ob die „Staats- und Regierungschefs“ dieser Welt, ob die Angehörigen der Gremien, die über Krieg und Frieden befinden, zurechnungsunfähig sind, vermag ich nicht zu entscheiden. Darüber müßte in jedem Einzelfall ein psychiatrischer Gutachter befinden. Das Gesetz jedenfalls unterstellt einem erwachsenen Menschen grundsätzlich die Schuldfähigkeit für die von ihm begangenen Unrechtshandlungen. Deswegen ist davon auszugehen, daß auch der Unterzeichner des Marschbefehls für den Soldaten James Ryan im „Vollbesitz seiner geistigen Kräfte“ war.

Auch ein Irrtum über die Grundlagen der Strafbarkeit kann im Einzelfall zu einer Entschuldigung der Tat führen. Wir brauchen uns allerdings an dieser Stelle mit diesem sehr weitläufigen Thema nicht zu befassen. Es dürfte zu weit führen, den Menschen, die sich an der Spitze staatlicher Hierarchie befinden, auch nur annähernd den Weg eines schuldausschließenden Irrtums zu eröffnen. Immerhin sind es die Menschen, die dem „gemeinen Volk“ die Gesetze vorschreiben, die von den Juristen gegen das Volk verwendet werden. Mitglieder der „gesetzgebenden Körperschaft“ und der „Regierung“ müssen mehr als die „Normalbürger“ die Normen beachten, die sie selbst setzen. Es müssen bei ihnen noch umfassendere Rechtskenntnisse vorausgesetzt werden als bei den Richtern an den obersten Gerichtshöfen. Ein Irrtum über die Grundlagen der Strafbarkeit des eigenen Handelns ist damit von vornherein für diesen Personenkreis auszuschließen.

Für den Tod des Soldaten Janmes Ryan gibt es mithin keine Entschuldigung.

Der Soldat James Ryan wurde, das muß hier klar festgehalten werden, aus niedrigen Beweggründen ermordet.

Mit ihm wurden denn alle die Männer, die ihr Leben an den Stränden der Normandie ließen, durch ihre eigenen Befehlshaber ermordet. Der Jurist würde die deutschen Soldaten, deren Waffen sie unmittelbar in den Tod geschickt hatten, als „absichtslos doloses Werkzeug“ einstufen. Dieser Terminus besagt, daß die deutschen Soldaten zwar in Tötungsabsicht auf den Soldaten James Ryan geschossen hatten, dabei aber die Motive des Unterzeichners seines Marschbefehls nicht teilten. Ohne den hier in rede stehenden Marschbefehl hätten sie nicht einmal mit dem Gedanken gespielt, auf den Soldaten James Ryan zu schießen.

Soldaten werden im allgemeinen dazu angehalten, neben ihrer „Standardwaffe“ auch Sprengmittel zu benutzen. Diese gelten im Rahmen des § 211 StGB als „gemeingefährliches Mittel.“ Die Verwendung eines „gemeingefährlichen Mittels“ macht nach deutschem Recht einen an sich simplen Totschlag zum Mord. Die üblicherweise angewandten „militärischen Mittel“ machen jeden, der ihre Anwendung befiehlt oder bei der Tötungshandlung durch ein absichtslos doloses Werkzeug voraussieht, zum Mörder.

Der von einer Granate zerfetze Soldat James Ryan wurde also aus niedrigen Beweggründen und mit einem gemeingefährlichen Mittel ermordet.

Zwei Mordmerkmale sind ohne vernünftigen Zweifel erfüllt, dennoch wurde der Unterzeichner des Marschbefehls für den Tod des Soldaten James Ryan niemals vor den Kadi gezerrt.

Denken Sie bitte daran, der „Soldat James Ryan“ steht hier für alle alliierten Soldaten, die am 6.6.1944 in der Normandie in den Tod geschickt wurden.

Auch wenn Churchill, Roosevelt und De Gaulle nie wegen Mordes an ihren eigenen Leuten angeklagt wurden, ist die Ironie des Schicksals unverkennbar und, ich gebe es zu, amüsant: Diejenigen, die den nationalsozialistischen „Ungeist“ mit Stumpf und Stiel aus der Welt schaffen wollten, müssen heute aus der Hölle heraus beobachten, wie sie an den Maßstäben des „Ungeistes“ gemessen werden. Die heute noch gültige Fassung des Mordparagraphen wurde nämlich während der „Nazi-Herrschaft” ins Strafgesetzbuch geschrieben.

Bei allen „Westalliierten“ war im Juni 1944 der Mord ein todeswürdiges Verbrechen. Somit wären die Herren Roosevelt, Churchill und de Gaulle im „Zivilleben“ für das, was sie getan haben, als „Massenmörder“ unter dem Jubel des Volkes auf dem Schafott gelandet. (Bei den letzten öffentlichen Hinrichtungen in den USA und Frankreich kletterten die Zuschauer sogar auf Laternenpfähle)

Sie haben das Schicksal der Männer des 20. Juli 1944 nur deshalb nicht geteilt, weil sie genau die sozialen Dominanzpositionen innehatten, die im „Deutschen Reich“ dem „Führer des deutschen Reiches und Volkes“ vorbehalten war: die unangefochtene Befugnis zur Entscheidung über Leben und Tod.

Ich höre förmlich den Protest, den diese Behauptung bezüglich der „Westalliierten“ hervorruft, aber ich kann und werde die Bewertung der Handlungen anhand der Maßstäbe des „Zivillebens“ nicht ändern. Mord muß Mord bleiben und als solcher benannt werden dürfen, selbst wenn er Bestandteil einer wie auch immer gearteten „Staatsdoktrin“ sein sollte:

D-Day, er wird als der Tag gefeiert, an dem die „Befreiung“ Europas von der Herrschaft des „nationalsozialistischen“ Terrors seinen Anfang nahm. Ganz bewußt habe ich den Begriff des nationalsozialistischen Terrors mit den Anführungszeichen als „nationalsozialistischen“ Terror gekennzeichnet und nicht als „nationalsozialistischen Terror“. Wir müssen nämlich folgendes festhalten:

Auf dem „alten Kontinent“ hatte sich, was in Geschichtsschreibung und veröffentlichter Meinung ganz offensichtlich bewußt verschlabbert wurde und wird, lange vor Hitler der an Robespierre orientierte „Terreur“ breitgemacht. Der aber war nicht nationalsozialistisch, der Robespierreismus des frühen 20. Jahrhunderts segelte unter roter Flagge:

Hitler kennt jedes Kind, die Opfer seiner „Gewaltherrschaft“ werden jedes Jahr beschworen. Lenin gilt als der Revolutionär des 20. Jahrhunderts. Auch Stalin wird nicht nur in Rußland als „großer Staatsmann“ und „Befreier“ nach wie vor gefeiert.

Um Mao Tse-Tung ist es still geworden, aber niemand von denen, die mir vor mehr als dreißig Jahren die „Mao-Bibel“ vor die Nase hielten, würde heute zugeben, einem der größten Menschenschlächter der Weltgeschichte nachgerannt zu sein.

Politische Macht kommt aus den Läufen des Gewehre“, sagt Mao. – Fragen Sie mich bitte nicht nach der Fundstelle.

Die Nationalsozialisten haben den Begriff geprägt, aber das Phänomen nicht erfunden: „Vernichtung durch Arbeit“. Den „Führern“ der kommunistischen Weltrevolution war der Begriff „Vernichtung durch Arbeit“ ebenso vertraut wie dem „Führer“. Sie haben sich nur gescheut, das Kind beim Namen zu nennen. Man nennt das Kind eben nicht beim Namen, daran hat sich seit Jahrtausenden hat nichts geändert. Gegen diesen Grundsatz der Politik haben eigentlich nur die Nationsozialisten verstoßen. Vielleicht nur deshalb, weil der „Führer“ zu einfältig war, die Grenzen de „political correctness“ zu erkennen und einzuhalten. Im Gegensatz zu ihren „roten“ Brüdern waren die Nazis geradezu herzerfrischend offen im sprachlichen Umgang mit dem Terror, den sie veranstalteten.

Vernichtung durch Arbeit“, das war schon im alten Rom an der Tagesordnung. Unliebsame Zeitgenossen schickte man „ad metalla“ oder auf die Galeeren. Die Bleibergwerke waren ebenso „Vernichtung durch Arbeit“ wie die Galeeren.

Die Galeere blieb in vielen Teilen Europas bis in die Neuzeit hinein die Domäne der „Vernichtung durch Arbeit“. Galeeren waren schließlich keine Handels- sondern Kriegsschiffe.

Auf der Galeere treffen wir den Geist des Soldaten James Ryan wieder.

Es wird in der Geschichtsschreibung gern übersehen, daß die Galeeren als Kriegsschiffe noch andere Besatzungsmitglieder hatten, nämlich die Soldaten. Betrachtet man die Besatzung einer Galeere näher, so erscheinen alle Besatzungsmitglieder in irgendeiner Weise als „Arbeitnehmer“, die ihrer „Vernichtung durch Arbeit“ entgegensehen.

