Evolutionäre Religionswissenschaft vs. Evolution des Glaubens

Januar 4, 2013

Evolutionäre Religionswissenschaft – Welche Fragen haben Sie? | Natur des Glaubens.

Eigentlich habe ich keine Fragen, eher eine Antwort:

Und zwar auf die Frage, woher das Phänomen „Glauben“ überhaupt kommt. Wenn man sich in der Welt und der Menschheitsgeschichte umschaut, zeigt sich, daß auch die Beziehung der Menschen zu ihren Göttern, Geistern und Dämonen einem evolutionären Prozeß folgte:

Dieser Prozeß hat drei Quellen.

Die erste ist sein unübertroffenes Vorstellungsvemögen, Grundlage jeglicher Technik,

die zweite ist sein gestörtes Verhälnis zu dem, was ich „Tausch-und-teile-Instinkt“ nenne.

Die dritte Quelle ist schließlich die Sprache, die uns zwingt, Sachen zu „benennen“ , die uns vor allem dazu verdammt, Dinge, die sich „von selbst“ bewegen, zu personifizieren. – So will es der Sprachinstinkt.  – Diese dritte Quelle ist untrennbar mit beiden anderen verbunden. – Denn der Gebrauch der Sprache setzt nicht nur ein Übermaß an Vorstellungsvermögen voraus, sondern der Sprachinsitnkt selbst Abkömmling des „Tausch-und-teile-Instinkts“

Fangen wir mir Quelle Nr 1 an:

Nun stellen Sie sich vor, daß zur Zeit der Herbststürme ein einzelner Bär die Höhle aufsucht. Am Ende des Winters verlassen allerdings regelmäßig drei Bären die Höhle. Ein großer und – normalerweise – zwei putzmuntere kleine.

Sie wissen, daß beim Menschen und bei anderen Säugern Ihrer Umgebung das Junge aus dem Mutterleib kommt. Dieses Wissen dürfen Sie auch dem Neandertaler unterstellen; mehr als einmal dürfte jeder Neandertaler in seinem Leben trächtige Weibchen er- und zerlegt haben. Die „Leibeshöhle“, der ein Säugtier „entspringt“, mußte demnach auch der Neandertaler bestens kennen. Deren Charakteristikum ist die Enge des Eingangs, der in die Weite des Uterus mündet. Ähnlich sind die Höhlen, die als Kultstätten dienten, aufgebaut. Ähnlich sind auch die Ganggräber der Megalithkultur gestaltet, die heute noch in Irland zu finden sind.

Ich muß Sie hier nochmals an Ihre disziplinierte Naivität erinnern. Sie wissen, daß der Bär ein Säugetier ist, für den Moment müssen Sie ihr Wissen einmal vergessen.[1] Wußte es auch der Neandertaler?

– Prima Facie, dem ersten Anschein nach, entspringen in jedem Frühjahr junge Bären unmittelbar der Höhle, denn bis vor kurzem war die Geburt von Bären noch eines der bestgehüteten Geheimnisse der Natur. Im Winter 1999/2000 wurde als Weltpremiere eine entsprechende Live-Übertragung im Internet angeboten. In den Jahrmillionen davor war das allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Die Beobachtung einer Bärengeburt war somit erst recht dem Neandertaler verwehrt. Die Vorstellung, ein Bär entspringe unmittelbar dem Schoß der Erde, ist damit vorprogrammmiert.

Die dunkle Höhle ist zwar immer noch voll von den Geistern und Dämonen, die das Licht der Fackel an die Wände zaubert. Durch den Einfluß der Bären ist eine Höhle aber kein Ort der Furcht mehr, sie wandelt sich in jedem Frühjahr zur Quelle neuen Lebens. Diese finden  wir in der griechischen und nordischen Mythologie wieder vor, nämlich im gebärenden Schoß der Erdmutter, die die Griechen Gaia nannten. Zum Leidwesen des Papstes hat auch die Jungfräulichkeit der Mutter Gottes hier ihren mythischen Ursprung:

Im nordischen Bereich ist die Erdmutter zu Anfang noch jungfräulich.[2] Weiter südlich ist die Vorstellung von „Mutter Erde“ zwar immer noch lebendig, aber die Dame ist nicht mehr allein: Die Gaia der Griechen gebiert am laufenden Band Titanen und Zyklopen. Die sinnenfrohen Griechen hatten ihrer Gaia den sexbesessenen Uranos hinzugesellt, der mit seinen weiteren Zeugungsakten erst dann aufhört, nachdem ihn sein Sohn Chronos, der Herr der Zeit, entmannt hatte. Chronos selbst fürchtete, auf ähnliche Weise entmachtet zu werden und verschlang die Kinder seiner Schwester und Gattin Rheia unmittelbar nach der Geburt. Bis auf Zeus, den seine Mutter vor den Nachstellungen in eine Höhle in Sicherheit brachte. Dort trank das Kind die Milch der Ziege Amaltheia und wurde von den Bärinnen Helike und Kynosura  behütet und erzogen. Zeus verbannte seinen Vater in die Unterwelt. Er dankte der Ziege und den beiden Bärenmüttern, indem er sie in den Nachthimmel hob. Merkwürdigerweise steht auch die Geburtskirche in Bethlehem über der Grotte, in der Jesus zur Welt gekommen sein soll.

Höhlen, Bären und der Geburtskanal als Alltagserfahrung sind ausreichend, die Mythologie von Mutter Erde und ihren gigantischen Kindern mit den titanischen Kräften zu begründen. Der Bärenkult offenbart aber noch mehr:

Hier berühren sich Jenseitsvorstellung, Totenkult und Fruchtbarkeitsritus in ähnlicher Weise wie bei der Erdbestattung. Auch unser eigenes Beerdigungsritual ist mit der Vorstellung von Fruchtbarkeit verknüpft. Was in den „Schoß“ der Erde eingebracht wird, wird leben und wachsen.

Die Höhlen, in denen der Neandertaler seine Begräbnisspuren hinterließ, waren folglich nicht ein Ort der reinen Trauer, sie waren der Quell eines Lebens, das zumindest nicht mit der Alltagserfahrung eines Neandertalers erklärbar war. Höhlen waren folglich die Orte, an die man einen Verstorbenen in der Hoffnung auf ein neues Leben im Jenseits oder in der Hoffnung auf eine Wiedergeburt gebracht hatte.

Freilich lassen sich für die von mir hier aufgestellte These kaum direkte Beweise finden:

An den Wänden der Höhlen von Shanidar, Mugharet es-Skhul, Mugharet et-Tabun oder anderen gibt es außer den „Lichtwesen“, die der Fackelschein spontan an die Höhlenwand zaubert, – nichts.

Der Neandertaler hat zwar Anhaltspunkte für Zeremonien hinterlassen, darunter sind allerdings keine, die man als Beschwichtigungsritual gegenüber den Geistern und Göttern deuten könnte.

Allerdings auch nichts, was darauf hindeuten könnte, daß die Neandertaler Ahnen, Geister oder Götter angerufen hätten, den nächsten Jagdzug erfolgreich sein zu lassen. Ihre Kultstätten geben uns keinen Hinweis auf derartige Zauberrituale.

Erst bei Crô-Magnon waren sie gang und gäbe und sind noch heute weltweit verbreitet. Selbst das Christentum kennt diesen Zauber: Beim Vaterunser kommt erst einmal das Signal der Bereitschaft zur Unterwerfung: „Dein Reich komme, Dein Wille geschehe…auch auf Erden.“ – Ein deutlicher Hinweis, daß der Mensch die Unterwerfung unter die Herrschaft Gottes erst in einer ungewissen Zukunft in Aussicht stellt. Und dann kommt der Forderungskatalog:

 „Unser täglich Brot gib uns heute! Und vergib uns unsere Schuld!“

Darauf folgt die Stelle des Vaterunser, an der der Mensch seine Nähe zu Kain nicht mehr leugnen kann:

„Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!°“ – Die wahren Absichten werden verschleiert. – Der „gottesfürchtige“ Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hat es  nach dem 11. September 2001 auf den Punkt gebracht, als er sinngemäß verlautbarte: „Gott mag vergeben, wir nicht.“

Es wird auch gerne übersehen, daß erst nach der Ankündigung der Vergebung die schärfste Forderung folgt: „Und führe uns nicht in Versuchung!“: Es ist das Abschieben der Eigenverantwortung auf eine höhere Instanz, der man auf der einen Seite vertraut, auf der anderen Seite aber zutraut, Dinge anzuordnen oder zumindest zuzulassen, die man aus eigenem Antrieb wohl nicht tun würde. – Das „sondern erlöse uns von dem Bösen! –Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“! – Beide Sätze sind nicht voneinander zu trennen, den sie beinhalten die bedingungslose Kapitulation vor der Fremdbestimmung, und zwar auch dann, wenn die dadurch ausgelöste eigene Handlung als Unrecht wahrgenommen wird; es wird erwartet, daß die „höchste“ Instanz den Befehl, den man widerwillig befolgt hat, als „Oberster Gerichtsherr“ wieder aufheben wird. ­–  Und zum Schluß des Vaterunser wird dem lieben Gott nochmals so richtig Honig um den Bart geschmiert. „Von nun an bis in Ewigkeit.“ – Glauben Sie wirklich, daß der Allmächtige sich auf einen derart durchsichtigen Kuhhandel mit Menschen einläßt?