Seit der Herresreform des Marius waren die Legionäre Roms „Arbeitnehmer“. Nicht nur im Teutoburger Wald starben sie zu Tausenden an ihrem Arbeitsplatz. „Arbeitnehmer“ blieben Legionäre und Söldner bis zum Unabhängigkeitskrieg der USA. Die französischen Revolution, die zunächst auf Freiwillige setzte, hatte am Ende im Schlepptau die „Allgemeine Wehrpflicht“. Diese war der „billigste“ Weg, Massenheere auszuheben und Abschlachtungsorgien zu veranstalten, wie sie die Welt nie zuvor gesehen hatte.

Ich bin so dreist, die „Allgemeine Wehrpflicht“ und die „Vernichtung durch Arbeit“ in einen Topf zu werfen. Die „Allgemeine Wehrpflicht“ hat sich in der Geschichte nicht nur einmal zum „Völkermord am eigenen Volk“ gesteigert. Die Einführung der „Allgemeinen Wehrpflicht“ war das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ihre Aufrechterhaltung ist das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und zwar auch dann, wenn die Juristen, die den „Staat“ bezahlten Talar tragen, etwas anderes behaupten.

Vernichtung durch Arbeit“, damit haben sich die Mächtigen der Welt freilich nie zufriedengegeben. Man hat die Soldaten bis zum Umfallen mit Mordbefehlen überschüttet. Die Mächtigen sind dabei auf nur wenig Widerstang gestoßen, weil der „moderne Mensch“ offensichtlich über eine ausgesprochene Neigung zum Genozid verfügt.

Diese genozidale Tendenz läßt sich seit rund 7.000 Jahren in allen Teilen der Welt belegen:

Vernichtungsfeldzüge“, die gab es schon, als noch mit jagdtauglichen Waffen gekämpft wurde und Mann gegen Mann stand. Der berühmteste von allen dürfte der Feldzug der Griechen gegen Troja gewesen sein. Weniger bekannt sind schon die punischen Kriege der Römer, die am Ende zur Zerstörung Carthagos führten und Rom zur ersten europäischen Supermacht werden ließen.

Auch Gaius Julius, genannt Cäsar, ließ sich diesbezüglich nicht lumpen. Anläßlich seiner Gallienfeldzüge ließ er mehr als einmal ganze Landstriche entvölkern. Bei seinen eigenen Landsleuten machte er sich allerdings erst durch sein perfides Vorgehen gegen die Usipeter und Tenkterer unbeliebt, die im Frühjahr des Jahres 55 v. Chr. in der Nähe von Nimwegen lagerten.

Die ahnungs- und führerlosen Germanen, die im Lager ruhig ihren täglichen Beschäftigungen nachgingen und an nichts Böses dachten, wurden vom römischen Heer plötzlich überfallen und abgeschlachtet. Cäsar beschreibt dieses »Heldenstück« geradezu mit einem gewissen Genuß. Die römische »Humanitas« und Cäsars »Clementia« (Milde) werden besonders durch folgenden Satz ins rechte Licht gerückt: »Die übrige Masse der Frauen und Kinder – die Germanen waren nämlich mit allem Volk ausgezogen und über den Rhein gegangen – begann allerorts zu fliehen. Zu ihrer Verfolgung sandte Cäsar die Reiterei aus.« Es ist besonders bezeichnend, daß Cäsar nicht wagte, die Reiterei gegen waffenfähige Männer, wohl aber gegen wehrlose Frauen und Kinder einzusetzen. Wieder schließt Cäsar seinen Bericht mit der ausführlichen Schilderung der Niedermetzelung der feige überfallenen Germanen. (Alfred Franke, Rom und die Germanen, Herrsching 1986, S. 191)

Cäsars Vorgehen in dieser Sache ging damals selbst den römischen Senatoren zu weit. Cato der Ältere hatte rund 150 Jahre vor Cäsar noch die Meinung vertreten, Carthago müsse zerstört werden, Cato der Jüngere hingegen beantragte im Senat wegen des geschilderten Vorfalls die Auslieferung Cäsars an die Germanen.

Wie es damals am linken Niederrhein wahrscheinlich ausgesehen hat, zeigt ein Fund, in Somerset (Südwestengland), nämlich die Keltenstadt „Cadbury-Camelot“. Bei der Ausgrabung des Südwesttores wurden die Überreste von Kindern entdeckt. Diese waren auf jede nur erdenklliche Weise zerstückelt worden und die Leichenteile waren über den ganzen Torweg verstreut. Der Anblick muß dermaßen grauenvoll gewesen sein, daß einige der freiwilligen Helfer sich weigerten, hier weiterzuarbeiten.(Franke aaO, S. 60). – Täter waren auch hier römische Legionäre. Keine wilden Barbaren, sondern Soldaten der größten „Kulturnation“ der Antike hatten das Massaker verübt. Ich setze in diesem Zusammenhang als bekannt voraus, daß römische Soldaten sich ein Ding mit Sicherheit nicht leisten durften: Disziplinlosigkeit.

Kavallerie gegen Frauen und Kinder. – Wie oft mag sich dieses Muster seit Cäsar überall auf der Welt wiederholt haben. Die bekannteste Wiederholung dürfte das Massaker vom Sand Creek sein, als US – Kavalleristen die Frauen, Kinder und Greise eines Indianerdorfes niedermetzelten.

150 Jahre nach Caesar wurde in Rom eine Art „Holocaust-Denkmal“ errichtet. Freilich wurde es nicht der Erinnerung an die Opfer gewidmet, sondern dem Ruhm der Täter. Die Trajanssäule verewigt den Völkermord an den Dakern.

Bei Trajans Feldzug sollen rund Eine Million Daker ums Leben gekommen sein.

Jesus soll den Evangelien zufolge nach Ephraim gegangen sein. War er sich dessen bewußt, das Jahrhunderte vor seiner Zeitrechnung an den Jordanfurten ein Genozid stattgefunden hatte, der von Gott offenbar billigend zur Kenntinis genommen worden war?

Im 20. Jahrhundert grenzte man seine Mitmenschen über das optische Merkmal des „Judensterns“ ab. Die Gileaditer, die damals die Jordanfurten besetzt hielten, gingen noch perfider vor (Richter 12):

5.(…) Wenn nun die Flüchtigen Ephraims sprachen: Laß mich hinübergehen! So sprachen die Männer von Gilead zu ihm: Bist du ein Ephraimiter? Wenn er dann antwortete: Nein!

6. hießen sie ihn sprechen: Schiboleth; so sprach er Siboleth und konnte es nicht recht reden; alsdann griffen sie ihn und schlugen ihn an den Furten des Jordans, daß zu der Zeit von Ephraim fielen zwei und vierzig tausend.

42.000 Tote, nach „Feststellung der Personalien“ einzeln erschlagen.

Gedankenstrich“

Der älteste Beleg für einen „Vernichtungsfeldzug“ ist gut und gerne 7000 Jahre alt. Er wurde in Talkirchen gefunden. Talkirchen liegt in Baden-Württemberg, Der Knochenfund umfaßt 34 Skelette und weist auf einen Genozid hin. Dieser wurde überwiegend mit Steinäxten verübt und kostete wohl alle Bewohner eines Dorfes das Leben. Sie waren zwischen zwei und etwa sechzig Jahren alt. Bedenkt man, daß noch in der Jungsteinzeit die Horde oder das Dorf mit 25 –50 Individuen ein „Volk“ bildeten, ist das Ereignis von Talkirchen der älteste nachweisbare Völkermord der Weltgeschichte.

Der Talkirchener Genozid ist der älteste nachweisbare, aber mit Sicherheit nicht der älteste Völkermord an sich. Aber bereits ein nachgewiesener steinzeitlicher Völkermord ist Indiz dafür, daß der Genozid, das willkürliche und rücksichtslose Töten von Artgenossen, zu den Eigenschaften des “modernen“ Menschen zählt. Genozidale Tendenzen zeigen sich in der ganzen Welt, bei allen Völkerschaften, wie der Genozid der Hutus an den Tutsis im Jahre 1994 mehr als deutlich macht. Wie in Talkirchen kamen keine „modernen“ Waffen zum Einsatz, erst recht keine sogenannten Massenvernichtungsmittel. Man benutzte wie vor 7.000 Jahren zum töten das Werkzeug, das man „gerade zur Hand“ hatte. (Der Völkermord im Süden des Sudan war, als die Ursprünge dieser Zeilen entstanden, noch Zukunftsmusik. Aber, seien Sie einmal ehrlich, wer kümmert sich schon um unsere Mitmenschen im Sudan?)

Die Bilder aus aller Welt sprechen eine deutliche Sprache: Der moderne Mensch hat bezüglich seiner Reaktion gegenüber dem Sozialpartner die Instinktbindung verloren und ist nicht mehr in der Lage, auf soziale Not- oder Unterwerfungssignale instinktsicher zu reagieren. Das macht ihn für seine Mitmenschen so gefährlich.

Der „moderne“ Mensch ist damit in eine Lage geraten, über die man erschaudern könnte, er zeigt, so die Beweislage, eine ausgesprochene Neigung zum Genozid, zum Völkermord. Darüber hinaus ist eine generelle Tendenz zum „Ausrotten“ unliebsamer Lebewesen nicht zu leugnen.