Alle Opfer, die Göttern, Geistern und Ahnen je dargebracht wurden, dienten  nur dem einen Zweck, den Kräften der Natur einen Vertrag aufzuzwingen: „Wir geben Dir das, von dem wir meinen, daß Du es willst, damit Du das gibst, was wir wollen.“ – In seiner Orientierungslosigkeit überträgt und projiziert der moderne Mensch seinen Drang nach reziprokem Verhalten auch auf die Kräfte der Natur. „Do ut des“ – Ich gebe, damit Du gibst. Nach des Menschen Vorstellung soll auch im Verhältnis Mensch-Natur, Mensch-Gott das gegenseitige Vertragsverhältnis gelten, das die Juristen mit Synallagma betiteln. Dabei möchte freilich der Mensch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen festlegen, ein Vorhaben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

 Neandertaler bestatteten ihre Toten auf „Blumenkissen“. Auch heute noch zählen in allen Teilen der Welt Blumen zu den beliebtesten Grabbeigaben. Seit vermutlich mehr als drei Millionen Jahren hatte es damals schon das blumengeschmückte Abschiedsritual der Hochzeit gegeben. Die „Braut“ oder der „Bräutigam“ wurde aus den alten sozialen Bindungen in den Sozialverband einer Nachbarhorde entlassen, der Trennungsschmerz durch das Ritual gemindert. Es ist nahezu unausweichlich, daß unsere Vorfahren für den Todesfall ein der Hochzeit ähnliches Ritual entwickelten. Der Verlust eines Kindes ist immer ein Abschied; gleichgültig, ob es zukünftig in einer anderen Horde lebt oder im Jenseits. Die Verhaltensmuster der Brautwerbung und des sozialen Zusammenlebens sind überwiegend neotene Muster, sie leiten sich aus der Mutter-Kind-Beziehung ab. So ist es nun wirklich nicht verwunderlich, wenn die Abschiedsrituale Hochzeit und Bestattung  einander ähnlich sind. 

Die botanischen Grabbeigaben der Neandertaler zeigen, daß sie sehr fein zu differenzieren vermochten. Es fanden sich nämlich kaum Überreste von Pflanzen in den Höhlengräbern, die eßbare Früchte tragen.


[1]              Sie wissen auch, daß der Biber ein Säugetier ist, dennoch galt er jahrundertelang wegen seines schuppigen Schwanzes nicht als ein solches!

[2]              Britta Verhagen, Götter am Morgenhimmel, Tübingen, Buenos Aires, Montevideo 1983, S. 34

(Gerhard Alenhoff, Australopithecus Superbus, S. 169ff)

Die zweite Quelle ist das Vorstellungsvermögen, die Phantasie. – Ohne sie ist kein Werkzeuggebrauch, vor allem aber keine planmäßige Werkzeugherstellung  vorstellbar. – Wer einmal eine Feuersteinknolle am Ostseestrand in der Hand hatte, der ist sich klar darüber, daß ihm ohne Vorstellung darüber, wie das Werkzeug am Ende aussehen soll, keine Chance hat, etwas Sinnvolles aus einer Feuersteinknolle zu schaffen.  – Wer nicht weiß, wie ein Netz ausssehen soll, wird mit den Fäden in seiner Hand kaum etwas anfangen können:

Der Spinne, die unlängst ihr Netz zwischen dem Außenspiegel und der Karosserie meines Wagens gesponnen hatte, war der Zweck ihres Hand- lens mit Sicherheit unbekannt. Sie spulte ein Programm ab, ohne über- haupt wahrzunehmen, was tatsächlich geschah: Bis etwa 80 km/h blieb sie seelenruhig in ihrem Netz hängen, etwa ab diesem Tempo lief sie rasch in Deckung. An jeder Ampel aber, wenn wieder weitgehend Windstille herrschte, kam sie wieder hervor, kontrollierte ihr Netz und beseitigte durch den Fahrtwind entstandene Schäden. Das wiederholte sie immer und immer wieder; sie tat mir hinterher richtig leid; aber wie hätte ich ihr erklären sollen, daß nach der nächsten Grünphase der „Sturm“ aufs Neue losgehen würde? Wie selbstverständlich erscheint uns das Verhalten der Spinne zweckgrichtet. Sie webt ihr Netz, um damit Insekten zu fangen. Allerdings braucht dies die Spinne als Individuum nicht zu wissen. Denn unter gewöhnlichen Umständen werden Fluginsekten sich mit einer sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit im Netz verfangen, auch davon braucht die Spinne selbst keine Kenntnis zu haben. Sie kann sich auf ihr„Artgedächtnis“ grundsätzlich verlassen. Nur in Ausnahmefällen, wie dem eben geschilderten, „versagt“ dieses.

 Anders sieht es beim Hausbau aus. – Dem Biber bereits dürfen wir ruhig zubilligen, eine Vorstellung davon zu haben, wie sein Bau aussehen muß. Aber der Biber ist im Bereich des Baumaterials auf das Holz beschränkt, denn es ist das einzige Baumaterial, das er mit seinen Zähnen bearbeiten kann.

Die Errichtung eines Hauses erfordert aber bei weitem mehr. Die Kenntnis davon, welche Materialien sich überhaupt eignen; Erfahrung im Umgang mit den Baustoffen usw. Alles Wissen über die Eigenschaften der Baustoffe  und alle Erfahrung im Umgang mit denselben reichen aber nicht aus, ein Haus zu bauen. Ohne Vorstellung davon, wie das Haus aussehen soll, ohne Phantasie also, gäbe es kein einziges Haus. Das Vorstellungsvermögen ist demnach das Entscheidende. Hier ist die Zweckursache zu suchen, die scheinbar aus der Zukunft in die Vergangenheit wirkt.

Unsere Phantasie ist auch der chaotische Widerpart unseres analytischen Verstandes. Ihre Inhalte sind in der Tat unbegrenzt, sogar Fabelwesen sind denkbar. Und diese wiederum können unseren analytischen Verstand zum Narren halten:

Aristoteles nimmt zu den Tier-Mensch- Mischgestalten der Mythologie wie folgt Stellung:

„(…) Entstanden etwa, wie in der Tierwelt Ochsen mit Menschenköpfen, so auch in der Pflanzenwelt Mischbildungen aus Rebe und Ölbaum oder nicht? Das ist freilich unnatürlich. Aber es mußte wohl so sein, wenn ent- sprechendes in der Tierwelt vorkam. Dann mußte freilich bei den Samen der reine Zufall herrschen. Wer aber so etwas behauptet, der hebt damit das Natürliche und die Natur auf. Denn von Natur aus gelangt alles, was von einem in ihm selbst liegenden Prinzip ununterbrochen bewegt wird, zu einer gewissen Vollendung. Diese ist freilich bei den einzelnen Wesen entsprechend dem weiligen Prinzip verschieden, aber nicht etwas Zufälliges, sondern jeweils immer dieselbe, wenn kein Hindernis in den Weg tritt. Der Zweck aber und was seinetwegen geschieht, kann auch einen zufälligen Anlaß haben, wie wir z.B. sagen, es sei zufällig ein Fremder gekommen und, nachdem er eingekehrt, wieder weggegangen, wenn er handelt, als ob er deswegen gekommen wäre, während er doch nicht des- wegen gekommen ist. So urteilen wir nach dem äußeren Hergang; der Zufall gehört aber zu den Ursachen, die man auf Grund des äußeren Hergangs annimmt, wie wir früher gesagt haben. Wenn so etwas aber immer oder doch meistens geschieht, dann ist es nicht bloß ein äußerer Hergang und nicht Zufall. In der Natur aber ist es immer so, wenn nicht ein Hindernis eintritt. Es ist aber töricht, etwas nicht für ein zweckmäßi- ges Geschehen zu halten, wenn die bewegende und überlegende Ursache unsichtbar ist. Und doch überlegt auch die Kunst nicht; denn wenn in dem Holz die Schiffsbaukunst seckte, so würde sie ganz gleichartig verfahren wie die Natur. Wenn also der Kunst der Zweck innewohnt, dann ist es auch bei der Natur der Fall. Am deutlichsten wird es aber in dem Falle, wenn jemand sich selbst heilt. Einem solchen gleicht die Natur. Es ist also klar, daß die Natur Ursache ist, und zwar im Sinne der Zweckmäßigkeit.“ (Aristoteles, Aus der Physik, Kausale und teleologische Naturbetrachtung)

Und hier kommt unvermittelt die dritte Quelle, der Sprachinstinkt ins Spiel:

Es ist schon erstaunlich, wie nahe Aristoteles der Wahrheit kam, wenn man seine doch stark eingeschränkten Möglichkeiten zur Erforschung der Natur  berücksichtigt.  Er  selbst  hat  bereits  eine  Vorstellung  von  der „Vollendung“ des  Natürlichen durch innere Antriebe,  die  nach seinen Worten „nicht etwas Zufälliges, sondern jeweils immer wieder dieselbe ist, wenn kein Hindernis in den Weg tritt.“ Aber auch Aristoteles macht am Ende seiner Betrachtung den typisch menschlichen Fehler, die eigene Phantasie in die natürlichen Abläufe zu projizieren. Aber das ist nicht verwunderlich, weil wir dazu neigen, komplexe Zusammenhänge zu personifizieren: wir lassen das Feuer wüten, den Sturm toben, den Fluß über die Ufer treten. An der Nordseeküste holt sich der „Blanke Hans“ gelegentlich seine Opfer, Vulkane „speien“ Feuer. Und die Evolution „schafft“ Lebewesen.

Wenn wir uns also mit Dingen „befassen“, die wir nicht „begreifen“ können, billigen wir ihnen nahezu automatisch eine Subjektqualität zu, sie werden als handelnde Person wahrgenommen. Auch hier stehen wir wieder nicht allein da; Sie haben es am Beipiel der Schimpansen gesehen, die wütend auf den „Wettergott“ losgegangen sind.