Soweit es die Wahrnehmung des Mitmenschen als Mensch betrifft, befindet ich der Mensch gegenwärtig auf einem niedrigeren Niveau als Schimpansen. Schimpansen haben keine Tötungshemmung gegenüber Angehörigen fremder Gruppen, wohl aber gegenüber den Angehörigen der eigenen Gruppe. Der „moderne“ Mensch verlor auch die Tötungshemmung gegenüber dem Sozialpartner.

Mit dem Fall dieser Tötungshemmung wurden die Bewohner Bottlenecks in ein Dilemma gedrängt: Rücksichtslosigkeit gegenüber den Nachbarn ermöglichte ihnen den gewaltsamen Zugriff auf deren „Vermögen“. Andererseits bezogen sie als exogame Wesen ihre Frauen von diesen. Das ungehemmte Vernichten artgenossenschaftlicher Konkurrenz hätte also rasch zum Untergang der entstehenden Subspezies des Menschen geführt. Die „Bremsen“, die den selbsternannten „Homo Sapiens Sapiens“ daran hindern, wahllos seine Artgenossen umzubringen, sind kultureller Natur. Deswegen können sie auch, die Geschichte zeigt es, jederzeit gelöst werden.

Die langfristige Isolation unserer Vorfahren auf „Bottleneck“ begünstigte die „Entartungserscheinungen“, die uns heute noch zu schaffen machen. Konrad Lorenz bezeichnete dies einmal als „Verhausschweinung des Menschen“.

Zusammengepfercht auf einer Insel „gewöhnte“ sich zumindest ein Teil der Bevölkerung genetisch an eine überwiegend seßhafte Lebensweise.

Wer seßhaft ist, der muß, das ist unabdingbar, mit erhöhter Aggressivität seine Lebensgrundlagen gegenüber nomadisierenden Artgenossen verteidigen. Denn diese werden ebenso arg- wie verständnislos versuchen, die Nahrungsquellen der Seßhaften zu nutzen. – Auch dafür gibt es eine Fülle von Beispielen aus dem heutigen Afrika, ja selbst aus Indien. So traurig es ist, aber es fand eher ein „Verkampfhunden“ denn eine „Verhausschweinung“ statt.

Auf „Bottleneck“ nahm der „Kampf ums Dasein“ seinen Anfang, den Charles Darwin später zu Unrecht in die Natur projizieren sollte.

Als vor rund 8.000 Jahren die dem Australopithecus Superbus Procrustes eröffneten Lebensräume mehr als gefüllt waren, gewann die latent vorhandene Fähigkeit zur seßhaften Lebensweise die Oberhand. Nomanden wurden an den Rand gedrängt. Aus europäischer Sicht kann man mit Fug und Recht behaupten, daß rund um das Mittelmeer die Nomandenvölker in die Wüste geschickt wurden.

Es entstanden die sogenannten „Hochkulturen“, die den Ausgangspunkt für die Entwicklung eines auf dem Prinzip von Befehl und Gehorsam beruhenden „Staatswesens“ bildeten. Das wurde zur Anfangsbedingung für die Entwicklung des Militärwesens. Dieses wiederum gipfelt in der der bedenkenlosen Erfindung von Atomwaffen, Stealth-Bombern und vor allem darin, daß diese Waffen ebenso bedenkenlos eingesetzt werden wie sich geschaffen wurden. – Und man ist sogar noch stolz auf diese Errungenschaften der „Zivilisation“.

Zivilisation“ – was ist das eigentlich? – Das lateinische „civilis“ läßt sich sowohl mit „bürgerlich, den Bürger betreffend“ übersetzen als auch mit „herablassend“. – Schaut man sich in dieser Welt einmal um, findet die „Zivilisation“ eher in der letztgenannten Übersetzung ihren Ursprung. Herablassend sind vor allem die Dominanten. Die Subdominanten leisten unbedingten Gehorsam, weil sie nicht anders können, denn ihr Instinkt leitet sie. Im Grunde wissen sie nicht, was sie tun.

Die „Allgemeine Wehrpflicht“ ist die wohl schamloseste Ausnutzung des Gehorsamstriebs durch die Inhaber der obersten sozialen Dominanzpositionen. Auch die Neigung zur Selbstgefährdung wird von dieser schamlosesten aller Ausnutzungen erfaßt. Mit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht kehrte sich die genozidale Tendenz der „Mächtigen“ gegen die „eigenen“ Leute. Das „Diskriminierungsmerkmal“, das diesen den Tod bringt ist die „Staatsangehörigkeit“.

Begangen wird diese Form von „Völkermord am eigenen Volk“ durch die befehlshabenden Offiziere, verübt wird er letztlich durch Soldaten, die Reisepaß und Soldbuch eines „feindlichen“ Landes in der Tasche haben.

Halten wir zum Abschluß fest:

Nicht einer der Männer, die am 6. Juni 1944 die Landungsboote verließen, stand unter dem Schutz der Verfassung des Landes, dessen Uniform er trug. Sie alle waren ihrer Menschenrechte beraubt und wurden von ihren „Führern“ ermordet. Sie wurden ermordet wie ihre Kameraden, die am 20. Juli 1944 versucht hatten, sich vom Joch des unbedingten Gehorsams zu befreien. Bis auf die letzten Gabelungspunkte ist für die Männer des 6. Juni und die des 20. Juli 1944 der Weg identisch: Sie haben Befehlen gehorcht. Und auch die Männer, die den Aufstand im Warschauer Ghetto anzettelten, hatten bis zu diesem Zeitpunkt den „Anweisungen und Befehlen“ der „Besatzungsmacht“ offenbar widerspruchslos „gehorcht“.

Nicht nur für mich, ich hoffe, auch für Sie ergibt sich aus dem oben Gesagten, daß die Verhaltensmuster „Gehorsam“, „Tauschen und Teilen“ sowie „Selbstgefährdung“ niemals wieder in der Weise zusammentreffen sollten, wie es damals geschah.

Dennoch geschieht all das auch heute noch, Tag für Tag, ohne daß sich jemand darüber aufregen würde. Es war halt immer so.+

Stellen wir trotzdem, Konfuzius folgend, die Namen und Begriffe richtig:

Jeder militärische „Führer“oder „Unterführer“ hat für das Wohlergehen der ihm anvertrauten Männer zu sorgen. Der militärische Sprachgebrauch ist älter als der Nationalsozialismus und wird unabhängig davon bis heute weiterverwendet. – und das ist gut so: Horde, Herde, Rudel oder Schar, alle tierischen Sozialgemeinschaften, bis hin zum Insektenstaat – sie alle sind Überlebensgemeinschaften, präziser gesagt „Aufzuchtgemeinschaften“. Wenn Lebewesen in einer Sozialgemeinschaft leben, ist diese im Evolutionsprozeß unabdingbare Voraussetzung für die Erhaltung der Art. Sozialgemeinschaften können, ganz im Gegensatz zu den „Sozialgemeinschaften“ des Militärs, niemals „Untergangs- oder Sterbensgemeinschaften“ sein. Bis zum Auftreten des „modernen“ Menschen folgten menschliche Horden unbedingt diesem Pfad der Evolution. Das ist aus den Knochen der Neandertaler unschwer abzulesen. Daraus folgt: wie ein Hordenführer der Neandertaler ist jeder Offizier oder Unteroffizier dafür verantwortlich, daß die ihm anvertrauten Menschen die Ausführung einer jeden Weisung unbeschadet überstehen! –

Gedankenstrich“

In diesem Zusammenhang ist es nützlich, an die Definition des Befehls zu erinnern, die jeder, der in der Bundeswehr gedient hat, auswendig lernen mußte:

Befehl ist die Anweisung zu einem bestimmten Verhalten, die ein militärischer Vorgesetzter einem Untergebenen mündlich, schriftlich oder in sonstiger Weise mit Anspruch auf Gehorsam erteilt.

Es dürfte unmittelbar einleuchten, daß es den Befehl „stirb!“ nicht geben kann. Kann es ihn individuell nicht geben, ist er auch für den Trupp, an den er gerichtet ist, mit Sicherheit nicht bindend.

Sollten Sie es überlesen haben:

Jeder militärische „Führer“oder „Unterführer“ hat für das Wohlergehen der ihm anvertrauten Menschen zu sorgen.

Und nun lassen Sie sich folgende Worte auf der Zunge, die bislang nur den Geschmack der Propaganda gekannt hatte, genüßlich zergehen.

Hat nicht jeder Mensch das Recht auf Notwehr? – Und wenn jeder Mensch das Recht auf Notwehr hat, hat dann nicht jeder Mensch das Recht, dem Notwehrberechtigten beizustehen? – Sowohl zivil- als auch strafrechtlich ist derjenige im Recht, der Notwehr zugunsten eines Dritten ausübt (Nothilfe).

Notwehr ist, so steht es in § 32 des deutschen Strafgesetzbuches, „die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen, rechtswidigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwehren.

Das Erteilen des Befehls, die Grenzen des eigenen Territoriums mit Waffengewalt zu überschreiten (Angriffsbefehl), ist ein gegenwärtiger, rechtswidriger Angriff auf Leben und Gesundheit der eigenen Leute und auf die Menschen, deren Rechte durch den befohlenen Angriff verletzt werden sollen.

Wer also einen Angriffsbefehl gibt, der stellt sich selbst außerhalb der Rechtsgemeinschaft, die alle Menschen nun einmal bilden. Nochmals: Wer einen Angriffsbefehl erteilt, schließt sich aus der Rechtsgemeinschaft selbst aus, wie jemand, der in Tötungsabsicht mit dem Messer auf Sie einsticht. Sticht jemand mit dem Messer auf Sie ein, dauert der „Angriff“ wenige Sekunden. Gibt ein „Führer“ einen „Angriffsbefehl“, kann die daraus resultierende Abschlachtungsorgie Jahre dauern. Damit bleibt der „Angriff“ im Sinne der Notwehr dauerhaft „gegenwärtig“. Folglich steht derjenige, der einen Angriffsbefehl erteilt, bis zum Befehl: „Feuer einstellen!“ außerhalb der menschlichen Rechtsgemeinschaft. Ihn zu töten, um das Töten zu beenden, ist nicht rechtswidrig.

Sie sollten, ich muß das hier einflechten, jedoch nicht versuchen, einem der „Mächtigen“ deswegen den Garaus zu machen, das könnte leicht in der Todeszelle oder, schlimmer noch, in Guantanamo enden! Denken Sie daran, die Mächtigen dieser Welt scheren sich einen feuchten Kehricht um das, was Recht ist. Sie benutzen die Gesetze zum Machterhalt, nicht im Sinne der Gerechtigkeit.

Das aber wiederum kann an den eigentlichen Verpflichtungen militärischer Führer gegenüber den ihnen Anvertrauten nichts ändern. Ich wiederhole:

Gibt ein „Führer“ einen „Angriffsbefehl“, kann die daraus resultierende Abschlachtungsorgie Jahre dauern. Damit bleibt der „Angriff“ im Sinne der Notwehr dauerhaft „gegenwärtig“. Folglich steht derjenige, der einen Angriffsbefehl erteilt, bis zum Befehl: „Feuer einstellen!“außerhalb der menschlichen Rechtsgemeinschaft. Ihn zu töten, um das Töten zu beenden, ist nicht rechtswidrig.

Nimmt man die Verpflichtung hinzu, die ein militärischer Führer nach dem oben Gesagten gegenüber seinen Untergebenen hat, folgt daraus die Pflicht des Offiziers, dem Vorgesetzten, der ihm einen Angriffsbefehls erteilt, die Pistole auf die Stirn zu setzen und abzudrücken.

Damit kommen wir zu der folgenden grausamen Einsicht:

Die Behauptung, mit der Invasion vom 6.6.1944 wäre die Befreiung Europas vom Joch des Terrors eingeleitet worden, wird weder den Opfern des 6.6.1944 noch denen des 20.7.1944 noch denen des Warschauer Aufstands gerecht.

Die „Helden“ des 6.6.1944 waren aus Gründen einer mehr als zweifelhaften „Staatsräson“ „Verbündete“ Stalins und damit dessen Helfershelfer. – Daß Stalin nicht ein Freund der Menschenrechte war, war den Herren Churchill, Roosevelt und De Gaullehinlänglich bekannt.. Dennoch lehnten sie einen separaten Waffenstillstand mit dem Deutschen Reich für den Fall der Beseitigung des „Führers“ ab.

Sie waren also bereit, ohne Wenn und Aber eine unbestimmte Anzahl ihrer eigenen Leute weiterhin in den Tod zu schicken.

Rund 50.000 davon verschlang allein der Hürtgenwald in der Nähe von Aachen.

Bei der „Befreiung“ Deutschlands vom Nationalsozialismus“ folgten sowohl Stalin als auch die „Führer“ der Westalliierten einer ganz simplen, und bewährten, wenn auch perfiden Strategie:

Schicke so viele deiner eigenen Leute in die Schlacht, daß es dem Gegner unmöglich ist, sie alle außer Gefecht zu setzen. – Man wollte den Sieg, ohne Rücksicht auf Verluste – und die gab es reichlich.

Und damit kommen wir zu einer noch grausameren Einsicht:

Es hätte ohne die Einführung der „Allgemeinen Wehrpflicht“ als Folge der französischen Revolution die Kriege des 19. und 20. Jahrhunderts nicht gegeben.

Qualifiziert man die „Allgemeine Wehrpflicht“ als Völkermord an den eigenen Leuten, dann ist sie das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit, daß die Welt je gesehen hat.

Ein Verbrechen, das nicht enden will. Deswegen ist jeder Offizier, der einem„Wehrpflichtigen“ einen Befehl erteilt, der diesen in Lebensgefahr bringt, vogelfrei, er steht außerhalb jeden Rechts.

Erst recht außerhalb der Rechtsgemeinschaft aller Menschen stehen die „Inhaber der obersten Befehls- und Kommandogewalt“. Sie haben im Grunde nichts zu sagen und erst recht nichts zu befehlen, maßen sich aber die Befugnis an, ganze Armeen in den Tod zu schicken.

Ein Offizier, der angesichts dessen seine Untergebenen nicht im Sinne der Notwehr vor ihnen schützt, hat auf seinem Posten eigentlich nichts verloren. Wo einer nichts verloren hat, hat er auch grundsätzlich nichts zu suchen. Es sei denn, er entscheidet sich für das Wohlergehen seiner Untergebenen.

Aber es wird einstweilen keinen Aufstand der Offiziere und Unteroffiziere geben, weil die Tradition stärker sein wird als die bessere Einsicht:

In dieser Hinsicht unterscheidet sich der Primat „Mensch“ nicht von japanischen Rotgesichtsmakaken. ja nicht einmal von Bären und Graugänsen. Bären und Graugänse müssen verhungern, wenn sie nicht die Nahrung bekommen, die sie von Kindesbeinen an gewohnt sind. Die Tradition hat sie unfähig gemacht, das Notwendige später zu lernen. Wenn es Sie in eine unwirtliche Gegend verschlägt, kann es sein, daß auch Sie eher verhungern als ungewohnte Nahrungsmittel zu verspeisen.

Was Sie fressen, ist Ihre Privatsache, wen Sie umbringen jedoch nicht!

Vor diesem Hintergund können wir zum eingangs erwähnten Dialog zwischen Kain und Gott zurückkehren.

Soll ich meines Bruders Hüter sein?“

Ja, Kain, Deines Bruders Hüter sollst du sein; nicht sein Vormund und erst recht nicht sein „Vorgesetzter“.

Weil die Bibel diese Anwort unterschlagen hat, schreit die Simme des Blutes unserer Brüder und Schwestern immer noch von der Erde zum Himmel.


Ein mutiges Urteil, ein Meilenstein der Rechtsgeschichte

Juni 26, 2012

Landgericht Köln: Religiöse Beschneidungen sind strafbar | tagesschau.de.

Von Anbeginn der Rechtsgeschichte an das erste Urteil, das das Recht auf körperliche Unversehrtheit über einen religiös verbrämten „Geßlerhut“ stellt.

Die Richter haben es sich in diesem Fall gewiß nicht leicht gemacht und Mut bewiesen, denn der geistige Unrat, der über sie ausgeschüttet werden wird, wird enorm sein.

Respekt! – Denn was als „Verstümmelung“ beginnt, setzt sich am Ende im Menschenopfer fort. „Relgion“ als Rechtfertigungsgrund für Verletzung und Tötung scheidet langfristig aus. – Erst in Deutschland, später in der Menschheit.

Ich weiß nicht, ob sich die Richter mit den Erkenntnissen des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie beschäftigt haben, – nadelöhr -. Falls nicht, ist ihre Leistung umso höher zu bewerten, denn die Kammer hat das Niveau der „furchtbaren Juristen“ hinter sich gelassen und einen höheren „Level“ erreicht.


Kunst im Neandertal? – Überflüssig! – Nachrichten Wissenschaft – WELT ONLINE

Juni 20, 2012

Rote Handabdrücke: Waren Neandertaler die ersten Künstler der Welt? – Nachrichten Wissenschaft – WELT ONLINE.

Warum haben die Neandertaler  uns keine „Kunstwerke“ hinterlassen? – Die Antwort ist ganz einfach, sie brauchten keine „Kunstwerke“ zur Beschwörung der „Götter“.  All das, was wir als „Kunst“ bezeichnen, ist nicht mehr als „Werkzeugherstellung“ im Leerlauf. – Wer in grauer Vorzeit ein Werkzeug, z.B. einen Faustkeil herstellen wollte, mußte eine innere Vorstellung von der Gestalt des „Endprodukts“ haben. – Angesichts der feinen Gestalt der Neandertalerwerkzeuge kann man diesen die entsprechende Vorstellungskraft wohl nicht ernsthaft absprechen.

Neandertaler hatten wegen ihrer Kieferform wohl kaum Probleme mit den „Weisheitszähnen“; – und sie werden aufgrund einer über Jahrmillionen dauernden, ununterbrochenen genetischen Abfolge und Traditionsbildung mit ihrem Sozialverhalten ebensowenig irgendwelche Probleme gehabt haben.