Von der Personifizierung können wir nicht einmal lassen, wenn es um komplexe Strukturen und Zusammenhänge geht, die der Mensch selbst erst geschaffen hat. Wir reden davon, „der Krieg“ sei der Vater aller Dinge; „die Technik“ versage hin und wieder. Ob Wirtschaft, Politik, Medizin, Justiz oder Gesellschaft. All diesen Dingen, die wir nicht unmittelbar fassen“ können, verleihen wir den Status einer Persönlichkeit. Sie können das ganz einfach daran feststellen, daß sie diesen „Personen“ für irgendetwas die „Schuld“ in die Schuhe schieben können. Wobei der Schuh seinerseits für den Menschen „handhabbar“ ist. Wenn Ihnen ein Schuh nicht paßt, werden Sie kaum jemals behaupten, das sei ein Verschulden des Schuhs. (Gerhard Altenhoff, Australopithecus Superbus S. 128ff)

„Gott“, „die Götter“, „Geister“ und „Dämonen“ – sie alle sind wissesnschaftlich nicht nachweisbar. – Zumindest als „Personen“. – Aber das gesamte Universum ist offensichtlich von einer Art „mathematischem Feld“ durchzogen, das sich nicht in der Euklidischen Geometrie und der linearen Algebra erschöpft. – Die Kresizahl „Pi“ ist allgegenwärtig und nicht durch ein ganzzahliges Verhältnis zu erfassen. Sie ist ein Fraktal.  „Pi“ ist – nach klassischen menschlichen Maßstäben –  „verantwortlich zu machen“ für alle runden Dinge in dieser Welt.

Ich will es an dieser Stelle nicht weiter vertiefen, aber wir selbst und die uns umgebende Natur sind durch und durch fraktal gestaltet, also von nichtlinearer Mathematik durchwirkt.

Die Mathematik ist „wiederholbar“, nicht aber deren Ergebnisse im Zusammentreffen mit der Materie. Es gibt also etwas, was universeller ist als unsser Universum. – Wir spüren es, aber es entzieht sich weitgehend unserer Wahrnehmung. – Wir kennen auch heute erst wenige Gesetze der fraktalen Geometrie. – Wir werden sie wohl auch nicht alle kennenlernen, also werde wir auch weiterhin genug Anhaltspunke habe für Götter, Geister und Dämonen.

Niemand von ihnen, auch nicht unser „Gott“ wird sich jemals von Menschen beeinflussen lassen. – Die Beziehung der Natur,-  ich pflege zu sagen: „des Planeten“  – zu den Menschen läßst sich von diesem nicht „reziprok“ gestalten. Auch wir Menscchen sind auf Gedeih und Verderb den Kräften des Planeten ausgeliefert. – Wie die Evolution zeigt, klappt diese einseitige Beziehung ganz gut, sofern man sich dem Planeten anpaßt und nicht versucht, ihn sich zu „unterwerfen“.


Trau Dich, zart zu sein – die „lila Kuh“ und das Gras

Juli 10, 2012

Milka – Home.

In all den Sendungen, die uns jetzt wieder suggerieren wollen, die Welt wäre vom „Kampf ums Dasein“ geprägt, lauert ein Fehler: nämlich der der Perspektive. – Man blickt durch Darwins Augen auf die soziale Wirklichkeit im England des 19. Jahrhunderts. – Der gemeine Industriearbeiter, die Kinder unter Tage, die Frauen, die versuchten, beides unter einen Hut zu bringen und nebenbei noch zu arbeiten, die „kämpften“ ohne jeden Zweifel „ums Dasein“. – Es blieb ihnen nichts anderes übrig.

Darwins soziales Umfeld kann indes die Projektion seines erlebten „sozialen Weltbildes“ dessen Projektion in die „Wirklichkeit“ der Evolution nicht rechtfertigen.

Der „Kampf ums Dasein“ zwischen Kuh und Gras sieht so ganz anders aus als der zwischen Kapitalist und Arbeiter. – die Kuh „frißt“ kein Gras. – Die Kuh läßt die Graspflanzen nicht nur leben, sie düngt sie sogar noch und sät neues Gras:

Wenn eine Kuh „Pipi macht“, – und das macht sie reichlich, dann fügt sie dem Boden dringend benötigten Stickstoff in einer Form zu, der von den Bodenbakterien aufgearbeitet und den Pflanzen zugeführt werden kann.

Jeder Kuhfladen enthält – trotz aller Angriffe des Verdauungstrakts  einer Kuh – genügend keimfähige Samen verschiedenster Pflanzen , um an allen Orten, die eine Kuh bereist, eine neue Wiese zu erzeugen.

Kühe, wie  die Generation „50+“ noch aus Kindertagen kennt, standen auf einer eingezäunten Weide. – Sie waren also gezwungen, sich jeden Tag auf den eigenen Eßtisch zu scheißen. – Man verzeihe mir diese drastische Ausdrucksweise.

Das müssen sie heute wegen der Haltung auf  Spaltböden nicht mehr.  – Dennoch können sie ihr Instrument im Orchester der Evolution nicht mehr spielen: Sie können den Pflanzen, von denen sie leben, nicht mehr helfen, sichsanft und ohne Agression  zu verbreiten.

Gerade die  Rinder, die heute als „Klimakiller“ verteufelt werden, sind uns soweit voraus, daß wir uns eine Scheibe von ihnen abschneiden sollten, bevor wir sie in Stücke scheiden:

„Das, was der Mensch so gern als „Menschlichkeit bezeichnet, hat er nicht erfunden. „Menschlich­keit“ ist in der Natur häufiger anzutreffen als uns lieb sein kann, man muß nur genau hinsehen:
Die Verhaltensmuster eines Löwenkaters bildet bei Säugern die Ausnahme, im allgemeinen sind so­ziale Dominanz und Führungsverantwortung un­trennbar miteinander verknüpft. Das gilt sowohl für die Leitkuh einer Ele­fantenherde, für die Leitstute bei Pferden wie für den Leitwolf bzw die Leit­wölfin eines Rudels. In allen Fällen tragen sie die Verantwortung für das Ganze.
Diese Erscheinung macht nicht einmal vor unseren Hausrindern halt:
In Ostdorf auf der schwäbischen Alb lebt die einzige wirklich wildlebende Hausrinderherde Euro­pas, wenn nicht gar der Welt. Die Uria-Rinder von Ostdorf sind zudem der schlagende Beweis für den Mißerfolg menschlicher Züchtung: Fressen und dumm in der Gegend herumstehen, das hätten die Rinderzüchter ihren „Produkten“ wohl gern angezüchtet. Aber Jahrtausende der Domestikation haben es nicht vermocht, Rindern die In­stinkte zu rauben, die sie nun einmal brauchen, um in „frei­er Wildbahn“ zu überleben. Ganz gewöhnliche Hausrinder verfügen immer noch über das vollstän­dige Verhaltensrepertoire, das es ihnen ermöglicht, unabhängig von der Obhut des Menschen ihre Kälber großzuziehen. Im Gegensatz zu vielen anderen Tiergesellschaften spielen die Männer dabei eine nicht nur unerhebliche Rolle:
Zeus soll sich der Legende nach einer seiner vielen Angebeteten in der Gestalt des Stiers genähert haben. Ihr Name war Europa. Seither gilt der Stier als Sinnbild unbeugsamer Manneskraft, weil sich die Menschen keine andere Vorstellung von einem Stier machen konnten.
Nach der „Rückkehr des Zeus“ am 4.7.20043 erschien der Stier vor dem verzerrten Bild der Schöp­fung, das der Mensch sich von ihr macht, in einer vollkommen veränderten Gestalt.. Eine Gestalt, die für Frauen nicht weniger attraktiv sein dürfte als das „klassische“ Bild, das man gewöhnlich von einem Stier hat. Der Stier versinnbildlicht nämlich in erster Linie soziale Kompetenz, Sanftmut und Führungsverantwortung.
Alles begann im Sommer 2004 ganz harmlos. Ich machte mich auf die  Suche nach einer eingängi­gen Metapher für das perpetuum mobile, jener Maschine, die ohne Energiezufuhr ständig Energie abgeben kann. Die Almigurth-Reklame brachte mich auf die Spur. Darin wurde zeitweise der Slo­gan verwendet: „Wir geben unser Bestes“ – „Quatsch“, dachte ich, „die Kuh gibt keine Milch, der Bauer nimmt sie ihr weg“. Denn die Schöpfung hat die Milch dem Kalb zugedacht und nicht dem Bauern. Und damit war der zu beschreibende thermodynamische Kreisprozeß schon fast geschlos­sen. Der Bauer mußte nur noch die Kuh mit ihrer eigenen Milch füttern. – Ich glaube, auch dem Einfältigsten dürfte klar sein, daß eine Kuh, die nur mit ihrer eigenen Milch gefüttert wird, bald ver­endet. Ich glaube, auch der Einfältigste wird den Bauern, der seine Kuh nur mit ihrer eigenen Milch füttert, zutreffend für nicht mehr ganz dicht halten.
Es ging scheinbar so harmlos weiter. Ich schaltete meinen Fernseher ein, und zwar genau um 15.15 Uhr. Es begann gerade eine Sendung aus der Rei­he „Abenteuer Wildnis“. Der Titel war ganz inter­essant: „Die wilde Seele unserer Haustiere“. Also schaute ich mir die Sendung an. Ich hätte es mir nicht träumen lassen, aber seit Karel Zemans „Reise in die Urwelt“ kann ich mich nicht erinnern, von einem Film so fasziniert gewesen zu sein.
In diesem Zusammenhang wurde ich am Bildschirm Zeuge einer Auseinan­dersetzung zwischen zwei rivalisierenden Stieren. Ein „Youngster“ maßte sich an, sich mit einem zum „Establishment“ gehörenden Stier zu messen. Am Ende verdrängte er den „Etablierten“ nicht nur aus seiner sozialen Rangstellung, er nahm ihm sein „Amt“. Spontan brachte sich mir „der kleine Stowasser“ in Erinne­rung. In diesem lateinisch-deutschen Standard­wörterbuch wird das Wort „praesidere“ mit „schüt­zen“ bzw. „decken“ übersetzt. – (Na,na! „Decken“ meint nicht das, was Sie jetzt spon­tan im Zu­sammenhang mit dem Stier denken, sondern das militärische Decken)
Der Stier, der seinen „Rivalen“ „besiegt“ hatte, übernahm unverzüglich dessen „Amt“, das darin be­steht, die ziehende Herde nach hinten gegen Gefahren abzuschirmen.
Der Stier, der die Herde anführt, trägt die größte Verantwortung. Er allein entscheidet darüber, ob eine unbekannte Situation für die Herde bedrohlich ist oder nicht. Die Herde folgt blind seiner Ent­scheidung. Mit anderen Worten, macht er einen Fehler, kann dies den Untergang der Herde zur Fol­ge haben. Der Leitbulle ist der eigentliche „Präsident“ der Herde; die anderen Stiere will ich einmal  als Vizepräsidenten bezeichnen –  Geschützt durch die Kompetenz des „Präsidenten“ und seiner „Vize“ kön­nen die Kühe in aller Ruhe ihren Nachwuchs großziehen. Sie verfügen dabei sogar über eine Einrichtung, die wohl als einzige mit einer vom Men­schen erschaffenen Institution gleichge­setzt werden kann: sie bilden einen Kindergarten. Während das Gros der Herde ihrer alltäglichen Beschäfti­gung nachgeht, spielen die Kälber unter der Aufsicht einiger Kühe.
Nun könnte Ihnen einfallen, sich für die „beherrschende Lebensform“ des Planeten Erde zu halten. Als solche könnten Sie geneigt sein, auch von den Uria-Rindern Ihren Tribut in Form von Milch zu fordern. Ich kann davon nur abraten, denn ein echter Bulle ist in Ausübung seines Amtes humor- und kompromißloser als ein New Yorker Cop. Er wird Ihnen unmißver­ständlich klarmachen, daß Mutter Erde die Milch den Kälbern zugedacht hat. Und er wird Sie, notfalls unter Anwendung un­mittelbaren Zwangs, samt Ihrem Milchkännchen zum Teufel jagen. Und wenn wirklich ern­sthafte Gefahr drohen sollte, machen die Stiere wie auf Kommando gemeinsam Front. – Wohlgemerkt, „wie auf Kommando“ und nicht „auf Kommando“! Denn der Leitstier kommandiert keines seiner Herdenmit­glieder in der Gegend herum. Er gibt nur Signale von sich, die von den an­deren als Auf­forderung zum gemeinsamen Handeln verstanden werden.
Im „Innenverhältnis“ freilich sind Bullen regelrechte „Weicheier“, vom Bild des „wilden Stiers“ bleibt hier nichts, aber auch gar nichts übrig: das Sexleben der Rinder ist nicht leicht zu beobachten, denn wenn sich eine Kuh in einen Bullen verguckt hat, schlagen die beiden sich im Anschluß an ausgiebige Liebesbezeugungen nach einiger Zeit „in die Büsche.“ Das ist durchaus sinnvoll, denn bei dieser Art von Beschäftigung vergessen wohl auch Rinder Raum und Zeit und sind damit an­greifbar.
Rinderkindern in „freier Wildbahn“ geht es augenscheinlich erheblich bess­er geht als Millionen von Menschenkindern in aller Welt, daher sei mir die Frage erlaubt, wer in Gottes weitem Rund die wahren Hornochsen sind.
Wie über die Bienen offenbart sich auch über die Rindviecher das grundsät­zlich falsche Bild, das wir uns von unserer Stellung in der Evolution machen:
Die Kuh „gibt“ keine Milch, der Bauer hindert sie vielmehr durch das Melken am „Abstillen“, ob­wohl ihr Kalb in vielen Fällen längst als Medail­lon, Schnitzel oder Haxe der Freßlust des Menschen zum Opfer gefallen ist.
Aber wehe ein Braunbär wie „Bruno“ reißt ein Kalb oder greift der Biene Maja in die Waben! Flugs wird er zum „Problembären“ erklärt und stan­drechtlich erschossen!
In Wahrheit sind all die vielen Tüten Milch und die vielen Gläser Honig, die wir im Supermarkt fin­den, nichts anderes als Diebesgut. Ein qualitativ­er Unterschied zum Inhalt des „Staatssäckels“ be­steht nicht.“  ( https://www.triboox.de/manuskripte/biene-maja-der-glueckliche-loewe-und-die-sozialversicherung/tV0L0yXCgcfa/ – S. 29ff)