Ganz im Gegensatz zu uns. – Alle Indizien sprechen dafür, daß der „moderne“ Mensch aus einer kleinen, isolierten Population hervorgeganging. Unabhängig voneinander kamen das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und der Genetiker Lynn Jordy zu dieser Einsicht. Da Jordy mit seiner  „Flaschenhals-Theorie“ („Bottleneck“) früher als das MPI in die Öffentlichkeit trat,  erhielt die zwischeneiszeitliche Insel, auf der unsere unmittelbaren Vorfahren entstanden, den Namen „Bottelneck“ – und nicht „Nadelöhr“. – In der Sache ändert sich freilich nichts:

Verlassen wir Bottleneck für eine Weile und begeben wir uns in die Jagdgründe des „klassischen“ Neandertalers:

Spätestens der Neandertaler hat Höhlen zu Kultzwecken aufgesucht. Gerade der Neandertaler hat diese Kultstätten auch als Begräbnisstätten verwendet. Diese Kult- und Begräbnisstätten deuten auf einen ausgeprägten Bärenkult hin. Die Höhlen selbst aber schweigen.

Anders sieht es bei den Crô-Magnon – Höhlen aus. Die Höhlen von Lascaux oder Altamira sind Kunstwerke. Sie enthalten Wandmalereien vonatemberaubender Schönheit, so daß nach modernen Maßstäben diese Lebensäußerungen unserer Vorfahren als Gesamtkunstwerk gelten können.Sie weisen eine frappierende Ähnlichkeit mit heutigen Kathedralen auf. Und eben diese Ähnlichkeit ist es, die uns dazu veranlassen muß, den Weg, der von der Kleinen Felddorfer Grotte im Neandertal zum Petersdom führt, in groben Umrissen nachzuzeichnen. Die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede geben uns Hinweise auf die jeweiligen Lebenseinstellungen.

Während die Gemälde an den Wänden von Lascaux erahnen lassen, daß deren Schöpfer ähnlich empfanden wie wir, wird es für uns schon schwieriger, die Vorstellungswelt der Neandertaler zu ergründen. So schwierig ist es allerdings auch nicht. Man muß nur ein wenig seine Phantasie gebrauchen und disziplinierte Naivität an den Tag legen. Disziplinierte Naivität bedeutet wie gesagt, daß man sich zwingt, all die Dinge außer acht zu lassen, die man weiß, und versucht, bekannte Sachverhalte so zu betrachten, als begegneten sie einem zum ersten Mal.

Nehmen Sie also eine Fackel und begeben Sie sich in eine Höhle. Keine Angst, außer Schwärmen von Fledermäusen werden Sie kaum einem größeren Lebewesen begegnen. Einem Höhlenbären gleich gar nicht, denn wir haben Sommer; und das ist die Zeit, in der auch Höhlenbären unter freiem Himmel auf Nahrungssuche gehen.

Allerdings müssen Sie damit rechnen, sich selbst zu begegnen. Das flackernde Licht, die wechselnden Schatten an den Wänden werden Gestalten hervorbringen. Dämonen und Geister, die zwar nur in Ihrem Gehirn existieren, die aber durch das Spiel von Licht und Schatten an den Höhlenwänden „erscheinen“. Und eben diesen Gestalten sind die Neandertaler auch begegnet, wenn sie in eine Höhle vordrangen. Aber haben sie sich vor den Wesen auch gefürchtet?

Die Neandertaler kannten sehr genau die Gewohnheiten der Tiere, die ihren Lebensraum teilten; davon dürfen Sie ausgehen. Sie wußten, daß es ungefährlich war, im Sommer eine Höhle zu betreten. Im Winter hätte sich kein Neandertaler allein in ein Höhle gewagt, denn dort hätte er sein Kulttier, den Bären, empfindlich in dessen Winterruhe gestört. Er wird den Bären seiner Umgebung mit demselben Respekt begegnet sein, den heutige Tierfilmer an den Tag legen.

Die Neandertaler waren nicht dümmer als moderne Tierfilmer und Wildbiologen. Sie waren von Kindesbeinen an mit dem Verhalten der Bären konfrontiert und kannten deren Reviere und Wege. In vielen Gegenden der Welt war der Bär für den Neandertaler, wie vor ihm wohl schon für die Erectus-Variante, ein wichtiger Anzeiger für die Jahreszeiten. Denn im Verlaufe des Jahres ändert ein Bär seine Nahrungsgewohnheiten, man braucht ihm nur im sicheren Abstand zu folgen; wo ein Bär ist, ist auch für Menschen Futter. Treffen sich im Spätsommer die Bären am Fluß, ist das ein untrügliches Zeichen für den herannahenden Winter. Und es ist das Zeichen für Fisch im Überfluß. – Zeit für Neandertaler, sich selbst mit Fettreserven für die Wintermonate zu versorgen und Brennmaterial zu sammeln.

Und der Bär ist ein ehrfurchtgebietendes Lebewesen. Er kann Menschengestalt annehmen, denn wenn ein Bär sichert oder droht, stellt er sich auf die Hinterbeine. Und mit 3,5 – 4 Metern Kopfhöhe ist er dann gut und gern doppelt so groß wie ein Neandertaler.

Je mehr man nun, mit den Bildern der Tierfilmer vor Augen, in Gedanken durch das Neandertal streift, desto näher kommt der 23. Psalm:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nicht mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich keine Unglück;

denn Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest

mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen ein Leben lang, und ich

werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Wohlgemerkt, die Bibel entstammt einem landwirtschaftlich geprägten Kulturkreis. Denken Sie bitte an die Geschichte von Kain und Abel und denken Sie daran, daß Abel den Jäger verkörpert. Und nun überlasse ich es Ihnen selbst, daraus die Neandertaler-Version abzuleiten. Und wer kann mit Sicherheit ausschließen, daß der Ursprung dieser Verse Hunderttausende von Jahren zurückliegt? Nun stellen Sie sich vor, daß zur Zeit der Herbststürme ein einzelner Bär die Höhle aufsucht. Am Ende des Winters verlassen allerdings regelmäßig drei Bären die Höhle. Ein großer und – normalerweise – zwei putzmuntere kleine.

Sie wissen, daß beim Menschen und bei anderen Säugern Ihrer Umgebung das Junge aus dem Mutterleib kommt. Dieses Wissen dürfen Sie auch dem Neandertaler unterstellen; mehr als einmal dürfte jeder Neandertaler in seinem Leben trächtige Weibchen er- und zerlegt haben. Die „Leibeshöhle“, der ein Säugeier „entspringt“, mußte demnach auch der Neandertaler bestens kennen. Deren Charakteristikum ist die Enge des Eingangs, der in die Weite des Uterus mündet. Ähnlich sind die Höhlen, die als Kultstätten dienten, aufgebaut. Ähnlich sind auch die Ganggräber der Megalithkultur gestaltet, die heute noch in Irland zu finden sind.

Ich muß Sie hier nochmals an Ihre disziplinierte Naivität erinnern. Sie wissen, daß der Bär ein Säugetier ist, für den Moment müssen Sie ihr Wissen einmal vergessen. ( Sie wissen auch, daß der Biber ein Säugetier ist, dennoch galt er jahrundertelang wegen seines schuppigen Schwanzes nicht als ein solches!)

Die dunkle Höhle ist zwar immer noch voll von den Geistern und Dämonen, die das Licht der Fackel an die Wände zaubert. Durch den Einfluß der Bären ist eine Höhle aber kein Ort der Furcht mehr, sie wandelt sich in jedem Frühjahr zur Quelle neuen Lebens. Diese finden wir in der griechischen und nordischen Mythologie wieder vor, nämlich im gebärenden Schoß der Erdmutter, die die Griechen Gaia nannten. Zum Leidwesen des Papstes hat auch die Jungfräulichkeit der Mutter Gottes hier ihren mythischen Ursprung. Wußte es auch der Neandertaler?

– Prima Facie, dem ersten Anschein nach, entspringen in jedem Frühjahr junge Bären unmittelbar der Höhle, denn bis vor kurzem war die Geburt von Bären noch eines der bestgehüteten Geheimnisse der Natur. Im Winter 1999/2000 wurde als Weltpremiere eine entsprechende Live-Übertragung im Internet angeboten. In den Jahrmillionen davor war das allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Die Beobachtung einer Bärengeburt war somit erst recht dem Neandertaler verwehrt. Die Vorstellung, ein Bär entspringe unmittelbar dem Schoß der Erde, ist damit vorprogrammmiert.-

Im nordischen Bereich ist die Erdmutter zu Anfang noch jungfräulich.

Weiter südlich ist die Vorstellung von „Mutter Erde“ zwar immer noch lebendig, aber die Dame ist nicht mehr allein: Die Gaia der Griechen gebiert am laufenden Band Titanen und Zyklopen. Die sinnenfrohen Griechen hatten ihrer Gaia den sexbesessenen Uranos hinzugesellt, der mit seinen weiteren Zeugungsakten erst dann aufhört, nachdem ihn sein Sohn Chronos, der Herr der Zeit, entmannt hatte. Chronos selbst fürchtete, auf ähnliche Weise entmachtet zu werden und verschlang die Kinder seiner Schwester und Gattin Rheia unmittelbar nach der Geburt. Bis auf Zeus, den seine Mutter vor den Nachstellungen in eine Höhle in Sicherheit brachte. Dort trank das Kind die Milch der Ziege Amaltheia und wurde von den Bärinnen Helike und Kynosura behütet und erzogen. Zeus verbannte seinen Vater in die Unterwelt. Er dankte der Ziege und den beiden Bärenmüttern, indem er sie in den Nachthimmel hob. Merkwürdigerweise steht auch die Geburtskirche in Bethlehem über der Grotte, in der Jesus zur Welt gekommen sein soll.