Die „Lila Kuh“ hat – hoffe ich – nicht nur ihre Farbe geändert, sondern auch ihre Gestalt.


Kunst im Neandertal? – Überflüssig! – Nachrichten Wissenschaft – WELT ONLINE

Juni 20, 2012

Rote Handabdrücke: Waren Neandertaler die ersten Künstler der Welt? – Nachrichten Wissenschaft – WELT ONLINE.

Warum haben die Neandertaler  uns keine „Kunstwerke“ hinterlassen? – Die Antwort ist ganz einfach, sie brauchten keine „Kunstwerke“ zur Beschwörung der „Götter“.  All das, was wir als „Kunst“ bezeichnen, ist nicht mehr als „Werkzeugherstellung“ im Leerlauf. – Wer in grauer Vorzeit ein Werkzeug, z.B. einen Faustkeil herstellen wollte, mußte eine innere Vorstellung von der Gestalt des „Endprodukts“ haben. – Angesichts der feinen Gestalt der Neandertalerwerkzeuge kann man diesen die entsprechende Vorstellungskraft wohl nicht ernsthaft absprechen.

Neandertaler hatten wegen ihrer Kieferform wohl kaum Probleme mit den „Weisheitszähnen“; – und sie werden aufgrund einer über Jahrmillionen dauernden, ununterbrochenen genetischen Abfolge und Traditionsbildung mit ihrem Sozialverhalten ebensowenig irgendwelche Probleme gehabt haben.

Ganz im Gegensatz zu uns. – Alle Indizien sprechen dafür, daß der „moderne“ Mensch aus einer kleinen, isolierten Population hervorgeganging. Unabhängig voneinander kamen das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und der Genetiker Lynn Jordy zu dieser Einsicht. Da Jordy mit seiner  „Flaschenhals-Theorie“ („Bottleneck“) früher als das MPI in die Öffentlichkeit trat,  erhielt die zwischeneiszeitliche Insel, auf der unsere unmittelbaren Vorfahren entstanden, den Namen „Bottelneck“ – und nicht „Nadelöhr“. – In der Sache ändert sich freilich nichts:

Verlassen wir Bottleneck für eine Weile und begeben wir uns in die Jagdgründe des „klassischen“ Neandertalers:

Spätestens der Neandertaler hat Höhlen zu Kultzwecken aufgesucht. Gerade der Neandertaler hat diese Kultstätten auch als Begräbnisstätten verwendet. Diese Kult- und Begräbnisstätten deuten auf einen ausgeprägten Bärenkult hin. Die Höhlen selbst aber schweigen.

Anders sieht es bei den Crô-Magnon – Höhlen aus. Die Höhlen von Lascaux oder Altamira sind Kunstwerke. Sie enthalten Wandmalereien vonatemberaubender Schönheit, so daß nach modernen Maßstäben diese Lebensäußerungen unserer Vorfahren als Gesamtkunstwerk gelten können.Sie weisen eine frappierende Ähnlichkeit mit heutigen Kathedralen auf. Und eben diese Ähnlichkeit ist es, die uns dazu veranlassen muß, den Weg, der von der Kleinen Felddorfer Grotte im Neandertal zum Petersdom führt, in groben Umrissen nachzuzeichnen. Die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede geben uns Hinweise auf die jeweiligen Lebenseinstellungen.

Während die Gemälde an den Wänden von Lascaux erahnen lassen, daß deren Schöpfer ähnlich empfanden wie wir, wird es für uns schon schwieriger, die Vorstellungswelt der Neandertaler zu ergründen. So schwierig ist es allerdings auch nicht. Man muß nur ein wenig seine Phantasie gebrauchen und disziplinierte Naivität an den Tag legen. Disziplinierte Naivität bedeutet wie gesagt, daß man sich zwingt, all die Dinge außer acht zu lassen, die man weiß, und versucht, bekannte Sachverhalte so zu betrachten, als begegneten sie einem zum ersten Mal.

Nehmen Sie also eine Fackel und begeben Sie sich in eine Höhle. Keine Angst, außer Schwärmen von Fledermäusen werden Sie kaum einem größeren Lebewesen begegnen. Einem Höhlenbären gleich gar nicht, denn wir haben Sommer; und das ist die Zeit, in der auch Höhlenbären unter freiem Himmel auf Nahrungssuche gehen.

Allerdings müssen Sie damit rechnen, sich selbst zu begegnen. Das flackernde Licht, die wechselnden Schatten an den Wänden werden Gestalten hervorbringen. Dämonen und Geister, die zwar nur in Ihrem Gehirn existieren, die aber durch das Spiel von Licht und Schatten an den Höhlenwänden „erscheinen“. Und eben diesen Gestalten sind die Neandertaler auch begegnet, wenn sie in eine Höhle vordrangen. Aber haben sie sich vor den Wesen auch gefürchtet?

Die Neandertaler kannten sehr genau die Gewohnheiten der Tiere, die ihren Lebensraum teilten; davon dürfen Sie ausgehen. Sie wußten, daß es ungefährlich war, im Sommer eine Höhle zu betreten. Im Winter hätte sich kein Neandertaler allein in ein Höhle gewagt, denn dort hätte er sein Kulttier, den Bären, empfindlich in dessen Winterruhe gestört. Er wird den Bären seiner Umgebung mit demselben Respekt begegnet sein, den heutige Tierfilmer an den Tag legen.

Die Neandertaler waren nicht dümmer als moderne Tierfilmer und Wildbiologen. Sie waren von Kindesbeinen an mit dem Verhalten der Bären konfrontiert und kannten deren Reviere und Wege. In vielen Gegenden der Welt war der Bär für den Neandertaler, wie vor ihm wohl schon für die Erectus-Variante, ein wichtiger Anzeiger für die Jahreszeiten. Denn im Verlaufe des Jahres ändert ein Bär seine Nahrungsgewohnheiten, man braucht ihm nur im sicheren Abstand zu folgen; wo ein Bär ist, ist auch für Menschen Futter. Treffen sich im Spätsommer die Bären am Fluß, ist das ein untrügliches Zeichen für den herannahenden Winter. Und es ist das Zeichen für Fisch im Überfluß. – Zeit für Neandertaler, sich selbst mit Fettreserven für die Wintermonate zu versorgen und Brennmaterial zu sammeln.