Höhlen, Bären und der Geburtskanal als Alltagserfahrung sind ausreichend, die Mythologie von Mutter Erde und ihren gigantischen Kindern mit den titanischen Kräften zu begründen. Der Bärenkult offenbart aber noch mehr:

Hier berühren sich Jenseitsvorstellung, Totenkult und Fruchtbarkeitsritus in ähnlicher Weise wie bei der Erdbestattung. Auch unser eigenes Beerdigungsritual ist mit der Vorstellung von Fruchtbarkeit verknüpft. Was in den „Schoß“ der Erde eingebracht wird, wird leben und wachsen. Die Höhlen, in denen der Neandertaler seine Begräbnisspuren hinterließ, waren folglich nicht ein Ort der reinen Trauer, sie waren der Quell eines Lebens, das zumindest nicht mit der Alltagserfahrung eines Neandertalers erklärbar war. Höhlen waren folglich die Orte, an die man einen Verstorbenen in der Hoffnung auf ein neues Leben im Jenseits oder in der Hoffnung auf eine Wiedergeburt gebracht hatte.

Freilich lassen sich für die von mir hier aufgestellte These kaum direkte Beweise finden:

An den Wänden der Höhlen von Shanidar, Mugharet es-Skhul,  Mugharet et-Tabun oder anderen gibt es außer den „Lichtwesen“, die der Fackelschein spontan an die Höhlenwand zaubert, – nichts.  Der Neandertaler hat zwar Anhaltspunkte für Zeremonien hinterlassen, darunter sind allerdings keine, die man als Beschwichtigungsritual gegenüber den Geistern und Göttern deuten könnte.

Erst bei Crô-Magnon waren sie gang und gäbe und sind noch heute weltweit verbreitet. Selbst das Christentum kennt diesen Zauber: Beim Vaterunser kommt erst einmal das Signal der Bereitschaft zur Unterwerfung:

„Dein Reich komme, Dein Wille geschehe…auch auf Erden.“ – Ein deutlicher Hinweis, daß der Mensch die Unterwerfung unter die Herrschaft Gottes erst in einer ungewissen Zukunft in Aussicht stellt. Und dann kommt der Forderungskatalog:

„Unser täglich Brot gib uns heute! Und vergib uns unsere Schuld!“

Darauf folgt die Stelle des Vaterunser, an der der Mensch seine Nähe zu Kain nicht mehr leugnen kann: „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!°“ – Die wahren Absichten werden verschleiert. – Der „gottesfürchtige“ Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hat es nach dem 11. September 2001 auf den Punkt gebracht, als er sinngemäß verlautbarte: „Gott mag vergeben, wir nicht.“ – Es wird auch gerne übersehen, daß erst nach der Ankündigung der Vergebung die schärfste Forderung folgt: „Und führe uns nicht in Versuchung!“: Es ist das Abschieben der Eigenverantwortung auf eine höhere Instanz, der man auf der einen Seite vertraut, auf der anderen Seite aber zutraut, Dinge anzuordnen oder zumindest zuzulassen, die man aus eigenem Antrieb wohl nicht tun würde. – Das „sondern erlöse uns von dem Bösen! –Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“! – Beide Sätze sind nicht voneinander zu trennen, den sie beinhalten die bedingungslose Kapitulation vor der Fremdbestimmung, und zwar auch dann, wenn die dadurch ausgelöste eigene Handlung als Unrecht wahrgenommen wird; es wird erwartet, daß die „höchste“ Instanz den Befehl, den man widerwillig befolgt hat, als „Oberster Gerichtsherr“  wieder aufheben wird. – Und zum Schluß des Vaterunser wird dem lieben Gott nochmals so richtig Honig um den Bart geschmiert. „Von nun an bis in Ewigkeit.“ –

– Glauben Sie wirklich, daß der Allmächtige sich auf einen derart durchsichtigen Kuhhandel mit Menschen einläßt?

Alle Opfer, die Göttern, Geistern und Ahnen je dargebracht wurden, dienten nur dem einen Zweck, den Kräften der Natur einen Vertrag aufzuzwingen: „Wir geben Dir das, von dem wir meinen, daß Du es willst,damit Du das gibst, was wir wollen.“ – In seiner Orientierungslosigkeit überträgt und projiziert der moderne Mensch seinen Drang nach reziprokem Verhalten auch auf die Kräfte der Natur. „Do ut des“ – Ich gebe, damit Du gibst. Nach des Menschen Vorstellung soll auch im Verhältnis Mensch-Natur, Mensch-Gott das gegenseitige Vertragsverhältnis gelten, das die Juristen mit Synallagma betiteln. Dabei möchte freilich der Mensch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen festlegen, ein Vorhaben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Neandertaler bestatteten ihre Toten auf „Blumenkissen“. Auch heute noch zählen in allen Teilen der Welt Blumen zu den beliebtesten Grabbeigaben. Seit vermutlich mehr als drei Millionen Jahren hatte es damals schon das blumengeschmückte Abschiedsritual der Hochzeit gegeben.134

Die „Braut“ oder der „Bräutigam“ wurde aus den alten sozialen Bindungen in den Sozialverband einer Nachbarhorde entlassen, der Trennungsschmerz durch das Ritual gemindert. Es ist nahezu unausweichlich, daß unsere Vorfahren für den Todesfall ein der Hochzeit ähnliches Ritual entwickelten. Der Verlust eines Kindes ist immer ein Abschied; gleichgültig, ob es zukünftig in einer anderen Horde lebt oder im Jenseits. Die Verhaltensmuster der Brautwerbung und des sozialen Zusammenlebens sind überwiegend neotene Muster, sie leiten sich aus der Mutter-Kind-Beziehung ab. So ist es nun wirklich nicht verwunderlich, wenn die Abschiedsrituale Hochzeit und Bestattung einander ähnlich sind.

Die botanischen Grabbeigaben der Neandertaler zeigen, daß sie sehr fein zu differenzieren vermochten. Es fanden sich nämlich kaum Überreste von Pflanzen in den Höhlengräbern, die eßbare Früchte tragen.  All das läßt die Gedankenwelt der Neandertaler ein wenig erahnen. Sein Sozialverhalten war ganz und gar auf seine Artgenossen abgestimmt. Und, wie bei sozial lebenden Tieren üblich, war die Grundstimmung „freundlich“. An den Reviergrenzen der einzelnen Horden kam es durchaus zu Unstimmigkeiten, aber gewaltsamen Auseinandersetzungen wird man aus dem Weg gegangen sein. Das Prinzip des geringsten Zwangs schrieb auch damals jedem Hordenführer vor, keine Ausfälle bei den eigenen Gefährten zu riskieren.

Ich höre Widerspruch: Nach gängiger Lehrmeinung war dem Neandertaler als „Vormenschen“ jeglicher moralische Impetus fremd, er schwang die Keule und klopfte blind auf Steinen herum. Er beschwor keine Geister und Götter, brachte ihnen keine Opfer dar, weil ihm der für die Entwicklung entsprechender Vorstellungen erforderlich Intelligenzgrad abgesprochen wird. Deswegen gilt er nach wie vor als ein Wesen, dem menschliche Regungen und moralische Grundsätze fremd sind.

Nach der hier vertretenen Auffassung brauchte der Neandertaler die Rituale des „modernen“ Menschen nicht. Es war ihm noch möglich, auf die sozialen Signale seiner Mitmenschen instinktiv zu reagieren. Zumindest innerhalb der eigenen Gruppe wird er auf Weinen und andere Signale der Hilflosigkeit so reagiert haben, wie der Brutpflegetrieb es vorschrieb.

Ich will gar nicht bestreiten, daß es unmöglich wäre, dem Neandertaler die Begriffe Recht und Moral zu erläutern. Aber nicht aus dem Grund, der immer dafür angeführt wird, nämlich dessen „Dummheit“. Wenn er Recht und Moral nicht kannte, dann nur deshalb, weil er weder das eine noch das andere brauchte. Aus diesem Grunde hatte er es auch nicht nötig, die höheren Instanzen der Moral, nämlich die jeweils „zuständigen“ Geister,  Götter und Dämonen anzurufen oder zu beschwichtigen. – Den freundlichen und fröhlichen Menschen aus dem Neandertal zu unterstellen, dumm und brutal gewesen zu sein, geht zu weit, offenbart im Gegenzug die Dummheit und die maßlose Überheblichkeit des „modernen“ Menschen. Neandertaler hätten nie in Millionenstädten leben können. Sie kannten die zehn Gebote nicht; das Bürgerliche Gesetzbuch wäre ihnen so fremd vorgekommen wie die Zwölftafelgesetze Roms. Eine Gesetzgebung, sei sie göttlicher, sei sie menschlicher Natur, – die gab es im Neandertal nicht.