Und der Bär ist ein ehrfurchtgebietendes Lebewesen. Er kann Menschengestalt annehmen, denn wenn ein Bär sichert oder droht, stellt er sich auf die Hinterbeine. Und mit 3,5 – 4 Metern Kopfhöhe ist er dann gut und gern doppelt so groß wie ein Neandertaler.

Je mehr man nun, mit den Bildern der Tierfilmer vor Augen, in Gedanken durch das Neandertal streift, desto näher kommt der 23. Psalm:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nicht mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele; er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich keine Unglück;

denn Du bist bei mir, Dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest

mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen ein Leben lang, und ich

werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Wohlgemerkt, die Bibel entstammt einem landwirtschaftlich geprägten Kulturkreis. Denken Sie bitte an die Geschichte von Kain und Abel und denken Sie daran, daß Abel den Jäger verkörpert. Und nun überlasse ich es Ihnen selbst, daraus die Neandertaler-Version abzuleiten. Und wer kann mit Sicherheit ausschließen, daß der Ursprung dieser Verse Hunderttausende von Jahren zurückliegt? Nun stellen Sie sich vor, daß zur Zeit der Herbststürme ein einzelner Bär die Höhle aufsucht. Am Ende des Winters verlassen allerdings regelmäßig drei Bären die Höhle. Ein großer und – normalerweise – zwei putzmuntere kleine.

Sie wissen, daß beim Menschen und bei anderen Säugern Ihrer Umgebung das Junge aus dem Mutterleib kommt. Dieses Wissen dürfen Sie auch dem Neandertaler unterstellen; mehr als einmal dürfte jeder Neandertaler in seinem Leben trächtige Weibchen er- und zerlegt haben. Die „Leibeshöhle“, der ein Säugeier „entspringt“, mußte demnach auch der Neandertaler bestens kennen. Deren Charakteristikum ist die Enge des Eingangs, der in die Weite des Uterus mündet. Ähnlich sind die Höhlen, die als Kultstätten dienten, aufgebaut. Ähnlich sind auch die Ganggräber der Megalithkultur gestaltet, die heute noch in Irland zu finden sind.

Ich muß Sie hier nochmals an Ihre disziplinierte Naivität erinnern. Sie wissen, daß der Bär ein Säugetier ist, für den Moment müssen Sie ihr Wissen einmal vergessen. ( Sie wissen auch, daß der Biber ein Säugetier ist, dennoch galt er jahrundertelang wegen seines schuppigen Schwanzes nicht als ein solches!)

Die dunkle Höhle ist zwar immer noch voll von den Geistern und Dämonen, die das Licht der Fackel an die Wände zaubert. Durch den Einfluß der Bären ist eine Höhle aber kein Ort der Furcht mehr, sie wandelt sich in jedem Frühjahr zur Quelle neuen Lebens. Diese finden wir in der griechischen und nordischen Mythologie wieder vor, nämlich im gebärenden Schoß der Erdmutter, die die Griechen Gaia nannten. Zum Leidwesen des Papstes hat auch die Jungfräulichkeit der Mutter Gottes hier ihren mythischen Ursprung. Wußte es auch der Neandertaler?

– Prima Facie, dem ersten Anschein nach, entspringen in jedem Frühjahr junge Bären unmittelbar der Höhle, denn bis vor kurzem war die Geburt von Bären noch eines der bestgehüteten Geheimnisse der Natur. Im Winter 1999/2000 wurde als Weltpremiere eine entsprechende Live-Übertragung im Internet angeboten. In den Jahrmillionen davor war das allerdings ein Ding der Unmöglichkeit. Die Beobachtung einer Bärengeburt war somit erst recht dem Neandertaler verwehrt. Die Vorstellung, ein Bär entspringe unmittelbar dem Schoß der Erde, ist damit vorprogrammmiert.-

Im nordischen Bereich ist die Erdmutter zu Anfang noch jungfräulich.

Weiter südlich ist die Vorstellung von „Mutter Erde“ zwar immer noch lebendig, aber die Dame ist nicht mehr allein: Die Gaia der Griechen gebiert am laufenden Band Titanen und Zyklopen. Die sinnenfrohen Griechen hatten ihrer Gaia den sexbesessenen Uranos hinzugesellt, der mit seinen weiteren Zeugungsakten erst dann aufhört, nachdem ihn sein Sohn Chronos, der Herr der Zeit, entmannt hatte. Chronos selbst fürchtete, auf ähnliche Weise entmachtet zu werden und verschlang die Kinder seiner Schwester und Gattin Rheia unmittelbar nach der Geburt. Bis auf Zeus, den seine Mutter vor den Nachstellungen in eine Höhle in Sicherheit brachte. Dort trank das Kind die Milch der Ziege Amaltheia und wurde von den Bärinnen Helike und Kynosura behütet und erzogen. Zeus verbannte seinen Vater in die Unterwelt. Er dankte der Ziege und den beiden Bärenmüttern, indem er sie in den Nachthimmel hob. Merkwürdigerweise steht auch die Geburtskirche in Bethlehem über der Grotte, in der Jesus zur Welt gekommen sein soll.

Höhlen, Bären und der Geburtskanal als Alltagserfahrung sind ausreichend, die Mythologie von Mutter Erde und ihren gigantischen Kindern mit den titanischen Kräften zu begründen. Der Bärenkult offenbart aber noch mehr:

Hier berühren sich Jenseitsvorstellung, Totenkult und Fruchtbarkeitsritus in ähnlicher Weise wie bei der Erdbestattung. Auch unser eigenes Beerdigungsritual ist mit der Vorstellung von Fruchtbarkeit verknüpft. Was in den „Schoß“ der Erde eingebracht wird, wird leben und wachsen. Die Höhlen, in denen der Neandertaler seine Begräbnisspuren hinterließ, waren folglich nicht ein Ort der reinen Trauer, sie waren der Quell eines Lebens, das zumindest nicht mit der Alltagserfahrung eines Neandertalers erklärbar war. Höhlen waren folglich die Orte, an die man einen Verstorbenen in der Hoffnung auf ein neues Leben im Jenseits oder in der Hoffnung auf eine Wiedergeburt gebracht hatte.

Freilich lassen sich für die von mir hier aufgestellte These kaum direkte Beweise finden:

An den Wänden der Höhlen von Shanidar, Mugharet es-Skhul,  Mugharet et-Tabun oder anderen gibt es außer den „Lichtwesen“, die der Fackelschein spontan an die Höhlenwand zaubert, – nichts.  Der Neandertaler hat zwar Anhaltspunkte für Zeremonien hinterlassen, darunter sind allerdings keine, die man als Beschwichtigungsritual gegenüber den Geistern und Göttern deuten könnte.

Erst bei Crô-Magnon waren sie gang und gäbe und sind noch heute weltweit verbreitet. Selbst das Christentum kennt diesen Zauber: Beim Vaterunser kommt erst einmal das Signal der Bereitschaft zur Unterwerfung:

„Dein Reich komme, Dein Wille geschehe…auch auf Erden.“ – Ein deutlicher Hinweis, daß der Mensch die Unterwerfung unter die Herrschaft Gottes erst in einer ungewissen Zukunft in Aussicht stellt. Und dann kommt der Forderungskatalog:

„Unser täglich Brot gib uns heute! Und vergib uns unsere Schuld!“

Darauf folgt die Stelle des Vaterunser, an der der Mensch seine Nähe zu Kain nicht mehr leugnen kann: „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern!°“ – Die wahren Absichten werden verschleiert. – Der „gottesfürchtige“ Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika hat es nach dem 11. September 2001 auf den Punkt gebracht, als er sinngemäß verlautbarte: „Gott mag vergeben, wir nicht.“ – Es wird auch gerne übersehen, daß erst nach der Ankündigung der Vergebung die schärfste Forderung folgt: „Und führe uns nicht in Versuchung!“: Es ist das Abschieben der Eigenverantwortung auf eine höhere Instanz, der man auf der einen Seite vertraut, auf der anderen Seite aber zutraut, Dinge anzuordnen oder zumindest zuzulassen, die man aus eigenem Antrieb wohl nicht tun würde. – Das „sondern erlöse uns von dem Bösen! –Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“! – Beide Sätze sind nicht voneinander zu trennen, den sie beinhalten die bedingungslose Kapitulation vor der Fremdbestimmung, und zwar auch dann, wenn die dadurch ausgelöste eigene Handlung als Unrecht wahrgenommen wird; es wird erwartet, daß die „höchste“ Instanz den Befehl, den man widerwillig befolgt hat, als „Oberster Gerichtsherr“  wieder aufheben wird. – Und zum Schluß des Vaterunser wird dem lieben Gott nochmals so richtig Honig um den Bart geschmiert. „Von nun an bis in Ewigkeit.“ –

– Glauben Sie wirklich, daß der Allmächtige sich auf einen derart durchsichtigen Kuhhandel mit Menschen einläßt?

Alle Opfer, die Göttern, Geistern und Ahnen je dargebracht wurden, dienten nur dem einen Zweck, den Kräften der Natur einen Vertrag aufzuzwingen: „Wir geben Dir das, von dem wir meinen, daß Du es willst,damit Du das gibst, was wir wollen.“ – In seiner Orientierungslosigkeit überträgt und projiziert der moderne Mensch seinen Drang nach reziprokem Verhalten auch auf die Kräfte der Natur. „Do ut des“ – Ich gebe, damit Du gibst. Nach des Menschen Vorstellung soll auch im Verhältnis Mensch-Natur, Mensch-Gott das gegenseitige Vertragsverhältnis gelten, das die Juristen mit Synallagma betiteln. Dabei möchte freilich der Mensch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen festlegen, ein Vorhaben, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Neandertaler bestatteten ihre Toten auf „Blumenkissen“. Auch heute noch zählen in allen Teilen der Welt Blumen zu den beliebtesten Grabbeigaben. Seit vermutlich mehr als drei Millionen Jahren hatte es damals schon das blumengeschmückte Abschiedsritual der Hochzeit gegeben.134

Die „Braut“ oder der „Bräutigam“ wurde aus den alten sozialen Bindungen in den Sozialverband einer Nachbarhorde entlassen, der Trennungsschmerz durch das Ritual gemindert. Es ist nahezu unausweichlich, daß unsere Vorfahren für den Todesfall ein der Hochzeit ähnliches Ritual entwickelten. Der Verlust eines Kindes ist immer ein Abschied; gleichgültig, ob es zukünftig in einer anderen Horde lebt oder im Jenseits. Die Verhaltensmuster der Brautwerbung und des sozialen Zusammenlebens sind überwiegend neotene Muster, sie leiten sich aus der Mutter-Kind-Beziehung ab. So ist es nun wirklich nicht verwunderlich, wenn die Abschiedsrituale Hochzeit und Bestattung einander ähnlich sind.

Die botanischen Grabbeigaben der Neandertaler zeigen, daß sie sehr fein zu differenzieren vermochten. Es fanden sich nämlich kaum Überreste von Pflanzen in den Höhlengräbern, die eßbare Früchte tragen.  All das läßt die Gedankenwelt der Neandertaler ein wenig erahnen. Sein Sozialverhalten war ganz und gar auf seine Artgenossen abgestimmt. Und, wie bei sozial lebenden Tieren üblich, war die Grundstimmung „freundlich“. An den Reviergrenzen der einzelnen Horden kam es durchaus zu Unstimmigkeiten, aber gewaltsamen Auseinandersetzungen wird man aus dem Weg gegangen sein. Das Prinzip des geringsten Zwangs schrieb auch damals jedem Hordenführer vor, keine Ausfälle bei den eigenen Gefährten zu riskieren.

Ich höre Widerspruch: Nach gängiger Lehrmeinung war dem Neandertaler als „Vormenschen“ jeglicher moralische Impetus fremd, er schwang die Keule und klopfte blind auf Steinen herum. Er beschwor keine Geister und Götter, brachte ihnen keine Opfer dar, weil ihm der für die Entwicklung entsprechender Vorstellungen erforderlich Intelligenzgrad abgesprochen wird. Deswegen gilt er nach wie vor als ein Wesen, dem menschliche Regungen und moralische Grundsätze fremd sind.

Nach der hier vertretenen Auffassung brauchte der Neandertaler die Rituale des „modernen“ Menschen nicht. Es war ihm noch möglich, auf die sozialen Signale seiner Mitmenschen instinktiv zu reagieren. Zumindest innerhalb der eigenen Gruppe wird er auf Weinen und andere Signale der Hilflosigkeit so reagiert haben, wie der Brutpflegetrieb es vorschrieb.

Ich will gar nicht bestreiten, daß es unmöglich wäre, dem Neandertaler die Begriffe Recht und Moral zu erläutern. Aber nicht aus dem Grund, der immer dafür angeführt wird, nämlich dessen „Dummheit“. Wenn er Recht und Moral nicht kannte, dann nur deshalb, weil er weder das eine noch das andere brauchte. Aus diesem Grunde hatte er es auch nicht nötig, die höheren Instanzen der Moral, nämlich die jeweils „zuständigen“ Geister,  Götter und Dämonen anzurufen oder zu beschwichtigen. – Den freundlichen und fröhlichen Menschen aus dem Neandertal zu unterstellen, dumm und brutal gewesen zu sein, geht zu weit, offenbart im Gegenzug die Dummheit und die maßlose Überheblichkeit des „modernen“ Menschen. Neandertaler hätten nie in Millionenstädten leben können. Sie kannten die zehn Gebote nicht; das Bürgerliche Gesetzbuch wäre ihnen so fremd vorgekommen wie die Zwölftafelgesetze Roms. Eine Gesetzgebung, sei sie göttlicher, sei sie menschlicher Natur, – die gab es im Neandertal nicht.

Gesetze hatten die Neandertaler nicht, weil sie überflüssig gewesen wären.  Diese Prothesen brauchte man nicht:

Der Kernbereich des BGB, die Zwölftafelgesetze und auch der Dekalog haben ihren natürlichen Ursprung tief im sogenannten limbischen System des Gehirns. Das wiederum ist merkwürdigerweise der entwicklungsgeschichtlich älteste Hirnbereich. Wir teilen ihn nicht nur mit Schafen, Wölfen und Walen, wir teilen ihn auch mit Gänsen, Krähen, Krokodilen und Haien. Im limbischen System sitzt bei sozial lebenden Tieren das biologische „Sozialministerium“. Aber auch das natürliche „Justizministerium“ hat hier seinen Sitz. Deren Funktionsfähigkeit ist bei uns freilich erheblich beeinträchtigt. Beim Neandertaler war das wie gesagt noch anders.

Der Neandertaler war, wie seine und unsere bis dahin aufgetretenen Vorfahren Bestandteil seiner Umwelt, er war in sie eingebunden.Demgegenüber ist der „moderne“ Mensch blind geworden für seine Lebensgrundlage, nämlich den Planeten Erde. Spätestens seit der Mensch sich anschickte, „den Weltraum zu erobern“, hat er die Bodenhaftung, seine Anbindung an den Planeten und seinen Respekt, seine Skrupel gegenüber dem Planeten und seinen Mitgeschöpfen offenbar vollends verloren.

– Für die Worte „Respekt“ und „Skrupel“ benutzten die Römer ein und dasselbe Wort: „religio“. In diesem Wort vereinen sich das lateinische re = „zurück“ und ligare = binden. Die religio eines Pferdes ist das Zaumzeug. Der Glaube an die „Machbarkeit“ aller menschlichen Vorstellungen bis hin zur Besiedlung fremder Planeten und zum Klonen von Menschen offenbart die Zügellosigkeit des Menschen, die ihm immer wieder zum Verhängnis wird. Bei aller zur Schau getragenen Religiosität: Von religio ist weit und breit nichts mehr zu sehen.  Der Mensch ist in Opposition zu seiner Natur und dem freundlichen Wesen seiner Ahnen gegangen.

Den kleinen Ausflug in die Gefühls- und Gedankenwelt des Neandertalers wollen wir damit beenden.

Soweit mein Zitat aus „Australopithecus Superbus „


Ratingagenturen – den „Weisen“ ins Revier gepinkelt

Oktober 1, 2011

US-Börsenaufsicht wirft Ratingagenturen Mängel vor | tagesschau.de.

Manchmal kann es ganz nützlich sein, die Festplatte aufzuräumen. So eine Festplatte hat manchmal „Dachbodenfuktion“. – Man findet in einer alten Kiste eine Notiz, , die man schon lange vergessen hatte. – Und siehe da, manchmal erweist sie sich als hochaktuell. – Nachfolgende Notiz stammt vom 28.4.2005:

Beginn des Zitats:
Die Hiobsbotschaften häufen sich: In der „Wirtschaft“ werden exorbitante Gewinne erzielt und trotzdem Arbeitsplätze abgebaut. Franz Müntefering, der unlängst gefordert hatte, dem „Staat“ mehr Geld zu geben, entpuppt sich als Killerdackel, denn zu mehr als zur Wadenbeißerei ist er nicht fähig.
In der ganzen Diskussion zeigt sich, daß mit Schlagworten um sich geworfen wird, die letztlich keinen Inhalt haben. So konnte denn die „Volkswirtschaftlehre“ still und sanft entschlafen, ohne daß es jemand gemerkt hätte. Eingeschläfert wurde sie an der Universität Zürich, genauer gesagt vom Institute for Emperical Research in Economics. Eine der grundlegenden Arbeiten wurde von Armin Falk als Working Paper Nr 79 unter dem Titel „Homo Oeconomicus versus Homo Reciprocans“ veröffentlicht. Danach entspricht die absolute Mehrheit der Menschen nicht dem Standardmodell der Wirtschaftswissenschaften, die den Menschen für ein streng rational handelnden und nur auf den eigenen Vorteil bedachtes Wesen hält. Die Lehren vor Volks- und Betriebswirtschaft sind ausnahmslos auf dieser Prämisse aufgebaut. Stimmen aber die Prämissen nicht, ist die Lehre falsch.
Ich wußte nichts von den Forschungsarbeiten der Schweizer Volkswirte, als ich 1999 begann, den Tausch-und-teile-Instinkt aus alten Mythen, Berichten über das Verhalten von Schimpansen und dem Bürgerlichen Gesetzbuch zu extrahieren. Konfuzius und Aristoteles waren vor langer Zeit auch auf diesen Instinkt gestoßen, ohne ihn aber einordnen zu können, weil für sie der Begriff „Instinkt“ noch in ferner Zukunft lag. Das alles hier näher auszuführen, würde zu weit führen, aber ich kann Ihnen versichern, daß Abel lebt. Er mußte nur in der alttestamentarischen Erzähltradition sterben, weil das alttestametarische Israel eine voll entwickelte Sklavenhaltergesellschaft war. Und Sklaverei ist nun einmal eine eklatante Frustration des Tausch-und-teile-Instinkts.
>>Als ob es eine Ironie des Schicksals gäbe, spiegeln gerade die kulturell vorgegebenen Tötungsweisungen reziprokes Verhalten wider: Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Die Todesstrafe, die Blutrache, die „Vergeltungswaffen“ V-1 und V-2, die „Vergeltung“ Israels für palästinensische Terrorangriffe und die „Vergeltung“ Amerikas für das zerstörte World-Trade-Center durch Krieg gegen den Irak haben im reziproken Verhalten ihren Ursprung. Und als hätte es der „moderne“ Mensch nicht schwer genug, aber hier fällt ihm reziprokes Verhalten leichter als beim Zahlen fairer Löhne für ordentliche Arbeit.
Hier redet man seit Adam Smith  Kain das Wort. Der alte Früchtefresser, der nichts abgeben will, gewann in der Wirtschaft die Oberhand, obgleich sowohl die klassische chinesische Philosophie als auch die griechische das reziproke Verhalten als Grundlage der Wirtschaft erkannt hatten. Der kindliche Nachahmungstrieb wird wieder einmal Pate gestanden haben. Im Absolutismus gab es nur einen, der sich die Taschen nach Belieben auf Kosten anderer füllen durfte. Nach dem Abschütteln des absolutistischen Jochs konnte im Prinzip jeder diese Rolle übernehmen. Das Echo des Absolutismus, die starren Grenzen zwischen den Bevölkerungsschichten  bildete den Nährboden für das aufstrebende Bürgertum. Seit  Generationen kannten die Menschen in Europa nichts anderes, als daß die höheren Schichten die jeweils niederen ausplünderten.
Auf diesen Nährboden fiel 1859 Charles Darwins Arbeit „Die Entstehung der Arten  durch natürliche Zuchtwahl“. Darwins unvermeidlicher Fehler, der „natürlichen Zuchtwahl“ oder „Selektion“ den aktiven Part im Evolutionsgeschehen zuzubilligen, mündete nach kurzer Zeit in den „Sozialdarwinismus“. Und dieser wiederum führte Schnurstracks an die „Selektionsrampe“ von Auschwitz. Auf unserer Skala macht das gerade einmal eine Zigarettenlänge aus. Nahezu zeitgleich mit Darwin erschien Karl Marx auf der Weltbühne und stellte seine Theorien vor. Auch der Marxismus blieb von Darwin nicht unbeeinflußt. Denn der „Kampf ums Dasein“ als Grundlage des Lebens eint Kapitalismus und Kommunismus. Die „Arbeit“ fing an, mit dem „Kapital“ um die Macht zu rivalisieren. Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, daß die NSDAP nicht von „Kapitalisten“ gegründet worden war, sondern von Hoffnunglosen, die die Abschlachtungsorgie des ersten Weltkrieges überlebt hatten. Der erste Weltkrieg war zu Beginn noch eine Art Familienfehde“ der europäischen Fürstenhäuser gewesen. Der „Kampf ums Dasein“ der Weltmodelle gipfelte in den Abschlachtungsorgien des zweiten Weltkriegs, den Abschlachtungsorgien der chinesischen Kulturrevolution und den Abschlachtungsorgien in Südostasien. Vietnam, Laos, Kamboscha.
Das alles mit rationalen Argumenten nicht erklärbar, denn das Scheitern des Kommunismus hatte bereits Aristoteles  erkannt  Bezüglich des Gemeineigentums an Land und Erträgen schreibt er:
„Wenn die Leute, die die Felder bebauen, andere sind (als die Staatsbürger), dann ist es etwas anderes  und die Sache geht leichter; wenn aber die Bürger für sich selbst arbeiten, dann wir der Kommunismus große Schwierigkeiten mit sich bringen. (…) Dagegen wird der Egoismus mit Recht getadelt. Denn dieser besteht nicht darin, daß man sich selbst liebt, sondern daß man sich mehr liebt als man darf: geradeso tadelt man die Habsucht, obwohl jeder etwas zu haben liebt. Es gewährt ja doch auch große Freude, Freunden oder Fremden oder Bekannten zu helfen oder einen Dienst zu erweisen. Das aber ist nur möglich unter der Voraussetzung des Priavteigentums (Älteste Politik, Kap. 2)
Im vorletzten Satz läßt Aristoteles die Neigung zu reziprokem Verhalten anklingen, dessen Wert für das Zusammenleben er in seiner Nikomachischen Ethik nicht zuletzt durch die Worte unterstreicht:
„Allerdings bewährt sich die wiedervergeltende Gerechtigkeit in allem auf Gegenseitigkeit beruhenden Verkehr eine zusammenhaltende Kraft, aber nach dem Grundsatz der Proportionalität und nicht der Gleichheit. Denn dadurch, daß er verhältnismäßig Vergeltung ausübt, erhält sich der Staat. Denn entweder versucht man das Böse zu vergelten, weil man ohne das keinen Staat, sondern einen Zustand der Sklaverei hätte, oder das Gute, weil ohne das keine Mitteilung des Guten stattfinden würde, worauf doch die Volksgemeinschaft beruht“ (Nikomachische Ethik, Ethische Tugenden: Gerechtigkeit)
Die konfuzianische Lehre erschließt sich nicht so einfach durch den Ur-Text wie bei Aristoteles, da Konfuzius selbst keine Schriften hinterlassen hat. Ein Bestandteil der konfuzianischen Lehre ist ren, welches „Fähigkeit zur Integration in die Gemeinschaft“ und  „Mit-Menschlichkeit“  bedeutet.
In Kapitel XII,22 finden wir den Satz:
(Der Schüler) Fan Chi wollte wissen, was sittliches Verhalten (ren) sei.
Konfuzius antwortete: „Die Menschen lieben.“
Die Menschen lieben, das heißt sich selbst zurücknehmen, sich eben nicht selbst lieben, sondern Eigensucht und Egoismus ablegen und die Expansion des Ego verhindern. (…) Das Verfahren, in welchem ren umgesetzt wird, ist shu, oft als „gegenseitige Rücksichtnahme“. „Reziprozität“ übersetzt. Wir verstehen die folgende Textstelle aus XII, 2 als Erklärung:
„Was du selbst nicht wünschst, das tue auch anderen nicht an.“
Auffällig ist die negative Formulierung dieses Grundsatzes, bei der nicht davon ausgegangen wird, daß das, was für einen selbst gut ist, auch für andere gut sein muß; sie bedeutet damit eine stärkere Zurücknahme des Ego im Verhältnis zu einer positiven Formulierung. (Moritz, Ralf, Konfuzius „Gespräche“, Stuttgart 1998, S. 193f
Also stellt auch bei Konfuzius das reziproke Verhalten eines der wichtigsten Verhaltensmuster dar, das für ein geordnetes menschliches Miteinander unabdingbar ist. Aber weder die Kaiser noch die Diktatoren Chinas wollten diesen Teil der konfuzianischen Lehre in die Tat umsetzen.
Weder im Kommunismus noch im Kapitalismus, vor allem in seiner heutigen Gestalt des Shareholder-Value-Kapitalismus hat reziprokes Verhalten seinen Platz. Es ist aber auch aus Sicht der menschlichen Evolution unabdingbar. Deswegen ist der Shareholder-Value-Kapitalismus ebenso zum Scheitern verurteilt wie der Kommunismus. Die Frage ist nur, unter welchen Turbulenzerscheinungen er zugrunde gehen wird.
Das über die Jahrmillionen herausgebildete reziproke Verhalten des Menschen ging nur zu einem geringen Teil verloren, aber das reichte aus, die Welt auf den Kopf zu stellen. Die explosive Verbreitung des Crô-Magnon-Typs trug der Evolution erneut eine turbulente Phase ein, von der niemand sagen kann, wann sie abgeschlossen sein wird. Jeder von uns ist Teil und Zeuge dieses Prozesses. Eines ist allerdings mit Sicherheit auszuschließen: es wird nie gelingen, einen „perfekten“ Menschen zu „züchten“ oder gar durch Genmanipulation zu „kreieren“. Die Evolution läßt sich nicht überholen, und wenn wir es übertreiben, wird sie uns ad acta legen. Und es wird niemand geben, der sich für die Spuren, die wir hinterlassen, interessieren wird. So einfach ist das.
– So einfach vollzog sich die Evolution des Menschen. Aber sie ist noch nicht an ihrem Endpunkt angelangt. Wir dürfen gespannt sein, wie sie weitergeht. Trotz allen gegenteiligen Beteuerungen führender Politiker hängt es nicht von uns ab, wie es mit der Menschheit weitergeht. Im Positiven wie im Negativen sind wir zu unbedeutende Lebewesen, als daß sich die Evolution in ihrem Wirken davon großartig beeinflussen ließe. Die Tendenz ist freilich unverkennbar: Alles in der Natur strebt nach Selbstähnlichkeit und Harmonie, nach gleichmäßiger Energieverteilung. Ohne dieses Streben gäbe es keinen osmotischen Druck, ohne osmotischen Druck kein Leben. Die durch das Ungleichgewicht der Energieverteilung bewirkten Ströme sind es, die uns am Leben halten. Wie der Mensch im Alltagsleben nicht mit dem Feuerzeug in den Benzintank hineinleuchten sollte, wie er vermeiden sollte, Stromkreise kurzzuschließen, so muß er dafür Sorge tragen, daß die innerartlichen Energieströme in den Bahnen des Handels und Wandels fließen und nicht durch Plünderung und Krieg wirkungslos verpuffen. Die Prinzipien der Evolution lassen sich durch menschliches Handeln nicht aushebeln. Wir werden uns diesen beugen müssen, es sei denn, wir entschließen uns in einem demokratischen Prozeß für den gemeinschaftlichen Untergang der Menschheit.