Gesetze hatten die Neandertaler nicht, weil sie überflüssig gewesen wären.  Diese Prothesen brauchte man nicht:

Der Kernbereich des BGB, die Zwölftafelgesetze und auch der Dekalog haben ihren natürlichen Ursprung tief im sogenannten limbischen System des Gehirns. Das wiederum ist merkwürdigerweise der entwicklungsgeschichtlich älteste Hirnbereich. Wir teilen ihn nicht nur mit Schafen, Wölfen und Walen, wir teilen ihn auch mit Gänsen, Krähen, Krokodilen und Haien. Im limbischen System sitzt bei sozial lebenden Tieren das biologische „Sozialministerium“. Aber auch das natürliche „Justizministerium“ hat hier seinen Sitz. Deren Funktionsfähigkeit ist bei uns freilich erheblich beeinträchtigt. Beim Neandertaler war das wie gesagt noch anders.

Der Neandertaler war, wie seine und unsere bis dahin aufgetretenen Vorfahren Bestandteil seiner Umwelt, er war in sie eingebunden.Demgegenüber ist der „moderne“ Mensch blind geworden für seine Lebensgrundlage, nämlich den Planeten Erde. Spätestens seit der Mensch sich anschickte, „den Weltraum zu erobern“, hat er die Bodenhaftung, seine Anbindung an den Planeten und seinen Respekt, seine Skrupel gegenüber dem Planeten und seinen Mitgeschöpfen offenbar vollends verloren.

– Für die Worte „Respekt“ und „Skrupel“ benutzten die Römer ein und dasselbe Wort: „religio“. In diesem Wort vereinen sich das lateinische re = „zurück“ und ligare = binden. Die religio eines Pferdes ist das Zaumzeug. Der Glaube an die „Machbarkeit“ aller menschlichen Vorstellungen bis hin zur Besiedlung fremder Planeten und zum Klonen von Menschen offenbart die Zügellosigkeit des Menschen, die ihm immer wieder zum Verhängnis wird. Bei aller zur Schau getragenen Religiosität: Von religio ist weit und breit nichts mehr zu sehen.  Der Mensch ist in Opposition zu seiner Natur und dem freundlichen Wesen seiner Ahnen gegangen.

Den kleinen Ausflug in die Gefühls- und Gedankenwelt des Neandertalers wollen wir damit beenden.

Soweit mein Zitat aus „Australopithecus Superbus „


Genie der Natur

Oktober 12, 2011

Programm – ARTE.

Wer diese Sendereihe genossen hat und immer noch an den „Kampf ums Dasein“ glaubt, dürfte dem Adelsgeschlecht von Gestern angehören.

Nicht weil der Kreationismus fröhliche Urständ‘ feiert, sondern weil Darwin richtig lag mit der Erkenntnis, daß die Natur ein evolvierendes, sich ständig veränderndes System ist. – Darwin konnte nicht anders, als zu kurz zu greifen. – Er beschränkte mangels Beobachtungsdaten die Evolution auf den „biologischen“ Bereich der Natur. Die Evolution ist aber, das haben die Erkenntnisse der jüngsten Nobelpreisträger für Physik und Chemie gezeigt, tatsächlich „All-umfassend“. – Und das ist gut so. – Im Hinblick auf den von vielen erwarteten Weltuntergang ist es sehr beruhigend zu wissen, daß die Kreiszahl Pi zumindest seit Beginn des Universums konstant ist, denn soweit man auch ins Weltall zurückblickt: Alles läuft und ist rund. – Ohne Pi wäre es das nicht, wie auch ein rechter Winkel ohne Pi kein rechter Winkel wäre.

Die Sendereihe „Das Genie der Natur“ kommt nach eigenen Angaben ohne Wechselwirkung, Zusammenwirken und Harmonie nicht aus. Und auch das ist gut so, denn – so hat es meine Überprüfung der Darwinschen Beweisaufnahme ergeben – sind das die drei Wirkprinzipien der Evolution, die man – unabhängig von der „Religionszugehörigkeit“ mit „Gott“ in Verbindung bringen kann:

Was dem einen Gott ist dem anderen Evolution
Who is Who?

Nun kann und will ich nicht ausschließen, daß dieses durchaus provokante Diagramm das Blut religiöser Fanatiker aller Couleur  – bis hin zu den organisierten Atheisten – in Wallung bringt.

Alle die, deren Blut in Wallung gerät, sollten sich aber einmal fragen, warum es das Phanomen „Blut“ überhaupt gibt und warum es rot ist.  – die Antwort ist nicht schwer, aber so verblüffend, daß sich das in Wallung geratene Blut schneller abkühlen sollte als die Erde vor fast vier Milliarden Jahren:

Die Ersten Werden Die Letzten Sein

Da ist etwas Wahres dran, denn die ersten lebenden Organismen, die sogenannten thermophilen Archaebakterien, werden dereinst auch die letzten sein. Sie werden mitbekommen, wenn sich in rund 5 Milliarden Jahren die Sonne zu einem sogenannten „Roten Riesen“ aufblähen wird. Wenn diese Zeit gekommen ist, werden die Weltmeere langsam aber sicher „verkochen“.