Dazu wird es jedoch nicht kommen, denn  vielleicht ist es ja wirklich so, wie Hoimar von Ditfurth vor mehr als dreißig Jahren schrieb:
Bei ihren Versuchen, Pflanzen in Atmosphären künstlicher, „nichtirdischer“ Zusammensetzung aufzuziehen, machten  amerikanische Raumfahrtbiologen jüngst eine bemerkenswerte Entdeckung. Ihre Schützlinge gediehen am besten nicht etwa in der gewöhnlichen Luft, die wir auf der Erde atmen, sondern in einem experimentell erzeugten Gasgemisch. Am üppigsten wucherten Tomaten, Blumen und andere Alltagsgewächse dann, wenn man das Sauerstoffangebot auf etwas weniger als die Hälfte reduzierte und gleichzeitig den CO2-Anteil  – normalerweise nur 0,3% – kräftig erhöhte.
Dieses Resultat erscheint zunächst einmal deshalb bemerkenswert, weil es eine geläufige und ohne großes Nachdenken für selbstverständlich gehaltene Ansicht als Vorurteil entlarvt, die Ansicht nämlich, die auf der Erde herrschenden Bedingungen seinen für alle hier existierenden Lebensformen optimal. Aber die Bedeutung des Befundes der amerikanischen Biologen reicht darüber weit hinaus. Ihr Experiment erweist sich bei näherer Betrachtung als ein Exempel für die von vielen Zeitgenossen noch immer nicht erkannte Tatsache, daß die Menschen heute erst die Erde wirklich kennenlernen, da sie sich anschicken, sie zu verlassen. Erst die Beschäftigung mit dem, was jenseits der Erde liegt, gibt uns die Möglichkeit, zu begreifen, was uns als alltägliche Umwelt umgibt.
Pflanzen setzen bei der Photosynthese Sauerstoff frei. Ohne Pflanzenwelt wäre der Sauerstoffvorrat der Erdatmosphäre innerhalb von etwa drei Jahrhunderten verbraucht, wäre die Erde nach dieser Zeit für Menschen unbewohnbar. Die Versuche der Exobiologen erinnern uns nun daran, daß auch das Umgekehrte gilt. Bevor die Pflanzen auf der Erdoberfläche erschienen, war die Erdatmosphäre praktisch frei von Sauerstoff. Als die Pflanzen ihn zu erzeugen begannen, gab es noch niemanden, dem er hätte nützen können. Er war Abfall. Dieser Abfall reicherte sich  in der Atmosphäre unseres Planeten mehr und mehr an bis zu einem Grad, der die Gefahr heraufbeschwor, daß die Pflanzen in dem von ihnen selbst erzeugten Sauerstoff würden ersticken müssen. Der Versuch der Exobiologen zeigt, wie nahe die Entwicklung dieser Gefahrengrenze tatsächlich schon gekommen war.
In dieser kritischen Situation holte die Natur zu einer gewaltigen Anstrengung aus. Sie ließ eine Gattung ganz neuer Lebewesen entstehen, deren Stoffwechsel just so beschaffen war, daß sie Sauerstoff verbrauchten. Während wir gewohnt sind, die Pflanzen einseitige als die Lieferanten des von Tieren und Menschen benötigten Sauerstoffs anzusehen, verschafft uns die Weltraumforschung hier eine Perspektive, die uns das gewohnte Bild aus einem ganz anderen Blickwinkel zeigt.: Wir stehen unsererseits im Dienste pflanzlichen Lebens, das in kurzer Zeit erlöschen würde, besorgten wir und die Tiere nicht laufend das Geschäft der Beseitigung des als Abfall der Photosynthese entstehenden Sauerstoffs
Wenn man auf diesen Aspekt der Dinge erst einmal aufmerksam geworden ist, glaubt man, noch einen anderen seltsamen Zusammenhang zu entdecken. Die Stabilität der wechselseitigen Partnerschaft zwischen dem Reiche pflanzlichen Lebens und dem von Tier und Mensch ist ganz sicher nicht so groß, wie es die Tatsache vermuten lassen könnte, daß sie heute schon seit mindestens einer Milliarde Jahre besteht. Es gibt viele Faktoren, die ihr Gleichgewicht bedrohen. Einer von ihnen ist der Umstand, daß ein beträchtlicher Teil des Kohlenstoffs, der für den Kreislauf ebenso notwendig ist wie Sauerstoff – keine Photosynthese ohne CO2 –, von Anfang an dadurch verlorengegangen ist, daß gewaltige Mengen pflanzlicher Substanz nicht von Tieren gefressen, sondern in der Erdkruste abgelagert und von Sedimenten zugedeckt wurden. Dieser Teil wurde dem Kreislauf folglich laufend entzogen, und zwar, so sollte man meinen, endgültig.
Wieder aber geschieht etwas sehr Erstaunliches: In eben dem Augenblick – in den Proportionen geologischer Epochen –, in dem der systematische Fehler sich auszuwirken beginnt, erscheint wiederum eine neue Lebensform und entfaltet eine Aktivität, deren Auswirkungen die Dinge wie beiläufig wieder ins Lot bringen. Homo faber tritt auf und bohrt tiefe Schächte in die Erdrinde, um den dort begrabenen Kohlenstoff wieder an die Oberfläche zu befördern und durch Verbrennung dem Kreislauf von neuem zuzuführen.
Manchmal wüßte man wirklich gern, wer das Ganze programmiert. (Hoimar v. Ditfurth, Zusammenhänge, Reinbek 1979, S. 18ff)
Wer das Ganze programmiert? – Das Ganze! – Aber das Ganze „programmiert“ nicht. Es wirkt, aber keiner wird je erfahren, wie. Eines jedenfalls steht fest, der 2. Hauptsatz der Thermodynamik duldet auf Dauer keine Energiekonzentrationen an einem Ort. Wie wir gesehen haben, bilden Feuer, Wasser; Luft, Erdball und Zellen ein Gesamtsystem. Keines dieser Teilsysteme kann mehr oder gänzlich andere Eigenschaften haben als das Gesamtsystem selbst, auch der Mensch nicht.
Aus diesem Grunde ist es nicht so falsch, was am Anfang des Dekalogs gesagt wird:
Ich bin der Herr!
Und die Vorstellung der alten Griechen, Göttervater Zeus schleudere die Blitze zur Erde, ist ebenfalls nicht ganz unrichtig. Denn es ist der 2.Hauptsatz der Thermodynamik, die Trennung elektrischer Ladungen anläßlich eines Gewitters wieder aufhebt. Damit läßt sich das 1. Gebot unschwer in eine physikalische Fassung bringen:
Wer vorsätzlich oder fahrlässig den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik verletzt, mißachtet oder im Einzelfall Für nicht anwendbar erklärt, kann Katastrophen unübersehbaren Ausmaßes für sich und andere bewirken.
Niemand macht uns das Recht streitig, die Wege der Natur zu erforschen. Aber das angemaßte Recht, die Natur zu beherrschen, wird, wenn wir nicht darauf verzichten, uns gnadenlos um die Ohren gehauen.
Das größte Spannungsverhältnis, das der Mensch je auf Erden erzeugt hat, hat er durch Einsperren ungeheurer Energien in die nuklearen Knallfrösche geschaffen. Kehren wir zum Anfang und zum Ohmschen Gesetz zurück: Wie lange können die Isolatoren der nach Entladung drängenden Energie standhalten. Wohlgemerkt, es geht nicht um die Frage, wie lange die Behälter bei guter Pflege halten; der Mensch mit seinen Entscheidungsalternativen ist Bestandteil der „Isolatoren“. Und er ist die entscheidende Schwachstelle im Gesamtsystem. Wie lange kann er die Finger noch weit genug vom „roten Knopf“ weglassen? – Wird es ihm gelingen, Atomwaffen zu delaborieren und das spaltbare Material für uns nutzbringend in Wärme umzurubeln?
Oder wird das eintreten, was anläßlich des „Militärschlags“ der NATO gegen Jugoslawien beinahen eingetreten wäre, demnächst Wirklichkeit:
Der Fehlwurf eines Bombers traf seinerzeit die chinesische Botschaft. Es bedurfte aller nur erdenklichen diplomatischen Anstrengungen, die chinesische Führung davon abzuhalten, dies als „feindseligen Akt“ zu betrachten und die entsprechenden Maßnahmen zu ergreifen
.Der arme Pilot, dem das Malheur passiert war, hatte dem Kaiser von China nur versehentlich „ins Revier gepinkelt“. Die „diplomatischen Kanäle“ waren intakt und haben gehalten. Was aber ist, wenn ein unpassendes „Bächlein“ über keinen diplomatischen Kanal mehr abfließen kann?  – Wenn der, dessen Hose naß wird, ähnlich borniert reagiert wie der Präsident der Vereinigten Staaten auf den 11.9.2001? << G. Altenhoff, Australopithecus Superbus Procrustes – der Mensch, ein Hologramm der Evolution, unv. Manuskript, 2001)
„Soziale Spannungen“ sind ganz in Ordnung. Ohne sie gäbe das Phänomen „Wirtschaft“ gar nicht. Aber diese Spannungen sind, in die Sprache der Elektrotechniker übersetzt, Niederspannungen. Lege ich an an ein Niederspannungssystem Hochspannung an, geht es unweigerlich kaputt. Und „soziale Hochspannung“ entsteht unweigerlich bei dauerhafter Verletzung des Tausch-und-teile-Instinkts. Sie entwickeln sich gerade jetzt unter unseren Augen, mitten in Deutschland.
Sie brauchen mir all das, was Sie gelesen haben, nicht zu glauben. Aber wenn Sie mir nicht glauben wollen, machen Sie zumindest folgendes Experiment: Verbinden Sie Ihre Modellbahnanlage unter Umgehung des Trafos unmittelbar mit dem 220 Volt-Netz. Aber informieren Sie bitte vorher die Feuerwehr, damit das Haus Ihrer Nachbarn nicht auch noch abfackelt.
Ich glaube nicht, daß es Ihnen aufgefallen ist, aber ich habe soeben – in aller Weltöffentlichkeit, denn das „Web“ ist die Weltöffentlichkeit – in das Revier eines „staatstragenden“ Wissenschaftszweigs hineingepinkelt.
Ende des Zitats.

Gier und Eigennutz, die findet man ohne Zweifel auch beim Menschen. – Aber Gier und Eigennutz als Verhaltensantrieb sind am Rande angesiedelt. – Sie gehören zur Normalität, bilden aber nicht das „Normal“. – Sie stehen am Rande der Normalverteilungskurve – wie auch die totale Selbstlosigkeit.
Was wir zur Zeit erleben, ist die Suche nach Halt in der Normalität, vor allem in den Ländern des „Nahen Ostens“.
In Europa versucht man, den Verfall von Gier und Eigennutz aufzuhalten. – Ein Unterfangen, das scheitern muß und das scheitern wird. – Börsen sind, vor allem seit der „Handel“ elektronisch gesteuert wird, nichts anderes mehr als giganitsche Spielautomaten.
Und unsere „Politiker“, die Alleskönner der Unfähigkeit, unterwerfen sich dem Urteil einiger „Rating-Agenturen“ wie die alten Griechen dem Urteil dem Orakel von Delphi.


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