Die Archaebakterien leben heute fast nur noch in unmittelbarer Nähe von Unterseevulkanen, die der Geologe „Black Smokers“ (Schwarze Raucher) nennt. Sie ernähren sich von dem dort allgegenwärtigen Schwefelwasserstoff und fühlen sich erst dann wirklich wohl, wenn das Wasser eine Mindesttemperatur von mehr als 110 Grad Celsius hat und unter hohem Druck steht. Die Archaebakterien leben dort aber nicht allein, sie bilden die Grundlage eines komplexen Ökosystems, das auf Erden einzigartig ist. Und es gibt dort unten ­- tief im Schoße von Poseidons Reich – eine Substanz, ohne die wir alle tot wären. Man nennt sie Hämoglobin. Hämoglobin macht das Blut rot. Hämoglobin transportieret den Sauerstoff in jede unserer Körperzellen. – Wenn wir aber Hämoglobin in den entlegensten, finstersten und unwirtlichsten Gegenden antreffen, die der Planet zu bieten hat, dann muß man sich die Frage stellen: wie kam es dort hin?
Die einfachste Anwort auf diese Frage ist, Hämoglobin gehört zu den ältesten biochemischen Substanzen überhaupt.
Hohe Temperatur, hoher Druck, komplexe Moleküle.
Vor Jahren sind Experimente gemacht worden, die das Entstehen des Lebens auf Mutter Erde nachvollziehen sollten. Man hat Chemikalien genommen, sie in einen Glaskolben gesteckt und dieses Gemisch elektromagnetischer Strahlung ausgesetzt, um zu testen, ob unter den atmosphärischen Bedingungen der frühen Erde komplexe organische Moleküle entstehen konnten. – Die Experimente waren bis zu einem gewissen Maße erfolgreich, reichten jedoch nicht aus, die Entstehung des Lebens auf unserem Heimatplaneten zu erklären.
Der Fehler, der den Forschern unterlaufen ist, lag schlicht und ergreifend in der klassischen Sicht, den Planeten als „Bühne“ zu betrachten, auf dem das Leben abläuft. Eine Bühne ist statisch, sie bewegt sich nicht.
Mutter Erde ist jedoch ein höchst dynamischer Prozeß, wie auch das Weltall ein dynamischer Prozeß ist. In der Frühzeit des Universums entstand die Materie, die sich im Laufe der Zeit selbst organisierte, und zwar exakt in der Art und Weise, die dem Chemiker als „Periodensystem“ der chemischen Elemente vertraut ist. Die Elemente verhalten sich innerhalb des Periodensystems in einer bestimmten, meist vorhersagbaren Art und Weise. Dennoch gibt es „Exoten“, die entweder in der Natur nicht vorkommen, wie die Elemente Technetium und Promethium, oder die ein wenig aus der Reihe tanzen, wie der Kohlenstoff.
In diesem Zusammenhang ist interessant, daß im Jahre 1865 der englische Chemiker R. Newlands das „Gesetz der Oktaven“ in die Chemie einbrachte. Ähnlich wie auf einer Klaviatur, wo beim Spiel einer Tonleiter nach sieben Tönen der achte Ton (Oktave) als harmonische Konsonanz dem Grundton nahe verwandt ist, folgt bei den nach Atomgewichten geordneten Elementen von Lithium bis Eisen die Oktave Natrium bis Chlor. Dabei zeigen die untereinander stehenden Elemente nahe Verwandtschaft, insbesondere hinsichtlich ihrer Wertigkeit. Freilich gilt das Gesetz der Oktave nur für die leichteren Elemente, ab dem Element Kalium aufwärts umfaßt eine Reihe des Periodensystems 18 Elemente.
Der Rhythmus der Elemente im gesamten Periodensystem ist durch die Zahlen 2, 8, 8, 18, 18, 32 vorgegeben. ( Kelker/Klages/Schwarz, Ds Fischer Lexikon Chemie, Frankfurt/Main 1964 S. 267ff)
Die mathematische Beziehung zwischen den Elementen des Periodensystems entspricht 2 n2 , mit n = 1,2,3,4. Jenseits der 4 hören die stabilen Verhältnisse auf, Elemente jenseits des Urans kommen in der Natur nicht vor. Der einfachen mathematischen Beziehung des Periodensystems verdanken wir alle unser Leben, denn an ziemlich unscheinbarer Stelle in diesem Periodensystem versteckt, da liegt eben das Element, dem unzweifelhaft schöpferische Eigenschaften zugebilligt werden müssen: Das Kohlenstoffatom.
Kohlenstoffverbindungen bilden die Grundlage allen Lebens, ohne Kohlenstoff keine Biochemie. Es neigt dazu, langkettige Moleküle, sog. Polymere, zu bilden und damit Energie gewissermaßen zu „sammeln“ (Alle unsere Treib- und Sprengstoffe sind Kinder des Kohlenstoffs!). Theoretisch sind die Möglichkeiten der atomaren Zusammensetzung eines Polymers fast unbegrenzt, dennoch läßt das Auftreten immer wiederkehrender Muster darauf schließen, daß die Zahl der Möglichkeiten zwar außerordentlich hoch ist, sich aber in der Natur in engen Grenzen hält.
Was ist in der Frühzeit der Erde abgelaufen?
Nachdem die Erde sich hinreichend abgekühlt hatte, entstanden die ersten Ozeane. Diese dürften zunächst kochend heiß gewesen sein. Im Laufe der Zeit kühlten sie sich allmählich weiter ab. Dabei wurden zwangsläufig alle Temperaturstufen durchlaufen. Das ermöglichte den Kohlenstoffatomen im Laufe der Zeit mit allen erdenklichen Elementen zu reagieren. Mit zunehmender Zeit fand der Kohlenstoff immer weniger „freie“ Atome und Moleküle für die Polymerisation.
In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, daß der Abkühlungsprozeß sich nach und nach verlangsamte. Das ist bei der Abkühlung immer so. Sie können diesen Prozeß bei jeder Tasse  beobachten: das Kaffeewasser ist schneller heiß als der Kaffee kalt. Und der Kaffee wird nicht kälter als die Umgebungstemperatur. Weil das immer so ist, hielten die frühen Weltmeere ziemlich  lange das jeweilige Temperaturniveau. Wenn bei chemischen Reaktionen auch nur Bruchteile von Wärmegraden eine Rolle spielten, verweilten die Ozeane lange genug in den entsprechenden Temperaturbereichen, um alle Möglichkeiten „auszutesten“ oder „duchzuspielen“.
Wie gesagt durchliefen die sich abkühlenden Ozeane nach und nach alle Temperaturstufen, die eine Reaktion der Kohlenstoffatome mit allen reaktionsfähigen Atomen und Molekülen begünstigten. Die Zahl der „freien“ Atome und Moleküle nahm mit der Zeit ab.
Statt dessen stieg die Wahrscheinlichkeit, mit Polymeren anderer Provenienz zusammenzutreffen und in Wechselwirkung zu treten. Es bildeten sich immer größere Organisationseinheiten, deren Zahl mit zunehmender Zeit zwar stetig abnahm, aber gleichzeitig die Basis für die Bildung immer komplexerer Einheiten schuf.
Der Prozeß der Lebensentstehung war positiv rückgekoppelt, er beschleunigte sich selbst. Das wiederum läßt den Schluß zu, daß „Leben“ entgegen der herrschenden Meinung in der Physik kein „Ding“ ist, das den Gesetzen der Thermodynamik zuwiderläuft, sondern ein thermodynamischer Prozeß, der auf dieser unserer Erde unvermeidbar war..
Damit war die Entstehung des ersten Zelle bereits vorgezeichnet, als die Erde noch ein glühender Ball flüssigen Gesteins war. Es bedurfte lediglich eines Schleusenereignisses, um sie zu schaffen. Nachdem die erste Zelle sich erst einmal geteilt hatte, war das Leben nicht mehr aufzuhalten; es „explodierte“ regelrecht in den Ozeanen.
Tagtäglich „explodiert“ das Leben auf einer kleineren Größenskala. Zunächst einmal bei jeder Geburt. Der Darm eines Neugeborenen ist keimfrei. Erst im Geburtskanal werden die Bakterien der „natürlichen Darmflora“ in den Verdauungstrakt „hineingeschleust“. Dort kommt es zu einer „Bevölkerungsexplosion“, an deren Ende die Zahl der Bakterien, die im menschlichen Darm siedeln, um ein Vielfaches höher ist als die Zahl der Zellen, die den Menschen formen.
Dann ist da noch das Hühnerei. Das Hühnerei ist zweifelsfrei eine „geordnete“ Struktur. Führt man einem befruchteten Hühnerei Aktivierungsenergie in Form von Wärme (Glucke oder Brutschrank) zu, nimmt die „Bevölkerungsexplosion“ in seinem Inneren ihren Lauf. Die Klone der befruchteten Eizelle besiedeln das Eiinnere solange, bis es fast vollständig in lebende Zellen ungewandelt ist. Anschließend „kippt“ das System. Das Küken sucht selbständig nach neuen Energiequellen. – Bis es am Ende auf dem Teller landet und selbst zur Energiequelle für uns und unsere Darmflora wird.
Unser Leben verdanken wir, daran kann kein Zweifel bestehen, einer „Neigung“ des Kohlenstoffatoms, der aus dem chemischen Periodensystem heraus nicht ersichtlich und nicht erklärbar ist.
Wie dem auch sei, der Kohlenstoff muß im Laufe der Jahrmillionen alle tatsächlichen Möglichkeiten der Polymerisation durchgespielt haben. Daher erscheint es zunächst um so erstaunlicher, daß er an den uns bekannten Mustern „hängenblieb“. Dieses Phänomen aber, ich sagte es bereits, deutet auf eine begrenzte Anzahl von Möglichkeiten in der Natur hin, biochemische Polymere zu bilden. Nur diese sind wohl zu einer Form von Wechselwirkung befähigt, die ein harmonisches Zusammenwirken herbeiführt.
Hohe Temperatur, hoher Druck, komplexe Moleküle.
Je weiter sich die Ozeane in der Folgezeit abkühlten, desto weniger Wärme stand für die chemischen Prozesse des Lebens zur Verfügung. Aber die Folgen waren nicht dramatisch, denn irgendwo fand sich immer ein komplexes Molekül, das als „Biokatalysator“ die fehlende Wärmeenergie für die lebensnotwendige Reaktion ersetzte. Und erneut stoßen wir auf ein harmonisches Zusammenwirken der Beteiligten!
Wie das Hämoglobin dürfte auch das Chlorophyll zu den ältesten biochemischen Substanzen zählen. Chlorophyll gibt den Pflanzen ihre grüne Farbe und ist der Stoff, der Sonnenlicht in Zucker verwandelt. In den dunklen Tiefen des Ozeans, wo er einst erbrütet wurde,  ist er nutzlos. Die Stunde des Chlorophylls als treibende Kraft des Lebens schlug somit erst, als die Randbedingungen des Planeten es zuließen. Und seine Stunde schlägt immer noch, ebenso wie die des Hämoglobins.
Die Archaebakterien, die als erste die Erde „bevölkerten“, leben immer noch. Es wird sie weiterhin geben, solange die Erde ihre Gestalt wandelt. Weil sie so weit von uns entfernt sind und uns offenbar keinen erkennbaren Schaden zufügen, aber auch keinen Nutzen bringen, wird der Mensch sie in Ruhe lassen. So können sie sich ungestört bis in alle Zukunft vermehren.
Wenn dereinst die Sonne sich zum „Roten Riesen“ aufblähen wird, werden sie die letzten Zeugen dieses Vorgangs sein. Aber auch dann, wenn die Polymere des Lebens sich wieder in Einzelelemente auflösen und es die Erde nicht mehr geben sollte, wird das nicht das Ende des Lebens sein.
Unser Sonnensystems ist der vorläufige Endpunkt eines Prozesses. Im Rahmen dieses Prozesses hat sich die Materie zu den uns bekannten Mustern selbst organisiert: Auf den inneren Planetenbahnen findet man die zusammengeballten „schweren“ Elemente in den massiven Kleinplaneten wieder, weiter draußen die Gasplaneten. Die Sternentstehung folgt einem immer wiederkehrenden dynamischen Muster. Daher ist zu erwarten, daß bei der Entstehung von Sternen der Sonnengröße sich die Materie in ähnlicher Weise organisiert wie unser Sonnensystem. Damit dürfte die Zahl der erdähnlichen Planeten in diesem Universum größer sein, als wir es uns in unseren kühnsten Träumen vorstellen können.
Und alle haben bei ihrer Entstehung einen ähnlichen Abkühlungsprozeß durchlaufen wie unsere Mutter Erde. Wenn das aber so ist, sind sie voller Leben, denn unter irdischen wie erdähnlichen Bedingungen ist „Leben“ ein wahrscheinlicher Quantenzustand. Dem Ei sei Dank!
Aber alles Warten auf den Weltuntergang ist vergeblich.

Wer kann diesen Planeten zerstören?

Wo sind denn hier die Menschen?


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